In unserem monatlichen Rückblick auf die aktuellen Comic-Novitäten gibt es diesmal unter anderem zwei Comics von Daniel Clowes, Neues von Jule K., Lewis Trondheim und Juan Giménez, eine hochgelobte neue US-Serie und einen Superhelden-Comic, der von der Kritik fast einhellig verrissen wurde.

HIGHLIGHT DES MONATS
Daniel Clowes gehört seit Jahren zu den wichtigsten Vertretern des anspruchsvollen amerikanischen Autorencomics. In Deutschland allerdings gab es bisher nie sonderlich viel von ihm zu lesen, abgesehen von seinem Comic Ghost World, der auch verfilmt wurde. Nun kamen fast zeitgleich zwei Clowes-Bücher auf Deutsch heraus: Wilson erscheint im Eichborn Verlag und ist Clowes‘ aktuellster Comic. Er beschreibt in einer Ansammlung von One-Pagern das Leben eines Sonderlings und Außenseiters, dessen Vater gerade gestorben ist und der von seiner Ex-Frau erfährt, dass er eine Tochter hat. Eine Leseprobe gibt’s hier.
Reprodukt, Clowes‘ Stammverlag in Deutschland, veröffentlicht die Graphic Novel David Boring, die in den USA schon im Jahr 2000 erschienen ist. Hier geht es um einen jungen Mann, der vom Land in die Großstadt zieht und wider Willen in einen Kriminalfall verwickelt wird. Vorschauseiten sind hier zu sehen.
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EIGENPRODUKTIONEN
Eine liebeskummerkranke Comicladenbesitzerin kommt in eine Liebesentzugsklinik namens „Heartbreak Hospital“. Das ist der Plot von Jule K.s neuem Comic Love Rehab (Edition 52), nach eigener Aussage „eine Pflichtlektüre für jeden, der schon mal Liebeskummer hatte.“ Jules sehr spezieller, kindlich-naiv-romantischer Stil dürfte zu dieser Geschichte hervorragend passen.
Ein Angebot für Liebhaber ist der Mecki Sonderband: Das fehlende Abenteuer, der bei JNK in limitierter Auflage erschienen ist. Er enthält eine bisher unveröffentlichte Mecki-Geschichte von Reinhold Escher aus dem Jahr 1977. Neben dem eigentlichen Comic findet man in dem Band auch Entwürfe, Vorzeichnungen, das Skript usw. und kann so den kompletten Entstehungsprozess nachvollziehen.
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AUS FRANKREICH UND BELGIEN
Nach Der Geschmack von Chlor im letzten Frühjahr brachte Reprodukt nun schon den zweiten Comic des jungen Franzosen Bastien Vivès: In meinen Augen erzählt eine Liebesgeschichte konsequent aus dem subjektiven Blickwinkel des „Ich-Erzählers“, den man weder zu sehen noch zu hören bekommt. Unser Rezensent Benjamin Vogt war sehr angetan und nahm den Titel in seine Top-Comics 2010 auf. Die Leseprobe ist hier zu finden.
Lewis Trondheim führt seit einigen Jahren eine Art gezeichnetes Online-Tagebuch auf seiner Website: Les petits riens, Kleine Nichtigkeiten, nennt er diese kurzen Alltagsepisoden. Im Netz sind sie nicht als vollständiges Archiv zugänglich, sondern verblassen nach und nach. Gesammelt werden sie dafür in Büchern, von denen in Frankreich bereits drei erschienen sind. Das erste gibt’s nun auf Deutsch bei Reprodukt und heißt Nichtigkeiten: Der Fluch des Regenschirms. Kostproben hier.
Genau wie Trondheim darf man auch Blutch zu den wichtigen Erneuerern des französischen Comics zählen. Beim Avant-Verlag erschien mit Peplum ein Comic, der in der Antike spielt, teilweise auf dem Satyricon des römischen Dichters Petronius beruht und bei der laut Verlagsinfo „die Grausameit der antiken Welt, die Unterdrückung und die Qual im Mittelpunkt“ stehen (Leseprobe als PDF).
Mit Jazz Maynard erschien im Dezember der zweite Titel aus dem neuen Verlag Nona Arte. Der Comic – ein Noir-Krimi, der in Barcelona spielt – stammt von den Spaniern Raule und Roger und wurde zuerst in Frankreich als Albenreihe veröffentlicht, von der es bisher drei Teile gibt. Bei uns erscheinen die ersten drei Alben in einem Band. Auf jazzmaynard.com gibt es zahlreiche Infos (auch in englischer Sprache) zu lesen und Zeichnungen zu sehen.
Bei Finix Comics werden mittlerweile nicht nur Serien abgeschlossen, die anderswo vorzeitig abgebrochen wurden, in der „Edition Solitaire“ gibt es zwischendurch auch deutsche Ausgaben von Einzelbänden. Das neueste Werk in dieser Sparte ist Wer Wind sät von Laurent Galandon und Cyril Bonin, eine Geschichte vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die von einem französischen Dorf erzählt, in dem sich eine Gruppe von Roma ansiedelt. Hier gibt’s eine Leseprobe.
Von Oh diese Mädchen!, als Einzelband im Splitter-Book-Format erschienen, war unser Rezensent Jons Marek Schiemann völlig begeistert. Der Comic erzählt die Lebensgeschichten dreier Freundinnen, die recht wenig gemeinsam haben und hat – im Gegensatz zu den meisten anderen Splitter-Comics – eine sehr realistische, in der „echten“ Welt angesiedelte Story. Die ersten Seiten kann man hier lesen.
Die Alben-Reihe Eco Warriors könnte man als „Thriller mit Tierschützern“ beschreiben. So ganz klar ist die Marschrichtung der Serie allerdings noch nicht, wie man auch in unserer Rezension lesen kann (Leseprobe).
Das Historiendrama Der tönerne Thron (ebenfalls Splitter) von den Autoren Nicolas Jarry und France Richemond und den Zeichnern Theo (Der schreickliche Papst) und Lorenzo Pieri ist auf sieben Teile angelegt und spielt 1418 während des Hundertjährigen Krieges, in dem Frankreich gegen England kämpfte, aber auch innerhalb Frankreichs Krieg geführt wurde. Hier eine Leseprobe.
Fantasy-Fans bekamen im Dezember von Splitter gleich zwei neue Serien aufgetischt: Im dreiteiligen Ich, der Drache darf Starzeichner Juan Giménez, sonst eher auf Science Fiction abonniert, auch mal Ritter, Schwertkämpfe und Drachen zeichnen. Hier eine Kostprobe. Und der Vierteiler Die Herren von Cornwall von Sylvain Cordurié und Alessio Lapo mischt Fantasy-Elemente mit mittelalterlicher Historie, Versatzstücken der Artussage und der Geschichte von Tristan und Isolde (Leseprobe).
Carlsen Comics startete im Dezember die lange erwartete Gesamtausgabe des SF-Comic-Klassikers Valerian & Veronique von Pierre Christin, der im vergangenen Jahr den Max-und-Moritz für sein Lebenswerk erhalten hat, und Zeichner Jean-Claude Mézières. Die Gesamtausgabe erscheint im Halbjahresrhythmus und enthält jeweils drei Originalalben plus Bonusmaterial.
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AUS SPANIEN
Im ZACK-Magazin wurde letzten Sommer ein Fortsetzungscomic namens Solo abgedruckt, in dem es um die Jugendjahre einer Ratte geht, die in einer recht blutrünstigen Endzeitwelt lebt. Bevor Zeichner und Autor Oscar Martin (Die Gilde) diese Story schuf, hatte er diese Ratte auch schon als Erwachsenen porträtiert, in einem schwarz-weißen Comic. Diesen gibt es nun in der ZACK-Edition als limitierten Band in kleiner Auflage unter dem Titel Solo: Kannibalenwelt. Dieser Video-Trailer gibt einen Vorgeschmack:
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AUS DEN USA
Chew, eine Image-Serie von John Layman und Rob Guillory, war in den USA der Überraschungshit des Jahres 2009. Gute Kritiken, überdurchschnittliche Verkaufszahlen, zahlreiche Preise. Der wilde, ebenso humorvolle wie spannende Genre-Mix dreht sich um den Polizisten Tony Chu, der eine besondere Fähigkeit hat: Bei jeder Mahlzeit erfährt er die Lebensgeschichte dessen, was er gerade im Mund hat. Bei Bananen oder Orangen mag das romantisch sein, bei einem Hamburger eher eklig. Bei Mordfällen aber ist es sehr praktisch – auch wenn man dann vielleicht mal an einem Leichenteil nagen muss. Erfreulicherweise gibt es die Serie (die zu meinen persönlichen Topcomics 2010 zählt) nun auch auf Deutsch bei Cross Cult, wo man die Doppeldeutigkeit des Titels recht erfolgreich in den Untertitel gepackt hat: Chew – Bulle mit Biss. Eine Leseprobe steht bei der Frankfurter Rundschau.
In den 80er Jahren startete Zeichner und Autor Dave Stevens die nostalgische, an die Hochphase der Pulp-Ära erinnernde Comicserie The Rocketeer. Obwohl sie nur ein kurzes Leben hatte, genießt sie bei vielen Fans bis heute Kultstatus. Der US-Verlag IDW veröffentlichte 2009 eine hochwertige Gesamtausgabe, der man eine zeitgemäße Kolorierung von Laura Martin verpasste. Diese Ausgabe gibt’s nun bei Cross Cult auf Deutsch, ergänzt mit einem ausführlichen Begleittext von Christian Endres, den man auch beim Tagesspiegel lesen kann. Eine Leseprobe gibt es bei myComics und unsere Rezension steht hier.
Der mit allen verfügbaren Mitteln der Hype-Maschinerie startende Film Tron Legacy aus dem Disney-Konzern wird auch mit einer Comic-Veröffentlichung begleitet. Tron Legacy – Der Comic zum Film (Ehapa) ist eine direkte Adaption, die die Geschichte des Films erzählt. Wesentlich mehr Infos gibt es nicht, außer dass derBand wohl von den italienischen Disney-Comicstudios produziert wurde. Die Zeichner und Texter haben auch schon fürs Lustige Taschenbuch gearbeitet.
In der Reihe DC Premium bringt Panini die Miniserie Justice League: Cry for Justice von James Robinson und den Zeichnern Mauro Cascioli und Scott Clark. Robinson genießt für seine Serie Starman hohes Ansehen bei vielen Comicfans, für Cry for Justice musste er jedoch eine Menge Prügel einstecken – so viel, dass sogar die New York Times darauf aufmerksam wurde. Bemängelt wurde vor allem ein absurd hohes Gewaltlevel und die Tatsache, dass Robinson seine Superhelden Dinge tun lässt, die bisher mehr oder weniger undenkbar waren. Dass Robinson trotzdem für einen Eisner Award nominiert wurde, sorgte dann nur noch für höhnische Kommentare in der amerikanischen Comic-Blogosphäre. Bei myComics ist das komplette erste Kapitel verfügbar.
Obwohl das Marvel-Superheldenuniversum erst 1961 mit der ersten Ausgabe der Fantastic Four geboren wurde, reicht die Verlagsgeschichte noch weiter zurück. Schon in den 30er und 40er Jahren gab es (beim Vorläufer-Verlag Timely Comics) die ersten Auftritte von Captain America und anderen Helden. Zum 70. Geburtstag von Marvel schrieb Ed Brubaker die Miniserie The Marvels Project und versuchte, zusammen mit Zeichner Steve Epting, Golden-Age-Nostalgie mit dem modernen Comic-Storytelling zusammenzubringen. Jetzt auf Deutsch bei Panini in Marvel Exklusiv 89: Das Marvels-Projekt: Die Geburt der Superhelden (Leseprobe bei myComics).
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AUS ASIEN
EMA bringt (nach Abara im November) schon die nächste Manga-Serie von Blame!-Schöpfer Tsutomu Nihei. Knights of Sidonia baut direkt auf dem Setting von Abara auf, soll aber laut Verlag nicht ganz so düstere Science Fiction, sondern „etwas heiterer“ sein.
Auch der Mangasektor hat inzwischen seine Klassiker, die man in höherwertigen Neuauflagen nochmal veröffentlichen kann. So macht es Carlsen jetzt mit dem mystischen Mädchen-Manga Angel Sanctuary von Kaori Yuki, in Deutschland erstmals erschienen zwischen 2001 und 2004. Bei Angel Sanctuary Deluxe gibt es für 14,90 Euro zwei Orignalbände in einem Hardcover-Band mit größerem Format, geprägtem Hardcover mit Silberlogo, farbigen Illustrationen und redaktionellen Seiten.
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SEKUNDÄRLITERATUR
Die 53. Ausgabe des Fachmagazins Reddition aus der Edition Alfons beschäftigt sich ausschließlich und umfangreich mit Will Eisner, der mehr als einmal prägenden Einfluss auf die Comichistorie hatte. Neben Bio- und Bibliografie und Artikeln zum Spirit und zu Eisners Einfluss auf den Begriff „Graphic Novel“ gibt es u.a. auch Aufsätze über Eisners Zeichentheorie und den jüdischen Aspekt in seinem Werk. Inhaltsverzeichnis und Leseproben auf reddition.de.
Bei Carlsen erschien das dritte Buch in Kim Schmidts Comiczeichenkurs-Reihe, die sich vor allem an jugendliche Anfänger richtet: Das Comiczeichenkurs Workbook versteht sich als „Übungsbuch zum Reinzeichnen“, soll also ganz praktisch ge- und benutzt werden. Als Sonderausstattung gibt es im Buch teilweise halbtransparente Seiten.

Über die polnische Comicszene weiß ich nicht besonders viel – eigentlich nur, dass sie existiert. Bekannt ist, dass es ein jährliches Comicfestival in Lodz gibt und eine Reihe von Comicverlagen, bei denen auch schon Werke des einen oder anderen deutschen Künstlers, wie Mawil oder Sascha Hommer, publiziert wurden.
Für grafische Abwechslung sorgen die merklichen Unterschiede in Sachen Farbgebung – insgesamt waren vier unterschiedliche Koloristen am Werk – sowie die mehr oder weniger starke (und gelungene) Variation von Nowackis Zeichenstil in den einzelnen Geschichten.
Eines wird dabei sehr deutlich: Einige der besten Geschichten schreibt das Leben selbst. Und dieser Band ist ein Meisterwerk. Das Leben ist ein Abenteuer, das mit jedem Tag neu bestanden werden muss. Kindheit in ihren unterschiedlichen Perioden und Konstellationen hat ihre ganz eigene Herausforderung und die Autoren sind immer nah dran. Sehr sensibel wird die Geschichte erzählt, ohne jemals in Extreme zu verfallen. Das tut dem Band nur gut. Niemals gerät er ins Kitschige oder Pathetische und lässt die Kinder auch nicht in bösartige Gefilde treiben, wie etwa Drogenkonsum. So ergeben sich wunderschöne, rührende, traurige und witzige Szenen.
von zwei jungen Filmschaffenden aufgesucht. Er soll ihnen seine Geschichte erzählen, denn Ninella ist einer der letzten Zeitzeugen der systematischen Deportation Homosexueller, die ab 1938 in Italien Realität war. Damals wurden circa 300 Italiener aufgrund ihrer Sexualität auf
Eine gewisse Ambivalenz hinterließ bei mir in jedem Fall die im hinteren Teil des Bandes abgedruckte „Notwendige Anmerkung“ von Comicexperte Andreas C. Knigge. Sehr erfreulich ist ja, dass Knigge auf ausführliche Weise weiterführende Informationen zum zeitgeschichtlichen Kontext liefert. Nur die Art und Weise empfinde ich persönlich als unsachlich (was nicht als unseriös oder faktisch falsch verstanden werden soll): Das fängt bei der Kopfleiste an, bei der der Leser direkt mit dem Holzhammer (oder der moralischen Keule, wenn man so will) darauf gestoßen wird, dass die folgenden Ausführungen ja „notwendig“ seien, bevor Knigge dann ansetzt zur umfassenden Geschichtsstunde über die Verfolgung und Diskriminierung der Homosexuellen. Das funktioniert aber nur teilweise gut. Erstens, weil vieles von dem Gesagten nur marginal in den historischen Rahmen der Umstände fällt, die zu den in diesem Buch geschilderten Ereignissen führten; und weil zweitens der Verfasser sich zu viel vornimmt, wenn er dann irgendwann den Bogen krampfhaft ins Hier und Heute spannen will, indem er die Piusbruderschaft und Papst Benedikt zitiert. Dazu passt dann konsequenterweise auch, dass im vorletzten Absatz ein Sinnspruch Bertolt Brechts eingebracht und dem Leser am Schluss gar eine take-home-message mit auf den Weg gegeben wird (die innere Emigration sei ja, so Knigge, immerhin auch ein grausames Los).
Nach einer etwas längeren Wartezeit kommt der zweite Band und Abschluss von Die Welt von Lucie als Splitter Book heraus. Auch der zweite Band ist recht voluminös geworden und der Leser freut sich auf die Beantwortung der vielen Fragen, die im
Ein Großteil der Rätsel bleibt und vieles geschieht nicht im Bild, sondern quasi Off-Panel. Das erfordert eine ziemlich aktive Teilnahme des Lesers, was zwar seinen Reiz hat, nur möchte man dann auch zwischendurch ein kleines Leckerli haben. Einige Szenen, die zur Erholung dienen. Doch leider kommen die nicht. Merkwürdigerweise kommt vieles sehr undramatisch daher, auch potentiell dramatische Enthüllungen werden eher nebenbei abgehandelt. Action wird komplett weggelassen und es wird nur indirekt von ihr erzählt. Auch dass einer der Schurken stirbt, wird nur erwähnt! Nichts von der Action wird gezeigt und damit tröpfelt die Handlung dahin. Was das alles noch viel schwieriger macht, sind die vielen wechselnden Zeit- und Erzählebenen, die nicht immer graphisch, etwa durch Umrandungen oder wechselnde Farben, kenntlich gemacht werden. Dadurch fällt die Einordnung sehr schwer.
Wie schon vor einem Jahr stellen an dieser Stelle Comicgate-Redakteure ihre ganz persönlichen Lieblingscomics des abgelaufenen Jahres vor. Subjektiv und ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit – hier sind unsere Topcomics 2010!
3. Quintos
1. Alpha Directions
3. Gift
2. Rembetiko
1. Kapitän Scharlach
2. Engelmann
1. Pinocchio
Chew Vol. 1-3 (US)
Scott Pilgrim’s Finest Hour (US)
Der Geschmack von Chlor
It Was The War of the Trenches (US)
Parker – The Outfit (IDW)

Bonhoeffer – der Name stieß beim Rezensenten nur auf ein sehr vages Vorwissen. Hatte der nicht irgendwie was zu tun mit dem Dritten Reich? Mit dem Widerstand gegen die Nazis? Oder nein – war’s nicht doch eher ein bedeutender Theologe? Letztendlich erwiesen sich sogar beide Gedächtnisbruchstücke als richtig: Bonhoeffer – Dietrich mit Vornamen – war evangelischer Theologe und Pfarrer und innerhalb der protestantischen Kirche einer der Wortführer der Opposition gegen das Hitler-Regime.
Leider werden viele interessante Aspekte von Bonhoeffers Geschichte nur streiflichtartig angerissen, wichtige Entwicklungen oft nur in kurzen Texten abgehandelt. Die gut 100 gezeichneten Seiten scheinen einfach nicht genug zu sein, um einer komplexen Figur wie Bonhoeffer inmitten einer der größten politischen Tragödien der Geschichte, vollends gerecht zu werden. Für andere Figuren – darunter Bonhoeffers Verwandte und Weggefährten– bleibt dementsprechend noch weniger Raum und oft beschränkt sich ihr Anteil nur auf marginale Kurzauftritte. Auch Bonhoeffers Beziehung mit der 18 Jahre jüngeren Maria von Wedemeyer, mit der er sich wenige Monate vor seiner Verhaftung verlobte, wird nur minimaler Platz eingeräumt. Andererseits muss ausdrücklich gelobt werden, wie gekonnt Stetter eine Fülle an Ereignissen und geschichtlichen Wendepunkten in der Geschichte verarbeitet und einem die nicht einfach zu erfassende Persönlichkeit Dietrich Bonhoeffers zugleich etwas näher bringt.
düster-abstrakten Einschüben fällt der eher einfach gehaltene ‚Hauptzeichenstil‘ jedoch merklich ab. Es ist dabei gar nicht die relative Schlichtheit des Strichs, die stört – haben doch KünstlerInnen wie Marjanne Satrapi eindrucksvoll bewiesen, dass einfach gehaltene Zeichnungen und ernste, geschichtlich-politische Themen kein Widerspruch sein müssen – sondern die immer wieder durchbrechende, unübersehbare stilistische Nähe zu Cartoons/Funnies. Hinzu kommt, dass die Qualität der Zeichnungen immer wieder schwankt. In guten Momenten erinnern die Figuren an Joe Saccos Arbeit, in schlechten an klobig gezeichnete Cartoonhelden. Die oft eingesetzten groben Raster erzeugen zudem des Öfteren eine unpassende Pop-Art-Atmosphäre. Daneben wäre es begrüßenswert gewesen, wenn der Verlag dem Comic ein angemessenes Lettering spendiert hätte. So bleibt es bei einem Schrifttyp von der Stange – den Stetter aber immerhin an passenden Stellen mit nachgemachter Hand- und Schreibmaschinenschrift auflockert.