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Frisch aus der Druckerei: Dezember 2010

In unserem monatlichen Rückblick auf die aktuellen Comic-Novitäten gibt es diesmal unter anderem zwei Comics von Daniel Clowes, Neues von Jule K., Lewis Trondheim und Juan Giménez, eine hochgelobte neue US-Serie und einen Superhelden-Comic, der von der Kritik fast einhellig verrissen wurde.

 

HIGHLIGHT DES MONATS

Daniel Clowes gehört seit Jahren zu den wichtigsten Vertretern des anspruchsvollen amerikanischen Autorencomics. In Deutschland allerdings gab es bisher nie sonderlich viel von ihm zu lesen, abgesehen von seinem Comic Ghost World, der auch verfilmt wurde. Nun kamen fast zeitgleich zwei Clowes-Bücher auf Deutsch heraus: Wilson erscheint im Eichborn Verlag und ist Clowes‘ aktuellster Comic. Er beschreibt in einer Ansammlung von One-Pagern das Leben eines Sonderlings und Außenseiters, dessen Vater gerade gestorben ist und der von seiner Ex-Frau erfährt, dass er eine Tochter hat. Eine Leseprobe gibt’s hier.

Reprodukt, Clowes‘ Stammverlag in Deutschland, veröffentlicht die Graphic Novel David Boring, die in den USA schon im Jahr 2000 erschienen ist. Hier geht es um einen jungen Mann, der vom Land in die Großstadt zieht und wider Willen in einen Kriminalfall verwickelt wird. Vorschauseiten sind hier zu sehen.

EIGENPRODUKTIONEN

Eine liebeskummerkranke Comicladenbesitzerin kommt in eine Liebesentzugsklinik namens „Heartbreak Hospital“. Das ist der Plot von Jule K.s neuem Comic Love Rehab (Edition 52), nach eigener Aussage „eine Pflichtlektüre für jeden, der schon mal Liebeskummer hatte.“ Jules sehr spezieller, kindlich-naiv-romantischer Stil dürfte zu dieser Geschichte hervorragend passen.

Ein Angebot für Liebhaber ist der Mecki Sonderband: Das fehlende Abenteuer, der bei JNK in limitierter Auflage erschienen ist. Er enthält eine bisher unveröffentlichte Mecki-Geschichte von Reinhold Escher aus dem Jahr 1977. Neben dem eigentlichen Comic findet man in dem Band auch Entwürfe, Vorzeichnungen, das Skript usw. und kann so den kompletten Entstehungsprozess nachvollziehen.

AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Nach Der Geschmack von Chlor im letzten Frühjahr brachte Reprodukt nun schon den zweiten Comic des jungen Franzosen Bastien Vivès: In meinen Augen erzählt eine Liebesgeschichte konsequent aus dem subjektiven Blickwinkel des „Ich-Erzählers“, den man weder zu sehen noch zu hören bekommt. Unser Rezensent Benjamin Vogt war sehr angetan und nahm den Titel in seine Top-Comics 2010 auf. Die Leseprobe ist hier zu finden.

Lewis Trondheim führt seit einigen Jahren eine Art gezeichnetes Online-Tagebuch auf seiner Website: Les petits riens, Kleine Nichtigkeiten, nennt er diese kurzen Alltagsepisoden. Im Netz sind sie nicht als vollständiges Archiv zugänglich, sondern verblassen nach und nach. Gesammelt werden sie dafür in Büchern, von denen in Frankreich bereits drei erschienen sind. Das erste gibt’s nun auf Deutsch bei Reprodukt und heißt Nichtigkeiten: Der Fluch des Regenschirms. Kostproben hier.

Genau wie Trondheim darf man auch Blutch zu den wichtigen Erneuerern des französischen Comics zählen. Beim Avant-Verlag erschien mit Peplum ein Comic, der in der Antike spielt, teilweise auf dem Satyricon des römischen Dichters Petronius beruht und bei der laut Verlagsinfo „die Grausameit der antiken Welt, die Unterdrückung und die Qual im Mittelpunkt“ stehen (Leseprobe als PDF).

Mit Jazz Maynard erschien im Dezember der zweite Titel aus dem neuen Verlag Nona Arte. Der Comic – ein Noir-Krimi, der in Barcelona spielt – stammt von den Spaniern Raule und Roger und wurde zuerst in Frankreich als Albenreihe veröffentlicht, von der es bisher drei Teile gibt. Bei uns erscheinen die ersten drei Alben in einem Band. Auf jazzmaynard.com gibt es zahlreiche Infos (auch in englischer Sprache) zu lesen und Zeichnungen zu sehen.

Bei Finix Comics werden mittlerweile nicht nur Serien abgeschlossen, die anderswo vorzeitig abgebrochen wurden, in der „Edition Solitaire“ gibt es zwischendurch auch deutsche Ausgaben von Einzelbänden. Das neueste Werk in dieser Sparte ist Wer Wind sät von Laurent Galandon und Cyril Bonin, eine Geschichte vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die von einem französischen Dorf erzählt, in dem sich eine Gruppe von Roma ansiedelt. Hier gibt’s eine Leseprobe.

Von Oh diese Mädchen!, als Einzelband im Splitter-Book-Format erschienen, war unser Rezensent Jons Marek Schiemann völlig begeistert. Der Comic erzählt die Lebensgeschichten dreier Freundinnen, die recht wenig gemeinsam haben und hat – im Gegensatz zu den meisten anderen Splitter-Comics – eine sehr realistische, in der „echten“ Welt angesiedelte Story. Die ersten Seiten kann man hier lesen.

Die Alben-Reihe Eco Warriors könnte man als „Thriller mit Tierschützern“ beschreiben. So ganz klar ist die Marschrichtung der Serie allerdings noch nicht, wie man auch in unserer Rezension lesen kann (Leseprobe).

Das Historiendrama Der tönerne Thron (ebenfalls Splitter) von den Autoren Nicolas Jarry und France Richemond und den Zeichnern Theo (Der schreickliche Papst) und Lorenzo Pieri ist auf sieben Teile angelegt und spielt 1418 während des Hundertjährigen Krieges, in dem Frankreich gegen England kämpfte, aber auch innerhalb Frankreichs Krieg geführt wurde. Hier eine Leseprobe.

Fantasy-Fans bekamen im Dezember von Splitter gleich zwei neue Serien aufgetischt: Im dreiteiligen Ich, der Drache darf Starzeichner Juan Giménez, sonst eher auf Science Fiction abonniert, auch mal Ritter, Schwertkämpfe und Drachen zeichnen. Hier eine Kostprobe. Und der Vierteiler Die Herren von Cornwall von Sylvain Cordurié und Alessio Lapo mischt Fantasy-Elemente mit mittelalterlicher Historie, Versatzstücken der Artussage und der Geschichte von Tristan und Isolde (Leseprobe).

Carlsen Comics startete im Dezember die lange erwartete Gesamtausgabe des SF-Comic-Klassikers Valerian & Veronique von Pierre Christin, der im vergangenen Jahr den Max-und-Moritz für sein Lebenswerk erhalten hat, und Zeichner Jean-Claude Mézières. Die Gesamtausgabe erscheint im Halbjahresrhythmus und enthält jeweils drei Originalalben plus Bonusmaterial.

AUS SPANIEN

Im ZACK-Magazin wurde letzten Sommer ein Fortsetzungscomic namens Solo abgedruckt, in dem es um die Jugendjahre einer Ratte geht, die in einer recht blutrünstigen Endzeitwelt lebt. Bevor Zeichner und Autor Oscar Martin (Die Gilde) diese Story schuf, hatte er diese Ratte auch schon als Erwachsenen porträtiert, in einem schwarz-weißen Comic. Diesen gibt es nun in der ZACK-Edition als limitierten Band in kleiner Auflage unter dem Titel Solo: Kannibalenwelt. Dieser Video-Trailer gibt einen Vorgeschmack:

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AUS DEN USA

Chew, eine Image-Serie von John Layman und Rob Guillory, war in den USA der Überraschungshit des Jahres 2009. Gute Kritiken, überdurchschnittliche Verkaufszahlen, zahlreiche Preise. Der wilde, ebenso humorvolle wie spannende Genre-Mix dreht sich um den Polizisten Tony Chu, der eine besondere Fähigkeit hat: Bei jeder Mahlzeit erfährt er die Lebensgeschichte dessen, was er gerade im Mund hat. Bei Bananen oder Orangen mag das romantisch sein, bei einem Hamburger eher eklig. Bei Mordfällen aber ist es sehr praktisch – auch wenn man dann vielleicht mal an einem Leichenteil nagen muss. Erfreulicherweise gibt es die Serie (die zu meinen persönlichen Topcomics 2010 zählt) nun auch auf Deutsch bei Cross Cult, wo man die Doppeldeutigkeit des Titels recht erfolgreich in den Untertitel gepackt hat: Chew – Bulle mit Biss. Eine Leseprobe steht bei der Frankfurter Rundschau.

In den 80er Jahren startete Zeichner und Autor Dave Stevens die nostalgische, an die Hochphase der Pulp-Ära erinnernde Comicserie The Rocketeer. Obwohl sie nur ein kurzes Leben hatte, genießt sie bei vielen Fans bis heute Kultstatus. Der US-Verlag IDW veröffentlichte 2009 eine hochwertige Gesamtausgabe, der man eine zeitgemäße Kolorierung von Laura Martin verpasste. Diese Ausgabe gibt’s nun bei Cross Cult auf Deutsch, ergänzt mit einem ausführlichen Begleittext von Christian Endres, den man auch beim Tagesspiegel lesen kann. Eine Leseprobe gibt es bei myComics und unsere Rezension steht hier.

Der mit allen verfügbaren Mitteln der Hype-Maschinerie startende Film Tron Legacy aus dem Disney-Konzern wird auch mit einer Comic-Veröffentlichung begleitet. Tron Legacy – Der Comic zum Film (Ehapa) ist eine direkte Adaption, die die Geschichte des Films erzählt. Wesentlich mehr Infos gibt es nicht, außer dass derBand wohl von den italienischen Disney-Comicstudios produziert wurde. Die Zeichner und Texter haben auch schon fürs Lustige Taschenbuch gearbeitet.

In der Reihe DC Premium bringt Panini die Miniserie Justice League: Cry for Justice von James Robinson und den Zeichnern Mauro Cascioli und Scott Clark. Robinson genießt für seine Serie Starman hohes Ansehen bei vielen Comicfans, für Cry for Justice musste er jedoch eine Menge Prügel einstecken – so viel, dass sogar die New York Times darauf aufmerksam wurde. Bemängelt wurde vor allem ein absurd hohes Gewaltlevel und die Tatsache, dass Robinson seine Superhelden Dinge tun lässt, die bisher mehr oder weniger undenkbar waren. Dass Robinson trotzdem für einen Eisner Award nominiert wurde, sorgte dann nur noch für höhnische Kommentare in der amerikanischen Comic-Blogosphäre. Bei myComics ist das komplette erste Kapitel verfügbar.

Obwohl das Marvel-Superheldenuniversum erst 1961 mit der ersten Ausgabe der Fantastic Four geboren wurde, reicht die Verlagsgeschichte noch weiter zurück. Schon in den 30er und 40er Jahren gab es (beim Vorläufer-Verlag Timely Comics) die ersten Auftritte von Captain America und anderen Helden. Zum 70. Geburtstag von Marvel schrieb Ed Brubaker die Miniserie The Marvels Project und versuchte, zusammen mit Zeichner Steve Epting, Golden-Age-Nostalgie mit dem modernen Comic-Storytelling zusammenzubringen. Jetzt auf Deutsch bei Panini in Marvel Exklusiv 89: Das Marvels-Projekt: Die Geburt der Superhelden (Leseprobe bei myComics).

AUS ASIEN

EMA bringt (nach Abara im November) schon die nächste Manga-Serie von Blame!-Schöpfer Tsutomu Nihei. Knights of Sidonia baut direkt auf dem Setting von Abara auf, soll aber laut Verlag nicht ganz so düstere Science Fiction, sondern „etwas heiterer“ sein.

Auch der Mangasektor hat inzwischen seine Klassiker, die man in höherwertigen Neuauflagen nochmal veröffentlichen kann. So macht es Carlsen jetzt mit dem mystischen Mädchen-Manga Angel Sanctuary von Kaori Yuki, in Deutschland erstmals erschienen zwischen 2001 und 2004. Bei Angel Sanctuary Deluxe gibt es für 14,90 Euro zwei Orignalbände in einem Hardcover-Band mit größerem Format, geprägtem Hardcover mit Silberlogo, farbigen Illustrationen und redaktionellen Seiten.

SEKUNDÄRLITERATUR

Die 53. Ausgabe des Fachmagazins Reddition aus der Edition Alfons beschäftigt sich ausschließlich und umfangreich mit Will Eisner, der mehr als einmal prägenden Einfluss auf die Comichistorie hatte. Neben Bio- und Bibliografie und Artikeln zum Spirit und zu Eisners Einfluss auf den Begriff „Graphic Novel“ gibt es u.a. auch Aufsätze über Eisners Zeichentheorie und den jüdischen Aspekt in seinem Werk. Inhaltsverzeichnis und Leseproben auf reddition.de.

Bei Carlsen erschien das dritte Buch in Kim Schmidts Comiczeichenkurs-Reihe, die sich vor allem an jugendliche Anfänger richtet: Das Comiczeichenkurs Workbook versteht sich als „Übungsbuch zum Reinzeichnen“, soll also ganz praktisch ge- und benutzt werden. Als Sonderausstattung gibt es im Buch teilweise halbtransparente Seiten.

Tainted

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Tainted-CoverÜber die polnische Comicszene weiß ich nicht besonders viel – eigentlich nur, dass sie existiert. Bekannt ist, dass es ein jährliches Comicfestival in Lodz gibt und eine Reihe von Comicverlagen, bei denen auch schon Werke des einen oder anderen deutschen Künstlers, wie Mawil oder Sascha Hommer, publiziert wurden.

Der vorliegende Comicband Tainted von Piotr Nowacki (Zeichnungen) und Bartosz Sztybor (Szenario) ist im kleinen Warschauer Verlag Mroja Press erschienen und – da der Inhalt ganz im Zeichen der dialogfreien, rein visuellen Erzählkunst steht – auch für des Polnischen Unkundige geeignet.

Das hübsch verarbeitete Büchlein mit farbigem Rundum-Hardcover versammelt insgesamt sechs Kurzgeschichten, die sich alle um das Ur-Thema Liebe drehen. Jedoch anders als der sympathisch-niedliche Zeichenstil vermuten lässt, geht es doch um deren emotionalen Abgründe. Die Figuren in Tainted, unter anderem ein sehr drollig gezeichneter Gott nebst Adam und Eva, blaue Ballonmännchen und wandelnde Eiswürfel, müssen sich mit Eifersucht, verletzten Gefühlen und unüberwindbaren Beziehungshürden herumschlagen. Das ist teils recht originell, teils bitterböse und teils sogar ein wenig herzerweichend. Ein ganz großer Wurf findet sich jedoch nicht unter den Geschichten. Dafür sind sie dann doch einen Tick zu beliebig und unspektakulär geraten.

altFür grafische Abwechslung sorgen die merklichen Unterschiede in Sachen Farbgebung – insgesamt waren vier unterschiedliche Koloristen am Werk – sowie die mehr oder weniger starke (und gelungene) Variation von Nowackis Zeichenstil in den einzelnen Geschichten.

Insgesamt ein nett gemachter kleiner Comicband, den man von Liebeskummer geplagten Freunden zusammen mit einem Großpaket Taschentüchern und einer 1-Liter-Box Eiscreme überreichen kann.

 

Wertung: wertung5

Unspektakulärer, aber nett gestalteter Begleit-Comic für Liebeskummer-bedingte Leidenszeiten


Tainted
Mroja Press, 2010
Szenario: Bartosz Sztybor
Zeichnungen: Piotr Nowacki
60 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 8 Euro
ISBN: 978-83-61081-89-0
Leseprobe u. Bestellmöglichkeit (Zahlung via Paypal)


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Piotr Nowacki auf mycomics.de

Online-Kurzcomic von Sztybor & Nowacki


Abbildungen © Mroja Press/Piotr Nowacki

Links der Woche: Mit Interviews, Gratiscomics und Batmobilen

Unsere Links der Woche, Ausgabe 2/2011: Täglich stoßen wir im Netz auf interessante neue Texte über Comics, neue Interviews und Features, neue Webcomics, Forendiskussionen und Videos. Diese neue Rubrik sammelt einmal pro Woche (wenn nichts dazwischenkommt, immer freitags) eine kleine Auswahl lohnender Links.

 

Didi und Stulle im Kinohimmel
fluter, Thomas Winkler
Der Fluter, das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung, fragt Fil, warum es von seinen Didi und Stulle-Comics noch keine Verfilmung gibt. Neben der Antwort darauf kann man hier auch Fils Einschätzungen zu anderen Comicverfilmungen, zu Comiczeichnern und Comicfans lesen: „Fan der ‚Buddenbrooks‘ zu sein ist nichts Besonderes, das ist wie Fan von Bier zu sein. Comic-Fans dagegen sind Mitglieder einer kleinen eingeschworenen Clique, die sich mitunter über nur einen einzigen Comic definiert.“

Die unendliche Leinwand
Der Tagesspiegel, Dennis Kogel
Interview mit Daniel Lieske, dessen neuen Webcomic Wormworld Saga wir letzte Woche an dieser Stelle vorgestellt hatten. Er spricht über seinen ungewöhlichen formalen Ansatz, das gesamte Kapitel auf einer Seite zum Scrollen anzubieten und darüber, wie er mit dem Comic Geld verdienen möchte: „In jedem Comickünstler ist der Reflex, dass der Comic irgendwann im Print sein muss, dass es im Internet ist, damit man es an einen Verlag verkaufen kann. Tatsächlich habe ich zu keinem Zeitpunkt darüber nachgedacht, jemals eine Printversion von dieser Geschichte anfertigen zu lassen, weil ich da nur Hindernisse gesehen habe.“

Die Comics am Gratis-Comic-Tag
gratiscomicstag.de
Am Samstag, den 14. Mai findet zum zweiten Mal der Gratis-Comic-Tag statt, an dem fast alle Comicläden in Deutschland eigens zu diesem Zweck gedruckte Comics verteilen. In diesem Jahr sind noch mehr Verlage vertreten als beim ersten Mal, insgesamt wird es 44 verschiedene Gratishefte geben.

The Evolution of the Batmobile
carinsurance.org
Die vielen verschiedenen Versionen von Batmans Gefährt, zusammengestellt in einer schicken Infografik.

The 50 best covers of 2010
Robot 6, Kevin Melrose
Das immer lesenswerte Blog Robot 6 präsentiert die 50 besten Comic-Titelbilder des letzten Jahres in alphabetischer Reihenfolge.

Lettering for Moore and O’Neill
Todd’s Blog, Todd Klein
Aus dem Nähkästchen: Letterer Todd Klein erzählt von der Arbeit an den Sprechblasen und Buchstaben in der kommenden Ausgabe der League of Extraordinary Gentlemen, erklärt den Arbeitsprozess und zeigt, was für ein dicker Stapel Papier ein durchschnittliches Script von Alan Moore ist.

Oh, diese Mädchen!

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altAuf den ersten Blick wirkt die Story nicht gerade sensationell. Es handelt sich bei Leila, Chloé und Agnés um drei Mädchen, die trotz aller Unterschiede, seien es Stand, Herkunft, soziale Umstände oder Ethnie, eine Freundschaft eingehen und sich im Laufe der Jahre nie aus den Augen verlieren. Das klingt verdächtig nach erbaulicher Jugendlektüre im Sinne von Hanni und Nanni und Konsorten.

Weit gefehlt! Hier ist nichts von Romantik, Pferderücken und Mädchenklischees zu spüren, sondern es geht um ernstere Themen wie Tod, Rassismus, Vernachlässigung, Alleinerziehung, Patchworkfamilien, und und und. Im Grunde wird geschildert, wie drei Mädchen in der urbanen Welt von Paris im zwanzigsten Jahrhundert aufwachsen und daraus entsteht nicht nur ein kleines Sittengemälde, sondern – durch die verschiedenen Hintergründe der drei Mädchen mit unterschiedlichen Charakteren – auch ein Querschnitt der Gesellschaft. Da haben wir das verwöhnte, aber vernachlässigte Mädchen der Oberschicht, da eines aus der Mittelschicht mit einer alleinerziehenden Mutter und dort ein Immigrantenkind, welches sich nicht nur mit Rassismus, sondern auch mit zwei sehr unterschiedlichen Kulturen auseinandersetzen muss.

oh_diese_maedchen_10Eines wird dabei sehr deutlich: Einige der besten Geschichten schreibt das Leben selbst. Und dieser Band ist ein Meisterwerk. Das Leben ist ein Abenteuer, das mit jedem Tag neu bestanden werden muss. Kindheit in ihren unterschiedlichen Perioden und Konstellationen hat ihre ganz eigene Herausforderung und die Autoren sind immer nah dran. Sehr sensibel wird die Geschichte erzählt, ohne jemals in Extreme zu verfallen. Das tut dem Band nur gut. Niemals gerät er ins Kitschige oder Pathetische und lässt die Kinder auch nicht in bösartige Gefilde treiben, wie etwa Drogenkonsum. So ergeben sich wunderschöne, rührende, traurige und witzige Szenen.

Selten hat es ein Zeichner so gut verstanden wie Emmanuel Lepage, wichtige Akzente so verdichtet in seinen Zeichnungen zu setzen. Wie er es schafft, die ganze Konsequenz, Einsamkeit und Verzweiflung nach einer Entjungferung auf gerade mal zwei Bilder zu verdichten, ist, schreiben wir es ruhig: genial. Eine andere starke Szene kommt mit wenigen Worten aus (wie eigentlich alle der beeindruckendsten Stellen): eine Leiche wird nach traditionell arabischer Art und Weise gewaschen. Nur das letzte Panel auf der Seite zeigt frontal ein Mädchengesicht, das den Leser direkt anspricht mit den Worten: „Ich verstehe nicht.“ Den Tod einer Familienangehörigen mit all dem Schock, der Trauer, Verzweiflung und Hilfslosigkeit wird in dieser Kombination in drei Wörter gepresst. Ich wiederhole mich: genial. Eine andere Stelle sei noch explizit erwähnt: Eines der Mädchen steht an einer Ampel, die fortwährend grün zeigt. Viele gehen an ihr vorbei über die Straße. Eine Frau bleibt stehen und fragt das Mädchen, ob es sich verirrt habe. Dieses sieht erstaunt die Frau an und sagt: „Nein“, mit einem sehr traurigen Gesichtsausdruck. Denn wie kann man sich physisch verirren, wenn man ansonsten verloren ist?

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Die realistischen Zeichnungen ergänzen sich hervorragend und sogar beispielhaft mit dem Text. Sie brauchen den Text auch nicht immer, weil allein durch die vielen guten graphischen Einfälle, von denen ein paar oben erwähnt wurden, zentrale und wichtige Stellen verdichtet werden. Die Farbgebung gibt auch die jeweilige Stimmung perfekt wieder.

Mit diesen Mädchen möchte man gerne sehr viel mehr Zeit verbringen. Und auch wenn Splitter die Geschichte in seiner „Books“-Reihe als dickes Buch auf den Markt bringt, hat der Band einen einzigen Nachteil: Er ist viel zu kurz. Von ganzem Herzen bekommt er die volle Punktzahl.

 

Wertung10 von 10 Punkten

Ein Meisterwerk: Perfekte Symbiose von Text, Story, Zeichnungen und Farbgebung


Oh, diese Mädchen!
Splitter Verlag, Dezember 2010
Text: Sophie Michel
Zeichnungen: Emmanuel Lepage
144 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,80

ISBN: 978-3-940864-50-5
Leseprobe

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Abbildungen © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag


Comic-Wallpaper für guten Zweck

Wir übernehmen nur selten Pressemeldungen, aber das hier ist sicherlich die Ausnahme von der Regel wert.
Spenden an das Projekt sind bis zum 24. Januar möglich, hier findet Ihr alle 2011er-Damen im Detail sowie Links zu ihren Zeichnern.

 

110 Comicfiguren gegen Menschenhandel!
Ein internationales Comic-Wallpaper für einen guten Zweck

Am 11. Januar findet in Amerika jedes Jahr der „National Human Trafficking Awareness Day“ statt, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen Menschenhandel zu richten. Um Geld und Aufmerksamkeit für diesen guten Zweck zu gewinnen, schlossen sich Comic- und Webcomicschaffende zur internationalen Comic Creators Alliance zusammen.

Gegen eine Spende kann man sich von der Webseite der Comic Creators Alliance bis zum 24.01.2011 ein Desktop-Motiv mit 110 Comic-Heldinnen herunterladen. Das gesammelte Geld geht an zwei Organisationen, die sich gegen Menschenhandel bzw. für dessen Opfer einsetzen: Love 146 und Gracehaven.

Im Moment gibt es weltweit um die 27 Millionen versklavte Menschen – mehr als doppelt so viele wie während des transatlantischen Sklavenhandels zwischen Amerika und Afrika verschifft wurden.
UNICEF geht davon aus, dass jährlich 1,2 Millionen Kinder in die Sklaverei verkauft werden, ein Großteil davon in die sexuelle Sklaverei. Gegenüber der Sklaverei im 19. Jahrhundert geschieht dies heutzutage jedoch nur noch illegal und im Geheimen. Um so wichtiger ist es, die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses weltweite Problem zu lenken.

Im Jahr 2010 wurden mit einem für knapp zwei Wochen online gestellten Desktopmotiv von 87 Künstlerinnen und Künstlern über 10.000 Dollar an Spenden gesammelt. Dieses Jahr ist die Gruppe auf 110 TeilnehmerInnen angewachsen, und das Ziel ist klar: Die 10.000-Dollar-Marke soll 2011 deutlich überboten werden.

Jeder Teilnehmer steuerte eine Originalzeichnung von einer seiner weiblichen Figuren zu einem großen Gesamtbild bei. Das Thema dieses Jahres war „The Brady Bunch“. Neben international bekannten Künstlern wie Adam Hughes (Star Wars, Wonder Woman), Billy Tucci (Shi), Scott Sava (The Dreamland Chronicles) oder Sarah Ellerton (Inverloch) finden sich dieses Jahr auch gleich 4 Comic-KünstlerInnen aus Deutschland auf dem Wallpaper wieder.

Arne Schulenberg, der mit seiner Union der Helden bereits 2010 bei der CCA dabei war, konnte für dieses Jahr auch Sarah Burrini (Das Leben ist kein Ponyhof), David Malambré (Demolitionsquad) und Max „Jähling“ Vähling (Monsterjägerin Conny Van Ehlsing) für eine Teilnahme gewinnen.

„Ich als Nicht-Amerikaner hätte natürlich lieber zwei international agierende Projekte gesehen (zumindest Gracehaven ist auf Ohio beschränkt), aber ein gutes Projekt ist ein gutes Projekt, egal wo“, so Max Vähling in seinem Blog über die Aktion.

Die Spenden-Aktion läuft für zwei Wochen, vom 11. bis zum 24. Januar. Alle Einnahmen werden zwischen Love 146 und Gracehaven aufgeteilt. Dieses Jahr kann man zusätzlich zum Computer-Wallpaper über einen Onlinestore auch gedruckte Poster sowohl des letztjährigen als auch des aktuellen Motivs bestellen.

Mehr über die CCA, die Teilnehmer, das Wallpaper und die Möglichkeit zur Spende erfährt man auf http://comicalliance.weebly.com. Mehr über das Problem erfährt man – auf Englisch – auf http://love146.org/slavery.

Insel der Männer

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Mit 75 Jahren wird Antonio Angelicola, von seinen Freunden Ninella genannt, insel1von zwei jungen Filmschaffenden aufgesucht. Er soll ihnen seine Geschichte erzählen, denn Ninella ist einer der letzten Zeitzeugen der systematischen Deportation Homosexueller, die ab 1938 in Italien Realität war. Damals wurden circa 300 Italiener aufgrund ihrer Sexualität auf San Domino Tremiti, eine Insel im Süden, verbannt.

Das Schicksal der schwulen Männer zur Zeit der Regierung Mussolinis ist bis heute ein medial kaum behandeltes Thema. Der Comic Insel der Männer von Szenarist Luca de Santis und Zeichnerin Sara Colaone nähert sich diesem jetzt durch die Figur des Schneiders Antonio Angelicola, der symbolisch für alle verschleppten Homosexuellen steht. Im Dialog mit den Filmschaffenden lässt er die damaligen Geschehnisse Revue passieren.

Bei Antonios von Wachen flankierter Ankunft auf der Insel wird schnell klar, dass das Leben dort von relativer Freiheit geprägt ist. Die Zustände sind mit denen der KZ-Inhaftierungen der Nazis nicht ansatzweise vergleichbar, eher ähneln sie einem lockeren Strafvollzug. Doch der Schmerz über die Deportation sitzt tief bei Antonio. Das bekommen die beiden Filmemacher noch viele Jahrzehnte später vor Augen geführt, als die Erinnerungen und damit verbundenen seelischen Schmerzen bei ihrem Interviewpartner wieder zum Vorschein kommen. Sein Land, Italien, wollte ihn und alle anderen Schwulen verbannen, ins Exil schicken. Waren sie erstmal ausgestoßen, konnte gar weiterhin geleugnet werden, dass es homosexuelle Italiener überhaupt gibt (Mussolini selbst behauptete, dass es in Italien überhaupt nur „richtige Männer“ gäbe). An dieser perfiden Intention lässt sich ablesen, wie die Betroffenen sich gefühlt haben müssen beziehungsweise welche seelischen Nachwirkungen dieser Lebensabschnitt verursachte.

De Santis und Colaones duale Erzählweise folgt einem klassischen Unterbrechungsschema, bei dem die Zwischenkapitel gewissermaßen Rückblicke in die 1930er bzw. 1940er Jahre (die Zeit Angelicolas auf der Insel) darstellen. Das bringt den Vorteil mit sich, dass man als Leser Perspektiven aus zwei unterschiedlichen Zeitperioden präsentiert bekommt, wobei beide sich gegenseitig vom Erkenntnisgewinn her befruchten. Die im zeitlosen Ocker gehaltenen Bilder sind grob, wuchtig und kantig. Alles in allem hätte ich mir dennoch eine dezentere, detailiertere grafische Ausdrucksweise gewünscht, aber Sara Colaones Arbeit mag womöglich Geschmackssache sein.

Viel Lob muss man dem kreativen Duo in jedem Fall für seinen Mut aussprechen, ein derart vernachlässigtes Thema anzugehen. Zeitgeschichtlich lässt sich die Deportation Homosexueller als eine Randnotiz (für die Betroffenen war es natürlich mehr als das), als ein perfider Auswuchs des italienischen Faschismus bezeichnen. Umso dankbarer muss man dafür sein, dass auch dieser Aspekt (unabhängig von der Art des Mediums) eine weitere Aufbereitung findet.

Betrachtet man Insel der Männer als Comic an sich, stellt man fest, dass die Übersetzung der historischen Ereignisse in eine emotionale Geschichte dann aber doch nicht reibungslos funktionieren will: De Santis‘ Handlung emotionalisiert zwar oberflächlich, bleibt aber doch immer ein Stück unnahbar. Ein richtiges Gespür für das komplexe Gefühlsleben der Titelfigur bleibt außen vor. Da wirkt auch der Versuch durch einen der jungen Filmemacher, die Ninella interviewen, eine weitere Ebene einbauen zu wollen (ein ehemaliger Lehrer von ihm war schwul), arg bemüht.

insel2Eine gewisse Ambivalenz hinterließ bei mir in jedem Fall die im hinteren Teil des Bandes abgedruckte „Notwendige Anmerkung“ von Comicexperte Andreas C. Knigge. Sehr erfreulich ist ja, dass Knigge auf ausführliche Weise weiterführende Informationen zum zeitgeschichtlichen Kontext liefert. Nur die Art und Weise empfinde ich persönlich als unsachlich (was nicht als unseriös oder faktisch falsch verstanden werden soll): Das fängt bei der Kopfleiste an, bei der der Leser direkt mit dem Holzhammer (oder der moralischen Keule, wenn man so will) darauf gestoßen wird, dass die folgenden Ausführungen ja „notwendig“ seien, bevor Knigge dann ansetzt zur umfassenden Geschichtsstunde über die Verfolgung und Diskriminierung der Homosexuellen. Das funktioniert aber nur teilweise gut. Erstens, weil vieles von dem Gesagten nur marginal in den historischen Rahmen der Umstände fällt, die zu den in diesem Buch geschilderten Ereignissen führten; und weil zweitens der Verfasser sich zu viel vornimmt, wenn er dann irgendwann den Bogen krampfhaft ins Hier und Heute spannen will, indem er die Piusbruderschaft und Papst Benedikt zitiert. Dazu passt dann konsequenterweise auch, dass im vorletzten Absatz ein Sinnspruch Bertolt Brechts eingebracht und dem Leser am Schluss gar eine take-home-message mit auf den Weg gegeben wird (die innere Emigration sei ja, so Knigge, immerhin auch ein grausames Los).

Das soll die Wichtigkeit der Thematik und das Ansinnen des Autors nicht schmälern, aber vielleicht wäre in diesem Fall weniger mehr gewesen und man hätte die schriftstellerische Plastizität etwas zurückschrauben sollen. 

 

Wertung5 von 10 Punkten

Kein „notwendiges“ (wie im Nachwort behauptet), aber womöglich ein sehr wichtiges Comicbuch, da es den Fokus auf ein vernachlässigtes Thema lenkt

 

Insel der Männer
Schreiber & Leser, September 2010

Text: Luca de Santis
Zeichnungen: Sara Colaone
176 Seiten, zweifarbig, Hardcover
Preis: 18,80 Euro
ISBN:978-3-941239-47-0

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Abbildungen © Luca de Santis, der dt. Ausgabe: Schreiber & Leser


Die Welt von Lucie 2 – Am Leben bleiben…

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altNach einer etwas längeren Wartezeit kommt der zweite Band und Abschluss von Die Welt von Lucie als Splitter Book heraus. Auch der zweite Band ist recht voluminös geworden und der Leser freut sich auf die Beantwortung der vielen Fragen, die im ersten Band gestellt wurden.

Aber die Story von Die Welt von Lucie ist am besten mit einem Baum zu vergleichen. Wenn der eigentliche Kern der Erzählung der Stamm ist, so haben schon im ersten Band viele Äste gekeimt, an denen viele erzählerische Nebenstränge und Figuren eingeführt wurden. Es sind aber auch viele Blätter dazu gekommen, welche die Sicht auf den Stamm nehmen. Wer jetzt denkt, dass die Gärtner, also Szenarist Kris und Zeichner Guillaume Martinez, ihre Heckenscheren herausholen, um die Äste zu stutzen und so einen Überblick zu schaffen, sieht sich getäuscht. Vielmehr machen sie viel Wind und lassen die Blätter rauschen. Der Leser verliert somit für lange Zeit komplett den Überblick. Für einen Abschlussband ist das nicht gerade hilfreich.

altEin Großteil der Rätsel bleibt und vieles geschieht nicht im Bild, sondern quasi Off-Panel. Das erfordert eine ziemlich aktive Teilnahme des Lesers, was zwar seinen Reiz hat, nur möchte man dann auch zwischendurch ein kleines Leckerli haben. Einige Szenen, die zur Erholung dienen. Doch leider kommen die nicht. Merkwürdigerweise kommt vieles sehr undramatisch daher, auch potentiell dramatische Enthüllungen werden eher nebenbei abgehandelt. Action wird komplett weggelassen und es wird nur indirekt von ihr erzählt. Auch dass einer der Schurken stirbt, wird nur erwähnt! Nichts von der Action wird gezeigt und damit tröpfelt die Handlung dahin. Was das alles noch viel schwieriger macht, sind die vielen wechselnden Zeit- und Erzählebenen, die nicht immer graphisch, etwa durch Umrandungen oder wechselnde Farben, kenntlich gemacht werden. Dadurch fällt die Einordnung sehr schwer.

Die naturalistischen Zeichnungen von Martinez entwickeln auch keine Dynamik. Das Bild ist somit nur Träger des ausufernden Wortes und entwickelt selten eine Eigenständigkeit. Das Minenspiel der Figuren ist dagegen sehr gut getroffen. Die Farbgebung versteht es, sehr subtil Stimmungen zu erzeugen und macht nicht zwangsläufig auf sich aufmerksam.

Generell bekommt man den Eindruck, dass Kris und Martinez mit ihrer eigenen Geschichte nicht mehr sonderlich viel anfangen konnten und lieber mit vielen Nebensträngen die eigentliche Idee verstecken. Für einen Abschlussband einer sehr, sehr rätselhaften Serie ziemlich enttäuschend.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Erschreckend undramatische und wortlastige Auflösung der vielen Rätsel des ersten Bandes.


Die Welt von Lucie 2 – Am Leben bleiben …
Splitter Verlag, November 2010
Text: Kris
Zeichnungen: Guillaume Martinez
156 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-098-9
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag


Topcomics 2010 – Die Favoriten der Redaktion

Wie schon vor einem Jahr stellen an dieser Stelle Comicgate-Redakteure ihre ganz persönlichen Lieblingscomics des abgelaufenen Jahres vor. Subjektiv und ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit – hier sind unsere Topcomics 2010!

Zu den Topcomics von 2009 geht es hier.

 

 

 

DIE TOP 3 VON BENJAMIN VOGT

3. Quintos
von Andreas
Edition Solitaire / Finix Comics
15,80 Euro

Quintos ist die Geschichte einer kleinen multinationalen Guppierung, die sich im spanischen Bürgerkrieg 1937 den Republikanern anschließt. Die einzelnern Personen dieser schnell separierten und dezimierten Einheit kämpfen aus völlig unterschiedlichen Motiven heraus in einem Land fern ihrer Heimat. Aus dieser Heterogenität bezieht das Comicalbum von Künstler Andreas zum Großteil seinen Reiz. Überdies wartet der Band mit brillanten Dialogen und scharfen Charakterdesigns auf. Es handelt sich um eine kompromisslose Erzählung um eine Gruppe von Menschen in einer Extremsituation. Und Andreas versteht es vorzüglich, dieses Setting in ein eindrucksvolles Comicwerk umzuwandeln.
[Rezension bei Comicgate]

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2. In meinen Augen
von Bastien Vivès
Reprodukt
18,- Euro

Wo der erste Comic von Bastien Vivès, Der Geschmack von Chlor, den ein oder anderen nach der Lektüre wohl etwas ratlos zurückgelassen hat, zieht der französische Künstler spätestens mit seiner zweiten Publikation hierzulande den Großteil der Leser völlig in seinen Bann. In meinen Augen ist ein sympathisches und emotionsgeladenes Werk, eine Liebesgeschichte, an der man während des Betrachtens auch selbst partizipiert. Aus der Ich-Perspektive lernt man ein junges, rothaariges Mädchen kennen und verfällt ihrem Charme, ihrem Lächeln, ihren Worten. Bastien Vivès zaubert wunderbar warme Bilder durch weiche Holzfarbstiftschraffuren. Erzählung und grafische Darstellung harmonieren hier einfach perfekt.
[Rezension bei Comicgate]

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1. Alpha Directions
von Jens Harder
Carlsen Verlag
49,90 Euro

Ja, was soll man über diesen Comic noch sagen, das nicht bereits gesagt wurde? Außer vielleicht, dass ich selbst die Vergabe des ersten Platzes in meiner persönlichen Rangliste des Jahres 2010 ein bisschen unfair finde: Jens Harders ambitioniertes Werk erschlägt uns, die Leser, mit Fakten und gigantischem Seitenumfang gleichermaßen. Im Grunde rangiert Alpha Directions stilistisch als Sachcomic (oder aufgrund der hohen Informationsdichte und der zurüchhaltenden Sequenzübergänge als bebildertes Sachbuch) auf dem hiesigen Markt. Der direkte Vergleich mit fiktiven, evtl. sogar auf Sprechblasen gestützen Comics, fällt da doch eher schwer.
Dennoch ist Harders Mammutprojekt (dem ja noch zwei weitere Bände folgen sollen), sein Versuch, sich Milliarden von Jahren Evolutionsgeschichte realistisch zu nähern und dabei Referenzen an Kultur-, Kunst- und Religionshistorie als alternative Sichtweisen einzupflegen, zu Recht auf dem Comic-Salon in Erlangen 2010 belohnt worden, wo Alpha Directions als Beste deutschsprachige Publikation ausgezeichnet wurde. Harders unwiderstehliche Art des Erzählens und der Ehrgeiz, den er bei diesem Projekt an den Tag legt, sind gar nicht hoch genug zu bewerten.

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DIE TOP 3 VON MARCO BEHRINGER

3. Gift
von Peer Meter und Barbara Yelin
Reprodukt
20,- Euro
Die Reise mit Bill

von Matthias Schultheiß
Splitter Verlag
29,80 Euro

2010 gab es gleich zwei Comebacks deutscher Autoren, die in den letzten Jahren eine Comic-Pause eingelegt und sich anderen Projekten gewidmet hatten. Mit Pauken und Trompeten haben sie sich zurückgemeldet und gezeigt, was die deutsche Comiclandschaft zu bieten hat. Erst hat sich der lange untergetauchte Autor Peer Meter mit der begnadeten Zeichnerin Barbara Yelin zusammengetan, um mit Gift, einem meisterlichen Auftaktband zu seiner „Serienmörder“-Reihe, sein Comeback zu feiern. Beeindruckend war die dichte Atmosphäre und die historische Authentizität, was auch Yelins unverkennbarem, skizzenhaftem Strich zu verdanken ist. 
[Rezension bei Comicgate]

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Daneben hat auch der Veteran Matthias Schultheiß nach jahrelanger Abstinenz wieder ein Lebenszeichen von sich gegeben. In Die Reise mit Bill (Splitter) hat er einen opulenten, mystisch angehauchten Road Trip geschrieben und gezeichnet, der gleichzeitig einfühlsam, phantastisch und fabulierfreudig ist. Beide Graphic Novels sind ausnahmslose Pflichtlektüren!
[Rezension bei Comicgate]

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2. Rembetiko
von David Prudhomme
Reprodukt
20,- Euro
Die Plastik-Madonna
von David Prudhomme und Pascal Rabaté
Carlsen Verlag
18,90 Euro

Auch David Prudhomme hat mich im Comicjahr 2010 gleich zweimal vom Hocker reißen können. Zunächst hat der mir bis dahin völlig unbekannte Autor und Zeichner durch Rembetiko (Reprodukt), eine rauchgeschwängerte Hommage an die griechischen Blues-Musiker, mich sowohl grafisch als auch inhaltlich in den Bann gezogen: Die herrliche Graphic Novel über das Außenseiter-Dasein der „Rembetes“ besticht nicht nur durch Prudhommes einzigartige und filigrane Strichführung, sondern auch durch die anarchistisch aufgeladene Story.

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Zusammen mit Pascal Rabaté hat er dann noch einen zweiten Kracher nachgelegt: Die Plastik-Madonna ist eine schwarzhumorige und wieder filigran illustrierte Gegenwarts- und Provinzsatire. Auch zwischen diesen beiden Titeln kann und will ich mich nicht entscheiden – muss man gelesen haben!
[Rezension bei Comicgate]

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1. Kapitän Scharlach
von David B. und Emmanuel Guibert
avant-verlag
19,95 Euro
Auf dunklen Wegen
von David B.
avant-verlag
24,95 Euro

Meine persönliche einflussreichste Entdeckung des Jahres 2010 war zweifelsfrei David B. Fast gleichzeitig erschienen kurz vor dem Erlanger Comic-Salon die beiden Alben Kapitän Scharlach und Auf dunklen Wegen. Da ich mich nicht entscheiden kann, welches der beiden Alben das bessere ist, kommen einfach beide auf den ersten Platz. Das erste ist eine kongeniale Zusammenarbeit mit Emmanuel Guibert, der seinerseits 2010 mit Alans Krieg (Edition Moderne) eine herausragende Graphic Novel abgeliefert hat, und dreht sich um den oft vergessenen Schriftsteller Marcel Schwob, dem David B. mit seiner phantastisch-absurden Piraten-Steam-Punk-Geschichte ein unvergessliches Denkmal gesetzt hat. 
[Rezension bei Comicgate]

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Und mit dem zweiten Album hat David B., diesmal im Alleingang, eine historische Reihe begonnen, die Elemente des Comic Noirs, der Satire und der Phantastik mit geschichtlichen Fakten zu einem unvergleichlich lehrreichen und amüsanten Cocktail vermischt. Beide dürfen in keiner gut sortierten Comicsammlung fehlen!
[Rezension bei Comicgate]

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DIE TOP 3 VON DANIEL WÜLLNER

Cover von Castro

3. Castro
von Reinhard Kleist
Carlsen Comics
19,90 Euro

Ohne mich in endlose Definitionen zu verstricken, sei gesagt, dass ein Comic eine einzigartige Erzählform aus Wort und Bild ist. Fragt man mich, welches die besten Comics im Jahr 2010 sind, dann kann meine Antwort nur lauten: jene Comics, bei denen die grafische Darstellung und die Handlung untrennbar miteinander verbunden sind. Reinhard Kleists Castro ist solch ein Comic. Obwohl ich zugeben muss, dass ich in der Vergangenheit kein besonderer Fan seiner Arbeit war, bin ich 2010 umso verblüffter. Castro funktioniert als historisch akkurat ausgearbeitete Studie über Fidel Castro, den Máximo Líder. Gemeinsam mit dem Kuba-Spezialisten Volker Skierka hat Kleist auf über 300 Seiten ein vielschichtiges Buch über die kubanische Revolution von ’59 und Castros Biografie verfasst. Und obwohl die historischen Fakten in schwarz-weißen Zeichnungen eingefangen wurden, unterscheidet sich der Comic von jeder trockenen Aufarbeitung der Historie.
Kleists grafische Darstellung macht deutlich, dass Fakten alleine noch keine Geschichte erzählen. Was zu Beginn nach einer simplen Rahmenhandlung aussieht, wird im Laufe der Erzählung zu einem Prisma der Perspektiven: Jede Figur bekommt die Chance in verschiedenen historischen Momenten ihren Kommentar zum Geschehen abzugeben – teils durch Originalzitate, teils fiktional erweitert. Um die Prägnanz der Situation zu verdeutlichen, bewaffnet Kleist Kubas aufgebrachten Mob kurzerhand mit einsilbigen Sprechblasen, die sie wie Banner ausrollen und wie Gewehre schultern, allzeit bereit zum Abfeuern: „Viva Fidel“ Solch grafischer Einfallsreichtum hätte auch Will Eisner sichtlich Freude bereitet. Dankenswerterweise ist Castro kein Geschichtsbuch, sondern ein Buch, dass eine Geschichte grafisch brillant umsetzt und sich dabei jedweder Einteilung in Gut und Böse entzieht.
[Rezension bei Comicgate]

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2. Engelmann
von Nicolas Mahler
Carlsen Comics
14,90 Euro

Platz Nummer zwei geht dieses Jahr an den Meister des Minimalismus, Nicolas Mahler. Auch wenn sich seine Superheldenparodie Engelmann von den restlichen Comics des Jahres 2010 abhebt, so folgt auch bei ihr die Form der Handlung, die wiederum der Form folgt. Anstatt das Superheldenuniversum komplett mit Helden und Bösewichten auszustaffieren, bleibt Mahlers Ensemble recht überschaubar: Die kleine Superheldengemeinde begrüßt ihr neustes Mitglied, Engelmann. Im rosafarbenen Spandex mit einem Paar Engelsflügeln und den Fähigkeiten „Empfindsamkeit“, „Gut-zuhören-können“ und „Ambivalenz“ ausgestattet, zieht er gegen übermächtige Gegner in die Schlacht. Er kämpft gegen seine Nemesis, den achtarmigen Chirurg Gender Bender – spezialisiert auf Geschlechtsumwandlungen – er versucht der Steuerfahndung zu entkommen und rechtsstreitet am Ende gegen seinen eigenen Verleger, KONZERN PUBLISHING. Was Engelmann zu einem hervorragenden Comic macht, ist die Tatsache, dass der spitze, schwarze Humor ganz ohne Gestik und Mimik auskommt. Anstatt den Humor plakativ zu präsentieren, macht sich Mahler zum Pointengeber und versteckt die Komik zwischen den Panels: Bei jeder noch so kleinen Anspielung auf das Superhelden-Genre (Superkräfte, Kostüme und Geheimidentitäten) spielt er den Witz dem Gehirn des Lesers zu, indem es KLICK macht; man beginnt innerlich zu schmunzeln. Die Kritik am Comic als Massenmedium steigert das Schmunzeln zu einem ausgewachsenen Lachen. Mit seiner simplizistischen Zeichne zieht sich Mahler sehr weit zurück und legt das volle Augenmerk auf das Spiel mit den Konventionen.

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1. Pinocchio
von Winshluss
avant-verlag
29,95 Euro

Der große Gewinner 2010 ist nicht Winshluss oder gar sein Comic Pinocchio, sondern die Fabulierlust höchst selbst. Ihr huldigt der französische Autor und Zeichner in unnachahmlicher Weise. Sein überdimensionaler Comic beherbergt neben Story aus der gleichnamigen Kinderbuchvorlage von Carlo Collodi zudem noch Winshluss‘ ganz eigene Visionen. Die Ausgangssituation scheint zunächst dieselbe wie im Kinderbuch zu sein: Der kleine Pinocchio soll ein „richtiger kleiner Junge“ werden. Der Rest hat so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem Original: Pinocchio trifft auf eine Welt – voll von sexsüchtigen Zwergen, faschistischen Clowns und Selbstmordpinguinattentätern – die ebenso weit von der Vorlage entfernt ist, wie von unserer aktuellen Realität. Und doch wirkt sie beängstigend bekannt. Aber auch Pinocchio hat sich verändert: Das spröde Holz ist einem Körper aus Metall gewichen und anstelle einer langen Nase besitzt der Kleine ein Arsenal an Waffen. Wie eine kleine Kampfmaschine zieht Pinocchio so komplett stumm durch Winshluss‘ wirre Welt. Was wie ein Märchen beginnt, wird brechend laut und gewalttätig, nur um am Ende feinsinnig zu werden und gar philosophische Töne anzustoßen: Will man in dieser perversen Welt, in der wir leben, überhaupt seine metallene Rüstung ablegen und seine Menschlichkeit durchschimmern lassen? Will man überhaupt ein richtiger kleiner Junge sein?
Das Schönste an dem Comic ist aber die Tatsache, dass an keiner Stelle nur der Hauch einer Hegemann-Debatte aufkommt. Allein am Wühltisch der Märchen und Sagen stehend, fördert Winshluss freudestrahlend eine irrwitzige Idee nach der anderen zu Tage und webt den neuen Stoff in seinen wilden Fabulierungen ein. Viel zu subversiv die Erzählform „Comic“ und gleichzeitig viel zu offensichtlich die Bildzitate, um darüber auch nur ein Wort zu viel zu verlieren. Ein Comic, der neben der Darstellung und der Geschichte auch noch die eigene Erzählform zelebriert und ihre Möglichkeiten offenbart, muss einfach Comic des Jahres werden.
[Rezension bei Comicgate]

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DIE TOP 3 VON THOMAS KÖGEL

Chew Vol. 1-3 (US)
von John Layman und Rob Guillory
Image Comics
je etwa 10,- US-Dollar

Zugegeben, der erste Sammelband von Chew erschien in den USA schon 2009 und die deutsche Fassung von Cross Cult kam nur wenige Tage vor Silvester in die Läden, so dass sie nur wenige noch im alten Jahr lesen konnten. Ich aber habe den ersten Band ganz zu Beginn des Jahres 2010 gelesen und die Bände 2 und 3 ganz zu Ende des Jahres. Und es gibt keine andere derzeit laufende Comicserie, die mich derart gut unterhält. Ausgehend von der charmant-bescheuerten Grundidee eines Polizisten, der beim Essen die komplette Lebensgeschichte des Lebensmittels, das er gerade kaut, wahrnehmen kann, spinnt John Layman einen hakenschlagenden Krimi, der sich nicht fest in einem Genre verorten lässt. Er enthält auch Zutaten aus Verschwörungsthriller, Comedy, Seifenoper, Science-Fiction und Horror, ist vollgepackt mit originellen Ideen und überraschenden Wendungen und bei aller Action, Gags und Spannung kommt niemals die Charakterentwicklung zu kurz. Das stark karikierende Artwork von Rob Guillory betont den komischen Aspekt des Comics, überzeugt aber auch in den ernsthaften Passagen. Große Klasse ist auch das Storytelling von Layman und Guillory, das mit allerhand erzählerischen Tricks arbeitet und sich sehr treffsicher der verschiedensten Stilmittel des Comics bedient. Eine Serie, die durch und durch Spaß macht und auch für 2011 tollen Lesestoff verspricht. 
(Bei Cross Cult ist Ende Dezember 2010 der erste Band auf Deutsch erschienen)

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Scott Pilgrim’s Finest Hour (US)
von Bryan Lee O’Malley
Oni Press
je etwa 12,- US-Dollar oder als Set

Der sechste und letzte Band des Scott Pilgrim-Epos ist nicht der stärkste der Reihe (das dürfte eher Teil 5 sein), aber er enttäuscht nicht und bringt auf würdige Weise eine der besten und unterhaltsamsten Comicserien der „Nuller Jahre“ zum Abschluss. Deshalb soll er hier genannt werden (so wie Peter Jackson seine Herr der Ringe-Oscars ja auch nicht direkt für „Die Rückkehr des Königs“, sondern für die komplette Trilogie bekommen hat). Ich habe in diesem Jahr noch einmal das komplette Werk gelesen – dabei fällt auf, wie sehr sich Bryan Lee O’Malley über die Jahre verbessert hat: Zeichnerisch, erzählerisch, beim Strukturieren seiner Story und seiner Seiten. Aus einem ungestümen, vielversprechenden Talent wurde ein gereifter Comicautor, der aber mit 31 Jahren noch jung genug ist, um von ihm noch einiges erwarten zu können.
(Bei Panini sind bisher drei Bände auf Deutsch erschienen, Band 6 erscheint voraussichtlich Ende 2011)

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Der Geschmack von Chlor
von Bastien Vivès
Reprodukt
18,- Euro

Direkt nach der Lektüre von Der Geschmack von Chlor war ich nicht davon überzeugt, soeben einen der Comics des Jahres gelesen zu haben. Die Liebesgeschichte, die sich ohne viele Worte, leise und unscheinbar in einem Schwimmbad anbahnt, wirkt erst einmal sehr unspektakulär. Aber der Comic hat eine ungeahnte Langzeitwirkung: Er hallt beim Leser nach, bleibt in Erinnerung. Einzelne Szenen, einzelne Bilder, aber auch die emotionale Grundstimmung der Geschichte: alles Dinge, die hängenbleiben. Der Geschmack von Chlor ist am Ende ein Comic, den man zwar schnell durchlesen, aber nicht schnell abhaken kann.
[Rezension bei Comicgate]

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Und als Bonus mein KURZCOMIC DES JAHRES:

Baby’s in Blue
von Mawil
erschienen im Tagesspiegel vom 17.10.2010, auf tagesspiegel.de sowie in Comix 11/2010

Arne Bellstorfs Baby’s in Black hat es zwar nicht ganz auf diese Liste geschafft, gehört aber ebenfalls zu den Höhepunkten des Comicjahres. Sein Kollege Mawil, der sich mit ihm und anderen Zeichnern auf der Comicseite des Tagesspiegel am Sonntag abwechselt, hat mit diesem Kurzcomic eine kleine Hommage geschaffen, die vor allem auch eine sehr amüsante Verneigung vor den Beatles ist. Fast jedes Panel bezieht sich eindeutig auf ein Bild aus der Beatles-Ikonografie, bleibt dabei aber immer ein typisches Mawil-Werk. Und als Satire auf die Geschichte des Kommunismus lässt sich Baby’s in Blue ebenfalls lesen. Dass ein so kurzer Comic auf so vielen Ebenen funktioniert, ist selten und kann nicht hoch genug gelobt werden.

 

 

DIE TOP 3 VON BJÖRN WEDERHAKE

It Was The War of the Trenches (US)
von Jacques Tardi
Fantagraphics
24,99 US-Dollar

Fast dreißig Jahre hat es gedauert, ehe in den USA ein Verlag Tardis vignettenhafte Betrachtungen des Ersten Weltkrieges großformatig, auf dickem Papier und als Hardcover in einem Band gesammelt hat (in Deutschlang gelang das Edition Moderne bereits 2002 unter dem Titel Grabenkrieg). Ein lohnenswertes Unterfangen, denn was Tardi hier schuf, gilt zu Recht als moderner Antikriegs-Klassiker, der den Vergleich mit Remarques Im Westen nichts Neues nicht scheuen muss.
Anders als Garth Ennis, der das Genre des Kriegscomics heute quasi alleine stemmt, hat Tardi kein Interesse an Politik und Strategie, an Kriegsromantik und Feldruhm. Seine Gräben der Westfront werden bevölkert von Karikaturen und plötzlich auftretenden Weißflächen, die so schnell wieder verschwinden – egal ob durch die Kugeln der Boches oder des allgegenwertigen Erschießungskommandos – wie sie aufgetreten sind. Nirgendwo lässt Tardi auch nur die kleinste Spur von Ruhm, Pathos oder Patriotismus durchscheinen. Nirgendwo findet sich die Idee, dass hier ein „beglücktes Häuflein Brüder“ für die Gute Sache kämpft. Auf Tardis Schlachtfeldern krepieren überforderte junge Männer, umgeben von Angst, Hass, Verzweiflung, Wahnsinn und Feigheit. Verlorene Augen, gewonnene Orden. Außer Dreck und Tod gibt es nichts zu holen.
Dabei verzichtet Tardi auf realistische Personendarstellungen. In den ausladend gezeichneten verwüsteten Städten, auf den Friedhöfen, in den Gräben (nach der ersten Geschichte werden die Seiten nicht mehr vertikal in Panels unterteilt) sterben Figuren, die mit dem geschwungenen Strich des Karikaturisten äußerlich oft so sehr stereotyp sind wie innerlich. Und doch, oder vielleicht gerade deshalb, wird Tardis Weigerung, die Augen vor dem Leid, den Verstümmelungen, dem Elend zu verschließen, so effektiv. Zudem hilft es, den Comic zu einer universellen Abrechnung mit jener Idee von Glanz und Gloria des Waffengangs zu machen, die die Nachfahren aller am „Großen Krieg“ beteiligten Parteien gleichermaßen anspricht.

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Parker – The Outfit (IDW)
von Darwyn Cooke
IDW Publishing
24,99 US-Dollar

Während Marvel und DC – frei nach Wile E. Coyote – immer wieder ihre irrwitzigen Pläne vorstellen, wie sie endlich ihre Comics im Buchhandel unterbringen werden, zeigt ausgerechnet IDW (der Verlag, der mit Horrorcomics und den Umsetzungen von Spielwarenfranchises aus den Achtzigern groß wurde) schon zum zweiten Mal, wie ein Comic aussieht, der ohne Weiteres im ernsthaften Buchhandel positionierbar ist. Darwyn Cookes neue Umsetzung von Richard Starks Parker-Romanen kommt wieder in Buchform daher, die ihre Wirkung noch unterstreicht. Wie schon in Parker – The Hunter bewiesen, gibt es keinen Besseren, um diese Geschichten in Comicform zu bringen. Cookes Stil schreit nach Stories, die in den 50ern und 60ern spielen – wie er oft selbst zeigte – und die komplett in Blautönen colorierten Parker-Bände wirken zeitgenössisch, aber nie altbacken.
Literaturcomics sind ein schwieriges Unterfangen: Zu groß ist die Gefahr, die Seiten mit Text zu überladen oder Szenen zu behalten, die zwar in geschriebener Form unabdingbar sind, den Gepflogenheit des Comics aber zuwiderlaufen. Mit The Hunter hat Cooke belegt, dass er sehr wohl fähig ist, das geschriebene Wort mehr als angemessen in Panels unterzubringen. Mit The Outfit geht er den nächsten Schritt und emanzipiert sich völlig. War The Hunter noch eine großartige Literaturumsetzung, so ist The Outfit durch und durch Comic. Statt sich an die Vorlage zu klammern, geht Cooke hier in die Vollen, setzt drei Raubzüge in unterschiedlichsten Zeichenstilen um, baut einen Magazinartikel und Collagen ein, referenziert Monopoly, Pulpmagazine und alte UPA-Cartoons … und das alles erzählerisch so dicht, dass die radikalen Stilwechsel immer die Geschichte tragen, statt den Leser aus ihr herauszureißen. Mehr denn je zeigt Cooke seine Vielseitigkeit und dass er zu Recht als einer der ganz Großen der US-Comicszene gilt. Das hier sind 150 Seiten pures Staunen darüber, wie sicher sich Cooke als Künstler seiner Sache ist … und wieviel Recht er dazu hat. Wenn man mit beladenen Begriffen wie „Graphic Novel“ oder „Comicliteratur“ hantiert, dann bitte bei Comics dieser Güteklasse.
(Eine deutsche Ausgabe der Parker-Bücher ist beim Eichborn Verlag geplant)

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Cover von 75 Jahre DC Comics – The Art of Modern Mythmaking (Taschen Verlag)

75 Years of DC Comics – The Art of Modern Mythmaking
von Paul Levitz
Taschen Verlag
150,- Euro

Gut, kein Comic, sondern Begleitliteratur … aber was für Begleitliteratur! 75 Years of DC Comics ist ein Coffee Table Book für Menschen mit extrem stabilen Kaffeetischen. Mit über 700 Seiten, fast einem halben Meter Höhe und 7 Kilogramm Gewicht (das Buch kommt in einem als Koffer nutzbaren Pappkarton mit einem Tragegriff, der ganz entschieden kein Gimmick ist) kann man dieses Mammutwerk auch nutzen, um osteuropäische Kleinwagen zu stoppen. Dafür spürt man in jedem Gramm die Liebe, mit der zu Werk gegangen wurde: Vom glänzenden Papier über die hervorragende Farbqualität bis zur oft sehr ästhetischen Seitengestaltung, immer ist bemerkbar, dass hier etwas Nachhaltiges geschaffen werden sollte, kein liebloses Cash-In zum Jubiläum. Die Partnerschaft mit dem Kunstbuchverlag Taschen ist dabei ein voller Erfolg. Der Untertitel „The Art of Modern Mythmaking“ zeigt bereits, dass hier kein Understatement zu erwarten ist. 75 Years of DC Comics ist ein durch und durch panegyrisches Werk, in dem Paul Levitz – immerhin vier Jahrzehnte lang eines der Gesichter von DC – sich und dem Verlag offen auf die Schulter klopft. Dann wiederum: Es ist eine Jubiläumsschrift, die nicht wegen Levitz’ chronologisch aufgebautem Essay erworben wird. (Eine gemütliche Leselage ist mit diesem Wälzer ohnehin unmöglich: im Liegen droht ein zerquetschter Schädel, im Sitzen Thrombose. Und als Urlaubslektüre eignet es sich nur, wenn man dafür auf den Koffer mit Kleidung und Reiseapotheke verzichtet.)
Wofür man das Buch kauft, sind die Tausende von Bildern. Die Cover und Comicseiten, die man nie zuvor in dieser Größe und Klarheit sah. Die Sketches und Notizzettel aus dem DC-Archiv, die man zum Teil überhaupt noch nicht sah. Die Photos, Filmbilder, Schallplatten- und Actionfigurenabbildungen, von denen man bisher gar nicht wusste, wie interessant sie sein können. Die Biographien. Die ausklappbaren Zeitleisten. Das Buch ist ein Potpourri aus 75 Jahren, randvoll gefüllt mit kleinen und großen Schätzen. Eine Liebeserklärung an einen Comicverlag, die von der berauschenden Aufmachung her ihresgleichen sucht und selbst Comicfremde ganz schnell in ihren Bann zieht. Bleibt nur zu hoffen, dass Marvel die Telefonnummer von Taschen bereits auf der Schnellwahltaste eingespeichert hat.
[Rezension bei Comicgate]

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Links der Woche: Mit dem Besten und Schlimmsten von 2010

Links der Woche, Ausgabe 1/2011: Täglich stoßen wir im Netz auf interessante neue Texte über Comics, neue Interviews und Features, neue Webcomics, Forendiskussionen und Videos. Diese neue Rubrik sammelt einmal pro Woche (wenn nichts dazwischenkommt, immer freitags) eine kleine Auswahl lohnender Links. Hier unsere ersten Empfehlungen:

 

The Wormworld Saga, Chapter 1: The Last Day of School
Daniel Lieske
Der in Nordrhein-Westfalen lebende Illustrator und Designer Daniel Lieske arbeitet seit etwa einem Jahr an einem größeren Webcomic-Projekt, dessen Entstehung er auf seinem Blog dokumentiert. An Weihnachten ging nun das erste Kapitel seiner Wormworld Saga online: Im Zentrum steht ein kleiner Junge, der ständig Tagträumen nachgeht und große Angst vor Feuer hat. Neben der sehr schicken Optik, die an Animationsfilme erinnert, fällt vor allem das Format auf: Man klickt sich nicht von Seite zu Seite, sondern scrollt auf einer sehr sehr langen Seite von unten nach oben – ein Stilmittel, das Lieske sehr effektiv zu nutzen weiß. Entwickelt wurde das ganze Projekt komplett auf Englisch, es gibt also (noch?) keine deutsche Fassung. Die internationale Ausrichtung beschert ihm dafür ein großes Publikum: Spätestens, seitdem der Webcomic von BoingBoing empfohlen wurde, klettern die Zugriffszahlen in stolze Höhen und sind inzwischen im sechsstelligen Bereich.

Schluss mit „Strizz“: Das große Volker-Reiche-Interview
F.A.Z.-Comic-Blog, Andreas Platthaus
Nach über acht Jahren beendet Volker Reiche seinen Comic Strizz in der Frankfurter Allgemeinen. Zum Abschluss interviewt ihn der zuständige Redakteur Andreas Platthaus. In Zukunft wird sich Reiche wohl an Roman versuchen, und ergänzt: „Was ich mir aber gut vorstellen könnte, wäre, einen Roman und gleichzeitig eine Comicversion davon zu veröffentlichen. Das wäre ein hochinteressantes Experiment.“

Auf den Schneespuren von Tim und Struppi
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Nicht nur Strizz, zuletzt nur noch samstags in der FAZ, ist abgeschlossen, auch der werktägliche Strip Das Variable Kalendarium ging zuende. Nachfolger für die nächsten acht Wochen ist der Abenteuercomic Das Tagebuch des Ricardo Castillo von Alexis Martinez und Gunther Brodhecker, der im 18. Jahrhundert in Kanada spielt.

Kafka in Bildern: Trends auf dem deutschen Comicmarkt
Deutschlandradio Kultur, Volkhard App
Im Magazin Fazit versucht das Deutschlandradio einen Rundumschlag zum aktuellen Stand des Comicmarktes. Zu Wort kommen Kai-Steffen Schwarz, Michael Groenewald, Eckart Sackmann und eine Buchhändlerin. Der Beitrag (5:45 Minuten) steht auch als Audio-Stream und als MP3 zum Download zur Verfügung.

Die TITEL-Top-Ten
Titel Magazin
Die Redaktions-Favoriten des Jahres in Form von drei Listen: Die 10 besten Neuerscheinungen, Die 10 besten Wiederveröffentlichungen und Die 3 besten Bücher über Comics.

Teuflisch gut
Der Tagesspiegel
Der Tagesspiegel fragte seine Leser nach ihren Lieblingscomics und präsentiert deren Antworten, inklusive Begründungen.

The 5 Worst Comics of 2010
Comics Alliance
Die Redaktion von Comics Alliance präsentiert ihre Auswahl der fünf miesesten Comics des Jahres. Weil Platz 5 zweimal vergeben wurde, sind es eigentlich sechs. Vier davon stammen von DC Comics.

Bonhoeffer

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Bonhoeffer-CoverBonhoeffer – der Name stieß beim Rezensenten nur auf ein sehr vages Vorwissen. Hatte der nicht irgendwie was zu tun mit dem Dritten Reich? Mit dem Widerstand gegen die Nazis? Oder nein – war’s nicht doch eher ein bedeutender Theologe? Letztendlich erwiesen sich sogar beide Gedächtnisbruchstücke als richtig: Bonhoeffer – Dietrich mit Vornamen – war evangelischer Theologe und Pfarrer und innerhalb der protestantischen Kirche einer der Wortführer der Opposition gegen das Hitler-Regime.

Nicht gerade die leichteste Kost, die sich Moritz Stetter für sein Lang-Comic-Debüt ausgesucht hat. Thematisch stellt Bonhoeffer gleichsam eine Seltenheit für eine deutsche Comicproduktion dar; scheint doch unter deutschen Comicschaffenden auch im 21. Jahrhundert noch immer eine gewisse Scheu zu existieren, sich mit dem Thema ‚Drittes Reich‘ künstlerisch auseinander zu setzen. Abgesehen von Isabel Kreitz‘ Die Sache mit Sorge und der Romanadaption Der Dritte Frühling von Gerlinde Althoff und Christoph Heuer stammen alle Comicwerke über die Nazi-Zeit aus dem Ausland. Man denke nur an die jüngst erschiene Anne-Frank-Biografie von Sid Jacobson und Ernie Colon, Yossel von Joe Kubert, Adolf von Osamu Tezuka, Unter dem Hakenkreuz von Beuriot und Richelle und natürlich Art Spiegelmanns Maus.

Stetters erzählerische Herangehensweise ist eine altbewährte: Die Geschichte beginnt mit dem bereits von den Nazis inhaftierten Bonhoeffer, der sich an sein Leben erinnert und anlässlich seiner Verhöre Revue passieren lässt, wie er sich innerhalb des letzten Jahrzehnts vom reformwütigen und zuweilen eitlen Theologen zum politischen Widerstandskämpfer wandelte. Die Annäherung an den Menschen Dietrich Bonhoeffer gelingt dabei – zumindest in Teilen. Vor allem durch den beständigen Einbau von Original-Zitaten – oft voller priesterlichem Pathos, doch immer klar verständlich – bekommt der Leser einen gewissen Eindruck von der Gedankenwelt dieses Mannes, der als evangelischer Reformer begann und als Widerstandskämpfer endete.

Seite aus BonhoefferLeider werden viele interessante Aspekte von Bonhoeffers Geschichte nur streiflichtartig angerissen, wichtige Entwicklungen oft nur in kurzen Texten abgehandelt. Die gut 100 gezeichneten Seiten scheinen einfach nicht genug zu sein, um einer komplexen Figur wie Bonhoeffer inmitten einer der größten politischen Tragödien der Geschichte, vollends gerecht zu werden. Für andere Figuren – darunter Bonhoeffers Verwandte und Weggefährten– bleibt dementsprechend noch weniger Raum und oft beschränkt sich ihr Anteil nur auf marginale Kurzauftritte. Auch Bonhoeffers Beziehung mit der 18 Jahre jüngeren Maria von Wedemeyer, mit der er sich wenige Monate vor seiner Verhaftung verlobte, wird nur minimaler Platz eingeräumt. Andererseits muss ausdrücklich gelobt werden, wie gekonnt Stetter eine Fülle an Ereignissen und geschichtlichen Wendepunkten in der Geschichte verarbeitet und einem die nicht einfach zu erfassende Persönlichkeit Dietrich Bonhoeffers zugleich etwas näher bringt.

In Sachen grafischer Umsetzung ist Bonhoeffer vor allem eins: abwechslungsreich. Immer wieder wird das klassische, routiniert angelegte Seitenlayout abgelöst von ganzseitigen Portraitbildern oder abstrakten Bildkompositionen über ein bis zwei Seiten, mit denen der Künstler die schwer fassbaren Verbrechen der Nationalsozialisten, den Schrecken des Krieges und Bonhoeffers Gefühle darstellt. Gerade letztere Seiten sorgen immer wieder für die nötigen emotionalen Höhepunkte der Erzählung.

Im direkten Vergleich mit den semi-realistischen Portraits und kunstvollen Seite aus Bonhoefferdüster-abstrakten Einschüben fällt der eher einfach gehaltene ‚Hauptzeichenstil‘ jedoch merklich ab. Es ist dabei gar nicht die relative Schlichtheit des Strichs, die stört – haben doch KünstlerInnen wie Marjanne Satrapi eindrucksvoll bewiesen, dass einfach gehaltene Zeichnungen und ernste, geschichtlich-politische Themen kein Widerspruch sein müssen – sondern die immer wieder durchbrechende, unübersehbare stilistische Nähe zu Cartoons/Funnies. Hinzu kommt, dass die Qualität der Zeichnungen immer wieder schwankt. In guten Momenten erinnern die Figuren an Joe Saccos Arbeit, in schlechten an klobig gezeichnete Cartoonhelden. Die oft eingesetzten groben Raster erzeugen zudem des Öfteren eine unpassende Pop-Art-Atmosphäre. Daneben wäre es begrüßenswert gewesen, wenn der Verlag dem Comic ein angemessenes Lettering spendiert hätte. So bleibt es bei einem Schrifttyp von der Stange – den Stetter aber immerhin an passenden Stellen mit nachgemachter Hand- und Schreibmaschinenschrift auflockert.

Aller Kritik zum Trotz – zwei Dinge sind mit Bonhoeffer auf jeden Fall gelungen. Zum einen hat Stetter eine anschauliche und leicht zugängliche Auseinandersetzung mit einer interessanten und wichtigen Figur der jüngeren deutschen Geschichte abgeliefert. Für die erstmalige Beschäftigung mit den Themen Bonhoeffer und Widerstand gegen die Nazis innerhalb der protestantischen Kirche ist diese Comicbiografie annähernd perfekt geeignet. Darüber hinaus machen die gelungenen Aspekte der Comicerzählung aber auch gespannt auf Stetters nächsten Comic, in dem laut Begleit-Blog zum Bonhoeffer-Projekt „viel Sonne […] und Rock’n’Roll, und Freiheit, und Lust am Leben“ stecken sollen. Ich erlaube mir die Vermutung, dass in diesem Fall Inhalt und Zeichenstil noch eine ganze Spur besser harmonieren werden.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Ambitionierte und flüssig erzählte, jedoch zeichnerisch etwas unebene Comicbiografie 

 

Bonhoeffer  
Gütersloher Verlagshaus, September 2010
Text & Zeichnungen: Moritz Stetter
112 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 14,99 Euro
ISBN:
978-3-579-07050-6 
Leseprobe

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Abbildungen © Moritz Stetter/Gütersloher Verlagshaus