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75 Years of DC Comics – The Art of Modern Mythmaking

altCover von 75 Jahre DC Comics – The Art of Modern Mythmaking (Taschen Verlag)Würde man die Seiten dieses Buchs nebeneinander auslegen, könnte man darin auf zwei Tore Fußball spielen: Knapp 15 Pfund bringt die Chronik zum 75-jährigen Jubiläum des amerikanischen DC-Verlags auf die Waage, und es wird schnell deutlich, dass auch sonst bei der Aufmachung nicht gekleckert worden ist. Mit seinen 721 auf dickem Papier gedruckten Seiten im A3-Format mutet der Band wie ein Museumskatalog an: opulent und übergroß bebildert, teilweise mit Folien verziert oder als vierseitiges Panorama zum Aufklappen gestaltet, dabei aber immer mit einem angenehm großzügigen und geräumigen Layout, das sich gerne den Luxus weißer Flächen gönnt; ein Index und akribische Angaben zu allen Bild- und Textquellen; das alles in einem robusten Einband, natürlich mit Schutzumschlag; dazu ein 96 Seiten starkes Extraheft im US-Comic-Format, welches die separat beigelegte und noch einmal extra bebilderte deutsche Übersetzung enthält; sowie ein bunter Tragekoffer aus Pappe mit Plastikgriff, damit man das Büchlein auch mal ohne größere Blessuren aus der Bibliothek im Westflügel rüber zum Kaminsessel im Salon mitnehmen kann, ohne gleich mit dem schlosseigenen Golfmobil vorfahren zu müssen.


Und der Inhalt? Was den angeht, lassen sich sämtliche Vor- und Nachteile des Buches anhand zweier Wörter in ihrer ganzen Tragweite erahnen und zusammenfassen: Paul Levitz.

Der Autor, der 1956 im New Yorker Bezirk Brooklyn das Licht der Welt erblickte, schrieb erstmals 1972 für DC und heuerte wenig später auch als Redaktionsassistent beim Verlag an. Im Jahr 1976 wurde Levitz vollwertiger Redakteur, ab 1980 bekleidete er eine Reihe von Positionen in der Geschäftsleitung des Verlags, 2002 stieg er schließlich zum „Präsidenten und Herausgeber“ auf, was er bis zu seinem Rückzug aus dem Tagesgeschäft 2009 blieb. Nebenbei machte sich Levitz seit frühen Teenager-Jahren auch einen Namen als Autor, schrieb hunderte von Comics für DC und wurde bei den Fans vor allem für seine zahlreichen Geschichten der Legion of Super-Heroes beliebt, die er seit 2010 nun wieder betreut. Eine übermäßig kritische oder journalistischen Maßstäben genügende Darstellung, soviel sei an dieser Stelle verraten, sollte man von dem Band also nicht erwarten.

Unter Angehörigen und Beobachtern der US-Comicbranche stieß man nach Levitz’ Abgang aus der DC-Chefetage auf ein breites Meinungsspektrum. Als Teil der offiziellen Verlags-PR bescheinigte ihm die Vertigo-Redakteurin Karen Berger, die seinerzeit von Levitz eingestellt worden war, „außergewöhnliche Integrität“, „eine lebenslange Leidenschaft für Comics“ und „großen Respekt für die Autoren und Künstler, die sie produzieren“. Tom Spurgeon von der Webseite The Comics Reporter bezeichnete Levitz als „urtypisches Beispiel eines Typs Fan und Fanzine-Macher, der es zum Verlagsmanager gebracht hat“. Comic-Autor Kurt Busiek erzählte auf seiner Seite im Netz eine Anekdote von gescheiterten Vertragsverhandlungen mit Levitz, dem er am Ende aber dennoch zu einer „verdammt coolen Karriere“ gratulierte, die zum Besten für die ganze Comicbranche gewesen sei. Dirk Deppey hingegen, dessen ¡Journalista! zu den bekanntesten Comic-Blogs gehört, beglückwünschte DCs Mutterkonzern Time Warner in einer länglichen Schmähschrift dazu, dass man Levitz „endlich losgeworden“ sei. „Das war natürlich schon lange überfällig“, so Deppey im September 2009, „aber besser spät als nie.“

Paul Levitz, DC Comics office, 2010 (Photo: Kareem Black/Courtesy TASCHEN)Und doch waren sich alle Kommentatoren zumindest darin einig, dass Levitz’ Abtreten eine bedeutende Zäsur für die Branche markierte – dass da ein ganz Großer seinen Hut nahm, der in den 40 Jahren seines Wirkens an vorderster Front des US-Comicgeschäfts einen gewaltigen Einfluss hatte, nicht nur auf DC Comics selbst, sondern auf die Entwicklung der ganzen Szene. Levitz, der hochintelligente, erfahrene und besonnene Stratege, der zudem immer betont auch Fan und ein unter Fans beliebter Autor war, ist daher gewissermaßen in Personalunion der am wenigsten und am meisten taugliche Kandidat, von dem man sich einen solchen Wälzer wünschen konnte: aufgrund seiner Vita unbestreitbar besser qualifiziert als jeder andere und dabei gleichzeitig so voreingenommen wie kein Zweiter.

Levitz war natürlich Jahrzehnte zu jung, um an dem mittlerweile legendären Deal zwischen DC-Urgestein Jack Liebowitz und den Superman-Schöpfern Jerry Siegel und Joe Shuster beteiligt gewesen zu sein. Doch seine knappe Würdigung der „bedauerlichen geschäftlichen Konsequenzen“ jenes Ereignisses, die noch immer andauern und vermutlich noch bis weit ins 21. Jahrhundert nachhallen werden, lässt erahnen, wie tief seine Identifikation mit dem Verlag reicht. Bei späteren Querelen, wie etwa dem ebenfalls anhaltenden Zwist mit Alan Moore, der die Beziehungen beider Seiten seit dem Erfolg von Watchmen prägt, oder Levitz’ angeblich ganz fundamentaler persönlicher Abneigung gegen die anfangs sehr auf Provokation gebürstete Ausrichtung der WildStorm-Abteilung, die Jim Lee nach seinem Austritt von Image Comics 1998 an DC verkauft hatte, war Levitz unmittelbar beteiligt, aber auch hierzu fällt kein allzu aufschlussreiches oder gar selbstkritisches Wort. Im Gegenteil: Man spürt regelmäßig den beträchtlichen Stolz des Autors auf das, was der Verlag – oft unter seiner Federführung – geleistet hat, etwa wenn Levitz die ersten wirklich erfolgreichen Gehversuche mit Sammelbänden, die es in den USA gegeben hat, für DC Comics und damit indirekt für sich reklamiert.

Überhaupt lohnt sich ein Blick in den Index, was die direkte Beschäftigung mit seiner eigenen Person angeht. Das erste Mal taucht Levitz’ Name auf Seite 339 auf, unter einem Zitat, das den Reiz der Legion of Super-Heroes beschreibt; auf Seite 478 wird er kommentarlos als Autor des Texts in einer Abbildung aus einem Comicheft identifiziert; ähnlich lapidar verhält es sich auf den Seiten 498, 504 und 551; und auf Seite 708 gibt’s einen knappen Absatz zu seiner Biographie – inmitten Dutzender anderer, von „Neal Adams“ bis „Bernie ‚Berni‘ Wrightson“, die sich alle irgendwie in besonderer Form für DC verdient gemacht haben. Im Mittelpunkt steht Levitz einzig auf den Seiten 502/503: links eine seitengroße Abbildung aus dem Heft Superboy & The Legion of Super-Heroes 237 von 1978, in der Levitz als Autor genannt wird, rechts ein kleines Foto von Levitz aus den 1970ern, garniert mit kurzen, respektvollen Zitaten von Jim Lee und Kurt Busiek, sowie mit zwei Cover-Abbildungen weiterer Levitz-Comics und knappen Bildunterschriften. Kurzum, Levitz verzichtet weitgehend darauf, seine Rolle zu thematisieren oder im Einzelnen zu beleuchten, sondern will neutraler Beobachter und Erzähler sein – was er aber natürlich nicht ist. Das ist schade, und vielleicht auch ein bisschen unaufrichtig.

Aber neben seinem persönlichen Einfluss ist Levitz eben auch unbenommen der scharfe, langjährige Beobachter und Insider der Branche im Allgemeinen und von DC Comics im Besonderen. Es gibt wenige Protagonisten der US-Comicbranche, die über ihr Geschäft so viel sagen (und verschweigen) können, die über ein solch umfangreiches Faktenwissen verfügen, die Entwicklungen so fundiert analysieren und Zusammenhänge und Strömungen so gut erkennen können wie Levitz, und das zeigt er hier auch ausgiebig.

Der Hauptteil des Bandes ist in sechs chronologische Abschnitte – oder „Zeitalter“ – gegliedert: Der erste und kürzeste davon, betitelt „The Stone Age“, behandelt die Zeit vor dem großen Urknall der Superheldencomics mit dem Debüt von Action Comics. Levitz beginnt mit einem Foto von Major Wheeler-Nicholson, dem umtriebigen Gründer des DC-Vorläufers National Allied Publications, schlägt aber auch einen weiten zeitlichen Bogen, der bis zur unvermeidlichen Höhlenmalerei aus der „Steinzeit“ zurückreicht. Das zweite Kapitel, „The Golden Age“, deckt die Jahre 1938 bis 1956 ab. Hier geht es natürlich in erster Linie um die Einführung, Etablierung und frühe Entwicklung der Figuren, die auch heute noch das Markenzeichen des Verlags sind: Superman, Batman, Wonder Woman, Green Lantern, The Flash, Aquaman und einige mehr werden vorgestellt. In „The Silver Age“ beschäftigt sich Levitz mit der Konsolidierung und Vertiefung des Superheldengenres von 1956 bis 1970, als etwa die aktuellen Versionen des Flash (Barry Allen) und der Green Lantern (Hal Jordan) ihre ersten Auftritte hatten.

75 Years of DC Comics, interior spread featuring Frank Miller's The Dark Knight, 1985-1986 (TM & © 2010 DC Comics. All Rights Reserved/Courtesy TASCHEN)Im nächsten Kapitel zeichnet sich bereits ab, dass die Namen von Autoren und Künstlern langfristig wichtiger werden als die der hauseigenen Figuren. Dennis O’Neil, Bernie Wrightson, George Pérez oder, ach ja, Paul Levitz: so heißen die Helden des „Bronze Age“, wie das Buch die Jahre von 1970 bis 1984 bezeichnet. Im nachfolgenden „Dark Age“ geht es mit großen Schritten Richtung Gegenwart: Frank Miller, Alan Moore und Neil Gaiman, Watchmen, Vertigo und Image Comics, Grant Morrison und Alex Ross sind die Stichworte, die hier den Takt geben. Im abschließenden „Modern Age“, das laut Levitz’ Entwurf von 1998 bis in die Gegenwart reicht, treten Autoren und Künstler wie Jeph Loeb, Jim Lee, Darwyn Cooke und natürlich Geoff Johns in den Vordergrund. Man akquiriert Jim Lees WildStorm-Abteilung, die vorübergehend Vertigo als Hort der Innovation ablöst, setzt sich mit den Nachwirkungen des 11. Septembers 2001 auseinander, zelebriert zunehmend exzessive Crossover-Geschichten, profitiert von neuen Batman- und Superman-Verfilmungen und ist stolz auf Karma-fördernde Prestige-Projekte wie Cookes DC: The New Frontier, die Independent-Anthologie Bizarro Comics oder Grant Morrison und Frank Quitelys preisgekrönten All Star Superman.

Es gibt viel zu sehen und zu bestaunen in dem Buch, das man so – und vor allem oft so groß – noch nicht kannte. In der Prä-Superman-Periode beispielsweise wird besonderes Augenmerk auf die Zeichnungen der frühen Ikonen Creig Flessel und natürlich Joe Shuster gelegt, die in der stark vergrößerten Form eine ungeahnte Wirkung entfalten. Aber auch ganze Heerscharen anderer Künstler, wie etwa Walt Kelly oder Leo O’Mealia, Jerry Robinson und Mort Meskin, Jack Cole und Irwin Hasen, Carmine Infantino, Joe Kubert und Gil Kane, Curt Swan und Mike Sekowsky, Alex Toth, Neal Adams, Mike Grell und Brian Bolland, Frank Miller, Tim Sale und Adam Kubert, John Cassaday, J.G. Jones, James Jean und Darwyn Cooke kann man auf diesem Weg kennenlernen oder neu entdecken. Auch Comic-Pioniere wie R.F. Outcault, Will Eisner, Harvey Kurtzman, Bill Gaines, Robert Crumb oder Art Spiegelman, die mit DC nichts oder nur sehr wenig zu tun haben, kommen vor, wenn auch – natürlich – längst nicht so ausführlich.

In seinen Texten befasst sich Levitz derweil mit den Ursprüngen der Erzählform Comic oder räumt den vielen anderen Genres und Strömungen, die neben den Superhelden über die Jahrzehnte prägend für die Branche sind, ihren Platz ein – den Funnies und Krimis, den Romanzen und Western, den Kriegs-, Horror- und Science-Fiction-Comics, von denen die meisten der gesellschaftlichen Hexenjagd der 1950er zum Opfer fallen sollten. Levitz geht auf die Strippenzieher hinter den Kulissen ein, wie Harry Donenfeld und Jack Liebowitz, Julius Schwartz und Mort Weisinger, Karen Berger oder Dan DiDio. Er erklärt die Auswirkungen der Batman-Fernsehserie der 1960er und die Umbrüche in Vertrieb und Infrastruktur der Comics der 1970er und spricht über die Hintergründe der großen „DC-Implosion“ von 1977, einem Tiefpunkt des Verlags, sowie die damit verbundene Bewegung der Comichefte weg vom Massen- und hin zum Nischenmedium, das nun immer seltener in Kiosken und immer öfter in speziellen Comicläden zu finden war. Er berichtet, wie Kirby, als er Marvel endgültig den Rücken gekehrt hatte, mit seinen „Fourth World“-Serien (New Gods, Mister Miracle, etc.) bei DC aufschlug, und so weiter, und so weiter. Und immer wieder Verweise auf Entwicklungen abseits des Mainstream, innerhalb und außerhalb von DC selbst, die zunehmende Wichtigkeit von Autoren und Künstlern, das wachsende Bewusstsein für gesellschaftliche Konflikte und die Existenz von Lesern, die nicht weiß und männlich waren.

All Star Batman & Robin, The Boy Wonder No. 6. Original art, Jim Lee, September 2007 (TM & © 2010 DC Comics. All Rights Reserved/Courtesy TASCHEN)Dazwischen gibt es zu jedem Abschnitt einen großen, meist auf vier Seiten ausklappbaren Zeitstrahl, der die wichtigsten Ereignisse der jeweiligen „Epoche“ chronologisch im geschichtlichen Kontext darstellt. Und immer und immer wieder: riesige Abbildungen von Titelbildern, Comicseiten und –zeichnungen, die man sich am liebsten an die Wand hängen würde, Fotografien von alten Zeitungsständen und comiclesenden Menschen, von Spielzeugfiguren und Schallplatten, Ausschnitte aus Zeichentrickserien (Max Fleischer!), Filmen (Christopher Reeve! Jack Nicholson!) und Fernsehserien (George Reeves! Adam West! Lynda Carter!) – und, und, und.

Freilich: Der überschwängliche und ehrfürchtige Tonfall des Textes ist auf Dauer ermüdend. So können, wie der Titel schon andeutet, die DC-Helden nicht etwa einfach Comicfiguren sein, sondern werden immerzu als „moderne Mythen“ stilisiert. Und es hat auch offenbar wenige Fortschritte im Comicgeschäft gegeben, die nicht irgendwie doch von DC Comics ausgingen – die bisweilen doch etwas fragwürdigen Geschäftspraktiken bleiben natürlich gänzlich außen vor. Auch, dass Levitz bei seiner Darstellung der Verlagsgeschichte sich selbst völlig im Hintergrund hält, überrascht nicht vollends, schließlich war er schon während seiner Verlagstätigkeit eher Macchiavelli denn großer Zampano. Darin liegt aber auch die große Schwäche seines Buchs, denn persönliche Anekdoten sucht man vergebens, und die Passivität des Autors in seiner Darstellung lässt sich auch mit viel gutem Willen bestenfalls als falsche Bescheidenheit auslegen. Was umso frappierender ist, weil doch gerade ein stärkeres Bekenntnis zu seiner eigenen Rolle einen plausiblen Kontext für den manchmal arg einseitigen und selektiven Fokus der Darstellung geboten hätte.

Ohne diese bewusste Färbung nämlich bleiben die Auswahlkriterien oft nur schwer nachvollziehbar, wie im Fall der Marvel-Explosion der 1960er Jahre. Die schlägt hier gerade mal mit zwei Sätzen und einem kleinen Abdruck des Titelbilds von The Fantastic Four 1 zu Buche, was selbst für eine auf DC gemünzte Chronik inhaltlich nur schwer zu rechtfertigen ist. Auch wenn Levitz ausführt, wie sich DC-Herausgeberin Jenette Kahn nach ihrer Ankunft Mitte der 1970er für die Rechte der Kreativen einsetzte, mutet es merkwürdig an, dass Jim Shooter unerwähnt bleibt, der ganz Ähnliches durchsetzte, nachdem er 1978 zum Marvel-Chefredakteur befördert worden war. Und wenn Levitz über Künstler wie Jack Kirby und Steve Ditko berichtet, die vor allem mit ihrem Schaffen bei Marvel identifiziert werden, nimmt der teils verkrampfte Umgang mit der Konkurrenz fast schon komische Züge an. Hatte man Angst davor, ein paar kleine Bilder von Ditkos Spider-Man und Doctor Strange mit entsprechenden Erklärungen hätten dem Verlag Klagen von Marvel eingehandelt? Oder soll der Leser wirklich annehmen, dass der Creeper, den Ditko 1968 für DC erfand, seine bedeutendste Schöpfung aus jener Zeit ist?

Der Band ist eine riesige Wunderkiste – die ultimative Werkschau eines der bedeutendsten US-amerikanischen Comicverlage, die in Umfang, Ausstattung und Qualität einzigartig ist. Dabei bleibt es vor allem schade, dass Levitz die Gelegenheit verpasst hat, aus der Not seiner unvermeidlichen, tief reichenden Voreingenommenheit eine Tugend zu machen. Durch einen offensiveren Umgang mit seiner eigenen Rolle hätte Levitz seine Ausführungen mit größerer Glaubwürdigkeit und einem stärkeren persönlichen Stempel versehen können – beides Merkmale, die man bei der Lektüre bisweilen vermisst. So bleibt es letztlich bei einer zwar von großer Übersicht und hohem Sachverstand geprägten, dabei aber auch recht konventionellen und einseitigen Darstellung, die – zumindest was den reinen Text angeht – nicht viel Neues zu bieten hat. Doch, Hand aufs Herz: Um den Text, unterm Strich eine gut geschriebene, überdurchschnittlich fundierte Jubelschrift, geht es hier ohnehin nur bedingt. Es ist die schier sensationelle Fülle und Qualität der Abbildungen und Fotografien, die den Band zum Erlebnis macht. Ein fesselnder und beeindruckender Rundgang durch 75 Jahre Comicgeschichte, der noch lange seinesgleichen suchen wird, bleibt das Buch deshalb allemal.


Bewertung: 7 von 10 Punkten
 


75 Years of DC Comics – The Art of Modern Mythmaking

(75 Jahre DC Comics
Die Kunst, moderne Mythen zu schaffen)
von Paul Levitz
Taschen Verlag, Oktober 2010
Design: Josh Baker und Marco Zivny
Übersetzung aus dem US-Englischen (beiliegend als separates Heft): Thomas J. Kinne
721 Seiten, DIN A3, Hardcover im Tragekoffer; 150,- Euro
ISBN: 978-3836526203
Informationen und Leseprobe auf der Website des Verlags

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Abbildungen TM & © 2010 DC Comics. All Rights Reserved./ Courtesy TASCHEN.

Onkel Dagobert ist preiswürdig

Seit 2007 vergibt der Verein Wikimedia Deutschland, der die deutsche Version des Online-Lexikons Wikipedia betreibt, jedes Jahr die Zedler-Medaille für besonders gute neue Lexikonbeiträge. Letzten Freitag wurden die Medaillen in Frankfurt verliehen – der Preis für den besten Beitrag im Bereich Geisteswissenschaften ging an dabei an den Jurastudenten Tobias Lutzi, der den Wikipedia-Eintrag über Dagobert Duck verfasst hat. Natürlich nicht allein, schließlich ist Wikipedia ein kollaboratives Lexikon, an dem jeder mitschreiben kann. Wie man jedoch an der Versionsgeschichte des Artikels sehen kann, erstellte Lutz im Sommer 2010 eine vollständige Überarbeitung des Artikels, der seitdem wesentlich ausführlicher und mit umfangreichen Belegen versehen ist. Der Preis ist mit 2.000 Euro dotiert, was Onkel Dagobert bestimmt gefreut hätte.

Ebenfalls von Tobias Lutz stammt der Eintrag über Don Rosa, der neben Carl Barks wohl am meisten Einfluss auf die Figur des Onkel Dagobrt hatte und hat. Dieser gehört schon seit Herbst 2009 zur Liste der „Exzellenten Artikel“ der Wikipedia.

Webcomic-Tipps

Comix 06/2010Comix ist eine seit Juni monatlich erscheinende Zeitung aus dem Hause JNK (Comixene), die abgeschlossene und fortlaufende Comics deutschsprachiger Zeichner präsentiert – z. B. Webcomics wie Deae Ex Machina von Erik oder Ewiger Himmel von David Boller, die im Print ganz anders wirken als auf dem Bildschirm. Aber auch Neuveröffentlichungen wie Shayazur von Christian Turk, Vasmers Bruder von Peer Meter/David von Bassewitz oder Comics von Ralf König  sind dabei.

Gedruckt wird auf Zeitungspapier, da sich Comix als Vorveröffentlichungsplattform und Wegwerfprodukt versteht. Dies erlaubt einen Preis von 2,- Euro für 80 Seiten.

Unsere Rezension der ersten Ausgabe findet Ihr hier.

Comix gibt es am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel und natürlich in Comicfachgeschäften. Auch eine digitale Version ist erhältlich, und zwar bei Comicstars.

Seit der 2. Ausgabe schreibe ich für den redaktionellen Teil („Comixene-Newsletter“) über jeweils zwei digitale Comics. Meine Tipps habe ich bis jetzt auch getwittert, jetzt gibt’s noch regelmäßig einen Eintrag in der Welt am Draht dazu.

Hier meine bisherigen Empfehlungen mit kurzem Fazit; ausführlicher wird’s in der jeweiligen Ausgabe.

Comix 07/2010:

  • FreakAngels von Warren Ellis und Paul Duffield (original, deutsch)
    >> Steampunkserie, die als Experiment angedacht war, ob man trotz kostenlosem Webcomic die dazugehörigen Sammelbände verkauft bekommt. Antwort: ja.
    >> Hinweis: Unsere Rezension des ersten Sammelbandes hier.

Comix 08/2010:

  • Chronicartoons von Andreas Eikenroth
    >> humorvolle Erweiterung der Allgemeinbildung
  • The Abominable Charles Christopher von Karl Kerschl (original, deutsch)
    >>  poetische und doch bodenständige Fabel mit beeindruckenden Zeichnungen
     

Comix 09/2010:

  • Le Dessert von Leonard Riegel bei electrocomics.de
    >> Tipp für alle, die Nicolas Mahlers lakonische Art mögen
  • Zahra’s Paradise von Amir und Khalil
    >> Comic in mehreren Sprachen über eine iranische Mutter, deren Sohn verschwunden ist
    >> Erscheint gedruckt 2011 bei Knesebeck

Comix 10/2010:

  • Oh nein! Ich bin ein Mädchen! von Jot (Eigenwerbung war erlaubt 😉
    >> Geschlechtertausch als ernsthaft angegangenes Grundthema; vielleicht der längste deutschsprachige Webcomic
  • Memento Mori von Mick
    >> Fotocomic mit beweglichen Spielfiguren – hervorragende Ausleuchtung, liebevolle Detailausstattung und historisches Hintergrundwissen

Comix 11/2010 (erscheint nächste Woche):

  • Twilight Monk von Trent Kaniuga
    >> lockerleicht, viel Tempo, dynamische Seitenaufteilung und große Liebe zum Detail

Castro

castroReinhard Kleist gehört seit geraumer Zeit unbestritten zur ersten Riege deutschsprachiger Comiczeichner. Mit Veröffentlichungen wie Cash – I See A Darkness hat er in jüngster Vergangenheit seine Ausnahmestellung unterstrichen. Seine von der Kritik und den Lesern gleichermaßen geschätzte Biografie über Johnny Cash ist nicht nur in Deutschland extrem erfolgreich, sondern wurde zudem in zahlreiche Sprachen übertragen und war für einen Eisner Award nominiert.

Aber auch schon lange Zeit, bevor die Graphic Novel salonfähig wurde, hat sich der deutsche Comickünstler durch anspruchsvolle Unterhaltung hervorgetan. Bereits mit seinem Debütcomic Lovecraft konnte Kleist schnell auf sich aufmerksam machen. Durch seine darauffolgenden Titel wie Dorian oder auch seine Berlinoir-Trilogie hat sich der preisgekrönte Comicautor etablieren können.

In seinem neuen Buch Castro beschäftigt sich Kleist mit Kuba, einem der letzten Außenposten des real existierenden Sozialismus. Genauer gesagt mit dem „Maximo Lider“ der Revolution: Fidel Castro. Kaum eine Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts wirkte derart polarisierend und kann auf ein so ereignisreiches als auch widerspruchsvolles Leben zurückblicken wie der ehemalige kubanische Revolutionsführer und Staatschef: vom ersten Arbeiteraufstand, den der junge Fidel auf der väterlichen Finca anzuzetteln versuchte, über die siegreiche Revolution gegen das Batista-Regime, die gescheiterte CIA-Invasion in der Schweinebucht und die „Raketenkrise“ bis hin zu den Jahrzehnten des Mangels und der Verfolgung politisch Andersdenkender, die zunehmend im Widerspruch zu Castros Idealen zu stehen scheinen.

Gewohnt kunstvoll erzählend nähert sich Reinhard Kleist dem umstrittenen Revolutionär und Politiker und hält dessen bewegtes Leben und seine politischen Ideen und Ideale ebenso facettenreich fest wie deren Folgen für die kubanische Gesellschaft. Dafür hat er die Perspektive des fiktiven Exil-Fotografen gewählt, der seine Heimat 1958 verlässt und nie wieder zurückkehren wird, weil er sich vom ideologisch geprägtem Kampf der kubanischen Revolutionäre um Fidel faszinieren und in den Bann ziehen lässt.

Mit kraftvollem, vitalem Strich präsentiert Kleist eine kontrastreiche, schwarz-weiße Comic-Biografie, deren Zeichenstil am ehesten mit Will Eisners Strich vergleichbar ist. Teilweise wirken die Bilder dramatisiert und zugespitzt, was aber in Ordnung geht. Um die Stimmung vor Ort besser einfangen zu können, unternahm Kleist im Frühjahr 2008 eigens eine Recherchereise nach Kuba, aus der bereits das viel beachtete Reisetagebuch Havanna hervorgegangen ist.

Immer öfter bieten Comics über die Zeitgeschichte die angenehme Möglichkeit, sich der Historie in unterhaltsamer Form anzunähern. Auch mit Castro kann man ein komplexes Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts in unterhaltsamer Variante nachlesen. Kleist betreibt dabei keine Schönfärberei, sondern zeigt auch die Schattenseiten des Maximo Liders auf. Dass dabei vor allem bis zum Ende hin viele Aspekte der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge verloren gehen, mag man verzeihen. Die Lektüre von Geschichtsbüchern kann und will Castro ja gar nicht ersetzen.

 

Wertung: Gut – 7 von 10 Punkten

Kleist zeigt Castro in kunstvoller Erzählform und dynamischem Strich


Castro
Verlag: Carlsen Comics, Oktober 2010
Text und Zeichnungen: Reinhard Kleist
Seiten, Farben, Umschlag: 280 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78965-5
Video: Reinhard Kleist erzählt über Castro

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Abbildungen © Reinhard Kleist

Neues Gewand

 

Hereinspaziert, hereinspaziert!

Herzlich willkommen auf unserer brandneuen Seite – unser drittes Design nach einer reinen HTML-Seite (2000-2005) und des ersten Redaktionssystems (2005-2010)! Wir haben nicht nur die Oberfläche überarbeitet, sondern auch den kompletten Inhalt in eine neue und bessere Version unseres Content Management Systems übernommen. 

Noch sitzt nicht jedes kleinste Schräubchen bombenfest – wir bauen weiter dran, und falls Euch ein Fehler auffällt, sind wir dankbar für eine Rückmeldung (momentan am besten übers Kontaktformular)!

Jetzt aber zu den Highlights unseres Updates!

 

  • mehr Übersichtlichkeit

    – aufgeräumteres Menü, neuer Menüpunkt „TV & Film“, zum Teil neues Ordnungssystem, Infoblog „Welt am Draht“ in die Seite integriert

    – die Startseite hat keinen Blogcharakter mehr, sondern ist thematisch unterteilt; die Tabs zeigen die jeweils drei neuesten Artikel aus einem Bereich

  • Rezensionen

    keine Trennung mehr zwischen „ausführlichen Rezensionen“ und kurzen „Kri-Ticker“-Beiträgen → alle Besprechungen sind gebündelt unter „Rezensionen“ zu finden

    – wenn Ihr im Bereich der Rezensionen seid, hilft ein Tagsystem („Rezis nach Kategorien“) im rechten Balken, die Texte nach bestimmten Kriterien wie „Verlag“ oder „Erscheinungsjahr“ zu sortieren (noch in Arbeit, da die alten Rezensionen per Hand getaggt werden müssen). Darüber findet Ihr auch bequem unsere Besprechungen von Sekundärliteratur!

    – die neuesten Rezensionen werden, wie von der alten Seite gewohnt, im rechten Balken als „aktuelle Rezensionen“ angezeigt

    – neues Bewertungssystem: die Bewertung von 1 bis 6 (Schulnoten) in Form unserer Erics wird abgelöst durch eine größere Bandbreite von 1 bis 10 (10: beste Bewertung) und einer klareren optischen Anzeige (Balken)

 

  • bessere Auffindbarkeit des Inhalts

    alle Rezensionen sind chronologisch unter dem Menüpunkt „Rezensionen“ aufgelistet und von dort aus durchsuchbar, auch nach Autor

    – neu: ein Alphabet zum direkten Ansteuern der Rezensionen

    – jeder Redakteur hat ein Profil, auf dem man eine klickbare Auflistung all seiner Artikel findet (momentan zu erreichen über die Redakteurs-Verlinkungen im Impressum; Verlinkungen direkt aus der Autor-Angabe in den Artikeln noch in Arbeit)

 

 

  • Comic-Kalender

     – welche Comictermine stehen demnächst an? In unserem Kalender findet Ihr die Antwort, die neuesten Termine werden Euch im rechten Balken angezeigt

    – außerdem könnt Ihr selber Termine einreichen!

 

  • Was noch ansteht

    Wir haben noch ein Problem, die Kommentarfunktion und die Artikel-Buttons für Flattr, Twitter und Facebook zu integrieren. Das ist also noch in Arbeit. Wer uns ein Dankeschön via Flattr hinterlassen will, kann das gerne über den „allgemeinen Flattr-Button“ rechts oben machen. Wir freuen uns über jeden Klick!

 

Wir wünschen Euch viel Spaß mit der verbesserten Übersichtlichkeit und den neuen Funktionen!

Das Comicgate-Team

Angoulême 2011: Ulli Lust ist nominiert!

Das Comicfestival von Angoulême, das mit seinen Prix Palmares die wohl renommiertesten Comicpreise des europäischen Raums vergibt, hat heute seine „Sélection Officielle“ vorgestellt. Aus einer Sammlung von 58 Comictiteln des letzten Jahres wird die Jury jene Comics ermitteln, die im Januar 2011 den begehrten Preis bekommen werden. Geleitet wird die Jury vom Preisträger des Grand Prix des Vorjahres, dem Künstler Baru.

Aus deutscher (und selbstverständlich auch aus österreichischer) Sicht besonders erfreulich: Unter den Nominierten ist auch Trop n’est pas assez, die französische Version von Ulli Lusts Graphic Novel Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens. Dieser Comic räumte schon in der Heimat sowohl den ICOM Independent-Preis als auch einen Max-und-Moritz-Preis ab Die wörtliche Übersetzung des französischen Titels lautet „Zuviel ist nicht genug“. Vielleicht gilt das ja auch für Preise? Wir drücken jedenfalls die Daumen!

Unter den nominierten Comics sind ansonsten nur ganz wenige Titel, die in Deutschland bereits auf dem Markt sind: Logicomix von Apostolos Doxiadis, Christos Papadimitriou, Alecos Papadatos und Annie di Donna (Atrium), Les Noceurs von Brecht Evens (Am falschen Ort, Reprodukt), Incognito von Ed Brubaker und Sean Philips (Panini) und Pluto von Osamu Tezuka, dessen erster Band vor wenigen Wochen bei Carlsen erschienen ist. Der zwölfte Band von The Walking Dead von Robert Kirkman und Charlie Adlard steht ebenfalls auf der Liste, er ist bei Cross Cult fürs Frühjahr 2011 geplant. Auch andere nominierte Comics, z.B. 5000 Kilometer in der Sekunde von Manuele Fior, Wilson von Daniel Clowes, oder Parker: The Hunter sind bereits von deutschen Verlagen angekündigt. Ansonsten zeigt die „Sélection Officielle“ mal wieder, um wieviel vielfältiger und reicher der französische Markt immer noch ist, auch wenn man hierzulande inzwischen mächtig aufgeholt hat. Die komplette Liste ist hier zu finden.

 „5000 Kilometer in der Sekunde

Infohäppchen aus Hollywood

Die nächsten Comicverfilmungen werfen ihre Schatten voraus. In den letzten Tagen schwirrten unter anderem folgende Nichtig- und Neuigkeiten durchs Internet:

Grüner wird’s nicht

Letzte Nacht veröffentlichte Warner Brothers den ersten Trailer zum großen DC-Superheldenfilm des kommenden Sommers: Green Lantern unter der Regie von Martin Campbell (Casino Royale) wird in den USA am 17. Juni 2011 starten. Den Trailer gibt es bei apple.com zu sehen. Sagen wir mal so: für Leute, die keine Filme mit viel CGI-Effekten mögen, ist das nichts.

Wolverine bekommt einen Artikel

Der nächste Wolverine-Film wird nicht X-Men Origins: Wolverine 2 heißen, sondern The Wolverine. Das berichtet hitfix.com. Möglicherweise will man sich damit vom Vorgängerfilm abgrenzen, der ja nicht gerade das Gelbe vom Ei war. Regie wird übrigens Darren Aronofsky (The Wrestler) führen, was schonmal eine sehr interessante Wahl ist. Echtes Popcornkino hat dieser, eher dem Indie- und Kunstkino zugewandte Filmemacher bisher nicht gemacht.

 

Christopher Nolan über seinen dritten Batman

Regisseur Christopher Nolan hat der Los Angeles Times ein Interview gegeben, in dem er über seinen dritten und letzten Batman-Film spricht. Der Titel wird The Dark Knight Rises lauten. Wer der große Gegenspieler für Batman sein wird, hat Nolan noch nicht verraten, schloss aber zumindest aus, dass es der Riddler sein wird. Nolan betont, dass der Film wird nicht in 3D gedreht wird, weil das die Stimmung des Films gegenüber den ersten beiden Teilen völlig verändern würde. Stattdessen verwendet man das IMAX-Format.

 

Tim und Struppi zeigen sich

Die britische Filmzeitschrift Empire zeigt erste Eindrücke aus The Adventures of Tintin: The Secret of the Unicorn, dem mit Spannung erwarteten Projekt vom Superstar-Regieduo Steven Spielberg und Peter Jackson. Der Film wird im Motion-Capture-Verfahren gedreht, das heißt, er wird komplett von Schauspielern vor Kameras gedreht, sieht am Ende aber aus wie ein Trickfilm. Welchen Look das am Ende ergibt, kann man nun erstmals erahnen. Der Mix aus 3D-Optik und Hergés Zeichnungen scheint ganz gut gelungen zu sein.

The Red Star 4 – Schwert der Lügen

Cover von The Red Star 4Christian Gossett und sein Kreativteam katapultieren uns mit dem vierten Teil ihrer Saga zurück in die futuristische, an die Sowjetunion angelehnte Welt von Red Star. Und wieder lassen sie gezeichnete Elemente mit digital bearbeiteten Hintergründen aufwendig verschmelzen. Aber nicht nur die optische Darstellung ist bei The Red Star episch, auch die Story ist es:

Die Handlung setzt dort ein, wo Band 3 aufhörte. Das gigantische Schlachtschiff Konstantinov zieht in den Krieg gegen die eigene Nation, die Vereinigten Republiken des Roten Sterns. Ziel der Rebellen ist es, die zentrale Festung Erzengel des Feindes zu stürmen.

Die Serie bleibt ihrem Stil treu und bietet weiterhin pompöse Fantasy-SciFi-Action in cineastischer Qualität. Krieg ist hier ein Grundthema, welches innerhalb kaum überschaubarer Grenzen der Technologie wie der Zauberei zelebriert wird. Leider bringt das immer einen gehörigen Schuss Pathos mit sich. Und manchmal eben so viel, dass der Comic immer mal wieder an der Schwelle zur Übertreibung entlangschlittert.

Im vierten Band „Schwert der Lügen“ verfolgt Gossett gleich zwei Handlungsstränge parallel: Zum einen führt er die Geschehnisse um die Besatzung der RSS Konstantinov in der Gegenwart weiter, zum anderen schwenkt er über zu den gesellschaftspolitischen Ereignissen, die sich hundert Jahre vor der erstgenannten Zeitlinie zutrugen. Denn auch damals bahnte sich eine Revolution an. Das erweitert den Red-Star-Kosmos um ein weiteres Fragment, nur leider dürfte der Leser – so ging es zumindest mir – allmählich überfordert sein.

The Red Star basiert auf einem derart komplexen Konstrukt aus Hintergrundwissen und politischen Zusammenhängen, die sich über die Zeit innerhalb der fiktiven Welt angesammelt haben, dass der eigentliche Plot völlig an die Seite gedrängt wird. Offenbar sind sich die Macher dessen bewusst, denn wohl nicht umsonst wurden vorab auf einer stattlichen Anzahl von Seiten ausführliche Erklärungen zu allen Personen und Gruppierungen abgedruckt. Sogar eine (allerdings recht undurchsichtige) Timeline findet man zur groben Orientierung.

All das ist Ausdruck eines mittlerweile sehr überfrachteteten Universums, bei dem vermutlich selbst Christian Gossett nur schwer den Überblick behalten dürfte.

Mir persönlich hat The Red Star bis dato gerade aufgrund seiner unkonventionellen Thematik, seiner herausfordernden Erzählweise und seinem noch unkonventionelleren Media-Mix gefallen. Bei „Schwert der Lügen“ hingegen kann ich mich des Gefühles nicht erwehren, dass mittlerweile ein bisschen die Luft aus dem Projekt raus ist. Die tragenden Figuren, die man aus den bisherigen Alben kennt, sind hier eher außen vor. Vielleicht ist auch das der Grund, warum mir dieser Band nicht wie eine konsequente Fortführung, sondern wie eine ungesteuerte Aufrechterhaltung zu reinem Selbstzweck vorkommt.

Statt einen Gang zurück zu schalten, um die Geschichte von Red Star abzurunden und letztlich auch plausibler und nachvollziehbarer zu gestalten, schalten die Künstler nochmal einen Gang hoch und überladen das bestehende Universum jetzt erst recht. Das mag von Gossett bereits zu Beginn in dieser Bandbreite geplant sein, geht aber deutlich auf Kosten des Lesevergnügens. Da tröstet auch das lesenswerte Interview mit ihm am Ende des Albums nicht über die Enttäuschung hinweg.

 

Wertung:  Bewertung

Die Serie manövriert sich in eine enorme Komplexität, wieder etwas mehr Klarheit und Schlichtheit würde ihr gut tun

 

The Red Star 4 – Schwert der Lügen
Verlag: Cross Cult, September 2010
Text/Zeichnungen: Christian Gossett u. a.
208 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,80 Euro
ISBN: 978-3-941248-35-9

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Abbildungen © Christian Gossett, der dt. Ausgabe Cross Cult

Der große Comic-Sonderpreis bei der taz

Die taz nord veranstaltet in Kooperation mit dem Lappan-Verlag einen Comic-Wettbewerb:

„Für einen Jahresrückblick sucht die taz nord Comics über norddeutsche Geschichten aus dem Jahr 2010. Ausgangspunkt können politische und gesellschaftliche Ereignisse zwischen Flensburg und Göttingen, zwischen Emden und Wismar sein, die Menschen und Medien beschäftigt haben. Der beste Comic wird mit einem Preisgeld von 499 Euro prämiert, der zweite mit 249 Euro und der dritte mit 149 Euro.“

Einsendeschluss ist der 30.11.2010.

Mehr Informationen: http://blogs.taz.de/hausblog/2010/10/27/der_grosse_comic-sonderpreis/

Jeronimus 2 & 3

jeronimus2 Was sich in Band 1, „Ruhe vor dem Sturm“, bereits angekündigt hat, wird in den beiden abschließenden Bänden der Jeronimus-Trilogie blutige Gewissheit. Diese spinnen die Verwandlung des titelgebenden Jeronimus Cornelisz weiter, eines Apothekers, der im 17. Jahrhundert als Unterkaufmann auf dem Handelsschiff Batavia anheuert.

„Schiffbruch“, so heißt der zweite Teil dieses auf wahren Begebenheiten beruhenden Comics vom Kreativteam Christophe Dabitch und Jean-Denis Pendanx. Cornelisz wird darin zum Mitinitiator einer geplanten Meuterei. Bezeichnenderweise beginnt sich auf hoher See bereits das Verhalten des Hauptprotagonisten zu wandeln, das Machtgefüge innerhalb eines begrenzten Raumes, innerhalb einer Gruppe von wenigen hundert Leuten, droht erstmals zu wanken.

Wesentlich bedrohlicher wird die Situation nach dem Schiffbruch: Band 3, „Auf der Insel“, schildert die Vorkommnisse um die insgesamt 200 Überlebenden der Batavia. Wasser und Nahrung sind knapp auf dem Eiland. Jeronimus Cornelisz wird zum skrupellosen Anführer, wird zum Massenmörder, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.

jeronimus3Die Stimmung, die dem Leser während der gesamten Geschichte entgegenschlägt, ist von intensiver und brutaler Natur. Aus menschlicher Sicht ist das systematische Hinrichten, das hier fortwährend praktiziert wird, und das Ausschalten von Konkurrenten und unnützen Personen zur Machtdemonstration beim Lesen kaum auszuhalten. Aus narrativer Sicht ist es geradezu brillant geraten. Die übermäßige Gewalt kann man den Künstlern hier kaum vorwerfen, immerhin ist die Story historische Realität und genau so (bis auf wenige Kleinigkeiten, die bis heute wohl nicht völlig geklärt sind) dokumentiert, zum anderen liegt der Fokus der Bilder meist eben nicht auf den expliziten Gewaltszenen.

Die bedrohliche Grundstimmung kann das  aber nicht wegwischen, und das ist auch gut so. Denn aus ihr speist sich dieser unglaubliche Thriller und unterstreicht eine gewisse psychologische Dimension, die zweifelsfrei existiert. Die Analyse von Jeronimus Cornelisz‘ Motiven, seiner Persönlichkeit und seines Verhaltens, steht im Zentrum dieses Dreiteilers In dieser Hinsicht gelingt es Dabitch auf beeindruckende Weise, einen Erklärungsversuch zu konstituieren, der nebenbei auch noch zu unterhalten weiß.

jeronimus3a Jean-Denis Pendanx‚  malerische Kulisse ist zuerst einmal gewöhnungsbedürftig, passt aber sowohl in den historischen Rahmen als auch zur textlichen Ausführung, die auch mal Freiraum für die Betrachtung der Bilder lässt.  

Jeronimus ist ein Werk, das mich in seiner Gesamtheit wirklich beeindruckt hat. Für mich liegt damit ein Comic vor, der mit zu den stärksten Veröffentlichungen der letzten Jahre zählt.


Jeronimus
Schreiber & Leser
Text: Christophe Dabitch
Zeichnungen: Jean-Denis Pendanx

 Gut

Ein Comic, für den man eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen kann … und eigentlich auch muss

Band 2: Schiffbruch
März 2010
96 Seiten, farbig, Hardcover, 22,80 Euro
ISBN: 978-3-941239-33-3

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Band  3: Auf der Insel
September 2010
88 Seiten, farbig, Hardcover, 22,80 Euro
ISBN: 978-3-941239-48-7

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Abbildungen: © Schreiber & Leser