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Mike Carey, Neil Gaiman und „The quintessential Constantine Story“ – Woran man einen guten Hellblazer-Autoren erkennt

Unsere Serie über die legendäre, über 300 Ausgaben laufende Vertigo-Serie Hellblazer geht weiter: In Teil 6 beschäftigt sich Christian Muschweck diesmal mit einem Sonderband, der außerhalb der Heftserie erschienen ist: Hellblazer – All His Engines von Mike Carey und Leonardo Manco.

Bild1, Hellblazer – All His Engines (Carey, Manco 2005)

2005 ist das eingetreten, was viele Fans insgeheim befürchtet hatten: Hellblazer wurde verfilmt. Mit Keanu Reeves war John Constantine denkbar falsch besetzt und man kann nur dankbar sein, dass diese krude Hollywood-Klamotte keinen größeren Einfluss auf die Comicserie ausüben konnte. Noch waren Comics das Leitmedium, an denen sich Comic-Verfilmungen orientierten. Gut möglich, dass das nicht mehr lange so bleibt: Immerhin hat die neue Comicserie den Titel des Films, Constantine, um den Wiedererkennungswert bei einem möglichen Franchise zu erhöhen, und zweitens nimmt Warner bei jedem Film viel Geld in die Hand und wird wohl dafür sorgen, dass die Nebenprodukte (so weit sind wir wohl schon, dass die Comics die Nebenprodukte sind) auf Linie getrimmt sind. Alles im Sinne der Fans, versteht sich.

Aber noch befinden wir uns im Jahre 2005 und die Comicwelt ist noch halbwegs in Ordnung. Als Nebeneffekt zur Verfilmung gab es eine kleine Hellblazer-Offensive am Kiosk, die den Comiclesern neben der unvermeidlichen Comicadaption des Films mit dem Hardcover-Buch All His Engines auch eine recht schöne „Original Graphic Novel“ bescherte, eine Sonderproduktion, die vom damals amtierenden Hellblazer-Team Mike Carey und Leonardo Manco gestaltet wurde. Zur Feier des Anlasses haben die Verantwortlichen sich nicht lumpen lassen und dem Buch einen hohen Produktionsstandard spendiert, mit schönem festen Papier, glatt, aber ohne übertriebenen Glanzeffekt. [Die deutsche Ausgabe erschien 2007 bei Panini unter dem Titel John Constantine – Hellblazer 1: Hölle auf Erden]

Üblicherweise sind die Vertigo-Paperbacks ja auf rauem, stark saugenden Papier gedruckt, welches einerseits die Farben sehr dunkel wiedergibt, andererseits aber gerade schwarze Flächen eher zu hell widerspiegelt. Der daraus resultierende farbliche Matsch hat durchaus einen gewissen Schmuddelcharme, der der Reihe Hellblazer nicht einmal schlecht zu Gesicht steht, doch handelt es sich hier wohl kaum um eine künstlerische Entscheidung. Man möchte die Comics einfach möglichst billig produzieren.1 All His Engines dagegen leuchtet in selten gesehener Qualität und lässt Leonardo Mancos Artwork richtig gut aussehen, mit klar umrissenen Konturen, schönen Kontrasten, satten Schwarztönen und leuchtenden, aber auch gut ausgewählten Farben.

Und als wäre das nicht genug, wird das Buch auch noch mit einem Neil-Gaiman-Zitat auf dem Cover veredelt: „Mike Carey has written the quintessential Constantine story. If you want to see what the fuss is all about, you should read this book.“2 Wow. Mike Carey hat die Figur also durchdrungen, Constantines Wesen auf den Punkt gebracht und seine Essenz herausgearbeitet? Tatsächlich leidet All His Engines aber durchaus ein bisschen an dem Problem vieler amerikanischer OGNs (original graphic novels): Einerseits geriert es sich hochtrabend als Comicroman, andererseits aber hat es inhaltlich nicht mehr zu bieten als die typische Folge einer durchschnittlichen amerikanischen Krimiserie.

Aber jetzt zur Handlung:

Tricia, die Enkelin von John Constantines langjährigem Kumpel Chas Chandler fällt aus unerklärlichen Gründen in ein Koma, woraufhin Chas gegen den Willen seiner Frau Renee Constantine um Hilfe bittet. Dieser findet über eine Seance mit einem ihm bekannten Okkultisten schnell heraus, dass die Ursache in Los Angeles zu suchen ist. Dort hat sich der Dämon Beroul eingenistet, der Menschen ins Koma fallen lässt und deren Seelen einsammelt, um seine eigene kleine Hölle auf Erden aufzubauen. Aber Los Angeles ist unter Dämonen ein heiß umkämpftes Pflaster, auch andere Dämonen möchten dort ihre Zweigstellen der Hölle eröffnen. Deshalb macht Beroul Constantine ein Angebot: die Rückgabe von Tricias Seele, wenn Constantine die Konkurrenz ausschaltet.

Bild 2, Hellblazer – All His Engines (Carey, Manco 2005)

Nichts einfacher als das: Constantine findet eine Gruppe Hispanics, die es ihm ermöglicht, Kontakt mit dem aztekischen Totengott Mictlantecuhtli aufzunehmen. Dieser hasst die Dämonen aus der Hölle und willigt ein, Constantine zu helfen. Danach arrangiert John eine Versammlung in einer Kirche. Er hat den feindlichen Dämonen versprochen, ihnen dort Berouls Kopf auf einem Silbertablett zu liefern, doch als diese am vereinbarten Ort erscheinen, öffnet sich die Kirchentür, der aztekische Totengott stürzt herein und richtet ein Massaker unter den Höllendämonen an. Diese haben keine Chance, denn die Fluchtwege wurden rechtzeitig mit Weihwasser versiegelt, was zwar die Dämonen der Hölle schwächt, einem aztekischen Totengott aber keine Kopfschmerzen bereitet.

Bild 3, Hellblazer – All His Engines (Carey, Manco 2005)

Auftritt Beroul: Dieser erscheint nach dem Massaker und fädelt seinen eigenen Deal mit Mictlantecuhtli ein. Zwischen beiden soll friedliche Koexistenz herrschen, dafür soll jede zehnte Seele, die Beroul einsammelt, an Mictlantecuhtli fallen. Mictlantecuhtli willigt auch hier ein. Es ist eben in der Hölle wie auf Erden: Alles strebt nach Gewinn und Macht. Constantine dagegen erhält keinen Lohn. Beroul bricht sein Wort und behält das Kind als Druckmittel, um John weiterhin erpressen zu können.

Bild 4, Hellblazer – All His Engines (Carey, Manco 2005)

Beroul übersieht, dass John Constantine dann am stärksten ist, wenn seine Feinde sich sicher wiegen. Constantine geht in das Krankenhaus, in dem die Komapatienten liegen, und verstreut Salz. Damit unterbricht er die Verbindung zwischen Beroul und den Seelen der Schlafenden und lockt diesen aus seiner sicheren Festung. Mit Mictlantecuhtlis Hilfe – dieser spielt mehr als ein doppeltes Spiel – vereinigt er Tricias Seele mit ihrem Körper. Beroul hat Constantine selbst erzählt, dass er Tricias Seele in seiner Brust versteckt hält, und als der Körper des Mädchens sich am Ort ihrer Seele manifestiert, explodiert Berouls Brustkorb und es ist um ihn geschehen.

Bild 5, Hellblazer – All His Engines (Carey, Manco 2005)

Am Ende versucht zwar auch noch Mictantecuhtli, Constantine über den Tisch zu ziehen, indem nun er Besitz vom Körper des Mädchens ergreift, aber Constantine treibt ihn über einen Bluff schnell wieder aus, auf reichlich abenteuerliche Weise: Er zündet eine Kordel mit einer geflochtenen Haarsträhne von Tricia an und überzeugt den Gott, dass das Mädchen stirbt, sobald die Strähne abgebrannt ist. Dieses Druckmittel reicht, den Totengott dauerhaft zu verjagen.

Bild 6, Hellblazer – All His Engines (Carey, Manco 2005)

Damit ist Carey in der Tat die „quintessenzielle“ Constantine-Story gelungen, wobei mit diesem Wortungetüm natürlich gemeint ist, dass Carey die Charakteristika von Figur und Serie mustergültig auf den Punkt gebracht hat.

An typischen Zutaten sind enthalten:

  •       die magisch begabte Kontaktperson, die Constantine während einer Seance entscheidende Hinweise gibt. Ganz der Hellblazer-Formel entsprechend, geht der Kontaktmann zum schaurigen Ende der Seance hin in Flammen auf (check)
  •       Kapitalismuskritik und die Tatsache, dass Dämonen die schlimmsten Kapitalisten sind – und vice versa die schlimmsten Kapitalisten Dämonen (eh klar) (check)
  •       John Constantine, wie er über Bluff und Intrige verfeindete Dämonen gegeneinander ausspielt (check)
  •       Constantine, wie er nach einer Niederlage säuft und randaliert (check)
  •       Soap-Opera-Elemente mit seinem Kumpel Chas (check)
  •       introspektive Lebensweisheiten (check)
  •       und natürlich reichlich gerauchte Kippen (check)

Constantine ist bei Carey ganz der Con-Man3, dessen Begabung vor allem darin liegt, Dämonen wie Menschen über den Tisch zu ziehen, dessen Absichten aber weniger selbstsüchtig sind, als die meisten glauben. Manchmal stellt sich dem Leser aber auch die Frage, ob nicht auch Mike Carey als Erzähler in gewisser Weise ein Con-Artist ist, der je nach Laune eine schnelle Auflösung in Form eines „hat tricks“ herbeizaubert, den John mal eben aus dem Ärmel schüttelt, dann aber wieder, oft ebenso unmotiviert, einfache Auflösungen verwehrt. In Careys Hellblazer-Welt kann alles zum Rettungsanker werden, das relativ offensichtliche Weihwasser ebenso wie ein Päckchen Salz oder eine Haarsträhne, und je nachdem, ob Carey die Spannung steigern möchte oder eine Auflösung herbeiführen, ist das rettende Mittel zufällig verfügbar bzw. wirksam, oder nicht.

In All His Engines ist Carey Constantine gegenüber sehr großzügig. Zwar wird John einmal nach Strich und Faden gerollt, aber das sind nur kleine Rückschläge, und die gehören zum Spiel dazu. Die meiste Zeit verhandelt er höchst souverän und blufft erfolgreich. Constantine behält in All His Engines die Zügel in der Hand. All His Engines ist damit ziemlich das Gegenteil von Careys Run in der offiziellen Hellblazer-Serie. In diesem Run entgleitet John beinahe von der ersten Episode an mehr und mehr die Oberhand, und eine persönliche Katastrophe mündet in die nächste, bis zur totalen Eskalation. Nichts davon in All His Engines, hier ist die Hauptfigur ganz bei sich und bewahrt stets den Überblick. Das geht zwar etwas zu Lasten der Spannung und lässt die Handlung tatsächlich wie einen Fernsehkrimi wirken, ist aber ein enormer Gewinn für Careys Hellblazer-Gesamtwerk, da hier ein gleichwertiger Gegenentwurf zu seiner Eskalationsgeschichte in der Heftserie geboten wird.

All His Engines ist eine beinahe gemütliche Geschichte, die einerseits als Fabel über Habsucht und Macht funktioniert, andererseits aber auch als Komplementärgeschichte zu Careys vierjährigem Hellblazer-Run, auf den ich demnächst noch einmal gesondert zu sprechen komme. Und als Zugabe ist All His Engines schon fast eine Komödie, denn der Interaktion zwischen John und seinem Kumpel Chas wird weitaus mehr Raum geboten als sonst. Ein Fan im Internet hat All His Engines gar als Sitcom-Variante von Hellblazer bezeichnet. Ich stellte mir beim Lesen eingeblendete Lacher vor und tatsächlich: Auch auf dieser Ebene funktioniert All His Engines. Damit ist das kleine Buch tatsächlich für Fans ein größeres Schmankerl als für Neueinsteiger.

Bild 7, Hellblazer – All His Engines (Carey, Manco 2005)

Den tatsächlichen quintessential Hellblazer“ hat aber natürlich Neil Gaiman selbst geschrieben, und das weiß Gaiman wohl auch, aber er ist natürlich zu bescheiden, das zuzugeben. Alle von Gaiman geschriebenen Hellblazer-Geschichten arbeiteten die Figur scharf heraus, sei es Johns Rolle in der Miniserie Books of Magic, die als Blaupause für die New-52-Ära dienen dürfte, Johns Gastauftritt in Sandman (Heft Nr. 3), in dem John gleich mit mehreren seiner Schuldkomplexen konfrontiert wird, oder die herausragende Hellblazer-Episode „Hold me“ (Heft 27), die einen sehr empathischen John zeigt, dessen Mitgefühl vor allem den Schwächsten der Gesellschaft gilt. Gaiman hat früh erkannt, wie Constantine zu schreiben ist, und Carey, der ja schon mit der Reihe Lucifer eine Figur von Gaiman geschrieben hat, ist ein kongenialer Nachfolger, der dennoch einen ganz individuellen Zugang zu den Figuren hat. Und alles, was der Mann schreibt, ist lesenswert.

 



1 Einfach mal die amerikanischen Ausgaben mit den Ausgaben von Panini vergleichen. Der Unterschied ist krass.

2 Etwa: „Mike Carey hat die definitive Constantine-Story geschrieben. Wer immer auch verstehen will, warum alle so begeistert sind, sollte dieses Buch lesen.“

3 Die Silbe „con“ leitet sich von dem Wort „confidence“ (Vertrauen) ab. Der „con artist“ erwirbt zunächst das Vertrauen der Menschen, um es später missbrauchen zu können.

 

 

Zu Teil 1: Die Anfänge in Swamp Thing

Zu Teil 2: Die ersten Hellblazer-Hefte von Jamie Delano

Zu Teil 3: Die Garth-Ennis-Jahre

Zu Teil 4: Die Paul-Jenkins-Jahre

Zu Teil 5: Hellblazer 1998 bis 2001

Der Todesstrahl

Cover Der TodesstrahlAn seiner High School kennt den 17-jährigen Andy eigentlich kaum jemand richtig. Zu unauffällig und isoliert ist er. Doch als er sich zum Genuss seiner ersten Zigarette entschließt, werden in Andy Superkräfte entfesselt. Doch was damit anfangen?

Man darf sich vom maskierten Vigilanten auf dem Cover nicht täuschen lassen: Das neue Werk von Daniel Clowes (Ghost World, Wilson) ist, entgegen dem ersten Anschein, vom klassischen Superheldencomic à la Marvel oder DC meilenweit entfernt. Gleich nach dem ersten Umblättern begrüßt uns Andys bester und einziger Freund Louie mit einem satten „Penis“-Ausspruch und leitet damit vor allen Dingen eine eigenwillige Coming-of-Age-Story ein. Clowes erzählt, wie sich der Durchschnittsteenager Andy in den USA der 70er Jahre durch seine Pubertät kämpft. Die Schwärmerei zu einem Mädchen, Rebellion, die erste Zigarette und ein verschrobener Kumpel, der Ähnliches durchmacht.

Das alles ändert sich, als Andy entdeckt, dass sich dank seines verstorbenen Vaters spezielle Hormone in seinem Körper befinden, die unter Nikotineinfluss zu speziellen Superkräften führen. Pikanterweise gehört dazu auch der Gebrauch einer ihm vermachten Strahlenkanone, die Menschen spurlos verschwinden lassen kann. Wie man sich denken kann, ist eine solche Waffe überaus verführerisch für einen unreifen Jugendlichen. Zumal, wenn er von seinem Freund eingeflüstert bekommt, er könne sich doch jetzt an diversen Leuten rächen, die ihn nicht so nett behandelt haben.

Seite aus Der TodesstrahlDaniel Clowes‘ Version einer Superhelden-Origin ist vollkommen entgegengesetzt zu jenen der uns bekannten Comichelden. Genau genommen kann man Andy nicht einmal als Helden bezeichnen, ist es doch gerade die Ambivalenz, die innere Zerrissenheit, die ihn leitet. Mit großer Kraft kommt große Verantwortung. Ein Satz, der in Der Todesstrahl nur am Rande eine Rolle spielt, nämlich fast ausschließlich dann, als man den erwachsenen Andy sieht. Der Weg dorthin ist eine mehr oder weniger nüchterne Schilderung eines Normalo-Lebens, das sich letzten Endes auch durch Todeskanone und Superkräfte nicht spektakulär verändert. Vielleicht ist dieses radikale Herunterbrechen des Superhelden-Mythos auf die rohe menschliche Ebene die Erkenntnis dieses Comics schlechthin.

Wie sehr Clowes auf die zentrale Position seiner Figuren setzt, lässt sich auch in der grafischen Vielfalt nachvollziehen, die beständig um Andy, Louie und Co. kreist und mithilfe diverser Stilmittel nach und nach ein charakterliches Gesamtbild offenlegt. Auf einer Seite wechselt die monotone Farbgebung plötzlich und wird, genau als der monologisierende Andy mit einem Passanten zu sprechen beginnt, mehrfarbig. Nach drei Panels wird die Änderung schon wieder rückgängig gemacht. Das ist nur eines von ganz vielen Beispielen, die belegen, wie einfallsreich Clowes‘ Ideen sind und wie eng bei ihm die zeichnerische Ebene mit der erzählerischen verknüpft ist. Im weiteren Verlauf arbeitet er mit vielen kurzen Kapiteln, die die Handlung immer wieder thematisch und zeitlich aufsplitten. Mal sind dies „Interview“-Passagen, mal abgedruckte Briefe Andys.

Auf einer imposanten Doppelseite sieht man sogar eine großflächige Actionszene, in der Andy maskiert einen Schurken niederschlägt, während Louie als Sidekick hinter ihm ist. Diese Szene kommt einem echten Superheldencomic so nahe wie nur irgendwie möglich. Allerdings steckt dahinter merklich die Absicht des Autors, eben jenes Genre genüsslich aufs Korn zu nehmen. Denn Clowes lässt sein subtiles Werk höchstens als bewussten Stilbruch für einen winzigen Augenblick in solch plastische Arbeit übergehen. In diesem Zusammenhang bleibt für den Leser auch nicht ganz geklärt, wieviel Metaphorik dem offensichtlichen Realismus entgegensteht.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein bemerkenswertes Kapitel über die Probleme des Erwachsenwerdens, mit brillanter grafischer Unterstützung

 

Der Todesstrahl
Reprodukt, Oktober 2013
Text und Zeichnungen: Daniel Clowes
Übersetzung: Heinrich Anders, Tina Hohl
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3-943143-52-2

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Abbildungen: © Daniel Clowes, der dt. Ausgabe: Reprodukt

Links der Woche 40/13: Saint Anger ‚round my neck

Unsere Links der Woche, Ausgabe 40/2013:

 

So langsam platzt mir der Kragen
Animexx, roterKater
roterKater liest die Comicgate-Interviews mit Ulli Lust und Simon Schwartz und ärgert sich über deren „ebenso uniformierte wie abfällige Art“, sich zu deutschsprachigen Manga-ZeichnerInnen zu äußern.

Sketchbook Java & Bali
Tumblr, Barbara Yelin
Auf Einladung des Goethe-Instituts war Zeichnerin Barbara Yelin zu Gast auf einem Literaturfestival in Indonesien. Während ihres dreiwöchigen Aufenthalts zeichnete sie fleißig in ihr Skizzenbuch und zeigt einige dieser Skizzen auf ihrer Website.

Avengers für den kleinen Bildschirm: Marvels Deal mit Netflix
Ein Comic Leben, Jean Fischer
Marvel hat angekündigt, zusammen mit dem Streamingdienst Netflix vier TV-Serien zu produzieren, deren Helden anschließend nach dem Vorbild der Avengers in einem gemeinsamen Serien-Event zusammenfinden. Das Prinzip des Shared Universe, im Comic seit Jahrzehnten erprobt und auch im Kino inzwischen erfolgreich angewandt, kommt nun also auch ins Fernsehen. Warum das gerade zusammen mit Netflix besonders gut funktionieren könnte, erklärt dieser Blogbeitrag.

What Marvel’s shared universe means for movies
The Dissolve, Noel Murray, Keith Phipps, und Matt Singer
Drei Redakteure des Online-Filmmagazins The Dissolve diskutieren aus dem gleichen Anlass über die Frage, welche Auswirkungen Marvels Erfolg mit seinem „Cinematic Universe“ auf die Filmbranche haben könnte.

Comics have hit puberty…and it’s not pretty
The Beat, Heidi MacDonald
Die Comiczeichnerin Tess Fowler erzählte neulich auf Twitter von einem Vorfall, der vor einigen Jahren auf der San Diego Comic Con geschehen war, der aber kein Einzelfall gewesen sei: Ein Comic-Kollege habe sich interessiert an ihrer Arbeit gezeigt, später habe er sie auf sein Hotelzimmer eingeladen und als sie das ausschlug, habe er sie nur noch herablassend behandelt. Ein paar Wochen später ließ Fowler auch den Namen des Kollegen fallen: Brian Wood, Schöpfer von Vertigo-Serien wie DMZ oder Northlanders und aktueller Autor an Star Wars und X-Men. Heidi Mac Donald setzt diese Geschichte in ihrem hier verlinkten, lesenswerten Text in den Kontext einer Branche, die bis vor einigen Jahren extrem männlich dominiert war (was sich mehr und mehr ändert), und in der es offenbar vielen nicht leicht fällt, Frauen als ebenbürtige Kolleginnen anzuerkennen, ohne in unschöne Verhaltensmuster zu verfallen. Siehe dazu auch: Ein entschuldigendes Statement von Brian Wood sowie Blogbeiträge von Rachel Edidin (Ex-Dark-Horse-Redakteurin) und G. Willow Wilson (Autorin der demnächst neu startenden Ms. Marvel-Serie, in der die Heldin ein muslimisches Mädchen ist).

Watch Make-A-Wish Turn San Francisco Into BatKid’s ‚Gotham City‘
The Atlantic Wire, Eric Levenson
Die Organisation Make-A-Wish hat einem fünfjährigen, an Leukämie erkrankten Jungen seinen sehnlichen Wunsch erfüllt, einmal Batman zu sein. Und fast ganz San Francisco machte mit (siehe auch „BatKid: Amerika erfüllt Miles Scott einen Wunsch“ bei sueddeutsche.de).

Astérix chez les Homophobes

Wir befinden uns im Jahre 2013 n. Chr. Asterix bei den Pikten ist erschienen und von der Kritik als passabel befunden worden, bietet inhaltlich aber nichts Neues… Nichts Neues? Doch! Denn die deutsche Übersetzung hat einen besonderen Kalauer parat.

Einen Überflieger hat wohl niemand erwartet, die Spannung war trotzdem einigermaßen groß: Würde Band 11 n. Gsc., der erste der neuen Autoren Ferri und Conrad, es schaffen, das Vermächtnis von Goscinny und Uderzo ohne weitere Peinlichkeiten zu verwalten?

Eigentlich lässt sich die Frage lapidar mit „Ja“ beantworten. In der deutschen Ausgabe gilt das allerdings nur bis Seite 15, die im Original mit folgender Panelreihe beginnt:

asterix.fr.px

Anmerkung der Redaktion: Gerne hätten wir die entsprechenden Ausschnitte zum Zweck der Dokumentation unverfremdet gezeigt, was unserem Rechtsempfinden nach auch vom Zitatrecht gedeckt gewesen wäre. Allerdings verbieten die betreffenden Rechteinhaber dies ausdrücklich, bzw. gestatten es nur unter Auflagen, die unserer Auffassung nach unverhältnismäßig und mit seriösen journalistischen Maßstäben unvereinbar sind. Da Comicgate leider nicht über die Ressourcen verfügt, sich dies im Zweifelsfall gerichtlich bestätigen zu lassen, bitten wir unsere Leser um Verständnis, dass wir die betreffenden Ausschnitte nur verpixelt zeigen können.

Blase 1 (Mac Oloch): Je menais une vie paisable dans mon clan près du Loch Andloll aux eaux si limpides…

Blase 2 (Mac Oloch): … quand je suis tombé dans une embuscade tendue par l’odieux Mac Abbeh.

Blase 3 (Astérix): Mac Abbeh?

Blase 4 (Mac Oloch): Le chef du clan de la rive opposée du loch. Il m’a fait lier à un tronc et jeter dans les courants tumultueux…

So weit, so unverfänglich.

Unter Verwendung der in der deutschen Übersetzung gewählten Namen und unter Berücksichtigung der Platzverhältnisse wäre etwa diese Übersetzung denkbar:

Blase 1 (Mac Aphon): Ich lebte in Frieden an den klaren Wassern des Loch Endroll mit meinem Clan…

Blase 2 (Mac Aphon): … bis ich in einen Hinterhalt des niederträchtigen Mac Abberh geriet.

Blase 3 (Asterix): Mac Abberh?

Blase 4 (Mac Aphon): Der Chef des Clans am anderen Ufer des Lochs. Er hat mich an einen Baumstamm gebunden und in die reißenden Fluten geworfen…

Aus Übersetzersicht eine recht simple Angelegenheit.

Natürlich kann man sich über die Wahl der deutschen Namen streiten. Den Sinn des deutschen „Loch Endroll“ beispielsweise habe ich erst in Kenntnis des französischen Originals (gesprochen: „Lock and Loll“) verstanden. Müsste es nicht eher „Loch Endloll“ heißen, um den Gag ins Deutsche zu retten? Egal, letztlich kann man sich bei Übersetzungen ja grundsätzlich über alles streiten. Das liegt in der Natur des Unterfangens, und der Übersetzer ist eben dafür da, die Variante zu wählen, die ihm selbst am treffendsten erscheint.

Tatsache ist an dieser Stelle: Es kommen keine komplexen Wortspiele oder Zweideutigkeiten vor, die es zu berücksichtigen gilt, und es herrscht auch kein besonderer Platzmangel. Obwohl meine Übersetzung sehr nah am Original ist, sind meine ersten beiden Texte jeweils kürzer als ihre französische Vorlage; mein vierter Text ist zwar um zwölf Zeichen länger, der Platz dafür aber vorhanden.

Kurzum, man bekommt alles bequem unter, ohne dafür Verrenkungen machen oder Kompromisse eingehen zu müssen. Es handelt sich um eine einfache Rede des Pikten Mac Aphon (auf Französisch: Mac Oloch), die in knappen Worten für den Plot wichtige Informationen vermittelt, ohne Schnickschnack.

Der einzige potenzielle Stolperstein liegt in dem „de la rive opposée“, das wörtlich übersetzt „vom gegenüberliegenden Ufer“ heißt. Da das nun etwas sperrig wäre, liegt die Übersetzung „vom anderen Ufer“ eigentlich nahe. Diese wiederum birgt im Deutschen natürlich eine gewisse Zweideutigkeit. Im gegebenen Kontext – siehe oben – lässt sich das aber ohne größere Umstände entschärfen.

In der deutschen Übersetzung von Klaus Jöken kommt dabei folgendes heraus:

asterix.de.px

Blase 1 (Mac Aphon): Mit meinem Clan führte ich ein friedliches Leben an den heiteren Gestaden des Loch Endroll…

Blase 2 (Mac Aphon): … bis mich Mac Abberh, der Clanchef vom anderen Ufer, hinterhältig eingelocht hat.

Blase 3 (Asterix): Eingelocht?

Blase 4 (Mac Aphon): Er warf mich, an einen Baumstamm gekettet, in den Loch, dort wo die Strömung am stärksten ist…

Alles nur Zufall, könnte man nun argumentieren, selber schuld, wer da auf Hintergedanken (hihihi) kommt. Immerhin: Ich habe Jöken letztes Jahr bei einem Vortrag zu seiner Tätigkeit als Asterix-Übersetzer kennengelernt, und einen schlechten Eindruck hat er damals nicht hinterlassen.

Es wurde allerdings ebenso deutlich, dass der Mann lange an seinen Texten feilt und keinen Kalauer freiwillig liegenlässt. Und auch dessen ungeachtet gilt: Die erste Anspielung („der Clanchef vom anderen Ufer“) hätte ich für unglücklich gehalten, eine zweite („hinterhältig“) für fahrlässig. Und bei dreien („eingelocht“) unterstelle ich Absicht. Umso mehr, da ich gesehen habe, wie Jöken arbeitet und welch großen Wert er auf Wortspiele legt.

Aber gut, sehen wir uns einfach Blase für Blase an, wie Jökens Übersetzung zustande gekommen ist:

Blase 1: Der Loch hat bei Jöken „heitere Gestade“ statt „klarer Wasser“, und Jökens Text ist um sieben Zeichen länger als die Vorlage. Davon abgesehen hält auch er sich hier noch relativ eng ans französische Original.

Blase 2: Hier wird’s nun interessant, weil sehr viel freier.

a) Zunächst versetzt Jöken Mac Aphon aus der aktiven Rolle in eine passive: Die Figur ist nicht mehr selbst „in einen Hinterhalt geraten“, wie es im französischen Text heißt, sondern Mac Abberh hat ihr etwas angetan.

b) Jöken zieht Mac Abberh, den im französischen Wortlaut „Chef des Clans vom gegenüberliegenden Ufer des Lochs“ aus Blase 4, vor und macht ihn kurzerhand zum „Clanchef vom anderen Ufer“.

c) Der „Hinterhalt“ wird bei Jöken zum Adjektiv: „hinterhältig“.

d) Hey, es geht immerhin um ein „Loch“. Also: „eingelocht“. Gratiskalauer.

e) Die „niederträchtige“ oder „abscheuliche“ Eigenschaft Mac Abberhs aus dem Original wird ersatzlos gestrichen. Trotzdem ist der Blasentext nun um zwölf Zeichen länger als der französische – und um 13 Zeichen länger als meine Übersetzung, die näher bei der Vorlage bleibt.

Blase 3: Statt der naheliegenden Frage aus der Vorlage, deren Antwort Jöken ja bereits aus Blase 4 vorgezogen hat, muss Asterix in der deutschen Version nun danach fragen, was es mit dem „eingelocht“ auf sich hat, um sich Jökens Kalauer erklären zu lassen.

Blase 4: Während die ersten beiden Blasen in der deutschen Version mit insgesamt 19 Zeichen Überschuss ziemlich vollgestopft wirken, hat es in der vierten und letzten nun viel Luft. Dadurch, dass Jöken die Übersetzung von „le chef du clan de la rive opposée du loch“ schon vorgezogen hat, kann er hier einfach mit einem Pronomen arbeiten, was seine Übersetzung dieser Blase 19 Zeichen kürzer macht als den Originaltext – und sogar 32 Zeichen kürzer als meine Übersetzung. Mit anderen Worten: Es bleibt, selbst in der verpixelten Abbildung für jeden erkennbar, elend viel ungenutzter Platz übrig.

Jöken betreibt hier also einen enormen Aufwand, um vom französischen Original abzuweichen: Er verändert die Satzkonstruktionen und den Gesprächsverlauf, verlagert Sinneinheiten von einer Blase zur anderen, baut zusätzliche Wortspiele ein und lässt andere Teile wegfallen. Und er nimmt dabei in Kauf, dass die ersten beiden Blasen mit Text überfrachtet wirken, während die letzte reichlich Luft im Bauch hat.

Prinzipiell ist das alles unproblematisch und gehört zum Alltag eines Comic-Übersetzers. Hin und wieder zwingen dich Inhalt oder Platzverhältnisse eben dazu, unliebsame Wege zu gehen.

Aber worin sollte dieser Zwang hier bestehen? Semantische, strukturelle, logistische Gründe? Fehlanzeige.

Es sieht vielmehr so aus, als hätten Jökens Umbaumaßnahmen nur einen Grund: Er will auf Biegen und Brechen den „Clanchef vom anderen Ufer“ haben, der seinen Feind „hinterhältig eingelocht“ hat.

Nun ist immerhin festzuhalten, dass die Figur Mac Aphon keinen Schaden nimmt. Mac Aphon wirkt insgesamt gutherzig und treudoof genug, dass man ihm die Anspielungen nicht übelnimmt. Die Zweideutigkeiten, die aus Mac Aphons Perspektive völlig unbeabsichtigt sein müssen, bringen sogar eine zusätzliche Ebene der Komik mit in die Charakterisierung.

Ferner ist Asterix schon vor 40 Jahren kaum durch seine große Zimperlichkeit mit Minderheiten aufgefallen. Daran erinnert etwa die inzwischen deutlich entschärfte, aber auch im neuen Band wieder vertretene rassistische Karikatur des Piratenausgucks. Diskriminierende Botschaften hat es in Asterix immer wieder einmal gegeben. Wer sich als weißer, männlicher, heterosexueller Mitteleuropäer permanent von der leidigen „politischen Korrektheit“ unterdrückt sieht, der durfte sich bei der Serie bereits zu Renée Goscinnys Zeiten wie zu Hause fühlen.

Und schließlich muss man mit einem Text, geschweige denn einer Figur, natürlich auch nicht unbedingt einer Meinung sein, um sie zu übersetzen. Kalauer auf Kosten von Minderheiten können – zumindest aus Sicht des Übersetzers – durchaus ihre Berechtigung haben, egal, was man selber davon hält.

Aber, und das ist der Knackpunkt: Dies ist nur dann legitim, wenn die entsprechenden Ressentiments schon in der Vorlage vorhanden sind und dort entweder der Charakterisierung dienen oder die Sichtweise des zu übersetzenden Autors widerspiegeln.

In Asterix bei den Pikten ist weder das eine noch das andere der Fall.

Die Schwulenwitzchen wurden hier erst mühsam konstruiert und zugespitzt durch eine Übersetzung, die an dieser Stelle mit ihrer Vorlage umgeht wie der Elefant mit dem Porzellanladen, ohne Rücksicht auf visuelle und semantische Kollateralschäden zu nehmen. Zur Hölle mit dem Erscheinungsbild der Sprechblasen, der Struktur des französischen Texts oder dem ranzigen und homophoben Zotenhumor, den man Jean-Yves Ferri so unterjubelt: In dubio pro kalauero.

Man mag das witzig finden oder nicht. Aus übersetzerischer Sicht ist es als grober Verstoß zu werten.

Update, 13.12.2013: In den Kommentaren hat sich jemand unter dem Namen Klaus Jöken zu dem Artikel geäußert:

Zunächst einmal prinzipiell: Asterix ist als Comic für Kinder und Jugendliche angelegt, darum kommt Sex darin nicht vor. Punktum!
Mit Sex Lacher zu erzielen ist sowieso zu einfach und deshalb unwürdig, in einen Comic vom Rang eines Asterix aufgenommen zu werden.
In meiner Welt ist „jemanden einlochen“ umgangssprachlich für „einsperren“, „ins Gefängnis werfen“. Der Gag besteht nun darin, dass dieser Ausdruck bei den Pikten etwas ganz anderes bedeutet, nämlich seinen Gegner an einen Baumstamm zu binden und in den Loch (also den Meeresarm) zu werfen.

Ich bitte doch erst einmal nachzufragen, bevor man einen Kollegen öffentlich der Homophobie bezichtigt!!

Marc-Oliver Frisch übersetzt Comics aus dem Englischen ins Deutsche und schreibt darüber bei Twitter und in seinem Blog.

„Ich hab’s nicht so mit dem Lieblichen“ – Interview mit Ulli Lust

Ulli Lust in HannoverDie Comiczeichnerin Ulli Lust stammt aus Österreich und lebt in Berlin. Mit ihrer autobiografischen Graphic Novel Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens landete sie einen internationalen Erfolg. Diesen Sommer erschien im Suhrkamp Verlag Flughunde, die Adaption eines Romans von Marcel Beyer. Dieses Werk stellte Ulli Lust im Oktober bei einer Veranstaltung im Literarischen Salon der Uni Hannover vor, wo sie Stefan Svik anschließend zum Interview traf. Darin spricht sie über ein breites Spektrum von Themen, vom vermeintlichen Graphic-Novel-Elitismus über das umstrittene Comicmanifest bis hin zu Hartz IV und dem Frauenbild in Comics.

 

Comicgate: Liebe Ulli, du hast so viele Auszeichnungen bekommen, wurdest schon so oft für Presse und TV interviewt…

Ulli Lust: (lacht). Geil, nicht?

Ich hoffe, dass ich mit meinen Fragen deinem Werk gerecht werde und das hohe Niveau halten kann, das du gewohnt bist …

(lacht laut)

…denn ich widme mich gerne dem Thema Comics generell und nicht nur den Graphic Novels, aber durchaus auch gerne dieser Gattung. Dein vorheriges Buch Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens (avant-Verlag) war stark autobiographisch. Darin erzählst du von deiner Zeit als 17-jährige in Wien, mit Vorliebe für die Punk-Szene. Deine aktuelle Graphic Novel ist bei Suhrkamp erschienen und wird wieder im Feuilleton der großen Zeitungen besprochen. Um einen Song von Die Ärzte zu zitieren: Ist das noch Punkrock?

(lacht)

Sind Graphic Novels nicht oft etwas elitäres?

Ich versteh das nicht. Warum soll das elitär sein? Und warum kann das nicht Punk sein? Du meine Güte! Punk heißt doch nicht, dass man sich Vorschriften machen lässt, was für eine Form irgendetwas haben soll. Das Punk-Motto lautet: Do it yourself. Und ich habe „do it yourself“ einen Comic gemacht und ich habe halt etwas mehr Platz dafür gebraucht. Und dann wurde es letztlich in das Buchregal „Graphic Novel“ einsortiert. Aber es ist letztlich ein Comic. Aber ich bin kein Punk mehr. Schon lange nicht mehr. Es ist nicht möglich, als Punk in Würde zu altern. Oder sehr, sehr schwierig.

Am Punk hat dich eher das Optische und das Image gereizt und weniger die Musik und anderes?

Auf jeden Fall das Optische. Ich kam ja vom Land und kannte die Musik gar nicht. Das machte mich sehr uncool. Aber die Ästhetik fand ich großartig! Die Frisuren, die Kostüme, der Style. Und natürlich das anarchistische Fundament. Aber diese Sache mit der Graphic Novel und dass da diese Angst gepflegt wird, dass das ein elitäres Produkt ist … es ist eines von den vielen Dingen, die man als Comiczeichner machen kann.

Aber die Trennung zwischen Comics und Graphic Novels ist vorhanden und wird eher noch stärker, oder? Bei deiner Lesung in Hannover war das ein Thema: Die Graphic Novels werden stärker über den Buchhandel vertrieben, der mit seinem stärkeren Vertrieb mehr Menschen erreicht als Comicläden. (einen Bericht zur Lesung von Ulli Lust im Literarischen Salon der Uni Hannover gibt es bei der ComicRadioShow). Du sagtest vorhin auch, dass du deine Leser gar nicht so sehr unter den Comiclesern vermutest, sondern eher in den Buchhandlungen.

Naa, naa (hier bricht Ullis österreichischer Akzent durch, auf Hochdeutsch: „Nein, Nein“). Das ist noch etwas schwierig. Natürlich sind meine Leser Comicleser, aber nicht die klassischen Leute, die in den Comicladen gehen. Es ist so, dass die Leser von einem Stoff wie Flughunde vor den klassischen Comicgeschichten, von denen es auch viele gute gibt, in einem Comicshop erst mal zurückschrecken würden. Vor diesen übertriebenen Bildern und diesen Fantasy-Elementen. Da würden sie wohl denken: Oh mein Gott, hier finde ich doch nicht das, was ich suche! Und die Flughunde würden im Regal ganz hinten stehen. Das kenne ich doch. In den Comicläden sind die Comics von Reprodukt und Avant in einem kleinen Regal. Und das muss man erst mal finden. Ich habe Leser in den Comicläden und in den Buchhandlungen. Mein Eindruck ist, dass es noch ein viel größeres interessiertes Publikum gibt, das noch nie in einem Comicladen war. Und genau für diese Leute hat man das Label Graphic Novel erfunden, damit sie ihre Angst vor Comics verlieren. All diese Klischees, was Comic angeblich alles ist.

Heute ist der letzte Tag vom Rest deines LebensIn einem Interview sagtest du, dass es bei Heute ist der letzte Tag… hilfreich war, dass eine 17-jährige die Hauptfigur sei, da das näher an der jungen Comiczielgruppe sei. Ist das bei Flughunde anders, sind dort die Leser älter?

Eigentlich nicht. Inhaltlich würde ich Graphic Novels auch nicht festlegen. Die Möglichkeiten sind nicht eingeschränkt. Für mich ist das einfach ein Buch. Ein etwas dickeres Buch. Eine abgeschlossene Geschichte. Was genau für eine Art Geschichte, ist erst mal nicht relevant. Der inhaltliche Rahmen ist eigentlich sehr viel größer als beim klassischen Comic, bei denen die Verlage immer geschaut haben, wie es eingeordnet werden kann: Teenagergeschichten, Bubengeschichten und so weiter. Für mich bedeutet das Format Graphic Novel mehr Möglichkeiten. Es ist also … anarchistischer (lacht)

Aufgewachsen bist du aber nicht mit Comics, sondern mit klassischer Literatur?

Ja.

Erst im Studium in Berlin hast du dann Comics gezielt kennengelernt?

Diese interessanten Alternativcomics, ja. In Österreich habe ich als Kind Donald Duck gelesen. Und ab und an gab’s in der Stadtbibliothek erotische Comics aus Frankreich – die fand ich super! Das fand ich toll, aber davon gab es nicht viel und die waren nicht mal ins Regal einsortiert. Die lagen auf einem Tisch – so ganz seltsam. In der Uni in Berlin habe ich dann den Kai Pfeiffer kennengelernt und der ist ein richtiger Comicexperte. Aufgewachsen ist er in der Nähe von Stuttgart und da gab’s dieses „X für U“ [Comicladen in Freiburg, Anm. d. Red.]. Er hatte Zugang zu richtig guten Comicdealern und deshalb konnte er mich mit den passenden Sachen versorgen. Und ich dachte: Das ist ja eine unglaublich geile Sache!

Früher gab es keine große Comicszene in Österreich? Hat sich das inzwischen gewandelt oder verfolgst du das nicht mehr?

Die ist gewachsen. Insgesamt sind sowohl der Kreis der Interessenten als auch die Zahl der Produzenten gewachsen. Es gibt jetzt sogar einen guten, kleinen Independent-Comicverlag, der ziemlich gute Sachen macht: der Luftschacht Verlag. Und nun muss ich dazu sagen: bei Fantagraphics in den USA gibt es nur drei deutschsprachige Autoren: Nicolas Mahler, Thomas Ott und mich. So viel zur österreichischen Comicszene (lacht). Es gab uns zwar nicht, aber in Amerika sind wir, relativ betrachtet, sehr präsent.

Während der Lesung erzähltest du, dass du in den USA beinahe noch bekannter seist als hier. Deine Bücher werden auch ins Französische übersetzt. Du hast zahlreiche, auch internationale Preise gewonnen und unterhältst gute Kontakte zu Künstlern, etwa aus den USA. Orientierst du dich inzwischen mehr in Richtung Amerika?

Nein. Das war immer schon so. Es gibt heute auch nicht mehr so viele regionale Unterschiede. Also ich hoffe, dass ich mir einen österreichischen Humor bewahre, aber meine Comics sind schon immer vom „alternative comic“ aus den USA inspiriert. Ich habe mich gewundert und es erst jetzt in den USA richtig gemerkt, dass sie dort so irrsinnig auf mein Buch abfahren. Dann wurde mir klar: Natürlich, denen ist das wahnsinnig vertraut, denn ich bin inspiriert von … Eddie Campbell, okay, das ist nun gerade kein Amerikaner. Chester Brown finde ich großartig. Und natürlich die Hernandez-Brüder.

Deine Art, Comics zu gestalten, ist den Amerikanern vertraut, sagst du. Wegen der Erzählweise, wegen der Zeichnungen?

Wegen dieser sehr lakonischen Erzählweise. Nicht diese Überwältigungsstrategie der Superhelden, sondern da steht dieser Typ und redet, mit wenigen Gesten.

FlughundeUnd diese Vertrautheit empfanden die US-Amerikaner nur beim Vorgänger von Avant oder auch bei deinem neuen Werk bei Suhrkamp, Flughunde?

Bisher nur beim Vorgänger. Bei Flughunde weiss ich es noch nicht. Geplant ist es für die USA, aber es wird noch ein Übersetzer gesucht, da Kim Thompson, der Hausübersetzer von Fantagraphics, leider gestorben ist. In Frankreich wird es ebenfalls erscheinen. Für mich ist es ein Zwischenwerk (lacht).

Dir wird in Interviews immer mal wieder die Frage gestellt, was Du von Superheldencomics hältst. Nun bist du Dozentin an der Universität Hannover. Beschäftigst du dich nun auch mit den Büchern von Scott McCloud, in denen Jack Kirby und Will Eisner gleichberechtigt nebeneinander stehen? Und wie findest du seine Ausführungen dazu, dass sequentielle Kunst eben gar keine so neue Kunstform ist, sondern bereits auf Höhlenmalereien zurück geht? Du sagtest zum Beispiel bei deiner heutigen Lesung, dass ein sehr stark komprimierter Comic nicht das richtige für dich wäre und du lieber 300 Seiten Platz zur Verfügung hast. Kirby ist ja eher ein Meister des Komprimierens, der besonders mit seiner Arbeit für Marvels Fantastic Four berühmt wurde.

Ja, Moment mal. Ich arbeite auf 300 Seiten ja sehr komprimiert. Ich ziehe es nicht in die Länge. Ganz viel Raum benötige ich nur, um die Charaktere zu entwickeln. Und das nicht im Sinne von langsam erzählen, sondern ich möchte viele Details aneinanderreihen können.

Aber natürlich kann ich diese Entertainmentschiene nicht bedienen. Ich kenne mich mit Superhelden nicht aus. Wer das gerne machen möchte, soll das gerne tun. Jeder Student hat die Möglichkeit, mich mit seiner Idee zu überzeugen. Das soll möglich sein. Ich will nicht sagen, dass nur dieser eine Stil möglich sei. Unter 30 Studenten gibt es immer 30 verschiedene Talente. Die Leute müssen herausfinden, was ihr Talent ist. Und dabei würde ich sie gerne unterstützen. Aber natürlich habe ich von manchen Dingen mehr Ahnung als von anderen.

Also hast du nicht den Ehrgeiz, dich mit Dingen wie Mangas und anderen Formen der Comics zu beschäftigen?

Mangas finde ich gut. Ich warte noch auf die richtig geilen deutschen Mangas.

Aber gegen Superhelden hält sich bei dir eine gewisse Aversion?

Nein, aber das ist einfach nicht meine Literatur. Ich bin ein Mädchen. Oder eine Frau. Ich mochte Wonder Woman auf dieser Insel, aber sobald sie anfing zu kämpfen, war mir langweilig. Das interessiert mich schlichtweg nicht.

Super Vorlage! In Grant Morrisons Buch Superhelden beschreibt er, wie die Comics mit Wonder Woman ursprünglich angelegt waren. Da waren Phantasien und Ideen dabei, von Befreiung, freier Liebe …

Hmm. Cool! Hätte ich sofort gut gefunden!

Davon ging dann über die Jahre vieles verloren, etwa durch den Comics Code. Es gab Zensur, Comics wurden kommerzieller und gleichförmiger, braver und harmloser. Sehr viel stärker Mainstream.

Und vielleicht, weil es für Männer gemacht war. Das Gros der Zielgruppe für Superheldencomics war immer männlich, oder?

Im Fall von Wonder Woman sagt Morrison, dass zwar ein Mann den Comic gezeichnet hat, dass inhaltlich aber sehr viel Einfluss von seiner Frau kam.

Ah, okay.

Eine Botschaft der ursprünglichen Wonder Woman war der Einsatz für Emanzipation.

Das hätte ich toll gefunden! Verdammt! Schade.

Da hat der Comics Code und der hysterische Umgang in den USA der 1950er Jahre sicher viel Schaden für Comics angerichtet. Aber zum Thema weibliche Sichtweise: Du sagst, als Frau interessiert dich diese Art Comics nicht. Das scheint ja durchaus ein Thema zu sein, mit dem sich die Verlage beschäftigen. Es gibt Versuche, mehr Mädchen und Frauen für Comics zu begeistern. Carlsen hatte etwa eine Reihe mit „Graphic Novels for Ladies“ gestartet, inklusive rosa Bändchen …

(Leicht gequält:) Jaaa, ich hab mir eins gekauft.

Seite aus Heute ist der letzte Tag...Das Frauenbild in den Comics sieht etwa bei den Superhelden oft eher so aus, dass Frauen mehr zur Dekoration gehören. Wie denkst Du über das Thema Frauen im Comic, Frauendarstellung im Comic?

Das ist natürlich schon ein Problem bei den Superhelden (lacht). Dazu gibt es ja etwa diese Website, auf der Posen weiblicher Superhelden mit männlichen Superhelden nachgestellt werden. Das ist doch wahnsinnig entlarvend, oder? Da sieht man dann, dass diese Figuren immer beim Kämpfen Posen einnehmen, die man normalerweise beim Geschlechtsverkehr einnimmt. Da fragt man sich: Warum müssen Frauen immer mit gespreizten Beinen kämpfen? Und warum müssen sie immer ihren Hintern herausstrecken, wenn sie zum Angriff übergehen? Das sind Projektionen. Das sind keine richtigen Frauen. Das interessiert Mädchen nicht. Sowas wollen Männer sehen. Das bedeutet also: Comics für Frauen und Mädchen wären tatsächlich etwas anders gestrickt, wie du gerade eben sagtest. Wonder Woman kann sich durchaus mal fesseln und von einem Mann verführen lassen, aber die Nuancen wären unterschiedlich. Die würde vielleicht auch mal kämpfen, ohne die Brüste freizulegen. Oder vielleicht könnte sie die Bluse im Zweikampf anbehalten (lacht). So Zeugs halt.

Ich mag ohnehin realistische, ambivalente Frauenfiguren. Frauen, die nicht nur typisch weibliche oder typisch männliche Züge haben. Ich mag vielschichtige Figuren, die nicht nur einen Charakterzug haben. Männer, die auch weibliche Eigenschaften haben und Frauen mit männlichen Eigenarten. Das große, ganze Panorama finde ich interessanter.

Diese Carlsen Graphic Novels für Frauen, von denen ich mir eine gekauft hatte, musste ich leider auf halber Strecke abbrechen. Ich konnte das nicht durchhalten – das ist so … blöd. Ich mag Pénélope Bagieu [Wie ein leeres Blatt] eigentlich gerne. Ich mag ihren Zeichenstil. Es hat mich sofort angesprochen, aber die Storys waren mir einfach zu seicht. Das ging nicht. Zeichnerisch war ich leicht angeteast, aber, na ja … (lacht)

In unserem Interview sprach Simon Schwartz über Frauen, die in den letzten Jahren vermehrt aus der Mangaecke kommen. Ihm komme es mitunter so vor, als wären nun eher die Männer die innovativeren Künstler, da sie diese Flut von Mangas mit Liebesgeschichten für Mädchen nicht gelesen haben. Das ist oft so lieblich, Figuren mit großen Augen und eher für eine sehr junge Zielgruppe, oder? Ist das nicht ein Rückschritt, wenn Frauen in diese Richtung Liebesgeschichten drängen?

Nicht die großen Augen sind das Problem, sondern das extreme Nachmachen. Wenn einfach nur das nachgezeichnet wird, das woanders bereits erfolgreich wird, dann kann dabei nichts Gutes, oder zumindest nichts Neues herumkommen. Wenn sie dann deutsche Mädchen in einer japanischen Uniform zeichnen und ihnen japanische Namen geben, dann wirkt das so wie das Nachgehechel eines kleinen Kindes, das gut nachahmen kann. Interessant wäre aber die Weiterentwicklung. Wenn daraus eigene Geschichten entstehen, die vielleicht auch auf eigenen Erfahrungen basieren. Oder auf Beobachtungen, die in unserer Realität spielen. Die großen Augen sind dabei überhaupt kein Problem. Diese Ästhetik kann man ja trotzdem mögen. Es geht nur darum: wie platt oder wie vielschichtig ist die Geschichte?

Geld – das ist ein anderes großes Thema. Etwa auch beim Comic-Manifest, an dem du beteiligt warst. Wie geht dieses Thema weiter?

Die Politik hat sich, Gott sei Dank, angesprochen gefühlt. Denn eigentlich ist das Manifest ja nicht für die Leser, sondern für die Politiker. Es gab einen Mann im Berliner Senat, der uns fragte: Was braucht ihr? Und wir sagten: das und das und das. Zum Teil sind das natürlich utopische Forderungen, aber auf lange Sicht vielleicht nicht ganz so utopisch. Ob dabei wirklich etwas herauskommt? Frag mich nicht, ich weiß es nicht. Man weiß ja, dass Berlin gerade nicht so begütert ist. Andererseits: Diese Leute vom ILB kamen zu uns, sie hatten einen Auftrag vom Senat, und da gab es dieses Geld und es hieß: Fragt die Comiczeichner, was sie gerne hätten, weil wir festgestellt haben, dass der Bereich Comic ein Wachstumszweig in der Berliner Wirtschaft ist. Yo. Na also, dann haben wir’s aufgeschrieben (lacht). Ideen, was dem Comic gut tun würde. Ich sehe das ja jetzt etwa durch mein Buch bei Suhrkamp. Plötzlich bin ich in dieser Literaturwelt unterwegs und dort gibt es vollkommen andere Gagen. Das ist ein völlig anderes Realitätssystem. Das ist irre! Es gibt plötzlich in jeder Stadt ein Literaturinstitut und ein Literaturhaus. Die Lesungen sind erheblich besser bezahlt. Ich bin ganz erstaunt (lacht). Und das gibt es im Comicbereich einfach nicht. Und das ist dann ein Grund, warum ganz viele, junge, engagierte Comiczeichner in die Werbung abdriften, oder in die Illustration. Einfach, weil sie die Zeit nicht finanziert bekommen, die es kostet, einen Comic zu zeichnen.

Ulli Lust in HannoverDu hattest in einem Interview erwähnt, dass du zeitweise von Hartz IV leben musstest. Kürzlich hatte ich Steff Murschetz interviewt, der U-Comix wiederbelebt hat [zu lesen im Comic!-Jahrbuch 2014]. Das wäre nun wohl auch wieder dieses Punk-Klischee: Ich bringe ein Heft in einer Auflage von 3500 Stück heraus, während eine Graphic Novel von Suhrkamp schon eher Mainstream ist …

Hmm.

Steff behandelt das Thema Hartz IV auch in den Comics. Dort wird dann etwa thematisiert, wie Hartz IV die Betroffenen krank macht und wie einem die Behörde im Weg steht …

Ja, das ist furchtbar.

Steff geht mit seinen 47 Jahren zum Jobcenter, bespricht, dass er sich als Comicverleger selbständig machen will, und bekommt dann Sätze zu hören wie: „Sie sind erwachsen, beschäftigen sie sich nicht mit so einem Kinderkram.“

Echt? Wow.

Steff macht das aggressiv. Etwa, dass Menschen durch Schikanen und Armut in den Tod getrieben werden. Bei dir klingt das Thema staatliche Förderung relativ positiv. Du siehst eher die Chancen und positiven Aspekte?

Nee, Nee. Das mit dem Hartz IV ist tatsächlich eine unglaubliche Schikane. Ich bin sehr froh, dass ich das mal selbst miterlebt habe, weil mir da erst klar wurde, was für ein Psychoterror da läuft. Da wird gezielt Psychoterror auf die Arbeitslosen ausgeübt. Und mein Eindruck ist, dass das planmäßig so ist. Ich hatte drei Betreuer in diesen zwei Jahren und da kamen Sachen! Die Leistungsempfänger sollten rausgeekelt werden. Da ging es nicht um Beratung oder Hilfe. Es ging darum, dass man sich mies fühlen und ganz schnell irgendeinen Job annehmen soll, um nicht mehr unter diesem Regime leiden zu müssen.

Ich bin fürs Grundgehalt! Das sollte ich zum Comic-Manifest noch dazusagen: Ich bin dafür, dass alle ein Grundgehalt bekommen!

Bist du ein politischer Mensch?

Ja. Ich hoffe. Ich müsste mich noch viel mehr engagieren (lacht).

Es gibt den Spruch: Geld ist Zeit, um schreiben zu können. Eine gewisse materielle Sicherheit ist wohl notwendig, als Grundvoraussetzung, um sich auf andere Dinge als nur ums bloße Überleben konzentrieren zu können. Du sagst, dass du sehr bescheiden lebst und nicht so viel brauchst. Wenn das Thema Geld aber immer (be)drückt: Kann man ohne Geld kreativ sein oder wäre es nicht besser, mehr Sicherheit zu haben?

Es kommt darauf an, wie sehr man sich beschränken kann. Ich mag es tatsächlich gerne, zu Hause zu sein und zu zeichnen. Da spare ich schon mal ganz viel Geld, statt es für die Kneipe auszugeben (lacht). Ich bin auch sehr introvertiert, das hilft auch sehr viel. Und ich mag diesen manischen Bewusstseinszustand, wenn man so ganz drin ist in der Arbeit. Und Comics sind wirklich ausgesprochen billig herzustellen. Alles was ich brauche, ist meine Arbeitszeit. Mehr wollten wir auch gar nicht bei diesem Manifest. Das kommt noch dazu: die Comicförderung wäre wahnsinnig billig im Vergleich zu anderen Gebieten. Mit ganz wenig Geld lässt sich ganz viel erreichen. Wenn man alleinstehend und sehr bescheiden ist und keine Familie möchte, dann denke ich, kann man diese ständig aufkommende Panik unterdrücken, dass man etwa nächsten Monat seine Miete nicht mehr bezahlen kann – dann schaut man halt, wo man sich das irgendwie zusammen borgt. Ich bin das einfach so gewohnt. Seit ich 18 bin, lebe ich auf diesem prekären Niveau. Und ich weiß, dass ich immer irgendwie durchkomme. Mein Sohn ist erwachsen. Er wurde von meinen Eltern groß gezogen. Eben aus dem Grund: Ich wusste, ich kann kein Kind ernähren, weil ich kreativ sein wollte. Das heißt … (überlegt) … auf jeden Fall kann man kreativ sein, wenn man Geldangst hat, so lange man nur irgendwie die Miete bezahlen kann, dort wo der Zeichentisch steht. Zumindest das braucht man doch. Als Obdachloser zeichnest du keine Comics mehr.

Dann muss dieses Ziel aber so stark sein, dass man sagt: Das lohnt sich, dafür stehe ich das jetzt durch. Oder?

Ja, genau.

Dann esse ich jetzt eben mal eine Woche lang nur Nudeln.

Mit meiner Stelle an der Uni werde ich nun endlich auch mal was zum Bruttosozialprodukt beitragen können (lacht). Ich würde dieses Leben nicht jedem empfehlen. Andererseits: Mein Gott.

Will Eisner hat Graphic Novels UND einen Superhelden wie The Spirit erschaffen. Kunst und kommerzielle Projekte. Scheint in den USA nicht so unüblich zu sein, siehe Steven Spielberg, der Filme wie Indiana Jones und Lincoln dreht. So etwas schließt du für dich aus, also ab und an bewußt kommerziell erfolgreiche Projekte?

Doch, doch, ich würde schon kommerziell arbeiten, aber die wollen mich halt nicht (lacht). Ich wollte Illustrationen für Frauenzeitschriften machen und bekam gesagt: Das ist nicht niedlich genug. Ich habe immer nach solchen Möglichkeiten gesucht, schließlich ernähre ich mich, seit ich 20 bin, davon. Seit ich mit dem Studium fertig bin, habe ich immer von künstlerischen Jobs gelebt: Schulbuchillustrationen, Illustrationen für dieses oder jenes Magazin, aber das war immer im sehr marginalen Bereich. Vielleicht hätte ich im Schulbuchbereich noch etwas mehr reüssieren können. Aber dann hatte ich, Gott sei Dank, diesen Erfolg mit Heute ist der letzte Tag… und ich konnte sagen: Nein, danke (lacht). Schulbuch ist sehr unattraktiv. Das macht keinen Spaß.

Seite aus FlughundeIn Heute ist der letzte Tag… finden sich zum Großteil realistische Zeichnungen. In Flughunde zeichnest du Joseph Goebbels meist als realistische Person, zeigst ihn in einer Szene aber mit einer langen Lügnernase. Bei deiner Lesung betontest du, dass du dich sehr an die Romanvorlage von Marcel Beyer gehalten hast. Musstest du dich als Zeichnerin mitunter etwas bremsen, etwa in den Hitler-Szenen – wäre es da naheliegend gewesen, ihn wie einen Teufel zu zeichnen?

Das hätte ich alles tun können, wenn ich das gewollt hätte. Ich finde, dass es im Comic, anders als im Film, diese naturalistische Abbildung nicht so sehr braucht. Die Natur muss nicht unbedingt abgebildet werden. Es gibt natürlich auch sehr realistische Comics, aber das, was ich mache, ist nicht supernaturalistisch. Ich mag zum Beispiel beim Manga, dass sie die Gefühlszustände in Zeichnungen auflösen und dass sie neue Formen finden, um Gefühlsregungen zu zeigen. Da sind die Japaner weit vorne. Das hat mich inspiriert, zum Beispiel.

Suhrkamp ließ dir freie Wahl für die Graphic-Novel-Reihe. Ein Grund für dich, Flughunde auszuwählen, war für dich, dass dir der Ort vertraut sein soll, was bei Wien oder Berlin der Fall ist. 2012 erschien die Graphic Novel Kriegszeiten über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan – wäre so ein Thema für dich denkbar?

Wenn ich dort wäre. Wenn man mich dort hinführen würde.

Du würdest in so ein Krisengebiet gehen?

Ich wollte so etwas machen: Reportagezeichnungen. Das wäre etwas, was ich gerne machen würde, aber ich habe nun eben die nächsten zehn Jahre verplant.

Mit deiner Trilogie Heute ist der letzte Tag…, du arbeitest nun am zweiten und dann am dritten Teil dieser autobiographischen Geschichte.

Ja, genau. Aber die Reportagen würde ich irrsinnig gerne machen, denn ich fahre sehr gerne irgendwo hin, recherchiere und baue dann daraus eine Geschichte. Das finde ich toll! Und natürlich haben Kriegs- oder Krisengebiete mehr Geschichten zu bieten als das Shoppingcenter nebenan, obwohl man natürlich auch dort etwas finden kann.

Der Nahostkonflikt ist vielen Autoren ein Anliegen oder auch Reisereportagen wie Pjöngjang von Guy Delisle, die Missstände aufzeigen wollen. Hast du ein Thema, das dich sehr stark anspricht?

Ja. Das Mittelmeer. Sizilien. Diese Frontex-Geschichte. Festung Europa. Das regt mich wahnsinnig auf. Da würde ich wahnsinnig gerne was drüber machen.

Simon Schwartz, dessen Comics, wie einige von dir, beim Avant-Verlag erscheinen, erzählte von seiner mehrjährigen Arbeit an Graphic Novels und den schnellen Illustrationen, die ihn dazu zwingen, sich mit neuen Themen zu beschäftigen, die ihn dann wiederum für seine Bücher inspirieren. Hättest du Lust auf solche Projekte, auf Kurzgeschichten, zwischendurch? Gibt es dafür eine Plattform? Du hast ja deinen eigenen Verlag gegründet. Neben Reprodukt und Avant bringen etwa auch Carlsen und Panini Graphic Novels heraus, aktuell etwa Daytripper aus Brasilien…

Den finde ich super! Ich möchte sie unbedingt treffen, wenn sie nach Berlin kommen. Ich kenne die Jungs [Fábio Moon und Gabriel Bá] nämlich.

Daytripper oder Graphic Novels von Jiro Taniguchi oder Will Eisner – das sind Werke, in denen die Bilder sehr leicht und sehr viel anders wirken als in deutschen Graphic Novels, wo es oft etwas sperriger und gröber aussieht. Warum ist das so, ist das dieser Independentlook? Ist das so gewollt, um gleich klar zu machen: Das hier ist kein Micky-Maus-Comic?

Ich hab’s nicht so mit dem Lieblichen. Ich bin mehr fürs Groteske und ich glaube, das ist ein österreichisches Erbe. Vielleicht wirkt Flughunde auch so schwer, weil es so dunkel geworden ist [Anmerkung des Autors: In der Lesung sprach Ulli über das Thema, auch über Abweichungen beim E-Book und der Printausgabe. Im Suhrkamp-Buch fielen die ursprünglich helleren Farben dem Druck zum Opfer.] Es ist natürlich eine schwere Geschichte. Aber mein Genre ist eben mehr die Tragikomödie. Die Groteske.

Mir würde jetzt noch Jimmy Corrigan einfallen. Mitunter entsteht der Eindruck, dass Graphic Novels oft sehr deprimierende, ernste Themen behandeln und dass Kritiker genau das dann loben. Daytripper ist eine Meditation über den Tod, aber es ist sehr leicht und hat viele fröhliche Momente. Sind wir da in Deutschland und Österreich immer etwas schwermütig und alles ist etwas zu ernst und trist?

Dieser Hang zur Melancholie ist nicht nur schlecht. Die Brasilianer gehen einem auch auf die Nerven mit diesem „Ach, hier ist immer alles super fröhlich! Wir lesen auch keine Bücher, sondern tanzen den ganzen Tag.“ Und so was halt. Zwischendurch erschießen sie sich dann. Oder sie sagen: Wir treffen uns um fünf. Und dabei meinen sie das dann gar nicht. Ach Gottchen, das hat alles seine Vor- und Nachteile (lacht).

Ich mag natürlich Leichtigkeit auch, aber Traurigkeit hat auch seine Reize. Womit sich die Deutschen vielleicht manchmal schwerer tun, ist Humor. Aber da würde ich mir jetzt kein Urteil anmaßen. Ralf König ist zum Beispiel super lustig.

Ich mag ja Mafalda sehr gerne. Ein cleveres, lustiges Mädchen. Kennst du die Comics?

Es sagt mir was. Ich kenne die Bilder.

Die Peanuts sind auch schön. Aber inzwischen ist vieles so zynisch und düster, so erscheint es mitunter. Du magst mehr die ernsten Themen?

Nicht die ernsten, sondern die existentiellen Themen. Ich muss das Gefühl haben, dass es ein Thema ist, von dem ich das Gefühl habe, dass man jetzt darüber lesen sollte. Bei der Punk-Geschichte [Heute ist der letzte Tag…] war es das Thema Emanzipation: Frauen sind nicht immer so, wie sie im Film dargestellt werden. Bei Flughunde war es so: Das habe ich einfach aus Spaß an der Freude gemacht. Ernste Themen? Jein.

Mal eine Literaturnobelpreisträger-Frage: Thomas Mann wurde gefragt, welche Figur in Buddenbrooks er denn sei. Er antwortete: jede davon. Also Facetten von ihm in seinen Figuren. Ist das bei dir auch so, etwa im autobiographischen Heute ist der letzte Tag…, bist du nur Ulli oder bist du doch eher beide weiblichen Figuren?

Welche ist denn die zweite Figur?

Die freizügigere Freundin, während Ulli etwas vorsichtiger ist.

Nee. Ich bin auf jeden Fall Ulli (lacht)!

Da zeigen sich also nicht zwei Seiten deiner Persönlichkeit?

Nein, das ist ja eine reale Geschichte.

Würdest du denn gerne mal eine lustige Geschichte erzählen?

Wahnsinnig gerne! Aber das ist wirklich ein hohes Talent, das auch mir nicht gegeben ist. Ich kann manchmal nebenbei lustig sein. Ich habe schon sehr viele Dinge versucht in meinem Leben. Am meisten liegt mir das humoresk, grotesk angehauchte Drama. Ich könnte keine lustige Faust-Adaption machen, so wie es Flix gemacht hat. Ich könnte auch nicht solche Einbildwitze machen wie Nicolas Mahler oder Rudi Klein – das liegt mir einfach nicht. Das ist eine Frage des Talents. So wie ich es zu den 30 Studenten meiner Klasse sagte: Jeder muss sein eigenes Talent finden.

Französische Ausgabe von Heute ist der letzte Tag ...Thema Geld und weitere Einnahmequellen: Einen Stoff wie Waltz with Bashir gibt es als Comic und als Film. Wäre das etwas, was dich reizen würde?

Zur Zeit schreibt ein Unternehmen ein Drehbuch für Heute ist der letzte Tag…. Ich habe Freunde, die sehr lange dafür plädiert haben, dass das nur ein Animationsfilm sein darf, weil das als Realfilm platt würde. Ich mag mich aber nicht mit dem Animationsfilm beschäftigen. Es wird einen Film geben! Hoffentlich auch mit kleinen Animationssequenzen. Aber die machen das. Sie schreiben das Drehbuch und ab und an legen sie es mir vor und fragen mich, ob ich damit noch leben kann. Ich darf dann auch beim Casting dabei sein. Es gab fünf oder sieben Anfragen und ich habe mir diese kleine österreichische Firma ausgesucht, weil die so engagiert waren. Das war mir sehr sympathisch. Und auch, weil sie mir die österreichische Regisseurin versprochen hatten, die ich gerne haben wollte. Ich mag den österreichischen Film gern. Es gab auch ein Angebot von Plan B, also der Firma von Brad Pitt. Und ich bin überhaupt nicht traurig, dass ich die Rechte schon vergeben habe.

Animationsfilme, Reisereportagen, lustige Themen – 2013 ist der 100. Geburtstag von Manfred Schmidt, dem Erfinder von Nick Knatterton, der leidenschaftlich gerne Reisereportagen schrieb. Er litt offenbar immer darunter, dass Comics so ein schlechtes Image hatten. Es war nicht klar, ob er damit haderte oder das ironisch meinte, wenn er sich dazu äußerte, etwa wie viele Jahre seines Lebens ihm Nick Knatterton geraubt habe. Du fühlst dich auch zum journalistischen Comic und zu Reisereportagen hingezogen, siehst du dich in einer Tradition mit Manfred Schmidt, Wilhelm Busch und anderen?

Wilhelm Busch kann wahnsinnig gut Figuren bewegen! Eigentlich mag ich es nicht mehr, weil es so altmodisch ausschaut, aber kürzlich habe ich mal wieder reingeschaut, weil ich das Museum besuchen möchte, und ich dachte: Wow! Wie diese Figuren sich bewegen! Wie dynamisch die sind! Da flippt man aus. Der war einfach wahnsinnig gut! In der Choreographie der Körperhaltungen. Und die Geschichten sind auch super.

Nick Knatterton habe ich als Kind wahnsinnig gerne im Fernsehen geschaut. Die Animationen fand ich irrsinnig lustig. Ich kann gut verstehen, dass er gerne Reportagen gezeichnet hätte. Und heute würde er es wahrscheinlich sogar tun.

Im Gespräch mit seiner Tochter wurde nochmal bestätigt, dass ihr bis heute nicht klar ist, ob ihr Vater mit dem Comicschaffen kokettiert oder wirklich darunter gelitten hat, wie gering das Ansehen dieser Kunstform mitunter ist.

Wahrscheinlich schon ein bisschen. So wie Wilhelm Busch ja auch, weil die öffentliche Reputation für narrative Zeichnung ist nun mal nicht so hoch wie die einer abstrakten Zeichnung. Oder von einem großen Gemälde, das im Museum hängt. Es gibt diese auratischen Unterschiede. Dem einen wird diese Aura der Kunst zugewiesen und dem anderen die Gebrauchsgrafik. Das tut weh als Künstler. Das will man nicht hören! Man will, dass die anderen die Energie schätzen, die man investiert hat. Diese künstlerisch, kreative.

Dazu gab es ja während der Lesung eine offenbar abfällig gemeinte Bemerkung aus dem Publikum, als eine Dame anmerkte, über den Comic „können sie ja genau so gut beim Bier reden“ und mehrfach barsch und unhöflich darauf hinwies, dass doch lieber „das literarische Meisterwerk“, also der Roman Flughunde besprochen werden solle statt des Comics.

Das fand ich unglaublich. Ich habe mich dann auch geärgert, dass ich darauf eingegangen bin und dann mehr über das Buch und weniger über meine Comics gesprochen habe. Und dann dieses dreifach wiederholte, provokative: „Wann reden sie endlich über das Meisterwerk von Marcel Beyer?“. Soll ich denn auf dem Tisch Pirouetten drehen, damit klar wird, dass das Buch ein Meisterwerk ist? Sie ist ja dann trotzdem vorzeitig gegangen.

Das war schon sehr respektlos und verletzend, oder?

Das ist genau das, was ich gerade meinte. Das sind Leute, die brauchen diese Kunstaura, um etwas erkennen zu können. Das ist etwas für Blödies (lacht).

Verglichen mit dem Comic-Forum auf der Frankfurter Buchmesse wirkte die Veranstaltung in Hannover etwas steif. Die Comicszene wirkt freundlicher, höflicher und aufgeschlossener. Man nimmt sich dort nicht so übertrieben wichtig. Es ist nicht so hochgestochen, sondern freundschaftlicher. Ist es in der Graphic-Novel-Szene härter, elitärer und langweiliger?

Das ist diese Literaturszene. Die macht eben gerne diese Brimborium. Und das ist wirklich ein bisschen unangenehm. Und wenn dann solche Leute im Publikum sitzen, ist es besonders unangenehm. Andererseits scheint das ein notwendiges Übel zu sein, wenn es um öffentliche Wertschätzung geht. Um diese Selbstverständlichkeit zu erreichen, mit der Medien inzwischen über Comics schreiben, was sie früher nicht taten. Dass man nun eben Stipendien erhalten kann oder dass das Goethe-Institut Comiczeichner aufs Comicfestival bringt. Das tun sie, weil sie dem ganzen inzwischen einen Wert zusprechen. Diese Sache mit der Aura ist ein Balanceakt. Etwas unangenehm, aber ein wenig brauchen die Leute das wohl. Ab einer gewissen Größe ist dieses Superfreundschaftliche nicht beizubehalten.

Du hast viele internationale Kontakte. In Frankreich wird von Comics als der Neunten Kunst gesprochen. Colin Wilson aus Neuseeland, der seit Jahrzehnten Comics zeichnet, sagte mir: „Wir sind außerhalb der Comicszene unsichtbar“. Ist die Wertschätzung für Comics anderswo größer?

Das ist anderswo genau so. Alternative Comics ist eine ganz kleine Szene. Das ist super ärmlich. Die amerikanischen Verlage zahlen den Zeichnern nicht mal die Fahrten zum Comicfestival.

Was ließe sich denn tun, um die Anerkennung und den Verkauf zu fördern? Gratis-Comic-Tag, ein Previews-Katalog mit sämtlichen deutschen Verlagen?

Aber es tut sich doch die ganze Zeit etwas!

Ulli Lust in HannoverAber was könnte noch besser werden? In einem TV-Interview wirst du auf den Boom der Graphic Novels angesprochen, aber dein Gesichtsausdruck wirkt etwas skeptisch, so als gäbe es gar keinen Boom.

Doch, doch! Vor zehn Jahren hätte ich keinen Verlag gefunden. Flughunde würde es nicht geben, weil sich Suhrkamp nicht dafür interessieren würde. Den Avant-Verlag gibt es seit 2000. Noch vor 15 Jahren hätte ich keinen Verlag für Heute ist der letzte Tag… gefunden, weil Reprodukt das abgelehnt hat. Wenn niemand deine Arbeit druckt, dann brauchst du gar nicht erst damit anfangen. Ich meine, du kannst selber einen Verlag gründen (lacht). Es hat sich wahnsinnig viel getan! Es gibt viel mehr Möglichkeiten. Ich kann meinen Studenten heute sagen: Comiczeichner ist ein realer Beruf! Ihr könnt eure Energie investieren, Comics zu zeichnen und es wird euch später dann auch ein bisschen was bringen. Sie werden Verlage finden können. Und der Leserkreis wird sich zwangsläufig vergrößern müssen. Natürlich gibt es mehr Comics, und bei mehr ist auch immer mehr Schlechtes dabei. Aber insgesamt gibt’s dann statistisch auch immer mehr gute. Ich blicke sehr positiv in die Zukunft. Ich finde es toll, in einem Medium zu arbeiten, in dem man sogar noch Pionier sein kann!

Hättest du noch andere Ideen parat zur Förderung der Comicszene? Wären höher dotierte Auszeichnungen eine gute Fördermöglichkeit?

Überhaupt dotierte Preise wären nicht schlecht. Ich bekomme immer so Sachen wie ein Brot, einen Ziegelstein … (lacht) Also echt! Ok, beim ICOM-Preis habe ich Geld bekommen. Das fand ich super! Ein anständiger Preis! Genau (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Abbildungen: © Ulli Lust/Avant-Verlag/Suhrkamp
Fotos: © Stefan Svik

Links der Woche 39/13: Das ist Kunst – mindestens in tausend Jahren

Unsere Links der Woche, Ausgabe 39/2013:

 

Sind Comics Kunst?
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nicolas Mahler/Andreas Platthaus
Im Auftrag des Stuttgarter Literaturhauses, wo er demnächst in der Reihe „Literatur und ihre Vermittler“ auftreten wird, sollte Nicolas Mahler einen „literaturtheoretischen Essay“ erstellen. Diesen hat er in Comicform abgegeben: Wenn die Hölle voll ist, kommen die Germanisten auf die Erde zurück heißt sein Stück über das Verhältnis von Comic, Kunst und Literatur beziehungsweise von Comickünstlern und dem Kunst- und Literaturbetrieb. Die FAZ druckte den Beitrag, begleitet von einem Text von Andreas Platthaus, und stellt ihn auch online zur Verfügung. Unbedingt lesenswert!

Marvel entwirft muslimische Superheldin
Der Tagesspiegel, Marc Röhlig
Marvel Comics hat angekündigt, dass demnächst eine neue Figur ins Kostüm der Superheldin Ms. Marvel schlüfen wird: Kamala Khan ist eine muslimische Studentin pakistanischer Abstammung. Marvel ist mittlerweile sehr gut darin, solche Entwicklungen, die im konservativen Superheldengenre tatsächlich noch etwas Besonderes sind, in cleveren PR-Strategien zu lancieren (siehe auch die Besetzung des Ultimate Spider-Man mit dem Hispanic Miles Morales im Jahr 2011): Die Ankündigung zu dem Comic, der erst im Februar 2014 erscheinen wird, sorgte für ein breites Medienecho (und leider auch zu den üblichen, allzu erwartbaren hässlichen Reaktionen aus der rechtskonservativen Idiotenecke).

Fantagraphics 2014 Spring Season: 39 Graphic Novels & Books
Kickstarter, Gary Groth
Fantagraphics, der wohl wichtigste amerikanische Independent-Verlag, sammelt per Crowdfunding Geld für sein nächstes Frühjahrsprogramm. Der Tod von Co-Verleger Kim Thompson im Sommer diesen Jahres sorgte dafür, dass viele Projekte verschoben werden mussten, so dass es nun eine finanzielle Lücke in der Verlagskasse gibt. Nach wenigen Tagen konnten schon mehr als 130.000 der angestrebten 150.000 US-Dollar eingesammelt werden.

Boy’s Night
Sassquach, Max Landis und AP Quach
Webcomic der Woche: Ein wilder Wochenendtrip von Mickey M., Donald D. und Herrn G., wie ihn das Lustige Taschenbuch eher nicht schildern würde – geschrieben von Comicfan und Filmemacher Max Landis (Chronicle).

Liu Bolin: The Invisible Man
The Atlantic
In einer hübschen Kunstaktion hat sich der Chinese Liu Bolin, der sich gerne so bemalen lässt, dass er mit seiner Umgebung verschmilzt, in einem Comicregal versteckt. Die Bilder 20 bis 28 der verlinkten Fotostrecke zeigen den Entstehungsprozess.

The Last of Us – American Dreams

Cover von The Last of Us – American DreamsKult zieht Kult nach sich. Nach der Uncharted-Reihe hat das Entwicklerstudio Naughty Dogs mit The Last Of Us einen neuen Spiele-Blockbuster vorgelegt, der von Kritikern schon jetzt als Klassiker gehandelt wird. Der zugehörige Comic schickt sich derweil an zu zeigen, was aus dem simplen Konzept eines Begleitcomics alles herausgeholt werden kann, wenn man einmal einen Schritt zurücktritt und sich wirklich um die Möglichkeiten verschiedener Medien und Erzählkonzepte Gedanken macht.

Allein der Name Hicks auf dem Cover sollte aufhorchen lassen: Faith Erin Hicks hat sich über die letzten Jahre als Independentzeichnerin einen großen Namen gemacht und neben Webcomics wie Ice und Superhero Girl auch ein halbes Dutzend Comics veröffentlicht (dem Nicht-Kenner sei zum Einstieg besonders Friends With Boys ans Herz gelegt). Die Kanadierin ist nicht nur für die grafische Umsetzung verantwortlich, sondern hat auch zusammen mit Neil Druckmann, dem Creative Director von Naughty Dogs, die Story geschrieben. Herausgekommen ist eine vierteilige Comicreihe, die hierzulande bei Cross Cult als Softcover-Sammelband erscheint und deren Handlung zeitlich vor der eigentlichen Erzählung des Spiels angesiedelt ist. Ein Genuss des Comics auch als Nicht-Spieler ist damit ohne weiteres möglich. Aber wie viel Selbstständigkeit darf man erwarten?

Hintergrund: Vor fast 20 Jahren hat eine parasitäre Pilzinfektion um sich gegriffen und verwandelt nach und nach die Bevölkerung Amerikas in gefährliche Bestien, man hört sie hier und da schon das Z-Wort stöhnen. Die junge Ellie ist in dieser Welt aufgewachsen, und während sie im Spiel nur als vom Protagonisten zu beschützende Begleiterin erscheint, dreht sich der Comic um ihre Vorgeschichte. Genretypisch erlebt der Leser Ellies Suche nach ihrem Platz in einem postapokalyptischen Amerika. Zu Beginn des Comics wird sie in ein neues Schullager gebracht, welches von Soldaten vor den Infizierten und einer ominösen Widerstandsgruppe namens Fireflies beschützt wird.

Seite aus The Last of Us – American DreamsSchon auf diesen ersten Seiten erfahren wir mehr durch die großen staunend-entsetzten Augen Ellies als über die dargestellte Umgebung selbst. Der Schrecken zeichnet sich in ihrem Gesicht so deutlich ab, dass die Abgestumpftheit ihrer Mitmenschen umso drastischer wirkt. Im Hintergrund lungert die bange Frage, was man in dieser Welt noch für ein Leben leben will und ob es nicht doch womöglich eine Heilung gegen die Infektion gibt, wie es die Propaganda der Fireflies immer wieder behauptet. Damit wären auch alle Bauteile klassischer Endzeitgeschichten beisammen, und wer solche Lektüre nicht aus Prinzip dutzendfach verzehrt, wird sich nun fragen, was der Comic aus diesen Standardzutaten macht.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten tut sich Ellie mit der resoluten Riley zusammen, mit der sie kurze Zeit später aus dem Schullager flieht und die umliegende zerstörte Stadt erkundet, den verblassten Wundern einer untergegangenen Zivilisation nachhängt und sowohl mit Infizierten als auch den Rebellen in Konflikt gerät. Während der vier Kaptiel greifen grundsätzlich bewährte Erzählmuster, die aber im Detail zurückhaltender und frischer ausgestaltet sind als sonst oft üblich. Mehr dazu später.

Der Spielvorlage wird gerne der Vorwurf gemacht, mehr (semi-)interaktiver Film denn wirklich ein Spiel zu sein. Die Pfade sind fest vorgegeben, und man kann nur hier und da einen von mehreren Wegen wählen, um an den Gegnern vorbeizukommen oder sie doch zu töten. Diese Tendenz zur reduzierten Wahlfreiheit hat sich in den letzten Jahren in Videospielen verstärkt gezeigt. Statt im Ausleben eigener Projektionen gewinnen diese Spiele ihren Reiz durch die Reflektion des Spielers, das stete In-Frage-Stellen von eigenen Gewohnheiten und Vorlieben, und nähern sich damit merklich anderen Medien wie Büchern und Filmen an. Oft ist dabei der Weg selbst schon das Ziel, ähnlich wie es schon beim deutschen Videospiel Spec Ops – The Line oder Cormac McCarthys Buch und späterer Verfilmung Die Straße sowie bei Andrei Tarkowskis Stalker der Fall war.

Für den Comic ist diese Erzählweise weitaus weniger neu und nicht erst die The Walking Dead-Reihe hat sich in jüngerer Vergangenheit gewaltig darin ausgetobt. Vor diesem Hintergrund überrascht Faiths Endzeitgeschichte mit einer ungewohnt geschlossenen Handlung. Anstelle einer endlosen Reise gibt es hier doch ein, wenn auch für die Protagonisten unerwartetes, Ziel ihrer Reise.

Seite aus The Last of Us – American DreamsHicks zeichnet in ihrem gewohnten kantig-entspanntem Stil und schafft es mit einem bemerkenswerten Minimalismus, selbst im kleinsten Gesicht im Hintergrund noch greifbare Emotionen darzustellen, was zusätzliche Panels mit Nahansichten nur an wirklich wichtigen Punkten nötig macht. Die Action mag dafür dem ein oder anderen zu schlicht oder wenig packend erscheinen. Die Dynamik liegt in den Gesichtern und den Posen der Figuren, welche die Kanadierin oft mit einer einzigen Linie definieren kann.

Von der Unsicherheit über die Wut, die Faszination und Begeisterung bis hin zu dem letzten Zweifel und der Ungewissheit vor der Zukunft ziehen Hicks Bilder den Leser mit. Es wäre interessant zu wissen, wie der Prozess des Schreibens zwischen Hicks und Druckmann abgelaufen ist, denn immer wieder merkt man, wie sie eine Szene nah an bekannte Versatzstücke des Genres führen, nur um kurz davor dann doch etwas anderes zu zeigen. Anstatt die Annäherung zwischen Ellie und Riley mit verschiedenen Versatzstücken zu füllen, bleibt diese Geschichte auf das nötigste reduziert, und der gewonnene Platz wird genutzt, um weitere Aspekte des Überlebenskampfes in jener zerstörten Welt zu zeigen. In die gleiche Schiene fällt ein kurzer, aber wichtiger Handlungsstrang um ein Pferd, der auch später im Spiel aufgegriffen wird. Wenige Panels reichen hier aus, um das zu vermitteln, was sonst oft auf einige Seiten verteilt wird. Der Comic verzichtet darauf, alles bis auf den letzten Punkt auszuformulieren und arbeitet bodenständiger als viele andere Genrevertreter. Durch diese Reduktion schafft er es, dass die eigentliche Gewalt für den Leser noch greifbarer wird.

The Last of Us – American Dreams ist weniger ein Endzeit- als ein Coming-of-Age-Comic und gibt dem Szenario damit die menschliche Note zurück, die oft genug vergessen wurde, so dass Zombies und Endzeit meist nur noch für billige Unterhaltung herhalten durften.

Damit haben wir hier in der Tat alles andere als einen lustlosen Lizenzcomic, sondern den Versuch, auf beschränktem Platz die narrativen Standards neu abzuschmecken. Der Weg ist oft das Ziel, und was ist, wenn das echte Ziel unerwartet kommt? Auch dies kann funktionieren und liefert damit nebenbei einen Comic, der auch ohne Kenntnis des Computerspiels ausgesprochen lesenswert ist. Neben dem Ausbau der Figur Ellies spinnen Hicks und Druckmann eine kleine, feine Handlung um wichtige Fragen des Erwachsenwerdens, mit oder ohne Infizierte. The Last of Us – American Dreams wird vermutlich zu sehr im Schatten der Spielvorlage stehen, kann sich aber dennoch als Perle des Genres gegenüber der Konkurrenz sehen lassen.


Wertung
: 8 von 10 Punkten

Mainstream-Marke und Independentstar machen zusammen eine Genreperle mit Vorbildcharakter

 

The Last of Us – American Dreams
Cross Cult, Juli 2013
Text: Neil Druckmann, Faith Erin Hicks
Zeichnungen: Faith Erin Hicks
Übersetzung: Christian Heiss
112 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 14,80 Euro
ISBN: 978-3864252037
Leseprobe

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Abbildungen © Faith Erin Hicks, der dt. Ausgabe: Cross Cult

Links der Woche 38/13: I’m considering a move to LA

Unsere Links der Woche, Ausgabe 38/2013:

 

Racheshop: Wer einen Shitstorm sät, der sollte Ahnung von Krisen-PR haben
dobschat.de, Carsten Dobschat
Der Scherzartikel- und Kostümversand Racheshop postet auf seiner Facebook-Seite regelmäßig lustig gemeinte Sprüche, witzige Fotos oder Cartoons, wobei er sich des öfteren auch über das Urheberrecht oder die Nutzungsbedingungen der jeweiligen Künstler hinwegsetzt. Der Zeichner Michael Holtschulte (Tot aber lustig) wehrte sich dagegen mit einer Abmahnung, woraufhin die Firma ihrerseits zum Gegenschlag ausholen wollte und versuchte, ihre Fans zu einem Shitstorm gegen Holtschulte anzustacheln. Was eher nicht so gut funktioniert hat. Ein Lehrstück aus der Realität der sozialen Medien im Jahr 2013.

Survivor Girl
survivor-girl.de, Christopher Tauber und Ingo Römling
Ein neuer Webcomic im klassischen Strip-Format, geschrieben von Christopher Tauber und gezeichnet von Ingo Römling, die schon bei Die Toten zusammengearbeitet haben. Thematisch bleiben sie beim Horror, gehen es hier aber humorig an. Der Strip, von dem es zweimal die Woche neue Folgen geben soll, ist „unsere Parodie auf Monster, Matsch und Blutgedärm und unser Spielfeld für alberne Gags“.

Der Sieger 2013
Deutsche Akademie für Fußball-Kultur,
Letzte Woche wurde in Nürnberg der „Deutsche Fußball-Kulturpreis 2013“ in mehreren Kategorien vergeben. Erstmals wurde dabei auch ein Fußballcomic des Jahres ausgezeichnet, um den sich mehr als 100 Einsendungen mit einseitigen Comics bewarben. Der Preis ging an den Bochumer Ralf Marczinczik, dessen Comic Niemandsland auf der Website der Akademie für Fußball-Kultur, zusammen mit einem Interview, zu lesen ist. Der Künstler selbst erzählt in seinem Blog von der Preisverleihung.

Pilotprojekt Comic-Stipendien der Deutschweizer Städte
Stadt Zürich, Präsidialdepartement
Von 2004 bis 2011 vergab die Stadt Zürich ein Comic-Werkjahr, in dem ein Comickünstler ein Jahr lang finanziell gefördert wurde. Nach einer Pause von zwei Jahren soll diese Idee nun wiederbelebt werden, wofür sich Zürich mit den Städten Bern, Luzern, St. Gallen und Winterthur zusammentut. Vergeben werden ein Hauptstipendium (30.000 Franken) und ein Förderstipendium (15.000 Franken). Bewerben kann man sich bis zum 31. Januar 2014.

Nelson Announces DC Comics Move to Burbank from NYC
Comic Book Resource, Albert Ching
Aus Sicht deutscher Leser eigentlich nicht sonderlich wichtig, aber in der bald 80-jährigen Verlagsgeschichte von DC Comics ein bedeutender Einschnitt: Der Mutterkonzern Warner Brothers hat beschlossen, dass die DC-Büros in New York, wo der Verlag von Anfang an beheimatet waren, geschlossen werden. Ab 2015 sollen alle Teile von DC nach Burbank in Kalifornien umziehen, wo schon jetzt ein Teil von DC Entertainment, einschließlich der Chefetage, sitzt.

Second Issue of Sex Criminals Under Review at Apple
Comic Book Legal Defense Fund, Casey Gilly
Mal wieder hat ein Comic Probleme mit der Zensur von Apple, dessen Inhalteprüfer genau festlegen können, was über die Apps auf iPhones und iPads verkauft wird. Derzeit ist die zweite Ausgabe der Image-Serie Sex Criminals von Matt Fraction und Chip Zdarsky nicht in der iOS-Version der Comic-App ComiXology zu finden, auf allen anderen Verkaufskanälen dagegen schon.

Best Books 2013: Comics
Publishers Weekly
Es geht los! Die Jahresbestenlisten kommen, und das amerikanische Buchhandelsfachblatt Publishers Weekly macht den Anfang. In seiner Comic-Top-5 für 2013 findet sich unter anderem die US-Ausgabe von Ulli Lusts Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens.

Three Marvel rejection letters and one assignment letter to Jim Lee
Tumblr, Sean Howe
Fundstücke aus der Comic-Geschichte: Sean Howe, Autor des Buches Marvel Comics: The Untold Story postet auf seinem Tumblr mehrere Ablehnungsschreiben, die Marvel in den 1980er Jahren auf Bewerbungen von Jim Lee (späterer Zeichner-Superstar und heute Co-Publisher von DC Comics) geschickt hat, sowie einen Antwortbrief von Lee an Marvel.

Urban 1 – Die Spielregeln

Cover Urban 1Die Erde im Jahre 2058 ist ein düsterer Ort. Doch darüber schwebt Myjoy, eine gigantische Stadt, eine Vergnügungsmetropole, in der jeder Mensch für wenige Woche Urlaub machen und sich jeden Wunsch erfüllen kann. Geleitet wird dieses vermeintliche Paradies von Springy Fool, einem aufgeputschten Typen im Hasenkostüm.

Der eher bodenständige Zach Buzz betritt Myjoy nicht zum Vergnügen, sondern um sich als Interceptor der dortigen Polizei zu bewerben. Prompt gerät er dabei in die zwielichtigen menschlichen und moralischen Abgründe Myjoys. Denn schnell werden die Schattenseiten des schier endlosen Spielparks sichtbar: Polizisten werden eiskalt ermordet und die Verbrecherjagd zur skrupellosen Live-Unterhaltung für die Bevölkerung, auf Todesfälle werden Wetten platziert und Escortdamen verkaufen dank Werbetattoos im wahrsten Sinne des Wortes ihren Körper, um irgendwie zu überleben. Zu viel für den naiven Zach, der ohnehin viel emotionalen Ballast aus seiner Vergangenheit mitbringt: Eine kleine Figur, die einen Helden aus seiner Kindheit darstellt, erinnert ihn daran, warum er sich in den Sündenpfuhl begeben und dafür seine Familie auf dem Land hinter sich gelassen hat.

Dem Leser des ersten Bandes ist dieser Beweggrund noch nicht völlig klar. Denn die Rückblick- und Traumsequenzen bieten bislang wenig Erleuchtung. In jedem Fall muss man wohl Zach Buzz in diesem ganzen Spiel als die eine Figur ansehen, die von noblen Absichten (sprich: ein Gesetzeshüter zu werden) geprägt ist und deshalb stark mit Vorfällen konfrontiert wird, die kaum seinem Weltbild entsprechen.

Seite aus Urban 1Die Idee von Autor Luc Brunschwig, einen abgedrehten Vergnügunspark in einer dystopischen Zukunftsvison zu verankern, ist recht interessant. Zwischen all den fliegenden Autos, den Menschenmassen und der teils wirren Geschichte verliert man als Leser allerdings etwas den Überblick. Atmosphärisch lassen sich Anleihen an diverse filmische Genrevorbilder nicht ganz verbergen, was allerdings nicht wirklich schlimm ist.

Immerhin wird die glitzernde Fassade von Myjoy wohlwollend von äußerster Brutalität einerseits und von einer guten Portion Verrücktheit andererseits konterkariert. Letzteres im Übrigen nicht nur verkörpert durch den auf Videodisplays eingespielten Springy Fool, sondern auch durch die Kostümierung der gesamten Bevölkerung Myjoys. Da in der Metropole quasi immer Spaß und Freizeit angesagt ist, herrscht in den Straßen Karneval. Die Auswahl an Kostümen ist unbegrenzt und dient dem Zeichner Roberto Ricci als dankbare Vorlage, um etlichen bekannten Comic- oder Filmfiguren zu Cameos zu verhelfen. Man muss sich also nicht wundern, wenn man in dem ein oder anderen Panel z.B. Darth Vader, Astro Boy oder die Turtles erwischt. Und das waren längst noch nicht alle. Ein amüsantes Suchspiel also, das sich die Kreativen hier ausgedacht haben.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Ganz unterhaltsamer Serienstart, die Handlung ist bis dato allerdings noch etwas undurchsichtig

 

Urban 1 – Die Spielregeln
Splitter Verlag, September 2013
Text: Luc Brunschwig

Zeichnungen: Roberto Ricci
Übersetzung: Tanja Krämling
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-652-3
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

„We do not matter“ – Interview with Gabriel Bá and Fábio Moon

Brazil was the Guest of Honour of the Frankfurt Book Fair 2013. The Comic Zentrum in Hall 3.0 featured a few artists from Brazil. The comic book publishers from Brazil could be found in different halls. On Saturday, twin-brothers Gabriel Bá and Fábio Moon talked about their comic book Daytripper, winner of the Eisner Award 2011 and about other comics they did. They were born on June 5th 1976 in São Paulo. Since the year 2000 their comics get published in English. To name just two of them: Casanova (with writer Matt Fraction) and The Umbrella Academy (drawn by Bá, written by Gerard Way). An on-stage conversation with Stefan Pannor revealed some details about Daytripper: It is not autobiographical, they said. Unlike the character in the comic book their father is not a writer, the dog on the cover was their sister’s, and so on. There is one thing they hate to draw: horses. They don’t like to talk about who did which part of the book. For them it’s much more important to reach the readers, to disappear behind the story. The reader should concentrate on the story and not think about the author and the writer.

I met Gabriel Bá and Fabio Moon, with the kind support of Panini Comics, on the Book Fair. They were not drinking coffee this time, but they did on stage earlier that day, when they mentioned something about coffee and their attitude towards life, that can also be found in Daytripper: „It tastes good, it tastes hot and strong. That’s what we want out of life.“

[Hier geht’s zur deutschen Version!]

 

Gabriel BáComicgate: You are in Germany for a couple of days now. Have you noticed any differences between Brazil and Germany, for example how people behave and concerning the comic book scene?

Fabio Moon: I think it’s the same as in the USA. The readers are very similar. The books they know, the questions they ask, the characters they like. That is similar.

 

It’s similar in Brazil, the USA and in Germany?

FB: It’s the same kind of reader. The German and the Brazilian market is small. When we went to France they know a lot more, than just the American comics. The audience there was much different. So, Brazil and Germany are very similar, but in Brazil we have a much longer career. There are much more books that have been published just there.

Gabriel Bá: And in Brazil we have a comic strip in the newspaper. That one also attracts a different kind of followers.

 

Is the strip something like a completion to Daytripper, is it about the same subjects?

Fabio Moon: It’s different. It doesn’t have a story. It’s not with reappearing characters. It’s about today’s life, but in a more philosophical way. Animals talk and ask questions.

 

Fábio MoonAnd it’s only available in Brazil?

Both: Yes.

FB: We put it online, on our website. But it’s in Portuguese. There are people all over the world seeing it and they don’t know what it says.

 

During the panel today you talked about Daytripper, things like: The dog is the one of your sister, your father is not an author and so on. Does your sister draw and write as well? And your parents? Is it a thing that everybody in your family does?

Both: No.

FB: We are the only ones who do that for a living. Everyone else has a regular, normal job.

 

You are twin brothers, but you have different names. Probably pen names, I guess. I heard someone mentioning Bá is a famous river in Brazil – is that true?

Both (with loud voices and a bit amused): Nooo!

 

Fábio Moon und Gabriel Bá in FrankfurtAnd did you pick the names because they reveal something about your personality, like a connection to nature or something like that? Or were they given to you by your parents?

FM: They are more like artistic names. Bá is a nickname. It’s short for Gá. When I learned to spell letters and words, instead of calling him Gabriel, I called him Babio. People call him Gá and I call him Bá. So Bá is a nickname. Moon was a mistake, when I send mystery love letters to a girl and it was too late to go back. So now we use the nicknames as artistic names, so we don’t have trouble with the mob of girls that chases us all over the world (smiles).

 

One idea I had was: the names might be about the moon and the earth. Maybe that describes your characters? And there is this kind of urban myth about twin brothers, sort of a „magic“ connection between each other. You started reading and doing superheroes, like stories from the Hellboy universe. Is the twin brother thing your kind of „superpower“? Do you believe in some kind of supernatural phenomenon, like a connection to the moon? Is there more than we can see or is that just crap?

GB: Naah.

FM: I don’t think that there is a special connection. But we grew up very closely. And we spend time together all the time. So we have the same background and the same influences.

GB: Yeah. We are like an old couple.

FM: Yes. When you spend your whole life with one person you know everything about each other. How they feel, how they think, how they react. That is why we know each other so well. There is no special connection. We can work fast, because of that. Pick up very easily what the other one wants. What we want from one another. There is no other esoteric reason.

 

Cover Daytripper Daytripper feels very harmonic, like a strong unit of drawings and text. Very well done in my opinion. Do you think that’s because you are twin brothers?

FM: I think the fact that we are twin brothers gives us a different perspective on how one person has an influence on the life of an other one. And how important the people you have around you really are. That gave as that notion.

GB: And also because of our working relationship. We have established very early on that we are not important. We do not matter. We don’t care who does what or who is more important as an author or an artist. That’s not important. There are many readers of the book, who don’t know anything about the authors and the artists. There is more than one author. It doesn’t matter, if you can’t make the reader dive into the story and surround him with that environment and those characters. That’s an experience that lasts longer than figuring out who did what. I think that’s what makes our working relationship better, it helps us to make a book that feels unique and not like different voices.

 

Do you think the readers get to know the real, authentic life of today’s Brazil from Daytripper? Or is it much more important for you to talk about family and friends and not so much about Brazil?

FM: Well, you can learn about family and people and friendship in Brazil. It’s at the same time universal, because everybody has family and friends and the problems you have to deal with in relationships, it’s also a very unique way how Brazilians relate to each other. Looking closer you see where and how it is different. And where it is unique. If we did our job right, you see it and people can relate to it, no matter where they are. I think Brazilians do relate in a very different way to each other. How they see friendship, how they see family. And their working relationships, how they deal with their dreams and anguishes. How they struggle to survive and look for a job. In the story there is a very Brazilian way to react to all these questions. But if we are good enough in our sincerity, then that story is universal.

 

Seite aus DaytripperYou did comics for North American publishers. Daytripper is universal, you just said. Is it difficult to sell a story about South America? Does the audience in the USA and internationally care enough about a story from Brazil?

FM: Having the story taking place in Brazil, we could focus on what really matters. We could tell a more sincere story. So we could try to reach more sincere reactions from the audience. If we had told the story anywhere else, we could have told the same story, but we wouldn’t have the tools or the elements we were searching for, to make the story look sincere. What would happen to the characters or in the different parts of the country. The family background. We could only do that if we could let the story take place in Brazil. And that was what Vertigo wanted us to do. They didn’t want us to do a series like any other series at Vertigo. They wanted us to do the kind of story that we usually do.

 

You said something very important earlier today (during the interview on stage at the Book Fair): „There are many more interesting things to do in comics than using other people’s characters and tell the same kind of stories all over again.“. Is it difficult to do a comic like Daytripper? Doing Batman would be a good way to make money, but that would be less fulfilling?

FM: That’s what we want to do…

GB: Yes!

FM: It’s more difficult for us to work in superheroes, because we don’t care about the characters anymore.

 

Cover De:Tales But you did when you were younger?

Both: Yeah.

FM: When we were younger, as readers, we loved superheroes. We have read almost all the books. We followed the stories. But now we lost touch with that. It’s always recycling and we don’t care about the characters so much anymore. Even though we love Batman, it’s no longer the Batman we liked to read. We couldn’t push us to do a good job on a Batman story for example. So we only work on projects that we care about. Even if it’s not our story. Like when we work with other writers, like when we worked with Matt Fraction on Casanova and with Gerard Way on Umbrella Academy. That were stories that had some appeal to us. And we helped to create the characters. So we cared, for the characters and for the stories. That’s the way to get the best results for a story.

GB: If we wanted to make money we would have become lawyers or doctors or stuff like that.

 

What kind of stories would you like to tell in your next comic books?

FM: Anything.

 

Seite aus De:TalesMore stories about Brazil?

Both: No!

FM: More about relationships. The surrounding of that can be anything. We can still see a lot of possibilities to do setting the stories in Brazil. But at some times Brazil is an exotic background. Even for Brazilians! We are now doing a comic adaptation of a Brazilian novel, which takes place in Manaus, which is the capital of Amazonas state, it’s in the middle of the rainforest. For most Brazilians that’s a completely different experience. So we want to explore that. The way the surroundings influence the characters. It’s fun to draw these surroundings and fun to look at! It’s fun to see how the story develops. I want to keep doing that. I look for things that are fun to draw, because it takes a long time to finish a book.

 

In Mexiko there are Tijuana Bibles (very cheap kind of pornographic underground comic books) and Argentina has its own funny comic strip Mafalda. Honestly I don’t know too much about other comics from Brazil or South and Latin America in general. Is there a big comic book scene and is it disappointing that it doesn’t get more attention?

FM: The comic market in Brazil is not very big. The biggest thing that we have is Mauricio [de Sousa], that’s the one who is here at the Book Fair too. He has a career for over 50 years now. He does comics for kids and everyone learns to read by reading his comics. You can find his comics on all newsstands all over the country. It’s easy to find. Everyone knows his characters. Anything else is much smaller. Just like in Germany: 3,000 copies. You find them in book stores or in special comic book stores. It’s hard to find these comics. Most people don’t know all the possibilities that can be found in comics in Brazil. People don’t really look for Brazilian comics. That makes it even harder. So you have to go the the USA or to France, they are much bigger markets for comics. You can be published in the USA and even if your comic is a small one there, you still have a chance to get your work published everywhere else. You can be big in Brazil and still don’t reach anyone, anywhere. Very few people speak Portuguese. And they don’t know about the Brazilian market.

GB: There are a lot of comic strips in Brazilian newspapers that have been around for 30, almost 40 years. They are very famous in Brazil.

FM: But they haven’t been published anywhere else. It’s a pity.

 

Gabriel Bá mit KaffeeFinal question: A couple of days ago, I met Austrian artist and writer Ulli Lust in Hanover for an interview. We also talked about Daytripper and she told me she likes the both of you very much. Do you know any favourite artists from Germany, Austria and other European countries?

FM: We know Ulli. And we met the author of the book about the fifth Beatle. We met him at a book fair in Toronto. I forgot his name …

Arne Bellstorf.

FM: Yes, right! And we know the guy that did the book about The Boxer and about Johnny Cash. Reinhard Kleist. And we love the the French new wave of cartoonist, which are very good. We like Cyril Pedrosa. We like Frederik Peeters …

Both: … who is Swiss …

FM: And there are some Italian and Spanish artists. We like Gipi and David Rubin. But we try to look everywhere.

 

Thank you very much for the interview!

 

Images: © Fábio Moon/Gabriel Bá/Panini Comics/CrossCult
Photos: © Stefan Svik