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52 mal berührt: Batwoman #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 19 von 52: BATWOMAN #1 von J.H. Williams III und W. Haden Blackman.

batwoman
altBJÖRN: Batwoman ist der bisher am besten aussehende Comic dieses Relaunchs, und ich bin nicht sicher, ob er noch getoppt wird. Das sollte bei J.H. Williams III zwar niemanden überraschen, aber ich möchte nochmal betonen, dass mich immer wieder begeistert, wie gut er beim Einsatz kreativer, aber nicht störender Panelsetzung ist, wie schick seine Figuren aussehen, wie schön er eine Seite aufbaut und wie gekonnt er Bewegungen einsetzt, um den Leser durch die Seite zu führen. Davon können sich andere Comiczeichner immer noch mehr als eine Scheibe abschneiden. Die Splashpage mit der Wasserleiche im Mucha-Stil fand ich umwerfend.

Auch der Ton, den Williams und Blackman anschlagen, gefällt: Ein wenig schwermütig, eher gothic superhero fiction als direkter Horror, und Geister sind deutlich weniger überstrapaziert als Zombies oder Vampire, die wir in anderen Relaunch-Titeln schon hatten. Batwoman ist eindeutig eine Serie mit eigener Identität. Auch die Interaktion zwischen Batwoman und ihrem Sidekick und Batwoman und Maggie Sawyer gefällt mir. Als Mann fällt es mir schwer zu sagen, ob ein anderer Mann Frauenrollen korrekt schreibt, aber zumindest den Bechdel-Test besteht die Serie ohne Probleme.

Die Geschichte selbst hat mich zwar noch nicht völlig gepackt, aber ich bin durchaus interessiert zu sehen, wie es mit dieser Reihe weitergehen wird und fühle mich (trotz einer „was bisher geschah“-Seite, anhand derer ich Batwomans Vorgeschichte nur in gröbsten Zügen verstehen konnte) als Neuleser nicht überfordert.

Bleibt nur noch eine Frage für mich: Ist die Geheimorganisation im New Yorker Lipstick Building (das es wirklich gibt) ein schon länger existierender Bestandteil der Serie oder ist das mit dem Lipstick Building eine Anspielung darauf, dass die Figur zunächst beworben wurde mit „she’s a lipstick lesbian“?

ZOOM-FAKTOR: 7 von 10!


MARC-OLIVER: Das „lipstick lesbian„-Ding stammt aus einer Schlagzeile und kam bereits 2006 als Reaktion auf den ersten Auftritt der Figur in der wöchentlichen Serie 52. Das ist ziemlich sicher eine Anspielung. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass das Gebäude oder diese Schurken früher schon eine Rolle gespielt hätten.

Ich sehe schon, über Williams‘ Zeichnungen werden wir beide nicht in Streit geraten. Einfach unfassbar, wie gut der Mann inzwischen ist. Kann dem in der Superheldenbranche überhaupt noch jemand das Wasser reichen? Ich glaube eher nicht. Es mag vielleicht Zeichner geben, die ähnlich gute Erzähler sind oder mit vergleichbar innovativen Seitenlayouts glänzen oder stilistisch auch so variabel daherkommen – aber gibt es einen, der all diese Fähigkeiten so gemeistert hat wie Williams? Mir fällt keiner ein. Es ist ein Genuss, diesen Comic einfach bloß anzuschauen. Wobei man Kolorist Dave Stewart und Letterer Todd Klein nicht vergessen sollte, die ebenfalls beide zu den absolut Besten ihres Fachs zählen und das hier auch eindrucksvoll untermauern.

Der Punkt, an dem ich mir bezüglich Batwoman Sorgen gemacht habe, war die Story. Würden Williams und sein Partner Blackman, ein in der Branche noch unbekannter Name, es schaffen, den Abgang von Autor Greg Rucka zu kompensieren, der die vorherige, ebenfalls von Williams gezeichnete „Batwoman“-Reihe in Detective Comics geschrieben hatte? Kurz und knapp: Ja, sie haben’s geschafft, und zwar mehr als nur ordentlich. Batwoman ist eins von nur sehr wenigen Heften des Neustarts, bei denen die Autoren völlig ohne grobe Unzulänglichkeiten im Umgang mit der Geschichte oder der Prosa auskommen. Man kann sich von der ersten bis zur letzten Seite bequem zurücklehnen und die Show genießen, ohne dass man sich über irgendwelche Schnitzer ärgern muss. Die Story ist nicht weltbewegend – ein recht komplexer, düsterer Action-Krimi mit übernatürlichem Einschlag eben –, aber sie macht Spaß, genau wie die Figuren. Absolut empfehlenswert. 

ZOOM-FAKTOR: 9 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Tanatos 2

Tanatos 2Schade eigentlich. Mit dem vorliegenden zweiten Zyklus von Didier Convards und Jean-Yves Delittes‘ Tanatos verspielt die Serie aus meiner Sicht den Kredit des ersten Zyklus zu einem erheblichen Teil. Tanatos, ein schurkisches Meistergenie, terrorisiert im frühen 20. Jahrhundert weiterhin Frankreich und halb Europa, nachdem er im ersten Band den Ausbruch des Ersten Weltkrieges forcierte. Mithilfe eines übergelaufenen Professors hat er es auf eine Waffe von nie da gewesener Zerstörungskraft abgesehen. Im Zuge dessen erleben wir den Untergang des Passagierdampfers Lusitania, von dem Tanatos eben jene Bombe stiehlt, die er mit einem Zeppelin über Paris abwerfen will.

Wiederum mixt das Kreativteam hier reale Zeitgeschichte mit hochtechnisiertem Pulp, politische Entscheidungen mit skrupellosem Superschurkentum. Nur will diese Mischung im zweiten All-in-one-Band nicht mehr so richtig zünden. Das mag zum einen daran liegen, dass die zentrale Figur Tanatos oft sehr lange in den Hintergrund rückt und ihren geheimnisumwitterten Charme nicht voll ausspielen kann (was nicht so schlimm wäre, wenn das Kontrastprogramm nur nicht so zäh wäre). Zum anderen baut Didier Convard einen halbgaren Spannungsbogen auf, in dem z.B. beiläufig auch Tanatos‘ Identität eine Rolle spielt, der zualledem auch noch enttäuschend endet. So bleibt dieser zweite Zyklus praktisch alle Antworten schuldig und bringt nicht einmal den Anschlag auf die französische Hauptstadt befriedigend zu einem Abschluss.

Delittes Zeichnungen sind hingegen ausnahmslos ansprechend, sein zurückhaltender und detailreicher Stil passt sehr gut zum Jahr 1915. Übrigens ist Jean-Yves Delitte nunmehr Offizieller Marinezeichner, so man denn der Titulierung unterhalb seines Namens und dem beigefügten Ankersymbol glauben darf. Da brauche ich wohl nicht zu erwähnen, dass er für eine Geschichte, in der ein U-Boot einen Dampfer angreift (wie im ersten Teil des Buches zu lesen), prädestiniert ist.

Eines erreicht das unbefriedigende Finale immerhin: Es macht Lust und Hoffnung auf einen dritten Zyklus. Dann aber bitteschön mit qualitativ aufsteigender Tendenz.

 

Wertung4 von 10 Punkten

Enttäuschende Fortsetzung, die nur am Rande das Konzept des ersten Bandes in vergleichbarer Qualität umsetzen kann

 
Tanatos 2
Ehapa Comic Collection, Mai 2011
Text: Didier Convard
Zeichnungen: Jean-Yves Delitte
112 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3336-0

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection

52 mal berührt: Batman and Robin #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 18 von 52: BATMAN AND ROBIN #1 von Peter J. Tomasi und Patrick Gleason.

batman_and_robin
altBJÖRN: So sieht eine gute erste Ausgabe aus: Tomasi schafft es, auf zwanzig Seiten die Idee der weltweiten Batman-Franchises zu präsentieren, die Beziehung zwischen Bruce Wayne und seinem Sohn Damian zu charakterisieren, den neuen Status quo vorzustellen (Batman will nicht mehr des Todes seiner Eltern, sondern ihres Lebens gedenken) und eine große Bedrohung sowie einen Nebenplot zur späteren Verwendung aus dem Hut zu ziehen.

Die Dialoge zwischen Bruce und Damian wirken leicht gestelzt, funktionieren aber um zu zeigen, dass dieser Bruce etwas lebensbejahender und Damian ein ziemlich unheimlicher Zehnjähriger ist. Die Dynamik zwischen den beiden Figuren ist interessant und bietet jede Menge Möglichkeiten für spannende Geschichten in der Zukunft. Und an Patrick Gleasons Zeichnungen hatte ich in der Actionszene in der Mitte des Heftes wirklich viel Vergnügen: Das war eine Szene, die Spaß gemacht hat, die energisch wirkte, mich aber trotzdem erkennen ließ, was da passierte.

Haar in der Suppe ist eine Aussage Damians, dass er nicht so ist wie Tim Drake, Jason Todd oder Dick Grayson. Bedeutet das, dass Batman in den fünf Jahren seitdem es in diesem neuen DC-Universum Superhelden gibt, bereits drei Robins verschlissen hat? Das ist entweder eine ziemlich hohe Quote oder DC hat die Sache mit der neuen Timeline den Autoren nicht so deutlich gemacht, wie man das vielleicht hätte tun sollen.

Egal, Nebenkriegsschauplatz. Batman and Robin ist ein unterhaltsamer Batman-Comic mit guten Zeichnungen und viel Potential. Dieser Cliffhanger reizt mich, hier am Ball zu bleiben. Im Vergleich zu Detective Comics das deutlich bessere Batman-Heft.

ZOOM-FAKTOR: 7 von 10!


MARC-OLIVER: Nun ja, ich stimme Deinem letzten Satz uneingeschränkt zu, aber „besser als Detective Comics“ ist ja nun kein Kunststück. Überzeugt hat mich Batman and Robin aber nicht – mit Ausnahme von Patrick Gleasons Zeichnungen, die wirklich durchweg stark und oft auch richtig schick sind.

Bei der Story hingegen funktioniert wenig. Dass die Dialoge „leicht gestelzt“ wirken, halte ich für eine Untertreibung: Batman kommt hier wie ein spießiger alter Moralapostel rüber – fast wie die Adam-West-Schlaumeierspruch-Version, bloß meint’s Tomasi hier ernst. Dass er einen kleinen Jungen zu einer Mission mitnimmt oder ihm die grausigen Details der Ermordung seiner Eltern unterbreitet, wirkt hier nur unverantwortlich und krank im Hirn. Man kann die Figuren so darstellen, dass diese Konstellation halbwegs sinnig erscheint (etwa, indem man Damians Ausbildung zum Killer unterstreicht), aber Tomasi bekommt das hier nicht auf die Reihe. So wirkt Batman bloß wie ein Psychopath, der das Leben eines Kindes riskiert und in die Klapse gehört – kein schlechter Ansatz für einen Batman-Comic, wenn es denn Absicht wäre.

Batmans Entscheidung, nach fünf Jahren nicht mehr des Todes seiner Eltern zu gedenken, sondern ihrer Hochzeit, halte ich für arg weit hergeholt. Auch das kommt hier nicht glaubwürdig rüber. Es passt nicht zur Figur Batmans, dass er sich über solche Rituale groß den Kopf zerbricht, geschweige denn darüber redet. Und dass sich genau über dem Testreaktorblock zufällig ein Schwimmbad befindet, ist ja wohl ein schlechter Witz. Geht’s noch billiger? Die Szenen mit dem neuen Oberschurken machen schon Lust auf mehr, bieten aber bei Tageslicht betrachtet auch nur Standardkost.

ZOOM-FAKTOR: 3 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

52 mal berührt: Mister Terrific #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 17 von 52: MISTER TERRIFIC #1 von Eric Wallace und Gianluca Gugliotta.

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altBJÖRN: Ich mag, dass Wallace und Gugliotta direkt mit einer Actionszene einsteigen. Mr. Terrific weicht Laserkanonen aus, lässt sich von einem Kerl in biomechanischer Rüstung in die Fresse lasern und sich dann erstmal durch London jagen. (Was man daran erkennt, dass die Leute Worte wie „wicked“, „snooker balls“ und „bum“ verwenden … da können wir „Gott in Himmel“ [sic] danken, dass er nicht durch Deutschland düst.) Es gibt schlechtere Arten, seinen Comic anzufangen, viele davon präsentiert DCs Reboot.

Und dann taucht unangekündigt ein Panel auf, das so mit Technogebrabbel vollgepappt ist, als stünde man hier mit Geordi LaForge im Maschinenraum der Enterprise. Warum nicht während einer Prügelei mal kurz erwähnen: „I blasted your copper-lined Armani with positive and negative ions.“ Vielleicht ist das auch schlicht foreshadowing, denn dieses überzogene und oft unangemessene Technogeplapper wird später eines der größten Probleme. Während ein Beben Stützpfeiler zerstört und einen Raum in zwei Teile reißt, hält ein Wissenschaftler in besagtem Raum erstmal fest: „This is impossible. We have E.M. dampeners to maintain structural cohesion during earthquakes …“ Wallace sollte nochmal darüber nachdenken, wann und wo solche Passagen angemessen sind.

Ansonsten ist dieses Heft eine funktionale Einführung einer Figur, bei der ich mir noch nicht sicher bin, ob sie ihre eigene Serie tragen kann, obwohl ich das Konzept des „Wissenschaftshelden“ durchaus mag. Weniger mag ich den Umstand, dass zu viel Raum für einen anstrengend wirkenden Zickenkrieg zwischen Mr. Terrifics Assistentin und Karen Starr (die hier nicht als Power Girl präsentiert wird) zur Verfügung steht. Besonders ein Nebensatz zur Frage, ob bei dieser Zickerei Rassismus eine Rolle spielt, ist schauerlich zu lesen. Und die Ankündigung, dass im nächsten Heft der Superschurke „Brainstorm“ auftaucht, reißt mich auch nicht gerade vom Hocker.

Trotzdem könnte Mister Terrific ein grundsolider Superheldencomic werden, wobei man sich nach einem anderen Zeichner umsehen sollte. Gerade in den Actionszenen überzeugt mich Gugliotta nicht, wirkt entweder zu statisch (am Anfang) oder verdreht seine Figuren in seltsamste Posen (beim Erdbeben). Ordentliche Massenware, aber ich bescheide der Serie kein langes Leben.

ZOOM-FAKTOR: 5 von 10!


 

MARC-OLIVER: Damit wäre ich mal wieder an der Reihe, den Miesepeter zu spielen: Ich finde vor allem die Texte in diesem Heft vollkommen unterirdisch und nahezu unerträglich schlecht. Ich bin überzeugt, Eric Wallace würde einen guten Dialog nicht mal erkennen, wenn er ihn ins Gesicht beißen würde.

Das fängt damit an, dass die Hauptfigur am Anfang auf diverses popkulturelles Zeugs anspielt, das vermutlich – rein aus Zufall! – dem Autor der Serie auch super-toll gefällt. Geh doch und schreib Fan-Fiction, Mister Wallace. Das geht mit den oberpeinlichen, auf britisches Englisch getrimmten Kommentarbrocken der Londoner Fußgänger weiter, die schon in realsatirische Sphären vorstoßen. Und das findet seinen traurigen Höhepunkt in Sprechblasen wie der, die Mr. Terrific von sich gibt, wenn er auf der Polizeiwache eintrifft: „This is exactly the kind of of situation I envisioned when I provided the L.A.P.D. with a way to contact me securely.“ Wallace scheint davon auszugehen, dass seine stelzbeinige Exposition nicht mehr als solche erkennbar ist, wenn er sie als Nebensätze oder Adverbien „tarnt“. So nach dem Motto: „Wenn ich die Augen zumach‘, dann siehst du mich nicht.“ Und so labert der Held die ganze Zeit, als hätte der Autor seine Texte mit der Kneifzange geschrieben. Warum fragt DC nicht jemanden, der sich mit sowas auskennt?

Davon abgesehen, könnte Mr. Terrific auch gut und gerne Mr. Generic heißen. Seine Ursprungsgeschichte scheint man eher aus Pflichtbewusstsein aufzutischen als dass man große Lust dazu hätte, sie zu erzählen – besonders packend oder überzeugend ist sie nicht. Was genau soll diese Figur von den Dutzenden anderen Superhelden da draußen unterscheiden? Dieses Heft bietet keinen Anhaltspunkt dafür. Und wenn der Cliffhanger am Ende davon abhängt, dass der Leser sich um das Leben einer Nebenfigur sorgen soll, die nicht einmal richtig eingeführt worden ist, dann ist eh Hopfen und Malz verloren. Der Zeichner hat Potenzial, ist aber noch nicht am Ende seiner Entwicklung angelangt, um es mal diplomatisch auszudrücken. So dilettantisch wie Wallace kommt er zu seinem Glück aber nicht daher. Was für ein Elend.

ZOOM-FAKTOR: 1 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Links der Woche: Mit Asterix, 24-Stunden-Comics und dem Kindle Fire

Unsere Links der Woche, Ausgabe 35/2011:

 

Neuer Zeichner für Asterix
Frankfurter Rundschau, Axel Veiel
Die meistverbreitete Comicnachricht der letzten Woche war eine alte: Albert Uderzo gibt Asterix in die Hände von Nachfolgern. Dass die Serie auch ohne Uderzo weitergehen wird, wurde vergangene Woche offiziell bestätigt, die Namen der Nachfolger (Jean-Yves Ferri als Autor, Frédéric und Thierry Mébarki als Zeichner und Kolorist) wurden tags darauf vom Figaro verbreitet. Im obigen Link stellt die FR Autor Ferri vor. Wirklich neu ist die Nachricht, die für großes Presseecho sorgte, allerdings nicht: Schon im Juli wurden die Namen der Nachfolger vom französischen Magazin Casemate und in Deutschland von Spiegel Online verbreitet. Dessen Autor Stefan Pannor weist auf seinem Blog auf diesen Umstand hin.

Dreimal im Jahr macht es „Plop“
Kölner Stadt-Anzeiger, Kathy Stolzenbach
Das Comic-Fanzine Plop besteht seit 30 Jahren und feiert seinen Geburtstag mit einer Ausstellung in Köln.

Comic-Clash: Die Teilnehmer
Beim Comic-Magazin-Wettbewerb, der von Moga Mobo und Epidermophytie initiiert wurde, stehen inzwischen die Teilnehmer fest. Auf der Website kann man sich schonmal einen Eindruck verschaffen, wer im Mai 2012 beim Battle der Heftl dabei sein wird.

24hComictag
myComics Blog
Ein Zeichner, ein Comic, 24 Seiten in 24 Stunden. Nach diesen Regeln entstehen jedes Jahr am 1. Oktober, dem „24 Hour Comics Day“ frische Comics, die sich vor allem durch ihre Ungeschliffenheit und Direktheit auszeichnen, da nicht endlos daran herumgefeilt werden kann. In mehreren deutschen Städten trafen sich diverse Comicmacher, um sich einen Tag und eine Nacht mit Dauerzeichnen um die Ohren zu schlagen. Das myComics-Blog zeigt Fotos und verlinkt die verschiedenen Aktionen.

Kindle Launches Graphic Novel Price War
ICv2
Five questions about the Kindle Fire and digital comics
Robot 6, Stephen Gerding
Amazon stellte in dieser Woche den Kindle Fire vor, ein Produkt, das dem iPad auf dem Markt der Tabletcomputer ernsthaft Konkurrenz machen könnte und das – anders als der „normale“ E-Book-Reader Kindle – mit seinem Farbdisplay auch zum Comiclesen sehr attraktiv sein könnte. Zum Start im November gibt es einen Exklusivdeal mit DC Comics: Für den Kindle Fire werden verschiedene Titel aus dem DC-Katalog (u.a. Watchmen, das bisher nicht digital erhältlich ist) exklusiv zu günstigen Preisen verfügbar sein. Die beiden hier verlinkten Texte fassen die bisher bekannten Fakten zusammen und spekulieren über mögliche Auswirkungen auf den Markt für digitale Comics und den klassischen Comicfachhandel.

10 Bizarre DC/Marvel Parallels
Topless Robot, Ethan Kaye
Eine Liste von mehr oder weniger zufällig auftretenden Parallelen in den Superheldencomics von DC und Marvel. Ähnliche Figuren, ähnliche Kostüme, ähnliche Storylines.

52 mal berührt: Legion Lost #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 16 von 52: LEGION LOST #1 von Fabian Nicieza und Pete Woods.

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BJÖRN: Und ich habe Green Lantern für nicht einsteigerfreundlich gehalten. Wenn ein Comic direkt mit so dahingerotzten Zeichnungen kommt, dass ich keine Lust habe weiterzulesen, dann muss die Story richtig überzeugen. Stattdessen knallt mir Nicieza erstmal peinlichen SciFi-Slang um die Ohren: „What the sprock just happened?“

Wobei: Das ist das Leitmotiv dieses Hefts. Was zum Sprock passiert hier? Zum Beispiel, wenn kurz danach gesagt wird: „Tyroc, I told you the longer we waited following Alastor’s wake, the harder it would be to pierce the Flashpoint breakwall.“

Wie? Was? Wie? Wer ist Tyroc? Wer ist Alastor? Was ist die Flashpoint Breakwall? Ich habe Flashpoint nicht gelesen und verstehe kein Wort! Und ich weiß zumindest, dass Flashpoint das Event war, das dieses neue Universum erschaffen hat. Nicieza versucht gar nicht erst, eine dieser Figuren oder Konzepte vorzustellen. Woher kommen die? Was ist überhaupt die Legion der Superhelden? Immerhin werden manchmal die Kräfte erklärt, dann aber im Stile von Kirby in den Sechzigern: „Luckily, between Chameleon Girl’s shapeshifting, Tellus’s telikinesis and my harmonic manipulation, most of us can fly.“ Sagt dieser eine Kerl zu Chameleon Girl und Tellus, die vermutlich wissen, dass sie fliegen können … weil sie es ja gerade tun!

Woods Zeichnungen werden von Seite zu Seite schludriger, die Todesszenen sind besonders missraten. Spannung fehlt, weil ich überhaupt nicht weiß, wer dieser Alastor ist oder was es mit dem Pathogen auf sich hat, das auf der Erde entwichen ist und diese nun kompromittiert hat. (Erneut: Was zum Sprock?) Und spätestens, als man ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen und einem Teddybär direkt vor einem durchdrehenden Monster platziert und dann als dramatischen Twist noch ein paar Figuren tötet, die diese Ausgabe nie vorgestellt hat (langfristige Legion-Leser haben da wahrscheinlich andere Reaktionen), wird bewusst, dass Nicieza Legion Lost mal schnell in der Mittagspause in den Block diktiert hat, weil man irgendwie auf 52 Erstausgaben kommen musste.

Verwirrender, schlecht gezeichneter Humbug, der sich nicht nur keine Mühe gibt, Neulesern entgegenzukommen, sondern ihnen mit Schmackes dafür ins Gesicht rotzt, dass sie bisher keine Legion-Comics gelesen haben. Passe.

ZOOM-FAKTOR: 0 von 10!


 

MARC-OLIVER: Wow, ich versteh gar nicht, wie man ausgerechnet hier so viel Gift und Galle aufbringen kann. Legion Lost ist sicher kein Highlight. Aber dass es aufgrund mangelnder Qualität besonders hervorstechen würde, kann man auch nicht behaupten. Zeichnungen und Story sehe ich im gehobenen Durchschnitt – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie Du darauf kommst, dass das „hingerotzt“ sein könnte, ist mir schleierhaft. Glaub mir, „hingerotzt“ sieht anders aus. Das haben weder Nicieza noch Woods verdient für ihr Debütheft. Kompetent ist das hier allemal.

Dass man undurchdringlichen Techsprech als Stilmittel benutzen kann, weißt Du als Sci-Fi-Belesener doch besser als ich, und nichts anderes tut Nicieza hier. Es ist überhaupt nicht wichtig, was eine „Flashpoint Breakwall“ ist – was zählt, ist, dass es so ähnlich wie „Schallmauer“ klingt, bloß futuristischer, und damit hat es als pseudowissenschaftliche Erklärung auch schon seinen Dienst getan, wenn man eben erlebt hat, wie eine Gruppe Zeitreisender mit ihrer Zeitblase angekommen ist. Nicieza macht hier doch nichts anderes, als die wohlbekannte Formel für Zeitreise-Abenteuer durchzudeklinieren.

Mehr muss man gar nicht wissen, und so doof, dass sie das nicht merken, werden die Neuleser auch nicht sein. Die Art von „Infodump“, für die Du plädierst (Hintergründe immer direkt erklären), ist gerade falsch, wenn man jemandem ein Konzept nahebringen will. Die Kunst besteht darin, den Leuten immer nur soviel Information mit auf den Weg zu geben, wie sie zum Verständnis der vorliegenden Geschichte brauchen. Und aus den Dialogen – die, da gebe ich Dir allerdings Recht, oft zu schwerfällig mit Exposition um sich werfen – lässt sich hier auch jede Menge ableiten, etwa, dass besagter Alastor in die Vergangenheit gereist ist, um sich für eine Katastrophe zu rächen, die sich in der Zukunft zugetragen hat.

Was sich Nicieza neben der teils ungeschickten Prosa vorwerfen lassen muss, ist, dass er’s nicht bei jeder Figur schafft, sie mit einem Wiedererkennungswert auszustatten oder die Bedeutung der von Dir erwähnten Todesszehnen entsprechend rüberzubringen. Davon abgesehen, halte ich das hier aber für eine ganz passable Erstausgabe. Die Serie folgt wohl einer bekannten Formel auf recht konventionelle Weise, aber sie tut’s nicht so schlecht. Man erfährt, was die Figuren wollen, man sieht, wo sie das hinführt, und am Ende interessiert es mich schon, wie’s mit ihnen weitergeht. Von der Legion der Superhelden hab ich übrigens auch keine Ahnung. Das hat mich hier aber nicht gestört.

ZOOM-FAKTOR: 6 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

52 mal berührt: Green Lantern #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 15 von 52: GREEN LANTERN #1 von Geoff Johns und Doug Mahnke.

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altBJÖRN: Sinestro sagt sich vom Green Lantern Corps los. Er übernimmt seinen Heimatplaneten und stellt seine eigene Armee auf. Hal Jordan verliert seinen Job bei Ferris Enterprises, weil er zuviele Unfälle baut. Aus demselben Grund muss er seinen Ring abgeben und ist nun keine Green Lantern mehr.

Dieses und mehr erleben Sie in Green Lantern nicht! Geoff Johns erzählt seinen Lesern zwar davon, aber es zeigen? Ja, wozu denn auch? Es ist beeindruckend, wie es Geoff Johns schafft, ein ganzes Jahr an Storylines irgendwo in den Dialogen unterzubringen, statt uns irgendwas davon zu zeigen. Für eine erste Ausgabe, die neue Leser binden soll, ist das hier ein völlig hirnverbranntes Konzept: jede Menge Ereignisse erwähnen, die vor der ersten Ausgabe passiert sind, aber nicht eines der Kernkonzepte einführen: Was tut das Green Lantern Corps genau? Warum tut das Corps, was es tut? Wer sind die Guardians of the Universe? Nach welchem Prinzip funktionieren die Ringe? Wie suchen sie sich ihre Träger aus? Wer sind die Black Lanterns? Sowas wäre vielleicht ganz spannend zu erfahren, wenn man der Story folgen möchte, aber Johns hält sich damit nicht auf. Es werden doch wohl alle den Film gesehen oder Blackest Night gelesen haben.

All das sorgt auch dafür, dass nichts in dieser Ausgabe emotionale Wirkung hat: Ein Ring hat Sinestro ausgewählt. Ähm, den Kerl, den wir bis dahin auf ganzen vier Seiten gesehen haben, auf denen er seinen Grünleuchteneid aufsagt? Sollen wir jetzt schockiert sein? Oder sollte es uns interessieren, dass die anderen Guardians Ganthet attackieren, nur weil er der einzige Guardian in diesem Heft ist, der einen Namen hat? Wenn solche Dinge mich als Leser berühren sollen, dann muss ich zumindest wissen, wer die Figuren sind oder einen Grund bekommen, warum ich etwas empfinden soll. Mir einfach nur zu erzählen, dass Sinestro böse ist, reicht da nicht aus. Dass in Ausgabe 1 der Ring nur benutzt wird, um eine Garotte zu projizieren, ist auch eine völlige Konzeptvergeudung. Ihr habt einen Ring, mit dem der Träger alles machen kann und wir sehen nur, wie eine Garotte damit erdacht wird? Geht es noch etwas dröger, Geoff Johns?

Green Lantern kann keine Ausgabe 1 sein, sondern das hier ist eindeutig eine falsch nummerierte Ausgabe 14, ein Zwischenheft zwischen zwei story arcs. Denn diese Ausgabe erklärt nichts, führt nichts ein, baut nichts auf … und aus dem Grund ist mir auch der Cliffhanger am Ende völlig egal. Ohnehin kein guter Comic, ist Green Lantern als erstes Heft einer neuen Serie eine totale Katastrophe.

ZOOM-FAKTOR: 1 von 10!


MARC-OLIVER: Was habe ich verbrochen, dass ich in die Lage gebracht werde, dieses Heft verteidigen zu müssen? Das war so nicht abgesprochen, Freunde der Südsee.

Ich bin auch nicht unbedingt Experte in Sachen Green Lantern, aber das Gefühl, etwas nicht zu verstehen, hatte ich hier nicht. Im Green Lantern Corps sind halt die Guten. Sinestro ist halt ein Abtrünniger, der jetzt irgendwie wieder mit im Geschäft ist. Und Hal Jordan hat’s halt verkackt und versucht jetzt, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Klar, über die ganzen Hintergründe bleibt man im Dunkeln, aber das ist ja auch gewollt.

In Sachen „Informationspolitik“ macht es Johns hier richtig, streut kleine aber vielsagende Häppchen und fängt ansonsten unten auf dem Boden an, bei den Figuren. Erst, wenn die mich interessieren, wird nämlich das ganze Drumrum relevant. Hier gleich alles über dem arglosen Leser auszukippen, wäre das Verkehrteste gewesen, was man hätte machen können. Und dass man erstmal die Rollen von Hal Jordan und Erzfeind Sinestro vertauscht, finde ich auch einen cleveren Schachzug, denn so kann man zeigen, was die Figuren ausmacht und gleichzeitig direkt in die Geschichte einsteigen. Vom Ansatz her finde ich das Heft gelungen. Allerdings hast Du Recht, dass es Johns an einigen entscheidenden Stellen verpasst, soviel Information zu liefern, dass die Handlung überhaupt etwas für den Leser bedeutet. Das ist, wie Du sagst, ein ziemlich großes Problem.

Ein weiteres Problem ist wieder das gleiche wie bei Justice League: Es ist eine fade Geschichte ohne Akzente. Hal Jordan ist als Figur doch gar nicht so schlecht. Ein Draufgänger, ein kompletter Bauchmensch, der ohne zu zögern instinktiv handelt und sein Herz am rechten Fleck hat – damit kann man als Autor was anfangen. Macht Johns ja auch, etwa in der Szene, als Jordan aus dem Fenster springt. Da fand ich den Comic für einen kurzen Moment interessant. Aber alles andere liest sich leider, als hätte Johns an den Autopiloten übergeben, um mal kurz ein Nickerchen zu machen, während der Comic sich selber schreibt. Der Gag beim Abendessen mit Carol hat schon einen Bart, aber Johns lässt ihn seine Figuren so intensiv auskosten, als hätte er sich ihn eben erst ausgedacht, ohne auch nur eine überraschende Variante reinzubringen. Das ist schon fast peinlich.

Auch Doug Mahnkes Zeichnungen waren schon mal besser. Vielleicht passt er sich auch nur an, aber im Gegensatz zu seinen früheren Sachen, die teils wunderbar stimmungsvoll und variabel sind, wirkt das hier stilistisch wie eine kompetente aber streckenweise erschreckend hölzerne Mischung aus Gil Kane und George Pérez. Wie man eine Seite aufbaut und die Geschichte von Panel zu Panel erzählt, weiß er zum Glück noch.

Das Green-Lantern-Konzept an sich kommt mir hier immer noch wie eine Art Glücksbärchis mit FSK-Freigabe ab 16 vor. Grüne Leuchten, gelbe Leuchten, etc. trallalla – das ist in erster Linie albern und passt mit dem verbissen ernsten Unterton und den brutalen Szenen (ich sage nur: Garrotte!) etwa so gut zusammen wie Saumagen und Nesquik. Diese groteske Mischung aus Grundschulniveau und übertriebener, blutrünstiger Gewalt ist typisch für Johns, aber er schafft’s auch hier nicht, mich davon zu überzeugen, dass sie sonst noch was ist außer auf eine unangenehme Art seltsam.

In Sachen Zugänglichkeit würde ich der Serie also kein ganz so vernichtendes Zeugnis ausstellen. Das Heft krankt eher daran, dass Johns entweder routiniert sein 08/15-Programm abspult oder an seine Grenzen als Autor stößt. Aber ja: vollkommen verzichtbar, das Ganze. (Neben der Garrotte gibt’s übrigens auch noch eine schwere Handschellenkonstruktion und ein Supermega-Fernrohr, der Vollständigkeit halber.)

ZOOM-FAKTOR: 3 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Frisch aus der Druckerei: August 2011

Unser monatlicher Rückblick auf die aktuellen Comic-Novitäten: Diesmal mit einer mehrfach preisgekrönten Edel-Graphic-Novel, Romanadaptionen aus Deutschland und Frankreich, einem flämischen Kinderklassiker und vielem mehr.

HIGHLIGHT DES MONATS

 

Asterios PolypDavid Mazzucchelli hat sich durch seine Kollaborationen mit Frank Miller (Batman: Year One, Daredevil: Born Again) und Paul Karasik (Paul Austers Stadt aus Glas) einen Namen gemacht. 15 Jahre lang erschien keine größere Arbeit von ihm, ehe er dann 2009 eine komplett in Eigenregie entstandene Graphic Novel vorlegte: Asterios Polyp, eine Erzählung über einen Stararchitekten auf dem Selbstfindungstrip. Der Comic begeisterte die Leser nicht nur, aber vor allem durch seine formale Meisterschaft: Mazzuchelli gelingt es, Sprache und Stilmöglichkeiten des Comics so einzusetzen, dass die Rezensenten reihenweise begeistert sind. Zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen auf Bestenlisten waren die Folge, und nun gibt es das Werk auch in einer deutschen Fassung beim Eichborn Verlag, der bei der Produktion strenge Vorgaben des Künstlers zu befolgen hatte. Eine englischsprachige Leseprobe hat die New York Times.

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EIGENPRODUKTIONEN

Als „Graphic Novel über die wunderbare, aber auch nervtötende Zeit der Schwangerschaft“ beschreibt die Edition Moderne den Comic Zwei mal Zwei vom Schweizer Duo Andreas Gefe und Charles Lewinsky. Die Geschichte von zwei Paaren (einem etwas älteren, das unbedingt Kinder will, und einem jüngeren, das sehr unverhofft Nachwuchs bekommt) erschien als Fortsetzungscomic im Zürcher Tages-Anzeiger. Während Zeichner Gefe schon zahlreiche Comic-Arbeiten auf dem Kerbholz hat, ist Zwei mal Zwei für Lewinsky, der vor allem als Autor für Theater und Fernsehen, aber auch als Schlagertexter arbeitet, der erste Ausflug in diese Kunstform. Eine Leseprobe gibt es hier.

Frostfeuer 1Frostfeuer ist nach Das Wolkenvolk die zweite „echte“ Eigenproduktion des Splitter Verlags. Hier wie dort diente eine Romanvorlage von Kai Meyer als Quelle. Die dreibändige Albenreihe verbindet die Realität von Sankt Petersburg im Jahr 1893 mit der Märchenwelt der Schneekönigin, die hier in die Stadt kommt, um sich an einem Dieb zu rächen. Die Adaption des Romans besorgte, wie schon bei Das Wolkenvolk, Yann Krehl. Die Zeichnungen stammen von Marie Sann, die bisher als Mangaka (u.a. Krähen bei Tokyopop) bekannt war, aber hier beweist, dass sie auch ganz andere Stile beherrscht. Die ersten elf Seiten sind hier zu sehen.

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AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Beim „Graphic Novel“-Label von Carlsen erscheint Ganz allein von Christophe Chabouté (Fegefeuer). In der beinahe wortlosen, elegischen Geschichte geht es um einen äußerlich entstellten Mann, der einsam auf einem Leuchtturm lebt und noch nie die Außenwelt gesehen hat. Ein leiser Comic in Schwarzweiß, bei dem man getrost auf die französische Leseprobe zurückgreifen kann, weil ein Großteil der Seiten ohnehin keinen Text hat.

Lauras Lied (Schreiber & Leser) basiert auf einem französischen Roman von Amélie Sarn, der von Eric Corbeyran adaptiert und von Thierry Murat gezeichnet wurde. Es geht um das heikle Thema Kindesmissbrauch – als ihr Vater im Koma liegt, arbeitet die Protagonistin Laura, inzwischen erwachsen, die Vergangenheit auf, in der sie von ihm missbraucht wurde. Inzwischen wurde der Roman auch verfilmt. Hier eine Leseprobe.

Barracuda 1Ein klassischer „Swashbuckler“ ist die Piratentrilogie Barracuda von Autor Jean Dufaux (Djinn, Murena) und Zeichner Jérémy. Anspruchsvolle Kunst wird man hier nicht erwarten, aber Freunde des Genres kommen hier sicher auf ihre Kosten (PDF-Leseprobe).

Vom gleichen Autor stammt Dixie Road, was beim Splitter Verlag als Sammelband im „Book“-Format erscheint. Die in den Südstaaten zur Zeit der Weltwirtschaftskrise angesiedelte Geschichte (gezeichnet von Hugues Labiano) erzählt von einem verwegenen Tunichtgut und seiner Familie, überwiegend aus der Sicht seiner Tochter. Hier eine Leseprobe.

Außerdem neu bei Splitter: Absolute Zero, ein dreiteiliger Science-Fiction-Thriller von Marazano (Der Schimpansenkomplex) und Christophe Bec (Prometheus, Carthago), der auf einem Eisplaneten spielt (Leseprobe). Und eine Fantasyreihe namens Die gläsernen Schwerter von Sylviane Corgiat, deren Geschichte sich arg konventionell anhört (junges Mädchen mit besonderen Fähigkeiten muss Artefakte zusammensammeln, um die Welt zu retten), sich aber durch Laura Zuccheris hübschen Look und ein ungewöhnliches Design der Fabelwesen abhebt (Leseprobe).

Das Cover schmeckt nach Fantasy, aber die Inhaltsangabe von Die heulenden Nebel von Philippe Saimbert und Andrea Mutti (Break Point) klingt eher nach einem Thriller mit Mytery-Einschlag: Ein Unternehmen macht genetische Experimente an Tieren, bis es zu ersten Todesfällen kommt. In Frankreich als Zweiteiler erschienen, bringt Nona Arte den Comic gesammelt in einem abgeschlossenen Hardcover-Band.

Jommeke 1In Belgien zählt Jommeke, geschaffen 1955 vom flämischen Zeichner Jef Nys, zu den populärsten Kindercomics. Die Serie, die bei uns in den 70er Jahren unter dem Titel Die Abenteuer von Peter & Alexander erschien, kommt inzwischen auf rund 250 Alben. Obwohl Jommeke außerhalb Belgiens nie sonderlich erfolgreich war, wagen die Aachener Dirk Sieprath und Mario Wagner einen neuen Anlauf in Deutschland: Beide bezeichnen sich als große Fans der Reihe und haben eigens einen neuen Verlag namens stainlessArt gegründet. Dort sind jetzt die beiden ersten Alben, „Der Schildkrötenschatz“ (PDF-Leseprobe) und „Das Jampuddinggespenst“ (PDF-Leseprobe) erschienen. Mehr dazu unter jommeke.de.

Noch weiter zurück reicht die Historie von Harry und Platte (im Original Tif et Tondu), die der Belgier Fernand Dineur bereits 1938 für die erste Ausgabe des Spirou-Magazins schuf. Populär wurde die Serie um zwei Hobbydetektive in der Ära des Zeichners Will, der zwischen 1948 und 1990 knapp 40 Alben zeichnete. In Deutschland hießen die beiden zunächst Gin & Fizz, 1988 startete Carlsen dann seine Albenausgabe unter dem Titel Harry und Platte, die später bei Salleck fortgeführt wurde. Ebendort startet man nun die Harry und Platte Gesamtausgabe, deren erster Band drei Alben enthält. Die Gesamtausgabe beginnt allerdings nicht ganz von vorne, sondern beim ersten von Will gezeichneten Album aus dem Jahr . Einen Blick in die französische Originalausgabe kann man hier werfen, und dort gibt’s einen schicken Trailer zum „Intégrale“.

Ebenso wie Will gehört auch der Zeichner François Walthéry zur „École Marcinelle“. Seine Funny-Krimi-Reihe Natascha läuft seit 1970 bis heute. Auch hier hat Salleck Publications vor einigen Jahren die reguläre Albenausgabe von Carlsen übernommen und veröffentlicht nun eine hochwertige Gesamtausgabe. Hier eine Leseprobe des Originals.

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AUS DEN USA

Will Eisner: LebensbilderMit dem Band Lebensbilder schließt Carlsen die dreiteilige Will Eisner Bibliothek ab. Dieser dicke Band enthält die (halb-) autobiografischen Geschichten Eisners, allen voran Der Träumer (über seine Arbeit als Comiczeichner in den 30er Jahren) und Zum Herzen des Sturms (über die Geschichte seiner Familie als jüdische Einwanderer in den USA). 

Nach den rundum gelungenen Muppet Show-Comics von Roger Langridge (siehe unsere Rezension von Band 1) bringt die Ehapa Comic Collection nun auch die Nebenreihe Die Muppet Show Spezial. Hier werden die Muppets mit diversen literarischen Klassikern wie Robin Hood oder Sherlock Holmes vermixt. Den Auftakt im ersten Band macht Peter Pan. Leider ist Mastermind Langridge hier weder als Texter noch als Zeichner beteiligt, was den Appetit dann doch deutlich bremst.

Cowboys & AliensDie Produktionsgeschichte von Cowboys & Aliens ist dermaßen seltsam, dass man den kürzlich im Kino gelaufenen Film von Jon Favreau nicht ernsthaft als Comicverfilmung bezeichnen kann. Nichtsdestotrotz gibt es einen gleichnamigen Comic, der in den USA 2006 erschien und nun im Zuge des Filmstarts bei Panini auch auf Deutsch aufgelegt wurde. Inhaltlich haben Film und Comic außer Titel und Covermotiv wohl nicht sehr viel gemeinsam. Eine Vorschau gibt’s beim US-Verlag Platinum Studios.

Jede Menge DC-Stoff gab es bei Panini im August: Zum Beispiel einen Sammelband von Blackest Night, dem großen Crossover-Event von 2009/2010, das zuvor nur in Heftform erschienen war. Dieser enthält alle Ausgaben der Kern-Miniserie von Geoff Johns und Ivan Reis, die sich (wenn ich das richtig verstanden habe) um untote Zombie-Superhelden und untote Zombie-Superschurken dreht (myComics-Leseprobe).

Als Prequel zum Filmflop Green Lantern produzierte DC eine Reihe von fünf One-Shots, die jeweils einen der „Lanterns“ und dessen Vorgeschichte vorstellen. Gesammelt gibt es diese in DC Premium 74: Green Lantern: Der Anfang (Leseprobe).

Die Rückkehr von Bruce WayneIn Batman R.I.P. hat Autor Grant Morrison bekanntlich den guten alten Bruce Wayne sterben lassen, woraufhin jemand anders ins Fledermauskostüm schlüpfen musste. Nach den Gesetzen des Comicbusiness war von vornherein klar, dass Wayne bald wieder zurückkehren würde. Er war nämlich gar nicht tot, sondern wurde nur von Darkseid in eine ferne Zeit weit in der Vergangenheit verfrachtet. In der Miniserie The Return of Bruce Wayne ließ Morrison Bruce Wayne dann Schritt für Schritt wieder in die Gegenwart zurückkehren: Von der Steinzeit über die Piratenära bis in den Wilden Westen – womit sich auch eine schöne Kreuzung aus dem Batman-Konzept und verschiedenen klassischen Genres ergab. Jedes Heft der Reihe wurde von einem anderen Zeichner gestaltet (die Steinzeit-Ausgabe, gezeichnet von Chris Sprouse, gibt’s komplett bei myComics). Panini sammelt die Reihe in DC Premium 73: Batman: Die Rückkehr von Bruce Wayne.

Parallel zur eben beschriebenen Wayne-Rückkehr gab es bei DC die Miniserie Time Masters: Vanishing Point von Dan Jurgens. Darin sucht das DC-eigene Team von Zeitreisespezialisten nach dem vermissten Wayne. Gesammelt in 100% DC 32: Time Masters: Auf der Suche nach Batman (US-Leseprobe). 

In der Marvelschiene von Panini gab es Begleitmaterial zum Captain America-Film: Der Titel von 100% Marvel 57: Captain America: Super-Soldier ist ein wenig irreführend, denn es geht in der Miniserie von Ed Brubaker und Dale Eaglesham (Originaltitel: Steve Rogers: Super-Soldier) genau darum, dass Steve Rogers hier eben nicht das Cap-Kostüm trägt. Kapitel 1 gibt’s bei myComics.

Im Ultimate-Universum von Marvel wurde Steve Rogers alias Captain America nach dem Zweiten Weltkrieg eingefroren und erst zur Jahrtausendwende wieder aufgetaut. In dem Band Ultimate Captain America: Der ultimative Held, einer Miniserie von Jason Aaron und Ron Garney, lernt Rogers nun, dass es in seiner Abwesenheit, unter anderem im Vietnamkrieg, andere Supersoldaten gab (Leseprobe).

In Amazing Spider-Man sorgte Ende 2007 die Storyline „One More Day“ für Aufsehen, an deren Ende Mephisto einen Pakt mit Spider-Man schließt und die Ehe zwischen Peter Parker und Mary-Jane nie exisitiert hat. Was storymäßig ein alberner Stunt war und von den Fans scharf kritisiert wurde, sorgte für einen frischen Neustart („Brand New Day“), der der Serie selbst ziemlich gut getan hat. In den Heften 638-641 von Amazing Spider-Man versuchte Marvel-Chefredakteur Joe Quesada dann drei Jahre später, mit der Story „One Moment in Time“ zu erklären, was damals eigentlich geschehen ist. Panini bringt diese Ausgaben nicht in seiner normalen Spidey-Heftreihe, sondern als eigenen Sonderband mit dem Titel Spider-Man: Ein besonderer Augenblick (Probelesen bei myComics). 

Der X-Men Sonderband: X-Campus drüfte strenggenommen gar nicht in der Rubrik „Aus den USA“ stehen, denn es handelt es sich hier um eine italienische Produktion: Autor Francesco Artibani und diverse Zeichner lassen die aus den X-Men-Filmen bekannten Helden Cyclops, Beast, Wolverine, Iceman, Storm und Rogue als Highschool-Schüler im Teeniealter antreten (Leseprobe). 

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Micky Maus JubiläumsalbumAUS ENTENHAUSEN

Zum Jubiläum der Zeitschrift Micky Maus, die es seit 60 Jahren in Deutschland gibt, bringt Egmont Ehapa drei Micky Maus Jubiläumsalben mit Klassiker-Nachdrucken auf den Markt, die jeweils zwei Jahrzehnte umfassen. Das erste Album erschien im August und enthielt „Das Beste von 1951 bis 1970“ 

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SEKUNDÄRLITERATUR

Ausgabe 54 des monothematischen Magazins Reddition beschäftigt sich diesmal nicht mit einem bestimmten Comiczeichner oder -autoren, sondern mit einem Redakteur, nämlich Yvan Delporte. Dieser war lange Jahre Chef des Magazins Spirou und prägte so maßgeblich den frankobelgischen Comic. Ergänzt wird die Ausgabe mit einem Dossier über Will, den Zeichner von Harry und Platte (siehe weiter oben). Leseproben zu den Artikeln gibt es hier.

52 mal berührt: Action Comics #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 14 von 52: ACTION COMICS #1 von Grant Morrison und Rags Morales.

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altMARC-OLIVER: Wer befürchtet hat, Morrison hätte in All Star Superman schon alles gesagt, wird hier eines Besseren belehrt. In Action Comics haut der Schotte in eine komplett andere Kerbe, sowohl was die Figur selbst angeht als auch in der Wahl der erzählerischen Mittel.

Die Geschichte spielt noch vor Justice League #1, also mindestens fünf Jahre vor den „aktuellen“ Ereignissen im neuen DC-Universum, und so sehen wir hier einen Superman, der noch völlig grün hinter den Ohren ist. Morrison geht zu den Wurzeln der Figur zurück, zu den ersten von Siegel und Shuster geschaffenen Geschichten: Dieser Superman geht gegen korrupte Geschäftsleute und Politiker vor, als ein Held des „Kleinen Mannes“, und er ist dabei nicht besonderlich zimperlich. Dass Superman hier noch nicht auf dem Zenith seiner Kräfte angelangt ist und beispielsweise nur springen, aber nicht fliegen kann, unterstreicht, dass es sich in allen Belangen um eine grobe, frühe Urversion handelt. Von dem Glanz und der Erhabenheit, die die Figur in All Star Superman umgibt, sind wir hier Lichtjahre entfernt. Dieser Superman steht nicht über den Dingen, sondern mit beiden Beinen fest auf dem Boden – und nicht selten knöcheltief im Schutt. Das drückt auch seine Arbeitskleidung aus, die noch nicht aus elegantem Spandex besteht, sondern aus ruppigen Malocherjeans und klobigen Lederstiefeln – ganz der hemdsärmelige Naturbursche aus Smallville, Kansas.

In Rags Morales hat Morrison den richtigen Komplizen gefunden, einen erfahrenen und versierten Erzähler, den weder alltägliche Szenarien noch großspurige Action-Sequenzen überfordern. Wo es Frank Quitely verstand, Supermans ganzen Kosmos in jeder Zeichnung zu einem geschliffenen Diamanten zu verdichten, geht es in der von Morales geschaffenen Welt sehr viel salopper, bodenständiger, dreckiger zu. Die Macher backen hier sehr viel kleinere Brötchen als in All Star Superman, und auch das gehört zum Konzept. Die Erzählweise ist nicht annähernd so hochgestochen, sondern konzentriert sich auf solide Kästchengitter und Seitenlayouts, was dabei hilft, die für heutige Superheldenleser eigentlich vollkommen unspektakulären Knalleffekte der Ausgabe – Superman hebt einen Mann über seinen Kopf, springt einen Wolkenkratzer hinab oder (Achtung, Klassiker:) bremst einen Zug aus – so in Szene zu setzen, dass sie wieder als das erscheinen, was sie sein sollten, nämlich atemberaubende Taten einer atemberaubenden Kreatur. Der Comic bietet kompakte Szenen und Dialoge, konzentriert sich auf klar erkennbare Geschehnisse, die keiner großen Interpretation bedürfen und geht eigentlich die ganze Zeit voll auf die Zwölf.

Morrison erfindet hier nicht das Rad neu. Er erzählt einfach eine grundsolide, simpel gestrickte Geschichte über eine grundsolide, simpel gestrickte Figur, die gerade erst anfängt, ihre später – viel später – welterschütternden Fähigkeiten zu entdecken. Das hier ist ein „Action-Comic“, in jedem Sinn des Wortes, und das wird von A bis Z durchexerziert. „Superman Unplugged“, wenn man so will. Dieser Perspektivwechsel ist nicht nur gelungen, sondern er wirkt auch noch spielerisch und völlig selbstverständlich. Davor, und vor der meisterhaften, geradezu schlafwandlerischen Konsequenz, mit der das jeden Aspekt der Geschichte durchzieht, kann man nur den Hut ziehen.

ZOOM-FAKTOR: 10 von 10!


 

BJÖRN: Ich erwähne immer wieder, dass Superman keine schlechte Figur ist, aber eine Figur, die ungeheuer gute Autoren braucht, um zu funktionieren. Insofern freut es mich, dass Morrison wieder bei Superman angekommen ist und etwas Neues versucht, indem er etwas ganz Altes aufgreift. Superman als sozialromantischer Vigilant, als Robin Hood von Metropolis, der nicht die Welt rettet, sondern korrupte Vermieter vermöbelt und Frauenschläger nass macht? Warum nicht, gerade die Kapitalismuskritik trifft auf jeden Fall den Zeitgeist.

Nebenbei legt Morrison ganz still und leise das Fundament für zukünftige Geschichten, stichelt in Richtung J. Michael Straczynski (wenn Superman einen Cop auf sein Magengeschwür hinweist) und führt die Änderungen im Status quo (Kent schreibt noch nicht für den Daily Planet, kann nur hoch springen aber nicht fliegen) dezent ein, statt sie mit Gewalt als Distinktionsmerkmal zu nutzen. Zudem ist in dieser Serie das Problem beseitigt, dass Superman zu mächtig erscheint und keine Gefahren zu fürchten braucht, was man daran merkt, dass der Stählerne es über sechs Seiten nicht schafft, den – ja, Klassiker – Zug zu stoppen. Mit dieser Rückkehr zum Prototypen kann Morrison neue Wege gehen und der Weg zum uns bekannten Status quo verspricht spannend zu werden.

Das hier ist – zum Glück – keine Origin und trotzdem gelingt es Morrison, den Status quo zu etablieren, Superman und Lex Luthor zu charakterisieren und nebenbei noch ausreichend Action zu präsentieren, um der Ausgabe ein ordentliches Tempo zu erlauben, das weder überfordert noch langweilt. Und lustige Momente hat das Ganze auch noch, wenn ein Cop betont, dass es mal Gesetze in Metropolis gab. Das Gesetz der Schwerkraft, zum Beispiel.

Will sagen: Grant Morrison ist ein guter Superheldenautor. Wer hätte es gedacht?

ZOOM-FAKTOR: 8 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Blackjack 1 – Blue Bell

Cover Blackjack 1Steve Cuzor ist wahrlich kein Unbekannter mehr. Vor allem seine Serie O’Boys vermochte zu überzeugen. Entstand die moderne Huckleberry-Finn-Saga 2009, handelt es sich bei Blackjack allerdings um eine frühere Serie, die Cuzor bereits 1999 geschaffen hatte. Hier hat er auch das Storytelling komplett übernommen.

Blue Bell ist ein ärmliches Viertel von Brooklyn in New York, in dem eine kleine Gruppe von Heranwachsenden im Jahre 1930 versucht, über die Runden zu kommen. Die  Weltwirtschaftskrise hat das Land schon im Griff und die Stadt und die Gesellschaft werden von Gangstern geprägt. Die fünf Freunde Alfonso, Laura, Vitto, Kröte und Peanuts müssen nicht nur mit den desolaten wirtschaftlichen und familiären Zuständen fertig werden, sondern sich auch irgendwie Geld beschaffen. Bei einem kleinen Einbruch werden die Jungs nämlich von einem Ladenbesitzer erwischt. Um sich freizukaufen, verspricht Alfonso alle gestohlenen Güter zu bezahlen. Aber seine Eltern haben kein Geld und so geht er zu dem örtlichen Gangsterboss, um einen Job zu bekommen. Doch gleich sein zweiter Auftrag geht fürchterlich schief. Und der Boss hat einen kurzen Geduldsfaden, denn schließlich sitzt ihm niemand geringeres als Al Capone im Nacken.

Seite aus Blackjack 1Die dreißiger Jahre haben es Steve Cuzor wahrlich angetan. Auch in O’Boys war dieses Faible deutlich zu spüren. So sind manche Parallelen zwischen den beiden Serien unübersehbar. Beide spielen vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, beide haben Verbrechen zum Thema, was daraus folgt, dass sich die Gesellschaft und „die da oben“ sich nicht um einen kümmern. Spielt O’Boys aber im ländlichen Süden, ist hier der Moloch New York der Schauplatz des Geschehens. Ansonsten ist die Grundthematik ähnlich: das schwierige Erwachsenwerden in einer völlig kaputten Gesellschaft voller Desinteresse, Egoismus und Gewalt. Gleichzeitig sind beide Serien auch ein Hohelied auf die Freundschaft, da nur diese den drei genannten Faktoren Paroli bieten kann. Zudem erleichtert die gegenseitige Solidarität natürlich die Aktivitäten. Wie sich die Bengel hoffnungslos im Gangstermilieu verstricken, dürfte aufgrund der Identifikationsmöglichkeiten eher jüngere Leser ansprechen, obwohl dem gegenüber die Gewalt und die fatalistische Grundstimmung steht.

Seite aus Blackjack 1Zeichnerisch erinnert Blackjack stellenweise sehr an Loisel und man merkt deutlich, dass Cuzor in dieser frühen Serie noch ein wenig auf der Suche nach seinem Stil ist. Die Jungsbande erinnert manchmal stark an diejenige aus Loisels Peter Pan – ihre Physiognomien, insbesondere die Zähne, könnte auch vom Altmeister stammen. Dennoch erzeugen die detaillierten Zeichnungen eine sehr dichte Atmosphäre, welche den Leser in das Setting und in die Zeit führt. Aber so richtig will die Serie (noch) nicht zünden. Sie ist zwar spannend und nett zu lesen, bietet aber nicht sonderlich viel Neues. Eine Mischung aus Vier von der Baker Street und dem Film Es war einmal in Amerika. Und eine Mischung verschiedener Zutaten ergibt zwar noch längst keinen Gepanschten, aber ebenso wenig einen edlen Bourbon.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Trotz dichter Atmosphäre und detaillierter Zeichnungen kann die Story aufgrund vieler allzu bekannter Elemente noch nicht richtig zünden.

Blackjack 1 – Blue Bell
Splitter Verlag, August 2011
Text und Zeichnungen: Steve Cuzor
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-248-8
Leseprobe

 

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag