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Meine Beschneidung

Riad ist acht Jahre alt, lebt in Syrien und möchte gerne ein cimmerischer Krieger sein, so wie Conan der Barbar. Beim gemeinsamen Pinkeln stellt er fest, dass sein Pimmel anders aussieht als die seiner Cousins. Denn, so wird es ihm erklärt: „Du hast nicht wie wir das Rad der Schmerzen ertragen.“ Dies soll sich aber bald ändern, denn Riads Vater eröffnet ihm, dass auch er bald beschnitten werden soll. Was so eine Beschneidung genau ist, was dabei passiert und welchen Zweck sie erfüllen soll, erfährt Riad allerdings nicht. Er muss es sich also selbst zusammenreimen.

Meine Beschneidung ist der erste Comic des arabischstämmigen Franzosen Riad Sattouf, der auf Deutsch erscheint. Zuvor konnte man mit ihm im Kino Bekanntschaft machen: Für die Pubertäts-Komödie Jungs bleiben Jungs, der letzten Sommer lief, war Sattouf als Regisseur und Co-Autor verantwortlich. Im vorliegenden Comic, konsequent aus der Sicht eines kleinen Jungen erzählt, geht es zwar im Vordergrund um das Initiationsritual der Beschneidung, um die Ungewissheit und Ängste im Vorfeld, und schließlich auch um das Ereignis selbst. Doch letztlich dient die Beschneidung vor allem als Aufhänger, um aus dem Lebensalltag eines Kindes zu berichten, das im Nahen Osten aufwächst.

Dieser Alltag zeichnet sich unter anderem durch die völlige Abwesenheit von Frauen aus. Im gesamten Buch tritt nicht eine weibliche Person auf. Er ist außerdem geprägt von strenger Erziehung durch Eltern und Lehrer. Anstatt menschlicher Erziehung und guter Bildung gibt es in der Schule Prügel und antisemitische Propaganda. Hinter den scheinbar harmlosen Episoden, dem humoristischen Tonfall und den sehr naiv und simpel gestalteten Bildern (Sattouf verzichtet fast vollständig auf Hintergründe) verbirgt sich eine sehr ernst gemeinte, ätzende Systemkritik. Folgt man dem Autor, dann wird Kindern im Nahen Osten ein völlig falsches Weltbild vermittelt, Aufklärung findet nicht statt. Wenn der kleine, blonde Riad voller Angst an seine Beschneidung denkt, dann tröstet ihn nur die Aussicht, dass ihn anschließend keiner mehr für einen Israeli halten kann. Als er später schließlich erfährt, dass auch Israelis beschnitten werden, bricht für in eine Welt zusammen. Trotz der durchstandenen Qualen bleibt er der Außenseiter, der er zuvor schon war.

Durch die (ziemlich sicher autobiographisch geprägte) Schilderung von für uns fremden Verhältnissen aus der Sicht eines Kindes hat Meine Beschneidung einiges mit Marjane Satrapis Comic-Bestseller Persepolis gemeinsam. Hier wie dort dominieren sehr einfach gehaltene Zeichnungen, hier wie dort wird ernsten und teilweise schrecklichen Tatsachen mit Humor und Leichtigkeit begegnet. Sattoufs Comic ist zwar lange nicht so umfangreich, weniger politisch und auch nicht so ausgereift wie der von Satrapi, passt aber im Bücherregal sehr gut neben Persepolis.

In Frankreich liegen von Riad Sattouf schon eine ganze Menge Werke vor, die sich fast immer mit Sorgen und Nöten des Heranwachsens beschäftigen und mit diversen Preisen ausgezeichnet wurden. Hoffen wir, dass noch mehr seiner Arbeiten den Weg in die deutsche Comiclandschaft finden werden.

 

Kritisch-humorvoller Einblick ins Erwachsenwerden im Nahen Osten

Wertung: 8 von 10 Punkten


 Meine Beschneidung
Reprodukt, November 2010
Text und Zeichnungen: Riad Sattouf
100 Seiten, farbig, Softcover mit Klappenbroschur
Preis: 14 Euro
ISBN: 978-3-941099-60-9
Leseprobe

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Abbildungen © Riad Sattouf, der dt. Ausgabe: Reprodukt


Comicgeschenkideen 2010

Zu Weihnachten schenkt man lieben Menschen schöne Dinge – das können und dürfen natürlich auch Comics sein. Deshalb hat die Comicgate-Redaktion wieder Ideen gesammelt: Hier sind unsere 15 Geschenktipps, ordentlich nach Zielgruppe sortiert. Und weil wir nicht aufgepasst haben, hat sich auch ein DVD-Tipp unter die Comics verirrt.

All diese Geschenke sind natürlich auch für den eigenen Wunschzettel geeignet.

Unsere Geschenktipps aus den Vorjahren sind hier zu finden: 2005, 2006, 2008 und 2009.

Die Comics werden diesmal empfohlen von Marco Behringer (mb), Christopher Bünte (cb), Thomas Kögel (tk), Frauke Pfeiffer (fp), Benjamin Vogt (bv) und Daniel Wüllner (dw).

(Abbildung: Ausschnitt aus einem Batman-Cover aus dem Jahr 1945, © DC Comics)

 

FÜR ANHÄNGER UNGEWÖHNLICHER SUPERHELDENKOST:

Engelmann
von Nicolas Mahler
Carlsen Verlag
14,90 Euro

Ein pinker Superheld mit Flügeln und schwerer Identitätskrise ist der Protagonist in einem der bislang ungewöhnlichsten Bücher von Autor und Zeichner Nicolas Mahler (und das will was heißen). Engelmann ist die haarsträubende Parodie auf das Genre des Superheldencomics; humoristisch, quietschbunt und bitterböse. Dass sich unter all dem sogar auf skurrile Weise so etwas wie Systemkritik verbirgt, zum Beispiel durch das von einem Verlagskonzern aufoktroyierte Characterdesign Engelmanns, macht diesen Comic zu einem umso merkwürdiger anmutenden Erlebnis. bv

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Batman R.I.P.
von Grant Morrison und Tony Daniel
Panini Comics
19.95 Euro

Trotz des Titels stirbt der Dunkle Ritter in diesem Comic genau genommen nicht. R.I.P. ist gewissermaßen ein Vorspiel dazu. Inszeniert von Grant Morrison, dessen schräge Visionen hier mal wieder sehr komplex und verworren zum Ausdruck kommen. Was bleibt, ist eine Story, die vielleicht der Autor selbst nicht vollständig erklären kann, die aber einfach grandios geschrieben ist. Innerhalb des Bat-Kosmos gehört diese Geschichte sicherlich schon jetzt zu den ganz großen Meilensteinen der jüngsten Vergangenheit. bv

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FÜR COMIC-QUERULANTEN:

Pluto
von Naoki Urasawa
Carlsen Manga
bisher 1 Band, 12,90 Euro

Es gibt Menschen, denen kann man es nicht recht machen. Sie verweigern sich wirklich gegen jedes Geschenk:
Sie mögen keine Manga, denn mit der japanischen Leserichtung kommen sie nicht klar.
Sie mögen keine Krimis, denn diese ewige Suche nach dem Mörder langweilt sie nur.
Sie mögen keine Science-Fiction, denn die Flucht in eine ferne Zukunft ist doch so was von unrealistisch.

Diesen Menschen kann zu Weihnachten mit Pluto von Naoki Urasawa geholfen werden. Es ist alles, wonach sie sich nie gesehnt haben. Ein Manga, dessen Krimi-Handlung in einer fernen Zukunft spielt. In einer Welt, in der Roboter sich das Recht herausnehmen; wie Menschen behandelt zu werden, kommt es zu einer mysteriösen Mordserie. Einer nach dem anderen werden die bekanntesten Roboter der Welt umgebracht. Der Leser folgt dem Agenten namens Gesicht bei seinen Ermittlungen, und zwar von rechts nach links, denn dieser Manga erscheint in original japanischer Leserichtung. Die schwarz-weiß gezeichnete Welt zieht ihren Leser schnell ins Geschehen und in ihren Bann. Ebenso schnell ist aber auch klar, dass man nicht so einfach zwischen Schwarz und Weiß, Roboter und Mensch, Gut und Böse unterscheiden kann. Und wenn der zu Beschenkende keine Lust auf diese neumodischen Comics hat, dann erwähnt doch einfach, dass Urasawas Pluto auf einer Astro Boy-Geschichte basiert. Die wurde von niemand Geringerem ersonnen als dem Meister des japanischen Comics selbst, von Osama Tekuza. dw

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FÜR EHER-NICHT-COMIC-LESER

Tamara Drewe
von Posy Simmonds
Reprodukt
20 Euro

Natürlich kann man Tamara Drewe auch jedem Comicliebhaber ans Herz und auf den Gabentisch legen, aber dies ist ein in vielerlei Hinsicht untypischer Comic, der sich bestens für Leser eignet, die sonst keine Comics lesen. Ungewöhnlich ist schon mal, dass Tamara Drewe aus England stammt, von einer 60-jährigen Frau geschrieben und gezeichnet und in einer großen, seriösen Tageszeitung veröffentlicht wurde. Auch die Szenerie und die Protagonisten findet man eher selten in Comics: ein englisches Kuhkaff, in das sich Schriftsteller zum Schreiben zurückziehen, wird aufgemischt, als eine junge, erfolgreiche und sehr hübsche Frau aus London in dieses Dorf zurückkehrt, in dem sie aufgewachsen ist.

Tamara Drewe pendelt zwischen Gesellschaftssatire, Seifenoper und Kriminalroman, experimentiert mit der Form (die Comicszenen werden immer wieder von längeren Textpassagen begleitet) und unterhält dabei immer prächtig. Die Verfilmung von Stephen Frears läuft übrigens nur fünf Tage nach Weihnachten in den deutschen Kinos an. tk

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FÜR FREUNDE KLASSISCHER LITERATUR:

Die Verwandlung
nach Franz Kafka
von Eric Corbeyran und Richard Horne
Knesebeck
19,95 Euro

Die Adaption von Franz Kafkas Klassiker Die Verwandlung bleibt der Vorlage weitestgehend treu, ohne jedoch einen plumpen Abklatsch zu fabrizieren. Als eigenständiger Comic nimmt sich das Werk grafisch einige Freiheiten heraus (und kehrt damit die Selbstständigkeit des Mediums heraus), verlässt sich dabei aber dankenswerterweise ganz auf die Originaltexte von Kafka. Und damit ist dieses Album das perfekte Geschenk für Menschen, die sich bisher nur mit klassischer Literatur beschäftigten. bv

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FÜR FREUNDE DES SCHWARZEN HUMORS:

Schwarz, weiß, tot
von Lapinot
Comicgate
10 Euro

Ein bisschen Eigenwerbung darf sein – schließlich sind wir absolut überzeugt von unserer Produktion des mit einem ICOM-Preis für das beste Artwork 2009 ausgezeichneten Bastian „Lapinot“ Baier. In schwarz-weißen Zeichnungen mit roter Schmuckfarbe unterhält er mit ausgemacht fiesen Gags, für die man schon einen ordentlichen Sinn für makabre Pointen haben sollte. Beispiele findet Ihr auf unserer Unterseite zum Band. Hardcover und gutes Papier runden die 72-seitige Cartoonsammlung im DIN-A5-Format ab. fp

Direkt bei uns bestellen (Weihnachtsaktion bis 15.12.2010: inklusive Zeichnung mit Widmung!)

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FÜR GLÄUBIGE, AGNOSTIKER UND ATHEISTEN:

Die Zeit und Gott
von Aike Arndt
Zwerchfell
8 Euro

Das Buch ist von außen ganz unscheinbar: ein kleines, schmales Bändchen mit braunem Einband. Doch es geht um niemand Geringeren als um Gott. In kurzen Episoden erzählt Aike Arndt davon, dass dieser Gott eigentlich ein ziemlich normaler Kerl ist. Er lebt zusammen mit Luzifer in einer WG. Seine Hobbies sind unter anderem Fliegen, Sudoku und Laternen austreten. Und ab und zu erschafft er mal etwas, zum Beispiel die Zeit, die Grammatik oder Eulen. Für die Lektüre dieses wunderbaren Blödsinns, der mal albern, mal philosophisch und mal hintersinnig daherkommt und sehr charmant-kritzelig gezeichnet ist, spielt es überhaupt keine Rolle, wie man selbst es mit der Religion hält. Denn Die Zeit und Gott ist vor allem, und nur darauf kommt es an: saukomisch. tk

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FÜR JUNGEN MIT DER MUNDHARMONIKA:

O’Boys
von
Ehapa Comic Collection
bisher 2 Bände, je 13,95 Euro

Das franko-belgische Album ist tot – lang lebe das franko-belgische Album! Nachdem sich bei Ehapa die All-in-One-Reihe etabliert hatte, mag sich so mancher treue Freund der großformatigen Comic-Kunstwerke gewundert haben. Hätte man O’Boys nicht auch als All-in-One herausbringen können? Drei Alben, ein Buch – fertig? Hätte man wahrscheinlich, aber das hätte auch etwas anderes bedeutet: Warten. Mitunter: Langes Warten. Wer einen der beiden bisher auf Deutsch erschienen Bände in die Hand nimmt, hineinliest und das Artwork bewundert, kapiert schnell, dass so ein Comic Zeit braucht. Das schreibt und zeichnet sich nicht auf die Schnelle. Die Geschichte über eine ungleiche Freundschaft, über Blues, Armut und Gewalt transportiert gekonnt den Charme und die Atmosphäre der Südstaaten und ist grandios gezeichnet. Eine Geschichte, die sich anfühlt wie von Mark Twain. Abwarten hätte hier die schlechtere Alternative sein können. Denn wenn so ein schönes Album in Paris herauskommt, will man es hierzulande auch bald lesen. Egal, ob der Comic abgeschlossen ist oder man am Ende ein paar Euro mehr hinlegen muss. (Der dritte, abschließende Band ist übrigens bereits angekündigt …) cb

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FÜR BEATNIKS UND BOHEMIENS, LITERATUR- UND KULTURINTERESSIERTE:

The Beats – Eine Geschichte der Beat-Literatur
herausgegeben von Harvey Pekar und Paul Buhle
Walde+Graf
22,95 Euro

Der Undergroundcomicautor Harvey Pekar wurde im Juli 2010 leider tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er schrieb mit seiner autobiografischen Comicserie American Splendor Comicgeschichte und hat mich persönlich mit seiner schicksalhaften Krebserkrankung, die er in Our Cancer Year als Comic verarbeitet hat, beeindrucken können. Zusammen mit Paul Buhle hat Pekar den Band The Beats herausgegeben, der bei uns posthum bei Walde+Graf erschien. Der Dokumentationscomic kann sowohl zur Einführung als auch zur Vertiefung oder als Nachschlagecomic über die Beat-Generation, einer experimentellen Literatur- und Kulturbewegung genutzt werden. Verschiedene Zeichner haben sich mit Pekar, Buhle und weiteren Autoren zusammengetan, um auf unterhaltsame Weise Leben und Werk von Allen Ginsberg, William S. Burroughs, Jack Kerouac und vielen anderen Beat-Poeten darzustellen. Mir hat es sehr gut gefallen, dass neben der journalistisch akribischen Herangehensweise keine Lobhudelei auf die Beats angestimmt wurde, sondern auch viele kritische Stimmen eingefangen wurden. Pekar hinterlässt eine wundervolle Dokumentation über eine literaturgeschichtlich bemerkenswerte Künstlerbewegung, die so viele Generationen geprägt hat und immer noch prägt. In der Graphic Novel werden ein paar dieser Querverbindungen – beispielsweise zur abstrakt-expressionistischen Malerei oder zum Jazz – offengelegt, was allerdings nur Andeutungen auf die Strahlkraft der Beats bleiben. mb

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FÜR OBERSTUDIENRÄTE: 

Alpha Directions
von Jens Harder
Carlsen Verlag
49,90 Euro

Wenn auf einem Familienfest jemand aufsteht und unaufgefordert Senf predigt, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um einen Lehrer. Diese Spezies Mensch ist nur sehr schwer zu beschenken, da sie ihr Interessengebiet – sie nennt es „Hobby“ – bereits bis zum Abwinken erforscht und weitergeben hat: Fachbücher und Wissenssendungen im TV sind ihr Metier. An einen Comic traut sich der typische Lehrer nicht heran, außer wenn er zur Wort-Bild-Kombination greift, um seinen kleinen Schützlingen das Lesen beizubringen.

Mit Jens Harders Alpha Directions könnte sich das dieses Weihnachten ändern. Der Comic wird den wissbegierigen Akademiker auf 360 bebilderten Seiten über die Entstehung der Erde aufklären. Anstelle einer langweiligen Overheadprojektion oder des bereits gänzlich abgenutzten Erdkunde-Buchs reiht Alpha Directions die Ereignisse vor Milliarden von Jahren in eine zusammenhängende Kette von Bildern. Harder animiert in seinem Comic die biologischen Bewegungen unter dem Elektronenmikroskop, verbindet chemische Prozesse mit ihren physikalischen Auswirkungen und bevölkert die damals noch junge Erde mit den ersten Protoplasmen und Urzeitviechern. Die einzelnen Zeitalter sind schön farblich voneinander abgetrennt, somit erübrigt sich auch die Arbeit mit dem Textmarker. Mit Alpha Directions im Handgepäck kann Herr Oberstudienrat von nun an auf jedem Fest mit der bebilderten Geschichte vom Urknall bis hin zum Känozoikum glänzen. Und mit ein bisschen Glück wirken Harders eingeschobene Anspielungen auf Kunst und Kultur als Anreiz für den beschenkten Lehrer, auch seine Vorträge vor der gesamten Familie in Zukunft ein bisschen interessanter zu gestalten. dw

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FÜR ALTE ROLLENSPIELER:

Warlord
von Mike Grell
Cross Cult
bisher 2 Bände, je 22 Euro

Wissenschaftler haben herausgefunden: Comics existierten schon vor dem Manga-Boom! Peter Wiechmann könnte davon ein Lied singen. Denn er war hautnah dabei, damals, in den Siebziger Jahren. Zu jener Zeit wohnten Aliens, Dinosaurier und Raubritter noch unbekümmert Tür an Tür. Die beste Serie, die der Kauka-Veteran damals geschrieben hat, sei Andrax gewesen, so hört man heute manch alten Fan schwärmen. Doch was soll dieses Stammtisch-Gerede? Comicgate hat nachgeforscht! Und wir haben herausgefunden: Kann sein! Ebenso kann es sein, dass Wiechmann ein Vorbild hatte. Mit einem Wort: Warlord! Oder mit zweien: Mike Grell! Passenderweise erscheint auch diese Serie (wie Andrax) als edle Gesamtausgabe bei Cross Cult. Davon ist jede Seite ein Leseerlebnis, genaugenommen: eine Zeitreise für sich, gefüllt mit anachronistischem Charme, der sich keine Sekunde fragt: Ist das plausibel? Ist das diskriminierend? Ist das ein Klischee? „Unbeschwerte Kindlichkeit“ mag manch Fan dem Warlord unterstellen, „überbewerteter Schund“ mögen Kritiker zischen. Wer sich nicht überwinden kann, reinzublättern und ein paar Seiten zu lesen, sollte vielleicht mit dem tollen, weil präzisen, sachkundigen und kritischen Redaktionsteil von Jochen Ecke beginnen. Und dann hinein ins Abenteuer, ihr alten Junggebliebenen! cb

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FÜR NEUE STAR WARS-FANS:

The Clone Wars: Die komplette erste Staffel
(4 DVDs)
20th Century Fox
ca. 18 Euro

Die alten Star Wars-Filme sind eine Klasse für sich. Mit den neuen Episoden begann nicht unbedingt ein besseres Kapitel der Science-Fiction-Saga. Sich als alter Fan über diese Filme aufzuregen, ist ein Kinderspiel: zu bunt, zu wirr, zu wenig Atmosphäre, zu blasse Charaktere … Und: zu viel digital. Als man nach The Phantom Menace aus dem Kino kam, fragte man sich, warum Obi-Wan und Konsorten nicht auch noch digitalisiert worden waren. So betrachtet geht die TV-Serie The Clone Wars konsequent einen Weg zu Ende, der vor über zehn Jahren begonnen hat. Das hat nichts mehr mit den alten Filmen zu tun, besitzt aber dennoch unterhaltsame Qualitäten. Wenn man einmal erfolgreich aus seiner Erinnerung verdrängt hat, dass Jabba the Hutt ursprünglich eine gigantische Gummipuppe war, wenn man vergessen kann, wie dramatisch und episch der Moment war, als Darth Vader Luke sagt, dass er sein Vater ist, dann … dann kann man sich mit The Clone Wars amüsieren. Der Sound zieht einen wie immer hinein. Es wird geprügelt und geballert, was das Zeug hält. Das Design ist eindeutig Star Wars, man erlebt Aha!-Momente und erkennt Details aus früheren Filmen wieder. Noch immer ist es sehr bunt, noch immer hat es wenig Atmosphäre und blasse Charaktere, aber das Storytelling ist besser geworden seit Episode I-III. Obwohl es im Kern um Spielzeug-Action geht, funktionieren kleinere Abschnitte wie eine Soap. Dazu gibt es einen Metaplot und Dreier-Folgen. Um es mit den Worten von Marilyn Manson zu sagen: This is the new shit. Stand up and admit. cb

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FÜR UM-DIE-ECKE-DENKER:

Vorletzte Geräusche
von diversen Künstlern
Weildarum Verlag
10 Euro

Ein bisschen Mitdenken ist bei dieser Cartoonsammlung des neu gegründeten Weildarum Verlags schon geboten. Denn der Titel ist hier originelles Thema: 52 Künstler stellen eine Situation inklusive Geräusch dar, genau bevor alles den Bach runtergeht. Das ist alles erstaunlich vielfältig, kurzweilig und vor allem wirklich witzig geraten. Einziger Kritikpunkt ist eine vereinzelt auftretende Dopplung von Themen, die nach ihrem ersten Auftreten den Aha-Effekt verlieren. Bei insgesamt 92 Cartoons ist das aber nicht weiter tragisch – eine tolle Geschenkidee, die sich erfrischend von anderen Cartoonbüchern unterscheidet, ist die schön aufgemachte Sammlung allemal. fp

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FÜR WEIHNACHTSMUFFEL: 

Monster der Weihnacht
von Christian Moser
Carlsen Verlag
14,90 Euro 

Vom Comicladenbesitzer meines Vertrauens habe ich mir vergangenen Monat böse Blicke eingehandelt und eine Standpauke anhören müssen, als ich bereits Ende November nach Christian Mosers neustem Monster-Buch gefragt habe. Obwohl Die Monster der Weihnacht bereits im November erschienen ist, könne man es doch nicht schon jetzt kaufen, so der Mann in der Fachbuchhandlung: „Das ist ja so, als würde man Spekulatius vom Aldi bereits im September kaufen.“

Aber was konnte ich schon dafür? Mehrere Monster – so fein von Moser wissenschaftlich examiniert – hatten bereits von mir Besitz ergriffen: Die Vorfreude (lat.: expectatio innocens) hatte mich gepackt und mir mit ihrer unnachahmlich mitreißenden Art die Mundwinkel zu einem grotesk fröhlichen Grinsen über beide Ohren gezogen. Der Kaufrausch (crapula emptionis) hat mich in jedes noch so kitschige Geschäft geschoben und mir aufgetragen, alles zu kaufen, was auch nur im Entferntesten an das große Fest erinnert. Für all jene, denen meditatio introspectans (Die Besinnlichkeit) bisher nur ein Fremdwort war, hat Moser sein viertes Buch in der Monster-Reihe veröffentlicht. Wie seine Vorgänger bietet auch dieser Band niedlich gezeichnete Monster-Macken, einen Fundus an lateinischen Bezeichnungen und einen ausführlichen Schatz an Querverweisen. Wenn also Der letzte Drücker (retardatio ultima) vorbeischaut und man immer noch kein Geschenk hat, bleibt immer noch der Griff zu Mosers Die Monster der Weihnacht. dw 

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FÜR ZOMBIELIEBHABER UND TV-JUNKIES:

The Walking Dead
von Robert Kirkman, Tony Moore und Charlie Adlard
Cross Cult
bisher 11 Bände, je 16 Euro

Nicht nur ist Autor Robert Kirkman mit seiner Zombiesaga The Walking Dead ein brillanter, süchtigmachender Comic geglückt, seit kurzem wird der Stoff auch noch fürs Fernsehen adaptiert (auf deutsch beim Bezahlsender Fox). Grund genug, einen Bekannten mit dem ersten Band der Comicreihe verspätet noch anzufixen. Mittlerweile gibt es elf deutsche Sammelbände, aber die wird sich der Beschenkte sicherlich dann in kurzer Zeit selbst besorgen. Denn ob gezeichnet oder auf dem Bildschirm, The Walking Dead ist ein echter Hit. bv

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Und weil wir nicht aufgepasst haben, hat sich auch ein DVD-Tipp unter die Comics verirrt.

Interview mit Felo (Felix Herzog)

Felix Herzogs So so ... ja jaDie Comicgate-Webcartoonserie So so … ja ja feiert Jubiläum: In bereits 50, wöchentlich aktualisierten Folgen ließ Felix ‚Felo‚ Herzog Dr. Achilles und das große weiße Nashorn, das er neulich auf einer Parkbank getroffen hat, über das Leben philosophieren. Zum feierlichen Anlass stellten wir Felo, der hauptberuflich als Zeichner/Animator im Trickstudio Lutterbeck angestellt ist (und damit schon an vielen Produktionen für Die Sendung mit der Maus und Löwenzahn mitgearbeitet hat), einige Fragen zur Serie.

So beschreibt Felo selber seine Serie:
„Ein Mann, ein Schnurrbart!
Oder ein Mann, ein Nashorn? Ein Nashorn, ein Schnurrbart …? Ein Mann, ein Nashorn, ein Schnurrbart und der lange Winter unserer Unzufriedenheit …? In tiefschürfenden Debatten gehen Dr. Achilles Schmitt und das Nashorn, das er neulich auf einer Parkbank getroffen hat, solchen und ähnlich elementaren Fragen auf den Grund, Fragen nach dem Sinn, dem Sein, dem Wesen, dem Ursprung und wo eigentlich immer die Zeitungen hinkommen, die aus den Briefkästen verschwinden. Wirklich. Das ist sehr lästig. Ich verdächtige den seltsamen Typ aus dem dritten Stock. Den hab ich auch schon mal in Frauenkleidern aus dem Keller kommen sehen. Ehrlich wahr! Nicht gelogen. Sehr suspekt, das alles. Ich wollte es nur erwähnt wissen …“

 

Comicgate: Felo, Gratulation zu 50 Folgen von „So so … ja ja“! Hat Dich irgendwas zu dieser Serie inspiriert?

Erste Folge von Horst und sein PonyFelo: Eigentlich nicht, höchstens ich mich selber, wenn ich mal so unbescheiden sein darf (kein guter Anfang für ein Interview, aber ich hab die Reihenfolge der Fragen ja nicht gemacht!). Als ich vor ein paar Jahren mal mit Horst und seinem Pony ein paar Wochenenden pausieren musste, habe ich als Ersatz für mein Blog ein paar krakelige Comics gezeichnet, die einen Typen mit großem Schnurrbart und ein Nashorn zeigten, die quasi als Ersatz-Team für Horst und das Pony einsprangen. Als ich dann später die eigentliche Serie wieder aufnahm, habe ich die Nashorn-Comics erst mal wieder weggepackt und vergessen. Erst Jahre später bin ich noch mal darüber gestolpert und habe mir gedacht, dass sich da doch noch was draus machen ließe.

Ach ja, und ein großes Vorbild gibt es natürlich doch: Agatha Christies Hercule Poirot stand Pate für den gezwirbelten Schnurrbart. (Der Vorname ist an den von Poirot selbst erschaffenen imaginären Bruder Achille Poirot angelegt.)


CG: Du hat es geschafft, konsequent jede Woche eine Folge zu produzieren, was ich sehr bemerkenswert finde. Ist es zunehmend schwierig, sich Themen und Dialoge auszudenken?

Felo: Stimmt schon, die Ideen fließen nach einer Weile nicht mehr so flüssig wie am Anfang. Wenn man an einem neuen Projekt sitzt, ist man hoch motiviert und die Einfälle und Inspirationen sprudeln nur so. Nach einer Weile lässt das etwas nach.


CG: Den Erscheinungsrhythmus stellst Du nun auf 14-tägig um. Wird es wöchentlich zu zeitraubend?

Eine der ersten Folgen von So so ... ja jaFelo: Das ist eigentlich weniger eine Frage des wöchentlichen Zeitaufwandes, eher ein Problem der Kreativität.

Ich zeichne ja normalerweise nicht diszipliniert exakt einen Cartoon pro Woche, meistens bricht der kreative Schaffensdrang (klingt gut, oder?) in unregelmäßigen Schüben aus – das fühlt sich so ähnlich an wie Durchfall, nur dass man woanders als auf dem Klo stundenlang herumsitzt und nicht wegkommt.

Während so einer Phase reiße ich dann innerhalb weniger Tagen ein halbes Dutzend Cartoons oder mehr runter. Anschließend lege ich gerne eine kreative Pause von ein paar Wochen ein, bis der nächste Ideen-Schub kommt.

Mit der Zeit kamen aber immer weniger und weniger brauchbare Einfälle, so hat sich in den letzten Monaten tatsächlich ein Arbeits-Rhythmus von einem Cartoon pro Woche eingependelt, eher weniger freiwillig als geplant. Auf Dauer schlaucht das ziemlich, dieses Gefühl, auch noch nach Feierabend ständig den Terminen hinterher hecheln zu müssen. Ich habe ja schließlich noch einen Beruf, in dem ich auch jeden Tag kreativ sein muss, und wenn irgendwie möglich, auch noch so was ähnliches wie Freizeit oder irgend eine Art von Privatleben.

Das klingt jetzt alles sehr viel motziger und negativer, als es tatsächlich ist (schließlich zeichne ich ja wirklich nur deshalb, weil es mir Spaß macht, alles in allem), aber ich glaube, jeder Comiczeichner mit einer regelmäßigen Serie wird das nachvollziehen können!

… außer Charles Schultz natürlich, aber wen interessiert der schon!


CG: Wie lange sitzt Du eigentlich an einer Folge?

Felo: Ich brauche in etwa ein bis zwei Stunden pro Cartoon, von der Skizze bis zur fertigen Coloration. Unter Umständen auch etwas länger, je nachdem wie aufwendig die Zeichnung oder die Coloration wird.

Für einen Cartoon, dessen Sinn und Zweck es ja nicht zuletzt war, dass er schnell zu produzieren geht, dauert mir das eigentlich schon zu lange, ich bin ein ungeduldiger Mensch. Das kommt wohl vom Trickfilm-Zeichnen. Da produziere ich zwar jeden Tag Unmengen an Animationszeichnungen, kann aber für jedes einzelne Bild nur sehr wenig Zeit aufwenden – sonst würde das die Animation so verzögern, dass eine Trickfilm-Produktion nicht mehr wirtschaftlich wäre. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil, wie Illustratoren normalerweise arbeiten: nur eine Zeichnung, aber an der sitzt man Stunden und Tage, bis sie perfekt ausgepingelt ist. Mittlerweile ist mir das schnelle Arbeiten in Fleisch und Blut über gegangen, dass ich dafür nie die Geduld hätte!


CG: Zeichnest Du komplett digital, oder wie ist Dein Vorgehen?

Eine der neueren Folgen von So so ... ja jaFelo: Nein, gezeichnet zumindest werden die Comics noch undigital, ganz klassisch mit Papier und Stift. Ein roter, ausradierbarer Vorzeichen-Bleistift, wie er bei Trickfilmern üblich ist, und ein simpler 4B-Bleistift sind auch meine Lieblings-Zeichnwerkzeuge, einfach weil ich diese Stifte gewöhnt bin und es damit am schnellsten geht.

Danach arbeite ich dann allerdings digital weiter: Die Zeichnung wird eingescannt und in Photoshop coloriert, wofür ich auch ein Vorgehen entwickelt habe, bei dem das relativ zügig vonstatten geht.

Die Typo, die ich für das Lettering verwende, habe ich aus meiner eigenen Schrift erstellt, schon allein deshalb, weil mir die meisten Comic-Fonts zu gleichmäßig und klinisch aussehen. Außerdem finde ich, dass meine eigene, wackelige Schrift am besten zu meinen Zeichnungen passt.

Echtes Handlettering wiederum wäre mir aber zu aufwendig, vor allem, weil ich so lange am Text herumfeile und noch Tage später die Dialoge ändere, dass ich auf die Weise einen Cartoon nie fertig kriegen würde!


CG: Hast Du Ideen für weitere Webcomics?

Squibble von Felo: Little Shop of HorrorsFelo: Nö.

Ehrlich gesagt habe ich in letzter Zeit immer weniger Lust zu zeichnen. Ich sitze jeden Tag so lange am Zeichentisch, dass sich das Zeichnen auch in meiner Freizeit zunehmend nur noch nach Arbeit anfühlt. Das ist nicht gerade ein idealer Ausgleich.

Vielleicht brauche ich einfach mal eine Auszeit. Mein Blog stelle ich ab Januar 2011 eh ein (aus technischen Gründen), das wäre schon mal ein Anfang.


CG: Verfolgst Du denn selber Webcomics? Wenn ja, welche?

Felo: Ich bin schon seit vielen Jahren ein ganz großer Fan von Gary Trudeaus „Doonesbury“.

Der tägliche Doonesbury-Webcomic gehört für mich mittlerweile zur morgendlichen Pflichtlektüre. Das ersetzt, was die Förderung der Allgemeinbildung angeht, zwar nicht wirklich das Zeitungslesen, fühlt sich aber fast genau so an und macht unvergleichlich bessere Laune!

(Wenn man, wie ich ein traditioneller Die Zeitung bis zum Comic Vorblätterer und dann ungelesen Wegleger ist, kann ich die Seite comics.com empfehlen. Das ist wie der Schlüssel zum Süßigkeiten-Laden. Meine Favoriten dort sind „Monty“ von Jim Meddick und „Get Fuzzy“ von Darby Conley.)


CG: Wie sieht es mit Printcomics aus – von wem lässt Du Dir nichts entgehen?

Felo: In den letzten Jahren – eigentlich sehr viel (entgehen lassen, meine ich)!

Comics sind ein ruinös kostspieliges Hobby, das ich schon seit langem aufgegeben habe. Ich hatte zwar häufiger dran gedacht, auf das Sammeln antiker Möbel oder chemischer Drogen umzusteigen, das wäre mit weniger persönlichen Verlusten verbunden, ich habe das Problem dann aber doch anders gelöst: Wenn ich heute einen Comic von Lewis Trondheim sehe, den ich unbedingt haben will, haue ich mir mit einem stumpfen Gegenstand so lange auf den Kopf, bis ich andere Sorgen habe.


CG: Danke für die Antworten und natürlich für die bisherige und hoffentlich auch zukünftige gute Unterhaltung von Dir!

 

Hinweis: Eine neue Folge von Felos Webcomicserie So so … ja ja wird ab nun alle 14 Tage sonntags auf Comicgate erscheinen.
Die Jubiläumsfolge zum 50. ist heute online gegangen.

Seine ältere Serie Horst und sein Pony findet Ihr ebenfalls bei Comicgate.

Happy Sex & Blondinen 1

happy_sex18

Toonfish heißt das neue Label, mit dem der Splitter Verlag sein Programm um eine neue Geschmacksrichtung erweitert: Funny-Comics aus Frankreich, im quadratischen Hardcoverformat. Bei den drei Titeln, die zum Start vorliegen, handelt es sich, dem Namen „Toonfish“ zum Trotz, nicht um Cartoons, also klassische Ein-Bild-Witze, sondern um kurze Gag-Strips, die auf ein bis drei Seiten erzählt werden. Aushängeschild des neuen Imprints ist der Schweizer Künstler Zep, der mit seinen Comics um den pubertären Titeuf in Frankreich absoluten Bestsellerstatus erreicht hat.

In den beiden Happy Sex-Bänden erforscht Zep ausführlich jenes Terrain, das er in Titeuf lediglich streifen und niemals so explizit bebildern kann. Hier geht’s um nichts anderes als Sex, und zwar auf überraschend offenherzige Art und Weise. Die Altersangaben „ab 17,5“ bzw. „ab 18 Jahre“, die auf den Titelbildern prangen, sind absolut ernst zu nehmen, denn Zep belässt es keinesfalls bei Andeutungen, sondern zeigt lustvoll nackte Tatsachen und nimmt weder verbal noch zeichnerisch ein Blatt vor den Mund. Es geht um zu kleine oder zu große Genitalien, um klassische und weniger klassische Praktiken, um Missgeschicke und Missverständnisse. Zeichnerisch bleibt Zep dabei seinem aus Titeuf bekannten Stil treu und bewegt sich trotz des expliziten Inhalts klar auf Funny-Terrain. So umschifft er auch die Pornografiefalle, denn man kann nicht behaupten, dass diese Bilder darauf abzielen, den Betrachter zu erregen. Vielmehr amüsiert sich der Künstler über Sexualität und ihre Folgen und kann an einigen Stellen auch als Parodie eines Pornos gelesen werden.

Seite aus Happy Sex – ab 18Der Humor dieser Strips ist nicht immer der frischeste. Wenn es immer nur um das Eine geht, sind die Variationsmöglichkeiten naturgemäß beschränkt. Aber auch wenn die Gags nicht immer zünden, muss man Zep zugestehen, dass diese Comics ziemlich viel Charme besitzen – nicht weil sie so wahnsinnig witzig wären, sondern durch ihre Unverblümtheit und die Selbstverständlichkeit, mit der hier Tabuzonen betreten werden (bis auf Homosexualität, die überhaupt nicht vorkommt), und nicht zuletzt durch den Zeichenstil. Angenehm ist auch, dass Happy Sex, anders als viele andere Comics, die „sexy“ und „funny“ verbinden wollen, nicht frauenfeindlich daher kommt. Hier sind die Männer mindestens genauso sexuelles Objekt wie die Frauen, und tendenziell ist fast immer der Mann der Hanswurst, der kein Fettnäpfchen auslässt und jede Würde verliert.

Die Frische und Unverklemmtheit von Zep fehlt dagegen völlig im dritten Toonfish-Buch. Der erste Band von Blondinen enthält tatsächlich genau das, was der Titel verspricht: Blondinenwitze. Im Jahr 2010. Zwar erschien die französische Originalausgabe bereits 2005, aber schon damals waren die Gags, die das Duo Gaby & Dzack zu Papier brachte, gut abgehangen bis hoffnungslos altbacken. In kurzen Strips adaptieren die beiden bekannte und unbekannte Blondinenwitze und sind dabei sensationell unlustig.

Hier ist die Blondine wirklich noch das grenzdebile Dummerle, das nichts kann, nichts weiß und nichts versteht, dabei aber immer in extrem knapper Kleidung herumläuft. In wenigen lichten Momenten blitzt ein kleiner Funke Komik auf, wenn der ein oder andere Witz nicht mit der offensichtlichen Pointe endet, sondern noch ein paar Grad weitergedreht wird (meist dadurch, dass eine zweite Blondine ins Spiel kommt, die die Dummheit der anderen noch toppt). Diese kleinen Lichtblicke sind aber rar gesät, ansonsten dominiert eine Witzichkeit, gegen die jeder Benny-Hill-Sketch ein Meisterwerk der Subtilität ist. Der Humor des Buchs stützt sich dabei auf ein Frauenbild aus dem vergangenen Jahrtausend. Anstatt Klischees zu brechen, mit ihnen zu spielen und somit Komik zu erzeugen, werden hier die Klischees lediglich bestätigt, immer und immer wieder. Auch zeichnerisch überzeugt Blondinen nicht: Dzacks Artwork ist solide, wirkt aber dadurch, dass er seine Protagonistinnen nach dem immergleichen Schema darstellt, sehr schnell ermüdend.

Sollte Blondinen auf dem deutschen Markt auch nur annähernd so erfolgreich sein wie in Frankreich, steht uns noch einiges ins Haus: Dort ist vor kurzem, und das ist wirklich bestürzend, gerade der dreizehnte (!) Band dieser Reihe erschienen.

 

Happy Sex: Unverschämt, unverblümt und trotzdem charmant

Wertung: 6 von 10 Punkten

 

Blondinen: Witze-Recycling jenseits des Haltbarkeitsdatums

Wertung: 1 von 10 Punkten

 

Happy Sex – ab 17,5 Jahre … für Entdecker
Toonfish, Oktober 2010
Text und Zeichnungen: Zep
64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 12 Euro
ISBN: 978-3-86869-900-5
Leseprobe

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Happy Sex – ab 18 Jahre … für Abenteurer
Toonfish, Oktober 2010
Text und Zeichnungen: Zep
64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 12 Euro
ISBN: 978-3-86869-901-2
Leseprobe

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Blondinen 1
Toonfish, Oktober 2010
Text: Gaby
Zeichnungen: Dzack
64 Seiten, farbig, Hardcover mit Aufkleber
Preis: 12 Euro
ISBN: 978-3-86869-905-0
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Toonfish

Am falschen Ort

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Smalltalk, Sex und Fechten!? Der erste Comicband des flämischen Künstlers Brecht Evens ist ein verschrobenes, unruhiges Abbild des nächtlichen Vergnügens; die Konstruktion des Zwischenmenschlichen in grafisch extravaganter Weise.

Die Geschichte beginnt mit einer Party. Nichts Ungewöhnliches. Gut ein Dutzend Freunde oder Bekannte treffen sich, sie heißen Gert, Erik oder Sascha. Aber das spielt keine wirkliche Rolle. Brecht Evens‘ Exploration setzt viel früher ein: Er verfolgt die Gäste (und den Gastgeber) bereits auf dem Weg zur Party. Und genau hier wird das Hauptthema des Künstlers, die menschliche Interaktion, das erste mal vor allem optisch unterstrichen.

In der U-Bahn drängen sich die Menschen aneinander, im Straßenverkehr reihen sich die Autofahrer Stoßstange an Stoßstange und auch noch kurz vor der Party lässt Evens seine Figuren im Treppenhaus hintereinander und über drei Stockwerke parallel marschieren, die er alle zusammen auf einer Seite porträtiert. Man bekommt schnell den Eindruck von einem wimmelbildartigen Durcheinander, aus dem man einzelne Personen nur noch schlecht herauszufiltern vermag.

amfalschenort2Zudem scheinen die meist konturlosen Personen mit anderen oder mit ihrer Umgebung ineinander zu fließen. Dialoge untermalen den stromartigen Verlauf des Abends. Ohne Sprechblasen stehen sie einfach im Raum, über oder zwischen den Köpfen der Kommunizierenden. Ganz wie im echten Leben sind die Dialoge dominiert von Höflichkeitsfloskeln, Verlegenheit und nichtigem Smalltalk.

Brecht Evens exerziert die Oberflächlichkeit im menschlichen Miteinander geradezu, genau so wie man sie wohl nur vor dem Hintergrund des Nachtlebens veranschaulichen kann. Das Problem ist, dass Am falschen Ort sich zuweilen zu stark an die Realität klammert, als dass in diesem Fall tatsächlich eine originelle oder besonders erwähnenswerte Handlung entstehen könnte.

Einzig der von den Partygästen vermisste Robbie, ein Frauenheld und guter Kumpel, steht zentral im näheren Blickpunkt des Comics. Er, von dem praktisch jeder auf der Party in seiner Abwesenheit nur im höchsten Maße zu schwärmen vermag, wird im zweiten Teil des Buches selbst zum Akteur, nämlich dann, als sich die Story in die Disco „Harem“ verlagert. Aber wer ist dieser in komplett blauer Farbe erscheinende Robbie? Viel erfährt man letztlich zwar nicht, außer dass man ihm beim Geschlechtsverkehr und später beim nächtlichen Fechtkampf mit einem Freund zusehen darf, dennoch ist seine Rolle in diesem Comicwerk eine zentrale, die Hervorhebung seiner Person auffällig. Und überhaupt ist Robbie die einzige Figur, die ein Stück weit tiefer charakterisiert wird als all die anderen schemenhaften, konturlosen Wesen. Letztlich bleibt nur die Frage, wer denn nun (folgt man dem Titel des Comics) an den falschen Ort getrieben wird. Robbie? Seine Freunde? Oder alle Nachtschwärmer unter den Lesern? Die Lektüre des Bandes ist jedenfalls Geschmackssache. Die Erzählung liest sich flüssig und bietet interessante Einsichten, dazwischen kann aber durchaus mal Langeweile auftreten.

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Wesentlich beeindruckender bleiben die grafischen Aspekte in Erinnerung: Die poppigen Auquarellfarben stehen zumeist vor weißem Grund, analog zum starken Kontrast der Menschen auf dem Cover. Bemerkenswert ist dieser Umstand vor allem, wenn man bedenkt, dass Brecht Evens damit der naheliegenderen farblichen Ausrichtung genau entgegenwirkt. Denn schließlich spielt der Comic fast auschließlich nachts und eine düstere Farbgebung würde sich geradezu anbieten.

Noch ein paar kurze Worte zur Verarbeitung von Reprodukt: Der Comic weist neben dem ohnehin schon untypischen Flex-Einband (etwas festere Konsistenz als das gängige Softcover) noch aufwendige Spotlack-Effekte auf dem Cover auf. Hält man das Äußere gegen das Licht, erscheinen jede Menge kurze Textzeilen auf der Vorder- und Rückseite des Bandes. Eine sehr schöne Idee und eine echte Veredelung.

 

Visuell sehr interessantes Werk, aber inhaltlich eher langatmig und unspektakulär

Wertung: 6 von 10 Punkten

Am falschen Ort 
Reprodukt, Oktober 2010
Text und Zeichnungen: Brecht Evens
176 Seiten, farbig, Flexcover
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-941099-57-9

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Abbildungen © Brecht Evens, der dt. Ausgabe: Reprodukt

Vampire und Fehlerteufel: Der Tagesspiegel über Stephen King und American Vampire

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An und für sich – man schreibt es immer wieder gern dazu – ist die Comic-Spalte des Tagesspiegel ja eine äußerst erfreuliche Sache. Sie hat sich mittlerweile gewissermaßen zu einer Art Vorzeigemodell für den Umgang mit Comics in der deutschen Presselandschaft gemausert. Gerade auch deshalb lohnt es sich hier besonders, das Angebot etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, und hin und wieder (Comicgate berichtete) geht’s dann auch etwas arg drunter und drüber.

So auch im jüngsten Beitrag von Lutz Göllner, einem ziemlich luftigen und ziemlich schludrigen Text, der irgendwie auf Stephen King und dessen Beteiligung an der Vertigo-Reihe American Vampire eingeht.

Binnen weniger Sätze unterschlägt Göllner hier zunächst mit Peter David den eigentlichen Texter der Comic-Adaptionen von Kings Dark Tower; schreibt den Namen von Roberto Aguirre-Sacasa falsch; bezeichnet Aguirre-Sacasa als „Drehbuchautor“, obwohl der in erster Linie für Theater und Comic den Griffel schwingt; und behauptet, King habe seit 1982 keinen Comic mehr selbst verfasst – was sich mit einem Blick in das Marvel-Sonderheft Heroes for Hope von 1985 leicht falsifizieren lässt.

Gut, kann man sagen, da lässt sich drüber wegschauen. Schließlich wird wenigstens die Dark Tower-Co-Autorin Robin Furth (eine Assistentin Kings) erwähnt, Aguirre-Sacasa heißt etwas schwierig und schreibt seit 2009 auch mal fürs Fernsehen, und Kings Beitrag zu Heroes for Hope ist ein eher kleiner. Und überhaupt ist das alles ja nur am Rande wichtig fürs eigentliche Thema des Artikels: Stephen King und „seine“ neue Comic-Reihe American Vampire.

Spätestens hier wundert man sich allerdings, ob Göllner den entsprechenden Comic denn mal gesehen hat. Zunächst fällt – speziell für eine auf Comics gemünzte Sparte, speziell von einem alten Hasen wie Göllner – unangenehm auf, dass Rafael Albuquerque, der Zeichner der Serie, dem Text keine Erwähnung wert ist (immerhin: Er kommt in einer Bildunterschrift vor). Und dann das Hauptproblem des Artikels: „Auch wenn das Konzept der Serie von Kings Kumpel Scott Snyder ausgedacht wurde,“ steht da zu lesen, „zumindest in den ersten fünf Heften schreibt der Meister selbst.“

Nun ja: nein.

Der Satz – wie auch der ganze Rest vom Text – ist bestenfalls grob irreführend, denn: Auch der Großteil der genannten ersten fünf Hefte stammt mitnichten von „Meister“ King, sondern aus der Feder Scott Snyders.

Wenn hier also jemand „selbst“ ist, dann ist das Snyder.

Auch ohne den Comic bei der Hand zu haben, lässt sich herausfinden, dass Kings Beitrag zu American Vampire sich in fünf kurzen Zweitgeschichten erschöpft. Die Hauptstorys – ebenso wie das Konzept und der ganze Rest der Serie – gehen auf Snyders Konto. Sogar DC ist so ehrlich, Kings Namen auf dem Cover nur als dritten hinter denen von Snyder und Albuquerque zu platzieren. Falsche Bescheidenheit ist nicht der Grund dafür.

Ohne diesen nicht so kleinen Unterschied auch nur zu bemerken, scheint es mehr als fragwürdig, über American Vampire zu referieren, als handele es sich dabei um ein Werk von besonders großer Aussagekraft für eine Standortbestimmung Kings.

Laut einer redaktionellen Anmerkung am Ende wurde der Text im März schon einmal in der Printausgabe des Tagesspiegel veröffentlicht, jetzt aber anlässlich der deutschen Veröffentlichung von American Vampire nochmal hervorgekramt und abgestaubt. Ein etwas genaueres Hinschauen an der einen oder anderen Stelle hätte spätestens beim zweiten Mal nicht geschadet.

Nachtrag, 30. November, 23:10: Der Artikel wurde mittlerweile kommentarlos korrigiert – Heroes for Hope, Peter David und Rafael Albuquerque kommen jetzt im Text vor, und Kings Rolle wird weniger missverständlich dargestellt. Roberto Aguirre-Sacasa heißt beim Tagesspiegel allerdings immer noch „Aguirre-Sacassa“.

Nachtrag, 1. Dezember, 12:10: Roberto Aguirre-Sacasa heißt jetzt auch beim Tagesspiegel wie er sonst heißt. Auch die Weihnachtswichtel lesen offenbar Comicgate.

Kapow! Mark Millars neue Comicmesse in London

Neulich klagte ZACK-Chefredakteur Georg Tempel in seinem Editorial über ein „leises Dritte Comic-Welt-Gefühl“, das ihn beschleiche, wenn er den Erlanger Comic-Salon mit der San Diego Comic-Con vergleicht, einem deutlich kommerzielleren Event, das in den letzten Jahren durch die Präsenz zahlreicher Hollywoodstudios immer bessere Besucherzahlen erreichte. Eine der Comic-Con vergleichbare Messe wird es in Deutschland so schnell sicher nicht geben – vielleicht aber in London.

Dort, im Stadtteil Islington, soll am 9. und 10. April 2011die Kapow! Comic Con stattfinden. Dahinter steckt Mark Millar, der schottische Comic-Autor, der durch seine Filmprojekte wie Wanted und Kick-Ass inzwischen recht gute Hollywoodkontakte haben dürfte. Außerdem ist Millar bekannt als Meister der Selbstvermarktung und unbescheidener Lautsprecher in eigener Sache. Es überrascht daher nicht, dass er sein Projekt mit großen Tönen ankündigt: „Mit Kapow! wollen wir das San-Diego-Erlebnis nach London bringen,“ sagt er im Magazin Empire. Geplant sind Signierstunden, Filmvorführungen und Panels, in denen neue Film-, TV- und Comicprojekte vorgestellt werden. Mit dem „Stan Lee Award“ soll auf der Messe auch ein neuer Preis verliehen werden.

Der Vorverkauf läuft bereits, und die Gästeliste liest sich immerhin schon mal recht eindrucksvoll, besteht bislang allerdings nur aus Comicautoren und -zeichnern. Große Hollywoodstars sind hier noch nicht vertreten. Mal abwarten, was am Ende draus wird – im Hype-Erzeugen war Mark Millar ja schon immer sehr gut.

Gon 1

gon1_coverEs beginnt wie in einer Naturdokumentation im Fernsehen: Eine menschenleere Welt, ein Bär fängt Lachse im Fluß, ehe er von einem noch größeren Bär angegriffen wird. Doch dann betritt ein kleiner Dinosaurier das Feld, der trotz seines grimmigen Blicks sehr niedlich aussieht. Er nimmt es mit dem riesigen Kodiakbären auf und liefert ihm einen ungleichen Kampf, denn der kleine ist total überlegen. Anschließend frisst er sich an den Fischen satt und schläft, respektlos wie er ist, direkt auf dem Bauch des eben besiegten Bären ein.

Mit dieser Episode beginnt der erste Band von Gon, einer Mangaserie von Masashi Tanaka, an der einiges anders ist als gewohnt: Auffälligstes Merkmal ist zunächst einmal, dass es sich hier um einen Comic ganz ohne Worte handelt. Gesprochen wird nicht, denn Menschen kommen in keiner Weise vor, und auch den Tieren werden keine Worte in den Mund gelegt. Auch auf Soundwords verzichtet Tanaka vollständig. Seine ganze Konzentration gilt den Bildern, und die gestaltet er mit unzähligen feinen Linien sehr naturalistisch und wirklichkeitsnah, fast fotorealistisch. So entsteht eine Atmosphäre, die, wie eingangs schon geschrieben, beinahe dokumentarisch wirkt – allerdings wird dies durch die Figur des Gon auf hoch amüsante Weise gebrochen. Der Baby-T-Rex, anders als die anderen Tiere eher „comichaft“ gezeichnet, bricht in die idyllische unberührte Natur ein und stellt mit seinen extrem übertriebenen Kräften alles auf den Kopf: Gon nutzt einen Löwen als Reittier, stellt mit einem enormen Staudamm ganze Biberpopulationen in den Schatten und lässt sich wie ein Kuckuck in einem Adlerhorst von Adlermama und Adlerpapa durchfüttern.

gon1_01Vier Episoden enthält dieser Band – alle in sich abgeschlossen und an ganz unterschiedlichen Schauplätzen spielend. Für Gon spielt es offenbar keine Rolle, ob er sich in den Wäldern Alaskas oder in der afrikanischen Steppe befindet, so wie er auch sonst über den Regeln der Physik steht. Durch ihre Wortlosigkeit sind die kurzen Geschichten recht schnell gelesen und eignen sich prima als kurzweilige Unterhaltung für Zwischendurch – zumal die Stories auch nicht viel Tiefgang besitzen. Tanaka macht sich einfach seinen Spaß damit, die Gesetze der Natur, das ewige Spiel von Fressen und Gefressen-Werden durcheinanderzuwirbeln, indem er mit dem niedlichen Dino ein Element des Chaos einfügt. Und weil er so viel Liebe und Sorgfalt in seine filigranen Zeichnungen steckt und seinen eigentümlichen Titelhelden Gon so liebenswert gestaltet, geht dieser Spaß auf den Leser über.

Ob man davon unbedingt alle sieben Bände lesen muss, sei mal dahingestellt, aber es ist erfreulich, dass Carlsen diesen fast schon klassischen Manga aus den Neunzigern endlich komplett vorlegen will, nachdem ein erster Anlauf bei der Edition Kunst der Comics (noch einige Jahre vor Beginn des Manga-Booms) vorzeitig abgebrochen wurde. Gon passt in keine Schublade, lässt sich weder einem bestimmten Genre noch einer bestimmten Zielgruppe zuordnen, eignet sich für Leser jeden Alters und sollte auch Leuten gefallen, die sonst keine Manga lesen.

Die mit 5,95 Euro pro Band erfreulich preisgünstigen Taschenbücher enthalten als Bonus noch einen kleinen Textteil zu jeder Episode, in der die jeweils beteiligten Tierarten vorgestellt werden und die Handlung noch einmal in Schriftform zusammengefasst wird – und zwar aus der Ich-Perspektive von einem der von Gon zum Narren gehaltenen Tiere. Ein Zusatz, der eher überflüssig und auch nicht besonders originell oder komisch ist.

 

Amüsanter, perfekt gezeichneter Naturmanga mit sympathischer Hauptfigur

Wertung: 7 von 10 Punkten

Gon 1
Carlsen Manga, Oktober 2010
Text und Zeichnungen: Masashi Tanaka
144 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 5,95 Euro
ISBN: 978-3-551-75603-9

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Abbildungen © Masashi Tanaka, der dt. Ausgabe: Carlsen Verlag


Aldebaran Gesamtausgabe

aldebaran_gesamt1Die Gesamtausgabe der Serie Aldebaran war ursprünglich bereits für das Jahr 2005 angekündigt. Fast fünf Jahre später liegt das voluminöse Buch jetzt endlich vor. Und das Warten hat sich definitiv gelohnt.

Der Comic von Leo (Luis Eduardo de Oliveira) garantiert einige spannungsgeladene Lesestunden und ist dabei dem Sci-Fi-Genre zuzuordnen, ohne dass man ihm dies auf den ersten Blick ansieht. Die Handlung spielt im 22. Jahrhundert. Die Menschen haben außerhalb ihres Sonnensystems einen fremden Planeten nahe des Sternes Aldebaran besiedelt. 100 Jahre ist das nun her, die Kolonie hat sich auf der fremden Welt gut eingerichtet und eine diktatorische Regierung konnte sich bereits in der Zivilisation des Planeten etablieren. Sicherlich wurde dies auch dadurch begünstigt, dass der Kontakt zur Erde vor langer Zeit abgebrochen ist.

So richtig futuristisch leben die Menschen dort jedoch nicht, im Gegenteil, die Bewohner bewegen sich ausschließlich mittels Holzkarren, simplen Propellermaschinen oder Zeppelinen fort. Der große Unterschied zum Leben auf der Erde ist die eigentümliche Fauna: Die Oberfläche von Aldebaran-4 besteht zu 91 Prozent aus Wasser; in weiten Teilen – gerade in tiefen Regionen – sind die dort einheimischen Lebewesen noch völlig unerforscht. Und die Wesen, die mittlerweile katalogisiert sind, sorgen mit ihrem grotesken oder abwegigen Äußeren für Furcht.

Besonders bizarr ist das wiederholte Auftauchen eines geheimnisvollen, gigantischen Wesens, der so genannten Mantrisse. Zu Beginn verwüstet das offenbar hochintelligente und formwandelnde Ungetüm das Dorf der beiden Hauptprotagonisten Marc und Kim und hinterlässt lediglich eine Schleimspur. Die diversen mysteriösen Auftritte der im Wasser umherziehenden Mantrisse ziehen sich quer durch die Serie und lassen den Atem des Leser immer mal wieder stocken, zum Beispiel dann, wenn sich aus dem endlosen Ozean eine überdimensionale zylindrische Form erhebt, die ein Schiff einfach mit sich in die Lüfte reißt und dieses sich nach Verfestigung in seiner Form festhält.

aldebaran_gesamt2Kim und Marc, zu Beginn noch zwei relativ normale Teenager, nach dem Angriff der Mantrisse nunmehr heimatlos und ohne Familie, begeben sich in die Hauptstadt Anatolia, nicht ohne zuvor jedoch einigen wichtigen Nebenfiguren der Erzählung zu begegnen. Da wären zum Beispiel Driss und Alexa, zwei Forscher, die offenbar mehr über das das unheimliche Wesen wissen, oder Herr Pad, ein kauziger alter Mann, der augenscheinlich seine ganz eigenen Ziele verfolgt.

Diese und einige weitere Figuren versetzt Leo in seine sich über mehrere Jahre spannende Geschichte, in der die meisten Akteure viel mehr Relevanz besitzen, als man anfänglich annimmt und sich irgendwie dann doch wieder über den Weg laufen. Den großen Handlungsbogen bekommt der Künstler hier überhaupt sehr schlüssig zu einem Ende gebracht, ohne zuviel von dem Mysteriefaktor durch überhastete Auflösungen einzubüßen.

Sicherlich schafft es Aldebaran nicht, mit den eindrucksvollsten oder originellsten Texten aufzuwarten; manche Dialoge sind für meinen Geschmack zu künstlich beziehungsweise unauthentisch. Genauso unglücklich sind hin und wieder auch die Zeichnungen der Personen, deren Mimik in einigen Panels den Charme merkwürdig anmutender Standbilder (analog eines gezeicheten Fotoromans) ausstrahlen. In vielen anderen Bildern gelingt Leo die grafische Umsetzung, auch der Gesichter, deutlich besser, so dass die Optik nicht weiter negativ in die Gesamtbeurteilung hier einfließen soll.

aldebaran_gesamt3Zumal die Kernkompetenz von Aldebaran, die ausschweifende, fantasiereiche und imposante Fauna des Planeten, makellos geraten ist. Die Tiere, denen Leo zwischen den Kapiteln im übrigen sogar Namen, Eigenschaften und physiologische Merkmale zugeordnet hat, lassen den Leser gekonnt zwischen Bewunderung ob ihrer Anmut und Furcht gegenüber des befremdlichen Aussehens schwanken.

Im Zusammenspiel mit der klugen und schlüssigen Handlungsebene entsteht eine, vor allem für einen in der Zukunft angesiedelten Comic, ungewohnte Atmosphäre.

Für Neuleser ist die Gesamtausgabe von Aldebaran, die alle fünf ursprünglichen Alben versammelt, unbedingt zu empfehlen, denn gerade als kompaktes Werk ist hier eines der schönsten abgeschlossenen Comicbücher des Jahres vorgelegt worden. Leser, die die Serie bereits kennen oder die Einzelalben bereits besitzen, dürften sich aber auch noch über ein paar Extras freuen, zum Beispiel Coverentwürfe, Skizzen oder eine geografische Karte von Aldebaran. Zudem liegt die Geschichte erstmal auch als Hardcover vor und das zu einem vergleichsweise günstigen Preis, bei dem man 10 Euro gegenüber den Einzeplreisen der Alben spart.

Wer Gefallen an der Geschichte und Leos Welt hat, findet die Fortsetzung in den Zyklen Betelgeuze (fünfteilig, ebenfalls bei Epsilon) und Antares (in Arbeit, erster Band auf Französisch erhältlich).

Wertung: 8 von 10 Punkten

Tolle Serie in einer angemessen ausgestatteten Gesamtausgabe

 

Aldebaran Gesamtaugabe
Verlag: Epsilon

Text: Leo
Zeichnungen: Leo
 256 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 40 Euro
ISBN: 978-3-932578-99-1
Leseprobe bei myComics (deutsch), Website des Künstlers zum Aldebaran-Universum (französisch)

 

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Abbildungen © Leo, der dt. Ausgabe: Epsilon Verlag

Frisch aus der Druckerei: Oktober 2010

Die Kolumne „Frisch aus der Druckerei“ bietet einen Überblick über die interessantesten und wichtigsten Comic-Neuerscheinungen des vorangegangenen Monats. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Der Schwerpunkt liegt auf Einzelbänden und Serienstarts, wobei ein besonderes Augenmerk auf deutsche Eigenproduktionen gerichtet sein soll. Sofern vorhanden, werden zu jedem vorgestellten Comic auch Leseproben verlinkt. (Bisher lief diese Reihe in unserem Weblog „Welt am Draht“ – ältere Folgen sind hier zu finden.)

HIGHLIGHT DES MONATS

Unter dem Serientitel steht „Urasawa x Tezuka“, eine Kreuzung also zwischen Naoki Urasawa, der mit Serien wie Monster und 20th Century Boys zu einem der wichtigsten und besten aktuellen Comicautoren Japans geworden ist, und Osamu Tezuka, dem „Gott der Manga“. Pluto ist Urasawas Verbeugung vor Tezukas Klassiker Astro Boy. Darin erzählt er, aufbauend auf einer Storyline aus der Originalserie, einen Science-Fiction-Krimi für Erwachsene. Ein künstlerisches Experiment, das, glaubt man den zahlreichen Auszeichnungen, die Urasawa für Pluto weltweit bekommen hat, voll aufgegangen ist. Bei Carlsen erscheint die achtteilige Reihe nun endlich auf Deutsch.

EIGENPRODUKTIONEN

Arne Bellstorf erzählt eine Geschichte aus seiner Wahlheimat Hamburg, die sich in den frühen 60er Jahren ereignete, als die Beatles im dortigen Kaiserkeller spielten. Damals war die Band noch weitgehend unbekannt und sie hatte einen Bassisten namens Stuart Sutcliffe, der sich in die Hamburger Fotografin Astrid Kirchherr verliebte, wegen ihr die Band verließ und nur ein Jahr später starb. Baby’s in Black erzählt die traurige Lovestory in einem 216 Seiten starken Comic in Schwarzweiß. Hier eine Leseprobe.

Die Beschäftigung mit realen historischen Ereignissen scheint bei deutschen Comiczeichnern gerade besonders angesagt zu sein, wie man auch an zwei neuen Titeln bei Carlsen sehen kann: Reinhard Kleist, der sich bereits in Havanna ausführlich mit Kuba auseinandergesetzt hat, widmet sich Fidel Castro und dessen bewegter Biographie. Einen Filmtrailer zum Buch gibt’s auf der Verlagswebsite.

In Haarmann beschäftigt sich Autor Peer Meter nach Gift zum zweiten Mal mit Serienmördern der deutschen Kriminalgeschichte. Dieses Projekt begann bereits vor 20 Jahren mit einem Album bei Carlsen, gezeichnet von Christian Gorny, das nie fortgesetzt wurde. Nun gibt es einen zweiten Anlauf im Graphic-Novel-Format, umgesetzt von Isabel Kreitz. Auch hierzu kann man auf carlsen.de einen Filmtrailer sehen.

Bei Tell von David Boller handelt es sich trotz des Titels nicht um einen historischen Comic. Der Schweizer Zeichner, der lange in den USA lebte und arbeitete, mixt hier vielmehr klassische Wilhelm-Tell-Motive mit einer modernen Superheldenstory, die im Jahr 2032 spielt. Tell erscheint regelmäßig auf Bollers Webcomicplattform Zampano, nun gibt es die ersten Kapitel auch in einem gedruckten Sammelband.

Unter dem saftigen Titel Killertornados über Germania bringt der Blitz-Verlag einen wirklich fetten Comic von Stephan Hagenow: einen Hardcoverband mit 512 Seiten, der laut Verlag „dröhnende Action in alle Richtungen“ zu bieten hat. Hagenow ist als fast manischer Zeichner mit einem immensen Output bekannt, der gerne auch trashigere Gefilde beackert. Sein bisher dickster Comic beruht auf einem Roman aus der SF-Romanserie Titan Sternenabenteuer, die, soweit ich das ergoogeln konnte, als eine Art Spin-Off aus Perry Rhodan hervorgegangen ist. Die Leseprobe (PDF) besteht leider nur aus einer Seite.

Beim Verlag Feierabend Unique Books erscheint ein Comic namens Konny Reimann: Moin, Moin Ihr Spacken. Beim Titelhelden handelt es sich um die Hauptfigur einer Dokusoap bei RTL, die mit ihrer Familie aus Hamburg nach Texas ausgewandert ist und es damit zu einer gewissen Prominenz gebracht hat. Wer kein Reimann-Fan ist, wird auf diesen Comic sicher verzichten können. Bemerkenswert daran ist immerhin der Zeichenstil, den Jürgen Schlotter für dieses Buch verwendet: Dieser ist von seinem regulärem Strich himmelweit entfernt. Eine Kostprobe ist hier zu sehen.

Mit dem ersten Band von Daftball erscheint beim Knaur Verlag ein weiterer deutscher Manga, der zuerst auf der Online-Plattform Comicstars veröffentlicht wurde. Dort gibt es auch die Leseprobe zum Action-Sportcomic von Marika Paul, der sich um die fiktive Sportart Daftball, eine Art SciFi-Tischtennis, dreht. Das hier ist der Trailer zum Manga:

{source}
<object width=“599″ height=“362″><param name=“movie“ value=“http://www.youtube.com/v/T3nncWCyqLU?fs=1&amp;hl=de_DE“></param><param name=“allowFullScreen“ value=“true“></param><param name=“allowscriptaccess“ value=“always“></param><embed src=“http://www.youtube.com/v/T3nncWCyqLU?fs=1&amp;hl=de_DE“ type=“application/x-shockwave-flash“ allowscriptaccess=“always“ allowfullscreen=“true“ width=“580″ height=“351″></embed></object>
{/source}

 

Einen neuen „Germanga“ hat auch EMA im Angebot, nämlich Dark Magic von Alexandra Völker, eine Märchenkomödie rund um einen Zauberladen, geführt von einer Hexe namens Uschi. Ein Interview zu diesem Buch ist bei AnimaniA zu finden.

AUS DEN USA

Der Kanadier Jeff Lemire macht als Comicautor und -zeichner gerade eine bemerkenswerte Karriere: Seine sehr persönliche Essex County-Trilogie, die 2008/2009 entstand, gilt als echte Independent-Perle, gewann etliche Preise und landete soeben in den Top Ten von „Canada Reads“, einer Aktion, bei der die kanadische Rundfunkanstalt CBC den besten Roman des letzten Jahrzehnts sucht. Mittlerweile schreibt er für Vertigo eine postapokalyptische Coming-of-Age-Serie (Sweet Tooth) und steigt mit Superboy sogar in den Mainstream ein. Edition 52 bringt Lemire erfreulicherweise auch zu uns. Geschichten vom Land, die erste von drei Essex County-Geschichten, ist erschienen, die anderen beiden in Planung. Hier eine PDF-Leseprobe, hier die Comicgate-Besprechung.

Mit Nona Arte betritt ein neuer Verlag die hiesige Comiclandschaft. Dahinter steckt der Italiener Andrea Rivi, der lange Jahre für Panini tätig war und mit seinem Verlag Comics in Italien, den Niederlanden und nun auch in Deutschland herausgibt. Zum Auftakt erscheint eine Neuauflage von Violent Cases, dem Comicdebüt von Neil Gaiman und Dave McKean aus dem Jahre 1987, das vor Jahren schonmal bei Feest zu haben war. Die neue Übersetzung trägt den Titel Veilchenblau und stammt von Comicgate-Redaktionsmitglied Marc-Oliver Frisch.

Red ist ein sehr kurzer, sehr bleihaltiger Comic von Warren Ellis und Cully Hamner, mehr eine Fingerübung als eine ausgereifte Graphic Novel, die 2003 als Miniserie beim Wildstorm-Label „Homage Comics“ herauskam. Jetzt, wo der gleichnamige Film mit Bruce Willis (sehr erfolgreich) in den Kinos läuft, gibt es auch eine deutsche Ausgabe (bei Panini Comics). Wer sie liest, wird feststellen, dass der Film nur sehr sehr lose auf diesem Comic beruht. Eine Kostprobe ist auf mycomics.de zu sehen.

In der DC-Abteilung von Panini gab es im Oktober unter anderem einen Sammelband von Final Crisis. Bisher war dieses Crossover-Event, mit dem Autor Grant Morrison das DC-Universum vom Kopf auf die Füße stellte (oder war es umgekehrt?) auf Deutsch nur in Heftform zu haben, zusammen mit mehr oder weniger wichtigen Tie-In-Ausgaben. Wer nur die Kernserie lesen möchte, hat jetzt die Gelegenheit und kann bei mycomics die ersten 20 Seiten sehen.

Noch mehr Grant Morrison gibt es in Batmans Sohn, einem Sammelband von acht Ausgaben der Batman-Serie. Dies war (zusammen mit Zeichner Andy Kubert) 2006 Morrisons Einstieg ins Batman-Franchise, dem er bis heute als Autor verschiedener Serien seinen Stempel aufdrückt. Auch hier hat mycomics eine Leseprobe.

Wer’s lieber etwas klassischer hat, liegt bei Autor Geoff Johns richtig. Dieser verpasste vor kurzem, zusammen mit Zeichner Ethan Van Sciver, DCs Dauerläufer Flash eine Wiedergeburt, die nun als DC Premium 69: Flash Rebirth vorliegt. 30 Seiten daraus sind bei mycomics zu sehen.

Bei Marvel Comics war im Jahr 1994 eine Miniserie von Kurt Busiek sehr erfolgreich, die bekannte Geschehnisse aus der Geschichte der Marvel-Helden aus der Sicht der „normalen Bürger“ erzählte. Marvels war der Startschuss für die Karriere von Alex Ross, der bis heute für seine fotorealistischen, gemalten Bilder bekannt ist. 14 Jahre später schrieb Busiek eine Fortsetzung, die aber nicht mehr von Ross, sondern von Jay Anacleto in Szene gesetzt wurde. Die deutsche Ausgabe erscheint als Marvel Exklusiv 88: Marvels – Im Fokus der Kamera bei Panini (Leseprobe bei mycomics).

Eher ein Fall fürs Skurrilitätenkabinett ist der One-Shot X-Women, für den der für seine erotischen Comics bekannte Italiener Milo Manara verpflichtet wurde. Panini brachte diesen Comic in Form eines Hardcovers im Albenformat unter dem Titel X-Men: Frauen auf der Flucht auf den Markt, Marco Behringer hat ihn für uns besprochen.

Von Superhelden zum klassischen Zeitungsstrip: Seit 1991 zeichnet Jim Toomey Unterwassergeschichten um den dicken, faulen Hai Sherman unter dem Titel Sherman’s Lagoon, die in zahlreichen Zeitungen erscheinen. Der Verlag BSE bringt nun einen ersten deutschen Sammelband der Strips auf den Markt. Eine Kostprobe gibt es bei Bulls Press.

Die Ehapa Comic Collection bietet Hochwertiges (und -preisiges) für Carl-Barks-Komplettsammler: diese können sich Weihnachts-Geschichten von Carl Barks unter den Christbaum legen, zwei edle Hardcover-Alben im Schuber, die 35 Donald-Duck-Weihnachtsgeschichten enthalten.

Eher was für Nostalgiker ist die neue Zorro-Reihe beim Verlag Classic Heroes, die mit dem Auftaktband Gnadenlose Jagd beginnt. Diese Comics erschienen in den USA bereits in den frühen Neunzigern bei Topps Comics. Classic Heroes brachte vor kurzem schon den One-Shot Zorro vs. Dracula heraus, den wir hier besprochen haben.

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Erfolgreiche Fantasy-Franchises, die als Fernsehserie, Computerspiel und Comic vermarktet werden, stammen in der Regel aus den USA oder aus Japan. Nicht so die Wakfu Heroes. Diese kommen aus Frankreich, genauer: aus der Spieleschmiede Ankama, wo zunächst das Online-Rollenspiel Dofus und später dessen Fortsetzung Wakfu entwickelt wurde. Zu letzterem gibt es eine Zeichentrickserie im Anime-Stil, die seit Kurzem bei RTL2 läuft und auch online zu sehen ist. Bei Tokyopop gibt es nun auch die Comics zur Serie zum Spiel.

Und auch sonst weitet Tokyopop seine neue Schiene aus, die vor Kurzem mit Lou! begonnen wurde: frische französische Comics für eine jüngere Zielgruppe, die hierzulande bisher kaum Beachtung fanden. Dazu gehört die Reihe Ernest & Rebecca von Guillaume Bianco und dem italienischen Ex-Disney-Zeichner Antonello Dalena. Die Titelhelden sind ein sechsjähriges Mädchen und ihr bester Freund, eine riesige Mikrobe. Eine Kostprobe gibt’s hier.

Sybil – Die Taschenfee stammt ebenfalls von einem französischen Autor (Michel Rodrigue) und italienischen Zeichnern (Antonello Dalena, Manuela Razz), die Bilder erinnern sehr an Monster Allergy von Barbucci und Canepa. Aber auch inhaltlich bewegt man sich auf ähnlichem Terrain: Schulmädchen Nina hat eine kleine Fee in ihrem Rucksack, die nur sie sehen kann, und lernt durch diese Fee auch ein paar unangenehme Monster kennen (Leseprobe).

Wir machen einen harten Schwenk – der nächste Titel ist bestimmt nichts für Kinder. „Hyperdetailierte Bilder, hypnotische Farben und knallharte Geschichten“ verspricht der Avant-Verlag beim ersten Band von Der König der Fliegen, einem Album von Pascal „Mezzo“ Mesenburg und Michel Pirus. Düstere Kurzgeschichten aus Suburbia, die zeichnerisch an Charles Burns erinnern und gemeinsam ein größeres Ganzes ergeben. Hier eine Kostprobe als PDF.

Bei Reprodukt erschien Am falschen Ort vom flämischen Künstler Brecht Evens. Dieser ungewöhnliche Comic erzählt in bunten Aquarellfarben von einer Party und den Menschen, die sie bevölkern (Leseprobe).

Um das Aufwachsen und Erwachsenwerden eines Jungen in Syrien geht es in Meine Beschneidung von Riad Sattouf (ebenfalls bei Reprodukt), der auf humorvolle Weise erzählt, wie es einem ergeht, wenn sich die eigene Beschneidung ankündigt, man aber keine Ahnung hat, was da passiert und vor allem, was es für einen Zweck hat (Leseprobe).

Der Bocola Verlag, bisher vor allem durch seine Prinz Eisenherz-Veröffentlichungen bekannt, begibt sich auf neues Terrain und bringt mit Die Tochter des Professors einen französischen Comic, der auch gut ins Programm von Reprodukt oder Avant gepasst hätte. Es handelt sich um ein Frühwerk von Vielschreiber Joann Sfar und Zeichner Emmanuel Guibert (Alans Krieg, Der Fotograf) aus dem Jahr 1997, spielt im viktorianischen London und ist ein sehr amüsanter Mix aus Krimi, Abenteuer- und Liebesgeschichte – mit einer Mumie in der Hauptrolle (Zwei Probebeseiten als PDF).

Ein eher klassischer frankobelgischer Stoff ist Gefährten des Glücks, ein Spätwerk des Künstlers Franz (Lester Cockney, Thomas Noland), das kurz vor seinem Tod im Jahr 2003 entstand und nun – ebenfalls bei Bocola – erstmals auf Deutsch erscheint. Es geht um einen Schürzenjäger, der auf einer einsamen Insel ausgesetzt wird (PDF-Leseprobe).

Hochwertige, sorgfältig editierte Gesamtausgaben von klassischen Comics sind inzwischen fester Bestandteil des Comicmarktes. Der neueste Beitrag dazu ist die Jerry Spring Gesamtausgabe bei der Ehapa Comic Collection. Der Western Jerry Spring stammt von Joseph Gillain, viel besser bekannt als Jijé, der als Gründervater der École Marcinelle gilt. Jerry Spring lief von 1954 bis 1967 im Magazin Spirou und wird in dieser Ausgabe in Schwarzweiß gedruckt.

Der französische Zeichner Pascal Croci, der vor einigen Jahren den Holocaust-Comic Auschwitz vorlegte, beschäftigte sich danach (zusammen mit Co-Autorin Francoise-Sylvie Pauly) mit dem Dracula-Mythos. In der gleichnamigen Albenreihe, die bei Ehapa als „All in One“-Sammelband erscheint, liefern sie sowohl eine Biografie des Fürsten Vlad III (der als Inspiration für die Figur des Dracula diente), als auch eine Adaption des Romans von Bram Stoker und berichten obendrein von der Entstehungsgeschichte des Romans (PDF-Leseprobe).

Als „normale“ Albenserie erscheint bei Ehapa die neue Fantasyreihe Der Verbannte von Henscher und Tarumbana, in der mal wieder Welten gerettet und finale Schlachten geschlagen werden müssen. Eine PDF-Kostprobe gibt’s hier.

Carlsen Comics bot im Oktober einen ungewöhnlichen Piratencomic vom Künstler Riff Reb’s, der keine klassische Abenteuergeschichte auf hoher See erzählen, sondern ein realistisches Bild vom Seeräuberleben zeichnen will. Dieses basiert lose auf einer Romanvorlage von Pierre Mac Orlan aus dem Jahr 1920 (französische PDF-Leseprobe)

Außerdem neu bei Carlsen: die Compilation Bob Dylan Revisited, in der diverse Comiczeichner dem König der Songwriter Tribut zollen, indem sie einzelne Songs von ihm grafisch umsetzen. Hier unsere Besprechung, hier eine französische Vorschau.

Drei neue Albenreihen, alle aus dem fantastischen Genre, gab’s im Oktober beim Splitter-Verlag: Finsternis ist klassische, düstere Fantasy vom derzeit sehr produktiven Autor Bec (Prometheus, Carthago, Heiligtum) – hier eine Leseprobe. Auch der Zweiteiler Die Kapuzinerschule von JB Djian ist im weitesten Sinne Fantasy, sieht aber vollkommen anders aus: das frische und moderne Artwork (Leseprobe hier) kommt vom Albatros-Zeichner Vincent.

Die Meisterkartographen schließlich war in den Neuzigern die erste größere Serie von Christophe Arleston, der heute mit dem Troy-Universum und den Schiffbrüchigen von Ythaq zu den Bestsellern unter den französischen Comicautoren zählt. Splitter unternimmt hier den dritten Anlauf in Deutschland, nachdem die Reihe bei Arboris nach drei Alben und bei Carlsen nach fünf Alben eingestellt wurde, und bringt sie in Form von drei Doppelalben heraus (Leseprobe).

In der ZACK-Edition startete die Serie Dantès, die in der Welt der Finanzspekulanten und Börsenmakler spielt. Der französische Verlag Dargaud hat eine Leseprobe.

AUS ASIEN

(Anmerkung: Da wir uns im unübersichtlichen Mangamarkt nicht allzu gut auskennen, beschränken wir uns hier vorwiegend auf einzelne Titel, die aus der Masse herausstechen und sich nicht aussschließlich an ein Teenager-Publikum richten.)

Gon von Masashi Tanaka ist schon ein kleiner Klassiker. Der wortlose Manga um einen kleinen Tyrannosaurus Rex mit Superkräften entstand in den Neunziger Jahren und wurde noch vor Beginn des großen Mangabooms bei Edition Kunst der Comics in Deutschland veröffentlicht, aber nach vier Bänden abgebrochen. Nun macht Carlsen einen neuen Anlauf im Mangaformat.

Mit dem Vierteiler Doubt von Yoshiki Tonogai hat Carlsen außerdem einen Horrormanga mit der Altersempfehlung „Ab 16“ im Programm, der von einigen Lesern mit den Saw-Filmen verglichen wird. Es geht um ein Onlinespiel, dessen Teilnehmer in die Rolle von Hasen schlüpfen – bis auf einen, der ist der Wolf und muss die Hasen fressen. Der Thriller kommt in Gang, als sich eine Spielgruppe im realen Leben trifft, und auch dort gibt es einen Wolf …

Tokyopop folgt dem allgemeinen Vampirtrend mit Dance in the Vampire Bund von Nozomu Tamaki, einer Mischung aus Gothic, Horror, Mystery und einer kräftigen Prise Erotik. Im Zentrum steht eine Vampirprinzessin, die auf japanischem Gebiet einen eigenen Vampirstaat gründen will, wo sie in friedlicher Koexistenz mit den Menschen leben können. Hier kann man reinlesen.

Der Einzelband Ein Lied für Elise fällt vor allem wegen seiner Herkunft aus dem Rahmen: Natalia Batista, die Zeichnerin und Autorin dieses Boys-Love-Mangas ist Schwedin (Leseprobe).

SEKUNDÄRLITERATUR

Im Blessing Verlag beschäftigt sich Ernst Horst mit der legendären Disney-Übersetzerin Erika Fuchs, die nicht nur von Donaldisten kultisch verehrt wird. Nur keine Sentimentalitäten (Untertitel: „Wie Dr. Erika Fuchs Entenhausen nach Deutschland verlegte“) nimmt Fuchs‘ Übersetzungen unter die Lupe, ist dabei aber keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein populäres Sachbuch und enthält zahlreiche Bildbeispiele. Hier findet man eine Leseprobe, und Telepolis hat ein Interview mit dem Autor geführt.

In der Reihe „yellow. Schriften zur Comicforschung“ beim Christian A. Bachmann Verlag erschien Under the Hood – Die Verweisstruktur der Watchmen von Hans-Joachim Backe. Der Literaturwissenschaftler analysiert Alan Moores Superhelden-Meisterwerk sowohl in formaler als auch in inhaltlicher Hinsicht.