Familienbesuch II
Nach einer Geschäftsreise steigt Hiroshi Nakahara versehentlich in einen falschen Zug. Dieser bringt den Familienvater zufälligerweise in seine Geburtsstadt Kurayoshi. Beim Besuch des Grabes seiner Mutter verliert er das Bewusstsein und wacht schließlich als sein eigenes 14-jähriges Ich wieder auf.
Er befindet sich wieder in den 60ern, für Hiroshi wiederholt sich damit nicht nur die Geschichte, längst vergangene Geschehnisse um Familie, Freunde, Schule, sondern er erlebt sie nunmehr mit dem distanzierten Blick und Wissensstand eines 48-jährigen. Die ungewöhnliche Zeitreise entwickelt sich für ihn zudem zur einmaligen Gelegenheit, nämlich ab dem Zeitpunkt, ab dem er realisiert, dass er dem plötzlichen Verschwinden seines Vaters in jenem Sommer 1963 endlich auf die Spur kommen kann. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Frage, was passiert, wenn es Hiroshi diesmal gelingt, seinen Vater davon abzuhalten, die eigentlich harmonische Umgebung der Familie zurückzulassen.
Mit über 400 Seiten ist Vertraute Fremde sicherlich als ein Werk zu bezeichnen, auf das man sich bereits aufgrund des Umfangs längere Zeit einlassen sollte. Jiro Taniguchi nimmt sich viel Zeit für die Einführung der wichtigsten Personen, insbesondere natürlich des Hauptcharakters, dessen tiefer gehende Konfrontation mit dem Motiv des Vaters ihn, je mehr er herausfindet, an sein eigenes, zukünftiges Erwachsenendasein erinnert.
Taniguchi reflektiert gekonnt die Erfahrungswerte der Kindheit und bringt sie dem Leser aus unverklärtem Blickwinkel näher. Dadurch entsteht eine neue Perspektive, die nachdenklich macht, leicht amüsiert und spielerisch mit dem Thema Vergangenheitsbewältigung umgeht. Dabei bleibt die vermittelte Moral stets subtil, die Rückführung des Protagonisten wird zu dessen Spiegel, die Aufarbeitung des mysteriösen Verschwinden des Vaters entpuppt sich plausibler und damit leider auch ernüchternder als erwartet, wie eben so vieles im Leben. Aber auch abseits von alledem ist es wundervoll, den quasi reinkarnierten 14-jährigen Jungen zu verfolgen, wie er sein neues altes Leben entdeckt.
Für einen Manga ist Taniguchis Zeichenstil erfrischend zurückhaltend, die Bebilderung des alltäglichen Lebens ruhig und präzise dargestellt. Vertraute Fremde besitzt eine anrührende Story, die auf vielen Seiten an Sympathie gewinnt und einen schlichtweg in den Bann ziehen kann. Zwar ist die Erzählung im asiatischen soziokulturellen Raum beheimatet, orientiert sich aber durchaus auch an westlichem Storytelling, alles in allem sind Taniguchis einfühlsame Schilderungen dadurch noch zielgerichteter und machen den Comic inhaltlich und optisch zu einen runden Sache.
Vertraute Fremde
Carlsen; August 2007
Text/Zeichnungen: Jiro Taniguchi
409 Seiten; 19,90€
ISBN: 3551777799
Im 1. Akt dieser Erzählung, in der der Student Jan eines Morgens als Frau aufwacht, werdet Ihr mitgenommen auf eine verzweifelte Reise auf der Suche nach dem, was einen wirklich ausmacht.
129 Seiten erwarten Euch! Bitte hier klicken.
Für alle, denen unsere wöchentlich und monatlich aktualisierten Webcomics zu wenig Lesestoff sind, gibt es jetzt ein echtes Highlight: Jot hat ein Comicepos geschaffen, das er jeden Montag im Comicforum aktualisiert. Bei Comicgate könnt Ihr nun den kompletten ersten Akt von „Oh nein! Ich bin ein Mädchen!“ in einem Stück lesen, stolze 129 Seiten einer Bodyswitch-Geschichte.
Was würdet Ihr machen, wenn Ihr eines Morgens aufwacht und kein Kerl mehr seid, sondern ein Mädel?
Jot benutzt dieses Thema nicht für eine (mehr oder weniger gelungene) Komödie wie in Hollywoodfilmen gesehen, sondern setzt sich ernsthaft mit dem Gedanken auseinander, mit allen Konsequenzen. Und erschafft immer wieder verblüffende Wendungen.
Direkt zum Webcomic: „Oh nein! Ich bin ein Mädchen!“
Jot: „Zu mir: geboren in Stade, wohnhaft in Buxtehude in der Nähe von Hamburg.Ich machte mein Abitur dort eigentlich nur, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Genau so verhält es sich mit meinem Studium zum Grafik- und Kommunikationsdesigner, doch inzwischen finde ich Gefallen an der Sache. Nun habe ich es erfolgreich abgeschlossen und werfe mich optimistisch für die Zukunft auf den Arbeitsmarkt.
Oh Nein! Ich bin ein Mädchen! begann eigentlich als Übung für JAZAM und war gar nicht als derart lange Geschichte geplant. Doch die Story kam im Comicforum sehr gut an, entwickelte sich zum Selbstläufer und nun ist ein Ende noch nicht abzusehen.
An dieser Stelle komme ich nicht um ein paar Danksagungen herum, als da wären
Viel Spaß beim Lesen wünscht euch
Jot“
Nach fünfjährigem Warten erscheint nun endlich der zweite Band von Plaque dem Magazin für Wort und Bild aus dem avant-Verlag. Die Herausgeber, Johann Ulrich und Kai Pfeiffer, haben sich für Ihre Plaque 2 Zeit gelassen. Während dieser Zeit haben sich einige der im Band enthalten deutschen Erstveröffentlichungen den Status „mystischen Klassikern“ erworben. Es ist aber nicht nur der Status einzelner Geschichten, sondern die gut überlegte Auswahl die Plaque 2 zu einem gereiften Unikat machen.
Frisch aus meinem Schottlandurlaub zu Hause eingetroffen, entdecke ich einen zusammengeschichteten Stapel, der sich bei genauerem Hinsehen als meine Post herausstellt. Bevor ich jedoch diesen Haufen loser Briefe, Rechnungen und Päckchen sondiere, räume ich als erstes in Ruhe meinen Rucksack aus. Nachdem sich der gesamte Inhalt meines Rucksacks vom Boden in die jeweiligen Schränke verteilt hat, bleibt nur noch eine Flasche Whisky auf dem Schreibtisch neben der Post stehen, ein 17jähriger Glengoyne, Single Malt. Unentschlossen wo ich dieses Souvenir unterbringen soll, bemühe ich mich erst einmal um die Post. Nach einer Vielzahl von Rechnungen bleibt nur noch ein Paket ungeöffnet. Nach einigem ungestümen Zerren und Schneiden kommt ein blaues Buch zum Vorschein, Plaque 2, Magazin für Wort und Bild. Unschlüssig welchem der beiden Gegenstände ich mich zuerst widmen soll, bleiben beide vor mir stehen.
Auf meinem Schreibtisch liegen jetzt zwei Gegenstände, die auf den ersten Blick relativ wenig gemein zu haben scheinen: zum einen ein Single Malt aus den schottischen Highlands, der 17 Jahre in einem Sherryfass gereift ist, und zum anderen ein Comicmagazin aus dem Berliner avant-Verlag, das auch bereits fünf Jahre auf sein Erscheinen warten ließ. Einmal abgesehen von dem unterschiedlichen Alter der beiden Produkte lassen bereits die gewählten Bezeichnungen gewisse Differenzen erahnen. Während man einen Whisky als Single Malt bezeichnet, wenn dieser an ein und derselben Produktionsstelle hergestellt wurde, lässt der Titel „Magazin“ eine Anthologie, also eine Sammlung von Comics erwarten. Im Fall vom Whisky wäre eine eben solche Vermischung von verschiedenen Whiskys, ein blending, eine Todsünde. Inwieweit diese Comicsammlung aber Qualitätsunterschiede zum Whisky aufweist, wird erst bei der Lektüre deutlich. Seite für Seite, die ich in das Magazin vordringe, wird mir die Analogie zum Whisky einleuchtender, denn bei Plaque 2 handelt es sich eben nicht um eine Ansammlung von verschiedenen Comics, die zu einem Band vermischt wurden, sondern um eine handverlesene Auswahl an Zutaten, die zusammen ein sehr beachtliches Endprodukt ergeben. Betrachten wir das Magazin also mit den Sinnen eines Whiskyverköstigers.
Für das erste Aroma des Magazins sind der deutsche Comickünstler Horus und sein österreichischer Kollege Nicolas Mahler verantwortlich. Horus, der vor allem durch seine recht textlastigen Comics wie Wüstensöhne und Schattenreich bekannt ist, leitet das Magazin mit einem Essay zur allgemeinen Erläuterung des Comicbegriffs ein. Dabei beginnt er zunächst recht versöhnlich mit der Benutzung von Scott McClouds Tanzpaar-Analogie von Wort und Bild. Im Laufe des Artikels jedoch wirft Horus dem amerikanischen Comic-Theoretiker nicht nur einen polemischen Stil vor, sondern versucht auch noch zu beweisen, dass McClouds Definition vom Comic das Medium einengen würde anstatt es zu befreien. Betrachtet man die letzten Seiten von Understanding Comics einmal genau, wird ziemlich schnell deutlich, dass dies in keinem Fall die Absicht McClouds ist. Die Frage, ob die Kritik von Horus gerechtfertigt ist, bleibt im Raum stehen. Viel interessanter an dieser Debatte ist aber die Art und Weise, wie sie einleitend die Weichen für alle Beiträge in Plaque 2 stellt.
So ist es als erstes an Nicolas Mahler mit seinem Comic A King's Tale, die Aussagen von Horus zu negieren. Folgen aus sechs, acht oder auch neun Bildern, die ganz ohne Worte auskommen, ja deren Humor Worte im Weg stehen würden, erzählen bei Mahler die Abenteuer eines tyrannischen Königs, der außer der Exekution seiner Untertanen nicht sonderlich viel unternimmt. Bei näherem Hinsehen fällt auf, dass es keine zufällige Auswahl ist, die rein textliche Besprechung der Welt der Comics von Horus neben Mahlers Comic, der ganz ohne Worte auskommt, zu platzieren. Die Verleger Ulrich und Pfeiffer präsentieren eben durch diesen Kunstgriff die komplette Spannbreite des Comics, die ein „Magazin für Wort und Bild“ verspricht.
Der eigentliche Geschmack von Plaque 2 aber – die Grundnote des Magazins – geben ihm erst die Comics von David B. und Anke Feuchtenberger, gefolgt von einem ausführlichen Interview mit letzterer. Erst diese Arbeiten scheinen das von Horus erwähnte Potential von Wort und Bild in Vollendung ausnutzen. Auch diese beiden Künstler erzeugen im direkten Vergleich miteinander einen harschen Kontrast, der die Vielfalt der Comics aber erst bestätigt.
David B. ist Mitbegründer des französischen Comic-Verlags L'Association und bekannt geworden durch seinen autobiografischen Comic Die heilige Krankheit, der von seinem an Epilepsie erkrankten Bruder berichtet. In Plaque 2 durchstreift der Protagonist in Die Ereignisse der Nacht Buchladen- und Buchstabenlabyrinthe. Wie alle der im Band vertreten Comics, so handelt es sich auch bei Die Ereignisse der Nacht um die deutsche Erstveröffentlichung. Es ist wirklich interessant zu beobachten, wie David B. mit seiner Schwarz-Weiß-Technik den Leser in eine Welt voll von magischem Realismus führt, die man sich nach den Erzählungen von Gabriel Garcia Marquez (Hundert Jahre Einsamkeit) immer in allen Regenbogenfarben vorgestellt hatte. Dabei sind es die von Horus gepriesenen Worte, die bei David B. immer wieder drohen in die Bilder einzudringen und diese zu überlagern. Doch gerade an dieser Schnittstelle zwischen Wort und Bild steht David B. als Comickünstler, als Aufseher über alle Zeichen, der dafür sorgt, dass beide Künste gleichberechtigt nebeneinander stehen dürfen. Es ist also genau das von Horus und McCloud beschriebene Tanzpaar, dessen Choreographie David B. ausarbeitet. Gerade als man als Leser an dem Punkt angekommen ist und Horus beipflichten möchte, wird man durch die Zeichnungen von Anke Feuchtenberger sehr gewaltsam aus diesem harmonischen Verhältnis herausgerissen.
Von einer Seite auf die nächste muss sich der Leser von Die Überfahrt von dem zuvor etablierten Fluss der Bilder lossagen, um Feuchtenbergers Arbeit eine Chance zu geben. Wer Feuchtenbergers Comics noch nicht kennt, wird sich fragen, inwieweit sich diese überhaupt als solche titulieren lassen. Auch hier muss man erst wieder zu dem Essay von Horus zurückkehren, um zu erkennen, dass sich vor dem Comicschöpfenden ein „Meer der Möglichkeiten“ auftut. So sind es vor allem die Brüche zwischen den Bildern, die den Leser vor die Aufgabe stellen, größere Sinnsprünge zwischen den einzelnen Sequenzen zu vollziehen. Feuchtenberger enthält dem Leser absichtlich die Induktion als Mittel für Sinnproduktion vor. Ihre Werke ähneln so immer mehr einer Reihe von Emblemen. Diese Analogie lässt sich vor allem durch die spärlichen mit Unterschrift versehenen Einzelbilder belegen. Es wäre bei dieser Geschichte nicht von Nutzen, ihre Handlung zu beschreiben, da sie nur wie zwingendes Beiwerk wirkt. Während Feuchtenberger ihrer Linie treu bleibt, zu bewundern in Werken wie Die Hure H oder auch Der Tempel, ist das Interview zwar informativ, aber enthält nicht wie die Zeichnungen den Stellenwert einer deutschen Erstpublikation. Nicht, dass diese Unterhaltung bereits zuvor abgedruckt wurde, aber die Fakten und Anekdoten, die hier ausgetauscht werden, scheinen alle schon bekannt zu sein, wenn man schon einmal von Anke Feuchtenberger gehört hat. An dieser Stelle wäre ein frischer Zugang zu der Comickünstlerin schön gewesen, wie man ihn von Kramer's Ergot kennt.
Um dem Comicmagazin einen lieblichen Abgang zu verschaffen, hat man sich für die eher einfachen Geschichten von Ulli Lust und Matt Broersma entschieden. „Einfach“ darf an dieser Stelle aber nicht als „simpel“ oder gar „schlecht“ verstanden werden. Nur fällt es schwer, sich nach den Comicexperimenten auf den vorangegangenen Seiten auf zwei relativ konventionelle Geschichten einzulassen. Obwohl die Geschichten, die beide erzählen, wirklich unterhaltsam und spannend zugleich sind, lassen sie die Prämisse von Horus, „neues Land“ zu entdecken, vermissen. Wahrscheinlich liegt es nur an der Tatsache, dass die vier Vorgänger bereits eine Vielzahl von Extremen ausgeschöpft haben, so dass die Freakshowgeschichte der Österreicherin Ulli Lust zwar gut unterhält, aber nicht zu mehr einlädt.
Bei dem Amerikaner Matt Broersma, den Paul Gravett in seinem Vorwort zu der Geschichte nur allzu gern für Großbritannien beanspruchen möchte, sieht der Sachverhalt etwas anders aus: Hier sind die Geschichte, die eine Spur zu viel Hunter S. Thompson beinhaltet, oder gar die Technik, die stark an Charles Bukowski erinnert, nicht wirklich innovativ. Nachdem sich alle anderen Künstler in Plaque 2 über die Erzählweise und die Handlung hergemacht haben, zeichnet und textet Broersma mit Hawaii eine Film Noir-Adaption par excellence. Er schaut also über den Tellerrand seines Mediums hinaus und entdeckt die amerikanischen Groschenromane der 20er und die Filme der 40er und 50er Jahre. Broersma folgt dem Ruf von Horus, der in seinem Essay einleitend verkündet: „Draußen dämmert es. Die Horizonte sind weit! Da draußen liegt eine schlafende Welt. Der wache Blick kann sie erwecken.“
Der avant-Verlag hat mit Plaque 2 ein Magazin, wenn man es denn so nennen will, herausgegeben, dass sehr wohl gleichberechtigt neben dem Single Malt stehen darf. Obwohl, wie im Vorwort der Publikation erwähnt, eine thematische Geschlossenheit (in Plaque 1 hatte man sich für Italien als Länderschwerpunkt und Thema des Magazins entschieden) auf den ersten Blick nicht zu existieren scheint, wird bei der Lektüre deutlich, dass man den Untertitel „Magazin für Wort und Bild“ diesmal wesentlich ernster genommen hat als noch bei dem Prototypen.
Abschließend lässt sich Plaque 2, Magazin für Wort und Bild, wie folgt bewerten: Auf ein sehr frisches Aroma, das Lust auf eine Auseinandersetzung mit Comics macht, folgt ein recht kräftiger Grundton, der die ganze Lektüre über andauert und auch den etwas zu lieblichen Abgang noch überlagert. Zu bemängeln ist lediglich der Druck, da auf ein paar Seiten die Texte, aber auch die Zeichnungen etwas zu verschwimmen drohen. Abschließend kann ich nur raten, sich einen guten Whisky zu besorgen, sich Plaque 2 zu beschaffen und einfach mal still zwei handverlesene Selektionen zu genießen. Mein Rat: Anstatt irgendwelche zusammengemischte Verschnitte zu lesen, nehmt Euch mehr Zeit für das Lesen von guten Comics. Auf solche werden wir in Zukunft vielleicht so lange warten müssen, wie die Männer, die ihren Whisky Jahrzehnte lang in Sherryfässern lagern. Aber es wird sich lohnen!
Plaque 2 – Magazin für Wort und Bild
avant-Verlag, September 2007
Herausgeber: Johann Ulrich, Kai Pfeiffer
Künstler: Horus, Nicolas Mahler, David B., Anke Feuchtenberger, Ulli Lust, Matt Broersma
160 Seiten, schwarz-weiß, Softcover; 16,95 Euro
ISBN 9783980772594
Bildquelle: avant-verlag.de
Diesmal mit dabei: Horrorschocker 14, Tales of The Other 1, Hörspiel: Dracula, DMZ, Gødland, Dampyr 1 und 2, Sperrbezirk, Hellgate London, Flossen 2 – Dicker als Wasser, Wasserlachen und Jazam! 2.
Besprochen von Christopher Bünte (cb), Marc-Oliver Frisch (mof) und Frauke Pfeiffer (fp).
HORRORSCHOCKER 14
Weissblech Comics
Die fleißigen Blechsoldaten um WCs Mastermind Levin Kurio haben sich etabliert als zuverlässige Lieferanten des Indiehorrors. Ihre regelmäßig erscheinende Serie Horrorschocker bietet auf 28 Comicseiten abgeschlossene Erzählungen. Diesmal entführt uns Levin in „Der Zorn des Anubis“ ins alte Ägypten und liefert damit eine sehr solide Sache ab. Hut ab! Noch etwas weniger Hingestupse auf die Pointe am Ende, und ich hätte nix zu meckern. „Das Schwarzteeopfer“ ist eine vierseitige Kurzgeschichte von Autor Boris Koch, in der es mal nicht um das typische Horrorinterieur Vampire, Werwölfe, Zombies und Co geht. Sehr originell-abstrus, fast philosophisch. Von „Das Geschenk“ habe ich mir eigentlich am meisten erwartet, schließlich kann man bei Yann Krehl und Zeichner Klaus Scherwinski nicht verkehrt liegen. Diesmal bleibt es aber trotz des guten Artworks eher Standardware, von Yann ist man originellere Szenarien gewöhnt. Dass man sich immer noch eine Leserbriefseite gönnt und ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudert, macht für mich auch den Charme dieser Heftserie aus. Fein. fp
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TALES OF THE OTHER 1
Weissblech Comics
Und schon wieder neues Material von Weissblech! „Tales Of The Other“? Nr.1? Muss wohl eine neue Serie sein. Das schicke Cover von Carsten Dörr macht jedenfalls Lust drauf. Leider findet sich beim Reinschauen kein Hinweis drauf, was sie denn nun von o.a. Horrorschocker unterscheiden soll. Beim Durchlesen erahne ich das Konzept – einzelne Kurzgeschichten über mehr oder weniger fiese Mitbürger und ihr untotes Ende, die aber nicht abgeschlossen sind wie üblich, sondern sich in der vierten Geschichte zusammenfügen. Gute Idee. Einzig das abrupte Ende ist völlig Banane. Untote als Musiker, das klang ja schon bei Anne Rice albern. Sicherheitshalber schaue ich im Internet nach, was es mit der Serie auf sich hat. Und ups, es ist der Comic zur Horrorpunkband „The Other“. Okay, dann bleibt das Ende nicht aus, und auf einmal ergibt auch die Werbung für Musiklabels und Klamotten im Heft einen Sinn. Nette Sache; wenn ich in der Band oder Fan wäre, würde mir dieser Comic gefallen. Als reine Erzählung schwächelt er allerdings mitunter, und für „normale“ WC-Leser wäre ein Hinweis auf den Hintergrund sicher angebracht gewesen. fp
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Hörspiel:
GRUSELKABINETT 16-19 – DRACULAS GAST UND DRACULA
Titania Medien
Abseits von unseren Comicrezensionen stellen wir Euch an dieser Stelle ein Hörspiel vor, das bei vielen unserer Leser sicherlich auf Interesse stößt. In der Neuauflage der Dracula-Saga wird zum ersten Mal die Kurzgeschichte „Draculas Gast“ als Prolog der bekannten Geschichte vorangestellt, so wie es von Bram Stoker ursprünglich vorgesehen war. Obwohl ich nicht alle bekannten Synchronsprecher hätte zuordnen können (Joachim Höppner (dt. Stimme von Gandalf) als Graf Dracula, Simon Jäger (Heath Ledger, Josh Hartnett) als Jonathan Harker, Lutz Mackensy (Al Pacino), Kaspar Eichel (Dennis Hopper), Petra Barthel (Nicole Kidman) uvm.), so macht sich doch diese Professionalität bezahlt. Hier wird ganz deutlich, dass auch Synchronsprecher gute Schauspieler sein müssen. Nichts wirkt übertrieben oder abgelesen. Die Atmosphäre der Ezählung, die durch Harkers Tagebucheinträge ihren Handlungsrahmen erhält, baut sich gemächlich auf, und der Zuhörer wird unweigerlich immer mehr in die Zweifel, später die Ängste des jungen Rechtsanwalts hineingezogen. Dazu kommen die gut, nie übertrieben eingesetzten Soundeffekte, und durch den Prolog erhält der Klassiker eine neue Tiefe. Der noch junge Verlag Titania Medien ist übrigens 2006 zum dritten Mal in Folge als bestes Hörspiel-Label ausgezeichnet worden. Wenn alle seine Hörspiele so sorgfältig und stimmungsvoll produziert sind wie dieses, dann ist das kein Wunder. fp
DMZ (US)
DC Comics/Vertigo
Wir befinden uns in einer nicht all zu fernen Zukunft: Der junge Matty Roth soll den Starkorrespondenten eines mächtigen Fernsehsenders als Fotoassistent begleiten. Doch schon bei Mattys erstem Auftrag geht alles schief. Der Helikopter seines Teams wird abgeschossen. Matty ist plötzlich auf sich alleine gestellt, gestrandet in der sogenannten „DMZ“, der entmilitarisierten Zone eines erbitterten Bürgerkriegs. Die Reihe von Brian Wood und Riccardo Burchielli spielt nicht etwa in Beirut, Bagdad oder Mogadischu – auch wenn die Häuserkampf-Atmosphäre des Comics nicht selten an die des Films Black Hawk Down erinnert. Nein, Schauplatz von DMZ ist Manhattan, das Herz von New York City, das zwischen einer hochtechnisierten Neuauflage des amerikanischen Bürgerkriegs zum Niemandsland geworden ist. Wood macht keinen Hehl aus seiner kritischen Haltung gegenüber der aktuellen US-Außenpolitik, und nicht selten dienen reale Ereignisse in Krisengebieten als Inspiration für die Handlung. Trotz der politischen Untertöne behält Wood jedoch ständig seine Nase im Dreck und bleibt dadurch im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen als Erzähler glaubwürdig: nicht um abgehobene Ideen, Moralpredigten oder Stammtischparolen geht es in DMZ, sondern um die Menschen, die unter der ständigen Bedrohung von Bombardierungen, Heckenschützen, Selbstmordattentätern und Plünderern überleben müssen; um die neuen Subkulturen, die in dieser permanent lebensfeindlichen Umgebung entstehen; um die Soldaten in einem weiteren bewaffneten Konflikt, dessen Zweck und dessen Seiten zunehmend verschwimmen und irrelevant werden; um korrupte Regierungen, Konzerne und Medien, die den Krieg zu ihrem Vorteil ausschlachten und für die ein Menschenleben keine Bedeutung hat; und natürlich um die Entwicklung der Hauptfigur vom verwöhnten, widerwilligen Praktikanten zum integeren Journalisten, der jeden Tag aufs Neue gezwungen ist, Berufsethos, Menschlichkeit und das nackte Überleben gegeneinander abzuwägen. mof
DMZ 1 – ABGESTÜRZT
deutsch bei Panini Comics
Die ersten Seiten von DMZ – Abgestürzt wecken große Erwartungen. Amerika befindet sich im Bürgerkrieg, das Land ist geteilt. Den Vereinigten Staaten stehen die so genannten Freien Staaten gegenüber. Zentrum des Konflikts ist die Insel Manhattan. Hier liefern sich die beiden Kriegsparteien seit Jahren einen erbitterten Kampf, ohne dass eine Seite den definitiven Sieg davontragen würde. Die Fronten sind verhärtet, im Moment herrscht ein brüchiger Waffenstillstand. Manhattan ist die DMZ, die Demilitarisierte Zone, in der keine Streitkräfte stationiert sind, sondern in die nur nach Bedarf ein- und wieder ausgerückt wird. Noch immer leben Zivilisten in Manhattan, die versuchen, im Kriegsgebiet möglichst gut über die Runden zu kommen. Mitten in dieses Treiben stürzt der Praktikant Matthew Roth. Er sitzt in einem Hubschrauber, der über der DMZ abstürzt. Als einziger Überlebender bahnt er sich einen Weg durch die von paramilitärischen Einheiten besetzten Hochhäuser, findet schneller Freunde, als der Leser glauben mag und berichtet hier und da via Internet an die Außenwelt. So begegnet er Zee, einer Medizinstudentin, die als Ärztin unterwegs ist, The King, einem ehemaligen Marine, der mit einem überdimensionierten Sniper-Gewehr Aussicht hält, und Soames, dem Anführer einer Öko-Guerilla-Truppe. Leider halten die ersten Seiten von DMZ – Abgestürzt nicht, was sie versprechen. Die Grundidee umwölkt eine beinahe beißende Aktualität, nämlich ein inneramerikanischer Konflikt, der nicht nur eine politische, sondern auch eine soziale Dimension hat. Leider findet sich davon in DMZ wenig wieder. Der intellektuelle Anspruch, der der Grundidee eines amerikanischen Bürgerkriegs anhaftet, löst sich nach wenigen Seiten in Wohlgefallen auf. Was bleibt, ist ein mittelmäßiger Kriegs-Comic, actionreich und nur selten spannend. Die große Vision bleibt aus. cb
auf Deutsch:
auf Englisch:
GØDLAND (US)
Image Comics
Am Ende des Films 2001: A Space Odyssey erhielt der geneigte Kinogänger 1968 audio-visuellen Einblick in die kosmische Geburt einer neuen Menschheit. In den Siebzigern ließen sich dann die Comicschöpfer Jack Kirby und Jim Starlin zu einem neuen, „kosmischen“ Typus des Superhelden inspirieren: Kirby schuf Figuren wie die New Gods und die Eternals, Starlin drückte den drittklassigen Marvel-Helden Captain Marvel und Adam Warlock seinen Stempel auf und führte sie zu ihrem kommerziellen Höhepunkt. Kubricks Weltraum-Opus sowie die Arbeiten Kirbys und Starlins sind die wesentlichen Elemente, aus denen Autor Joe Casey und Zeichner Tom Scioli das Fundament von Gødland gegossen haben. In der Reihe werden dem Astronauten Adam Archer auf einer Mars-Mission von einem Kollektiv von schillernden Weltraumgöttern übermenschliche Kräfte verliehen. Man könnte auch sagen: Archer wird in einer göttlichen Macht wiedergeboren, ganz ähnlich wie der Astronaut in 2001. Wo der Streifen aufhört, fängt der Comic an, und die Schöpfer genieren sich keine Sekunde lang, den als Kunstwerk anerkannten Film als Sprungbrett für poppig-grobschlächtige Kirby-Comics zu verwenden, angereichert um eine Fülle popkultureller Verweise von Sigmund Freud bis Bob Dylan. Die ironische Brechung kommt dabei nicht zu kurz: Man ist sich durchaus bewusst, dass man melodramatischen Trash produziert. Nichtsdestotrotz lassen die absurden Geschichten voll augenzwinkernden Bombasts aber jederzeit eine Schaffensfreude erkennen, die vielen Superheldencomics abhanden gekommen ist. Casey und Scioli lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie einen Heidenspaß daran haben, sich abstruse, knallbunte Szenarien um kosmische Gurus in Hundegestalt, swingende Superschurken, düstere Paralleluniversen und die Entstehung des Universums auszudenken und aufs Papier zu bringen. Gødland ist nicht der beste Superheldencomic der Welt, aber der furchtloseste. mof
DAMPYR 1 UND 2
Bonelli Comics
Der italienische Bonelli-Verlag startet mit Dampyr als ein neuer Herausgeber auf dem deutschen Comicmarkt. Zwar ist bereits ihre Serie Martin Mystére sowie Dylan Dog hierzulande erscheinen, allerdings bei anderen Verlagen: erstere unter dem Namen Alan Dark bei Bastei, letztere zuerst bei Carlsen, später bei Schwarzer Klecks. Hauptfigur dieser neuen Comicreihe ist Harlan Draka, ein Halbvampir (aka ein Dampyr), der allerdings eher zufällig und im Erwachsenenalter auf seine Herkunft stößt. Ja, „Dampyr“ ist ein ziemlich uncooler Name, aber wir haben uns ja auch an Bounty-Küchenrollen und Charming-Klopapier gewöhnt. Wikipedia listet „Dampyr“ übrigens als generelle Bezeichnung für einen Mensch-Vampir-Verschnitt auf, so dass man zumindest nicht Bonelli die Schuld daran geben kann. Eingeführt wird die Figur von Harlan Draka etwas altbacken – er gibt sich als ein Dampyr aus, ohne zu wissen, dass er tatsächlich einer ist. Sein Geld verdient er damit, angeblich die Seelen von Verstorbenen zu befreien und so zu verhindern, dass sie als Vampire zurückkehren. Die abergläubischen Dorfbewohner lassen dafür gerne eine Kleinigkeit springen. Im Lauf des ersten Bandes offenbart sich Draka sein wahres Naturell, und er bekommt neue Gefährten, mit denen er die Welt bereist und mehr über seine Herkunft erfährt. Jeweils zwei Originalbände werden in einem dicken DIN A5-Sammelband zusammengefasst, der sich den Vergleich mit Cross Cults kleinformatigen, hochwertigen Produkten gefallen lassen muss. An die Qualität dieser (u.a. Papier, redaktionelle Extras) reicht allerdings die Aufmachung von Dampyr noch nicht heran. Schade, dass die Chronologie nicht ganz passt und im zweiten Sammelband der dritte und der fünfte Originalband zusammengefasst werden. Zwar sind die einzelnen Geschichten abgeschlossen, aber ab und zu wird sich bezogen auf Vergangenes. Die Serie, inklusive der klassischen s/w-Zeichnungen (Leseprobe), macht einen soliden und spannenden ersten Eindruck, Vampir-Klischees werden nicht allzu sehr bedient und nebenbei erfährt man auch noch ein wenig über politische Hintergründe. Einzig die Übersetzung dürfte an manchen Stellen ruhig etwas natürlicher klingen. fp
SPERRBEZIRK
Schwarzer Turm
Der Verlag Schwarzer Turm, früher u.a. bekannt für Usagi Yojimbo, seine Horst-Comics und die Erotik-Reihen Arsinoe und Alraune, hat sich in letzter Zeit mit Veröffentlichungen wie Paper Theatre sehr intensiv um den deutschsprachigen Manga-Nachwuchs gekümmert. Nun erscheinen, u.a. mit Sperrbezirk, wieder einige Comics des westlichen Zeichenstils. Autor und Zeichner Tobi Dahmen, Mitbegründer des Comicmagazins Herrensahne, sammelt hier seine bereits erschienenen Geschichten aus eben Herrensahne, Panik Elektro, Inkplosion und zwarwald.de. Gemeinsam haben sie, dass sie alle „autobiographische Comics“ sind, was auch tapfer auf dem Cover vermerkt ist (schließlich hatte der Begriff „Autobiografie“ vor einigen Jahren einen etwas negativen Beigeschmack in der Comicszene erhalten, weil mitunter damit kokettiert wurde). Dabei gelingt es auch ihm, eine genaue Beobachtungsgabe an den Tag zu legen, die einen in manchen Situationen den Atem anhalten lässt – man findet sich genau wieder in diesen speziellen Momenten. Einerseits schmerzt die Erinnerung, andererseits ist es irgendwie beruhigend, wenn man merkt, dass es einem nicht alleine so ergangen ist. Aber auch humorvolle und lockere Töne kann Tobi anschlagen, etwa, wenn er seinem Onkel erklärt, um was es bei „Herr der Ringe“ geht. Das ist einerseits eine willkommene Abwechslung, andererseits will es mir aber nicht wirklich gefallen, so hin- und hergerissen zu werden, was das Format (vom Ein-Panel-Cartoon bis hin zur sorgfältigen Erzählung) und gleichzeitig den Inhalt betrifft (von Kindheitserinnerungen bis zu aktuellen Begebenheiten). Den roten Faden sucht man als Leser vergebens, was durch die Erscheinungsform, also die Zusammenfassung seiner in vielen unterschiedlichen Magazinen erschienenen und zu unterschiedlichen Zeiten entstandenen Anekdoten, verständlich ist. Hier wünsche ich mir trotzdem für das nächste Mal etwas mehr Stringenz oder eine bessere Einteilung. Dass es ein nächstes Mal gibt, das hoffe ich doch stark, denn vom Zeichnerischen und Erzählerischen her ist das hier Gezeigte 1a. fp
Sperrbezirk jetzt beim Freibeutershop bestellen
HELLGATE LONDON
Panini Comics
Hellgate London ist ein Comic zum Computerspiel. Es geht darin um eine Gruppe tapferer Recken, die aus irgendeinem dunklen Loch irgendein magisches Buch holen müssen, weil die Menschheit sonst den Löffel abgeben muss. London hat sich in einen Dämonenpfuhl verwandelt und die Hölle schwappt wütend in unsere Dimension über. Stilistisch ist die Geschichte eine Mischung aus viel Action, viel Horror, etwas Fantasy und ein bisschen Science-Fiction. Warum solche Comics im Einzelhandel verkauft werden, bleibt dem Rezensenten ein Rätsel. Als Beilage zum Computerspiel würde Hellgate London prima funktionieren. Da könnte man, während des Installierens oder um die Ladezeiten zwischen den Levels zu überbrücken, immer mal wieder zum Heft greifen, ein bisschen blättern, die Bildwelten genießen, vielleicht sogar lesen. (Letzteres muss nicht unbedingt sein.) Wenn man das Heft während dieser Timeouts nicht durchbekommt, könnte man ein paar Zusatzminuten auf dem Klo oder an der Bushaltestelle investieren. Es könnte ein schönes Gimmick sein, vielleicht Bestandteil einer schicken Extra-Teuer-Nobel-Edition, aber die Hauptsache wäre eben das Computerspiel. Nun aber Schluss mit den Konjunktiven! Willkommen in der Wirklichkeit. Das Computerspiel ist die Hauptsache. Punkt. Und der Comic keine Beilage, sondern es kann einzeln beim Fachhändler erworben werden. Warum? Vielleicht, weil sich ein Fan des Computerspiels selbst seine Deluxe-Edition zusammenstellen und etwas Geld mehr ausgeben möchte. Ein anderer Grund fällt dem Rezensenten nicht ein. cb
FLOSSEN 2 – DICKER ALS WASSER
Carlsen Comics
Ralph Ruthe hat es tatsächlich getan. Er hat noch einen Sammelband mit Cartoons rund um ein einziges Thema zusammengestellt: Es geht um Fische. Nur um Fische. In allen möglichen Konstellationen und Situationen, welche einem als Fisch halt so passieren können. Ich muss zugeben, dass ich ziemlich skeptisch war, ob da was Anständiges bei rumkommen kann, ob solch ein eingeschränktes Thema nicht nach dem ersten Band schon seinen Zenit erreicht hat. Aber unerwarteterweise war hier meine Grinsequote deutlich höher als bei „Praktisch grätenfrei“, bei dem die Pointen eher Marke Holzhammer daherkamen. Und wie beim ersten Band gibt es auch hier wieder ein Plastikaquarium als Cover. Ein schönes Mitbringsel für die Fans unserer gefieder beschuppten Freunde. Schade nur, dass der Trend immer mehr zum Druck ins Ausland geht, mittlerweile wird von China aus nach Deutschland geliefert … Und wer das hier liest, ist natürlich nicht doof, sondern kann einen Band von Flossen 2 gewinnen! Einfach eine mail mit der eigenen Postadresse und dem Betreff „Dicker als Wasser“ bis zum 05.10.07 an gewinnen(at)comicgate.de schicken. fp
WASSERLACHEN
Carlsen Comics
Wieder einmal beweist Carlsen seine Freude an ungewöhnlichen Formaten bei den Cartoons. Der Verlagsneuling Tobias Schülert, letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse Erstplatzierter beim Deutscher-Cartoon-Preis (veranstaltet von der Buchmesse und Carlsen), erhält seinen eigenen Band. Wie bei Ralph Ruthes Flossen, so geht's auch hier nass zu – es dreht sich alles um's Thema „Wasser“. Und damit man das Ding auch mit in die Dusche oder die Badewanne nehmen kann, wurde es mit einem Stöpsel versehen (der bei mir aber nicht so recht funktionieren will) und komplett aus wasserfesten Materialien hergestellt. Da die Seiten mit Schaumstoff gefüllt und die Cartoons auf einem Kunststoff (fühlt sich an wie Fliegerseide) gedruckt sind, ist das Ganze recht voluminös. Nur 16 Seiten erhält man also als Gegenleistung für sein Geld, und da liegt auch schon die Crux. Zündet mal bei Ruthe ein Gag nicht, gibt es noch 63 weitere Seiten, auf denen das passieren könnte. Geht hier was daneben, macht sich das schon deutlicher bemerkbar beim Gesamteindruck. Und der ist tatsächlich durchwachsen. Ein paar nette Cartoons sind dabei, das meiste scheint allerdings aus der 2. Reihe. Da hätte ich Tobias und Carlsen ein strengeres Händchen bei der Auswahl gewünscht. Dazu fällt für mich noch der im Vergleich zu Ruthe, Flix und Sauer recht nachlässige Zeichenstil negativ ins Gewicht. Fazit: Die Idee und die Aufmachung sind gut, der Inhalt ist weniger mein Geschmack. fp
JAZAM! 2 – GÖTTER
Eigenverlag
Der zweite Band der in Eigeninitiative von Adrian vom Baur, Nicolas Simon und David Koslowski herausgegeben Sammlung von Kurzgeschichten ist auf dem Comicfest München erschienen. Das Konzept dieser Reihe ist, talentierten Nachwuchskünstlern eine Gelegenheit zu geben, sich in Druckform zu präsentieren. Dabei läuft die Planung über den Künstlerbereich des Comicforums. Nach dem ersten Band mit dem für meinen Geschmack etwas abgedroschenen Thema „Märchen“ wurde mit „Götter“ nicht nur ein spannender Fokus ausgewählt, sondern auch das Produkt selber aufgebohrt. Bessere Aufmachung, mehr Seiten (164 Seiten) und ein im Durchschnitt zeichnerisch höheres Niveau als beim ersten Band machen den Kauf dieser Anthologie zu keiner Fehlinvestion. Inhaltlich wird das Thema von den über 40 Künstlern angenehm differenziert angegangen. Zu beziehen sind die Bände beim Freibeutershop und über die Homepage jazam.de. Bei installiertem Flash-Plugin sind dort außerdem einige Infos sowie Probeseiten anzuschauen oder als PDF herunterzuladen. fp
Jazam! 2 beim Freibeutershop bestellen
Bildquellen: comiccombo.de und die jeweiligen Verlage
Wenn ich an Mexiko denke, gibt es drei Dinge, die mir besonders einfallen: Lucha Libre, der Subcommandante Marcos – und vor allem Love and Rockets. Seit über 20 Jahren versorgen die mexikanisch-stämmigen Brüder Gilbert & Jaime Hernandez die Welt mit ihren Comics und erzählen einerseits (Jaimes Storys) von den Entwicklungen der beiden L.A. Hispanics Maggie Chascarillo und Hopey Glass – von Raketenmechanikerinnen über Punks bis ins Bürgertum – und andererseits (Gilberts Storys) vom kleinen mexikanischen Dorf Palomar und dem Schicksal seiner Bewohner. Dabei liefern die Brüder nicht nur eine gelungene Darstellung von Immigranten zweiter oder dritter Generation bzw. dem Leben in einem Schwellenland – sie liefern vor allem glaubhafte Darstellungen vom Leben an sich: Menschen altern, nehmen zu, wechseln Jobs, ziehen um, verlieben und trennen sich, hadern mit sich und ihrer Umwelt. Man muss schon lange suchen, um eine Comicserie zu finden, die nur annährend so komisch, traurig, echt und schön ist wie Love and Rockets, und noch viel länger, um eine Serie zu finden, die all diese Eigenschaften so lange auf so konstantem Niveau aufweisen kann.
Was bleibt einem dazu anderes zu sagen als ein klischeehaftes: Viva Los Bros?!
Jaimes Hälfte der aktuellen Ausgabe besteht aus der Story „La Maggie La Loca“, einem Bericht von Maggies Urlaub bei der weltberühmten Catcherin Rena Titanon. Sie stellt für die Serie ein Novum dar, ist sie nicht nur eine der wenigen farbigen Hernandez-Stories und des Meisters erster Ausflug auf das Gebiet des Comicstrips, sondern auch der erste L&R-Comic, der nicht innerhalb der Reihe erstveröffentlicht wurde, sondern als Fortsetzungsgeschichte auf den Seiten der New York Times. DIE New York Times mit einer Auflage von mehr als einer Millionen Exemplaren und Lesern aus allen Schichten und Kulturkreisen. Eine gute Gelegenheit also, auf diese Weise außerhalb der Comicszene Werbung für die Serie zu machen und sich erstmals einer breiteren Masse zu präsentieren. Schade allerdings, dass dafür ausgerechnet dieser Comic herhalten muss, denn die Geschichte von Maggies Besuch bei Rena Titanon ist für L&R-Verhältnisse eher durchschnittlich. Das Format Comicstrip scheint für Jaime eher weniger geeignet, einerseits vielleicht wegen der relativen Unerfahrenheit auf dem Gebiet, andererseits auch wegen den speziellen Eigenschaften des Strips, die Hernandez daran hindern, seine Qualitäten richtig auszuspielen.
Ein Strip als Fortsetzungsgeschichte wirkt meist so, als würde er dem Zwang unterstehen, ständig das Interesse des Lesers aufrecht zu erhalten, ein hohes Erzähltempo ist also erfordert. Nun sind Jaimes Stärken aber mehr die Dinge, die den Erzählrhythmus verlangsamen: lange Interaktionen zwischen den Figuren, Alltäglichkeiten, Charaktermomente. Kleinigkeiten, die die Handlung nicht sonderlich vorantreiben, aber den Figuren diese Tiefe verleihen, die L&R zu einem der lebendigsten Stücke Fiktion machen, die man so mit einem Bleistift,etwas Tusche und ein paar Blatt Papier herstellen kann.
„La Maggie La Loca“ nimmt sich für solche Momente weniger Zeit. Präsentiert wird zwar eine Geschichte mit deutlich höherer Schlagzahl als gewohnt (Maggie in Seenot! Raub! Rena verhaftet!), die einen jedoch deutlich kälter zurücklässt als die weniger spektakulären Vorgänger. Mag sein, dass die Geschichte den ein oder anderen Leser gewonnen hat – eine bessere Werbung wäre aber eine L&R-typischere Story gewesen, wie z.B. die großartige Maggie-als-Kind-Backstory, die mit dem altbekannten schwarz-weiß- und einem hübschen Hank-Ketchum-Stil aufwartet.
In der zweiten Hälfte des Comics widmet sich Gilbert weiter seiner seit Beendigung des Palomar-Zyklus bevorzugten Figur der B-Movie Ikone Fritz und dem sie umgebenden Personenkreis. Dabei kann Gilbert auch weiterhin den Eindruck nicht entkräften, dass er seit dem Verlassen Palomars irgendwie sein Mojo verloren hat. Die Geschichte ist zwar wieder etwas stärker – sehr schön erzählt und mit ein paar hübschen und einfallsreichen Momenten (Stichwort Kinderpuppenshows) -, aber ohne die magisch-realistische Überbau der Palomar-Geschichten scheint Gilbert mehr und mehr im Sumpf seiner Obsessionen zu versinken. In den neuesten Geschichten wimmelt es nur so von B-Movie-Anleihen, unmotivierten Sexszenen und Frauen mit Tura-Satana-Gedächtnis-Figuren und sonstiger Dinge, auf die Gilbert so zu stehen scheint. Das sind Elemente, die einer Geschichte jetzt zwar nicht unbedingt schaden müssen; wenn darunter allerdings wie in diesem Fall die Glaubwürdigkeit der Figuren leidet, ist das allerdings ärgerlich. Bleibt zu hoffen, dass Gilbert bald wieder zu alter Stärke zurückfindet, wie mit der rührend surrealen Science-Fiction-Story „Errata“ bereits angedeutet.
Insgesamt ist L&R 20 ein eher schlechtes Beispiel, um die Serie vorzustellen (und beim Schreiben dieser Zeilen schlägt der Autor gerade mehrfach seinen Kopf gegen seinen Schreibtisch, aus Ärger, gerade DIESE Ausgabe seiner Lieblingsserie dafür ausgesucht zu haben). Aus meiner Sicht ist es einer der wenigen Ausrutscher der Reihe – der aber immer noch besser ist als viele andere Comics. Von daher: Auch wenn man dieses Heft nicht unbedingt haben muss – die anderen um so mehr.
[Anm.: „Vol. II“ werden alle L&R-Bände genannt, die, nach einer fünfjährigen Pause, seit 1996 das Licht der Welt erblickten.]
Love and Rockets (Vol. II) 20 (US)
Fantagraphics (L&R-Unterseite)
Text und Zeichnungen: Jaimie und Gilbert Hernandez
64 Seiten; 7,99 US-Dollar