Rezensionen

Mindestens eine Sekunde

Cover Mindestens eine SekundeMindestens eine Sekunde ist der Titel des ersten Comicbuchs der Grafikdesignerin Paulina Stulin. Es geht darin um die deutsch-polnische Kunststudentin Agnieszka, die ihr Studium an der Kunsthochschule in Krakau aufnimmt, nachdem sie von der École des beaux-arts in Paris abgelehnt wurde. Das ist vor allem für Agnieszkas Mutter eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung, definiert diese ihr Leben doch vor allem dadurch, dass sie dem Osten entfliehen und in Deutschland eine eigenständige und unabhängige Existenz aufbauen konnte. Und nun sollte die Tochter in den Osten zurückkehren?

Aber Agnieszka lässt sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. In Polen angekommen, weiß sie die Freiräume ihres neuen Lebens zunächst durchaus zu schätzen. Bald jedoch wird sie in der Fremde zum ersten Mal wirklich mit sich selbst konfrontiert: Erinnerungen an ihre nicht immer unbeschwerte Kindheit kochen hoch und die künstlerische Inspiration lässt zunächst auf sich warten. Bald macht sie erste Drogenerfahrungen, doch muss sie bald feststellen, dass auch Drogen nicht kreativ machen, im Gegenteil. Es ist eben allemal leichter, sich eine Linie Speed hochzuziehen, anstatt sich Gedanken über drängende Probleme zu machen. Und wie soll man sich von seiner Mutter abnabeln, wenn man ständig auf ihr Geld angewiesen ist, da man sich sonst kein Speed mehr leisten kann?

Seite aus Mindestens eine SekundePaulina Stulin ist mit dieser Coming-of-Age-Story eine runde kleine Novelle gelungen, die vor allem durch ihren durchdachten Aufbau überzeugt. Jeder auftretenden Figur wurde von der Autorin eine klare Funktion zugewiese, sie macht entweder eine wichtige Entwicklung durch oder treibt die Entwicklung der Hauptfigur voran. Das ist teilweise recht nuanciert dargestellt, so dass sich die Bedeutung einiger Einzelszenen erst im Nachhinein erschließt.

Meiner Meinung nach ist Mindestens eine Sekunde hervorragend für den Einsatz an Schulen geeignet, weil sich das Figurenensemble so schön analysieren lässt. Wie ist das Verhältnis zwischen Agnieszka und ihrer Mutter und wie entwickelt es sich im Verlauf der Geschichte? In welchen Stufen verändert sich Agnieszkas Verhältnis zu Drogen? Welche Phasen der Abnabelung von zuhause durchläuft sie? An welchen Stellen der Geschichte sind die entscheidenden Wendepunkte? Wie werden ihre beste Freundin, wie ihr Dealer charakterisiert? Was motiviert die Figuren? Wie spiegeln sich die künstlerischen und philosophischen Ideen der Figuren in der Handlung wider? Und da Paulina Stulin für den Wechsel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterschiedliche Darstellungsweisen verwendet, lässt sich auch die Wahl der Mittel hinterfragen. Paulina Stulin setzt auch andere Formelemente wie Panel-Umrandungen oder bis zum Seitenrand weitergezeichnete Panels, so genannte Bleed-Panels, überlegt ein, um Akzente zu setzen. Die Erzählung ist elliptisch gehalten, sie enthält interpretierbare Leerstellen und ist trotzdem konkret in der Aussage. Alles in allem lässt sich sagen, dass es sich um ein gefundenes Fressen für experimentierfreudige Deutsch- oder Kunstlehrer handelt. Und die Vorbereitungszeit mit Lesen ist dankbar kurz.

Seite aus Mindestens eine SekundeGanz ohne Schwächen ist das Buch allerdings nicht. Obwohl Paulina Stulin durchaus schöne Seiten- und Bildkonstruktionen gelingen, wirken die Bilder auf die Dauer doch steril und eintönig. Gerade die Tatsache, dass die Geschichte in einem ehemaligen Ostblockland spielt, lässt die trist und grau gehaltenen Hintergründe wie eine überkommene Klischeevorstellung wirken. Generell aber lässt sich schon sagen, dass die eingesetzten Mittel überzeugend mit der erzählten Geschichte korrespondieren, so dass Mindestens eine Sekunde, aller kleiner Schwächen zum Trotz, ein überzeugendes Buch geworden ist.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Eine typische Graphic Novel jüngeren Datums, die sehr bewusst und überlegt mit den Mitteln des grafischen Erzählens arbeitet.

 

 

Mindestens eine Sekunde (und höchstens dein ganzes Leben) 
Jaja-Verlag, Januar 2014
Text und Zeichnungen: Paulina Stulin
116 Seiten schwarz-weiß, Softcover
Preis: 15,- Euro
ISBN: 978-3-943417-39-5
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Abbildungen: © Paulina Stulin/Jaja Verlag