Horst und sein Pony und ihr Sohn
Horror im Comic ist in den letzten Jahren wieder zunehmend populär geworden. Keine Frage, Comics mit Zombies, Monstern oder Geistern können Spaß machen — aber verursachen sie wirklichen Horror? Vermitteln sie Grauen, Unbehagen, machen Sie Gänsehaut? Eher selten.
Einer, der tatsächlich Horrorcomics zu Papier bringt, die den Leser verstören und ihm auf den Magen schlagen, ist der japanische Mangaka Hideshi Hino. Shodoku, das Manga-Label des Verlags Schreiber & Leser, widmet ihm eine eigene Reihe namens Hino Horror, in der bisher zwei abgeschlossene Bände veröffentlicht wurden.
In Red Snake geht es um einen kleinen Jungen, der mit seiner Familie in einem sehr abgelegenen Häuschen lebt, aus dem er praktisch nie hinauskommt. Er scheint der einzig normale Bewohner zu sein, alle anderen Familienmitglieder haben einen gewaltigen Sprung in der Schüssel. Opa hat ein riesiges Eitergeschwür, das er sich mit rohen Eiern massieren lässt, die Schwester lässt allerlei Würmer ihren Körper erforschen. Die Krönung aber ist die Oma, die sich für ein Huhn hält und eifrig Eier ausbrütet. Im Haus gibt es einen geheimnisvollen Spiegel, der angeblich verwunschen ist und hinter dem sich großes Unheil verbirgt. Als dieser Spiegel eines Tages bricht, beginnt für den Jungen ein furchtbarer Alptraum voll mit monsterhaften roten Schlangen und mit blutigem Gemetzel. Wären Hideshi Hinos Bilder nicht schwarzweiß und in einem weniger cartoonhaften Stil gezeichnet, dann wäre Red Snake wohl einer der am schwersten erträglichen Comics überhaupt.
Im zweiten Band, Bug Boy, wird der Ekelfaktor etwas heruntergefahren, das Werk ist jedoch nicht weniger verstörend als Red Snake: Auch hier ist ein kleiner Junge die Hauptfigur, und auch hier geht es um Kriechtiere. Sanpei ist der klassische Außenseiter, der keine Freunde und schlechte Noten hat. Seine einzige Freude sind die Tiere, die er in seinem Geheimversteck hält: Katzen, Vögel, vor allem aber jede Menge Raupen und Würmer. Als Sanpei auch von seinen Eltern mehr und mehr Ablehnung erfährt und vom Stachel einer Raupe gestochen wird, beginnt eine bizarre Metamorphose: Nach und nach mutiert Sanpeis Körper zu einer mumienhaften Puppe, aus der später eine überdimensionale Raupe entschlüpft. So beginnt Sanpeis neues Leben als Monsterraupe, die wahllos Menschen tötet und Rache an seiner Familie sucht.
Beide Mangas enden zwar halbwegs versöhnlich, doch Happy Ends gibt es in Hidesho Hinos Welten nicht. Das Gute, dass das Böse bekämpft und besiegt, existiert nicht. Bestenfalls arrangiert sich das Gute mit den Verhältnissen, wie sie eben sind.
Hinos Werke sind die Manga-Entprechung zu den Filmen von David Lynch oder David Cronenberg. Auch klassische Gruselmotive, etwa von Edgar Allan Poe, kann man wiederfinden. Und in Bug Boy natürlich den vielleicht allzu offensichtlichen Link zu Kafkas Verwandlung. Ohnehin ist Bug Boy als Parabel über Ausgrenzung und Entfremdung etwas zu überdeutlich geraten, liest sich dafür aber auch leichter als Red Snake. Letzteres ist deutlich verrätselter und verstörender, nicht zuletzt auch wegen seiner sexuellen Komponente.
Hino Horror ist sicher nichts für Leser mit schwachen Nerven und empfindlichem Magen. Wer aber ungewöhnliche Horrorcomics sucht und auch bereit ist, sich mal zu ekeln, kommt hier voll auf seine Kosten. Diese Reihe dürfte mit zum Heftigsten gehören, was in diesem Bereich erschienen ist. Gut zwanzig Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung in Japan sind diese fiesen Perlen des Makabren nun auch auf Deutsch verfügbar.
Ein Lob geht außerdem an Schreiber & Leser für die stimmige Aufmachung der Taschenbücher, die im Vergleich zu den Augenkrebs verursachenden Covern der US-Ausgaben eine echte Verbesserung darstellt.
Hino Horror 1: Red Snake
Shodoku bei Schreiber & Leser, Juni 2007
Text und Zeichnungen: Hideshi Hino
192 Seiten, s/w, Taschenbuch; 10,- EUR
ISBN 978-3-937102-67-2
Hino Horror 2: Bug Boy
Shodoku bei Schreiber & Leser, Juni 2007
Text und Zeichnungen: Hideshi Hino
208 Seiten, s/w, Taschenbuch; 10,- EUR
ISBN 978-3-937102-68-9
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Hino Horror bei Schreiber & Leser
Bildquelle: schreiberundleser.de
Eddie Campbell kennt man in Deutschland fast ausschließlich durch seine düsteren Zeichnungen für Alan Moores Jack-the-Ripper-Saga From Hell. Von seinen zahlreichen selbst geschriebenen Comics ist bisher nichts bei uns erschienen. Sein aktuelles Werk ist ebenfalls keine Eigenkreation, sondern beruht auf einem nicht verfilmten Drehbuch von C. Gaby Mitchell (war auch Co-Autor des Leo-DiCaprio-Films Blood Diamond).
The Black Diamond Detective Agency ist ein komplexer Krimi, der zur Jahrhundertwende in den USA spielt. Auch wenn die hübsche Aufmachung an einen Western erinnert, tauchen hier weder Cowboys noch Indianer auf. Vielmehr geht es um ein Sprengstoffattentat auf einen Zug, bei dem viele Menschen ums Leben gekommen sind. Neben der örtlichen Polizei und dem Secret Service ermittelt auch eine private Detektiv-Firma, die titelgebende „Black Diamond Detective Agency“. Diese findet sehr schnell den vermeintlichen Täter, der jedoch selbst Opfer eines großangelegten Komplotts wurde. Er flieht aus dem Gefängnis, gibt sich eine neue Identität und heuert selbst bei der Detective Agency als Ermittler an, um die eigentlichen Täter und deren strippenziehende Hintermänner zu finden.
Nebenbei erzählt The Black Diamond Detective Agency viel über die Modernisierung an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert: Die Ermittler benutzen z.B. Fotografien vom Tatort, ein „Doctor“ probiert frühe Methoden der Forensik aus und zwei Detektive unterhalten sich immer wieder über die Seltsamkeiten der modernen Welt.
Man sollte diese Geschichte nicht nebenbei lesen: Sie erfordert vom Leser Aufmerksamkeit und Konzentration. Campell streut viele kleine Hinweise, die zur Lösung des Puzzles beitragen und zum Teil recht unscheinbar in wortlosen Panels versteckt sind. In Seitenaufbau und Storytelling ist Campell sehr variabel. Auf Seiten mit vielen „talking heads“ folgen mehrere „stumme“ Seiten ohne jeden Text. Große, ganzseitige Panels wechseln sich mit kleinteiligen Kästchen ab. Auf einer Doppelseite findet Campbell sogar eine sehr originelle und wirkungsvolle Möglichkeit, drei parallel laufende Handlungsstränge zu zeigen.
Durch die formalen Spielereien liest sich der Comic zwar nicht sehr flüssig, dafür ist dieses adaptierte Drehbuch im Ergebnis weit mehr als das Storyboard für einen nicht gedrehten Film, sondern ein wirklich eigenständiges Werk.
Der komplette Comic ist gemalt: mal mit feinen, oft mit eher groben Pinselstrichen, was schon mal für einen ungewöhnlichen und etwas sperrigen Look sorgt. Diese Optik dürfte nicht jedem Leser gefallen, sie sorgt aber, zusammen mit der Farbgebung, die viele Grau- und Brauntöne verwendet, für eine sehr stimmungsvolle Atmosphäre.
The Black Diamond Detective Agency ist eine sehr gelungene Graphic Novel, die intelligent aber nicht verkopft ist. Erschienen ist sie im noch jungen US-Verlag First Second, der gerade dabei ist, ein wirklich exzellentes Comicprogramm aufzubauen, mit einer klugen Mischung aus Eigenproduktionen und Importen aus Europa.
The Black Diamond Detective Agency
First Second Books, Juni 2007
Zeichnungen: Eddie Campbell
nach einem Drehbuch von C. Gaby Mitchell
144 Seiten, farbig, broschiert; 16,95 US-$
ISBN 978-1-59643-142-3

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Leseprobe bei First Second Books
Trailer zum Comic (als Quicktime-Film)
Bildquelle: firstsecondbooks.net
Anna Finks Vater, Hiram, ist bei einem Flugzeugunglück umgekommen. Er hinterlässt ihr und ihrer Mutter Linda nur einen roten Koffer und eine Uhr. Als die Mutter dann auch noch den Job verliert, scheint das Schicksal zu helfen: die beiden erben das seltsame Haus des Künstlers Tom Trondolin – ein Mann, von dem beide allerdings noch nie gehört haben. Rund um das Haus treffen sie auf verwegene Gestalten, furchterregende Skulpturen und geheime Machenschaften. Bald merkt Anna: sie muss das Rätsel, das die Erbschaft umgibt, lösen, um zu erfahren, wer sie selbst ist.
Boris Zatko wird den meisten durch seine Arbeit am Sparkassenmagazin KNAX bekannt sein, das er seit 2004 zeichnerisch mitbetreut. Mit „Anna Fink – Die Fanfare des Königs“ legt er sein erstes Buch, ein Fantasy-Jugendbuch, vor. Ganz ohne Illustrationen. Die Pull-Quote gleich vorneweg: „ANNA FINK ist besser als HARRY POTTER“. Denn wenn ich die beiden Bücher (der erste Potter war ja auch ein Erstlingsbuch) miteinander vergleiche – und das tut man in dem Genre und der Zielgruppe ja – dann ist Zatko der menschlichere Schreiber. Die Verwirrung seiner Anna über die Machenschaften in Taustadt und ihre Entdeckung der Grenzwächter, die die Grenze zwischen unserer Welt und Negasem, der Fabelwelt bewachen, ist gefühlt und nicht konstruiert. Die Grenzwächter selbst, eine Gruppe skurriler Typen, die in Wasser, Wald, Erde und Luft für Ordnung sorgen, sind ganz eigene Charaktere, bei denen sich's Zatko auch nicht vergibt, auch einmal eine Figur fast das ganze Buch lang eher negativ zu beschreiben.
Aber ich bin vielleicht schon ein bisschen weit nach vorne gelaufen. Zurück: Linda Fink und Anna erben ein Haus, das ihnen von Notar Ribbeldip übergeben wird. Um dieses Haus herum wohnen Selma Buddel, Tiberius Woda und Wilhelm Markward, die als „Zigeuner“ vorgestellt werden (aber die vorher erwähnten Grenzwächter sind). Die drei und der Notar arbeiten, ohne dass Linda und Anna das wissen, zusammen. Tatsächlich haben sie das Erbe und die Ankunft der beiden in Taustadt inszeniert, denn hier, am Ende der Schlucht der Schlundmaul, ist einer der Übergänge nach Negasem. Wozu Anna und Linda hier gebraucht werden? Nun, Annas Vater Hiram war der vierte Grenzwächter und er hat vor seinem Tod das Mundstück der Fanfare des Königs versteckt, um den bösen Königssohn Darius Anaximander daran zu hindern, die Macht in Negasem an sich zu reißen.
Ich glaube, ich spoilere hier nichts, wenn ich sage, dass (zum Lesen mit der Maus markieren) Anna herausfinden wird, dass ihr Vater noch lebt, dass sie ihn befreien wird und dass am Ende der Böse stirbt und der Gute gewinnt. Das haben wir uns gedacht. Aber wie wir zu diesem Ende kommen, das hat Boris Zatko sehr schön geschrieben. Da tauchen maulwurfartige Wesen aus der Erde auf und verschwinden „wie ein Seehund“ wieder darin, da kommt eine angenehme Paranoia auf, als eine der Figuren sich als Shape-Changer entpuppt, und da brechen elefantengroße Fledermaustaranteln in unsere Welt ein. Zwischen alldem ein zwölfjähriges Mädchen in einem fliegenden Koffer, ein Adler, der aufs Wort hört, und eine Kröte, die als Mütze dient. Es gibt wenig, was mir an „Anna Fink“ negativ aufgestoßen wäre. Die Figur der Mutter könnte ein wenig Entwicklung vertragen – spätestens auf Seite 108 hatte ich nicht übel Lust, ihr eine Portion Prozac ins Mittagessen zu bügeln, aber vielleicht ist das ja auch vom Autoren so gewollt. Und als hochdeutscher Leser stolpert man bisweilen über Schweizerismen – „allfällig“ für „eventuell“ oder „Grillplätzchen“ für „Frikadelle“ ist sicher nicht falsch, aber man stolpert darüber einfach beim Lesen. Aber das sind Kleinigkeiten, die dem Buch keine Abstriche machen. Nur eins habe ich wirklich bedauert: nachdem ich Zatkos Zeichnungen auf der dazugehörigen Website www.annafink.com (mit Lese- und Hörproben) gesehen habe, hätte ich das Ganze lieber als Comic gelesen. But that's just me.
„Anna Fink – Die Fanfare des Königs“ ist das perfekte Geschenk für euer Patenkind/eigenes Kind/Kind von Freunden im Alter von 12 bis 15 Jahren. Und hat den Vorteil, dass ihr es vor dem Schenken gut selbst lesen könnt. Ganz vorsichtig, damit der Rücken keinen Knick kriegt. Ein zweiter Teil, „Anna Fink – Der Vogel der Welten“, ist bereits angekündigt.
Anna Fink – Die Fanfare des Königs
Text und Cover: Boris Zatko
BOD
324 Seiten; 19,90 Euro
ISBN: 978-3833462191
| ab 12 Jahre: | |
| über 20 Jahre: | ![]() |
Diesmal mit dabei: Filmriss, Astro City: Der gefallene Engel, Valentine 2, Findrella, Der erste Frühling, Nylon Road, Torpedo 2, Die Hure H wirft den Handschuh und Vampire Boy 3.
Besprochen von Benjamin Vogt (bv) und Christopher Bünte (cb).
FILMRISS
Edition Moderne
Sonntagmorgen, an drei verschiedenen Schauplätzen, beginnen mehrere miteinander verknüpfte Geschichten: Da wäre natürlich die Hauptfigur, die blonde Dame vom Buchcover, die sich nicht mehr an den vorherigen Abend erinnern kann und für die der Knutschfleck auf ihrer Schulter ein Mysterium darstellt. Da wäre Nina, ihre Freundin, die abends zuvor mit ihr zusammen auf der Party war und mit deren Beziehung zu ihrem Freund Johannes es nicht zum Besten bestellt ist. Und da ist ein in einem Café stattfindendes Gespräch, bei dem ein Psychologe von der Geschichte eines aufgeregten jungen Mannes gepackt wird. Zwischen Partygeschehen, unerwiderter Liebe und geistiger Verwirrtheit erzählt die Schweizer Künstlerin Kati Rickenbach drei allmählich zusammenlaufende Episoden. Es handelt sich um kleine urbane Begebenheiten, deren zwischenmenschliche Komponenten durch eine sehr direkte und lesernahe Art von Rickenbach hervorgehoben werden. Die Figuren reden, denken, träumen und interagieren letztlich, wie es junge Leute auch in der Realität tun. Sie sind wütend, verzweifelt, melancholisch, lassen sich also ihre Emotionen durchaus anmerken. Emotionen einer Generation, die Rickenbach in Wort und Bild zwar leicht ironisiert, aber locker und leicht in Comicform wiedergeben will. Und in vielen Szenen gelingt ihr die Gratwanderung zwischen beidem eindrucksvoll. bv
ASTRO CITY 1: DER GEFALLENE ENGEL
Panini Comics/Wildstorm
Eine goldene Regel aus dem Universum der Superhelden lautet: Keine Superhelden ohne Superschurken. Diese Regel gilt auch für Astro City, Kurt Busieks Comic-Spielwiese bei Wildstorm/DC. Die gefeierte Serie, früher bei Speed, wird heutzutage bei Panini fortgesetzt. Im Mai erschien „Der gefallene Engel“, eine Geschichte über einen Superschurken der etwas anderen Sorte. Alles beginnt damit, dass der Häftling Carl Donewicz aus dem Gefängnis entlassen wird. Nach Jahren des Eingesperrtseins tauscht er seine orangefarbene Sträflingskluft gegen einen Anzug und ist wieder ein freier Mann. Allerdings ist Donewicz kein gewöhnlicher Knacki, sondern ein Superschurke. Seine Haut glänzt, sie ist aus kugelsicherem Stahl und macht ihn nahezu unverwundbar. Früher nannte man ihn Steel-Jacketed Man, oder nur kurz: Steeljack. Nun macht er sich auf den Weg zum Kiefer Square, einem heruntergekommenen Viertel von Astro City, wohin sich redliche Bürger in der Nacht besser nicht verirren. Donewicz ist hier aufgewachsen. Man kennt ihn, einen kleinen Verbrecher, der bis ganz nach oben wollte und doch irgendwo auf dem Weg dorthin abgestürzt ist. Solche wie Donewicz gibt es in Kiefer Square viele. Aber der entlassene Häftling, der früher Steeljack war, hat etwas gelernt. Er möchte um jeden Preis gut sein, so wie die Superhelden, die engelsgleich am Himmel ihre Kreise ziehen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Als Ex-Knacki legale Arbeit zu finden, ist schwierig, die Vergangenheit lastet schwer auf Donewicz, Selbstzweifel und Schuldgefühle plagen ihn. Im Kern ist „Der gefallene Engel“ weniger Handlung als Portrait. Sicher, einen Plot gibt es auch, er ist solide und macht Spaß, doch wirklich stark machen diese Geschichte die herzlichen Momentaufnahmen eines Gefallenen, der wieder auf die Beine kommen möchte. Wer hätte gedacht, dass man auf einer Superhelden-Story auch solch sensible Töne spielen kann? cb
VALENTINE 2
Ehapa Comic Collection
Der zweite Streich der französischen Comiczeichnerin Anne Guillard, die damit den Inhalt einschlägiger Frauenzeitschriften weiterhin ad absurdum führt. Guillard persifliert vom Outfit bis hin zu den Rubriken, zieht also von Frauen präferierte Themen wie Haarentfernung, Mode, Horoskope oder Persönlichkeitstests bewusst ins Lächerliche. Das macht sie so perfekt, dass man prompt die Werbeseiten kaum von echter Reklame unterscheiden kann. Da kommt es der Künstlerin natürlich sehr entgegen, dass Horoskope, kitschig und verallgemeinernd wie sie sind, oder Handyklingeltonwerbung im reizüberflutender Optik von Grund auf bereits so bizarr sind, dass deren Abänderung als Parodie von marginalem Unterschied ist. Guillards Protagonistin Valentine ist eine an sich selbst zweifelnde junge Frau, die sich zwischen Beziehungsproblemen, Epilierung und Therapie zuoberst um ihr Äußeres Sorgen macht. Sie stellt sich überzeichnet dar, mit spindeldürren Armen und ausufernder Hüfte. Demnach lassen sich auch die mal kurzen, mal längeren Comicgeschichten im zweiten Band als sehr abgedreht bezeichnen. Und nicht nur die machen das Projekt letztlich zum perfekten parodistischen Gesamtkonzept, an dem nicht nur die weibliche Bevölkerung ihren Gefallen finden dürfte. bv
FINDRELLA
Edition 52 
Findrella lebt in einer beschaulichen Unterwasserwelt und besucht dort das Nixengymnasium. Nach der Schule schaut sie zusammen mit ihrer Freundin den Jungs beim Fußball zu. Im daraus resultierenden, trübsalblasenden Zustand lädt sie ein freundlicher Fisch ein, die Meeresoberfläche zu erkunden. Prompt findet die süße Nixe ein Modemagazin der an Land lebenden Menschen und erkundet daraufhin ihre eigene äußere Wirkung und lernt letztendlich die innere Schönheit zu verstehen.
Calle Claus erschuf mit Findrella ein über 140 Seiten langes Unterwasser-Märchen, das zwar völlig ohne Worte auskommt, aber auf keinen Fall als stummer Comic zu begreifen ist. Der Künstler bedient sich nämlich einer munteren Bildsprache, die durch untrügerische Symbole in den vorhandenen Sprechblasen dargestellt werden und mit deren Hilfe Quallen, Fische, Krabben und eben Nixen munter miteinander in Kommunikation treten können. Das verlangt dem Leser trotz lockerer und feinfühliger Geschichte ein gewisses Maß an Konzentration ab, weil man an diversen Panels einfach hängen bleiben muss, um jedes Detail zu erhaschen, statt einfach drüber weg lesen zu können. Dies gelingt Calle Claus vorzüglich, der mit kindlich-naivem Strich ein simples, aber eben anrührendes und verspieltes Werk vorzulegen weiß. Was mich bei diesem Band am Meisten (bzw. als Einziges) verwirrte, ist das eine der acht Kapitel, das man auf dem Kopf lesen muss (ein bildhafter Ausdruck für Findrellas Oberflächenbesuch). Lustig zu lesen, aber so ganz hat sich mir die die angedachte Lesereihenfolge der Seiten noch nicht erschlossen. Trotzdem ein liebevolles Kleinkunstwerk. bv
DER ERSTE FRÜHLING
Carlsen Comics 
Als der Zweite Weltkrieg im Frühjahr 1945 in den letzten Zügen liegt, lebt Änne bei ihren Großeltern. Ihre Eltern wurden verhaftet und ins KZ gesteckt. Während alliierte Bomber die letzten Angriffe fliegen und die Russische Armee in Berlin einmarschiert, durchwandert das kleine Mädchen die Trümmer der Stadt und trifft einige Bekannte ihrer Großeltern, befreundete Kinder oder Leute, deren Geschichten sie lauscht.
Die Idee von Klaus Kordon, auf dessen Roman dieser Comic beruht, ist eigentlich brillant: Er erzählt die Schrecken des ausklingenden Krieges aus der Sicht eines unschuldigen Kindes und verursacht damit beim Leser eine deutlich stärker ausgeprägte Konfrontation mit der Materie. Änne werden im Verlauf die Haare kurz geschoren, um sie als Junge auszugeben, ihr heimgekehrter Vater erzählt von seinem KZ-Aufenthalt, ein Sowjet-Soldat vom Grauem an der Kriegsfront und der Unbarmherzigkeit der Deutschen. Aber dennoch ist der große Sturm am Ende des Bandes vorbei, in den Trümmern symbolisieren Kinder wie Änne die Hoffnung auf einen ruhigeres Leben in der Zivilbevölkerung. Umgesetzt haben Kordons Idee Christoph Heuer und Gerlinde Althoff. Manche Szenen in dieser schwarz-weißen, nüchternen Erzählung wissen zu beeindrucken, ebenso alles was im Hintergrund abläuft, die Hektik, die Ungewissheit der Menschen, während wir Ännes Alltag mitverfolgen. Außerdem fallen die vielen Details, die in Dialogen und Bildern eingebaut wurden, positiv auf. Einzig den Zusammenhang zwischen vielen starken Momenten und der Emotionalität der Figuren vermisste ich. So bleiben Beziehungen zwischen den handelnden Menschen wenig tiefschürfend und der Comic an und für sich historisch interessant, aber ansonsten nur nett. bv
NYLON ROAD
Kein & Aber 
Parsua Bashi emigrierte 2004 aus ihrer Heimatstadt Teheran in die Schweiz, ihre Erlebnisse rund um diese Reise schildert sie in der grafischen Novelle „Nylon Road“. Natürlich bleiben dabei Parallelen zu Marjane Satrapi, die ihre Flucht aus dem Iran ebenfalls in einer autobiografischen Comicerzählung (“Persepolis“) thematisierte, nicht aus. Aber Parsua Bashis Werk besitzt fernab von der Themenverwandtschaft durchaus eigene Qualitäten. Der Comic behandelt kulturelle Unterschiede, Integration, Unterdrückung, gesellschaftliche Moralvorstellungen, Politik und Religion auf subjektive, manchmal auch humoristische Weise, ohne dabei aber das Feingefühl, das die Fokussierung auf diese Punkte erforderlich macht, zu verlieren. „Nylon Road“, das ist auch eine Leidensgeschichte: Die Autorin berichtet von Erniedrigung, der Farce vor den Gerichten des Mullah-Regimes, einer schrecklichen Ehe und Schuldgefühlen gegenüber der zurückgelassen Tochter. Der größte Clou dürfte dabei Bashis Kunstgriff sein, die Ich-Erzählung unkonventionell in ihrem Stil zu brechen, um sich selbst als Protagonistin ihren früheren Ichs begegnen zu lassen. So steht etwa in ihrem Badezimmer plötzlich ein kleines Mädchen (Bashi selbst im Alter von sechs Jahren), das sie an ihre Unbekümmertheit erinnert und ihr jugendliches Ich tritt mit ihr in eine lebhafte Diskussion über den Islam. Letztlich ist dieser interessante Einfall für den Comic ein gutes und ausdrucksstarkes Werkzeug, um die Emotionen und die Erfahrung, die die Autorin transportieren will, zu vermitteln. bv
TORPEDO 2
Cross Cult
Wer dachte, das Crime-Epos Torpedo von Enrique Sanchez Abuli und Jordi Bernet kann nach dem ersten Band nicht noch mehr begeistern, darf sich jetzt freudig die Hände reiben: Band 2 führt den pragmatischen Kleinkriminellen und Auftragskiller Luca Torelli wieder in bitterböse Abenteuer, die dermaßen unverhohlen Gewalt und amoralisches Verhalten an den Tag legen, wie man sie in einem Comic mit solch realistischem Hintergrund (Mafia, 30er Jahre, New York) nur selten zu sehen bekommt. Torelli mordet, weil es sein Job ist, und auch wenn die Art und Weise, wie Abuli seine Stories mit einem berstenden schwarzen Humor auszustatten vermag, nur schlicht als grandios bezeichnet werden kann: Bei diesen Geschichten mit ihrem reduzierten Erzählrhythmus, ihrer Simplifizierung des morbiden Grundthemas, muss wohl zwangsläufig der Abscheu gegenüber der Hauptperson der Faszination eben jener weichen. Torelli schlüpft wieder in diverse Rollen, nimmt Rache, macht Jagd auf einen Glückspilz, und wir bekommen die erste Begegnung zwischen ihm und Rascal, seinem Verbündeten, erzählt. Wer markige Verbrecher, für die Moral ein Fremdwort ist, mag, sollte Torpedo nicht verpassen. Wer brillante s/w-Zeichnungen und knackige Situationskomik im Zusammenhang mit Gewaltszenen liebt, der muss sich zum Kauf des zweiten Bandes erst Recht verpflichtet fühlen. bv
DIE HURE H WIRFT DEN HANDSCHUH
Reprodukt 
Katrin de Vries' und Anke Feuchtenbergers Huren-Trilogie findet ihren Abschluss. Nach den Bänden „Die Hure H“ und „Die Hure H zieht ihre Bahnen“ lassen die beiden ihre Kunstfigur im jetzt veröffentlichten dritten Band also endlich den Handschuh werfen. Auch die drei vorliegenden Episoden in diesem Album begreifen die Titelfigur nicht wirklich als Prostituierte an und für sich, und wenn, dann lassen de Vries und Feuchtenberger diese Tatsache zur Nebensächlichkeit verkommen. Vielmehr lässt sich die Hure H mit der Verletzbarkeit und Findungssuche der Frau im Allgemeinen assoziieren. Sie wandert umher, bis sie schließlich ihren großen, mächtigen, den modernen Mann gefunden zu haben glaubt. Doch mit ihm oder ohne ihn, gibt es Freiheit denn überhaupt? Die Hure H lässt sich den Hof machen, im wahrsten Sinne des Wortes wie auch auf übertragener Ebene, aber auch das befriedigt sie nicht. Nur als sie auf ihren Ball geht, sich im Animalischen ihrer Persönlichkeit ergeht, kann der Leser das mögliche Ende ihres Weges durch voyeuristische Betrachtungswinkel mitverfolgen.
Die Hure H ist Heldin und Tragikfigur, das obszöne Spiegelbild der Allerweltsfrau und Sinnbild naiver Erzählungen. Der Vordergrund ihrer Comics bleibt märchenhaft und verspielt, die tiefere Bedeutung verschleiert. Als Mysterium der Moderne und Stil prägendes Vorzeigebeispiel des Kunstcomics, wenn man diesen Genrebegriff benutzen möchte, verbinden sich die knappen, rhetorisch schwungvollen und geistreichen Begleitsätze von Texterin de Vries mit den imposanten, schraffierten Zeichnungen Anke Feuchtenbergers, deren leicht anrüchig wirkende Bebilderung wie immer eine Augenfreude darstellt. Ein wunderschönes Werk, der Abschied von einer Hure. bv
VAMPIRE BOY 3
Cross Cult
Das scheinbar unendlich fortwährende Duell zwischen Ahmasi und dem kleinen Vampirjungen neigt sich dem Ende zu. Bisher blieben alle Versuche, den jeweils anderen für immer von der Erde zu tilgen, erfolglos, weswegen der Junge für das Ableben der immer radikaler agierenden und höchst erzürnten Ahmasi nur noch die Chance sieht, den Hinweisen zu einer uralten Überlieferung zu folgen. Es handelt sich um das Geheimnis, wie man unsterbliche Wesen töten kann. Für beide Kontrahenten erwachsen aus diesem Wissen aber zugleich Chance wie Gefahr.
Band 3 der vampirischen Story von Carlos Trillo und Eduardo Risso nimmt noch einmal ordentlich Fahrt auf und treibt die Erzählung hin auf ein dramatisches Ende. Es scheint für den Leser schon lange klar, dass einer der beiden wohl endlich definitiv das Zeitliche segnen würde, trotzdem erhält sich Vampire Boy die Spannung bis zur letzten Seite. Viele überraschende Wendungen begleiten den Abschluss dieses Dreiteilers, wobei sich insbesondere die stetig ansteigende Brutalität und die sich anstauende Gnadenlosigkeit als antreibendes Motiv im Verhalten der beiden Hauptpersonen konstatieren lässt.
Als besonderes Schmankerl lässt sich auch endlich das nun vollendete Rückenmotiv der wie immer schicken Hardcover-Ausgaben von Cross Cult in voller Pracht bewundern. Ein kleines ästhetisches Detail, das dieser tollen Serie auch von außen einen fertigen und runden Schliff verleiht.
bv
Bildquellen: comiccombo.de und die jeweiligen Verlage