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Raj 2 – Ein orientalischer Gentleman

Das französische Duo Conrad und Wilbur legt mit dem Album „Ein orientalischer Gentleman“ die Fortsetzung und den Abschluss der Story aus dem ersten Band von Raj, „Die Verschwundenen der Goldenen Stadt“ vor (den man übrigens dringend gelesen haben sollte, wenn man diesen zweiten Band verstehen möchte).

Alexander Martin, ein junger Agent der britischen Kolonialverwaltung in Bombay, gelangt mit seinem Partner Longfellow und der eigenwilligen Inderin Ayesha auf die Elephanteninsel, um Longfellows Onkel vor einem geheimnisvollen Mörder und Kidnapper zu retten, der bereits mehrere hochrangige Kolonialbeamte entführt und ermordet hat. Auf der Insel finden sie jemanden, der ihnen näheres über die jüngsten Geschehnisse mitteilen kann. Nachdem ihnen klar wurde, wer hinter den letzten Verbrechen steckt, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit und um das Leben von Longfellows Onkel.

Zeichnerisch ist Raj ganz im Stil der „Ligne Claire“ gehalten, deren kennzeichnende Merkmale präzise Konturen und flächige einfarbige Kolorierungen sind. Deren bekanntester Vertreter ist natürlich Hergé (Tim und Struppi). Die Kolorierung ist hier sehr gelungen, weiß aber nicht sonderlich aufzufallen. Auch stehen die Zeichnungen voll und ganz im Dienste der Story und vermeiden Auffälligkeiten, die von der Geschichte ablenken könnten.

Leider weiß man nicht so recht, an welche Zielgruppe sich dieser Comic eigentlich richtet. Die schlicht gehaltenen Zeichnungen und manche Slapstickeinlagen dürfte auch ein junges Publikum ziemlich ansprechen. Dem entgegen stehen aber die komplizierte Story und die mangelnde Action. Der manchmal auftrumpfende Wortwitz ist ebenfalls eher für ein älteres Publikum geeignet. Vor allem die erste Hälfte dieses Bandes ist sehr lahm und besteht überwiegend aus Dialogen. Und die sind dem Medium in diesem Falle leider abträglich. Die Deduktion dreier Personen, und die darauffolgende Erkenntnis wer der Verbrecher ist, funktioniert in einem Roman hervorragend. Man kann diese Szenen durchaus als Hommage und als eine zeitliche Einordnung begreifen, da vor allem in den englischen Kriminalromanen jener Zeit, etwa bei Agatha Christie, so verfahren wurde. Aber ein Comic muss dafür geeignete Bilder finden, und das gelingt hier leider nicht.

Einige Rückblenden lockern das Ganze zwar auf, wirken aber gleichzeitig ein bisschen hilflos. Als hätten die Autoren erkannt, dass sie Abwechslung bieten müssen, und nun krampfhaft Einsprengsel einbauen. Durch den völligen Verzicht auf Action in dieser Phase der Erzählung gerät die Auflösung recht unbefriedigend. Vor allem, weil man das Gefühl hat, dass die Protagonisten schon eher darauf hätten kommen können, wenn sie sich nur die Zeit zum Nachdenken genommen hätten. Die zweite Hälfte des Comics ist dann aber sehr viel actionreicher und bietet auch einiges an Schauwerten. Generell ist die Identität des Mörders, die hier nicht verraten werden soll, eine kaum verschleierte Parabel auf den Kolonialismus an sich. Durch den Imperialismus wurden Identitäten zerstört, die sich mühsam und oftmals mit Gewalt wieder zusammenfügen mussten. Und das betrifft nicht nur Staaten. Lobenswert an der Serie Raj ist die gelungene Schilderung des kolonialen Lebens in Bombay, ohne jemals einer gewissen „Kolonialromantik“ zum Opfer zu fallen.

 

Wertung6 von 10 Punkten

Sehr behäbig, mit viel Dialog und einer enttäuschenden Auflösung des komplizierten Falles.


Raj 2 – Ein orientalischer Gentleman
Carlsen Comics, November 2010
Text: Wilbur / Didier Conrad
Zeichnungen: Didier Conrad
48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 12, 00 Euro
ISBN: 978-3-551-78202-1

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Links der Woche: Mit Videos aus Angoulême und einem toten Superheld

Unsere Links der Woche, Ausgabe 4/2011: 

Arte Journal in Angoulême
arte.tv
Seit gestern läuft wieder das „Festival international de la bande dessinée“ in Angoulême, Europas größtes und wichtigstes Comicfestival. Unter der Präsidentschaft des letztjährigen Grand-Prix-Gewinners Baru gibt es zahlreiche Veranstaltungen, Ausstellungen usw. Der deutsch-französische Kulturkanal Arte berichtet recht umfangreich vom Festival, spricht mit Künstlern und stellt die in der „Sélection Officielle“ nominierten Comics vor. Die Videobeiträge sind auf der Arte-Homepage abrufbar.

Editorial ZACK 2/2011
Comicforum, Georg F.W. Tempel
Im Editorial der aktuellen ZACK-Ausgabe sinniert Chefredakteur Georg Tempel über „ein gemeinsames Comic-Einkaufsportal“ der Verlage anstellle der vielen einzelnen kleinen Online-Shops, die die meisten Comicverlage unterhalten. „Warum Amazon oder anderen Onlinehändlern die großen Margen überlassen?“ Dass so ein Vorschlag von den Comichändlern (von denen einige ja ebenfalls Webshops betreieben) nicht gerade begrüßt wird, ist nicht überraschend. Trotzdem ist die Forendiskussion zum Thema relativ friedlich und zahm.

PG Tips – The Best Of 2010: An International Perspective
paulgravett.com
Der britische Comickritiker Paul Gravett lud eine Handvoll Gastautoren ein, die aus ihrer Sicht besten Comics des letzten Jahres aus ihrer Heimat vorzustellen. Neben „Best ofs“ aus Dänemark, Italien, Russland, Spanien und Schweden stellt Sebastian Broskwa seine Favoriten aus Österreich vor, und Christian Gasser beleuchtet vier deutsche Highlights des letzten Jahres.

Hello, Spring: Spring 2011 Adult Announcements
Publisher’s Weekly, (insbesondere Heidi MacDonald)
Nach Rückblick bei Paul Gravett nun der Blick nach vorn: Publisher’s Weekly stellt für das Frühjahr 2011 geplante Buchveröffentlichungen in 19 Kategorien vor, wobei sich je ein Fachredakteur einer Kategorie annimmt, diese in einem Kurzessay vorstellt und dann die seiner Meinung zehn interessantesten Neuerscheinungen auflistet. Für den Bereich Comics ist dies Heidi MacDonald von The Beat. Dabei sind unter anderem Daytripper (Fábio Moon und Gabriel Bá), Mister Wonderful: A Love Story (Daniel Clowes) und Finder: Voice (Carla Speed McNeil).

EXCLUSIVE: Former Wizard Employee Speaks
iFanboy, Ron Richards
Das US-Magazin Wizard, das seit Anfang der Neunziger Jahre monatlich über Comics berichtet (mit deutlichem Schwerpunkt auf den Superhelden-Mainstream und einem insgesamt eher pubertären und marktschreierischen Stil) wird eingestellt. Gründer und Chef Gareb Shamus erklärte in einer Pressemeldung, dass seine Firma WizardWorld, die auch zahlreiche Messen veranstaltet, künftig ein Onlineangebot produzieren werde. Dass Wizard und das Schwestermagazin Toy Fare ab sofort nicht mehr erscheinen werden, steht nicht in der Pressemeldung, wurde aber später bestätigt. Wenn die Aussagen des anonymen Mitarbeiters im oben verlinkten Interview stimmen, muss man dem Wizard nicht nur inhaltlich keine Träne nachweinen, sondern auch in Sachen Strategie und Mitarbeiterführung.

Why Fantastic Four’s [SPOILER] Had To Be the One to Die
Comics Alliance, David Uzumeri
Die Top-Story der Woche in den USA war mal wieder ein Superhelden-Tod: In der Marvel-Serie Fantastic Four läuft schon seit einigen Monaten die Storyline „Three“, auf deren Höhepunkt nun ein Mitglied des Quartetts ins Gras beißen musste (übrigens nicht zum ersten Mal, in der Geschichte der Fantastischen Vier war jeder der Vier schon mindestens einmal mehr oder weniger tot). ACHTUNG! Wer nicht wissen will, um wen es sich handelt, sollte auf keinen Fall den obigen Link anklicken! Dort analysiert David Uzumeri die aktuelle Storyline von Jonathan Hickman und spekuliert auch bereits, wie man diesen Tod – so wie so ziemlich jeden Superheldentod – wieder rückgängig machen könnte.

Umsonst ist der Tod

Unter dem Label „Schreiber & Leser Noir“ bringt der Münchner Verlag seit kurzer Zeit abgeschlossene Krimi-Comics im Hardcover-Buchformat auf den Markt. Einer davon stammt aus Spanien: Umsonst ist der Tod folgt den klassischen Genre-Traditionen, setzt aber interessante eigene Akzente. Es geht um den Polizisten Frank Witkin, der den Mord an der Ehefrau des Staatsanwalts aufzuklären hat. Jener Staatsanwalt hat eben erst eine große Initiative gegen das organisierte Verbrechen gestartet, so dass man den Täter natürlich in den Reihen der Mafia vermutet.

Aber die Lage ist wesentlich komplizierter: Verschiedene Mafiaclans streiten um die Macht, es gibt weitere Tote, und auch Witkin selbst gerät schließlich in den Verdacht, der Mörder zu sein. Am Ende befindet sich dieser in einer klassischen Allein-gegen-alle-Situation, in der er den wahren Drahtzieher hinter den Vorgängen stellen muss, um seinen eigenen Arsch zu retten.

Zeit und Ort dieser Geschichte sind sehr wage gehalten. Sie spielt vermutlich in einer amerikanischen Großstadt, zu einer Zeit, als Männer noch Hut trugen. Im Hintergrund sind Filmplakate für Das Fenster zum Hof (1954) und Die Mumie (1932) zu sehen, weitere zeitliche Einordnungen werden nicht gemacht. Der Autor will dies wohl ganz bewusst offen halten, denn im Prinzip könnte seine Story zu jeder Zeit, auch in unserer Gegenwart, spielen. Wie in vielen Noir-Krimis geht es auch hier nicht nur direkt um den Mordfall und seine Aufklärung, es wird auch ein Bild des Milieus gezeichnet, in dem sich so ein Fall abspielt. Forniéz und Álvares beschreiben die namenlose Stadt als einen schmutzig-grauen Moloch, in dem jeder auf eigene Faust sein Glück sucht, aber alle nur Unglück finden. „Wie eine riesige Maschine, präzise und gut geschmiert. Mit ihren Kolben, ihren Ventilen und Zahnrädern. So funktioniert meine Stadt.“

Von wem diese Sätze stammen, wer diese Maschine am Laufen hält, soll hier nicht verraten werden. Ein Hinweis sei aber gestattet: Autor Álvarez führt zum Schluss des Comics ein übernatürliches Element ein – ein Element, das seine Geschichte am Ende ein wenig aus dem Gleichgewicht bringt, weil es einfach nicht richtig zu der düsteren, geerdeten Grundstimmung passen will, die bis hierhin herrschte. Wer sich daran nicht stört, bekommt mit Umsonst ist der Tod einen gelungenen Großstadtkrimi, der übliche Genrezutaten (Mafiosi, Zuhälter, abgehalfterte Boxer usw.) zu einer komplexen und spannenden Story verarbeitet, die den Leser mit allerlei Tricks und Finten immer wieder an der Nase herumführt.

Zeichnerisch ist das von Sagar Forniés sehr passend umgesetzt, in einem groben, „schmutzigen“ und skizzenhaften Stil, bei dem immer wieder die Vorzeichnungen durchscheinen und die mit Aquarellfarben gesetzten Grautöne ruhig auch mal klecksen dürfen.

Zusätzliche Tiefe bekommt Umsonst ist der Tod durch eine formale Besonderheit: Mehrfach wird der Comic durch kleine Prosa-Kurzgeschichten unterbrochen. Diese gehören nicht unmittelbar zur Handlung, beleuchten aber einzelne Figuren aus einer anderen Perspektive, die im Comic nur wenig Raum bekommen hat. Die Texteinschübe sind also nicht nur stilistisches Mätzchen, sondern ein wichtiges Element der Erzählung, das der Story und ihren Protagonisten zusätzliche Facetten verleiht.

Ein durchaus lesenswerter Großstadtkrimi also, mit vielen Anleihen an die Standards des Genres, aber dennoch einigen kreativen eigenen Akzenten. Ob die Lektüre wirklich „Unter die Haut“ geht (so lautet die wörtliche Übersetzung des Originaltitels) hängt allerdings davon ab, wie gut man sich mit der recht abrupten Wendung am Ende anfreunden kann.


Wertung
7 von 10 Punkten

Schmutzig düsterer Noir-Krimi, der sich mit stilistischen Eigenheiten vom Genre-Standard abhebt


Umsonst ist der Tod
Schreiber & Leser Noir, September 2010
Text: Sergi Álvarez
Zeichnungen: Sagar Forniés
144 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 18,80 Euro
ISBN: 978-3-941239-42-5
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Schreiber & Leser

The Flying Tigers 2 – Operation Tschlang

Da kommt Nostalgie auf. Sonntag (oder war es Samstag?) nachmittags RTL einschalten und Jagdflugzeugen zusehen, wie sie abstürzen, aufeinander schießen, Treibstoff verlieren und brennen. Wer noch mit TV-Serien wie Pazifikgeschwader 214 (1989 bis 1992) aufgewachsen ist, kann vielleicht die Faszination für Jagdflieger nachempfinden. Wenn man nicht gerade selbst Pilot ist und keine Lust auf alte TV-Klamotten hat, kann man auch auf Comics zurückgreifen.

Jagdfliegercomics, die während des Zweiten Weltkriegs spielen, stehen unmittelbar in der Tradition von franko-belgischen Klassikern wie Die Abenteuer von Tanguy und Laverdure (Gesammelte Ausgaben: Ehapa Comic Collection) von Jean-Michel Charlier und Albert Uderzo oder Biggles (comicplus+) von Bergèse und Johns beziehungsweise Loutte, Oleffe und Johns. Da Biggles sehr gut gelaufen ist, hat der Verlag Sackmann und Hörndl nach Abschluss der Serie nach einem Ersatz Ausschau gehalten und hat sich schließlich auf The Flying Tigers geeinigt.

Nolane, der Autor von The Flying Tigers, ist bis auf Beiträge für Schwermetall (Volksverlag/Alpha), hierzulande noch nicht weiter aufgefallen. Und der Zeichner Félix Molinari macht da keine Ausnahme. Er ist hierzulande gänzlich unbekannt. Nun hat sich das 2009 mit dem ersten Band von The Flying Tigers „Bomben auf Rangoon“ geändert.

Die Serie dreht sich um eine Gruppe von amerikanischen Jagdfliegern, die sich im Zweiten Weltkrieg dazu entschlossen hat, auf Seiten der Chinesen gegen Japan zu kämpfen: The Flying Tigers. Der zweite Band „Operation Tschiang“ setzt zeitlich im Dezember 1941 an. Im letzten Augenblick gelingt es einer Passagiermaschine noch die japanische Blockade zu durchbrechen. Sie kann gerade noch auf dem Flughafen von Singapur notlanden. Das Flugzeug beförderte einen mysteriösen Mann, der vorgibt, ein naher Verwandter eines chinesischen Heerführers zu sein. Außerdem behauptet er, dass die beiden beladenen Truhen geheime Dokumente enthalten, die auf der Stelle nach China transportiert werden müssen. Scott Cannon von den Flying Tigers meldet sich freiwillig für dieses Himmelfahrtskommando.

Text, Dialoge und Zeichnung sind klassisch franko-belgisch angelegt. Trotzdem wirken einzelne Einstellungen über die Maßen dramatisiert. Bei den jeweiligen Flugzeugtypen haben die Autoren augenfällig akribische Recherche betrieben und kein Detail ausgespart. Jagdflugzeug-Fans kommen also voll auf ihre Kosten. Das Verhältnis von Flug- und Bodenszenen hält sich die Waagschale.

„Operation Tschiang“ bietet jede Menge Kampfszenen in und unter der Luft sowie militärisch-strategische Einblicke in ein Flugzeuggeschwader. Die Serie beruht übrigens auf der gleichnamigen authentischen Jagdflieger-Truppe. The Flying Tigers ist gelungene Genre-Kost, die dem Kenner und Liebhaber vielleicht gefällt, aber anderen wahrscheinlich zu viel (Flugzeug) oder zu wenig (Handlung) bietet.


Wertung
6 von 10 Punkte

Nur für eingefleischte Freunde von Jagdflieger-Comics und verhinderte Piloten


The Flying Tigers 2 – Operation Tschlang
comicplus+, Dezember 2009
Text: Richard D. Nolane
Zeichnungen: Felix Molinari
48 Seiten,  farbig, Softcover
Preis: 13 Euro
ISBN: 978-3894741976

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: comicplus+

Hellboy 11 – Der Krumme

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Hellboy, stets im Kampf gegen paranormale Bedrohungen, erweist sich im vorliegenden elften Band einmal mehr als wahrer Globetrotter. Mike Mignola sendet seine Schöpfung auf eine Reise quer durch die Lande und greift erneut tief in die Trickkiste, um einige faszinierende Geschichten rund um Mythen, Sagen und Folklore zu spinnen.

Die Reise des rothäutigen Höllenjungen beginnt in Virginia. In einer von Teufeln und Hexen geplagten Region steht die Seele eines Mannes auf dem Spiel. „Der Krumme“ heißt dieser Dreiteiler, der von niemand geringerem als Altmeister Richard Corben zu Papier gebracht wurde. Die wuchtigen Bilder von Corben, der bereits zuvor an Hellboy arbeitete, sind für den ein oder anderen Leser sicherlich ungewohnt, besitzen jedoch ihren ganz persönlichen Charme.

Weiter geht es nach Massachusetts, wo der legendäre Pirat Blackbeard als Untoter seinen verschollenen Kopf sucht. Jason Shawn Alexander illustriert diese Erzählung hervorragend. Sein Zeichenstil wirkt deutlich verwaschener und düsterer als der der anderen Zeichner in dieser Zusammenstellung.

Auch düsterer als die Arbeit des großzügig mit Schattierungen operierenden Mike Mignola, der die die daraufolgende Geschichte sowohl getextet als auch gezeichnet hat. Sie handelt von einem Moloch, der sich in eine alte Kapelle in Portugal eingenistet hat.

In „Das Mal“, einer sehr kurz gestalteten Episode, die von Stammzeichner Duncan Fegredo umgesetzt wurde, mündet ein Kartenspiel mit Geistern in England für Hellboy in ein surrealistisches Erlebnis.

Die beiden letzten Storys führen uns schließlich in die russische Folklore und in die Vergangenheit der bekannten Antagonisten des Hellboy-Universums, Kolschej und Baba Jaga. Am Zeichentisch brilliert hier Guy Davis, dessen Arbeit man natürlich aus der regulären Serie des Hellboy-Spinn-offs B.U.A.P. kennt.

Mignola präsentiert mit „Der Krumme“ eine muntere Mischung, die gerade optisch eine relativ gute Bandbreite an Stilistiken vorzuweisen hat. Die Riege der beteiligten Zeichner überzeugt ausnahmslos und es findet sich nicht ein beteiligter Künstler, der nicht zu diesem Comic passen würde. Die größere, von Mignola von langer Hand geplante Rahmenhandlung findet hier zwar keine Fortführung, dafür bekommt man eine empfehlenswerte Zusammenstellung von Kurzgeschichten. 

 

Wertung8 von 10 Punkten

Hellboy bereist die Welt mit einer Handvoll großartiger Zeichner an Bord; gerne mehr davon

 

Hellboy 11 – Der Krumme
Cross Cult, Dezember 2010
Text: Mike Mignola, Joshua Dysart
Zeichnungen: Mike Mignola, Duncan Fegredo, Guy Davis, Richard Corben, Jason Shawn Alexander
192 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-941248-78-6
Leseprobe

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Abbildungen © Richard Corben/Mike Mignola, der dt. Ausgabe: Cross Cult


Unvergessene Zeiten

Cover von Unvergessene Zeiten

Andy Wicks will mit dem Rauchen aufhören. Nach einigen Fehlversuchen überredet seine Frau ihn, eine Hypnosetherapie zu versuchen. Ohne an den Erfolg der Maßnahme zu glauben, lässt sich Andy in Schlaf versetzen. Der Vierzigjährige findet sich plötzlich an seiner High School wieder, als Sechszehnjähriger mit Zahnspange und noch wallenden Haaren. Er irrt als Teenager durch die seltsam vertraute Umgebung, bis er das Ziel seiner Zeitreise zu erkennen glaubt: Um seine Zukunft zu verändern, darf er seine erste Zigarette auf dem bevorstehenden Abschlussball nicht rauchen. Bis dahin taucht er in seine frühere Gefühlswelt ein und bändelt mit seinem damaligen Schwarm an. Aber die Vergangenheit lässt sich nicht so leicht ändern und sein Problem liegt eigentlich anderswo.

Besonders in den Achtzigern waren Zeitreisen beliebt, die in die Jugend zurückführten. In Zurück in die Zukunft (1985) oder Peggy Sue hat geheiratet (1986) ging es von der Gegenwart der Achtziger noch zurück in die Fünfziger. Bei Alex Robinson geht es zurück in das Jahrzehnt, dem er seine Referenz erweist. Durch die Filme kennen wir allerdings den Erzählrahmen schon zur Genüge. Deswegen muss er noch einen draufsetzen: Raucher haben Schlimmeres zu bewältigen als die erste Zigarette. Bei seinem karikierenden Stil hätte das Potenzial zur Pointe gehabt, dass die Pubertät ein einziges Minenfeld ist, wo es auf eine Zigarette nicht ankommt.

Alex Robinson will aber etwas Tiefsinnigeres als eine Pointe. Comic Book Reviews sagte er: „Das Buch ist auf verschiedene Weise eine Metapher für Psychologie und den Therapieprozess: Man muss in die Vergangenheit eintauchen, um die Wurzel eines Problems zu finden. Ein anderer Impuls dazu war, dass ich zur Wurzel meiner eigenen Neurosen vordringen wollte.“ Das beschert uns eine melodramatische Wende zu Tod und Verdrängung. Die therapeutische Erkundungstour leidet dramaturgisch allerdings daran, dass auch wir die ganze Zeit keine Ahnung haben, wohin sie uns führt.

Seite aus Unvergessene ZeitenDie Atmosphäre und den Look der Achtziger hat Robinson wirklich gelungen eingefangen. Er ist darin selbst aufgewachsen. So konnte er sich darauf verlassen, in seinen Jahrbüchern genügend Stoff zu finden, um die Zeit wiederaufstehen zu lassen. Die Frisuren und Klamotten der Teenager sehen nicht so aus, als wären sie auf dem Weg zu einem Duran Duran- oder Madonna-Videocasting. Stattdessen tragen sie Sackpullis und Iron Maiden-Shirts, was Vorstadtschüler damals eben so getan haben. Bis zu diesem Punkt funktioniert Unvergessene Zeiten noch. Die altkluge Attitüde, mit der der erwachsene Andy Wicks sich als Teenager gebärdet, kommt allerdings bald zu häufig zum Vorschein, um nicht zu nerven. Der Horizont des Erwachsenen engt die Perspektive des Teenagers ein, statt sie zu erweitern.

Wenn Alex Robinson seinen tiefenpsychologischen Bombast auffährt, wird auch seine Bildsprache um einiges pathetischer und bedeutungsgeladener. Auf zwei gegenüberliegenden Seiten setzen sich die Gesichter von Andy und dem Gestorbenen aus spiegelnden Wasserflächen (Achtung: Selbsterkenntnis!), Tieren, Pflanzen und Impressionen zusammen. Das ist virtuos gezeichnet und sieht ganz hübsch aus, hat aber mit der Geschichte nichts mehr zu tun. So wünscht man sich beinahe ein wenig mehr naive Nostalgie herbei. Oder den distanzierten Blick von Robinsons Lehrer Will Eisner, der nie mit diffusen seelischen Archetypen hantierte. Das geht noch an, wenn man sie wie Jens Harder assoziativ mit Wissenschaftsbildern konfrontiert. Aber als Erzählung führt uns das zu keinem Durchbruch.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Die stimmungsvolle Reise in die Achtziger führt in dröge Tiefen der Selbsterkenntnis 

 

Unvergessene Zeiten
Edition 52, Mai 2010
Text und Zeichnungen: Alex Robinson
128 Seiten, schwarz-weiß, Softcover mit Klappenbroschur
Preis: 12,- Euro
ISBN: 978-3-935229-67-8

Leseprobe (PDF)

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Abbildungen © Alex Robinson, der dt. Ausgabe: Edition 52

Links der Woche: Mit Zigarren und Wunderhunden

Unsere Links der Woche, Ausgabe 3/2011: 

Sind Graphic Novels en vogue, Herr Keiser?
Buchreport, David Wengenroth
Ein sehr kurzes Interview mit dem Carlsen-Programmleiter zum Buchhandels-Trend Graphic Novels und zur angekündigten GN-Edition der Süddeutschen Zeitung.

Von A bis Z: Lesen Sie „Dudenbrooks“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Kein Comic, aber nahe dran: In der FAZ erscheint eine neue 26-teilige Serie, die später auch als Buch gesammelt wird: Autor Jochen Schmidt (der u.a. auch schon mit Mawil zusammengearbeitet hat) erfindet aus jeweils sieben Wörtern mit dem gleichen Anfangsbuchstaben eine ganz kurze Geschichte, diese wird dann von Line Hoven (Liebe schaut weg) in ihrer Schabkartontechnik illustriert.

Alles André, Ausgabe 3/2010
Das Kundenmagazin einer Zigarrenfirma beschäftigt sich in seiner aktuellen Ausgabe schwerpunktmäßig mit Comics und Graphic Novels. Unter anderem wird Reinhard Kleist besucht und die Geschichte von Superman beschrieben. Das Heft kann man kostenlos bestellen. (Selbstverständlich weisen wir darauf hin, dass Rauchen Krebs macht und stinkt)
(via graphic-novel.info)

Best Online Comics Criticism 2010: The Final List
The Hooded Utilitarian, Ng Suat Tong
Eine Jury des Comics Journal kürte die beste Comic-Kritik des Jahres 2010. Die hier ausgezeichneten Beiträge sind in der Regel keine Rezensionen einzelner Comics, sondern Essays, die sich mit einem bestimmten Themenaspekt oder einem Künstler befassen. Der Siegerbeitrag von Jason Thompson dreht sich zum Beispiel um das Thema Inzest im Manga. Wer sich für eine tiefergehende (englischsprachige) Auseinandersetzung mit Comics interessiert, findet hier reichlich guten Lesestoff.

Collective Memory: The Best-Of Comics Lists For 2010
The Comics Reporter, Tom Spurgeon
In den letzten Wochen sind im Web Dutzende von Best-Of-Listen erschienen. Tom Spurgeon sammelt sie in einer umfangreichen Linksammlung (die natürlich nur englischsprachige Quellen enthält).

Duncan the Wonder Dog: Show One
geneva-street.com, Adam Hines
Auf sehr vielen dieser Bestenlisten vertreten, und bei einigen auch ganz vorne: Die Graphic Novel Duncan the Wonder Dog, die Indie-Überraschung des vergangenen Jahres. In dem ersten von insgesamt neun geplanten Bänden geht Adam Hines der Frage nach, wie das Verhältnis zwischen Mensch und Tier wohl wäre, wenn Tiere sprechen könnten. Das Buch erschien beim kleinen Verlag AdHouse, wo die erste Auflage inzwischen vergriffen ist. Weil die zweite erst im März in die Geschäfte kommt, gibt es derweil digitale Alternativen: Bei MyDigitalComics.com kann man das komplette Buch als PDF erwerben (für 15 Dollar weniger als die Printversion kostet), und auf der Website des Künstlers gibt es den Comic, der knapp 400 Seiten stark ist, vorübergehend kostenlos zu lesen. Allerdings nur, bis das gedruckte Buch wieder verfügbar ist, und verbunden mit einer Spende für eine Umweltschutz-Organisation.

X-Men Family Tree
joe-stone.tumblr.com, Joe Stone
Der Grafikdesigner Joe Stone baute einen grafisch schön aufbereiteten Stammbaum , bzw. ein Beziehungsdiagramm der X-Men. „Verwirrt? Dann lest mehr Comics.“
(via Comics Alliance

Die Tochter des Professors

Cover von Die Tochter des ProfessorsEs ist immer wieder dieselbe, alte Geschichte: Junge trifft Mädchen. Junge und Mädchen verlieben sich. Mädchen will mit Junge davonlaufen, wird aber vom Vater des Jungen entführt. Vater gibt Mädchen an Jungen zurück und kidnappt stattdessen Viktoria I, Königin von England. Einmal abgesehen von diesem offensichtlichen Verstoß gegen den Knigge machen die Künstler Sfar und Guibert in Die Tochter des Professors alles richtig. Vielleicht sei noch zum Plot erwähnt, dass sich hinter den Mullbinden des Jungen niemand anderes als der mumifizierte Pharao Imhotep IV versteckt.

Versetzt ins neunzehnte Jahrhundert flaniert die quicklebendige Mumie aus dem ägyptischen Adelsgeschlecht mit der Dame ihres Herzens, Ms. Liliane Bowell, jener Tochter des Professors, durchs viktorianische London. Scheinbar ohne jegliches Ansinnen auf Realität oder Authentizität – immerhin lustwandelt hier eine über tausend Jahre alte Mumie im Park – verquickt Joann Sfar die episodenhaften Abenteuer von Imhotep IV und Liliane zu einer Geschichte mit kurzweiligen Slapstick-Einlagen und gelungen Spannungsbögen. Während der Tenor des Comics eher grotesk-romantisch ist, wirkt das Seitenlayout recht bodenständig: ein klassisches Sechs-Panel-Raster.

Der Austausch der viktorianischen Höflichkeitsformeln findet in Sprechblasen statt, die fein säuberlich von Hand mit dem Bleistift gezeichnet wurden. Unter die romantische Grundfärbung der Dialoge mischt sich einfühlsame Selbstironie, der die Protagonisten enger zusammenschweißt. Auf Lilianes naiven Beitrag „[Vater] sagt, Sie seien wertvoll“ kontert Imhotep IV charmant mit einem „Dasselbe sagt er von Ihnen“.

Charmante PointenAnstatt wie üblich Tiere im Comic zu vermenschlichen, bemüht sich Sfar, die Menschen in Die Tochter des Professors immer wieder aufs Neue mit ihrer Dinglichkeit zu konfrontieren. Das Leben von Imhotep IV als wandelnde Museumsware mit Gefühlen spiegelt humorvoll die gesellschaftlichen Zwänge wider, die Liliane im zugeknöpften viktorianischen Zeitalter über sich ergehen lassen muss. In keinem einzigen Dialog versäumt Sfar versteckte Doppeldeutigkeiten einzubauen, was Die Tochter des Professors zu einem Feuerwerk verbaler Pointen macht.

Als Kontrast zu Sfars grotesk-komischen Dialogen taucht sein Studiokollege Emmanuel Guibert die Seiten in mit Wasser verdünnte Aquarelle, die synästhetisch der Stimmung der jeweiligen Szenerie angepasst sind. Vergessen sind sein hyperrealistischer Stil in Brune, seine klaren Konturen in Alans Krieg oder seine Interpretationen der Fotografien in Der Fotograf. Guiberts Zeichnungen in Die Tochter des Professors orientieren sich eher am Stil von Kapitän Scharlach, seiner Kooperation mit David B. 

Beachtlich ist vor allem die Farbpalette. Mit seinen über die Konturen verfließenden Aquarellfarben verstärkt Guibert sowohl die knospende Liebesbeziehung des ungleichen Pärchens als auch die bedrohlichen Hafensequenzen. Während Guibert die Frühlingstage in warme Ockertöne einkleidet, taucht er das Milieu der Hafenarbeiter in ein kühles Blau. Das Spiel mit dem Pinsel endet nicht beim simplen Kolorieren der Hintergründe, sondern ist auch Teil der Charakterisierung der Figuren. Mit einem feinen Schwung nuanciert Guibert das Gesicht der Tochter aus gutem Haus, lässt ihre Augen unter dem dunklen Schatten des Hutes hervorschauen oder hinterlässt mit einem einzigen Pinselstrich ein überraschtes „Oh“ in ihrem Antlitz. Die Gesichter von Imhotep IV und seinem Vater hingegen beweisen, dass man sehr wohl mit eingeschränkter Mimik und ganz ohne Augenbrauen Gefühle evozieren kann.

Die Tochter des Professors ist ein charmanter Comic, der ganz bewusst über die Grenzen geht; ob dies die Gesichtskonturen der jungen Damen sind oder auch die Grenzen der Realität. Geführt von Sfar und Guibert kann einem ebenso wenig passieren wie bei einem Spaziergang durch Kensington Park und mindestens ebenso viel Amüsement bei der Lektüre ist garantiert.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein Comic, der sich liest wie ein erquickender Spaziergang durch den Park


Die Tochter des Professors
Bocola Verlag, November 2010
Text: Joann Sfar
Zeichnungen: Emmanuel Guibert
64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,90 Euro
ISBN: 978-3-939625-32-2
Leseprobe

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Abbildungen © Emmanuel Guibert, der dt. Ausgabe: Bocola Verlag GmbH


Es ist immer wieder dieselbe, alte Geschichte: Junge trifft Mädchen. Junge und Mädchen verlieben sich. Mädchen will mit Junge davonlaufen, wird aber von Vater des Jungen entführt. Vater gibt Mädchen an Jungen zurück und kidnappt stattdessen Viktoria I, Königin von England. Einmal abgesehen von diesem offensichtlichen Verstoß gegen den Knigge, machen die Künstler Sfar und Guibert in Die Tochter des Professors alles richtig. Vielleicht sei noch zum Plot erwähnt, dass sich hinter den Mullbinden des Jungen niemand anderes als der mumifizierte Pharao Imhotep IV versteckt.

Wer Wind sät

Unter den argwöhnischen Blicken der ansässigen Bewohner lässt sich zu Beginn des 20. werwind1Jahrhunderts eine Gruppe von Zigeunern für einige Tage in einem Dorf im Norden Frankreichs nieder. Schnell freundet sich Antoine, ein junger Bergarbeiter, mit der attraktiven Zigeunerin Kheshalya an. Währenddessen versucht der Chef der Mine, die Anwesenheit der unliebsamen Roma für seine eigenen Zwecke zu nutzen und seine streikenden Mitarbeiter kurzfristig zu ersetzen.

Unter dem politischen Machtspiel brodelt in der Gemeinde jedoch vielmehr ein wohlgehütetes Geheimnis. Eines, das auf einen früheren Besuch von Roma zurückzuführen ist und angeblich den Ort verfluchte.

Szenarist Laurent Galandon lässt mit seinem Comicwerk Wer Wind sät vor allem erst einmal zwei Kulturen, zwei Lebensweisen aufeinanderprallen. Er verwebt das Ganze dann sehr geschickt zu einer Geschichte über zwei Familien, zwischen denen über eine Generation hinweg eine Verbindung besteht. In authentischer Weise vermengt Galandon französischen Bergbau und Folklore der Roma und Sinti mit einer metaphysischen Ebene. Insgesamt hinterlässt die Handlung einen sehr guten Eindruck, einfach auch durch ihre ruhige Stilistik bedingt.

werwind2Für das passende Ambiente sorgt Zeichner Cyril Bonin. Seine warmen und seicht kolorierten Bilder lassen einen beim Lesen förmlich in die Welt der Zigeuner abtauchen. Über Bonin, ebenso wie über Autor Galandon erfährt man im Übrigen mehr in den sich im Anhang befindlichen Biografien der beiden. Desweiteren setzt sich das über 23 Seiten (!) erstreckende Bonusmaterial aus Skizzen, Coverentwürfen und ausführlichenen Texten zu Leben und Kultur der Sinti und Roma sowie zum Bergbau in Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen.

Was man neben der eigentlichen Comicerzählung von Finix noch geboten bekommt, ist also (unabhängig davon, ob man sich für das Begleitmaterial interessiert) mal wieder, allein von seinem Bemühen her, vorbildlich. Zumal dieser Band als Teil der Edition Solitaire, in welcher Einzelstorys besonders präsentiert werden, auch noch mit Hardcover und Spotlackeffekten auf dem Cover aufwarten kann. 

 

Wertung7 vpn 10 Punkten

Sehr schöner Comic in hochwertiger Verarbeitung und mit guter redaktioneller Begleitung

 

Wer Wind sät
Finix Comics / Edition Solitaire, Dezember 2010
Text: Laurent Galandon
Zeichnungen: Cyril Bonin
80 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 17,80 Euro 
ISBN-13: 978-3941236363

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Finix Comics


Der unheimliche Kakerlak

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kakerlak_coverDie Macher dieses Undergroundcomics dürften manchen Lesern vielleicht von der Internetseite myComics bekannt sein. Auch in der zugehörigen gedruckten Comicanthologie waren Steff Murschetz und Elbe-Billy mit einigen Geschichten vertreten, und diese gehörten mit zu den besten in dem Band. Beide sind jedenfalls recht rührig in der Undergroundszene unterwegs. Der unheimliche Kakerlak fristete sein Schabendasein bislang im Internet und nahm an einem Wettbewerb teil, wo er den Publikumspreis gewinnen konnte. Jetzt liegt zum ersten Mal auch ein gedruckter Comic mit diesem ungewöhnlichen, nunja, Helden vor.

Man merkt es Steff Murschetz und Elbe-Billy an, dass sie ein Faible für das Golden Age der Superhelden haben. Denn diese werden hier parodiert. Die Zeichnungen der Figuren sind sehr kantig und eckig und erinnern stellenweise schon fast an einen Jack Kirby. Aber nur fast: denn da der Comic, ebenso wie sein Held, dem Underground entstammt, können sich die Macher auch einiges erlauben, ohne auf den Massengeschmack oder auf die Veröffentlichungspolitik eines großen Verlagshauses Rücksicht nehmen zu müssen.

Die Parodie kommt dann auch stellenweise deftig daher. Nicht nur lebt der Held, von seinem Aussehen her ein bisschen an Marvels Ant-Man erinnernd, mit seinem Sidekick, einem riesigen Alligator namens Kanalligator, in einem Abwasserkanal und hat damit herzlich wenig Heldenhaftes an sich, sondern es wird auch nicht mit brutaler Gewalt und Sex gespart. Der Held wird vergewaltigt und es fliegen die Körperteile munter durch die Gegend. Das entbehrt aber nicht einer gewissen Komik – der Humor ist so trocken und schwarz wie der berühmte Sand der Insel Gomera.

altZumindest eine Szene könnte dann auch gewisse Kastrationsängste wecken und manchen Damen dazu dienen, ihre Männer zu Sitzpinklern zu erziehen. Ein richtig roter Faden in der Story fehlt aber. Es werden kurze Geschichten erzählt, die zum einen die tragische Vergangenheit des Helden behandeln (und das Klischee der fernöstlichen Kampfausbildung parodieren), wobei das einzige verbindende Element der Erzfeind des Helden ist. Alle bekannten Elemente eines Superheldencomics (Erzfeinde, Experimente, geheime Identität, Schutz der Schwachen, besondere Fähigkeiten) sind hier vereint, aber der Held selbst bleibt sehr blass. Die Parodie ergibt sich aus der großen Übersteigerung von Gewalt und Sex und aus Storyelementen, die man nur noch aus Pulpmagazinen kennt, wie zum Beispiel das verschwundene Nazigold.

Die Zeichnungen sind sehr dynamisch, schnelle Wechsel und viele Close-Ups schaffen ein hohes Tempo. Ganz in der Tradition der Superheldencomics werden die Panels auch großzügig gestaltet und Speedlines und Splashpanels benutzt. Auch hier neigen die Schöpfer zur parodistischen Übertreibung.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

„Schöne“, gewalthaltige Superheldenparodie, die aber leider keinen roten Faden hat.

 

Der unheimliche Kakerlak
Undergroundcomix.de, 2010
Text: Steff Murschetz
Zeichnungen: Elbe-Billy / Steff Murschetz
144 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 10,00 Euro
 
Leseprobe

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Abbildungen © Steff Murschetz und Elbe-Billy

Steff Murschetz / Elbe-Billy: Der unheimliche Kakerlak

Die Macher dieses Undergroundcomics dürften manchen Lesern vielleicht von
der Internetseite MyComics bekannt sein. Auch in der zugehörigen gedruckten
Comicanthologie waren die beiden, Steff Murschetz und Elbe-Billy, mit einigen
Geschichten vertreten. Und die gehörten mit zu den besten in der Anthologie.
Beide sind jedenfalls recht rührig in der Undergroundszene unterwegs. Oder
noch besser: ein starker Bestandteil. „Der unheimliche Kakerlak“ fristete sein
Schabendasein bislang auch im Internet und nahm an einem Wettbewerb teil, wo er
den Publikumspreis gewinnen konnte. Jetzt liegt das erste Mal auch etwas gedruckt
von diesem ungewöhnlichen Helden (naja) vor.

Man merkt es Steff Murschetz und Elbe-Billy an, dass sie ein Faible für das Golden
Age der Superhelden haben. Denn sie parodieren diese hier. Die Zeichnungen
der Figuren sind sehr kantig und eckig und erinnern stellenweise schon fast an
einen Jack Kirby. Aber nur fast. Denn da der Comic, ebenso wie sein Held, dem
Underground entstammt, können sich die Macher auch einiges erlauben, ohne
auf den Massengeschmack oder auf die Veröffentlichungspolitik eines großen
Verlagshauses Rücksicht nehmen zu müssen.

Die Parodie kommt dann auch stellenweise deftig daher. Nicht nur lebt der Held,
von seinem Aussehen her ein bisschen an Marvels Ant-Man erinnernd, mit
seinem Sidekick, einem riesigen Alligator mit dem Namen Kanalligator, in einem
Abwasserkanal und hat damit herzlich wenig Heldenhaftes an sich, sondern es
wird auch nicht mit brutaler Gewalt und Sex gespart. Der Held wird vergewaltigt
und es fliegen die Körperteile munter durch die Gegend. Das entbehrt aber nicht
einer gewissen Komik und der Humor ist so trocken und schwarz wie der berühmte
Sand der Insel Gomera. Zumindest eine Szene könnte dann auch gewisse
Kastrationsängste wecken und manchen Damen dazu dienen, ihre Männer zu
Sitzpinklern zu erziehen. Ein richtig roter Faden in der Story fehlt aber. Es werden
kurze Geschichten erzählt, die zum einen die tragische Vergangenheit des Helden
behandeln (und das Klischee der fernöstlichen Kampfausbildung parodiert) und als
einziges verbindendes Element einen Erzfeind haben. Alle bekannten Elemente
eines Superheldencomics (Erzfeinde, Experimente, geheime Identität, Schutz der
Schwachen, besondere Fähigkeiten) sind hier vereint, aber der Held bleibt selber
sehr blass. Die Parodie ergibt sich aus der großen Übertreibung von Gewalt und Sex
und von manchen Storyelementen, die man nur noch aus Pulpmagazinen kennt, wie
z.B. das verschwundene Nazigold.

Die Zeichnungen sind sehr dynamisch und in schnellen Wechseln und in vielen
Close-Ups wird ein hohes Tempo geschaffen. Ganz in der Tradition der Superhelden
werden die Panels auch großzügig gestaltet und Speedlines und Splashpanels
benutzt. Auch hier neigen die Schöpfer zur parodistischen Übertreibung.

Jons Marek Schiemann

Kurzkritik: Die Gewalt in dem Band ist eher etwas für Erwachsene. Ansonsten

eine „schöne“ Superheldenparodie, die aber leider keinen roten Faden hat. Dadurch
will der Funke nicht so richtig überspringen. Aber ein gelungener Undergroundcomic.

Punkte: Fünf

Der unheimliche Kakerlak

Autor: Steff Murschetz, Zeichner: Elbe-Billy / Steff Murschetz

Undergroundcomix.de, Oberhausen 2010

Euro: 10,00