Neueste Artikel

In meinen Augen

inmeinenaugen1

Ein junges, rothaariges Mädchen sitzt in der Bibliothek. Sie nimmt Blickkontakt mit jemandem auf und es ergibt sich eine erste Annäherung an den Unbekannten. So beginnt die zauberhafte Liebesgeschichte in Bastien Vivès‘ neuem Comic In meinen Augen. Die Besonderheit: Der Leser selbst ist eben jener Unbekannte.

Zumindest mag man diesen Eindruck gewinnen. Erzählt wird ausschließlich aus der Perspektive des anonymen zweiten Protagonisten, den man nie zu Gesicht bekommt oder etwas sagen hört. Der Leser ist gezwungen, dem Comicgeschehen mit den Augen eines anderen zu folgen, die subjektive Sicht des Verliebten einzunehmen.

Die junge Frau ist die einzige Person mit einer Sprechrolle. Es ist nicht etwa so, als würde sie pausenlos monologisieren, vielmehr werden die Gesprächsanteile ihres Gegenübers ausgeblendet. In meinen Augen ist also ein Comicwerk über eine enge Beziehung zweier Menschen, die man zwar von außen verfolgen, sich aber lediglich aus Mimik, Gestik und dem Gesprochenen des einen Kommunikationspartners erschließen kann. Man muss sich demnach aus dem Kontext der jeweiligen Situation heraus selbst ein Gesamtbild konstruieren.

Die Idee ist so simpel, dass sie schon wieder genial ist. Verschafft uns Bastien Vivès hier doch eine unvergleichliche Einsicht und ein einzigartiges Lesevergnügen. Durch die konsequente Verwendung der räumlichen und emotionalen Ego-Perspektive verdichtet sich der Blick automatisch auf ein paar wenige Merkmale: ein Blick, ein Lächeln. Die rothaarige Studentin wird aus der Beobachtersituation heraus zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und damit zur zentralen Figur dieses Bandes.

inmeinenaugen2

Bastien Vivès, der bereits mit Der Geschmack von Chlor mit einer unkonventionellen Erzähltechnik überzeugen konnte, gelang nicht nur die Verwirklichung einer äußerst lebensnahen und lebendigen Lovestory, er spielt auch noch gekonnt mit den grafischen Bedingungen: So verschwimmen zum Beispiel Hintergründe wahlweise dann, wenn der Fokus der Ich-Perspektive auf ein näher stehendes Objekt gerichtet ist oder die Panels werden unscharf, wenn es dunkel ist oder etwas zu nah ins Blickfeld gerät.

Gekrönt wird dieses faszinierende Experiment des französischen Künstlers durch schraffierte Holzfarbstiftgemälde, die als kleine runde Motive die Außenwelt aufnehmen. Nur das hübsche Mädchen ist ganz zerbrechlich von hauchdünnen Tuschelinien umrahmt. Auch an diesem Punkt zeigt sich Vivès‘ brillante Inszenierung eines Wahrnehmungsmodells mit mehreren Ebenen.

 

Überraschend gefühlvoll, ungewöhnlich erzählt, zeichnerisch außergewöhnlich – kurzum: ein wunderschönes Buch

Wertung: 9 von 10 Punkten

 In meinen Augen
Reprodukt, Dezember 2010
Text und Zeichnungen: Bastien Vivès
136 Seiten, farbig, Klappenbroschur
Preis: 18 Euro
ISBN: 978-3-941099-58-6
Leseprobe

Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Bastien Vivès, der dt. Ausgabe: Reprodukt

 


Frankfurter Buchmesse: Faszination Comic 2010

teaser_frankfurter_buchmesse_2010Seit zehn Jahren findet im Rahmen der Frankfurter Buchmesse die „Faszination Comic“ als kleine ‚Messe in der Messe‘ statt und hat so immer wieder das Auf und Ab der Branche widergespiegelt. Ironischerweise hat das Comic-Zentrum ausgerechnet in einer Zeit, in der dem Medium Comic erfreulich viel Aufmerksamkeit im Literaturbetrieb zuteil wird, mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

Der erste Verdacht beim Rundgang durch das diesjährige Comic-Zentrum in der ansonsten hauptsächlich von Kinderbuchverlagen besiedelten Halle 3.0 bestätigt sich schnell: 2010 sind deutlich weniger Comic-Aussteller versammelt als noch im Vorjahr.

(Zahlreiche Bild-Eindrücke gibt es in unserer Messe-Galerie!)

alt 

Rundgang durchs Comic-ZentrumSo fehlten unter anderem die Verlage avant, Splitter und Zwerchfell sowie der ICOM-Stand, bei dem man ansonsten immer das druckfrische COMIC!-Jahrbuch in Augenschein nehmen konnte; Reprodukt sowie Edition Moderne suchte man in Halle 3.0 ebenfalls vergebens.

Lydia B. Schönberger – Gute Miene zum satten StandpreisAuch der Gemeinschaftsstand von Eidalon/Modern Tales und Die Biblyothek war 2010 ohne Mitaussteller Zwerchfell merklich schlanker ausgefallen als im Vorjahr. Und Verlegerin Lydia Schönberger kündigte angesichts der stolzen Standpreise der Buchmesse bereits ihr Vorhaben an, dass Die Biblyothek im Oktober 2011 nicht mehr in Frankfurt vertreten sein, sondern stattdessen voraussichtlich die SPIEL/Comic Action in Essen beglücken werde.

Die Problematik der hohen Standpreise in Kombination mit dem Verkaufsverbot von Mittwoch bis Samstag (Grund: Die Buchmesse ist generell als Fachmesse definiert, auf der sich ein Fachpublikum über Neuerscheinungen informieren kann, nicht als Besuchermesse) ist auch dem Organisator des Comic-Zentrums, Wolfgang „Wolle“ Strzyz, bekannt, so dass es auf der diesjährigen Buchmesse ein Gespräch mit den Comicverlagen darüber gab, wie man zukünftig den Comicbereich angehen könnte. Soviel wir wissen, war der Tenor, dass es das Comic-Zentrum nächstes Jahr weiterhin geben wird und nun überlegt wird, wie sich Abläufe für die Aussteller einfacher gestalten lassen und die Messe auch für kleine Verlage wieder attraktiver wird.

Während eine Reihe kleinerer Comicverlage der Buchmesse fernblieben, fanden sich jedoch umso mehr Comics an den  Ständen von Buchverlagen wie S. Fischer, Eichborn, Rowohlt, Gütersloher Verlagshaus, Atrium und Knesebeck. Bei letzterem erschien jüngst mit „Combray“ der erste Band von Stéphane Heuets groß Proust-Comic-Diskussionangelegter Comicadaption des Proust-Mammutwerks Auf der Suche nach der verlorenen Zeit mit gehöriger Verspätung in deutscher Fassung. Aus diesem Anlass versammelte FAZ-Redakteur Andreas Platthaus sowohl den Künstler als auch dessen Übersetzer Kai Wilksen und die Verlegerin Rosemarie von dem Knesebeck auf der Comic-Bühne, um vor zahlreicher Zuhörerschaft dieses in Frankreich zu Beginn sehr umstrittene Unterfangen zu diskutieren.

Die passende Podiumsdiskussion zur neuen Comic-Akzeptanz der Buchverlage wurde auf der Messe mit „Comics in Literaturverlagen ­– Der Reprodukt-Stand in der großen, weiten VerlagsweltTendenz oder Hype?“ gleich mitgeliefert – Veranstaltungsort war bezeichnenderweise nicht das Comiczentrum in Halle 3, sondern die „Leseinsel der unabhängigen Verlage“ in Halle 4.1. Und während sich so mancher literarische Verlag plötzlich mit Comics Graphic Novels schmückt, schielt der eine oder andere Comicverlag verstärkt in Richtung Buchleser. So fand man die im Comic-Zentrum vermissten Verlage Reprodukt und Edition Moderne an einem Gemeinschaftsstand mit dem Wiener Verlag Luftschacht in Halle 4.1 unter den Indie-Buchverlagen. Denn hier, so bekannte Reprodukt-Chef Dirk Rehm im Interview mit Graphic-Novel.info, sei es leichter das selbst gesetzte Buchmesseziel zu verfolgen, „neue Leser für Comics zu begeistern – Leser, die bisher noch keine oder kaum eine Berührung mit dem Medium hatten“. (Das komplette, informative Interview mit Rehm liest man hier.)

Auch Peanuts-Experte Andreas C. Knigge fand sich mit seinem Vortrag „Happy Birthday, Charlie Brown!“ zum sechzigjährigen Jubiläum der Comic-Strip-Gnome zur Überraschung mancher Messebesucher ebenfalls fernab des Comiczentrums im „FOCUS Forum Hörbuch & Literatur“ – wenn sie es denn überhaupt mitbekamen.

Volles Haus im Comic-ZentrumDoch soll dies nicht den Eindruck erwecken, dass im Comiczentrum tote Hose herrschte. An den Fachbesuchertagen wurde einem im Vergleich zum Vorjahr durchschnittlich größeren Publikum (dies wohlgemerkt nach subjektiver Einschätzung des Autors) die gewohnte, abwechslungsreiche Mischung aus Diskussionen, Vorträgen und Werkstattgesprächen geboten, u.a. ein „sozio-rhinologischer“ Vortrag über Ralf Königs Knollennasen, Gespräche mit Peer Meter und Isabel Kreitz zu ihrem Serienmörder-Comic Haarmann sowie mit Reinhard Kleist über seine Castro-Biographie, eine Präsentation von erstmals in Englische übersetzten Cartoons der Neue-Frankfurter-Schule-Joscha SauerKünstler um F.W. Bernstein und Robert Gernhardt, Workshops zur Entstehung von Comics und eine Diskussion über die Chancen von Comics im Zeitalter des Cross-Media-Publishing. Dazu ständige Signieraktionen eines Bataillons von Künstlern wie z.B. Ralf König, Christian Moser, François Walthéry (Natascha), Ralph Ruthe, ©TOM, Corne (MAD), Fahr Sindram, Felix Mertikat (Jakob), Ingo Römling (Die Toten) sowie – leicht überraschend – Judith Park, von der in der Manga-Welt eine geraume Weile nichts mehr zu hören war. Und Joscha Sauer nutzte die Signierstunden während der Fachbesuchertage, um sich schon einmal für seinen „5-Stunden-55-Minuten-Signiermarathon“ am Samstag aufzuwärmen.

Das diesjährige Buchmesse-Gastland Argentinien gab sich ebenfalls im Comicbereich die Ehre. So zierte eine Reihe Exponate Ausstellung argentinischer Comicsdas Comic-Zentrum, die aus einer begleitenden, 100 Werke umfassenden Ausstellung argentinischer Zeichner im Frankfurter Museum für Kommunikation stammten. Des Weiteren waren Comicschaffende geladen wie die Zeichner Francisco Solano López (El Eternauta) und Rep (Bukowski for Beginners), der Verleger Daniel Divinsky sowie Elsa Oesterheld, die Witwe des 1979 von der argentinischen Militärjunta ermordeten Künstlers Hector Oesterheld. Dessen Guevara-Biocomic Che (Comicgate-Rezension) erschien übrigens erst kürzlich, im Jahr 2008, auf Deutsch bei Carlsen. (Wer mehr über das Comicland Argentinien wissen möchte, findet hier einen Artikel aus der Frankfurter Rundschau, den Christian Schlüter anlässlich der Buchmesse verfasste.)

Eines der messeweiten Dauerbrenner-Themen war auch dieses Jahr wieder die Digitalisierung, und so kamen  am E-Comic-TalkrundeDonnerstagnachmittag auf der Bühne des Comic-Zentrums die Verlagsvertreter von Eidalon, Panini/mycomics.de, Ehapa, Mosaik und New Ground Publishing/Comicstars zur mittlerweile alljährlichen Diskussion zum Thema E-Comics zusammen. Kleine Anregung für die Veranstalter: Es wäre interessant gewesen, neben den üblichen Verlags-Verdächtigen mal mehr „echte“, erfahrene E-Comic-Macher wie Ulli Lust (electrocomics), die bereits oben erwähnte Lydia Schönberger (Online-Verlegerin von u.a Utan & Artik und Der abscheuliche Charles Christopher) oder David Boller (zampano-online.com) dabei zu haben.

David Boller, Sarah Burrini und David FülekiLetzterer konnte sein diesbezügliches Wissen jedoch in einer anderen Gesprächsrunde an die Zuhörer bringen: Denn auch beim täglichen, von Bernd Glasstetter und Thomas Dräger (Splashcomics) moderierten „Comic-Frühstück“ fand das Thema ‚Digital-Comics‘ in Form einer Web-Zeichner-Gesprächsrunde am Freitagmorgen Beachtung. David Boller, Sarah Burrini  und David Füleki berichteten von ihren Erfahrungen mit Online-Comics. So dient dem Ex-Marvel-Zeichner Boller seine Webcomic-Plattform Zampano nicht nur dazu, die Comics von ihm und weiteren Künstlern wie René Lehner und Rudolph Perez online lesbar zu machen, sondern gleichsam als Marketinginstrument für den Absatz der Printversionen. Die Buchmesse Frankfurt war deshalb auch nur ein Termin auf seiner Signiertour quer durch Deutschland, bei der er die Druckausgabe seines Schweizer-Superhelden-Comics Tell bewarb. Auch für Sarah Burrinis  Web-Strip Das Leben ist kein Ponyhof  ist eine gedruckte Veröffentlichung  beim Zwerchfell Verlag im März 2011 geplant. David Füleki, der seinen Anarcho-Comic Entoman und die Cartoon-Reihe Studieren mit Rind auf den Onlineplattformen Comicstars und Animexx veröffentlicht, kündigte hingegen eine eigene Webcomic-Seite in Zusammenarbeit mit seinem Verlag Tokyopop an.

Neben dem Bestseller-/Publikumspreis Sondermann (dessen Gewinner bzw. das zu ihnen führende Abstimmungsverfahren Cartoon-Preisträger Katharina Greve, Bernd Püribauer und Uwe Krumbiegelmancherorts hitzig diskutiert wurde), wird auf der Buchmesse auch der Deutsche Cartoonpreis „zur Förderung neuer Talente“ verliehen, für den die Teilnehmer Arbeiten zu einem vorgegeben Motto, dieses Jahr „Schöne Aussichten“, einreichen mussten. Den 1. Platz machte Katharina Greve – dieses Jahr in Erlangen bereits mit einem ICOM-Preis für Ein Mann geht an die Decke (Comicgate-Rezension) prämiert – gefolgt von Bernd Püribauer und Uwe Krumbiegel. Ihre Gewinner-Cartoons sowie weitere Nominierungen sind hier zu sehen.

Was in der Comicwelt eher unterging, aber gerade hinsichtlich des neuen Stellenswerts von Comics in der Buchbranche recht bemerkenswert ist: Gleich zwei Comics wurden auf der Buchmesse mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 Bestes Jugendbuch 2010ausgezeichnet: In der Kategorie „Kinderbuch“ gewannen Émile Bravo und Jean Regnaud mit Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen. Nadia Budde bekam für Such dir was aus, aber beeil dich! den Preis in der Sparte „Jugendbuch“ und kann die dazugehörige „Momo“-Trophäe nun neben die „Max und Moritz“-Medaille stellen, die sie für ihr Buch auf dem Comic-Salon 2010 in Erlangen erhielt. Nicht unter den Gewinnern, aber immerhin nominiert war Simon Schwartz‘ autobiografischer DDR-Comic drüben! (Comicgate-Rezension), den man in der „Sachbuch“-Kategorie platziert hatte. (In der taz erschien anlässlich der ausgezeichneten Comics ein lesenswerter Artikel von Sarah Wildeisen.)

Viele weitere Bild-Eindrücke von der Faszination Comic 2010 gibt es in unserer Messe-Galerie!

PS: Da wir die Publikumstage Samstag und Sonntag inklusive Sondermann-Verleihung und Cosplayer-Invasion geschwänzt haben, verweisen wir abschließend noch auf die Berichterstattung der Kollegen von Splashcomics, wo sich Video-Mitschnitte aller Programmpunkte im Comic-Zentrum finden.


Fotos © Tom Eickelau/Comicgate

Wonderland 2 – Jenseits vom Wunderland

alt

altDer Titel der Fortsetzung „Jenseits vom Wunderland“ trifft es ziemlich gut. Denn zum einen spielt die Handlung dieses Bandes in der „realen“ Welt und nicht, wie der erste Band, im Wunderland. Und zum anderen werden, verglichen mit dem ersten Band, einige Charaktere mehr, ins Jenseits geschickt. Die Fortsetzung des literarischen Horrorcomics ist ziemlich blutig geraten und dürfte auch Splatterfreunde ansprechen. In manchen Szenen liegen die Gedärme in Massen herum..

Doch von vorne: Nachdem Calie im ersten Band selber unliebsame Erlebnisse im Wunderland erlebt hatte und schließlich ihren Bruder in das Alptraumreich schickte, um dessen Verlangen nach einem Opfer zu stillen, lebt sie nun unter anderem Namen in New York und versucht, ihre Erlebnisse psychisch zu verdauen. Leider kommt ihr Bruder in unsere Welt und veranstaltet zusammen mit der Grinsekatze wahre Massaker.

Da der Band nicht mehr im Wunderland spielt, halten sich die literarischen Anspielungen auf Alice im Wunderland und die Fortsetzung Hinter den Spiegeln von Lewis Carroll ziemlich in Grenzen. Neue Charaktere werden nicht eingeführt und da nur wenige Szenen im Wunderland spielen, geht ein großer Reiz des ersten Bandes hier verloren. Entkleidet man den Band von allen übriggebliebenen literarischen Anspielungen, wird schnell klar, dass es ein typisches Sequel einer Horrorgeschichte ist, wie man es in Spielfilmen schon tausendfach gesehen hat. Sei es nun Halloween, Nightmare on Elm Street, Freitag der 13., Scream und welche Horrorfilmserien noch massig Fortsetzungen erlangten: Das Grundschema der Sequels ist ähnlich.

Die, meist weibliche, Überlebende des ersten Teils leidet zu Beginn des zweiten Teils an den Konsequenzen ihrer Erlebnisse und schafft es nur schwer, auch psychisch wieder zu Fuß zu fassen. Sie baut sich ein neues Leben auf, aber der Böse kehrt zurück und macht Jagd auf sie. Man erfährt auch sehr viel mehr Hintergründe über die Heldin und über den Schurken, was im Falle des letzteren häufig die Angst vor dem Schurken mindert, weil es ihn dem Leser oder Zuschauer näher bringt. Dabei gestalten sich die Fortsetzungen meist blutiger und heftiger als ihre Vorgänger und kommen meistens weniger spannend daher.

Genau dieses Prinzip wird mit diesem Comic verfolgt, und zwar in jeder Hinsicht. Damit liegt abseits der guten Grundidee, die ja auch schon dem ersten Band zugrundelag, und den spärlichen literarischen Anspielungen kaum etwas richtig Kreatives vor. Das Problem des Horrors im Comic ist zudem ein grundsätzliches: Weil die Bilder im Gegensatz zum Film eingefroren sind, verlieren sie durch die Möglichkeit des längeren Betrachtens an Schrecken, und da der Leser sein eigenes Tempo bestimmen kann, kommen Schocks weniger intensiv vor als im Film. Deswegen müssen Horrorcomics schon sehr spannend sein und eine gute Story vorweisen, um vor den kritischen Augen von Horrorfreunden bestehen zu können. In diesem Fall gibt es storymäßig einige Abzüge. Aber spannend ist die Geschichte, da die Hauptfigur lange Zeit nichts von der aktuellen Bedrohung mitbekommt und der Leser beginnt, sich um sie Sorgen zu machen. Die ganzen familiären Verwicklungen, die hier eingeführt werden (der Opa heißt dann Howard Philips in Anspielung an den Schriftsteller Howard Philips Lovecraft) sind schlicht überflüssig, aber der starke Augenmerk auf die Psyche Calies ist sehr gut und stimmig gelungen. Der Schluss ist leider ziemlich unbefriedigend, da im Grunde alles auf Anfang gedreht wird und nichts wirklich voran kam.

Wovon der Band aber zusätzlich lebt, sind die Zeichnungen von Daniel Leister. Vor allem die weiblichen Figuren, zugegebenermaßen oft in Pin-Up-Posen, sprechen vor allem den männlichen Leser an. Durch häufige Wechsel von Close-Ups und Totalen und Bildausschnitten geben die Zeichnungen ein hohes Tempo vor und sind sehr abwechslungsreich. Auch die Farbgebung von Nei Ruffino weiß Akzente zu setzen. Das bezieht sich nicht nur auf die blutigen Szenen, sondern vor allem auch auf die psychische Befindlichkeit der Heldin, die durch die Farben widergespiegelt wird. Schade nur, dass die Panelanordnung oftmals sehr wirr ist und manchmal recht anstrengend werden kann.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Ein gelungenes Sequel, das aber abseits der literarischen Anspielungen sehr konventionell ist.


Wonderland 2: Jenseits vom Wunderland
Panini Comics, Oktober 2010

Text: Raven Gregory
Zeichnungen: Daniel Leister
Seiten, farbig, Softcover 
Preis: 19,95 Euro 
ISBN: 978-3-86201-016-5 

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!    Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!


Die Ducks – Eine Familienchronik

ducksfamilie

Sie sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die bekanntesten Enten der Welt. Und sie sind eine der erfolgreichsten Familien der Comichistorie: Die Ducks. Den verworrenen Verhältnissen der Entenhausener Familie geht die jetzt veröffentlichte Familienchronik der Ducks nach.

Insgesamt 40 Stories versammelt der edle Hardcover-Band, fein säuberlich gegliedert nach den wichtigsten Akteuren. Von Donald und Dagobert bis zu Dussel oder Franz Gans bekommt jeder eine mal mehr mal weniger große Anzahl an Comicgeschichten zugeteilt, in denen die jeweilige Figur als der hauptsächliche Star gelten darf. Wobei sich zum Beispiel gerade an Franz Gans die Geister scheitern dürften, ob er überhaupt offizieller Teil der Duck-Familie ist, oder eben nur Oma Ducks Hofangestellter. Die diversen Interpretationen von unzähligen Künstlern im Laufe der vergangenen Jahrzehnte sind diesbezüglich widersprüchlich. Ähnliches gilt analog für den genialen Ingenieur Daniel Düsentrieb (ihm ist in diesem Band allerdings kein eigenes Kapitel gewidmet), der, auch übersetzungsbedingt, vor allem von deutschen Lesern nicht als echtes Familienmitglied wahrgenommen wird, dies aber wohl von einigen Künstlern intendiert ist.

Sehr gut gefällt mir an der Familienchronik, dass auf die verzwickte Genealogie, und damit auf nicht einwandfrei zu klärende Verhältnisse wie eben dargestellt, im informativen Vorwort von Michael Bregel extra eingegangen wird. Darüber hinaus liefert die redaktionelle Arbeit auch tieferen Erklärungswert über die zahlreichen Versuche der vollständigen Stammbaumerstellung. Zwei der relevantesten Abdrucke, nämlich eine frühe Skizze von Carl Barks und eine von Don Rosa gezeichnete Version, werden dem Leser auf dem beiliegenden Miniposter präsentiert.

Bei den 40 Comicerzählungen dürfte stilistisch für jeden Geschmack etwas dabei sein (Beiträge z.B. von: Cavazzano, Rota, van Horn, Voicar, Rosa, Barks und vielen mehr), auch wenn manche Episoden gerade in einer Reihe mit sehr starken Comics qualitativ aus meiner Sicht zu sehr abfallen. Immerhin bemüht sich der Band, nicht wahllos irgendwelche Stories zusammenzupacken. Die einzelnen Kapitel starten jeweils mit zwei bis drei Seiten Vorabtext zu der im Folgenden porträtierten Figur, der zusammen mit dem Comicteil insgesamt ein nachvollziehbares Bild der Charakteristik der Ducks zeichnet.

Fünf der enthaltenen Geschichten sind sogar deutsche Erstveröffentlichungen, drei von ihnen bilden den Auftakt des Buches und skizzieren die Familie als Ganzes, ohne dass der Fokus speziell auf einem der Mitglieder liegt.

 

Abwechslungsreicher Mix an Duck-Stories, thematisch gut auf- und redaktionell gut nachbereitet

Wertung: 6 von 10 Punkten

Die Ducks – Eine Familienchronik
Verlag: Ehapa Comic Collection, September 2010
diverse Autoren und Zeichner
400 Seiten, farbig, Hardcover

Preis: 29,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3379-7

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!    Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Disney, Ehapa Comic Collection

Weihnachts Horror Comix

Horror hat in Comics ein grundsätzliches Problem. In Romanen und Kurzgeschichten wird die Phantasie des Lesers angeregt und spielt die wesentlichste Rolle beim Spannungsaufbau. Bei Spielfilmen wird die Spannung durch viele verschiedene Elemente erzeugt, wozu natürlich der sequenzielle Bildaufbau gehört. Gerade im Film lebt der Horror vom Schock, dem Unerwarteten, dem, was plötzlich in das Bild einbricht. Der Zuschauer bekommt seine Gänsehaut in der Erwartung dessen, was passieren möge. Alle diese Elemente können in einem Horrorcomic nicht sonderlich gut funktionieren.

Was in der Literatur außerordentlich gut funktioniert, klappt nicht im Comic, weil er auch Bilder hat. Schocks kommen kaum vor, da der Leser durch sein individuelles Tempo die Spannung erst schafft und es steuern kann. Da das Bild im Comic still steht und so der Horror eher aufgelöst wird, da er durch längere Betrachtung seinen Effekt verlieren kann, muss ein Horrorcomic umso mehr durch seine Story und seine Zeichnungen überzeugen.

Die Anthologie Weihnachts Horror Comix schafft es zum Teil. Bei 57 Kurzgeschichten von 38 Zeichnern fällt das Resümee fast schon zwangsläufig sehr unterschiedlich aus. Kurzgeschichten, gerade im Spannungsbereich, leben vom Endtwist, der Wendung zum Ende hin, in der alles kulminiert. Das ist bei manchen Beiträgen in diesem Band hervorragend gelöst, bei anderen allerdings sehr enttäuschend. Spannung wird so durchaus geschaffen. Es gibt aber weniger stimmungsvollen Horror, sondern, im wahrsten Sinne des Wortes, saftigen Splatter. Wie es nun mal so seine Art ist, schrammt Splatter immer am Rande des guten Geschmacks entlang. Auf welcher Seite er sich gerade befindet, ist den Vorlieben des Lesers geschuldet. Durch den hohen Horrorsplatteranteil ist das Buch wild und respektlos. Das dürfte aber dem Massenpublikum nicht gefallen. Aber der Verlagsname gibt die Richtung vor: Underground. Und dementsprechend können sich die Macher auch einiges trauen.

Ein paar wirklich gute und originelle Geschichten sind hier enthalten, aufgrund derer sich ein Blick hinein wirklich lohnt. Hier tut sich vor allem Steff Murschetz als Autor hervor. Eine der spannendsten Geschichten, die auch im Endtwist äußerst gelungen ist, ist „Eine (un)glückliche Bescherung“ von Patrick Wagner und Dennis Nowakowski. Stilistisch sind die Geschichten sehr unterschiedlich. Manche der durchgehend in Schwarz-Weiß gehaltenen Stories erinnern in der Machart an einen Holzschnitt, manche an zunächst wirres Gekrakel. Bei all den unterschiedlichen Stilen ist aber eine Tatsache bemerkenswert: es gibt in qualitativer Hinsicht keinen Ausfall. Manche sind nur besser als andere.

Bekannte Namen sucht man natürlich in einem Undergroundcomic vergebens, das würde ja schon dem Namen widersprechen. Einige dürften dennoch manchen Lesern bekannt sein: Daniela Winkler machte letztens mit ihrer neuen Mangaserie Grablicht bei Comicstars auf sich aufmerksam, David Füleki kennt man unter anderem durch seinen Struwwelpeter und Steff Murschetz und Elbe-Billy dürften vielen von der Internetplattform MyComics und der dazugehörigen Publikation aus dem Panini-Verlag bekannt sein. Und auch in der Anthologie haben sie mit die besten Geschichten beigesteuert. Auf MyComics gibt es übrigens noch bis zum 24. Dezember im Online-Comic-Adventskalender täglich eine andere Story aus der Anthologie zu lesen.

 

Was haben bloß alle gegen den Weihnachtsmann? Was ihm hier zugemutet wird, geht auf keine Rentierhaut. Horror wird von Splatter erdrückt, was starke Geschmackssache ist. Dennoch sind fast alle Geschichten sehr originell und stimmungsvoll. Einen Blick ist der dicke Band allemal wert.

Wertung: 7 von 10 Punkten

 

Weihnachts Horror Comix
Undergroundcomix, November 2010
Herausgeber: Steff Murschetz, Tarek el Bebbili
400 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 15 Euro
Leseprobe

 

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!   

Abbildungen: © Steff Murschetz

 

FreakAngels 1

alt

altFreakAngels wurde von dem Starautoren Warren Ellis (Planetary, Global Frequency) ursprünglich für das Internet geschrieben, in regelmäßigen Abständen erscheinen neue Seiten der Geschichte im Web. In Deutschland sind die Helden und ihre Erlebnisse auf myComics.de zu finden. Panini bringt die Serie nun auch in gesammelter Form als gedruckte Alben heraus.

Eine der besten Nachrichten gleich vorweg: die Episodenhaftigkeit der Geschichte, die der Erscheinungsform geschuldet ist (schließlich erscheinen online in regelmäßigen Abständen ein paar Seiten), ist dem gedruckten Band an keiner Stelle anzumerken. Es wirkt alles wie aus einem Guss. Man bekommt den Eindruck, dass die Geschichte für eine Graphic Novel konzipiert worden ist (was ja eben nicht der Fall ist). Und das ist wieder ein Zeichen dafür, dass Warren Ellis ein hervorragender Autor ist. Er hat alle Handlungsfäden sicher in seiner Hand.

Die ganze Geschichte ist hervorragend strukturiert. So werden die Freak Angels nicht, wie sonst in vergleichbaren Serien, in einer Gruppe vorgestellt oder nach und nach mit ihren charakteristischen Eigenschaften eingeführt. Sie treten vielmehr so auf, wie es die Story gerade erforderlich macht. Es werden also einer außenstehenden Person nicht die Mitglieder dieser Gruppe psychisch begabter junger Leute vorgestellt, nach dem Muster „Dies ist der und dies ist jene, und das sind ihre Begabungen“, sondern sie treten nach und nach in Erscheinung. Wenn also etwas besorgt werden muss, wird etwa Jack vorgestellt, dessen Aufgabe es ist, in dem überfluteten London Dinge zu beschaffen. Muss etwas repariert werden, wird die Ingenieurin Carolyn eingeführt. Das hat zur Folge, dass der Leser im ersten Band noch gar nicht alle Freak Angels kennenlernt, da sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht benötigt wurden. Indem sich Ellis in dieser Hinsicht von der erzählerischen (Comic-) Konvention löst, wird die Geschichte für den Leser um einiges intensiver, da es ihn umso mehr in die Handlung einzieht.

altBesonders zeichnerisch merkt man aber, dass die Geschichte für das Internet konzipiert worden ist, da so einige Konzessionen an das Medium gemacht werden mussten. Für sehr detaillierte Zeichnungen müssen die Bildschirme hoch auflösend sein und je nach Größe und Qualität wären Details schwer erkennbar. Abgesehen davon, dass sehr filigran ausgearbeitete Bilder auch eine höhere Übertragungszeit benötigen und so den Leser aufgrund einer hohen Datenmenge eventuell eine Geduldsprobe aufgenötigt hätten. Indem Paul Duffield die Hintergründe sehr flächig gestaltet und die Gesichter stilisiert, also auf viele Details verzichtet, sind die Zeichnungen ideal für eine Veröffentlichung im Web. Gerade bei Gesichtern und bei Actionszenen merkt man die Herkunft des Zeichners aus dem Mangabereich an, auch wenn FreakAngels nicht im Mangastil gezeichnet ist, sondern vielmehr einen reduziert realistischen Strich hat.

altDie Story ist ziemlich entschleunigt. Ellis lässt sich viel Zeit, um die Geschichte zu entwickeln und die Personen vorzustellen. Das passt auch zu der geschilderten Welt, in der die Figuren leben. Ohne Elektrizität leben die Menschen in einer Welt, die sie nach einer Katastrophe wieder halbwegs aufbauen müssen. Den Mechanismen der Moderne sind sie nicht mehr unterworfen und es läuft alles umso langsamer ab. Indem Ellis auch langsam erzählt, findet sich der Leser umso mehr in dieser Welt wieder. Auch wenn richtige Action erst gegen Ende des ersten Bandes einsetzt, so ist die Geschichte trotzdem sehr spannend zu lesen, da jede Figur wirklich einen eigenständigen Charakter hat und die neue Welt anders und nur noch entfernt mit unserer vergleichbar ist. Dadurch ergibt sich eine Gruppendynamik und Gruppenspannung, die psychologisch stimmig ist und ein hohes Konfliktpotential beinhaltet. Vor allem, da jeder der Freak Angels Mental-Kräfte hat. Und es ergeben sich genügend Hinweise auf künftige Bedrohungen, so dass man gespannt auf den Fortgang der Geschichte wartet. Ellis spannt zudem den Leser noch zusätzlich auf die Folter, weil er die Hintergründe und Vergangenheit seiner Figuren nicht erzählt. Er begnügt sich bislang mit Andeutungen. Und der größte und einzige Nachteil des Bandes: Er ist viel zu schnell zu Ende.

 

 

Wertung: 10 von 10 Punkten

Hervorragende erzählerische Struktur, psychologisch stimmige Profile und Konfliktpotenziale ohne Ende, präsentiert mit stimmungsvollen dynamischen Zeichnungen. Kurz: ein Meisterwerk

FreakAngels 1
Panini Comics, November 2010
Text: Warren Ellis
Zeichnungen: Paul Duffield
144 Seiten, farbig, Softcover
ISBN: 978-386201023-3

Preis: 16,95 Euro
FreakAngels bei mycomics 

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!    Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

 

Zur Comicgate-Rezension der US-Ausgabe

Abbildungen © Ellis/Duffield, der dt. Ausgabe: Panini Comics


Colby 3 – Bomber über Mexiko

Autor Greg und Zeichner Michel-Blanc Dumont versetzen uns mit ihrer Comicserie Colby zurück in die goldenen 50er Jahre. Als Männer noch richtige Männer waren und sich als Fliegerasse oder Privatdetektive verdingten. Die ehemaligen Airforce-Piloten Colby, Warsow und Delaney sind solche Typen. Nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Dienst entlasten, planen die drei Freunde eine private Fluggesellschaft zu gründen. Das Geld dazu soll eine eigens eingerichtete Detektei einbringen.

Viel mehr braucht man über das vorliegende Setting auch nicht zu wissen, außer dass der dritte Band „Bomber über Mexiko“ die Protagonisten in vertrautes Terrain führt: Um eine mysteriöse Filmproduktion zu untersuchen, schleusen sie sich als technische Berater in die Crew ein und versuchen die Machenschaften des actionreichen Fliegerstreifens aufzudecken.

Die Fortsetzung der Albenreihe, deren erste zwei Teile bereits Anfang der 90er Jahre bei Ehapa erschienen, lässt sich auch ohne Vorwissen lesen, da ein abgeschlossener Fall behandelt wird. Das Grundthema ist simpel, die Figuren recht stereotyp gestrickt. Das Flair der 50er Jahre trifft dieser Comic aber doch recht gut. Die Handlung kann man als klassischen Kriminalthriller mit leichten Anleihen ans Abenteuergenre bezeichnen. Genau wie die detailreichen Zeichnungen Dumonts bewegt sich der Plot von „Bomber über Mexiko“ auf einem ordentlichen Niveau, ohne dabei aber ein überwältigendes Leseerlebnis zu bieten. Ein solides und handwerkliches Werk für einige unterhaltsame Minuten findet man hier aber allemal.

Wer einen abgeschlossenen Detektivfall mit Retrocharme erwartet, ist bei diesem Album genau richtig

Wertung: 6 von 10 Punkten

 

Colby 3 – Bomber über Mexiko
Finix Comics, Oktober 2010
Text: Greg
Zeichnungen: Michel Blanc-Dumont
48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 11,80 Euro
ISBN:
Leseprobe

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!    Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen der dt. Ausgabe: © Finix Comics

Red

alt

altPassend zum Kinostart des Blockbusters mit Bruce Willis, Morgan Freeman, John Malkovich und Helen Mirren kam Red vom britischen Starautoren Warren Ellis (Planetary, Global Frequency, Freak Angels) auch auf Deutsch heraus. Abgesehen von der Grundidee und der Ausgangslage hat der Film aber nicht mehr viel mit der Comicvorlage gemeinsam. Ist der Film eher komödiantisch orientiert, ist die Comicvorlage sehr actionreich, blutig und zynisch.

Ellis kennt sich mit Agenten aus. Schon in Global Frequency hat er sie in diverse Kämpfe geschickt und in ausweglose Situationen versetzt. Red ist schnörkellos und geradlinig erzählt. So kann sich die Story auch in wenigen Sätzen bündeln lassen: Ein pensionierter CIA-Agent soll liquidiert werden, da er zu viel weiß. Das geht schief und er schlägt zurück. Leichen pflastern seinen Weg und es werden viele neue Stellen in Langley frei. Die Zeichnungen sind sehr kantig und reduziert, Hintergründe werden meist ausgespart und die Farben sind sehr gedeckt gehalten. Was Cully Hamner richtig gut macht, sind die zeichnerischen Akzentsetzungen. So werden etwa in Sterbeszenen die Panels fast komplett in Schwarz getaucht. Auch die vielen Spiele mit Licht und Schatten sind sehr gut gelungen.

In der Story spritzt das Blut und der Held ist zu keinem Zeitpunkt wirklich sympathisch. Er weiß, was er ist: ein Killer. Er möchte nur seine Ruhe und will lernen, mit sich selber und mit seinen Taten klar zu kommen. Paul Moses, so sein Name, ist keine Sympathiefigur, aber ein guter Träger für das Misstrauen gegenüber dem Staat und seiner verdeckten Politik. Die Bedrohung geht vom Staat aus. Er schuf Killer, die in seinem Auftrag Regierungen stürzten, Menschen liquidierten und Unruhe erzeugten.

alt

Mit dieser Sichtweise liegt Red ganz in der Tradition der letzten Jahre, in denen besonders in Filmen ein starkes Misstrauen gegenüber dem amerikanischen Staat manifestierbar ist. Das mag unterschwellig sein wie in Salt, The A-Team oder Auftrag Rache. Wer aber genauer hinsieht, wird feststellen, dass alle „Bösen“  aus Institutionen der Regierung oder aus mächtigen Wirtschaftsbetrieben kommen. Im Zuge der desaströsen Bush-Regierung und der Finanzkrise wird die tiefe Verunsicherung der Gesellschaft in der Popkultur aufgegriffen. Der aufmerksame Leser kann in Red direkt auf der vierten Seite im Hintergrund ein Porträt des dümmlich grinsenden George W. Bush an der Wand hängen sehen. Gegen Ende wird gesagt, man müsse nicht mehr besondere Fähigkeiten haben, um wichtige Posten zu bekommen, sondern einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und die richtigen Kontakte haben – auch dies ein Hinweis auf Bush. Solche Personen sind lenkbar (wie der CIA-Chef in diesem Band) und da sie mit Gewalt die USA wieder zur Weltmacht machen wollen, führen sie mit ihrer Unfähigkeit ins Verderben und in den Untergang. Eine kleine Anmerkung: Die Original-Miniserie erschien 2003 und bewies damit eine große Weitsicht. Sie schildert eine Welt voller Korruption und Gewalt, die an eben diesen Aspekten zugrunde gehen wird und keine Helden, sondern nur Monster hervorbringt.

 

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Geradlinige, schnörkellos erzählte Actiongeschichte voller Härte, Blut und Zynismus. Gleichzeitig eine Parabel auf das Amerika unter George W. Bush mit sehr düsterer und pessimistischer Perspektive.


Red
Panini Comics, Oktober 2010
Text: Warren Ellis
Zeichnungen: Cully Hamner
84 Seiten, farbig, Softcover
ISBN: 978-3-86201-029-5
Preis: 12,95 Euro
Leseprobe

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!    Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Ellis / Hamner / DC Comics, der dt. Ausgabe: Panini

Comic-Adventskalender 2010

[Update 08.12] Mit dem heutigen 1. Dezember haben sich einige hübsche Adventskalender aus dem Comicbereich offenbart, die jeweils bis zum 24. Dezember laufen:

  • Bei myComics wird für jeweils 24 Stunden eine andere Geschichte aus der 400-seitigen Anthologie Weihnachts Horror Comix von Underground Comix zu lesen sein
  • Bei Spiegel Online stellt Stefan Pannor pro Tag je einen deutschen Comiczeichner und seinen Gastbeitrag vor, zu finden in der Rubrik „Für zwischendurch
  • Bei Nichtlustig von Joscha Sauer gibt es noch bis zum 15. Dezember im Kalender jeden Tag ein neues Angebot aus dem Shop oder eine andere Überraschung
  • Auf der Facebook-Seite von ZACK ist ab 4. Dezember täglich ein Bild aus 20 Jahren Comicgeschichte von Chefredakteur Georg Tempel zu sehen
  • Bei der österreichischen Initiative Comics gegen Rechts findet Ihr jeden Tag einen neuen Beitrag in deren Adventskalender
  • Beim Zeichner Claus Ast gibt es jeden Tag eine Illustration in seinem Astventskalender
  • Beim Comicneurotiker gibt es tolle Fundstücke aus dem Comicbereich, liebevoll in seinem Adventskalender zusammengetragen

 

Update 02.12.2010: Nichtlustig ergänzt

Update 04.12.2010: ZACK und Comics gegen Rechts ergänzt

Update 06.12.2010: Claus Ast ergänzt

Update 08.12.2010: Comicneurotiker ergänzt

Finsternis 1 – Ioen

Da hab ich mich gerade noch in der Rezension zu Ehapas Missi Dominici an der klischeehaften Verwendung von Kindern zur Erfüllung alter Prophezeiungen und zur Rettung des Landes gestört, da setzt uns das Kreativteam Christophe Bec und Iko in ihrer neuen Serie Finsternis mit dem kleinen Ioen gleich das nächste Messias-Kind vor. Trotzdem sollte man hier ein Auge zudrücken, denn ansonsten ist der erste der erste Band der Reihe wirklich beeindruckend.

Christophe Bec, produktiver Autor von Serien wie Carthago, Heiligtum oder Prometheus (alle ebenfalls bei Splitter erschienen) entwarf für Finsternis eine klassisches Fantasyszenario: Ein Feuerhagel prasselte eines Tages nieder und ließ aus dem heißen Lavaboden gigantische Drachenwesen gebären. Diese bedrohen hundert Jahre später das Reich von König Kirgräd und er beschließt, die Drachen auszurotten, bevor diese ihm zuvor kommen. Hoffnung erhält Kirgräd trotz einiger Fehlschläge durch die uralte Prophezeiung, laut derer seinem Volk im jeden Jahrhundert ein auserwählter Krieger zur Seite steht.

Parallel entpuppt sich in einem fernen Dorf ein kleiner blonde Junge, Ioen, als sensationeller Speerwerfer und als unempfindlich gegen Feuer. Wer eins und eins zusammenzählt, der könnte natürlich mutmaßen, dass Ioen sich in den weiteren Bänden als perfekte Waffe gegen die Drachen empfiehlt. Aber ist er wirklich der Auserwählte? Und wieso besitzt er übernatürliche Kräfte?

Das (Fantasy-) Rad wird in Finsternis zwar nicht gerade neu erfunden, aber das Genre wird wirklich grafisch und dramaturgisch grandios bedient. Die ausdrucksstarken Bilder von Iko, dessen erste Serie dies ist, sind sehr detailliert und schmücken die Fantasywelt weitschweifend aus. Zudem ist der Comic trotz des Titels gar nicht so finster umgesetzt, oder zumindest in weiten Teilen nicht. Vielmehr passt sich der Zeichner dem jeweiligen Szenario farblich an und zieht den Leser mit Burgen, Eislandschaften oder Lavahöhlen sofort in den Bann. Mit seinem einprägsamen Stil schafft es Iko auch spielend, die Spannung der Handlung einzufangen, etwa, wenn die riesigen Drachen die Menschenarmee angreifen.

Freilich weckt das in Finsternis ausgebreitete Königreich Assoziationen an Der Herr der Ringe und die Bruthöhle (?) der Drachen erinnert an das Design von Gigers Aliens (was sich zuerst wie eine seltsame Kombination anhören mag), aber das macht das erste Album der Serie nicht minder faszinierend.

 

Ein außerordentlicher Fantasycomic, der sich deutlich von anderen Genrevertretern absetzt

Wertung: 7 von 10 Punkten

 

Finsternis 1: Ioen
Splitter Verlag, November 2010

Text: Christophe Bec
Zeichnungen: Iko
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-200-6

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!    Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen der dt. Ausgabe: © Splitter Verlag