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Mehr einheimische Künstler bei Splitter

Der Splitter-Verlag gehört mit einem Ausstoß von monatlich acht bis zehn neuen Alben inzwischen schon fast zu den großen Comicverlagen in Deutschland. Das Programm, das bislang fast ausschließlich aus Lizenzcomics aus Frankreich besteht, soll im kommenden Jahr um mehrere heimische Eigenproduktionen erweitert werden. Splitter stellt das Jahr 2011 unter das Motto „Made in Germany“. Neben der bereits laufenden Serie Das Wolkenvolk nach den Romanen von Kai Meyer und der im Sommer 2010 erschienenen Graphic Novel Die Reise mit Bill kündigt Splitter für das neue Jahr vier weitere Neuheiten an, die nicht aus dem Ausland eingekauft wurden:

  • Ria von Thorsten Kieker wurde zum Comic-Salon 2010 bereits als Album im Eigenverlag veröffentlicht (hier unsere Rezension). Nun erscheint Band 1 dieser Serie noch einmal bei Splitter, und zwar in einer „erweiterten und optimierten Fassung“. Neu im Kreativteam ist dabei übrigens Comicgate-Redakteur Andreas Völlinger, der nicht nur eine neue Übersetzung des ersten Bandes (welcher auf Englisch produziert wurde) liefern wird, sondern auch bei Anpassungen an die (Hintergrund-) Story der Serie mitarbeitet.
  • Annas Paradies stammt von einem Künstler, der bisher im Comicbereich nicht bekannt ist: Der Kölner Daniel Schreiber hat den Comic als Albenreihe angelegt, die ersten Zeichnungen, die daraus zu sehen sind, sehen äußerst vielversprechend aus.
  • Frostfeuer wird nach Das Wolkenvolk die zweite Adaption eines Stoffes von Kai Meyer, die bei Splitter erscheint. Den phantastischen Jugendroman, der im Russland der Zarenzeit spielt, adapatiert wieder Yann Krehl, der damit schon sein drittes Meyer-Projekt umsetzt (auch die Adaption der Wellenläufer bei Ehapa, die nicht abgeschlossen wurde, stammte von ihm). Die Zeichnungen kommen überraschenderweise von einer Künstlerin, die man bisher als Mangaka kannte: Marie Sann hatte zuletzt zusammen mit Guido Neukamm Krähen für Tokyopop gemacht.
  • Perry Rhodan – Im Sternenozean von Robert Feldhoff, Dirk Schulz und Horst Gotta ist ein schon etwas länger bekanntes Projekt, das 2011 in Form von zwei Alben erscheinen soll. Die Story stammt vom inzwischen verstorbenen Perry-Rhodan-Chefautoren Robert Feldhoff, die grafische Umsetzung besorgen die beiden Verlagsgründer persönlich.

Um diese Projekte schon während der Entstehungszeit zu präsentieren, hat der Verlag gestern ein Blog-Netzwerk vorgestellt, auf dem die jeweiligen Zeichner und Autoren regelmäßig Einblick in ihre Arbeit geben sollen. Dabei erhält jeder Künstler sein „eigenes“ Blog, die Inhalte lassen sich aber auch zentral via blog.splitter-verlag.eu ansteuern. Einen Überblick über sämtliche „Made in Germany“-Projekte gibt es hier.

American Vampire 1

Die neue Vertigo-Reihe American Vampire machte schon im Vorfeld von sich reden, weil niemand geringeres als Stephen King Texte zu der Serie beisteuerte. Nun liegt also der erste Band auf Deutsch vor und man kann sich endlich ein eigenes Bild machen.

Kings Debüt im Comicbereich (sieht man einmal von einigen kleineren Beiträgen ab) ist nicht so abwegig wie man vielleicht denken mag. Zum einen ist der Autor immer schon tief im popkulturellen Segment verwurzelt gewesen. Schließlich zitiert er in seinen Büchern andere Medien, seine Bücher werden alsFilme und Comics adaptiert und sein Sohn Joe Hill schreibt neben Romanen mit Locke & Key auch Comics. Zum anderen hat auch King schon seine Erfahrungen mit Vampiren machen können und diesen damals in Brennen muss Salem frisches Blut eingehaucht. Lange ist es her. Aber hier findet er wieder zu alter Form zurück, auch wenn er „nur“ eine Storyline innerhalb einer groß konzipierten Serie schreibt. Auffällig ist, wie sehr sie sich ins Gesamtkonzept einfügt und sich nicht abhebt. Das spricht einerseits für eine angenehme Bescheidenheit von Stephen King, andererseits aber auch dafür, wie sehr Scott Snyder die Fäden bei seinem „Kind“ in den Händen behält.

Das Konzept von Snyder ist nicht wirklich sehr neu, verbindet aber auf angenehme Weise Altes mit Neuem. Die Vampire haben hier nichts mehr gemein mit den ganzen Schmachttollen à la Twilight und Vampire Diaries. Jegliche Romantik oder humoristische Anflüge wird man hier vergebens suchen. Das ist der Teil, der nicht neu ist, sondern nur wiederbelebt wird. Gewissermaßen „back to the roots“ (oder besser: „back to the grave“). Was neu ist und die Serie besonders macht, ist die Verknüpfung der Vampire mit der US-amerikanischen Geschichte. Vampire wurden zwar schon in den unterschiedlichsten Kulturkreisen und Epochen geschildert, aber hier ist der jeweilige Vampir für die Epoche, in der die Geschichte spielt, repräsentativ.

In der Storyline von Stephen King wird der „Held“ Skinner Sweet vorgestellt, der als Bandit den Wilden Westen unsicher macht. Hier kommen alle Elemente des klassischen Western vor und auch die Figur ist ein Bandit, der dem Namen „Wilder Westen“ alle Ehre macht. Angereichert wird dieses Outlawdasein mit Horrorelementen. Im Zentrum der (besseren und nicht von King geschriebenen) zweiten Storyline während der 1920er Jahre steht die junge Möchtegernschauspielerin Pearl, die in ihrem Charakter hervorragend die US-Trends der damaligen Zeit verkörpert. Der Glamour, die Naivität, der jugendliche Überschwang eines Landes, das noch nichts von der Rezession ahnt, und der Durchbruch des Films und von Hollywood. Durch diese Figuren können nicht nur die Stärken jener Epochen dargestellt werden, sondern auch das Böse. Skinner Sweet ist kein romantischer Outlaw, der Pioniertaten begeht, sondern ein sadistischer Mörder, der auch nicht davor zurück schreckt, Kinder vergewaltigen zu lassen, wenn er nur schnell zu Reichtum kommt. Pearl fällt auf den Glamour herein und wird ausgenutzt. Allen Figuren gemeinsam ist die Sucht nach Macht, Geld und Ruhm. Eben der amerikanische Traum.

Was allerdings störend auffällt, ist eine gewisse unterschwellige Arroganz. Der amerikanische Vampir hat eine neue Entwicklung hinter sich und besitzt gegenüber den alten Vampiren einige Vorteile, indem er sich im Sonnenlicht bewegen kann. Dass die alten Vampire mit Europa, der alten Welt, gleichgesetzt werden und die amerikanischen mit der neuen Welt, stimmt vom Terminus her historisch und kulturgeschichtlich. Dass aber diejenigen aus der neuen Welt, sprich Amerika, evolutionär besser dastehen als die Vertreter aus der alten Welt, ist in dieser Gleichsetzung ärgerlich.

Nichtsdestotrotz ist die Serie aufgrund ihrer vielen Wendungen und blutigen Actionszenen spannend und und lebt von den Charakterisierungen der Figuren. Schon der Einstieg spielt gekonnt mit den Erzählerwartungen des Lesers und lässt ihn nicht mehr los.

Der Zeichenstil passt sich der jeweiligen Erzählzeit schön an. Im Wilden Westen ist Rafael Albuquerques Strich sehr expressiv, eben wild, und in den 1920er Jahren sehr viel glamouröser, glatter, eleganter. Albuquerque arbeitet mit vielen Perspektivwechseln, die vor allem durch eine Schuss-Gegenschuss-Technik erzielt werden. Das erhöht das erzählerische Tempo und ergänzt die Story hervorragend. Die Farben von Kolorist Dave McCaig sind – wie es sich für eine Erzählung, die meistens nachts spielt, gehört – sehr gedeckt, wissen aber auch Akzente zu setzen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Endlich wieder richtige Vampire, abseits aller Romantik. Ein spannendes Konzept mit guten Geschichten, das Lust auf mehr macht.

American Vampire 1
Panini Comics, November 2010
Text: Scott Snyder, Stephen King
Zeichnungen: Rafael Albuquerque
192 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 16,95 Euro
ISBN: 978-3-86201-025-7
Leseprobe

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Zur Comicgate-Rezension von Heft 1 der US-Ausgabe

Abbildungen © DC Comics, der dt. Ausgabe: Panini Comics


The Rocketeer

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Als dem abenteuerlustigen Showpiloten Cliff Secord ein experimenteller, altraketenbetriebener Rucksack in die Hände fällt, erkennt er schnell die Möglichkeiten, als fliegender Mensch Karriere zu machen. Und verkennt dabei die Gefahr, die es mit sich bringt, sich als maskierter Mann durch die Lüfte zu bewegen. Abgesehen davon, dass der gestohlene Rucksack bereits vom Besitzer wie auch von deutschen Spionen gesucht wird. Wir befinden uns im Jahr 1938 und Cliff Secord rast als Rocketeer mit Helm und Pistole über die Köpfe der Leute hinweg.

The Rocketeer war einer der prägendsten Comics der 80er Jahre und darüber hinaus eine der ersten richtig erfolgreichen Independentserien. 2008 verstarb sein Schöpfer, der US-Amerikaner Dave Stevens, und hinterließ lediglich zwei Geschichten seines Helden. Die erste Geschichte ist eine Einführung, die die Entstehung des Helden nachzeichnet, die zweite spielt in New York und lässt Secord auf seine alten Schaustellerkollegen treffen.

Beide Storys sind in der Gesamtausgabe von Cross Cult enthalten (die zweite Erzählung war in Deutschland bislang noch unveröffentlicht), zusätzlich gibt es Covergalerien, ein Vorwort und einen redaktionellen Begleittext zu Dave Stevens Arbeit. Darin werden für den Leser dankenswerterweise einige wichtige Fakten und Randnotizen zusammengetragen. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass Secords sexy Freundin Betty nicht nur eine unverkennbare Referenz an die 50er-Jahre-Pin-Up-Ikone Bettie Page darstellt, sondern Stevens Rocketeer-Comics auch das Interesse an diesem Model Jahrzehnte später neu entfachen konnte. Oder die nicht auf den ersten Blick erkennbaren Verbindungen zu frühen Pulp-Figuren wie The Shadow oder Doc Savage.

altThe Rocketeer ist genau die Summe aus all diesem. Vordergründig ein klassischer Abenteuer- oder Superheldencomic der 80er, setzt sich Stevens Werk aus deren zentralen Einflüssen zusammen: Pulp, Pin-Ups und der Retrocharme der 30er Jahre.

Trotz des relativ überschaubaren Gesamtstoffs von Stevens‘ Opus Magnum wurde The Rocketeer sogar Anfang der 90er von Disney für einen Kinofilm adaptiert. Nochmals viele Jahre sollten vergehen, bis 2009 beim US-Verlag IDW die erste Komplettausgabe erscheinen sollte. Nicht selbstverständlich, immerhin begann die Serie als Seitenfüller für eine andere Serie und durchlief dann gleich mehrere Verlagshäuser. Aber auch diese ungewöhnliche Publikationshistorie gehört zu den bemerkenswerten Geschichten dieses Comics. 

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Ein Klassiker der 80er, in schicker Aufmachung und mit guter redaktioneller Begleitung

 

The Rocketeer
Cross Cult, Dezember 2010
Text und Zeichnungen Dave Stevens
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,80 Euro
ISBN: 978-3-941248-36-6
Leseprobe

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Abbildungen © Dave Stevens, der dt. Ausgabe: CrossCult


Immer Drama um Tamara

Tamara Drewe
Großbritannien 2010
Regie: Stephen Frears
Hauptdarsteller: Gemma Arterton (Tamara Drewe), Roger Allam (Nicholas Hardiment), Bill Camp (Glen McCreavy), Dominic Cooper (Ben Sergeant), Luke Evans (Andy Cobb), Tamsin Greig (Beth Hardiment), Jessica Barden (Jody Long)

 


Der britische Regisseur Stephen Frears hat schon Popliteratur-Bestseller (High Fidelity) und klassische Romane aus dem 18. Jahrhundert (Gefährliche Liebschaften) verfilmt, nun adaptierte er mit Tamara Drewe von Posy Simmonds (Comicgate-Besprechung) erstmals einen Comic fürs Kino. Die Geschichte spielt auf einem englischen Landsitz, einem Rückzugsort für Schriftsteller, die dort in Ruhe an ihren Büchern arbeiten können. Das idyllische Landleben kommt mächtig durcheinander, als die Titelfigur Tamara auftritt: Die erfolgreiche und sehr gut aussehende Londoner Journalistin ist in dem kleinen Nest aufgewachsen und kehrt zuück, um in das Haus ihrer verstorbenen Eltern einzuziehen.

Die Comicvorlage von Posy Simmonds erschien als Fortsetzungscomic in der Tageszeitung The Guardian und ist vor allem eine brillante Satire auf den Literaturbetrieb mit seinen Eitelkeiten und Eifersüchteleien sowie auf die obere Mittelschicht Englands und ihre Doppelmoral. Die Filmadaption betont ebenfalls diese Aspekte und bleibt somit dem Geist ihrer Vorlage ausgesprochen treu.

Auch sonst hält sich das Drehbuch sehr eng an den Comic, viele Szenen sind 1:1 umgesetzt. Der Film verzichtet allerdings auf einen eher düsteren und traurigen Handlungsstrang, was ihm im Vergleich zum Comic einen deutlich unbeschwerteren und fröhlicheren Charakter verleiht. Trotzdem ist Tamara Drewe kein reines Feelgood-Movie, denn auch die Filmversion hat dunkle Untertöne. In erster Linie ist der Film aber eine Komödie, die unterhalten und amüsieren will, was ihr auch sehr gut gelingt.

Der große Pluspunkt des Films ist seine wirklich sehr gelungene Besetzung: Die Figur der Tamara Drewe musste erotisch und verführerisch wirken, durfte aber nicht als männermordender Vamp oder als dummes Sexpüppchen daherkommen – hier hat man mit Gemma Arterton eine ideale Besetzung gefunden, die ihre Rolle hervorragend ausfüllt. Auch der Rest des Ensembles überzeugt: Tamsin Greig als fürsorgliche Leiterin der Schriftsteller-Herberge, Roger Allam als ihr Ehemann und Bestsellerautor oder Bill Camp als tapsiger Möchtegernautor aus den USA. Nicht ganz so überzeugend ist Dominic Cooper als Rockstar, der eine Affäre mit Tamara hat und für das dörfliche Idyll nur Verachtung übrig hat. Seine Figur ist etwas zu affektiert angelegt, um wirklich glaubwürdig zu sein.

Dies wird aber mehr als wettgemacht durch Jessica Barden und Charlotte Christie, die die beiden Teenagergören Jody und Casey spielen – zwei Mädchen, die gelangweilt und angeödet in ihrem Kaff sitzen und in der Ankunft der Journalistin und ihres berühmten Lovers die Chance sehen, dass endlich einmal etwas Aufregendes passiert. Ohne es zu ahnen, lösen Jody und Casey Ereignisse aus, die schwerwiegende Folgen haben werden. Beide Jungschauspielerinnen agieren großartig und sind echte Entdeckungen.

Was den ganzen Film durchzieht, ist eine ausgesprochene „Britishness“: der ganze Charakter des Films, seiner Figuren und seiner Landschaft ist eindeutig englisch. Deshalb sei hier auch die Originalversion des Films empfohlen, die auch in der Pressevorführung gezeigt wurde. In der deutschen Synchronfassung dürfte gerade diese typische „Britishness“ doch ein wenig verloren gehen. Hoffentlich ist man bei den deutschen Dialogen nicht so unsensibel vorgegangen wie beim deutschen Titel des Films, der nicht nur nach einem misslungenen Reim klingt, sondern auch nach alberner Klamotte, was der Film sicher nicht ist.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

 

 Offizielle Film-Website (englisch)
Offizielle Film-Website (deutsch) 
Tamara Drewe bei Reprodukt
Tamara Drewe beim Guardian

Abbildungen © Sony Pictures Classics / Prokino

Interview mit Joscha Sauer

Nicht nur wir feierten 2010 unser zehnnjähriges Jubiläum, auch Joscha Sauer kann mit seinem Cartoonreich Nichtlustig mittlerweile auf eine Dekade zurückblicken. Irgendwas hat er richtig gemacht: Joscha gehört zu den ganz wenigen Comiczeichnern in Deutschland, die von ihren Eigenkreationen leben können. Wir unterhielten uns telefonisch mit ihm Mitte Oktober 2010, kurz nach der Frankfurter Buchmesse und dem Erscheinen des fünften Nichtlustig-Bandes, über Freud und Leid von Popularität, seinen Auftritt bei TV Total, Geschäftssinn, warum Manga für die ganze Comicszene gut sind und was uns noch alles von ihm erwartet. Oder auch nicht.

 

Comicgate: Hallo Joscha, jetzt ist gerade die Buchmesse in Frankfurt herum und Du warst jeden Tag vor Ort für Interviewtermine und zum Signieren. Bist Du nun erleichtert, dass es vorbei ist?

Joscha Sauer signiert Nichtlustig 5 auf der Frankfurter Buchmesse 2010Joscha Sauer: Erleichtert wäre das falsche Wort. Ich bin trotzdem ganz froh, dass es jetzt rum ist. Allerdings weniger, weil mir die Anstrengung so zusetzt, sondern mehr, weil es einen so rausreißt aus dem, was man gerne machen würde oder woran man eigentlich gerade arbeitet. Es ist zwar immer ganz schön zu signieren; auch die Signiertour, die jetzt ansteht, da ist es auf der einen Seite immer ganz toll, wenn man den direkten Kontakt mit den Leuten hat, die meine Sachen lesen und meine Bücher kaufen, aber auf der anderen Seite bedeutet das natürlich wieder viel Rumgereise und dass man nicht zu sonderlich viel anderen Sachen kommt. Und das finde ich sehr schade. Ansonsten war es sehr entspannt bei mir auf der Buchmesse. Das Signieren laugt so ein bisschen aus, vor allem habe ich das jetzt sehr lange am Stück gemacht. Am Samstag habe ich fast sieben Stunden am Stück signiert, und danach ist man dann natürlich ein bisschen gematscht. Aber da regeniert man sich sehr schnell wieder.

 

CG: Bei sieben Stunden Signieren … zeichnet man dann irgendwann immer das Gleiche?

JS: Nö, ich versuche schon, sehr individuell auf die Wünsche der Leute einzugehen, die bei mir in der Schlange stehen. Teilweise warten die ja auch drei Stunden, bis sie dann endlich dran sind. Und dann frag ich natürlich, ob ich ihnen was Bestimmtes zeichnen soll. Neben Lemming- oder Yeti-Wünschen haben die zum Teil sehr spezielle Vorstellungen., bei denen ich mir dann komplett neue Sachen überlegen muss. So was wie „Kannst Du irgendwas machen mit einem Ninja und einer Petunie?“ [lacht] Gott sei Dank hat da nicht jeder so spezielle Wünsche. Denn sich für zwei-, dreihundert Leute jedes Mal etwas komplett Neues zu überlegen, wäre ja schon etwas schwierig. Aber das ist in dem Moment so Impro-Comedy und funktioniert auch sehr gut. Wenn man sich innerhalb von ein paar Sekunden tatsächlich irgendeinen Gag überlegen muss … Und ansonsten gibt es halt ein Standardrepertoir an ungefähr 50 verschiedenen Motiven, die ich dann wirklich ab und an mal wiederhole, dass aber trotzdem die Leute genau das bekommen, was sie wollen, wenn sie sagen, sie hätten gerne was mit einem Yeti oder einem Lemming, so dass ich mir nicht andauernd was Neues ausdenke.

 

CG: Verständlich. Ich glaube, das würde auch gar nicht anders funktionieren.

JS: Ja. Die Leute geben mir auch immer wieder zu verstehen, wie sehr sie sich darüber freuen und dass es sich gelohnt hat, jetzt mehrere Stunden angestanden zu haben.

 

CG: Bei wem würdest Du so lange anstehen oder hast es vielleicht schon getan?

Signierschlange bei Joscha Sauer auf der Frankfurter Buchmesse 2010JS: Das ist so gar nicht mein Ding. Hm, ich überleg gerade … Also das Konzept des Anstehens, um sich eine Signatur abzuholen, ist für mich nicht so reizvoll. Ich finde es sehr interessant, Leute, die ich bewundere, kennen zu lernen und mit denen mal zu reden. Aber die Kommunikation ist bei so einer Signierstunde, gerade bei so einer Menge von Leuten, schon sehr begrenzt. Ich kann verstehen, wenn Leute es toll finden, eine Originalzeichnung zu erhalten, aber da ich selber nicht so der comicbegeisterte Mensch bin, der eher wieder in diese Szene reingerutscht ist, als ich anfing, selber was zu machen, gibt’s eigentlich niemanden, bei dem ich für eine Signatur anstehen würde. Einer der tollsten Momente auf dieser Buchmesse war tatsächlich, als Ralf König sich in meine Signierschlange gestellt hat, um mir einen Cartoon von sich zu geben!

 

CG: Wir haben ihn gesehen und dachten, er steht für eine Signatur an …

JS: Nee. Ich hatte ja diese Aktion mit Gastzeichnern auf nichtlustig.de. Ich hatte auch Ralf gefragt, ob er Lust hat, was für mich zu machen. Da hatte er gerade nicht so viel Zeit und war sich unsicher, ob er’s hinbekommt, weil Cartoons ja nicht sein Medium wären. Wir kannten uns vorher schon und hatten dazu auch Mailkontakt, aber ich habe nicht erwartet, dass noch was kommt. Und dann stellt sich der Kerl tatsächlich eine halbe Stunde in meine Signierschlange, nur um mir dieses Ding zu geben. Das ist schon so etwas wie ein Ritterschlag. Das fand ich natürlich toll und hab mich auch gerne mit ihm unterhalten, weil ich mit seinen Comics groß geworden bin und ihn als Geschichtenerzähler unglaublich bewundere.

 

CG: Ich freue mich auch sehr für ihn, dass es jetzt nochmal einen Schritt nach vorne geht mit Prototyp, Archetyp und Antityp. Er ist natürlich vorher schon sehr bekannt gewesen, wurde aber meistens limitiert auf Schwulencomics. Für mich ist er ein unglaublich guter Beobachter.

JS: Der Mann kann einfach verdammt gut schreiben. Das ist ganz unabhängig davon, ob das nun im Schwulenmilieu spielt oder woanders. Er schreibt so unfassbar glaubwürdige Figuren und hat so ein gutes Gespür für Dramaturgie und Handlung … Das ist das, was ich so toll finde an ihm, und da ist es egal, ob es um Schwänze oder um Mann und Frau geht.

 

CG: Anlässlich des neuen fünften Bandes von Nichtlustig hattest Du für die Frankfurter Buchmesse die Aktion, dass jeder, der am 05.05.55 geboren ist, alle fünf Bände kostenlos erhält. War so jemand da?

Cover von Nichtlustig 5JS: Ich glaube nicht. Es waren aber einige Leute da, die am 05.05 Geburtstag haben und damit einen Band erhalten haben. Allerdings auch nicht so viele, wie ich erwartet hatte. Das waren so ungefähr zehn Leute. Ich hatte gedacht, dass da mehr Ansturm ist, weil ich es auch reichlich vorher via Facebook und Twitter kundgetan habe, aber nö. Ich hatte gedacht, dass da vielleicht auch welche kommen, die sonst auf der Messe nicht in dem Comicbereich gegangen wären, aber es wirkte eher so, als hätten diese Leute auch ohnehin bei mir angestanden.

 

CG: Wie hoch ist eigentlich die Auflage von Nichtlustig 5?

JS: Das müssten so um die 90.000 Stück sein.

 

CG: Das ist ja eine riesige Menge, gerade für uns im Comicbereich! Ist das die höchste Auflage, die Du bis jetzt hattest?

JS: Ja. Bei Nichtlustig 4 waren es noch etwa 60.000 Exemplare. Da hatten wir aber das Weihnachtsgeschäft nicht richtig kalkuliert, und so kam es, dass einige Händler vor Weihnachten nachbestellen wollten und es nichts mehr gab. Das wollten wir diesmal vermeiden.

 

CG: Du hast Dich bei Twitter ja mal zu dem Cartoon-Wettbewerb des Comiczentrums auf der Buchmesse (Carlsens „Deutscher Cartoonpreis„) geäußert. Du warst Juror im ersten Jahr und meintest nun neulich, dass Du mit den Einreichungen nicht glücklich warst und nicht mehr mitmachen wolltest.

JS: Das war zumindest damals der Fall. Ich glaube, es war eh der Gedanke, verschiedene Cartoonisten immer mal wieder als Juroren zu holen. Mit Ralph [Ruthe] haben sie aber, glaub ich, einen ganz guten Fang gemacht, weil der sich damit einfach mehr beschäftigen kann. Ich hab so richtig gemerkt, dass mir die meisten Sachen, die eingesandt wurden, einfach eher weh getan haben und wie sehr ich mich geärgert habe, wie wenig gutes Material es leider gibt. Denn ich bin ja selbst ein großer Fan von guten Cartoons. Ich hatte da einfach das Gefühl, dass es nicht ergiebig genug ist. Und dass es in dieser Gruppe von Leuten schwierig ist zu entscheiden, wer jetzt den Preis verdient. Zumal ich auch immer das Gefühl hatte, dass Cartoons was sind, was man nicht anhand eines einzigen Stücks bewerten kann. Für mich zeichnen Cartoons eher aus, dass eine Beständigkeit über eine längere Zeit und mit einer größeren Masse vorhanden ist und ein eigener Stil definiert ist, der sich dann einem erschließt, wenn man viel von jemandem sieht. Aber für Carlsen ist der Cartoon-Wettbewerb trotzdem ziemlich interessant, weil die dadurch zu sehr viel mehr jüngeren Cartoonisten oder Leuten, die sich mal versuchen wollen, Kontakt bekommen. Und vielleicht passiert es ja trotzdem mal, dass daraus interessante Leute hervorgehen.

 

CG: Von neuen Veröffentlichungen der bisherigen Gewinner habe ich offen gestanden noch nicht so viel mitbekommen.

JS: Das hat wahrscheinlich einen Grund … [lacht]

 

CG: Wahrscheinlich. 😉 Ich kann mich an einen wasserfesten Cartoonband, der auf ein Kunststoffgewebe gedruckt wurde, erinnern, aber ansonsten …

JS: Ja, das war von Tobias Schülert und ich glaub, er hat beim ersten Mal gewonnen, wo ich noch mit ausgewählt habe. Tobias hat tatsächlich ein paar Perlen geliefert, leider auch ein Kandidat, bei dem ich denke, der hätte mehr machen können und der zu wenig Zeug insgesamt geliefert hat. Das fand ich sehr schade. Mittlerweile arbeitet er für den Stern, was dann in eine andere Richtung geht. Mit ihm habe ich übrigens noch Kontakt. Es gibt insgesamt sehr wenig Leute, die qualitativ sehr hochwertig arbeiten und dann gleichzeitig noch einen gewaltigen Output haben.

 

CG: Meine nächste Frage ist, was für Dich einen guten Cartoon ausmacht, aber das kannst Du wahrscheinlich gar nicht so pauschalisieren …?

JS: Stimmt. Im Idealfall überrascht mich ein guter Cartoon. Er ist einfach originell und hat einen eigenen Stil. Das kann man schlecht in Worte fassen. Wenn’s an mein Humorempfinden appelliert und ich darüber lachen kann, was für mich eine Kombination aus Originalität und ’nem guten Stil und ’ner guten Umsetzung ist, dann ist das für mich ein guter Cartoon. Aber das bedeutet nicht, dass es zwangsläufig für alle ein guter Cartoon ist. Selbst Kollegen wie Ralph Ruthe, mit dem ich sehr eng befreundet bin und mit dem ich sehr oft auf einer Wellenlänge liege, findet manche Sachen im Humorbereich toll, denen ich einfach nichts abgewinnen kann.

 

CG: Humor ist halt immer eine extreme Geschmackssache.

JS: Ja, absolut. Und das ist ja eigentlich das Tolle an Humor: dass er letzten Endes so subjektiv ist, dass es eigentlich totaler Quatsch ist, so viel darüber zu reden. Es gibt natürlich einige prinzipielle Techniken, die so und so funktionieren. Oder einige Anfängerfehler, die gerne gemacht werden: dass der Aufbau eines Bildes falsch ist, so dass man zuerst an die falsche Stelle guckt und quasi den Gag sieht, bevor man den Aufbau sieht und so weiter. Aber das sind eher Techniken. Letzten Endes lässt sich dieses Gefühl dafür, ob ein Gag funktioniert und wie man etwas zeichnen muss, damit Humor entsteht, nicht beibringen, glaub ich. Entweder hat man es im Gefühl oder eben nicht.

 

CG: Hast Du eigentlich das Gefühl, dass Nichtlustig ein deutscher Humor ist? Es gibt zwar einige Deiner Cartoons auf Englisch, aber als Buch noch nicht, oder?

JS: Stimmt. Die englischen Cartoons sind meistens noch aus Band 1, bei denen ich noch nicht ganz zufrieden war. Man müsste die neu lettern, damit sie gut aussehen und so weiter. Es gibt ausländische Veröffentlichungen in Spanien, Italien und Russland. Da wurde aber vergleichsweise wenig umgesetzt.

 

CG: Ich frage mich halt, ob Humor generell landes- oder mentalitätsbedingt ist.

JS: Teilweise mit Sicherheit. Ich glaube, es ist immer schwierig, wenn man in die Kultur integriert ist wie bei mir hier in Deutschland. Da fällt es schwer, über den Tellerrand zu blicken und zu sagen, das ist sehr deutsch und das nicht. Ich finde schon, dass es Sachen gibt, die an meinen Cartoons sehr deutsch sind. Insgesamt glaube ich, dadurch, dass ich sehr geprägt bin durch amerikanischen Humor – ob das jetzt Sitcoms sind, Hollywoodfilme und dergleichen –, dass ich sehr viel internationaler arbeite und amerikanischer inspiriert bin als viele meiner Kollegen, weil es bei mir auch sehr losgelöst ist von irgendwelchen popkulturellen Dingen, die bei anderen Leuten noch eine Rolle spielen. Das ist mir wichtig. Bei mir ist es auch so, dass es keine festen Orte gibt und dass keine echten Personen da drin auftauchen. Dadurch würde es auch im Ausland sehr viel zugänglicher. Ob dann der Humor in anderen Ländern verständlich ist, kann ich selbst nicht einschätzen. Ich weiß, dass die meisten englischsprachigen Ländern meine Cartoons verstehen; es sind ja auch nur sehr wenige Wortwitze drin. Das versuche ich zu vermeiden. Falls ich mich doch mal zu einem Kalauer hinreißen lasse, geht’s mir einige Tage ganz schlecht. [lacht] Dann gibt es natürlich auch Länder, bei denen ich merke, dass es einfach ein anderes Humorverständnis gibt.

 

CG: Cartoons sind meiner Meinung nach auch recht heikel. Du hast nur ein Panel, und damit muss es funktionieren.

JS: Das ist gleichzeitig das große Plus und das große Minus bei Cartoons. Auf der einen Seite sind sie dadurch zugänglicher als zum Beispiel Comics. Man guckt drauf und lacht entweder oder eben nicht. Fertig. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich sonderlich viel Lebenszeit in etwas investiert habe, was mir nichts bringt. Auf der anderen Seite hat man nicht die Chance, Leute lange bei der Stange zu halten und zu sagen „So, wenn das hier nicht funktioniert, dann probiere ich das nochmal“, sondern Du hast halt diesen einen Versuch. Und entweder lesen die Leute dann direkt Deinen nächsten Cartoon oder das war’s dann. Deshalb bin ich auch der Ansicht, dass Cartoons erst in der Masse so richtig an Wert für mich gewinnen, weswegen auch Cartoonbücher für mich sehr voll sein sollten, so dass man sie nicht im Stehen im Buchladen durchlesen kann.

 

CG: Die Zeit, die man da als Leser rein investiert, ist im Vergleich zu einem Comic dann doch kürzer.

JS: Ja, das ist halt einfach eine andere Art. Wenn ich mich auf einen Comic einlasse, dann erwarte ich eine Dramaturgie, dass ich vielleicht mit den Figuren vertraut werde … Ich erwarte einfach mehr, als nur ein paar Mal zu lachen – was ich bei Cartoons genau will. Im Idealfall kann man das auch mal kombinieren miteinander. Ich versuche ja auch in meinen Büchern, ein bisschen zu spielen mit dem Medium Comic und auch längere Geschichten reinzumachen.

 

nichtlustig101103CG: Du siehst also weiterhin die Cartoons als Dein Haupttätigkeitsgebiet? Es juckt Dich nicht in den Fingern, mal ein Album mit einer durchgehenden Geschichte zu machen?

JS: Nein, die Richtung interessiert mich gar nicht. Was mir mehr in den Fingern juckt, ist endlich mal in den Filmbereich zu kommen und mit der Trickfilmserie, die ich schon seit längerer Zeit plane, voranzukommen. Das ist ein Medium, das mich sehr reizt, weil ich glaube, dass es dort Möglichkeiten gibt, mit meinem Humor Sachen zu machen, die in einem Bild so nicht funktionieren, weil sie Timing und eine zeitliche Abfolge benötigen, und da hab ich extrem Lust drauf. Ein Album oder eine längere Geschichte zu machen, dazu fehlt mir tatsächlich die Geduld und auch irgendwie der Anreiz, dass ich sage, das ist was, was ich unbedingt machen will, weil ich es so nicht hinbekomme in meinen jetzigen Büchern oder im Internet.

 

CG: Das kommt ja meist aus dem Bedürfnis, etwas zu erzählen.

JS: Da gibt es bei mir schon Sachen, die aber in eine ganz andere Richtung gehen. Ich will auch nicht mein Leben lang mit Humor arbeiten. Das ist was, was bei mir gerade fantastisch funktioniert und bei dem ich das Gefühl habe, dass ich schon noch einige Sachen zu machen habe. Aber ich habe früher auch Drehbücher für zum Beispiel Thriller geschrieben. Und das ist schon etwas, wo ich irgendwann auch wieder hin will, also in komplett andere Bereiche. Es ist nicht so, dass ich das Gefühl hätte, dass ich selbst alles zeichnen müsste. Ich fände es auch interessant, mal für jemand anderen zu schreiben. Mit Flix habe ich darüber gesprochen, ein gemeinsames Projekt zu machen. Ingo Römling ist ein guter Freund von mir, der ja auch hier in Frankfurt lebt und ein Zeichner, bei dem ich das Gefühl habe, dass der endlich eine gute Geschichte bräuchte, die inhaltlich auf einem Level ist mit dem, was er visuell erbringen kann; der Mann ist ein großartiger Künstler. So etwas würde mich also eher reizen. Ich selbst als Zeichner habe das Gefühl, dass das für meine Cartoons und für Nichtlustig gut funktioniert, habe aber keine Ambitionen, mich stilistisch zu verändern.

 

CG: Du hast also keinerlei Interesse, Dich mal an anderen Stilen zu versuchen?

JS: Nein, überhaupt nicht. Mir macht Zeichnen auch nicht sonderlich viel Spaß.

 

CG: Ach …

JS: Ja, das überrascht immer Leute, wenn ich das sage, aber für mich ist das Zeichnen eher Mittel zum Zweck, um meinen Humor zu transportieren. Die Zeichnungen funktionieren für den Inhalt. Wenn ich irgendwann auf die fesche Aquarellkolorierung verzichte, dann wäre das den meisten Leuten egal, weil es darum nicht geht. Es geht um den Humor und das Zusammenspiel zwischen Text und Bild. Ich bin nicht der großartigste Zeichner. Es langt immer dafür, was ich machen will, aber es gibt andere Leute, die viel besser zeichnen. Ich habe absolut kein Interesse, in diese Richtung weiterzumarschieren.

 

CG: Nach Lieblingscomics brauche ich dann vermutlich gar nicht zu fragen …

JS: Stimmt. Wenn ich mal Zeit habe, interessieren mich Filme und Serien viel mehr. Ich hab mal ein Reprodukt-Abo zwei Jahre oder länger gehabt. Mittlerweile empfiehlt mir Sebastian Oehler Comics aus ihrem Programm, die nehme ich mir dann auf Messen mit. Leider habe ich neben meinem Bett immer noch einen Riesenstapel an Empfehlungen liegen, die ich noch nicht durchlesen konnte.

 

CG: Kurz zurück zu den geplanten Trickfilmen. Was hast Du da vor?

JS: Es ist geplant, dass das klassische Halbstünder sind. Also keine kurzen Dinger, sondern halbstündige Episoden, die unterteilt sind in etwa Vier-Minuten-Abschnitte mit diesen ganzen verschiedenen Figurengruppen, die ich angehäuft habe. Wenn man sich die nacheinander anschaut, wird es wie in meinen Büchern sein, dass es also Zusammenhänge und Überschneidungen gibt. Das finde ich recht reizvoll, so zu arbeiten, und da habe ich relativ weit vorgearbeitet. Wir hatten letztes Jahr auch schon Verhandlungen mit einem Fernsehsender, das ist allerdings dann doch nicht zustande gekommen. Jetzt nutze ich es, dass wir nicht unter Zeitdruck stehen, und mache es kreativ wirklich so, wie ich es gerne hätte. Ich überarbeite die Drehbücher, die ich geschrieben habe, und arbeite in einem sehr kleinen Team dran, erstmal eine Pilotfolge fertig zu stellen. Ich hab noch ein paar Ideen, wie ich das Projekt weiter nach vorne bringen kann. Das bedeutet natürlich auch, Geld aufzutreiben, weil das leider viel teurer ist, als ein paar Cartoons zu zeichnen.

 

CG: Du bist mittlerweile wirklich sehr bekannt, man muss sich ja nur die Zahlen Deiner Fans auf Twitter und Facebook anschauen. Bedeutet Dir das was? Natürlich schmeichelt es einem, aber würdest Du jetzt genauso Deine Cartoons machen, wenn dem nicht so wäre und Du diesen Austausch nicht hättest?

JS: Popularität und Austausch sind für mich zwei verschiedene Paar Schuhe. Popularität bedeutet mir auf jeden Fall was, denn es macht mich unabhängiger. Der Erfolg gibt mir die Freiheit, tatsächlich das zu machen, was ich will. Ich muss mir nicht überlegen, wie ich an den nächsten Auftragsjob rankomme. Ich kann von meiner eigenen Arbeit leben, was für einen Comiczeichner ja die größte Auszeichnung und ganz selten ist. Das ist für mich schon ein Geschenk. Wenn ich in der Art Popularität definiere, bedeutet mir das schon sehr viel. Ansonsten habe ich immer versucht, die Sachen zu machen, die ich selber gut finde. Ich habe also keine undefinierbaren Block von Fans vor Augen, für die ich arbeite, sondern ich habe mir immer gesagt, wenn ich mir ein Cartoonbuch kaufen oder eine Internetseite mit Cartoons anschauen wollte, dann würde ich das erwarten, wie es jetzt bei mir ist. So gehe ich da ran, und das befreit natürlich sehr, wenn man merkt, dass man mit dem eigenen Qualitätsanspruch auch viele andere Leute erreicht. Das ist natürlich toll. Aber auf der anderen Seite auch ein zweischneidiges Schwert. Wenn Sachen sehr populär werden, bedeutet das auch, dass die Kritik prozentual mit ansteigt. Man wird öfters abgewatscht und bekommt gesagt „Früher war aber alles besser“ als Leute, bei denen alles klein ist und die nichts zu hören bekommen, weil alles unter dem Radar stattfindet. Aber damit lernt man ja irgendwann umzugehen und weder Lob noch Kritik zu sehr an sich ranzulassen.

 

CG: Wahrscheinlich darf man das gar nicht, wenn man noch irgendwie weiterarbeiten will.

JS: Nicht zu viel, zumindest. Ich versuche natürlich, nicht komplett immun dagegen zu sein, wie meine Sachen wirken. Und gerade, wo jetzt mein neues Buch erschienen ist (Nichtlustig 5), wollte ich einfach wissen, wie es bei den Leuten ankommt. Und wenn plötzlich alle gesagt hätten „Boah, was ist das denn für ein grauenhaftes Ding!“, dann hätte ich mir das natürlich nochmal angeguckt und überlegt, was ich denn da gemacht habe und warum ich es gut fand. Aber letzten Endes habe ich mir nichts vorzuwerfen, weil ich versuche, so gut zu sein, wie ich kann, und gleichzeitig was zu machen, was ich selbst gut finde. Und wenn man das erfüllt, dann können ja alle anderen Leute das doof finden, aber dann weiß ich zumindest, warum ich es gemacht habe.

 

CG: Wobei ich mir schlecht vorstellen kann, dass irgendjemand jetzt sagen würde, dass er alle anderen Bände gut fand und den jetzt scheiße.

JS: Ach, das gibt’s immer. Wenn Dinge lang genug existieren, dann gibt es bei manchen Leuten die Tendenz, die früheren Sachen besser zu finden. Aber ich glaube, dass meine Sachen besser geworden sind im Lauf der Jahre. Leute hinterfragen nie „Habe ich mich vielleicht verändert, wenn ich es jetzt anders sehe?“ oder „Überraschen mich die Sachen heute nicht mehr so, weil ich früher da frischer herangegangen bin?“ Da wird einfach nur gesagt „Ach, das neue Album vom … Robbie Williams ist halt einfach nicht so gut wie die früheren.“ Das ist ein ganz normaler Prozess. Ich empfinde es fast als Auszeichnung, wenn die Leute dahinkommen zu sagen, dass früher alles besser war, weil es nur bedeutet, dass man geschafft hat, lang genug dabei zu sein, dass es auch Meckerer gibt.

 

CG: [lacht] Na, so kann man es natürlich auch sehen. Eine entspannte Sichtweise. Du bist ja mittlerweile seit zehn Jahren im Internet vertreten. Hast Du das Gefühl, dass diese Verbreitungsmöglichkeit viel zu Deinem Erfolg beigetragen hat?

JS: Absolut, das ist der Hauptgrund. Das Tolle daran war ja, dass ich mir in den ersten drei Jahren, bevor das erste Buch bei Carlsen erschienen ist, einen Fankreis im Internet aufgebaut habe. Und das war zu dem Zeitpunkt, an dem ich angefangen habe, natürlich von mir überhaupt nicht der Plan und es war auch nicht klar, dass so etwas möglich ist. Ich hatte großes Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und mit dem richtigen Ding anzufangen. Als dann das erste Buch erschienen ist, musste Carlsen nicht großartig rausgehen und allen erklären, was das ist, denn da draußen gab es schon genug Leute, die sich sofort darauf gestürzt haben. Und innerhalb der ersten Woche waren dann zwölftausend Stück weg. Da hat niemand mit gerechnet, vor allem ich natürlich nicht. Ich hatte mir also vorher drei Jahre lang – ohne dass es mir klar war – die Marke aufgebaut. Und indem es dann losging mit den Büchern, konnte ich plötzlich davon leben.

 

CG: Man weiß ja, dass Deine vorherigen Bewerbungen abgelehnt wurden, auch von Carlsen. Dann haben die einfach nicht vertraut auf die Zugriffe im Internet?

JS: Das war damals einfach noch nicht soweit. Ich muss mal den wenigen Comicverlagen, die es in Deutschland gibt, ein Kompliment machen. Die sind in der Hinsicht viel offener geworden in den letzten Jahren, lassen mehr Leute an sich ran und gucken einfach mal, was der Nachwuchs so macht. Als ich in den Jahren 2000 und 2001 mit meinen Sachen über die Buchmesse gerannt bin, da war das alles noch sehr viel verschlossener. Da würde mir öfter gesagt „Wenn Sie keinen Termin haben, dann können wir uns auch nichts von Ihnen angucken“ oder „Tschuldigung, wir machen nur Comics, keine Cartoons“. Die haben sich mein Zeug also gar nicht erst angeguckt. Und ich ganz klein mit Hut bin da ohne Selbstbewusstsein rumgehuscht und habe versucht, mal meine Mappe zu zeigen. Letzten Endes funktionierte das bei mir erst im zweiten Jahr, als ich Ralph Ruthe kennen gelernt habe. Der mochte meine Sachen und hat mich dann direkt dem damaligen Chefredakteur von Carlsen, Joachim Kaps, vorgestellt, der sich meine Sachen anguckte. Aber vorher war es richtig schwer, meine Mappe überhaupt mal jemandem unter die Nase halten zu können.

 

CG: Man brauchte damals also unbedingt Vitamin B, um überhaupt mal an die Verlage ranzukommen.

JS: Es ist sicher auch heute nicht verkehrt, Kontakte zu pflegen. Aber ich seh mittlerweile sehr viel öfter, dass sich Redakteure die Zeit nehmen, etwas anzuschauen, ihre Eindrücke und auch Tipps zu geben. Und ich glaube tatsächlich, dass da auch die jüngeren Mangazeichner, die in den letzten sieben Jahren über die Buchmesse und ähnliche Veranstaltungen streifen, sehr dazu beigetragen haben, weil das eine ziemliche Macher-Kultur ist. Da gibt es ja wirklich sehr viele, die angefangen haben zu zeichnen. Ob man da nun einen Zugang zu findet oder nicht – ich habe mit Manga nie was anfangen können – aber ich bewundere die Offenheit in dieser Szene und die Haltung „Ich mach das einfach und will meine Sachen auch präsentieren“. Ich glaube, dadurch haben sich die Verlage auch geändert, weil das ein Fankreis ist, der gleichzeitig produktiv ist, und für den musste man sich zwangsläufig öffnen. Davon haben alle profitiert.

 

CG: Dabei darf man aber nicht verschweigen, dass gerade die Großverlage unter einem ziemlichen Erfolgsdruck stehen. Es ist schön und gut, wenn sie neue Leute veröffentlichen, aber wenn die nicht das einbringen, was der Verlag erwartet, sind die schnell wieder weg. Es fehlt manchmal die langfristige Sicht.

JS: Es ist klar, dass es eine Industrie ist. Auf der einen Seite habe ich schon das Gefühl, dass mehr geguckt wird, aber auf der anderen Seite wird sehr viel selektiver ausgewählt, was denn überhaupt noch die Möglichkeit hat, Geld zu generieren, weil gerade die großen Verlage, wie Du auch schon sagst, mehr und mehr hitorientiert sind. Wie nun mal alle Märkte mittlerweile funktionieren, ob es nun Spielebranche oder Filmbranche ist. Das sind alles Märkte, die sich über Hits finanzieren, denn 95 % der Sachen, die da herausgebracht werden, bringen kein Geld ein und werden finanziert über die 5 %, die dann Superhits sind.

 

CG: Ich finde es einfach schade, dass nicht etwas mehr Geduld mitgebracht werden kann, damit Zeichner die Gelegenheit bekommen, sich etablieren zu können.

JS: Ich verstehe leider schon, wo es herkommt, aber schade finde ich das auch. Bei mir haben manche Leute wohl das Gefühl, dass es von Band 1 an total groß war, aber die Wahrheit ist ja, dass ich drei Jahre vorher dran gearbeitet habe, mir das aufzubauen, und es dadurch schon so groß war, dass ich Fans hatte, die sich das sofort gekauft haben. Da musste Carlsen relativ wenig Marketingarbeit machen. [lacht]

 

CG: Hat ja auch was für sich. Drei Jahre jemanden kostenlos arbeiten lassen … 😉
Hast Du eigentlich jemals an eine Eigenveröffentlichung gedacht?

JS: Ja, das habe ich tatsächlich. Kurz bevor es mit Carlsen losging, weil die sich nach der Buchmesse auch nochmal gut Zeit gelassen haben. Mir wurde da ganz einfach das Geld knapp. Zu dem Zeitpunkt habe ich in Berlin gelebt und hatte teilweise echt kein Geld für Essen. Es war wirklich so, dass ich mir überlegt habe, mich wieder eine Woche von Cornflakes und Leitungswasser zu ernähren, worauf ich nicht wirklich Lust hatte. Natürlich war ich zu stolz, meine Eltern um Geld zu fragen, und musste darüber nachdenken, ob ich mich als nächstes nicht doch als Grafiker bewerbe. Das wollte ich eigentlich alles nicht. Und Gott sei Dank kam dann drei Monate, nachdem ich auf der Buchmesse war, doch noch eine Mail von Carlsen, was in dem Moment die Rettung war.

 

CG: Du hast also, während Du in Berlin gelebt hast, Deine ganze Zeit in die Nichtlustig-Sachen gesteckt?

JS: Ja, so ziemlich. Natürlich habe ich ab und an kleine Auftragssachen gemacht, die mich aber nicht wirklich über die Runden gebracht hätten. Da habe ich hauptsächlich noch von Mama und Papa gelebt.

 

CG: Du bist aber kein ausgebildeter Grafiker, oder?

JS: Nein, gar nicht. Alles, was ich kann, habe ich mir selber beigebracht. Bevor ich mit den Cartoons angefangen habe, wollte ich in den Filmbereich und habe mich da ausprobiert. Studieren wollte ich nie, weil ich genug von Theorie hatte. Ich wollte was machen, was ich präsentieren kann und was direkt seinen Einsatz findet, weswegen ich nie eine Ausbildung oder ein Studium gemacht habe.

 

CG: Funktioniert ja auch so ganz gut.

JS: Joah, das ging auch so, stimmt.

 

CG: Zu einem ganz anderen Thema: Als Du dieses Jahr im September im Urlaub warst, wurden auf Deiner Website diverse Gastbeitrage anderer Künstler gezeigt, die sich in irgendeiner Art und Weise mit Figuren aus Deinem Universum beschäftigt haben. Gab es Vorgaben?

JS: Eigentlich nicht. Ich habe nur darum gebeten, das bekannte quadratische Format zu benutzen, so dass in dieser Größe was erkennbar ist, und eine meiner Hauptfigurengruppen einzubinden, damit man sieht, dass es was mit Nichtlustig zu tun hat. „Ansonsten habt Ihr komplett freie Hand. Interpretiert bitte in Eurem Stil, damit er erhalten bleibt.“

 

CG: Wie viele Künstler kamen da zusammen?

JS: 17 oder 18, so um den Dreh. Ich habe mich auf Leute beschränkt, die ich schon mal persönlich kennengelernt habe und deren Arbeit ich mag. Da waren natürlich auch ein paar Leute dabei, die – wie schon angesprochen Ralf König – keine Zeit gefunden haben. Aber im Großen und Ganzen war ich überrascht darüber, wie viele Leute mitgemacht haben und wie unterschiedlich und schön die ganzen Ergebnisse waren.

 

CG: Du warst also sehr glücklich mit dem Ergebnis.

JS: Absolut! Immer, wenn wieder jemand was gemacht habe, habe ich mich total gefreut drüber. Natürlich geht das stilistisch und inhaltlich zum Teil enorm auseinander, was ich ja aber so haben wollte. Einige Sachen finde ich sehr witzig, andere Sachen gar nicht, aber es passt total zum Künstler. Deswegen fand ich das trotzdem gut. Total interessant, was da für eine Bandbreite zusammengekommen ist. Das ist für mich auch eine tolle Honorierung meiner Arbeit, weil viele Kollegen ganz was anderes machen. Reinhard Kleist (Cash – I see a Darkness, Havanna – Eine kubanische Reise, Castro) zum Beispiel, der mit Cartoons und Funny-Figuren wirklich null am Hut hat, aber der dann trotzdem anfängt, meine Lemminge zu zeichnen als Fidel Castro. Da habe ich mich so gefreut drüber, dass Reinhard so etwas macht für mich … Einfach schön, solche Kollegen zu haben.

 

CG: Wobei sich einige der Beiträge nur vollständig erschließen, wenn man die Arbeiten desjenigen kennt.

JS: Ja, das stimmt, das war aber auch Absicht so. Ich wollte ja nicht, dass die sich ihrem eigenen Stil komplett entfernen, um zugänglicher zu sein. Für mich war das ein Experiment als Aktion zum Zehnjährigen, das ich auch nicht wiederholen werde. Zum einen will ich das für mich, weil ich es ein bisschen als Geschenk an mich selbst betrachtet habe, Zeichnungen von anderen Leuten mit meinen Figuren zu sehen, und zum anderen dachte ich, dass es vielleicht auch für die Leute interessant ist, die Interesse haben, die Künstler, die ich gut finde, an sich ranzulassen und da reinzuschnuppern. Einige Leute haben das ja tatsächlich gemacht. Ich habe sehr viele Zusendungen bekommen von Lesern, die dadurch auf die Arbeit von Reinhard oder anderen aufmerksam geworden sind, aber auch viele Nachrichten von Leuten, die damit nichts anfangen konnten und sagten „langweilig, doof“. Gab’s alles.

 

CG: Wir hatten es ja in kleiner Runde auf Twitter, dass bei Facebook, wo Du momentan über unglaubliche 120.000 Fans hast, etliche rummotzten, dass dieser und jener Gastbeitrag „nun wirklich nicht lustig ist“ und Deine Rückkehr forderten. Das ist an der Gesamtzahl gemessen zwar verschwindend gering …

JS: Das darf man wirklich nie vergessen: Die Meckerer sind immer die, die am lautesten sind.

 

CG: Ich fand deren Lautstärke und Vehemenz trotzdem verstörend.

JS: Das ist etwas, womit man umgehen lernen muss. Ich fand es natürlich auch schade, dass es zum Teil so gebündelt kam bei manchen Beiträgen. Aber man merkte, dass es hauptsächlich eine Verständnislosigkeit war, die die Leute da haben. Es ist mir ganz klar, dass 90 % der Leute meine Cartoons lesen, um darüber zu lachen und nicht um in die weite Welt der Comiczeichner eingeführt zu werden oder sich groß damit beschäftigen, wer das eigentlich zeichnet und was er sich dabei gedacht hat. Ich glaube auch, dass relativ wenige Leute mein Blog lesen im Vergleich zu den Leuten, die nur die Cartoons anschauen. Und das ist auch in Ordnung. Es gibt andere Sachen, da gehe ich genauso damit um. Wenn ich einen Song höre, der mit gefällt, beschäftige ich mich nicht damit, wer den denn geschrieben hat und was das genau für eine Musikrichtung ist. Allerdings würde es mir auch nicht in den Sinn kommen, lautstark zu meckern, wenn mir etwas nicht gefällt. Das ist dann doch ein Phänomen, dass jemand die Zeit aufbringt, zu schreiben bei Sachen, die einem nicht gefallen. Ich ignoriere als Leser so etwas und sage mir, entweder wird es wieder besser oder eben nicht.

 

CG: Du siehst Dich dann auch nicht als Botschafter, der von anderen Zeichnern kündet.

JS: Nein, null. Ich bin kein Messias, der die Leute auf den Pfad der guten Comictugend bringt. Meine Aufgabe ist es zu unterhalten und das ist das, was ich machen will. Das ist auch das, was ich bei Nichtlustig kommuniziere; es ist eine Toonserie, die Humor als Schwerpunkt hat. Das ist bei den meisten Cartoonserien so. Es gibt natürlich ein paar andere, nachdenklichere Serien wie Flix mit seinen Heldentagen, aber ich mache ganz klar pointenorientierten Humor. Das ist der Grund, warum meine Sachen so populär sind: weil das sehr zugänglich ist. Ich kann nicht erwarten, dass Leute offen sind und plötzlich auch andere Sachen toll finden, denn sie gucken Nichtlustig wegen was anderem an. Was ich allerdings erwarten kann, ist, dass gerade in so einem Angebot höflich damit umgegangen wird. Es ist jedem frei gestellt, Sachen schlecht zu finden oder mit ihnen nichts anfangen zu können, aber gerade, wenn man sie kostenlos bekommt und ich das Gefühl habe, dass die Leute keinen Anspruch darauf haben können, ist es schon merkwürdig, wenn es so rüberkommt wie „ich erwarte das aber so und so“. Ich stelle meine Sachen kostenlos im Internet zur Verfügung, ebenso wie meine Kollegen dadurch, dass sie etwas für mich gemacht haben, und das ist eine Geste. Das ist für mich leider so ein Ausdruck dieser ganzen Dienstleistungsgesellschaft, dass Leute oftmals das Gefühl haben, dass alleine das Konsumieren von Inhalten wohl schon etwas Bewundernswertes ist. Konsumieren selber hat plötzlich einen Wert. Es wird ja immer gesagt „der Kunde ist König“ und „Fans sind das Wichtigste“. Das ist auch alles schön und gut, aber als Dienstleister, als Hersteller, als Verkäufer will ich auch mit Respekt behandelt werden. Das geht nicht nur in eine Richtung. Ich finde es schade, wenn Leute einem das Gefühl vermitteln wollen „ich habe ein Anrecht darauf, dass Du es so und so machst“. So sehe ich das einfach nicht.

Weil das jetzt so negativ klingt, muss ich dazu sagen, dass ich auch ganz tolle Mails von Leuten bekommen habe, die sich bedankt haben und nach den Gastcartoons fragen (weil ich sie momentan runtergenommen habe). Gleichzeitig habe ich aber auch Mails bekommen von Leuten, die geschrieben haben „Wenn das so weitergeht, melde ich mich vom Newsletter ab!“

 

CG: Da hast Du aber Angst bekommen, was?

JS: Ja, wenn ich dann geantwortet habe „Mach doch!“, dann hab ich als Reaktion erhalten „Aber jeder Fan ist doch wichtig!“ Nein, es ist nicht jeder Fan wichtig. Wie ich vorhin gesagt habe, ich mache das, was ich gut finde, und Gott sei Dank gibt es da draußen genug Leute, die das auch gut finden. Ihr könnt Euch gerne alles angucken, aber Ihr seid zu nichts verpflichtet. Genauso wenig, wie ich zu irgendetwas verpflichtet bin. Der gegenseitige Respekt zwischen Geber und Nehmer ist mir sehr wichtig. Aber wie Du schon gesagt hast, in der Masse an Leuten gibt es immer ein paar, die respektlos sind oder manchmal auch einfach Idioten. Das ist total schade, weil es auch mal unflätig wird. Aber das hast Du überall. Das ist nichts, wo ich mich fragen muss, hoppla, was hab ich denn für Fans. Du gehst in irgendeinen Arbeitsplatz rein, und Du hast immer 10 % Idioten. Das ist leider überall in der Welt so, egal, wo Du gerade bist.

 

CG: Gerade diese Anspruchshaltung, die Du erwähnt hast, kommt bei den kostenlosen Angeboten, sei es bei Cartoons, Comics, Musik, Kurzfilm etc., zum Teil sehr ausgeprägt rüber.

JS: Das ist eine allgemeine Haltung im Internet, weil dortige Inhalte von Anfang an kostenlos waren. Momentan ist ein gewisser Umschwung da. Es sickert ins Bewusstsein ein, dass bestimmte Inhalte nicht kostenlos produziert werden; irgendjemand sitzt da und macht das. Und ich glaube, es ist zusätzlich noch ein anderes Level, wenn Dinge eine bestimmte Popularität erreichen wie Nichtlustig, dann wird nicht mehr wahrgenommen, dass da jemand dran sitzt. Das ist einfach da, wie wenn man zu McDonalds geht und dort einen Burger kauft. Dann mecker ich über den neuen Burger, wenn er mir nicht schmeckt. Da verletze ich niemanden mit. Wenn ich irgendwo schreibe „Der Burger ist scheiße“, dann sitzt nicht irgendwo ein Hamburger-Bäcker und weint, weil er ganz viel Herzblut in diesen neuen Burger reingesteckt hat. [lacht] Aber bei ganz vielen Internetinhalten ist das halt so, dass da jemand sitzt, der sich viel Gedanken und Mühe gemacht hat. Und da finde ich es schade, wenn Leute gar nicht mehr nachdenken, sondern nur konsumieren und es entweder abwatschen oder okay finden.

 

CG: Die Kommentare auf Facebook waren Dir also nicht die Beachtung wert, dass Du Dich mal äußerst dazu …

JS: Nö, überhaupt nicht. Ich bin auch nicht dazu da, dass ich mich dazu melde. Das sind ja keine Haltungen, die nur gegenüber meinen Cartoons auftauchen. Und das andere: Gerade bei so einer Haltung, direkt zu posten, wenn man was schlecht findet – und Facebook ist ja ein Medium, das geradezu ermutigt, Dinge zu kommentieren und irgendwo draufzuklicken, um zu zeigen, dass mir was gefällt oder durch eine Zeile, dass mir was nicht gefällt –, wird es diesen Leuten egal sein, wenn ich jetzt anfange zu erklären, warum ich so eine Haltung nicht gut finde.

 

CG: Mir tat’s halt echt leid für die Künstler, die noch nicht so viel Erfolg haben wie Du und sich viel Mühe gegeben haben, dass die dann so ignorante Kommentare zu ihren Gastbeiträgen erhalten haben.

JS: Ja, mir auch. Deswegen habe ich auch allen Leuten, mit denen ich seitdem nochmal Kontakt hatte, erklärt, wie ich das sehe und dass sie sich durch das Feedback nicht die Sicht verblenden lassen dürfen. Trotzdem sind ja ganz viele Leute auf ihre Arbeit aufmerksam geworden und fanden die toll. Naomi Fearn hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie ganz viele positive Kommentare zu ihrem Cartoon bekommen hat und viele Leute auf ihre Seite gekommen sind. Und ich bin mir sicher, dass das bei jedem anderen Künstler auch der Fall war.

 

CG: Ja, wobei es natürlich Beiträge gab – wie eben von Naomi oder auch von Ingo Römling –, die gut ins Nichtlustig-Schema gepasst haben, weil es klassische Cartoons mit einer guten Pointe waren. Das passte dann in das Beuteschema Deiner Fans.

JS: Ja, es sind halt nicht alle gleich. Bei anderen, wie zum Beispiel Uli Oesterle, der eine wunderschöne Illustration gemacht hat, haben ganz viele Leute nicht verstanden, was das nun eigentlich soll. Kein Gag drin etc. Da darf man wirklich nicht zu viel auf die Kommentare geben. Diese Künstler machen nun mal keine Mainstreamsachen, und nur weil ich jetzt auf einmal sage, dass ich das das auf meiner Seite veröffentliche, finden nun nicht auf einmal alle Leute einen Zugang dazu. Und auch hier gab es Kommentare wie „Das würde ich mir sofort an die Wand hängen“, „Hector Umbra ist klasse“ und so weiter. Und auch wenn das weniger sind als solche, die durch die Gastbeiträge Zugang zu einem anderen Humoristen finden, dann war’s die Sache auch schon wert. Wenn man Sachen veröffentlicht, dann muss man aber einfach damit leben können, dass manche Leute nichts damit anfangen können oder dass man auf Unverständnis und Ignoranz stößt. Das war insgesamt eine hochinteressante Aktion für mich.

 

CG: Das hat auf jeden Fall die Augen geöffnet … Nochmal zu Deiner Popularität, diesmal im Fernsehen. Du warst ja schon zu Gast bei TV Total. Wenn ich mal in die Sendung reingucke, dann erscheint Stefan Raab immer als recht unvorbereitet, so auch bei Dir und Ralph Ruthe.

JS: Das stimmt. [lacht]

 

CG: Wie empfandest Du das als Gast? Fragt man sich dann nicht, ob sich der Moderator überhaupt auf seine Gäste vorbereitet?

JS: Gut, dass Du da direkt andockst, dass ist ein interessanter Vergleich. Das ist vielleicht in etwa so, was die Gastzeichner bei mir durchgemacht haben. Ich komm da halt rein und sehe das als eine super Plattform, um ganz, ganz viele Leute zu erreichen, die ich normalerweise niemals erreichen würde. Und auch, wenn Stefan Raab sich da jetzt nicht großartig vorbereitet – er hat einfach kein Interesse an Comics –, finde ich es trotzdem faszinierend, was der Mann gleichzeitig alles macht. Er komponiert, hat gerade Lena aufgebaut und produziert gleichzeitig seine ganzen Eventshows wie Schlag den Raab, Wok-WM etc. Ob man damit was anfangen kann, ist was ganz anderes, aber er ist unglaublich aktiv. Da ist es klar, dass für eine Show wie TV Total nur sehr kurze Briefings möglich sind. Auf der einen Seite gibt es dann Dinge, wo er zum Beispiel bei mir hätte nur kurz mal in Infos reingucken brauchen, aber auf der anderen Seite sind die meisten Leute, die vor dem Fernseher sitzen, in der gleichen Position wie er. Die haben noch nie von mir oder von Nichtlustig gehört. Und in dem Moment stellt er ganz konkret die Fragen, die die vielleicht auch haben. „Kannst Du davon leben?“, „Wie machst Du das mit dem Zeichnen?“ und so weiter. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir schon ganz schön nerdig in dieser ganzen Comicindustrie drinstecken, aber dass wir nur ein ganz kleiner Teil von Leuten sind, die sich damit beschäftigen. Vielleicht gibt es ja auch Leute, die irgendwann schon mal was von Nichtlustig gesehen haben, aber sich nie darüber Gedanken gemacht haben, dass das auch jemand zeichnet. Allein um diesen Punkt zu klären und mich vorzustellen, dafür ist das schon wunderbar. Dann kann man noch sein neues Buch in die Kamera halten, großartig.

 

CG: Den Ansatz, quasi stellvertretend die Fragen des Publikums zu stellen, finde ich an sich ja auch völlig in Ordnung. Was mich stört sind Dinge, bei denen man weiß, der hätte nur einmal was aufschlagen müssen, um die Antwort zu kennen. Und das finde ich dann respektlos den Gästen gegenüber.

JS: Ich habe selber gar keinen Fernseher, insofern weiß ich nicht, wie er sonst ist. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass TV Total noch okay läuft und die einzig lang laufende Late-Night-Show ist, die Deutschland noch hat. Der Raab hat aber vermutlich hauptsächlich Lust auf die ganzen Aktionen, die außerhalb von TV Total laufen. Bei der Grand-Prix-Sache mit Lena, da hatte ich wirklich das Gefühl, dass er mit Passion dabei ist. TV Total ist wohl – sowohl für ihn als auch für die Leute, die dorthin kommen – hauptsächlich ein Promotiontool für Events. Und so funktioniert’s auch. Da werden Künstler aufgebaut, da werden andere Events angekündigt, und für Leute wie mich, die einen kleinen Bekanntheitsgrad haben, ist es natürlich auch toll, sich dahinzusetzen. Raab ist immer respektvoll. Bei der Redaktion und bei ihm habe ich mich extrem gut aufgehoben gefühlt, gerade hinter der Bühne. Man hat schon die Möglichkeit zu sagen, ich will da drüber erzählen und dies und jenes machen. Und das wird einem auch zugestanden. Es ist also eine Plattform, die von Stefan Raab moderiert wird, aber bei der man selber entscheiden kann, worüber man reden will.

 

CG: Wie läuft das denn eigentlich – wurdest Du einfach angefragt?

JS: Da war es wohl so, dass Carlsen mit einer Presseagentur zusammenarbeitet, die viele Redaktionen anschreibt, gerade beim Erscheinen des neuen Buches und aufgrund des Jubiläums. Und da gibt es in vielen Redaktionen immer noch das Vorurteil „Der ist Comiczeichner, ist der überhaupt fernsehtauglich?“ Es erwartet ja nicht jeder so eine Rampensau wie mich. [lacht] Dann gibt es ein paar Promovideos, Interviewausschnitte und so etwas. In den meisten Fällen sind die Redakteure dann positiv angetan, dadurch entwickelt sich dann so etwas. Man darf ja auch nicht vergessen, dass die auch Leute brauchen. Es gibt in Deutschland nicht so viele wirkliche Stars, die man einladen könnte, deshalb müssen auch Leute wie ich herhalten.

 

CG: Du Armer … Ich hoffe, das klingt jetzt nicht blöd: Du machst einen freundlichen, aber auch professionellen Eindruck …

JS: Dankeschön!

 

CG: … Lernt man mit der Zeit, wie man mit Leuten umgeht, dass man sie nicht zu sehr an sich ranlässt und ihnen nicht zu viel erzählt?

JS: Ja, absolut.

 

CG: Ich hätte Angst, dass ich in Interviews zu viel ausplaudere und mich nachher ärgere.

JS: Ja, am Anfang ging mir das auch so. Da war das ja auch noch mehr verbunden mit meinem Privatleben. Da hatte ich manchmal das Gefühl, jeder, der sich für meine Arbeit interessiert, kann auch teil an meinem Leben haben. Mittlerweile kriege ich das, glaube ich, ganz gut hin, dass ich den Leuten das Gefühl gebe, dass ich absolut bereit bin, über meine Arbeit zu reden, natürlich auch über die persönlichen Aspekte, die mit der Arbeit zu tun haben, aber auf der anderen Seite kann ich auch sehr charmant erklären, über welche Bereiche ich nicht reden will, wenn ich das Gefühl habe, dass das nichts mit meiner Arbeit zu tun hat.

 

CG: Ich finde es bewundernswert, wie lange Du das in der Öffentlichkeit aufrecht erhalten kannst. Ich glaube, es gibt niemanden im Internet, der schreibt „Ich habe Joscha Sauer getroffen und der war total doof.“

JS: [lacht] Doch, am Ende der Buchmesse gab’s wohl wieder ein paar, die das sagen. Das ist leider so bei Signierstunden. Das würde sonst ja nie aufhören, wenn ich nicht irgendwann klar machen würde „So, das war jetzt wirklich der Letzte.“ Es gibt immer welche, die sagen „Aber ich bin gerade extra über die Autobahn gerast, nur um ein Autogramm zu bekommen.“ Und irgendwann ist es dann so, dass es leider nicht mehr geht.

 

CG: Pressearbeit und Signierstunden sind wohl dann schon ziemliche Routine geworden.

JS: Mittlerweile ja.

 

CG: Auf Deiner Website ist alles selbstgemacht und wird von der Nichtlustig GbR betrieben. Wer ist da dabei?

JS: Das sind ich und Matze Vogel, der seit 2001 die Internetseite für mich baut. Den habe ich darüber kennengelernt, dass er ursprünglich mit mir ein Flash-Spiel machen wollte. Daraus ist nie was geworden, aber er hat mir dann meine krude und ohne jegliche HTML-Kenntnisse mit Adobe GoLive zusammengezimmerte Website abgenommen. Über die Jahre sind wir sehr miteinander gewachsen. Es ist ein fantastisches Team mit einer sehr guten Dynamik entstanden. Matze hatte früher eine Webagentur. Über die Jahre wurde Nichtlustig immer größer und professioneller, und nachdem wir vor drei Jahren gesagt haben, wir machen den Shop wieder selbst, hat er seine Webagentur aufgegeben und seitdem machen wir Nichtlustig Vollzeit. Er sagte, wenn er sich richtig reinhängt, funktioniert das, und er hatte recht. Mittlerweile ist eine richtig gut funktionierende GbR entstanden mit einem großen Lager in Sondershausen und mittlerweile zwei Angestellten, die sich um das Packen, die Reklamationen etc. kümmern.

 

CG: Also kann Nichtlustig mittlerweile mehrere Mäuler ernähren? Das ist beeindruckend.

JS: Ich bin momentan auch mit einer größeren Lizenzagentur am Werkeln, um Nichtlustig im Merchandise-Bereich noch ein wenig mehr zu platzieren, weil es mein Wunsch ist, da noch mehr zu machen. Dann bin ich noch an ein paar anderen Baustellen dran, zum Beispiel im Computerspielebereich. Da wird sich mit Sicherheit noch einiges tun.

 

CG: Dir ist dann auch wichtig, alles selber in der Hand zu haben?

JS: Ja, absolut. Alle Rechte verbleiben bei mir. Niemand hat Narrenfreiheit, mit meinen Figuren oder unter der Marke Nichtlustig zu machen, was er will. Wann immer ich mit einer Firma kooperiere oder neue Verträge mache, ist immer eine Klausel drin, dass ich die letzte Entscheidung fälle und alles stoppen kann, wenn es nicht der Qualitätsstandard ist, der mir schmeckt.

 

CG: Deine Cartoons reisen quer übers Internet. Wenn ich’s richtig verstanden habe, hast Du weniger Probleme damit, wenn die Sachen bei Privatleuten auftauchen …

JS: Ja. Sobald aber jemand mit meiner Arbeit Geld verdient, sehe ich es nicht ein, da nicht einzugreifen.

 

CG: Das ist absolut verständlich. Ich frage wegen mancher Massenuploads von Fans.

JS: Das ist tatsächlich eine ganz seltsame Grauzone. Auch da arbeite ich gerade dran und es soll Anfang nächsten Jahres endlich passieren, dass auch das möglich ist, ohne dass es in eine rechtliche Grauzone rutscht. Das Problem sind einfach die Löcher im Internetrecht samt der Web-2.0-Auswüchse und der User Generated Content, was es unheimlich schwer macht zu beurteilen, was ein Copyright-Verstoß und was einfach von einem Fan hochgeladen ist. Unter diesem Deckmantel kann man sich natürlich wunderbar an Material im Internet bedienen und nachher einfach behaupten „Ach so, ja, das hat irgendjemand bei uns hochgeladen.“ Da bin ich sehr kompromisslos, weil ich finde, dass es die Aufgabe einer jeden Firma und jeden Seitenbetreibers ist, zu kontrollieren, dass die Sachen, die auf der Seite veröffentlicht werden, bestimmte Regeln einhalten. Und dazu gehört für mich auch, dass das Copyright gewahrt wird. Unbekanntere Künstler lassen sich da oft abspeisen mit „Hab Dich nicht so. Ist doch auch Werbung für Dich.“ Ich könnte jedes Mal um mich schlagen, wenn ich das höre. Diese Aussage ist natürlich Quatsch, weil dieses Vorgehen niemals aufhört. Wenn ich in einem Supermarkt was klaue und meinen Freunden erzähle, dass der Kram super schmeckt, den ich da geklaut habe, dann ist das doch auch Werbung für diese Firma?! Also, ich achte sehr darauf, wo meine Cartoons landen und dass sie nur in einem Umfeld stehen, in dem ich sie auch stehen sehen will. Und damit bin ich bisher auch gut gefahren.

 

CG: Abschließend: Der fünfte Nichtlustig-Band ist gerade fertig, sitzt Du sofort am Inhalt für den nächsten?

JS: Na, nicht direkt. Bei mir ist es so, dass sich die Bände zum größten Teil mit Cartoons füllen, die ich im Internet veröffentliche. Deswegen werde ich natürlich an der Internetseite arbeiten und ich hab auch schon ein paar Ideen für das nächste Buch, aber wichtiger sind für mich gerade andere Projekte. Und oftmals brauchen ja gerade Sachen, die komplett in anderen Medien stattfinden, erstmal eine sehr lange Anlaufzeit. Ich plane zum Beispiel, für das iPhone mehrere Apps zu machen mit Nichtlustig-Spielen. Weil ich Sachen ja immer perfekt haben will und eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie sie sein sollen, verschieben sie sich immer wieder. Sie kommen wirklich erst dann raus, wenn ich sie gut finde. Dadurch hat man dann einfach mal ein Produkt, das anderthalb Jahre braucht, bis man wirklich soweit ist und sagt „So, jetzt können wir es herstellen lassen.“ Es laufen bei mir auch immer ganz viele Sachen nebenher, bei denen man nach außen gar nicht unbedingt merkt, dass ich arbeite. Auch wenn ich mal nicht dazu komme, einen Cartoon zu machen, hat das meistens den Grund, dass ich gerade auf einer anderen Baustelle am Werkeln bin, von denen man erst in einem Jahr was mitkriegt. Oder vielleicht wird auch gar nichts draus. Das ist aber für mich das Reizvolle: dass ich nicht hinter dem Schreibtisch klebe, sondern viel mit anderen Leuten arbeiten und mich in vielen verschiedenen Bereichen ausprobieren kann.

 

CG: Und das hast Du Dir ja selber erarbeitet – dass Du Dir Dein Leben einrichten kannst und das machen kannst, was Dir Spaß macht. Das können wohl die wenigsten Leute von sich behaupten – gerade im Comicbereich ist das in Deutschland ja sehr überschaubar.

JS: Vielen Dank für das Kompliment. Diesen Balanceakt zu schaffen, ist für mich tatsächlich das Schwerste, weil ich finde, dass es ja doch mehrere Jobs sind, die hier zusammenkommen. Diese ganze Verwaltungssache, die unglaublich viel Zeit in Anspruch nimmt, dann noch wirklich mit vielen Leuten zusammenzuarbeiten … Der Balanceakt zwischen Geschäft und Kreativität ist sehr schwierig, weil das zwei Sachen sind, die erstmal konträr zueinander stehen, aber ich finde beide sehr reizvoll. Für mich ist es interessant, Verträge zu verhandeln und zu schauen, was passiert mit meinen Sachen und wie kann man sie vermarkten. Ich finde es schade, dass „Vermarktung“ in Deutschland so einen negativen Beigeschmack hat. Oder Dinge verkaufen. Das ist überhaupt nichts Verwerfliches in dem Moment, in dem man das Gefühl hat, man bietet gute Qualität an. Man achtet darauf, dass man keinen Ausverkauf macht. Das ist mir halt immens wichtig – dass alles, was raus kommt, den Geist von Nichtlustig atmet.

 

CG: Dann habe ich soweit meine Themen abgearbeitet und bedanke mich sehr herzlich für Deine Antworten! Noch eine kurze Frage: Dir haben bestimmt schon viele Leute erzählt, dass Lemminge gar nicht freiwillig in Massen über Klippen springen, oder?

JS: [lacht] Ja, das habe ich schon öfter gehört, dass die einfach runtergeschubst wurden. Aber was für ein großartiger Mythos dadurch entstanden ist, oder?

 

CG: Stimmt. Aber irgendwie tun sie einem auch leid. Das war ja schon ziemlich gemein. 😉

JS: Ich bin den Tierfilmern jedenfalls dankbar. [lacht]

 

Fotos © Tom Eickelau/Comicgate, Screenshots von tvtotal.prosieben.de, alle anderen Abbildungen © Joscha Sauer

Eco Warriors 1 – Orang-Utan

Hier liegt mal wieder ein richtig gelungenes Cover vor. Es ist sehr stimmungsvoll und passend zum Inhalt. Beherrscht wird es von grimmig aussehenden, schwer bewaffneten Männern, welche eine zierliche junge Frau schon fast aus dem Bild drängen. Diese lächelt geheimnisvoll und steht ziemlich unbeeindruckt und entspannt gegenüber diesen waffenstarrenden Machos. Und wer genau hinsieht, kann entdecken, dass sie auf dem Mittelfinger der hinter dem Rücken gehaltenen Hand einen Schmetterling balanciert. Äußerste Zartheit und Zerbrechlichkeit steht einer geballten destruktiven Kraft gegenüber. Ein hervorragendes Titelbild, welches sehr gut die bedrohliche, aber auch zarte und heitere Stimmung des Bandes trifft.

Worum es in Eco Warriors 1 eigentlich genau geht, ist gar nicht so einfach zu sagen. Ein junger, recht unbedarfter Mann kommt in den Dschungel, um dort eine Station wieder aufzubauen, die es gefangenen Orang-Utans wieder ermöglichen soll, in freier Wildbahn zu leben. Eine geheimnisvolle, schöne junge Frau bringt ihn fast um den Verstand, eine merkwürdige Phiole weckt die Interessen verschiedener Gruppen, und Rebellen laufen auch im Dschungel umher. Worum es eigentlich hier geht? Keine Ahnung. Der Leser wird ziemlich im Dunkeln, oder besser: im Dickicht, gehalten.

Selbst das Genre ist nicht zu bestimmen. Ist es ein Politthriller? Kommt noch viel Action? Ist es gar Science-Fiction? Wer Richard Marazanos gelungene Serie Der Schimpansenkomplex (oh, schon wieder Affen!) kennt, könnte das vermuten. Aber hier wird nichts richtig geklärt. Es gibt jedoch genügend Andeutungen und verdeckte Hintergründe, welche den Leser gespannt auf den nächsten Band werden warten lassen. Und das, obwohl hier im Grunde nichts passiert. Das spricht aber auch wieder für den Autor, denn Marazano gelingt es, Dramatik, Liebe, Humor und eine Ökobotschaft leichtfüßig zu verbinden. Niemals wird der moralische Zeigefinger erhoben, die Dynamik zwischen den Hauptpersonen ist spannend, und der Leser fragt sich, ob das Begehren des verliebten Schweines erhört werden wird. Denn dass sich hier ein Schwein in einen Menschen verliebt, ist ein kleiner Geniestreich. Ja, die Tierliebe …

Aber auch die Zeichnungen wissen zu fesseln. Chris Lamquet gestaltet sie sehr naturalistisch und detailliert, so dass sich der Leser absolut in den Dschungel versetzen kann. Auch die Farbgebung ist hervorragend und zieht den Leser in das Setting. Dabei stehen die Zeichnungen nicht allein im Dienste der Story, sondern glänzen auch mit hervorragenden Einfällen. Während sich der Held etwa an Erzählungen erinnert, werden diese im Bild gezeigt und das Gesicht und der Körper des Helden wird in den Hintergründen und am Rand mit eingebettet. Eher schwach sind dagegen die Gesichter der Affen, die nicht immer richtig getroffen sind.

 

Wertung7 von 10 Punkten

Durch eine gute Themenmischung und hervorragende Zeichnungen sehr lesenswert. Mit Luft nach oben, abhängig davon, wohin sich die Geschichte entwickeln wird.

 

Eco Warriors 1 – Orang-Utan
Splitter Verlag, Dezember 2010
Text: Richard Marazano
Zeichnungen: Chris Lamquet
Seiten, farbig, Hardcover
Preis 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-236-5
Leseprobe 

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Abbildungen © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag


Hatter M 1 & 2 (US)

Hatter M – Looking Glass Wars„Schlagt ihnen die Köpfe ab!“ Wenn die Herzkönigin aus Leibeskräften schreit, geht es um Kopf und Kragen. Alice zeigt sich wenig beeindruckt. So ist sie eben, die Herzkönigin. In Frank Beddors Version der Geschichte von Lewis Caroll schreit die Herzkönigin auch herum. Aber bei ihm ist das keine Satire auf das englische Königshaus, sondern eine todernste Angelegenheit. Denn die Herzkönigin will über das Wunderland herrschen.

Im Prinzip nimmt Beddors Handlung an dieser Stelle ihren Anfang. Er spielt ein bekanntes Erzählspiel. Die Realität und ein Fantasy-Reich (hier: das Wunderland) werden gegeneinander gesetzt und mittels einiger markanter Figuren gegeneinander ausgespielt. Traumhaft ist das Ganze gar nicht mehr, sondern dunkel, grausam und von Machtstrukturen durchdrungen.

Die beiden Graphic Novels von Frank Beddor sind auf seine Romane gefolgt, die mit The Looking Glass Wars (LGW) überschrieben sind und in den USA mehrere Wochen auf der New York Times-Bestsellerliste standen. Eine dritte Graphic Novel ist kürzlich erschienen und eine vierte ist in Planung. Die Graphic Novels bringen neuen Inhalt und ergänzen seine Romane.

Erzählt wird die Geschichte von Hatter Madigan, dem Leibwächter der königlichen Familie, der in den Romanen eher eine Nebenfigur war. Mit seinem literarischen Vorbild aus dem 19. Jahrhundert hat er nicht mehr viel gemeinsam. Hatter Madigan ist nicht verrückt und auch kein Hutmacher, vielmehr ist er ein Elitesoldat, bewaffnet mit allerlei wirbelnden Klingen und einem todbringenden Zylinder. Als Redd Heart (Beddors aktualisierte Version der Herzkönigin) zusammen mit der Grinsekatze die Herrschaft in Wunderland an sich reißt, flieht er mit der rechtmäßigen Thronfolgerin Alyss in die Welt der Menschen. Dort werden sie getrennt und Hatter Madigan verliert die Prinzessin aus den Augen. Auf der Suche nach Alyss führt ihn sein Weg durch das London des späten 19. Jahrhunderts, durch unheimliche Waisenhäuser, in Vampir-Gesellschaften und hinein in den amerikanischen Bürgerkrieg.

Wenn man sich die Kurzbiographie von Frank Beddor zu Gemüte führt und über die Websites klickt, die es inzwischen zu Hatter M und The Looking Glass Wars gibt (siehe Links am Ende dieser Rezension), kann man skeptisch werden. Was steht da? Frank Beddor arbeitet als Filmproduzent (u.a. Verrückt nach Mary)? Er ist Schauspieler? Und er ist professioneller Freestyle-Skifahrer? In diesem Lichte betrachtet könnten seine Graphic Novels nichts weiter als aufgeblasene Marketing-Monster sein, um den Verkauf von Romanen und Filmrechten anzukurbeln. Man nehme ein paar alte und bekannte Figuren, modelliere sie um, bis sie im Arcade-Action-Stil glänzen – und die Rauferei kann beginnen! Aber: Gute Vermarktung muss ja nicht automatisch auf einen schlechten Comic hindeuten. Und Frank Beddors Karriere als Produzent, Schauspieler und Skifahrer scheint beendet zu sein. Er konzentriert sich heute wohl auf das Schreiben, könnte es also durchaus ernst mit seinen Fantasy-Geschichten meinen. Hinzu kommt, dass Ben Templesmith als Zeichner für die erste Graphic Novel gewonnen werden konnte, der spätestens seit 30 Days of Night auch hierzulande kein Unbekannter mehr ist. Und: 2007 wurde Hatter M für den Eisner Award nominiert.

Um es kurz zu machen: Hatter M zu lesen, macht Spaß. Man braucht einen Moment, um sich an den Zeichenstil zu gewöhnen, der eigenwillig, der Atmosphäre aber sehr zuträglich ist. An Tiefgang und Satire mangelt es ein bisschen, aber das macht nichts. Hatter M ist gute Fantasy-Unterhaltung, verdunkelt mit einem Schuss Horror, komplex und gut recherchiert. Wer Bill Willinghams Serie Fables oder Neil Gaimans Sandman mag, wird auch an Hatter M seine Freude haben.

 

Gute, dunkle Fantasy mit altbekannten Motiven

Wertung: 7 von 10 Punkten

 

Hatter M 1: The Looking Glass Wars
Automatic Pictures Publishing, 2007
Text: Frank Beddor, Liv Cavalier
Zeichnungen: Ben Templesmith
176 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 14,95 US-Dollar
ISBN: 9780981873701

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Hatter M 2: Mad with Wonder
Automatic Pictures Publishing, 2009
Text: Frank Beddor, Liv Cavalier
Zeichnungen: Sami Makkonen
208 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 14,95 US-Dollar
ISBN: 9780981873725

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links

www.lookingglasswars.com
www.hatterm.com
www.cardsoldierwars.com
www.templesmith.com

Abbildungen © Automatic Pictures

Tim und Struppi und das Geheimnis der Literatur

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altMan sollte meinen, über manche Dinge sei alles gesagt, was man darüber sagen kann. Zum Beispiel über Tim und Struppi. Hergés berühmte Abenteuerserie gilt gemeinhin als der Beginn der europäischen Comic-Tradition und wurde bereits vielfach untersucht und betrachtet. Dem fügt jetzt der Brite Tom McCarthy eine neue Lesart hinzu.

Der in Oxford studierte Anglist, selbst Autor fiktionaler Werke, stellt im ersten Kapitel seines jetzt auf Deutsch erschienenen Buches Tim und Struppi und das Geheimnis der Literatur die Frage: Handelt es sich bei Tim und Struppi um Literatur? Wenn man so beginnt, ist die nachfolgende Frage absehbar: Was ist eigentlich Literatur? Was macht etwas Geschriebenes „literarisch“?

Dass es sich bei Tim und Struppi um Literatur handelt, ist für McCarthy schnell entschieden. Die Frage ist ohnehin banal. In seinem Buch versucht er darzulegen, warum er dieser Ansicht ist. Man könnte auch sagen: Sein vordergründiges Anliegen ist es, dem Leser Tim und Struppi zu erklären, sein hintergründiges, ihm Literatur zu erklären. Seine stets wiederkehrenden Fragen: Wie funktioniert Literatur? Und exemplarisch: Wie funktioniert Tim und Struppi?

Um Antworten auf diese Fragen zu geben, stellt er sich auf die Schultern anderer großer Denker. Jacques Derrida und Roland Barthes spielen eine große Rolle bei McCarthys Deutungsansatz. Als Vergleichswerk zieht er immer wieder die Novelle Sarrasine von Honoré de Balzac heran, von der er ausgeht, dass Hergé sie gelesen und vielfach in Tim und Struppi verarbeitet hat.

McCarthys Buch gliedert sich in sieben Kapitel, die jeweils wiederum in drei oder vier Absätze unterteilt sind. In jedem Kapitel setzt der Autor einen anderen Schwerpunkt, legt sein Augenmerk auf ein anderes Detail aus dem Tim und Struppi-Universum. Die Biographie von Hergé und die historischen Umstände, unter denen die Geschichten entstanden, spielen zwar mit in die Betrachtung hinein, sind aber nicht ihr Ausgangspunkt. Im Wesentlichen untersucht McCarthy wiederkehrende Motive und versucht sie zu deuten. Die Motivdichte, die er herausarbeitet, bezeichnet er eingangs als „riesiges symbolisches Register“ und „eine erstaunlich reiche Quelle“. Obwohl er stets alle Tim und Struppi-Alben im Blick hat, scheint er ein besonderes Augenmerk auf Die Juwelen der Sängerin und einige andere gelegt zu haben.

Geld und Falschgeld, Juwelen, das Rauchen, der Wahnsinn, Zeichen und Stimmen, Gräber und die Sonne – alles wiederkehrende Motive aus Tim und Struppi, die McCarthy in einen gewaltigen Bedeutungsrahmen einsortiert. Damit McCarthys Analyse möglich ist, müssen zwei Grundannahmen gelten. Erstens: Hergé setzte sich in Tim und Struppi bewusst, aber nicht auf den ersten Blick erkennbar, mit Grundfragen der abendländischen Kultur auseinander. Zweitens: Die Tim und Struppi-Alben sind als ein abgerundetes Gesamtwerk zu verstehen. Wenn man diesem Pfad folgen möchte (und McCarthy belegt glaubwürdig und extrem fachkundig), dann gelangt man zu einer sehr freien, sehr geistreichen und sehr weitgefassten Betrachtungsweise von Literatur im Allgemeinen und von Tim und Struppi im Besonderen.

Ob man McCarthy auf wirklich jedem seiner Schritte folgen mag, sei hier bezweifelt. Vieles muss man einfach glauben. Doch auch mit dem Zweifel im Gepäck ist es erstaunlich, wie viele Belege der Autor im Werk aufzuzeigen weiß, um seiner Sache eine Grundlage zu geben. Der stete Unterton „Ich bin der Sehende, ihr die Blinden“ ist zwar manchmal ein wenig störend. Was außerdem zu bemängeln ist, aber wahrscheinlich mit den anfallenden Lizenzgebühren erklärt werden kann, ist das Nicht-Vorhandensein einer einzigen Abbildung im gesamten Buch. Insgesamt ist Tim und Struppi und das Geheimnis der Literatur jedoch fabelhaft zu lesen, keine leichte Strandlektüre, und dennoch so klar, unterhaltsam und verständlich, dass man auch als Laie eine Chance hat hineinzufinden. Andreas Leopold Hofbauer hat als Übersetzer sehr gute Arbeit geleistet, ebenso der Verlag mit Fadenheftung und mattem Hardcover-Einband. Ein gutes Buch, ein wichtiges Buch, ein souveräner und ernsthafter Ansatz, Comic-Literatur zu betrachten.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Souveräner und ernsthafter Ansatz, Comic-Literatur zu betrachten

 

Tim und Struppi und das Geheimnis der Literatur
Blumenbar Verlag, August 2010
Autor: Tom McCarthy
256 Seiten,  Hardcover
Preis: 18,90 Euro
ISBN: 978-3-936738-61-2

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Frisch aus der Druckerei: November 2010

HIGHLIGHT DES MONATS

In der Reihe Le Spirou de… wird wechselnden Autoren und Zeichnern eine Plattform gegeben, auf der sie ihre eigenen, ganz persönlichen Spirou und Fantasio-Geschichten erzählen können, die dann auch mal von der etablierten Seriennorm abweichen dürfen. Unter diesem Label gab es zuletzt die zur Nazizeit spielende Geschichte „Operation Fledermaus“ von Schwartz und Yann sowie das großartige „Porträt eines Helden als junger Tor“ von Emile Bravo. Nun widmet sich Tausendsassa Lewis Trondheim dem berühmten Comicduo und schickt es auf einen Luxusdampfer. Die Zeichnungen kommen von Fabrice Parme, der mit Trondheim zusammen schon den Roi Catastrophe gemacht hat. In Deutschland veröffentlicht Carlsen das Album als elften Band der Reihe Spirou & Fantasio Spezial: Panik im Atlantik. Hier gibt es eine französische Leseprobe, außerdem produzierte der Dupuis-Verlag diesen hübschen Trailer:

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EIGENPRODUKTIONEN

Der November brachte keine großen, im Feuilleton oder Kulturfernsehen präsentierten Comicromane aus Deutschland, stattdessen gab es einen Germanga und einige überraschende Neuerscheinungen aus kleinen und kleinsten Verlagen:

EMA präsentiert den ersten langen Manga der in Duisburg lebenden Zeichnerin Christina Bäumerich: Snow Flake ist eine romantische Boys-Love-Geschichte, die an Weihnachten spielt. Dazu hat der Verlag eine Spezialseite gebaut, die neben einer Leseprobe und einem Gewinnspiel auch einen Videotrailer enthält.

Der Oberhausener Zeichner Steff Murschetz betreibt seit ein paar Monaten die Plattform undergroundcomix.de, die dem Geist der alten Fanzines huldigt, Nachwuchstalenten ein Forum bietet und Zeichenkurse als Videos bereitstellt. Dort entstand als Gemeinschaftsprojekt die dicke Anthologie Weihnachts Horror Comix, die auf 400 Seiten zahlreiche Kurzgeschichten verschiedener Künstler enthält. Auf der PPM-Website gibt es ein ausführliches Interview mit Steff Murschetz zu diesem Projekt und eine Leseprobe. Für Comicgate hat Jons Marek Schiemann den Band besprochen.

Hauptmann Veit heißt ein historischer Abenteuercomic, den der Zeichner Lutz Nosofsky alias Nofi im Eigenverlag herausgibt. Die Geschichte spielt zur Reformationszeit in Deutschland und orientiert sich an historischen Fakten. Ausführliche Infos und Probeseiten zu diesem Projekt, das auf zehn bis zwölf Bände angelegt ist, stehen unter hauptmann-veit.de.

Karl Nagel, Punk-Urgestein und Gründer der Alligator Farm, hatte sich nach seinem Projekt Die oder wir! erstmal von den Comics verabschiedet und widmet sich inzwischen vor allem der Musik. Mit seiner Band Kein Hass da spielt er Coverversionen der Hardcore- und Reggae-Band Bad Brains mit deutschen Texten. Begleitend zum ersten Album Hirntrafo erschien bei der Alligator Farm ein gleichnamiges Album. Darin setzen diverse Zeichner, darunter Vincent Burmeister, Till Felix und Nagel selbst, die Songtexte in Form von Comics oder grafischen Collagen um. Infos und Kostproben unter keinhassda.de.

Der Bonner Zeichner Björn Hammel zeichnet seit 2006 den Comicstrip Kater + Köpcke, der online auf seiner eigenen Seite und auf kultur-in-bonn.de zu sehen ist. Nun gibt es einen ersten Sammelband mit 56 Strips zu kaufen, dessen Vorwort von keinem geringeren als Nicolas Mahler stammt.

Noch ein Nachtrag zu einer Veröffentlichung, die schon seit September auf dem Markt ist: 27 österreichische Comiczeichner aus dem Umfeld von Walter Fröhlichs Kriminal Journal haben ein Comic-Kochbuch zusammengestellt. Unter dem Titel Essen wie im Häfn stellen die Zeichner ihre Lieblingskochrezepte vor und zeichnen einen Comic dazu. Das Buch erschien im Wiener Milena Verlag, der mit dem schönen Slogan „Heftige Bücher für heftige Menschen“ wirbt. Einige Probeseiten sind hier zu sehen.

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Gut ein Jahr nach dem Kleinen Rockbuch erscheint bei Carlsen eine weiteres Stück grafischer Musik-Geschichtsschreibung aus der Feder von Hervé Bourhis. Diesmal widmet er sich nicht der kompletten Rockmusik-Geschichte, sondern konzentriert sich auf jene Band, die diese wie kaum eine andere geprägt und mitbestimmt hat. Das kleine Beatles-Buch folgt dem gleichen Prinzip wie der Vorgänger, wie man in der französischen Leseprobe sehen kann: keine geschlossene biografische Erzählung, stattdessen ein eher lockeres Nebeneinanderstellen von Bildern, Fakten und Anekdoten.

Der Szenarist Éric Corbeyran begegnet dem Comicleser zur Zeit recht häufig, und zwar in recht verschiedenen Kontexten: Er adaptierte Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung und steuerte einen Band zum XIII-Spin-Off XIII Mystery bei (frisch bei Carlsen erschienen). Beim Splitter Verlag startete nun seine neue Science-Fiction-Reihe Metronom, die in einem totalitären Zukunftsstaat spielt. Die ausführliche Leseprobe steht hier.

Arctica heißt die neue Serie von Daniel Pecqueur (Golden City), die bei Bunte Dimensionen herauskommt und ein Genremix aus Fliegercomic, Science-Fiction und Mystery zu sein scheint (Leseprobe).

Bei Salleck Publications gab es zwei Serien-Neustarts im November: Malgré nous – Gegen unseren Willen beschäftigt sich mit der deutsch-französischen Geschichte: Der Comic spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs im Elsass, sein Titel bezieht sich auf die Bezeichnung für Elsässer und Lothringer, die gegen ihren Willen in die deutsche Wehrmacht eingezogen wurden. Eine Probeseite auf Französisch ist hier zu sehen.

Ganz anders gelagert ist die Reihe Margots Reportagen. Hier stehen Oldtimer im Mittelpunkt, im ersten Band geht es um „Das Geheimnis des 22 CV“, besser bekannt als Citroën Traction Avant. Protagonistin Margot ist die Sekretärin einer Autozeitschrift in den 50er Jahren, es geht also bewusst klassisch und nostalgisch zu, wie man auch auf den französischen Vorschauseiten sehen kann.

Die Zack Edition bringt eine vierteilige Albenreihe des Italieniers Stafano Casini, die im Kuba der 50er Jahre, also in der Zeit vor der von Fidel Castro angeführten Revolution, spielt: Hasta la Victoria. Der Zeichner hat dazu eine schicke Website gebaut.

Nach den voluminösen Gesamtausgaben von John Difool bringt Ehapa nun auch Alexandro Jodorowskys Fortsetzung Die Techno-Väter in einem dicken und überformatigen Prachtband auf den Markt, der alle acht Alben enthält, die in Deutschland erstmals zwischen 1999 und 2007 erschienen. Hier eine Leseprobe als PDF.

Mit seiner ziemlich expliziten Science-Fiction-Erotik-Saga Morbus Gravis ist der Italiener Paolo Serpieri in den 80er und 90er Jahren berühmt geworden. Schreiber & Leser veröffentlicht nun eine Neuausgabe als Serpieri Collection: Druuna, bei der jeweils ein Band zwei Originalalben enthält. Hier eine jugendfreie Leseprobe.

AUS DEN USA

Die Comicveteranen Ernie Colon und Sid Jacobson, die vor ein paar Jahren den 11. September 2001 in einem dokumentarischen Comic aufbereitet haben, legen bei Carlsen Anne Frank – Eine grafische Biografie vor. Der Comic entstand in enger Abstimmung mit dem Anne Frank Haus in Amsterdam und ist keine Comicversion der berühmten Tagebücher, sondern will die komplette Lebensgeschichte der Anne Frank von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod erzählen. Auf den ersten Blick (hier zwei Vorschauseiten) wirkt das etwas arg steif und didaktisch, richtet sich aber auch eher an Leute, die sonst kaum Comics lesen.

Vor 16 Jahren, als Alt-Hardrocker Alice Cooper noch keine Golfbücher schrieb und noch nicht mit Bill Kaulitz in Werbespots für Elektro-Supermärkte auftrat, war er möglicherweise noch cool. Er veröffentlichte damals das Konzeptalbum The Last Temptation, das von einem kleinen Jungen handelt, der vom Direktor eines fahrenden Theaters zum Mitreisen eingeladen wird. Gleichzeitig erschien bei Marvel eine begleitende Miniserie, die den Plot als Comic erzählt. Der Comic wäre heute vermutlich vergessen, wäre er nicht von Neil Gaiman geschrieben worden. Panini bringt den Comic, der damals auch schonmal auf Deutsch bei Feest erschien, im Rahmen der „Neil Gaiman Bibliothek“ als Hardcover unter dem Titel Alice Cooper – Die letzte Versuchung neu heraus (15 Seiten Leseprobe bei myComics).

Leah Moore, Tochter von Alan Moore, versucht gemeinsam mit ihrem Ehemann John Reppion in die übergroßen Fußstapfen ihres Vaters zu treten und schreibt Comicszenarien. Eines davon ist die Adaption von Bram Stokers Horrorklassiker Dracula, gezeichnet von Colton Worley, die nun bei Panini auf Deutsch erscheint und sich wohl sehr eng an die berühmte Vorlage anlehnt. Eine umfangreiche Leseprobe ist bei myComics verfügbar.

Bereits auf zweimal auf Comicgate besprochen (hier und hier) wurde FreakAngels, die Webcomic-Serie von Warren Ellis und Paul Duffield, die sich um eine Gruppe von sonderbegabten Jugendlichen dreht und in London nach einer großen Flut spielt. Auf myComics gibt es die deutsche Fassung des Webcomics – wer lieber gedruckt liest, findet nun einen ersten Sammelband bei Panini.

Beim DC-Label Vertigo erscheinen nicht mehr die ganz großen Bestseller wie Preacher, Sandman oder Transmetropolitan, aber immer noch eine ganze Menge sehr gute Serien jenseits der Superheldenschiene. Leider wissen zu wenig Leser davon, weshalb man in den USA mit Vertigo First Cut und Vertigo First Taste zwei Schnupperbücher produzierte, die für nur 5 Dollar eine Auswahl von #1-Ausgaben diverser Vertigo-Serien nachdruckte. Panini vereint nun eine Auswahl aus diesen zwei Büchern zum Großen Vertigo-Buch. Für 9,99 Euro kann man in zehn verschiedene Serien reinschnuppern, u.a. Fables, 100 Bullets, Y – The Last Man und DMZ. Wer sich schon immer mal in diese Ecke der Comicwelt wagen wollte, aber nie wusste, wo er anfangen soll, liegt hier genau richtig.

Nicht in diesem Band enthalten ist eine der jüngeren Vertigo-Reihen, die in den USA seit März 2010 läuft: American Vampire von Scott Snyder und Rafael Albuquerque mixt Western- mit Vampir-Motiven und glänzt mit einem prominenten Namen auf den Covern, denn Superstar Stephen King hat eine Zweitgeschichte zu den ersten fünf Heften der Serie beigesteuert (hier unsere Rezension zur amerikanischen #1-Ausgabe). Jene fünf Hefte gibt es nun als Sammelband bei Panini (myComics-Leseprobe).

Es gibt wohl kaum eine Storyline, die unter langjährigen Spider-Man-Fans für mehr Aufruhr gesorgt hat als die sogenannte Klon-Saga, die in den 90er Jahren über mehrere Jahre lief, zunächst sehr populär war, später aber im Chaos endete. Das ganze Drama lässt sich in der Wikipedia nachlesen. Während in der laufenden Spider-Man-Serie diese Story längst vergessen und überholt ist, durften Howard Mackie und Tom DeFalco, die damals beteiligt waren, im Rahmen einer Miniserie die Klon-Saga noch einmal erzählen, in einer komprimierten, aufgeräumten Version, so wie es angeblich ursrpünglich geplant war. Diesen „Writer’s Cut“ gibt es nun auch auf Deutsch in 100% Marvel 52: Spider-Man – Die wahre Klon-Saga (myComics-Leseprobe).

Das vorläufig letzte große Marvel-Event, das sich über das ganze Superhelden-Universum des Verlags erstreckt, erschien Anfang des Jahres in den USA und kommt nun auch zu uns. In The Siege – Die Belagerung macht sich Norman Osborn, der seit Dark Reign der mächtigste Mann im Marvel-Universum ist, an die Götterstadt Asgard heran. Das Crossover zieht sich durch diverse Marvel-Serien, die Kernserie von Brian Bendis und Olivier Coipel erscheint bei Panini in Form von vier Prestige-Heften. Der Großteil der ersten Ausgabe ist bei myComics verfügbar.

Ein Superheldenklassiker, auf Deutsch erstmals 1999/2000 bei Ehapa erschienen, wird bei Panini noch einmal neu in einem dicken Sammelband aufgelegt: Batman: Das lange Halloween von Jeph Loeb und Tim Sale führt Batman in 13 Teilen mit seinen bekanntesten Kontrahenten zusammen und eignet sich hervorragend für Einsteiger, die den Dunklen Ritter und seine Schurken kennenlernen möchten. Tim Sales spezieller Strich und die Struktur der Geschichte machen Das lange Halloween auch heute noch zu einem besonderen Comic, der aus der Masse der Superheldenware deutlich hervorsticht. Bei myComics gibt’s die ersten 13 Seiten zu lesen.

Dass der kleine Graphic-Novel-Boom auch zu recht kuriosen Ergebnissen führen kann, zeigt das folgende Beispiel: Der Ansata Verlag, in der Random-House-Gruppe zuständig für „Offene Spiritualität und esoterisches Lebenswissen“ bringt eine „Graphic Novel“ namens Der friedvolle Krieger. Die basiert auf einem gleichnamigen Bestseller von Dan Millman, einem Sportler, der durch Yoga und Kampfkunst zur Erleuchtung fand und dies nun in Vorträgen, Büchern und Motivationskursen an die zahlungswillige Kundschaft weitergibt. Eine Leseprobe der amerikanischen Originalfassung ist bei Amazon zu sehen.

AUS ASIEN

EMA bringt mit Abara einen Zweiteiler von Tsutomu Nihei, der schon mit Blame! und Biomega sehr erfolgreich war. Düstere Science-Fiction mit Horrorelementen, transportiert durch sehr detailreiche Zeichnungen. Hier eine Leseprobe als PDF.

magatsuhi.com heißt ein dreiteiliger Horrormanga von Issei Mori und Soda Inui (ebenfalls bei EMA), dessen Plot ein wenig an die Final Destination-Filme erinnert: Eine Website prophezeit Todesfälle und ein Schüler versucht sie zu verhindern. Die namensgebende Website existiert übrigens wirklich, enthält aber nur das kryptische Bild eines Amuletts und sonst nichts.

Vom durchgeknallten Shonen-Manga Reborn!, in dem ein Nachwuchs-Mafioso von einem zwergwüchsigen Auftragskiller zum Mafiapaten ausgebildet werden soll, sind bei Tokyopop mittlerweile 19 Bände erschienen. Um Neueinsteiger nicht ganz abzuhängen, gibt es jetzt die ersten fünf Bände in einem Reborn! Starter Kit zum Sonderpreis von 24,95 Euro (Leseprobe).

Die auf Motiven aus Lewis Carrolls aufbauende Serie Wonderful Wonder World ist noch nicht ganz abgeschlossen, da legt Tokyopop bereits den ersten Band der Nachfolgereihe vor: Wonderful Wonder World – The Country Of Clubs wird wieder vom Autor QuinRose geschrieben, aber von einem anderen Zeichner, Mamenosuke Fujimaru, umgesetzt.

SEKUNDÄRLITERATUR

Das Comic! Jahrbuch des Interessenverbands Comic (ICOM), herausgegeben von Burkhard Ihme, gehört seit vielen Jahren zu den festen Institutionen in der hiesigen Comiclandschaft, in der es nur sehr wenig regelmäßig publizierte Sekundärliteratur zu Comic gibt. Zum inzwischen elften Mal bietet das Jahrbuch wieder einen interessanten Mix aus Artikeln, Marktberichten und Interviews, zu einem mehr als günstigen Preis. Thematischer Schwerpunkt (aber nicht alleiniges Thema) der neuen Ausgabe ist der Kindercomic. Das komplette Inhaltsverzeichnis und Leseproben zu jedem Artikel gibt es hier.

Auch das Jahrbuch Deutsche Comicforschung, das Herausgeber Eckart Sackmann bei seinem Verlag Comicplus+ veröffentlicht, ist inzwischen eine Institution – die Ausgabe 2011 ist bereits der siebte Band, der sich mit der deutschen Comichistorie beschäftigt, und zwar, laut Selbstauskunft, „wissenschaftlich akribisch und trotzdem lesbar“. Auf comicforschung.de findet man einen Überblick über den Inhalt und Musterseiten zu einigen Artikeln.

Nostalgisch wird es in der Festschrift INCOS – Eine Zeitreise, die zum 40. Jubiläum des eingetragenen Vereins INCOS (Interessengemeinschaft Comic-Strip) erscheint und auf dessen Geschichte zurückblickt. Die INCOS war wohl der erste organisierte Verbund deutscher Comicfans und damit ein Urgestein dessen, was man heute die Comicszene nennt. Einen Einblick in das Buch gibt es auf der Vereinshomepage, deren Design grob geschätzt ebenfalls aus dem Jahr 1970 stammt.

Die Hüter des Blutes 2

 Cover von Hüter des Blutes 2 (Serie Das geheime Dreieck)Wirklich interessante Thriller bieten mehr als nur einen Mord- oder Kriminalfall. Im Fall von Das geheime Dreieck ist das eine ganze Menge, was da „mehr“ geboten wird. Die Autoren verknüpfen in ihrer typisch frankobelgischen Serie Realismus mit einem Hauch von Phantastik. Sie schlagen die Brücke von der Historie zur Gegenwart und experimentieren dabei auch noch visuell, indem sie konsequent jeweils zwei verschiedene Zeichner für die Gegenwart und die Geschichte zeichnen lassen.

Das ist ein geniales Konzept, weshalb die Serie inzwischen den dritten Zyklus erreicht hat. Der erste Zyklus von Das geheime Dreieck ist zwischen 2005 und 2007 in sieben Bänden bei Ehapa Comic Collection erschienen. Danach nahm sich comicplus+ der Serie von Didier Convard an, der zuletzt mit Tanatos und Vinci (beide Ehapa Comic Collection) auf sich aufmerksam machen konnte. Nach dem zweiten Zyklus I.N.R.I., der von 2006 bis 2008 in vier Bänden veröffentlicht wurde, folgt nun der dritte Zyklus Die Hüter des Blutes, der seit 2009 ebenfalls beim Verlag Sackmann und Hörndl erscheint.

Die Handlung spielt einige Jahre vor Das geheime Dreieck und beleuchtet die militante Loge. Der erste Band „Der Schädel des Cagliostro“ hat den jungen Professor Jean Nomane als vermeintlichen Mörder eingeführt, der nach jahrelanger Abwesenheit unverhofft vor der Wohnung seiner damaligen Freundin aufkreuzt. Auf der Flucht vor Polizei und den Jägern der „Hütern des Blutes“ erklärt er die dunklen und unglaubwürdigen Machenschaften der religiösen Sekte, deren Forscher unmittelbar vor dem Durchbruch zu einer wissenschaftlichen Unsterblichkeitsformel stehen.

Nomane ist nur einer von mehreren Dissidenten, die das Projekt Genom 1 verließen, nachdem sie herausgefunden haben, was das eigentliche Ziel der Hüter des Blutes ist. Im vorliegenden zweiten Band „Deir El-Medina“ bekommt Nomane wieder Oberwasser. Der Professor führt seine skrupellosen Verfolger an der Nase herum und entwischt ihnen, um den Schädel des Cagliostro an seinen B.I.S.-Vorgesetzten, der nur unter dem Pseudonym Monsieur Gregoire bekannt ist, zu übergeben. Im historischen Rückblick wird diesmal die Entdeckung Cagliostros erzählt, die als Grundlage für die Wissenschaftler in der Gegenwart darstellt.

Convard verknüpft auf fesselnde Weise Kulturgeschichte mit Gegenwartscomic. Die Geschichte ist äußerst komplex erzählt und enthält kaum Actionszenen. Die Betonung liegt mehr auf dem rätselhaften Treiben der Hüter des Blutes und dem Geheimnis, dem sie auf die Spur gekommen sind. Das ist ungeheuer spannend gemacht und hebt die Serie weit über das Genre-Durchschnitt.

Das Artwork stammt von Denis Falque, der alle Zyklen mitgezeichnet hat; den historischen Abschnitt hat in „Deir El-Medina“ niemand geringeres als Szene-Größe André Juillard übernommen, der zuletzt mit Lenas Reise (ECC) auf sich aufmerksam machen konnte. Es ist aber nicht die erste Zusammenarbeit von Juillard und Convard, denn Juillard hat auch schon bei Das geheime Dreieck 5: „Die teuflische Lüge“ mitgezeichnet. Mir persönlich gefällt Falques realistischer und detailreicher Strich besser als Juillards leicht reduzierter Strich. Dennoch passt der Stilwechsel sehr gut in das Konzept der Serie und auch in diesen Band.

Die Hüter des Blutes ist eine fesselnde Serie, die mit einer hochkomplexen Erzählweise mehr Wert auf Hirn statt auf Action legt und auf faszinierende Weise Kulturgeschichte mit Gegenwartscomic verknüpft. Ich konnte übrigens problemlos – das heißt ohne Vorkenntnisse der ersten beiden Zyklen – in den dritten Zyklus einsteigen. Die Autoren haben einen Klassiker innerhalb des gehobenen Thrillers geschaffen, den sich nicht nur Genre-Fans auf keinen Fall entgehen lassen sollten.

Wertung: 9 von 10 Punkte

Innovatives Konzept, tolle Zeichner, komplexe Story – was braucht man mehr?

 

Die Hüter des Blutes 2 – Deir El-Medina
Comicplus+ (Verlag Sackmann und Hörndl)
, September 2010
Text: Didier Convard
Zeichnungen: Denis Falque, André Juillard
56 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 14,- Euro
ISBN: 978-3894742058

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Abbildungen © Denis Falque, der dt. Ausgabe: Comicplus+