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Links der Woche: Mit Crowdfunding, Don Rosas Augenleiden und einer Radioshow aus Leipzig

Unsere Links der Woche, Ausgabe 9/2011:

 

Fortsetzungscomic: Der Boxer
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung startet ein neuer, täglicher Comicstrip: Reinhard Kleist erzählt in Der Boxer die wahre Geschichte von Hertzko Haft nach, einem polnischen Juden, der im KZ das Boxen lernte, nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA ging und sich dort als Boxer versuchte. Wie üblich schreibt FAZ-Redakteur zum Auftakt einen einleitenden Text. Sowohl dieser als auch die einzelnen Tagesstrips sind auf faz.net frei zugänglich.

NextComic 2011 in Linz
Cartoon Tomb, Nina Ruzicka
Anders als der Titel nahelegt, geht es in diesem Blogeintrag von Der Tod und das Mädchen-Zeichnerin Nina Ruzicka kaum um das derzeit stattfindende Comicfestival in Linz, sondern vielmehr um ihr Selbstverständnis als Comicmacherin und ihr Verhältnis zum „Comic an sich“. In einem Interview mit sich selbst erklärt sie auf nachvollziehbare Weise, warum sie sich in der Comic-Schublade nicht allzu wohl fühlt und daher auch Comicfestivals meidet.

The Wormworld Saga App
Kickstarter, Daniel Lieske
Die Crowdfunding-Plattform Kickstarter wird bei Künstlern aller Couleur zu einem immer wichtigeren Werkzeug. Nun versucht auch Daniel Lieske, der vor Kurzem mit seinem Webcomic-Erfolg The Wormworld Saga auf sich aufmerksam machte, über Kickstarter Geld einzusammeln. Ziel ist die Entwicklung einer App für Geräte wie das iPad, über die Lieske die einzelnen Kapitel der Wormworld Saga verkaufen und dadurch von seinem Comic leben will. Stand heute hat er schon über 90 „Backers“, die das Projekt finanziell unterstützen und – falls es zustande kommt – dafür mit kleinen Schmankerln belohnt werden. Ein Drittel der anvisierten Summe ist damit schon abgedeckt. 25 Tage sind noch Zeit, um die anvisierten 12.000 Dollar einzusammeln. 

Kunst & Schund
Radio Blau / schwarwel.de
Schon seit letzten Oktober läuft beim Leipziger Radio Blau einmal im Monat die einstündige Comicsendung Kunst & Schund, moderiert vom ortsansässigen Comiczeichner Schwarwel, der von der lokalen, äußerst umtriebigen Comicszene unterstützt wird. Auf der oben verlinkten Seite werden die Sendetermine angekündigt und es gibt die bisherigen Shows als MP3-Download. Eine gute Ergänzung zur sehr überschaubaren deutschsprachigen Comic-Podcast-Landschaft. 

WizardWorld, Version 1.0
wizardworld.com
Die gedruckten Magazine Wizard und Toyfare wurden vor Kurzem eingestellt, stattdessen will man bei WizardWorld nun ein digitales Magazin vertreiben: WizardWorld Digital kann als kostenloses PDF und als iPad-App heruntergeladen werden und soll künftig jeden Mittwoch erscheinen. In der ersten Ausgabe stellt das Magazin die neue Comicserie Who Is Jake Ellis vor und beschäftigt sich ansonsten vor allem mit Actionfiguren. Viele Bilder, wenig Text – für die angeblich so kurze Aufmerksamkeitsspanne bei digitalen Medien vielleicht das richtige Konzept?

Don Rosa and his eyesight
YouTube, Chris Sparks
Don Rosa, einer der bekanntesten Disney-Zeichner nach Carl Barks, hat ein spezielles Augenleiden. In diesem Video erklärt er, wie das sein Sehvermögen beeinflusst und wie er damit umgeht.
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Interview mit John Layman (OmU)

John LaymanDie Independent-Serie Chew ist seit ihrem Start im Jahr 2009 ein echter Überraschungshit in den USA. Es geht um den Polizisten Tony Chu, der bei jedem  Essen zahlreiche Informationen über die Herkunft dessen bekommt, was er gerade im Mund hat. Er arbeitet als Ermittler für die „Food and Drug Administration“, der wichtigsten Behörde in einem Land, in dem Verkauf und Konsum von Hühnchenfleisch nach einer großen Vogelgrippe-Epidemie streng verboten ist. Bei Cross Cult erscheint die Reihe mit dem gelungenen Mix aus Krimihandlung und schrägem Humor nun auch auf Deutsch (mit dem Untertitel Bulle mit Biss!). Aus diesem Anlass unterhielt sich Thomas Kögel per Instant Messenger sowohl mit Autor John Layman als auch mit Zeichner Rob Guillory. Den Auftakt macht das Gespräch mit John Layman.

Wir veröffentlichen das Interview sowohl in einer deutschen Übersetzung als auch in der englischen Originalfassung.
Click here for the ENGLISH VERSION!

Zum Interview mit Rob Guillory geht es hier.

Chew1CG: Hallo John, ich nehme mal an, heute ist ein normaler Arbeitstag für dich … Was hast du gerade gemacht, bevor ich dich unterbrochen habe?

JL: Ich war gerade am Lettern von Chew 17 und meiner Godzilla-Serie, die demnächst bei IDW erscheinen wird, außerdem hab ich Cover-Beschreibungen für Geof Darrow für weitere Godzilla-Ausgaben geschrieben. Also Prokrastination vor dem eigentlichen Schreiben …

CG: Planst du deine Arbeitstage im Voraus?

JL: Ich bin bei Chew so weit voraus, dass ich weitere Arbeiten angenommen habe. Im letzten Jahr hat es nur für Chew gereicht. Jetzt schreibe ich auch Sachen für Marvel, IDW und Dark Horse, und wenn ich damit fertig bin, werde ich wohl ein halbes Jahr damit verbringen, einen sicheren Vorsprung vor Rob herauszuarbeiten. Ich bin zwar noch voraus, wäre aber gerne schon weiter.

CG: Der erste Band der deutschen Ausgabe von Chew kam vor ein paar Wochen heraus. Hast du ihn schon gesehen? Sieht ja etwas anders aus als der Original-Sammelband.

JL: Ja, ich find ihn toll! Mir gefällt dieses kompakte Format sehr.

CG: Keine Sorge, dass bei der Verkleinerung in Sachen Artwork zu viel verloren gehen könnte?

JL: Na, ich weiß nicht … Ich kenne ja noch andere Versionen. Ich finde es einfach spannend, was Anderes und Neues zu sehen. Vielleicht habe ich nicht drüber nachgedacht, weil ich ja das größere Format kenne.

CG: Cross Cult hat vor einigen Jahren dieses Format für Hellboy „erfunden“ und ein Markenzeichen daraus gemacht. Ich finde das Format ganz gut, solange die Zeichnungen nicht zu detailliert sind, wie zum Beispiel bei Geof Darrow.

JL: Vielleicht gehen ein paar von Robs versteckten kleinen Witzen verloren, aber die sind ja sowieso auf Englisch!

Cover der französischen AusgabeCG: Gibt es noch andere fremdsprachige Ausgaben von Chew?

JL: Ja, die deutsche Version ist schon die vierte. Es gibt Chew noch auf Italienisch, Spanisch und Französisch. Und bei allen ist auch schon Band 2 erschienen oder zumindest angekündigt.

CG: Glückwunsch zur Eroberung Europas!

JL: Das ist gerade ziemlich aufregend. Wir haben letztes Jahr eine Italien-Tour gemacht, und es sieht so aus, als sei im Sommer Frankreich dran.

CG: Dann sehen wir euch vielleicht ja auch mal in Deutschland …?

JL: Das wäre fantastisch! Ich war noch nie da, wollte schon immer mal dorthin.

CG: Gehen wir nochmal zu den Anfängen der Serie zurück. Wie bist du auf diese verrückte Ausgangsidee gekommen, und wie wurde daraus eine Comicserie?

JL: Ich glaube, zuerst waren da ein paar kleinere, schlechte Ideen … Nicht unbedingt schlecht, aber nicht gut genug, um eine Serie tragen zu können. Vogelgrippe und Hühner-Prohibition, die Idee einer Gastro-Kritikerin, die Speisen so genau beschreibt, dass man sie schmecken kann, auch der Kannibalen-Cop – alles brauchbare Ideen, aber irgendwie nicht genug für eine Serie. Dann bemerkte ich, dass es bei all diesen Ideen um Essen geht, also habe ich alle genommen und zu einem Comic kombiniert, der sich ums Essen dreht – und plötzlich wurde es ein sehr reichhaltiges Universum. Allerdings wollte das niemand veröffentlichen – ich hab jahrelang einen Verleger gesucht und schließlich beschlossen, es auf eigene Faust zu probieren. Ich nahm also etwas Geld in die Hand, das ich als Autor für ein Videospiel verdient hatte, und suchte einen Zeichner. Das dauerte etwa ein Jahr, bis mir ein Freund Rob Guilllory vorstellte. Und dann bekamen wir die Zusage von Image und es wurde ein Überraschungserfolg – überraschend für alle, auch für mich selber.

chew10_coverCG: War Chew von Anfang an als eine doch eher lange, 60-teilige Serie geplant?

JL: Nein, ich dachte, das würde erstmal fünf Ausgaben lang laufen und vielleicht nach ein paar Jahren die Kosten wieder einspielen. Danach könnte man wieder fünf machen, und dann nochmal fünf, und so weiter … Rob hatte ursprünglich nur einen Vertrag für fünf Hefte, weil ich nicht an einen Erfolg geglaubt hatte. Im besten Fall hätte ich einen kleinen Kulthit erwartet.

CG: Gab es denn ein besonderes Ereignis, einen besonderen medialen Push oder sowas, was zu dem überraschenden Erfolg geführt hat?

JL: Nein, da war gar nichts. Okay, genau als der Comic rauskam, brach die Schweinegrippe aus … Das sorgte für etwas Aufmerksamkeit. Lustigerweise schleppte ich einige dieser Ideen schon jahrelang mit mir herum, als es in den USA diese große Vogelgrippe-Panik gab; aber Chew dauerte so lange, dass das längst vergessen war und die Prämisse total lächerlich erschien. Und dann bricht plötzlich die Schweinegrippe aus, und es ist wieder auf der Höhe der Zeit. Aber sonst war da wirklich nichts … Die Leser suchten einfach nach etwas Neuem, und der Erfolg kam für alle überraschend. Man begann im Netz darüber zu reden, es hob einfach ab. Die erste Auflage war ausverkauft, wir haben nachgedruckt, nochmal ausverkauft, wieder nachgedruckt … Am Ende gab es vier Auflagen von Heft 1 und zuletzt noch ein Flipbook mit The Walking Dead, und alle sind ausverkauft. Und keiner hat’s verstanden, am wenigsten ich selber.

CG: Wusstest du, dass es in Deutschland auch einen Lebensmittelskandal (dioxinverseuchte Eier) genau „rechtzeitig“ zur Veröffentlichung von Chew gab?

JL: Ja, hab ich gehört. Verrücktes Timing. Leider scheint es weltweit immer mehr solcher Vorfälle zu geben.

Chew1_02CG: Wenn du in ein Restaurant gehst oder überhaupt irgendwas isst überlegst du dann manchmal, was wohl Tony in diesem Moment spüren würde?

JL: Am Anfang ging es mir wirklich so – anderthalb Jahre später nicht mehr. Aber als wir angefangen haben, gab es ein auffällig neues Ernährungsbewusstsein. Ich habe sogar mal eine Zeitlang versucht, vegetarisch zu essen, aber ich mag Hühnchen, Schwein und Fisch zu gerne. Rind nicht so sehr, da kann ich meistens drauf verzichten.

CG: Hast du Jonathan Safran Foers Buch Tiere essen gelesen?

JL: Nein, aber ich wurde stark beeinflusst durch Fast Food Nation von Eric Schlosser.

CG: Chew ist ein ziemlich wilder Ritt. Er bedient zahlreiche Genres, ist gleichzeitig witzig und spannend und steckt voller verrückter Ideen. Gibt es irgendetwas, was du in Chew nicht bringen würdest, weil es zu abgedreht, zu bescheuert oder zu schrecklich sein könnte?

JL: Nun ja, es steckt eine Logik dahinter. Und es gibt ein paar Regeln, auch wenn die nur in meinem Kopf existieren. Chew ist auf 60 Ausgaben mit einem klar definierten Schluss angelegt, es wird keine Fill-In-Hefte geben, jede Ausgabe „zählt“ und führt auf das Ende hin. Und Rob ist für die gesamte Zeit an Bord, wir werden also keine Gastzeichner brauchen. Es ist also eher ein Roman in Form einer Maxiserie. Von daher wird es auch keine Zeitreise-Episode geben oder irgendwas Abgedrehtes, das nicht zum Gesamtkonzept passt.

CG: Der leicht schräge Zeichenstil von Rob Guillory passt perfekt zu Chew, finde ich. Du sagtest, du hättest ihn über einen Freund kennengelernt?

JL: Ja, Brandon Cherwa und Rob arbeiteten an einem Comic für Tokyopop USA, der aber abgeblasen wurde. Brandon erzählte mir von Robs großartigem Arbeitsethos und seiner Vielseitigkeit. Ich wollte jemanden, der cartoonhaft und witzig zeichnen jann, sonst wäre es zu hässlich geworden. Und ich wollte einen Comic, der Spaß macht, auch wenn es manchmal ein bisschen eklig wird.

CG: Wie tauscht ihr euch aus? Trefft ihr euch, oder findet alles online statt?

JL: Wir sind beide bei AIM (AOL Instant Messenger), und unterhalten uns mehrmals am Tag. Und inzwischen, nachdem wir das ein paar Jahre gemacht haben, haben wir uns bei vielen Conventions und Signierstunden getroffen. Rob ist der Stille, Professionelle, Seriöse und Freundliche – ich bin wohl eher der sture Saufkopp.

Doppelseite aus Chew #1CG: Was mir an Chew richtig gut gefällt, ist die Art, wie die Geschichte erzählt wird, vor allem die Seitenlayouts. Zum Beispiel die Doppelseite im ersten Heft, auf der Tony die Suppe ist. Sind solche Sachen deine Ideen, und wie viel kommt von Rob?

JL: Meine Skripte sind sehr detailliert und ich schlage meistens Seitenlayouts vor. Aber ich bin auch kein Kontrollfreak, höre mir also auch gerne Robs Vorschläge an, wenn er eine bessere Idee hat.

CG: Das Skript zum ersten Heft gibt es online, aber ich hatte noch keine Zeit, es zu lesen. Sollte ich vielleicht mal tun …

JL: Ja, das habe ich geschrieben, noch bevor ich Rob kennenlernte. Inzwischen schreibe ich mehr für ihn. Es ist eher ein Austausch.

CG: Chew wechselt ziemlich oft die Zeitebenen, es gibt Rückblenden und Ausblicke in die Zukunft. Demnächst geht ihr noch einen Schritt weiter und bringt Heft 27 schon ein Jahr im Voraus auf den Markt, zwischen Heft 18 und 19. Wie kam es dazu?

JL: Ich habe diese Ausgabe geschrieben, einfach weil sie in meinem Kopf so klar vorhanden war und ich sie direkt zu Papier bringen wollte. Und dann dachte ich „Warum sollen wir ein Jahr lang drauf herumsitzen?“ Es wäre doch lustig, ein Heft außer der Reihe zu machen und eine schöne Belohnung für die Leser, die sich die monatlichen Hefte kaufen (gesammelt erscheint es dann erst später chronologisch im sechsten Paperback). Also ein Dankeschön für die Käufer der Heftausgaben … die schließlich für unsere monatliche Miete sorgen.

CG: Hast du schon Reaktionen von Händlern auf diese Idee bekommen?

JL: Noch nicht. Wobei Image natürlich zuerst davon hören würde. Wir denken, wenn Ausgabe 27 dann wirklich an der Reihe ist, können wir sie nochmal nachdrucken, das ist dann leicht verdientes Geld für Rob und mich, aber Rob hat dann auch etwas freie Zeit übrig … Deshalb überlegen wir gerade, ob wir einen One-Shot mit dem Hahn Poyo produzieren.

CG: Meine nächste Frage ist vielleicht etwas doof, aber es interessiert mich wirklich …

JL: Her damit!

CG: Du hast lange Zeit als Redakteur für Wildstorm gearbeitet. Bei Chew gibt es keinen Redakteur. Warum braucht eine Serie wie Planetary oder Astro City einen Redakteur, aber Chew nicht?

JL: Ehrlich gesagt bräuchten auch Planetary und Astro City keinen. Ich war mehr der Korrekturleser und so eine Art Verkehrspolizist, der versucht, Warren (Ellis) und Kurt (Busiek) nicht im Weg zu stehen und ihre Vision so fehlerfrei wie möglich zu machen. Hier bei Chew liest meine Frau Korrektur, und Rob ist so ein Profi, dass er keinen Verkehrspolizisten braucht.

CG: Verstehe …

JL: Bei diesen erstklassigen Serien war ich weniger ein Redakteur, eher ein Förderer und Unterstützer.

CG: Ich habe gelesen, dass Chew als Fernsehserie adaptiert werden soll. Kannst du darüber etwas sagen?

JL: Ja, die Firma Circle of Confusion, die auch The Walking Dead produziert (die Fernsehserie ist echt ein großer Hit in den USA!), kümmert sich auch um Chew. Es gibt noch keinen richtigen Deal, aber Circle of Confusion  heuert einen Regisseur (Stephen Hopkins, der viele 24-Folgen gedreht hat) und ein Autorenteam an und erstellt ein Drehbuch, und dann gehen sie damit zu den Fernsehsendern  und sagen: „Wir sind die Leute, die The Walking Dead gemacht haben, den großen Hit, hier ist unsere nächste Serie … Wollt ihr sie kaufen?“, und ich hoffe, dass das jemand will.

CG: Wir drücken die Daumen.

JL: Yeah … Das wäre ein hübscher Bonus. Aber ich bin einfach nur glückllich, dass der Comic so gut läuft.

Amazing Spider-Man Annual #38, Auftaktheft von CG: Du hast am Anfang von Comics gesprochen, die du für andere Verlage schreibst. Kannst du zu diesen Projekten noch etwas erzählen?

JL: Ich schreibe dieses Jahr Annuals von Spider-Man, Deadpool und Hulk, die zusammen die dreiteilige Story „Identity Wars“ ergeben, in der die Helden in einer Paralleldimension auf andere Versionen von sich selbst treffen. Außerdem arbeite ich an einer Godzilla-Serie für IDW, zu der Geof Darrow die Titelbilder zeichnet und Alberto Ponticelli fantastische Zeichnungen beisteuert. Und es wird eine Aliens-Geschichte für Dark Horse geben, die Sam Kieth zeichnet. Es wird mir also nicht langweilig …

CG: Sind das Ideen von dir, oder kamen die Verlage damit auf dich zu?

JL: Chew hat mir viele Türen geöffnet. Ich musste links und rechts Projekte absagen, aber diese sind so toll, dass ich nicht ablehnen konnte.

CG: Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast!

JL: Gerne. Ich bin dankbar für Presse, gerade für internationale Presse!

 

Rezension zu Chew 1
CHEW – Das offizielle Blog zur Serie
The Mighty Layman – John Laymans privates Blog
Chew bei Cross Cult

Abbildungen: © Cross Cult, John Layman, Rob Guillory, Marvel Comics

 

Alpha … Directions – geguttenbergt?

Zur Zeit ist das Thema Plagiat ja mal wieder in aller Munde, von Ex-Ministers Doktorarbeit bis zum aktuellen Spiegel-Titelbild. Der Plagiatsvorwurf, um den es hier gehen soll, ist schon etwas älter, spielte aber in der Öffentlichkeit bisher kaum eine Rolle und wurde erst in jüngster Zeit etwas lauter.

Der Fall hat eine etwas eigenartige, vom Tempo her eher gletscherhafte Dynamik. Chronologisch verhält es sich etwa so:

Januar 2009 Alpha … Directions, der große Evolutions-Bilderbogen von Jens Harder, wird in Frankreich beim Verlag Actes Sud veröffentlicht.

März 2009 Das Hauptstadtblog veröffentlicht ein Interview mit Jens Harder zu seinem Buch.

Januar 2010 Auf dem Comicfestival in Angoulême bekommt Harder den „Prix de l’Audace“ für Alpha … Directions.

Mai/Juni 2010 Der Carlsen Verlag veröffentlicht Alpha auf Deutsch, fast gleichzeitig wird der Band in Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis als „Bester deutscher Comic“ ausgezeichnet.

Juni 2010 Zwei Wochen später erscheint auf der Website des Würzburger Ladens „Hermkes Romanboutique“ ein Beitrag, der darauf aufmerksam macht, dass etliche Panels in Alpha von Bildern des tschechischen Malers Zdenek Burian abgezeichnet wurden. Außerdem gibt dort es eine kleine Galerie mit Burians Originalen und deren Versionen bei Harder.

November 2010 Trickfilmzeichner Olaf Encke meldet sich mit harscher Kritik in den Kommentaren des Hauptstadtblog-Interviews zu Wort: Viele Motive in Alpha seien „durchgepaust und geklaut“, Harder sei ein „Dieb geistigen Eigentums“.

Januar 2011 An gleicher Stelle kommentiert Comiczeichner Ulf S. Graupner, spricht von „Plagiat“ und „Bilderklau“ und schreibt, „diese Sache stinkt so zum Himmel, daß darüber geredet werden muß“.

Februar 2011 Im Kostenlos-Magazin Comics Info erscheint der Artikel „Wrong Direction?“, der die Vorwürfe aufgreift. Ein Scan des Artikels ist im Blog des Berliner Comicladens Grober Unfug verfügbar, der eine „Materialsammlung“ zum Thema zusammengestellt hat.

 

Seite aus „Alpha“Ganz unabhängig davon, wie man das Thema urheberrechtlich bewertet, finde ich die Empörung, mit der die Kritik hier vorgetragen wird, sehr verwunderlich. Wer Alpha … Directions nicht nur oberflächlich durchblättert, sondern gründlich liest, wird nämlich schnell merken, dass das (Bild-)Zitat ein ganz grundlegendes Merkmal des Werkes ist. Harder bedient sich keineswegs nur bei Zdenek Burian, sondern bei zahlreichen mehr oder weniger bekannten Kunstwerken, von Alten Meistern bis zu Zeitgenossen, von weltbekannten Museumsexponaten bis zu Underground-Comics. Es macht einen wesentlichen Teil der Faszination von Alpha aus, dass hier nicht nur Milliarden Jahre Erdgeschichte, sondern auch ein paar Tausend Jahre Kunstgeschichte verarbeitet wurden. Harder zitiert mittelalterliche Bibeln, Wissenschaftsgrafiken aus dem 19. Jahrhundert, John Tenniels Illustrationen aus Alice im Wunderland und vieles mehr. Auf der links abgebildeten Beispielseite (Quelle: carlsen.de) sieht man in der oberen Reihe den Dino aus Masashi Tanakas Manga Gon. Das Wiedererkennen bekannter Bilder bei der Lektüre ist ein wesentliches Grundmerkmal des Buches. Mit anderen Worten: Ohne die detailgetreue Wiedergabe bekannter Werke anderer Künstler wäre Alpha ein völlig anderes Buch geworden.

Jens Harder macht daraus auch keinen Hehl. Im Anhang werden unter dem Stichwort „Sources“ die Namen der zitierten Künstler genannt (hier wäre allerdings ein genaueres Quellenverzeichnis anstelle einer bloßen Namensaufzählung angebracht gewesen). Im Nachwort geht er darauf ein, dass er sich für etliche Stellen bei Burian bedient hat. Von einer betrügerischen Absicht, die die Leser bewusst täuscht, kann also keine Rede sein. Harders Technik des Bild-Zitierens ähnelt eher der von Musikern, die Coverversionen bekannter Hits in ihrem eigenen Stil aufnehmen und diese in einen neuen Kontext stellen. 

Screenshot: amazon.deRein juristisch ist es durchaus möglich, dass das ein oder andere Bild in Alpha tatsächlich das Urheberrecht berührt oder verletzen könnte. Wer aber Alpha auf bloßes Abkupfern einzelner Künstler reduziert oder wie Ulf S. Graupner vorschlägt, man hätte doch „mit etwas Phantasie die Tiere in andere Posen setzen können“, hat die Intention des Werkes nicht verstanden und blendet aus, dass Zitieren und „Remixen“ essentieller Bestandteil des Buches sind. 

Spirou + Fantasio Spezial 8 – Panik im Atlantik

Einer der langlebigsten und erfolgreichsten frankobelgischen Comics ist ohne Zweifel Spirou und Fantasio, deren erste Episoden im Jahr 1938 erschienen. Neben der „offiziellen“ Serie veröffentlicht der Verlag Dupuis seit einigen Jahren Sonderbände in der Reihe Le Spirou de … Hier können, abseits des Serienkanons, „besondere“ Geschichten erzählt werden, die thematisch vom Spirou-Standard abweichen oder die individuelle Handschrift eines Autors bzw. Zeichners besonders betonen. Das Paradebeispiel für diesen Sonderweg ist sicher Émile Bravos „Porträt des Helden als junger Tor“.

Der neueste Streich dieser Reihe, die bei uns unter dem Label Spirou + Fantasio Spezial erscheint, ist „Panik im Atlantik“. Für dieses Album wurde mit Lewis Trondheim einer der wichtigsten Erneuerer des französischen Comics als Autor verpflichtet, die Zeichnungen stammen von Fabrice Parme, der mit Trondheim zusammen bereits Le Roi Catastrophe (bisher nicht auf Deutsch) gemacht hat. Anders als bei Émile Bravo oder bei Yann und Schwartz („Operation Fledermaus“) spielen in dieser Story politische und zeitgeschichtliche Hintergründe keine Rolle – stattdessen schickt Trondheim den Jungen mit der Pagenuniform in ein nostalgisches 50er-Jahre-Setting.

Spirou wird aus dem Hotel Moustic, in dem er als Page arbeitet, auf ein Kreuzfahrtschiff beordert, auf dem sich neben Millionären und Showstars auch der Graf von Rummelsdorf befindet, der mit der neuen Erfindung eines Kollegen für jede Menge Chaos sorgt: ein Kraftfeld, das die Personen oder Gerätschaften, die sich darin befinden, vor äußeren Einflüssen schützt. Keine allzu originelle Idee (Sue Storm lässt grüßen), aber passend zum Fifties-Zeitgeist der Geschichte. Leider gelingt es Lewis Trondheim nicht, einen großen Spannungsbogen über seine 62-seitige Story zu spannen. „Panik im Atlantik“ funktioniert eher wie eine Nummernrevue, eine Aneinanderreihung von Gags mit viel Slapstick und wenig Dramatik. Inhaltlich gibt es nichts, was nicht auch in der regulären Spirou-Serie stattfinden könnte; und genau das war wohl auch Trondheims Ziel: Wie man aus dem gelungenen redaktionellen Anhang erfährt, wollte er seinen Beitrag klar im von André Franquin geprägten Spirou-Kosmos verorten.

Während die Story zwar recht unterhaltsam, aber nur wenig originell ist, muss Zeichner Fabrice Parme für das Besondere sorgen, das den Comic vom Spirou-Standard abhebt. Und das gelingt auch vortrefflich: Keine Spur von einer „École Marcinelle“, sondern cartoon-artige Zeichnungen, die stark an Zeichentrickfilme erinnern und sehr von Ästhetik und Design der 50er Jahre geprägt sind, die dabei aber niemals altbacken oder rückwärtsgewandt wirken. Parme verleiht „Panik im Atlantik“ ein nostalgisches Flair, behält dabei aber seine eigene Handschrift bei.

Diese Spirou Spezial-Ausgabe ist nicht das Highlight der Reihe, aber ein hübsches, turbulentes Abenteuer voller Retro-Flair. Wer das Album als Fan von Lewis Trondheim kauft, weil er dessen skurillen Humor und schräge Ideen schätzt, könnte jedoch enttäuscht sein. Einen Trondheim-Stempel drückt er Spirou in diesem Comic nicht auf. Das allerdings hat er bereits vor einigen Jahren getan, in seiner selbstgezeichneten Herr Hase-Serie: Das Album „Der atomare Teilchenbeschleuniger“, eine bewusste Spirou-Hommage, war deutlich versponnener, „trondheimiger“ und letztlich auch lustiger als „Panik im Atlantik“.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Viel Slapstick, tolles grafisches Retro-Flair, aber im Rahmen der Spezial-Reihe eher enttäuschend.

 

Spirou + Fantasio Spezial 8 – Panik im Atlantik
Carlsen Comics, November 2010
Text: Lewis Trondheim
Zeichnungen: Fabrice Parme
72 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 10 Euro
ISBN: 978-3-551-77699-0 

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Abbildungen © Dupuis / Carlsen (Comicseite aus der frz. Originalausgabe)

Die Bruderschaft der Krabbe 2 & 3

Cover Band 3Cover Band 2Mit dem zweiten und dritten Album ist die fulminant gestartete Comicserie Die Bruderschaft der Krabbe (unsere Rezension von Band 1) auch bereits abgeschlossen. Szenarist Mathieu Gallié gelingt es, die Handlung rund um eine Gruppe von Kindern, die gegen die Erschaffung eines Krabbenmonsters ankämpfen, über die gesamte Lesedauer auf einem konstant hohen Niveau zu halten. 

Er führt die selbsternannte Bruderschaft durch ein wahres Horrorkabinett: Sie entfliehen einem Gruselschloss, nur um sich durch finstere Laboratorien, geisterhafte Friedhöfe oder Skelettfabriken durchschlagen zu müssen. Was das alles mit ihrem ursprünglichen Krankenhausaufenthalt zu tun hat und wer zu welchem Zweck aus ganz vielen Einzelteilen eine gigantische Krabbe zu bauen versucht, das kann man im Laufe der Geschichte vielleicht erahnen, aber nur schwer in seiner Gänze erfassen.

Wohl sehr bewusst ließ man die fantasiereiche Story ohne große Erklärungen enden, denn so bleibt genug Platz zur Interpretation. Die Bruderschaft der Krabbe liest sich als phantasievoller, effektreicher Trip quer durch unzählige reale oder irreale Welten. Die Erzählung an sich ist reichlich verwirrend, aber an keiner Stelle langweilt man sich. Das mag auch daran liegen, dass man hier alles durch Kinderaugen miterkundet und mit den fünf jungen Protagonisten gleichsam verblüfft ist, wo man denn nun wieder gelandet ist.

Seite aus Band 3Die Entschlüsselung, die Logik hinter dem Ganzen scheint unter der Oberfläche zu stecken. Und um die aufzubrechen, muss man womöglich alle drei Teile ein zweites Mal lesen.

Immerhin schafft es das Kreativteam zum Schluss hin, wo man immer mehr auf eine große Aufklärung hofft, sich dieser Erwartung zu widersetzen und inszeniert stattdessen einen Schlussakkord, der über metaphysische Anklänge direkt in ein emotionales wie überraschendes Finale mündet. Genau wie die ganze Serie an sich, steht auch dieses für sich selbst und bedarf keiner expliziten Erläuterungen. Letztlich macht dies den Zauber dieses Comics aus

Die äußerst gut im großen Albenformat zur Geltung kommenden Zeichnungen von Jean-Baptiste Andreae machen die Reihe überdies zu einem besonderen Highlight. Sicherlich gehört Die Bruderschaft der Krabbe mit seiner emotionalen Mystery-Horror-Handlung und seiner spektakulären Grafik mit zu den besten frankobelgischen Comics der jüngeren Vergangenheit. 

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Großartiger Abschluss einer Comicreihe, die sich grafisch und inhaltlich auf einem hohen Niveau bewegt 

 

Die Bruderschaft der Krabbe
Splitter Verlag
Text: Matthieu Gallié

Zeichnungen: Jean-Baptiste Andreae
je 56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 13,80 Euro

Zweites Buch
November 2010
ISBN: 978-3-86869-170-2
Leseprobe

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Drittes Buch
Februar 2011
ISBN: 978-3-86869-171-9
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe Splitter Verlag

Links der Woche: Mit Robert Crumb, Relaunch-Statistik und einem polnischen Skandal

Unsere Links der Woche, Ausgabe 8/2011:

Zu anzüglich für deutsche Schüler
taz.de, Félice Gritti
In Polen hat eine staatlich subventionierte, deutsch-polnische Comic-Coproduktion für einen Skandal gesorgt. New Romantic/Chopin entstand auf Initiative der polnischen Botschaft in Berlin, enthält Beiträge von polnischen und deutschen Künstlern (Mawil, Jan-Frederik Bandel & Sascha Hommer, Andreas Michalke) und sollte, etwas verspätet, zum 200. Geburtstag des polnischen Komponisten Fréderic Chopin erscheinen. Einen Blick ins Buch findet man im Reprodukt-Blog. Der Comic wird aber nun nicht wie geplant an deutschen und polnischen Schulen verteilt werden: Polnische Politiker stießen sich an derben Kraftausdrücken. In einem der Comicbeiträge verschlägt es Chopin in ein Gefängnis, wo die Menschen unter anderem „Muschi“ und „Schwulenholocaust“ sagen. So geht’s natürlich nicht, der Band soll nun eingestampft und die Schüler von derlei Unflat verschont werden. Weitere Artikel zum Thema bei der Berliner Zeitung und beim ORF.

Im (sic!) Anfang war das Bild
Telepolis, Tom Appleton
Das Online-Magazin Telepolis beschäftigt sich in einem ausführlichen, erfrischend subjektiv geschriebenen Artikel mit Robert Crumbs Bibel-Adaption des Buchs Genesis und erklärt vorab auch nochmal den Background des Zeichners, der diesen Bibel-Comic erst so besonders macht.

Collective Memory: Dwayne McDuffie, RIP
The Comics Reporter, Tom Spurgeon
Einen Tag nach seinem 49. Geburtstag verstarb letzte Woche der amerikanische Comicautor Dwayne McDuffie, der u.a. für verschiedene Marvel- und DC-Reihen schrieb und zuletzt überwiegend im Animationsbereich, vor allem bei der Serie Justice League Unlimited, tätig war. McDuffie war einer der nicht allzu zahlreichen Schwarzen in der US-Comicindustrie und war 1991 Mitbegründer der Firma Milestone Media, deren erklärtes Ziel es war, Afro-Amerikaner stärker in der Comicwelt zu verankern. Der hier verlinkte Beitrag sammelt zahlreiche Links zu diversen Nachrufen und Rückblicken auf McDuffies Werk.

Nth Times the Charm: The Most Frequently Relaunched Comics
Newsarama, Albert Ching
Weil Marvel im Mai zum vierten Mal die Serie Alpha Flight neu startet, schaut Newsarama zurück und zählt jene Serien auf, denen am häufigsten ein Relaunch verpasst wurde. An der Spitze liegt der Punisher: „Number of launches? Nearly incalculable.“

FF Family Tree
joe-stone.tumblr.com, Joe Stone
Nach dem X-Men-Stammbaum (siehe Links der Woche 3/2011) kümmert sich Grafikdesigner Joe Stone nun um die Fantastischen Vier.

An Illustrated Interview With Usagi Yojimbo
darkhorse.com, Stan Sakai
Das Blog des Verlags Dark Horse bringt einen kurzen, witzigen Comic von Stan Sakai, in dem er seine eigene Figur, den Samurai-Hasen Usagi Yojimbo, interviewt.

Hack/Slash 5 – (Re)Animatoren

Hack/Slash 5: (Re)AnimatorenWie oft kann man ein Genre parodieren, in dessen Fahrwasser man schwimmt, ohne dabei selbst abgeschmackt zu wirken? Die Antwort auf diese Frage gibt die aktuelle Ausgabe von Hack/Slash: verdammt lange.

Mittlerweile macht Cassie Hack zum fünften Mal  Jagd auf die Slasherbrut. Fünf deutsche Bände, ins amerikanische Format zurückgerechnet, ergibt 17 US-Hefte. Obwohl sich das noch nicht nach einer besonders lang laufenden Serie anhört, hätte man dem Konzept zu Beginn sicher nicht so einen langem Atem zugetraut. Doch die Langatmigkeit speist sich gerade aus dieser simplen Idee: „Frau jagt Slasher“. Damit es nicht zu monoton wird, werden Nebenkriegsschauplätze eröffnet, Intrigen geschmiedet und Pointen langsam vorbereitet.

Der Band (Re)Animatoren ist selbst eine kleine Mutation. Bestehend aus zwei kleinen Übergangsgeschichten und zwei längeren Erzählsträngen, hält er die Waagschale zwischen Haupthandlung und Nebensträngen. Zwar sind die Geschichten „Hinter dem Regenbogen“ und „Eiskalt serviert“ nicht per se spannend, doch nähren sie das Interesse des Lesers, seinen Heißhunger auf frisches Storyfleisch. Für „Selbst/Mord“ schreibt Seeley die Buchstaben „S“, „E“ und“X“ in großen Lettern auf. Erst in der abschließenden Geschichte mit dem ungelenken Titel „Cassie und Vlad treffen den Re-Animator“ wird der Hauptgang serviert, das große Finale.

Internet-ÄsthetikGanz ohne Frage ist das Cover dieser Ausgabe Blickfänger und Kaufanreiz. Im Inneren des Bandes findet diese aufreizende grafische Darstellung keine Fortsetzung. Die Zeichnerriege um Tim Seeley und Emily Stone versucht zwar grafisch Akzente zu setzen, doch bleibt die Darstellung mittelmäßig: In der Episode „Selbst/Mord“ wird versucht, die digitale Revolution mittels Chat-Nachrichten als Textboxen und überästhetisierter Computer-Kolorierung zu verkaufen. Der Effekt überzeugt nicht, da Gesichtsausdrücke einfach zu statisch aussehen, um die Gefühle der Akteure glaubhaft rüberzubringen. Doch dies ist keine tiefschürfende Comicliteratur, der das Seelenheil ihrer Figuren am Herzen liegt. Näher liegt da das blutende Herz, das während der actionreichen Splatterhandlung fachgerecht entfernt wird.

B-Movie-Hommage„Während im geheimen Versteck der Aliens…“ Eine solch plumpe Überleitung mag simpel wirken, ist aber genial. Warum nicht den Leser möglichst schnell dorthin bringen, wo er hin will. Dort, wo die Post abgeht. Auch wenn er dann schon mal an der falschen Kreuzung abbiegt, er sich plötzlich in der Nef-Welt wiederfindet und dort die Post nicht abgehen sollte, so erfüllt diese Überleitung genau ihren Zweck: Sie schneidet all das heraus, was keinen Spaß macht.

Auch wenn die Anspielungen auf Splatterfilme und B-Movies nicht sonderlich neu wirken und auch die Story nicht unglaublich einfallsreich ist, so gelingt es Seeley mit der Fragmentierung seines Plots, den Leser Stück für Stück in die Welt seiner Slasher zu ziehen. Dies ist nicht die große Comic-Erzählung, sondern ein B-Comic zum Amüsieren.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Wenn es den Begriff B-Comic noch nicht gibt, dann gebühren den Machern von Hack/Slash die Blumen dafür.

 

Hack/Slash 5 – (Re)Animatoren
Cross Cult, Dezember 2010
Text: Tim Seeley
Zeichnungen: Tim Seeley und diverse
160 Seiten, farbig, DIN A5 Hardcover
Preis: 19,80 Euro
ISBN: 978-3-941248-86-1
Leseprobe

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Abbildungen © Tim Seeley, der dt. Ausgabe: Cross Cult

A Drifting Life (US)

Cover von Yoshihiro Tatsumis A Drifting LifeBis vor kurzem hatte außerhalb Japans kaum jemand seinen Namen gehört. Mittlerweile zählt er auch international zu den einflussreichsten japanischen Manga-Zeichnern überhaupt: Yoshihiro Tatsumi. Zu verdanken ist das zum einen dem kanadischen Verlagshaus Drawn & Quarterly, das in den vergangenen Jahren Tatsumis Lebenswerk aufgerollt und im Westen bekannt gemacht hat, zum anderen ihm selbst, denn mit seiner epochalen Autobiografie A Drifting Life (im Original Gekiga Hyôryû) hat sich der Zeichner selbst ein Denkmal gesetzt.

Tatsumi, Jahrgang 1935, ist ohne Frage ein Manga-Urgestein. Seit rund 60 Jahren zeichnet und veröffentlicht er Comics und weist damit eine der längsten Zeichnerkarrieren weltweit auf. Ab den 50er Jahren gestaltete er die Entwicklung des modernen Manga aktiv mit. Berühmt wurde er dadurch, dass er sich bereits am Anfang seiner Laufbahn intensiv für stilistische Experimente und die Adressierung älterer Lesergruppen einsetzte und dafür bereits 1957 einen Begriff prägte, der in die Comicgeschichte einging: Gekiga („dramatische Bilder“).

Für A Drifting Life hat Tatsumi diese prägenden Jahre seiner Karriere akribisch rekonstruiert und in dem rund 850 Seiten umfassenden Mammutwerk zeichnerisch aufgearbeitet. Die Handlung konzentriert sich dabei weitestgehend auf die Jahre 1948 bis 1960. Die Tatsache, dass Tatsumi dabei die letzten 50 Jahre seiner Laufbahn auslässt, um sich auf die einschlägigen Jahre der Nachkriegszeit zu konzentrieren, zeigt, wie viel er über diese Zeit zu erzählen hat. Um möglichst große Objektivität bemüht, erzählt Tatsumi die Geschehnisse streng chronologisch in der dritten Person und gibt sich dabei selbst den fiktiven Namen Hiroshi Katsumi.

Beispiel aus Tatsumis A Drifting LifeUnter dem Einfluss Osamu Tezukas und inspiriert durch seinen älteren Bruder Okimasa beginnt Hiroshi Ende der 40er Jahre selbst zu zeichnen und kurze Gag-Manga an Magazine und Tageszeitungen zu schicken. Tatsächlich findet er schnell Veröffentlichungsmöglichkeiten und trifft sogar sein großes Idol Tezuka, damals selbst erst Anfang 20, welcher zu der Zeit noch unweit von ihm bei Osaka lebte. Von Tezuka angespornt, versucht sich Hiroshi bald selbst an längeren Werken und findet in dem zwielichtigen Osakaer Verlagshaus Hinomaru eine Plattform,die es ihm ermöglicht, seinen eigenen Stil herauszuarbeiten. Zwar beutet Hinomaru seine Zeichner gnadenlos aus, doch ermöglicht es Hiroshi und seinen Kollegen auch stilistische Experimente auf dem damals florierenden Markt der Kurzgeschichtenmagazine und Verleihbuchhandlungen mit der Herausgabe ihres stilbildenden Monatsmagazins Kage („Schatten“). Schon bald erhält er Angebote aus der florierenden Manga-Metropole Tokyo, wo er zusammen mit jungen Kollegen seine rebellische Definition von Manga, die keine Manga sind, entwickelt und den Gekiga-Workshop gründet. Doch zwischen den Verlagen in Osaka und Tokyo entbrennt bald ein Kleinkrieg um die aufstrebenden jungen Künstler, und Hiroshi findet sich gefangen zwischen künstlerischen Ambitionen und der Wirtschaftspolitik der verfeindeten Verlage.

Das alles sind nur die Eckdaten des reichhaltigen und detailverliebt aufgearbeiteten Panoptikums der aufblühenden japanischen Manga-Industrie, welches Tatsumi hier entfacht. Aber der wahre Reichtum an A Drifting Life liegt darin, dass Tatsumi es nicht dabei belässt, sondern seine Erzählung mit persönlichen Anekdoten aus seinem Privatleben sowie zeitgenössischen popkulturellen Ereignissen und Nachrichten anreichert, ohne die zahlreichen angeführten Geschehnisse in irgendeine hierarchische Erzählordnung zu zwängen. Folglich war man sich in bisherigen Besprechungen auch alles andere als einig, was A Drifting Life denn nun genau ist. Für die einen ist es in erster Linie Manga-Geschichte, für andere die anekdotische Autobiografie eines späteren Manga-Meisters. Und wieder andere sehen darin den Bildungsroman eines jungen Künstlers, der seinen Weg findet; oder aber eine authentische Rekonstruktion der japanischen Nachkriegsgesellschaft.

Beispiel aus Tatsumis A Drifting LifeTatsächlich ist A Drifting Life alles und nichts davon. Tatsumi verweigert eine persönliche Entscheidung über die Bedeutung seiner Erzählung und lässt sie, dem Titel gemäß, frei zwischen den verschiedenen Bezugspunkten hin und her treiben und den Leser sich selbst einen Reim auf die Geschehnisse machen. Der Manga bietet dabei aber so unglaublich viel an, dass man bereits bei nur oberflächlichem Interesse an der Thematik (oder besser: den Thematiken) mehr als reichhaltig bedient wird. Die einzelnen Aspekte der Erzählung sind dabei oft ebenso unauffällig wie elegant verwoben. So ist Hiroshis Bruder Okimasa von Beginn an als zentrale Figur vertreten. Zuerst liefern sich beide Konkurrenzkämpfe um in Magazinen abgedruckte Beiträge. Als Hiroshi seinen von Krankheit geschwächten Bruder mit der Zeit hinter sich lässt, reagiert dieser zunehmend verletzend, zerreißt Hiroshis Originalseiten und hinterlässt einen tiefen Riss im Verhältnis der Brüder. Später folgt Okimasa seinem Bruder zum Verlag Hinomaru und wird ebenfalls ein wichtiger Vertreter des jungen Manga. In der zweiten Hälfte nutzt Tatsumi die aus dem Anekdotischen heraus behutsam aufgebaute, komplexe Beziehung der Brüder zwischen Freundschaft und Konkurrenz, um die beiden höchst aufschlussreiche Debatten über die Natur des Manga und Hiroshis Gekiga-Bestrebungen führen zu lassen.

Grundlegende Vorkenntnisse in japanischer Nachkriegs- und Manga-Geschichte sind für das Verständnis der Geschichte nicht zwingend notwendig, bereichern das Leseerlebnis allerdings nicht unwesentlich. Denn Drawn & Quarterly hat dem Buch zwar einen umfangreichen Anhang spendiert, welcher sich allerdings fast ausschließlich auf Übersetzungen auf den Seiten auftauchender japanischer Schrift beschränkt und leider fast keine weiterführenden Informationen zu den im Text erwähnten Ereignissen, Verlagen, Personen oder auch kulturellen Begebenheiten bereitstellt. Nicht jeder Leser wird wissen, was der Begriff „jidai-geki“ im Kontext japanischer Filmgeschichte bedeutet (Film mit historischem Setting), oder wer frühere und spätere Manga-Großmeister wie Noboru Ôshiro oder Takao Saitô waren und welche Bedeutung sie für die japanische Manga-Kultur hatten. Leider liefern auch parallel zum Lesen geführte Suchanfragen im Internet in den seltensten Fällen zufriedenstellende Treffer, denn die frühe Manga-Geschichte ist im Westen weiterhin so gut wie nicht aufgearbeitet.

Beispiel aus Tatsumis A Drifting LifeSicherlich hätten ausführliche Anmerkungen zu den unzähligen auftauchenden Personen den Rahmen des Buches endgültig gesprengt. Vielleicht wäre es da besser gewesen, Drawn & Quarterly hätte die Aufteilung der japanischen Ausgabe auf zwei Bände übernommen und dafür die Anhänge erweitert. Aber anscheinend wollte man A Drifting Life als Gesamtwerk betonen, um den Anschluss an die aktuellen Erfolge autobiografischer Comics nicht zu verlieren. Dies verschleiert allerdings nicht den durch und durch episodischen Erzählstil Tatsumis. Der Manga ist streng in Einzelkapitel von fast durchgängig 20 Seiten unterteilt. Jedes Kapitel eröffnet mit einer Kapitelillustration und endet mit einem extrem clever gesetzten Cliffhanger, der es dem Leser alles andere als einfach macht, das Buch vorzeitig aus der Hand zu legen. Diese bewusst episodische Erzählweise ist es dann auch, die schlussendlich aufzeigt, dass Tatsumis Begriff „Gekiga“ eben nicht mit Eisners „Graphic Novels“ gleichzusetzen ist, denn ob Gekiga oder Manga – die Grundbestimmung des japanischen Comics liegt in den unzähligen Wochen- und Monatsmagazinen und nicht im Buchmarkt. Zudem macht Tatsumi im Buch auch keinen Hehl um seine Einflüsse, die ihn letztendlich seinen Gekiga-Stil entwickeln ließen: Es war hauptsächlich das Kino, das ihm und seinen Kollegen als Inspirationsquelle für ihre dynamischen, an Filmmontagen angelehnten Erzähltechniken diente.

Einige Feinheiten wie diese gehen dem Leser unter Umständen verloren, wenn er sich nicht ein bisschen mit der Entwicklung des Manga auskennt, denn da Tatsumi sich offensichtlicher Bewertungen der Geschehnisse enthält, muss an einigen Stellen zwischen den Zeilen gelesen werden. So nennt Tatsumi sein erstes Kapitel „The Birth of Manga“ und setzt mit den ersten Tezuka-Manga ein, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Markt kommen. Damit positioniert sich Tatsumi gegen das japanische Kulturministerium, das in den Jahren seit dem großen internationalen Erfolg japanischer Comics Manga als genealogisch typisch japanisch propagiert und dabei auf den begrifflichen Ursprung in der Holzschnittkunst des frühen 19. Jahrhunderts verweist. Diese hat mit dem modernen Manga freilich nicht viel gemeinsam, und erst Tezuka sollte, stark beeinflusst von den Werken Disneys, den Manga letztlich von seinem Dasein als kurze Gagstrips in japanischen Zeitungen befreien und als ernstzunehmendes Erzählmedium etablieren. Im bewegenden Epilog, der Hiroshi bei einer Trauerfeier zum siebten Todestag Tezukas zeigt, betont Tatsumi Tezukas Bedeutung für ihn und die gesamte Mangaindustrie nach einmal nachhaltig.

Beispiel aus Tatsumis A Drifting LifeAuch der Schluss der eigentlichen Haupthandlung ist alles andere als beliebig gewählt. Tatsumi endet seine Erzählung mit zwei eng miteinander verknüpften Ereignissen: Zum einen die ab etwa 1960 verstärkt auftretenden Massendemonstrationen japanischer Studenten, ausgelöst durch das US-japanische Sicherheitsabkommen, sowie die Ankunft Sanpei Shiratos auf dem japanischen Manga-Markt. Dessen Fortsetzungsserie Ninja Bugeichô (Handbuch der Ninja-Kampfkünste – leider nie außerhalb Japans erschienen) mit ihrem unverhohlen revolutionären Gestus wurde rasch zur Kampfschrift der Protestbewegung. Der Samen für „gekiga“ war offensichtlich gesät. Tatsumis Bestrebungen, einen Manga-Markt zu erschließen, der nicht auf Magazine für Kinder oder Zeitungsstrips für Erwachsene eingeschränkt ist, sondern auch Jugendliche und junge Erwachsene mit intensiven und anspruchsvollen Geschichten unterhalten kann, hatte letztendlich zum Erfolg geführt. Selbst der große Tezuka ließ sich für seine späteren Arbeiten, etwa Adolf oder Kirihito (beide bei Carlsen erschienen) von Tatsumi und seinen Gekiga beeinflussen.

Erstaunlicherweise haben auch viele der angeführten Motive wenig von ihrer Aktualität eingebüßt. Der auch aus Tezukas Lebensgeschichte überlieferte Klassiker des Manga-Zeichners, der sich nach überschrittener Deadline vor seinem Redakteur versteckt, wurde beispielsweise auch kürzlich im Manga Bakuman! (Tokyopop), welcher im Umfeld des Shônen JUMP-Magazins angesiedelt ist, zitiert. Der Kampf um Auflagenzahlen der konkurrierenden Magazine und das Zurückstecken künstlerischer Ambitionen im Angesicht von Überarbeitung und Verkaufsdruck sind nicht nur für Manga nach wie vor zeitlose Themen. Tatsumis früher Kampf gegen Vorurteile der Öffentlichkeit im Angesicht dessen, was Manga zeigen darf und was nicht, ist unlängst wieder so aktuell geworden wie in den 50er Jahren, seit Tokyos unrühmlicher Bürgermeister Ishihara letztes Jahr damit begann, intensiv gegen Manga mit für ihn schändlichem Inhalt vorzugehen und damit eine beispiellose Protestwelle japanischer Publisher hervorrief.

Beispiel aus Tatsumis A Drifting LifeZur Bedeutung seiner persönlichen Rolle innerhalb der Entwicklung des Manga hält sich Tatsumi freilich bescheiden bedeckt und überlässt es dem Leser, sein Lebenswerk einzuschätzen. Auch stilistisch hält sich Tatsumi vornehm zurück. Von den formalen Experimenten, die sein Frühwerk auszeichneten, ist 50 Jahre später nicht viel geblieben, wäre aber auch der Sache hier nicht dienlich gewesen, da sie sich zu sehr in den Vordergrund gedrängt und die Ereignisse nicht mehr für sich selbst hätten sprechen lassen. So wird der Panelrahmen ganz Manga-untypisch fast nie verlassen und die Character Designs geben sich ausgesprochen einfach und ohne unnötige Stilisierungen. Der Zeichenstil wird sicherlich eher Leser aus der Graphic-Novel-Ecke als eingefleischte Manga-Fans ansprechen. Tatsumi gibt sich hier ganz klar als Mangazeichner der alten Schule, der mit den abenteuerlichen Grafik-Exzessen beispielsweise eines Oh! Great oder den extrem idealisierten und realitätsfernen Figuren-Designs moderner Manga im Allgemeinen nicht sonderlich viel am Hut hat.

Beispiel aus Tatsumis A Drifting LifeDas macht Tatsumis Zeichentechnik aber nicht weniger faszinierend. Wieder einmal ist es Tatsumis extrem detailverliebte Recherchearbeit, die den Handlungsraum von A Drifting Life auf so intensive Art zum Leben erweckt. Der Leser erhält während der Lektüre ein unbeschreiblich lebendiges Gefühl für die Lebensumstände der Manga-Schaffenden in der Nachkriegszeit, wie es ein aufwendiges Bio-Pic nicht besser hätte erwecken können. Historische Ereignisse und die zahlreichen im Comic erwähnten Filme werden von Tatsumi extrem realistisch nachgezeichnet und setzen gekonnt Akzente im sonst eher einfach gehaltenen Artwork. Die zahlreichen Figuren sind allesamt mit wenigen Strichen geführt und doch zu jeder Zeit problemlos wiedererkennbar.

Die Seiten wurden unter der Aufsicht von Tatsumi selbst aufwendig gespiegelt, umgesetzt und an die westliche Leserichtung angepasst. Wüsste man es nicht besser, würde man meinen, der Manga wurde ursprünglich in westlicher Leserichtung gezeichnet. Plötzlich zum Linkshänder verkommene Figuren oder gespiegelte Schriftzeichen sind nirgends zu sehen. Keine Ahnung, wie sie das hinbekommen haben, aber es funktioniert ausgezeichnet und wird auch japanophile Verfechter der Originalleserichtung nach kurzer Zeit überzeugen.

Alles in allem eine wirklich runde Veröffentlichung, die Pflichtprogramm für wirklich jeden ist, der sich auch nur annähernd für Comicgeschichte, Japan oder autobiographische Künstlererzählungen interessiert. Einige Namen der japanischen Comicgeschichte werden selbst historisch interessierte Mangaleser nicht zuordnen können, aber A Drifting Life bietet auch abseits davon mehr als genug Informationsfutter für interessierte Leser, da Tatsumi die Bedeutung bestimmter kultureller Ereignisse und Zeichner in der Regel direkt mit der Erwähnung kommentiert, auch wenn er jedwede Einschätzungen dem Leser überlässt. A Drifting Life schwankt geschickt zwischen Altersweisheit auf Seite der Schöpfers und dem jugendlichem Enthusiasmus seines Protagonisten, welche beide ein und dieselbe Person sind, und lässt dem Leser dabei genug Luft, sich selbst zu den Geschehnissen zu positionieren und das aus dem Comic herauszuziehen, was für ihn interessant und produktiv ist. Eines der ganz großen Comicwerke der Gegenwart!

Wer über A Drifting Life hinaus Lust auf Yoshihiro Tatsumi bekommen hat, darf sich freuen: Carlsen hat für August 2011 eine deutsche Ausgabe mit Tatsumi-Kurzgeschichten aus den 70er Jahren namens Existenzen und andere Abgründe angekündigt. Zudem gibt es noch weitere zahlreiche Veröffentlichungen bei Drawn & Quarterly. Ergänzend sei besonders das letztes Jahr erschienene Black Blizzard erwähnt. Tatsumi zeichnete diesen Band 1956 für Hinomaru Bunko. Er spielt auch in A Drifting Life eine zentrale Rolle und gilt als eines der frühen Meisterwerke des damals 21-jährigen Zeichners.

Cover von Tatsumis Black BlizzardBlack Blizzard erzählt die Geschichte zweier Verbrecher auf der Flucht: eines brutalen, mehrfachen Mörder und eines sensiblen Pianisten, der einen Mann umgebracht haben soll. Beide flüchten in einen Schneesturm, mit Handschellen aneinander gekettet. Schnell ist ihnen klar: Sie können nur getrennt entkommen. Einer von ihnen muss seine Hand opfern …

Der artverwandte McQueen/Poitier-Filmklassiker Flucht in Ketten erschien erst zwei Jahre später. Tatsumi gibt aber offen zu, von einer japanischen Pulp-Geschichte zu Black Blizzard inspiriert worden zu sein. Die zu Beginn etwas naiv wirkende Erzählung erreicht besonders im letzten Drittel unglaublich viel Spannung und wartet mit gleich mehreren Twists und Finten auf. Die extreme Intensität der Story wird auch durch einen höchst innovativen Trick im Artwork begünstigt: Tatsumi setzt fast durchweg auf starke Diagonalen in den Zeichnungen, die den Leser geradezu in das Geschehen hinein saugen. Wer eine Illustration von Tatsumis formalen Experimenten in seinem frühen Schaffen sucht, findet in Black Blizzard ein wirklich erstaunliches Beispiel dafür.

Insgesamt sind die Zeichnungen natürlich sehr einfach gehalten und werden modernen Standards nicht mehr gerecht. Aber Tatsumi hat den knapp 130-seitigen Band nach eigener Aussage in nur 20 Tagen gezeichnet, ohne die Hilfe von Assistenten. Vor diesem Hintergrund ist das clever ausgetüftelte Ergebnis mehr als beeindruckend.

Ein wirklicher Hingucker ist auch die englische Ausgabe von Drawn & Quarterly. Der Manga ist ebenso wie A Drifting Life aufwendig an die westliche Leserichtung angepasst. Zudem hat man sich extrem viel Mühe gegeben, das Büchlein alt aussehen zu lassen. Die Seitenaußenränder wurden abgedunkelt, was das Buch von außen vergilbt aussehen lässt. Das Artwork wurde originalgetreu übernommen, mit allen Druckfehlern, Unsauberkeiten und Verschmutzungen. Die Seitenzahlen sind betont altmodisch gehalten, und die Farbseiten reproduzieren geschickt das originale Vierfarbdruckverfahren. Eine tolle Publikation und die perfekte Ergänzungslektüre zu A Drifting Life!

Der Verlag hat Yoshihiro Tatsumi übrigens eine Portalseite eingerichtet, von der aus man Neuigkeiten, Leseproben aller Veröffentlichungen und mehr ansurfen kann.


Wertung
Wertung von A Drifting Life: 9 von 10 Punkten 

Einfach ein Meisterwerk, nicht nur für Mangaleser!

 

A Drifting Life
Drawn & Quarterly Publications, April 2009
Text und Zeichnungen: Yoshihiro Tatsumi
Englisch, 858 Seiten, schwarz-weiß, Softcover

Preis: 29,95 USD
ISBN: 978-1897299746
Leseprobe (PDF)

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Abbildungen © Yoshihiro Tatsumi, der engl. Ausgabe: Drawn & Quarterly Publications


Deadpool 1

Deadpool, ein Mutant Teilnehmer am sinistren Waffe-X-Programm mit ähnlichen Selbstheilungskräften wie Wolverine, tauchte erstmals 1991 im Marvel-Universum auf und turnt seitdem regelmäßig durch diverse Serien, sowohl als Gaststar als auch in eigenen Titeln. Vor allem in den letzten beiden Jahren warf Marvel eine kaum noch überschaubare Zahl von fortlaufenden Serien, Mini- und Nebenserien rund um den „merc with a mouth“, den „Söldner mit der großen Klappe“, auf den Markt. Aus der großen Menge des verfügbaren Materials hat Panini zunächst ein paar Paperback-Sammelbände auf Deutsch veröffentlicht, nun startet man zusätzlich noch eine Heftserie, die alle zwei Monate erscheinen soll.

Neue Heftreihen sind mittlerweile eine Seltenheit geworden, Panini scheint also die Figur des Deadpool für besonders zugkräftig zu halten. Und für neugierige Leser, die mit Deadpool noch nicht vertraut sind, ist ein preisgünstiges Heft eine gute Gelegenheit, um in eine Serie hineinzuschnuppern – dachte ich mir, als ich am Bahnhofskiosk die Nummer 1 kaufte. Doch leider gestaltet sich die erste Ausgabe der Deadpool-Heftreihe nicht sehr einsteigerfreundlich.

Enthalten sind drei Ausgaben der amerikanischen Ongoing-Serie, die einfach nur Deadpool heißt und von Daniel Way geschrieben wird. Da die ersten Hefte dieser Serie größtenteils bereits auf Deutsch vorliegen (allerdings munter verteilt in diversen Monster- und anderen Sammelbänden) geht es hier mit den US-Ausgaben 13 bis 15 weiter. In den Heften 13 und 14 versucht sich Deadpool als Pirat in der Südsee. Das Vorhaben geht gründlich schief, weil unser Held zwar ein großes Maul und wenig Skrupel beim Einsatz von Gewalt hat, aber kein besonders kluger Kerl ist. Heft 15 ist dann der Auftakt zu einer längeren Story, in der Deadpool in eine Sinnkrise stürzt, die ihn schließlich dazu bringt, sich den X-Men anzuschließen.

Wie bereits erwähnt, hat man es als Neuleser mit diesem Heft nicht ganz leicht. Dass man nicht weiß, wer der Sidekick Bob ist und warum Deadpool Unmengen von gut gefüllten Schatzkisten besitzt, ist noch verschmerzbar. Schwerer wiegt da schon eine stilistische Besonderheit, die sich ohne Vorkenntnisse nicht recht erschließt: Deadpool neigt zum Selbstgespräch, das mit Hilfe von Textboxen vermittelt wird – allerdings gibt es zwei Sorten dieser Captions mit unterschiedlichen Farben und Schrifttypen. Deadpool scheint also zwei Seelen in seiner Brust zu haben – was dahintersteckt, erfährt man nicht. Dabei stünde auf insgesamt drei Redaktionsseiten genügend Platz zur Verfügung, um – gerade in einer Nummer-1-Ausgabe – neuen Lesern ein paar Basisinfos an die Hand zu geben. Stattdessen hat Redakteur Christian Endres einen Clown gefrühstückt und versucht, den schnoddrigen Comedy-Ton der Deadpool-Comics auch auf die übrigen Seiten zu retten, indem er die Texte praktisch als Ghostwriter der Hauptfigur schreibt. Albernheiten statt Informationen – die Lobo-Hefte des Dino-Verlags aus den 90ern lassen schön grüßen.

Aber vielleicht ist dieser Ansatz auch genau der richtige? Schließlich will Deadpool weder große Comickunst noch epochales Superheldenspektakel sein, sondern eher eine Art Marvel-Sitcom, die weniger von ihrer Handlung als von ihren Gags, verrückten Einfällen und der permanenten Übertreibung von altbekannten Superhelden-Stereotypen lebt. Wenn der Comic also nur witzig genug ist, spielen Feinheiten wie Hintergrundwissen keine große Rolle mehr.

Aber auch hier enttäuscht das erste Heft der Serie. Für gute Comedy ist perfektes Timing extrem wichtig, doch Daniel Way hat dafür kein gutes Händchen. Seine Piratenstory ist viel zu langatmig geraten, hätte viel straffer erzählt werden können und würde vor allem eine höhere Gagdichte vertragen. Die Zeichnungen von Shawn Crystal sind solides Handwerk, aber auch nicht mehr. Im letzten Drittel des Hefts kehrt dann wieder Serien-Stammzeichner Paco Medina zurück, der ein wesentlich schwungvolleres und dynamischeres Artwork aufs Papier bringt. Dafür gerät die Story „Ich will, dass du mich willst“ nochmal eine Ecke unwitziger als die ersten beiden Drittel des Hefts. Allerdings dient dieses Kapitel nur als Prolog für die kommenden Ausgaben – mit etwas Glück könnte man dann noch richtig viel Spaß mit Deadpool haben, denn als komische Figur hat dieser seltsame Superheld (oder Superschurke?) durchaus Potential. 

 

Wertung5 von 10 Punkten

Holpriger Serienauftakt, der das Potential von Deadpool nur erahnen lässt.


Deadpool 1
Panini Comics, Januar 2011
Text: Daniel Way
Zeichnungen: Shawn Crystal, Paco Medina
76 Seiten, farbig, Heft
Preis: 5,95 Euro 
Leseprobe

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Abbildungen © Marvel Comics, der dt. Ausgabe: Panini

Bakuba und andere afrikanische Geschichten

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Cover von David Bollers BakubaDas Interessanteste an der Sammlung von Kurz-Comics, die David Boller letztes Jahr im Eigenverlag vorgelegt hat, ist der Zeichner selbst. Die sechs Strips der Anthologie, zuvor in Bollers Webcomic-Portal Zampano erschienen, stammen aus den Jahren 1990 bis 2009 und geben Zeugnis von der künstlerischen Entwicklung des Schweizers.

Boller kann auf eine Karriere zurückblicken, die untypisch für einen europäischen Comic-Macher ist. In der Schweiz gab er zunächst ein eigenes Comic-Magazin heraus, 1992 zog es ihn dann in die Vereinigten Staaten, wo er einen Abschluss an der renommierten Zeichnerschule Joe Kuberts in New Jersey machte. Bald zeichnete Boller bunte Superheldenhefte für Marvel und verwirklichte mit Kaos Moon auch eine Eigenschöpfung. Im Jahr 1996 konnte er damit immerhin eine Nominierung für den Russ Manning Award für sich verbuchen, mit dem aufstrebende Jungtalente ausgezeichnet werden. 

Doch der große Durchbruch in der US-Branche blieb aus. Um die Jahrtausendwende folgten eine wenig erbauliche Zusammenarbeit mit der Image-Tochter Top Cow und ein kurzlebiger zweiter Anlauf mit Kaos Moon, dann wurde es still um Boller. Heute lebt der Eidgenosse wieder in seiner Heimat, wo er Webcomics veröffentlicht und sich dabei auf seine eigenen Ideen verlässt—Phantastisches, Autobiographisches, Kosmopolitisches.

Seite aus Der kurze biographische Abriss hilft, die in Bakuba vertretenen Geschichten einzuordnen. „Bakuba“ selbst etwa, der frühste Strip des Bandes, entstand 1990. Wie viele Frühwerke fällt er eher experimentell aus. Zwar offenbart Boller hier bereits ein Gespür für ansprechendes Seitenlayout und sequentielles Erzählen, doch die Handlung – sofern überhaupt erkennbar – bleibt fast vollkommen auf der abstrakten Ebene und verzichtet weitgehend auf die Abbildung menschlicher Akteure. Es geht um einen Mythos, die handelnden Figuren haben etwas Fremdartiges und Bizarres. 

Auch bei der chronologisch nächsten Erzählung, die aus dem Jahr 1991 stammt, sticht, ganz im Geiste der damals gerade aufkommenden, von experimentierfreudigen Zeichnern lancierten Image-Comics, die unorthodoxe Seitenaufteilung hervor: kunstvolle, geometrisch abwechslungsreiche Collagen statt rechteckiger Kästchen, aufwendige Kulissen anstelle weißer Hintergründe, ihre Begrenzung finden sie allein in den Seitenrändern. Viele Bilder konkurrieren hier um die Aufmerksamkeit des Auges. Die eigentlichen Zeichnungen erinnern dabei deutlich an die der Superheldenhefte, mit denen Boller aufwuchs, und die er wenige Jahre später auch selbst zeichnen sollte.

Seite aus Jene Entwicklung erreicht ihren Höhepunkt in „Fata Morgana“, einer Geschichte von 1998. Ein strikt konventioneller Seitenaufbau, konventionelle Panels auf konventionell weißem Hintergrund: Alles deutet auf den Einfluss der Kubert-Schule und der Marvel-Redaktion hin. Eine Geschichte will erzählt werden, für Spielerei bleibt keine Zeit. Auch die Inhalte der Kästchen legen wenig Wert auf Abstraktion – Figuren und Hintergründe werden detailreicher und realistischer dargestellt, die Linien sind solider, prosaischer als zuvor. 

Der chronologische und stilistische Sprung, der folgt, ist groß. Die drei Geschichten jüngeren Datums zeigen nun einen deutlich gereiften Erzähler, der den Leser trittsicher von einem Kästchen zum nächsten führt. In zweien der Strips verwendet Boller einen konventionellen Erzählstil, auf das Wesentliche reduziert, der eindrucksvoll mit Kontrasten umgeht und dabei um vieles attraktiver und eigenständiger wirkt als die früheren Arbeiten.

In „Pelu Tolo“, dem dritten und letzten der neueren Comics, schließt sich der Kreis zu „Bakuba“. Wieder geht es um die Darstellung eines Gründungsmythos, wieder werden ausschließlich abstrakte, fremdartige Kreaturen dargestellt. Doch die Darstellung selbst ist diesmal geordneter und stilsicherer. Basis für den Seitenaufbau ist ein striktes Sechs-Panel-Gitter, das nur selten aufgebrochen wird. Sowohl die Zeichnungen als auch die Panel-Begrenzungen werden durch weiße, kreideartige Linien auf komplett schwarzem Hintergrund realisiert, was an antike Höhlenmalerei erinnert und die Geschichte zur visuell eindrucksvollsten des Bandes macht. 

So interessant die graphische Entwicklung Bollers ist, so offenkundig sind leider seine Defizite als Autor. Die Idee, einen Sammelband mit Comics zu veröffentlichen, die sich abseits der gut ausgetretenen Pfade US-amerikanischer und westeuropäischer Kultur bewegen, ist in der Theorie vielversprechend und lobenswert. In der Praxis mangelt es dabei aber leider bereits im Ansatz an überzeugenden Konzepten und Figuren, worüber auch die ausführlichen Textbeiträge – eine kurze Erklärung zu jeder Geschichte und ein Interview mit Boller am Ende des Bands – nicht hinwegtäuschen können.

Im Gegenteil: Gerade in dem Interview wird deutlich, wie sehr Boller an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Dort wird mehrfach betont, dass die Comics Bollers – der, wie er sagt, selbst nie in Afrika gewesen ist – eine besonders tiefe Recherche auszeichnet. Klingt gut. Die Geschichten selbst bleiben den Beweis für diese Authentizität aber leider schuldig. 

Seite aus Gleich zwei davon drehen sich um weiße Touristinnen, die in Afrika exotische Abenteuer erleben. Das liest sich leider genauso abgeschmackt, wie es klingt: Kamelritte, Sanddünen und kitschige Beduinenromantik sind angesagt, Sandokan und Tausendundeine Nacht lassen grüßen. Afrika bleibt reine Dekoration. Drei weitere Strips befassen sich mit Mythen, von denen einer nicht einmal adaptiert, sondern gleich ganz selbst ausgedacht ist. Auch das unglückliche, ausnahmsweise nicht esoterisch oder eskapistisch motivierte „AIDS Highway“, in welchem sich Boller an der verheerenden Ausbreitung des HI-Virus auf dem afrikanischen Kontinent abarbeitet, bleibt wenig mehr als eine vage Parabel.

Überhaupt handelt es sich bei jener Geschichte um ein fragwürdiges Stück. „Ich hätte sicher nie die Afrikaner als faule Taugenichtse dargestellt“, sagt Boller an einer Stelle im Interview und kritisiert imperialistisch geprägte Darstellungen aus vergangenen Zeiten. Aber die Charakterisierung der Figuren in „AIDS Highway“ fällt leider auch nicht viel schmeichelhafter aus. Ansätze, etwas über die rasende Verbreitung der Seuche zu sagen, gäbe es sicher genug – Bildungsarmut, die Haltung der katholischen Kirche, staatliche Korruption, archaische soziale Strukturen: Potenzial für eine gute Geschichte. Doch in „AIDS Highway“ ist das alles kein Thema. Stattdessen tischt Boller frei nach Gloria von Thurn und Taxis Figuren auf, die sich aus reiner Geilheit, Gier oder Leichtfertigkeit und wider besseres Wissen mit der Krankheit infizieren. Man ist nach der Lektüre geradezu dankbar, dass auf weitere Strips mit sozialkritischem Anspruch und aktuellem Zeitbezug verzichtet wurde.

Handwerklich kann Boller als Autor nur selten überzeugen. Das Tempo, vor allem seiner frühen Geschichten, ist holprig, es geht meist rein um die Vermittlung der abgedroschenen Plots, Charakterisierung funktioniert ausschließlich über die spröden und abgegriffenen Dialoge, Figuren bleiben schemenhaft, blass, bestenfalls stereotyp. Auch ein Korrekturleser hätte Bakuba nicht geschadet. 

Im Interview spricht Boller selbst den „Karl-May-Effekt“ an. Die Problematik, über Kontinente und Länder zu erzählen, die man selbst nie erlebt hat, scheint er also schon erkannt zu haben. Dabei entgeht ihm allerdings, was den von Karl May erzielten Effekt wirklich ausmacht: Man nimmt May die Welten und Figuren tatsächlich ab, die er da zusammenfabuliert – zumindest soweit, wie es zur Lektüre seiner fantasievollen, unerhört mitreißenden Räuberpistolen erforderlich ist.

Boller mag zwar die visuellen Aspekte seiner Geschichten penibel recherchiert haben, doch daraus allein ergibt sich noch lange keine Authentizität, geschweige denn eine interessante Geschichte. Ein platter, uninspirierter Abenteuercomic wird durch eine besonders detailreich gezeichnete Kulisse leider auch nicht besser oder gehaltvoller. Nicht zuletzt dank des unsäglichen „AIDS Highway“ zieht Boller im Vergleich mit May in allen Belangen den Kürzeren. Seine Geschichten wirken nicht halb so authentisch und bewegend, seine Figuren sind dafür noch um vieles klischeehafter. Und dagewesen ist er ja auch nicht. 

Als thematisch sortierte Werkschau eines Schweizer Zeichners mit ungewöhnlicher Vita mag Bakuba durchaus dokumentarischen Wert haben. Als Sammlung „afrikanischer Geschichten“ enttäuscht es leider auf ganzer Linie – und ist zudem ein Etikettenschwindel.

 

Wertung: 3 von 10 Punkten 

Graphisch interessante, inhaltlich jedoch enttäuschende und unterdurchschnittliche Sammlung reichlich platter Geschichten.

 

 

Bakuba
und andere afrikanische Geschichten
Zampano, April 2010
Text und Zeichnungen: David Boller
72 Seiten, broschiert, schwarzweiß
Preis: 10,00 Euro
ISBN: 978-3-9523648-0-2 

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Auch als eBook (PDF) für 3,95 Euro: hier kaufen

Abbildungen: © David Boller