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Planetary 27 (US)

 Was lange währt, wird endlich gut. Im Falle der brillanten US-Serie Planetary von Warren Ellis und John Cassaday musste der Leser knapp drei Jahre auf das neue Heft und damit auf den Abschluss der Reihe warten. In Anbetracht der immer weiter auseinanderklaffenden Intervalle zwischen den einzelnen Nummern und der vollen Terminkalender der beiden Künstler kam die enorme Wartezeit sicherlich nicht allzu überraschend.

Vorab war klar, dass Ellis seine Handlung mit den bisherigen 26 Ausgaben im Grunde abgeschlossen hatte, demnach stellt die 27. Nummer tatsächlich eine Art Epilog dar, in dem ein letzter Handlungsfaden zu Ende gebracht wird. Und das auf dem gewohnt anspruchsvollen Niveau, welches Planetary schon immer auszeichnete. Planetary, das ist eine Organisation, die moderne archäologische Arbeit betreibt. Die Mitglieder um den mysteriösen Elijah Snow erforschen das Unmögliche und halten die Welt am Laufen. Zugegeben, nur die wenigsten dürften bei Ellis' verschachtelten Konstrukten über Dimensionen, Zeitgefüge und Technologie die Übersicht behalten, aber wer will auch schon alles bis ins Tiefste verstehen? Planetary ist ein Comic, der bewusst solch komplexe Themen mit diversen Mysterien verknüpft, die Abschlussausgabe ist in dieser Hinsicht lediglich eine weitere Demonstation großer Schreibkunst, die man mehr bestaunen denn vollends verstehen muss. Fakt ist: Planetary sollte man unbedingt komplett gelesen haben. It`s a strange world.

Planetary 27 (US)
DC/ Wildstorm, Oktober 2009
28 Seiten, farbig, Heft
Preis: 2,99 US-Dollar

Jeff Jordan Gesamtausgabe 1

 1956 entwarf der belgische Zeichner Maurice Tillieux für das Magazin Spirou die Figur des Jeff Jordan (im Original „Gil Jourdan“ genannt). Die Serie gilt heute als Tillieux' bekannteste und beste Serie, weshalb Jeff Jordan auch als großer Klassiker der frankobelgischen Comickunst angesehen werden muss. Sicherlich reicht die allgemeine Bekanntheit nicht an die der Werke von Franquin, Peyo oder Morris, allesamt Kollegen mit Wurzeln im Spirou-Magazin,  heran, eine neu zusammengestellte Gesamtausgabe aller Abenteuer Jeff Jordans war trotzdem überfällig.

Die erste Ausgabe dieser auf vier Bände angelegten Gesamtausgabe ist jetzt bei Ehapa erschienen, enthalten sind die ersten vier Alben. Vorangestellt leitet ein 28-seitiges Vorwort in die Biografie des Künstlers und in die Entstehungsgeschichte der Serie ein. Erwähnenswert ist dabei, dass hier bereits auf die genauen Inhalte aller abgedruckten Geschichten eingegangen wird und diese auch im weitgefassten Rahmen betrachtet werden.

 Maurice Tillieux kreierte ein festes Ensemble von Figuren, die zentral für die Dynamik der Reihe verantwortlich sind: Da ist zum einen natürlich Jeff Jordan, ein junger ambitionierter Privatdetektiv, außerdem seine beiden Mitarbeiter, Assistentin Steffi und Exganove Teddy, sowie Inspektor Stiesel. Tillieux ist zuvorderst auf das Erzählen einer guten, spannenden Kriminalgeschichte bedacht. Die Serie Jeff Jordan lässt sich deshalb weniger als Funny denn als semi-realistisch bezeichnen. Im Vordergrund steht die Cleverness und das Geschick Jeff Jordans bei der Aufklärung. So lässt er z.B. einen Drogenschmugglerring hochgehen oder wird für die Untersuchung an einem Mordfall beauftragt. Für Situationskomik sorgen zumeist die Eskapaden des coolen Teddy oder das Ungeschick des unfreiwillig komischen Stiesel, der Teddy zu regelmäßigen Lachanfällen verleitet. Gerade diese lustigen Szenen sind das Herzstück der Serie, denn sie lockern das kriminalistische Setting ordentlich auf, ohne aber die gut durchdachten Einzelfälle völlig ins Lächerliche zu ziehen. Wenn Jeff Jordan z.B. über die Dächer der Stadt hetzt oder nach einem versunkenen Auto taucht, merkt man, dass Tillieux sein Werk äußerst rasant angelegt hat und dass die Stories mindestens so klug durchdacht sind wie die ausgefuchsten Ermittlungen der Protagonisten.

Die Gesamtausgabe enthält zu den einzelnen Alben jeweils das französische Originalcover und das  Backcover sowie kurze Erläuterungen zur ursprünglichen Erscheinungsform. Der erste Band versammelt im schicken Hardcover-Einband die ersten vier Abenteuer aus den Jahren 1956-1960 und besteht aus 240 Comicseiten aus rauem Papier. Das schadet der Farbgebung nicht merklich, ist aber sicher ein Grund für den relativ günstigen Preis. Vor allem Sammler dürfen sich auf diese ordentlich aufgemachte Edition freuen, die einen Klassiker neu aufleben lässt.

 

Jeff Jordan Gesamtausgabe 1
Ehapa Comic Collection, Oktober 2009
Text und Zeichnungen: Maurice Tillieux
240 Seiten, Hardcover, 29,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3308-7

Spannender Krimi im Stile eines Funnys

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Abbildungen: © Ehapa Comic Collection


 

The Surrogates

thesurrogates.jpgDer Wecker reißt dich an einem dunklen, nasskalten Arbeitstag früh morgens aus dem Schlaf, du wälzt dich aus dem Bett, schlurfst gähnend in die Küche, um dir ein heißes Getränk zu machen. Dann lässt du dich damit in einem bequemen Sessel nieder, kuschelst dich in eine Wolldecke, während der Regen ans Fenster prasselt, und setzt ein Headset auf. Weiter musst du nicht. Zur Arbeit geht nämlich dein Surrogat, eine perfekte technische Kopie. Die physische Idealausgabe von dir, die nicht müde oder krank wird, deren Muskeln nicht erschlaffen und deren Bauchumfang nie wächst. Und du steuerst diesen Fleisch gewordenen (bzw. fleischlich wirkenden) Avatar mittels deiner Gedanken, erlebst die Welt durch seine Augen und Ohren. Als ob du dabei wärst – und irgendwie bist du es ja auch. Nur ersparst du dir all die Unanehmlichkeiten des Alltags … Klingt verlockend, nicht wahr? Genaus dies ist die Grundlage für das Zukunftsszenario, das Autor Robert Venditti ersonnen hat. Im Jahr 2054 hat man es mit einem real gewordenen Second Life zu tun, die Menschen ahlen sich in ihren gemütlichen vier Wänden und lassen ihre Surrogaten die Drecksarbeit machen.

thesurrogates1.jpgDie somit entstandene Gesellschaft hat durchaus utopische Züge: Die Verbrechensrate ist stark zurückgegangen, mitunter lebensgefährdende Berufe wie Feuerwehrmann oder Polizist haben ihren Schrecken verloren und die Diskriminierung von Minderheiten ist kaum noch ein Thema – denn niemand ist verpflichtet, einen Surrogaten zu betreiben, der seinem wirklichen Aussehen, seiner Ethnizität, seinem Geschlecht oder Alter entspricht.

Doch bei genauerem Hinsehen ist nicht alles so rosig: Teilhaben an der neuen Lebensart kann natürlich nur, wer es sich finanziell leisten kann. Dann gibt es auch noch Menschen, welche die Surrogaten-Geschichte aus religiösen Prinzipien ablehnen. Darunter fallen die meisten Mitglieder der Dreads, eine Gruppe von Surrogaten-Gegnern, denen nach einem gewaltsamen Aufstand ein Reservat zugestanden wurde, wo sie nun unter der Führung des „Propheten“ auf göttliche Intervention gegen den Frevel warten. Und schließlich muss man akzeptieren, dass man in einer Welt das Scheins agiert, in der nie ganz klar ist, wer einem wirklich gegenübersteht. Letzteres macht vor allem Lieutenant Harvey Greer zu schaffen, der mit seinem Partner eine geheimnisvolle Mord- bzw. Zerstörungserie unter Surrogaten im urbanen Moloch von Central Georgia Metropolis aufklären muss. Der Polizeiveteran wittert schnell, dass hinter den Vorkommnissen mehr als mutwilliger Zerstörungswille steckt. Als sein eigener Surrogat bei den Ermittlungen geschrottet wird, wagt er sich persönlich auf die Straße, was ungeahnte Auswirkungen auf den Verlauf der Ereignisse hat.

Es ist eine schrecklich schöne neue Welt, die Venditti für die (zuerst als Einzelhefte erschienenen) fünf Kapitel seiner Geschichte entworfen hat, die nah genug an der Realität grenzt, um sich auf sie einzulassen. Dabei spielt auch der Hauptprotagonist eine nicht unwichtige Rolle: Harvey Greer ist eine schön runde Figur, auf den ersten Blick ein abgebrühter Cop, der jedoch durch die Eheprobleme mit seiner surrogaten-abhängigen Frau und seine stetig wachsenden Zweifel an sich und der Welt, in der er lebt, durch und durch menschlich und verletzlich wirkt.

thesurrogates2.jpgFür die grafische Umsetzung von The Surrogates hat man sich beim US-Verlag Top Shelf gegen einen sauber gestylten Zukunftslook entschieden und stattdessen mit Brett Weldele einen Künstler engagiert, der eher in der Tradition von Bill Sinkiewicz und Ashley Wood zeichnet (und nebenbei auch selbst tuscht und koloriert). Und die Paarung Venditti/Weldele funktioniert äußerst gut. So sind die teils skizzenhaft wirkenden und in überwiegend erdigen Farben kolorierten Bilder rauh und kantig und verleihen dem Science Fiction-Krimi eine schmutzige Noir-Atmosphäre. Weldeles Stil, seine gelungenen Seitenlayouts und atmosphärisch starken Bilder komplementieren Vendittis Skript hervorragend. Einen nicht unwichtigen Anteil an der gelungenen Kreation einer lebendigen Zukunftsvision haben auch die am Ende jedes Kapitels eingefügten und liebevoll detailliert ausgearbeiteten Dokumente wie eine Surrogaten-Werbebroschüre, Zeitungsartikel und gar ein wissenschaftlicher Aufsatz über „Möglichkeit und Erfüllung im Zeitalter des Surrogaten“.

Die Krimihandlung selbst ist nicht nobelpreisverdächtig, aber durchaus solide. Und natürlich bietet sie nur die erzählerische Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem menschlichen Selbst im Zeitalter der Technokratie, der Digitalisierung und des Jugendwahns. Und hier gelingt dem Autor der nicht einfache Balanceakt zwischen sozialkritischer Science Fiction in der Tradition von Bradbury oder Asimov und unterhaltsamer Mörderhatz. Dies ist um so beeindruckender, wenn man bedenkt, dass es sich bei The Surrogates um sein Erstlingswerk handelt.

Ein zweiter Band, der 15 Jahre vor der hier vorgestellten Handlung spielt, erschien in den USA vor einigen Monaten. Insgesamt sind fünf Surrogates-Bände geplant. Die mit Bruce Willis besetzte Verfilmung, die sich in der Handlung mitunter deutlich vom Comic unterscheidet, startet in Deutschland am 21.01.2010 (US-Website, Infos, Trailer und Rezension auf Filmstarts.de).

Unser Interview mit Robert Venditti und Brett Weldele (auf Deutsch und Englisch) vom Oktober 2009 findet Ihr hier.

The Surrogates
CrossCult, September 2009
Text: Robert Venditti
Zeichnungen: Brett Weldele
Hardcover, 208 Seiten, farbig; 26,- Euro
ISBN: 978-3-941248-3

Gelungener Balanceakt zwischen Noir-Krimi und sozialkritischer SF

 

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Abbildungen The Surrogates © Robert Venditti, Brett Weldele; der dt. Ausgabe Cross Cult

Der Schatz von Wörgl

 Der opulente Titel-Schriftzug lässt zunächst vielleicht eine Abenteuergeschichte mit Heimatfilm-Deko vermuten, aber wenn man dann am unteren Rand den Schriftzug „Michael Unterguggenberger und das Freigeldexperiment“ liest, ahnt man schon, dass es möglicherweise doch um was anderes geht. Wer auf eine Geschichte hofft, die irgendwas mit einem Schatz zu tun hat, der wird schließlich enttäuscht: Es handelt sich bei dem Heft schlicht um eine Werbebroschüre für die Interessen der Humanwirtschaftspartei. Das klingt recht trocken, und so liest sich der Comic leider auch.

Die Handlung, sofern man sie als solche bezeichnen kann, spielt in der Stadt Wörgl in Tirol, zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre. Damals kam der Bürgermeister der Gemeinde, ein gewisser Michael Unterguggenberger, auf die Idee, ein alternatives Geldsystem basierend auf der Theorie von Silvio Gesell einzuführen, um seinen Bürgern aus der gröbsten Not zu helfen – was tatsächlich eine Weile funktionierte.

Idee und Text des Hefts stammen von Peter Zimmermann, der – wie man zwar auf der Website des Verlags erfährt, aber nicht im Heft – „Geschäftsführer des sächsischen Landesverbands der Humanwirtschaftspartei“ ist. Jener Partei wird dann auf den redaktionellen Seiten auch als Sponsor gedankt, ebenso wie der Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung, der Stadt Wörgl und diversen anderen Organisationen und Personen, denen daran gelegen ist, die Idee der Gesell’schen Freiwirtschaftslehre weiterzutransportieren.

 Mamei und Andreas Wehrheim schlagen sich in Anbetracht der Umstände zwar durchaus sehr stattlich darin, dem ganzen eine gewisse Dramaturgie zu verleihen und es auf 18 Seiten Comic zu reduzieren. Trotz der handwerklichen Qualität des Materials und des ansprechenden, frankobelgisch geprägten Stils der Zeichnungen vermag es der Comic allerdings nicht, den Mief eines mäßig interessanten Oberstufenreferats loszuwerden. Dazu bräuchte man vor allem faszinierende Figuren, und die kann man auf 18 Seiten nicht entwickeln, wenn es in erster Linie darum geht, komplexe wirtschaftliche Theorien zu vermitteln.

Da der Inhalt durch die vielfach vorhandenen Interessenkonflikte auch als Dokumentation nur mit Vorsicht zu genießen ist, bleibt unterm Strich eine ganz ordentlich gemachte, dabei aber einseitige Einführung in die Freigeldproblematik. Ob die Welt darauf gewartet hat, fünf Euro für die hübsch verpackte Infobroschüre einer Nischenpartei hinzulegen, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Der Schatz von Wörgl. Michael Unterguggenberger und das Freigeldexperiment
Holzhof Verlag, 2009
Idee und Text: Peter Zimmermann
Szenario: Mamei
Zeichnungen und Farben: Andreas Wehrheim
18 Seiten, farbig, Heft; 5,00 Euro
ISBN 978-3-939509-93-4

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Abbildungen: myspace.com/unterguggenberger

 

RG 1: Riad an der Seine

 Der Autor dieses Comics, Pierre Dragon, heißt in Wirklichkeit ganz anders. Hauptberuflich arbeitet er nämlich beim Nachrichtendienst der französischen Polizei, den „Renseignements Généraux“, kurz RG. Ein echter Geheimagent also. Dieser lernte 2006 (im Zusammenhang mit dem Konflikt um die Mohammed-Karikaturen) Joann Sfar kennen, den französischen Hansdampf in allen Comic-Gassen. Sfar war fasziniert von den Geschichten, die ihm Dragon aus seinem Arbeitsleben erzählte und brachte ihn mit dem Schweizer Zeichner Frederik Peeters (Blaue Pillen) zusammen. Wenig später erschien dann der erste Band von RG bei Bayou, der von Sfar betreuten Comic-Edition im Verlag Gallimard.

Hauptaufgabe der RG ist die Bekämpfung und Beobachtung terroristischer Aktivitäten. Das ist nicht immer so aufregend, wie es klingt. Ein großer Teil der Arbeit besteht in langwierigen und -weiligen Observierungen oder in mühsamen diplomatischen Verhandlungen mit Vertretern der amerikanischen Botschaft. Nur gelegentlich kommt es dann doch mal zu einer klassischen Verfolgungsjagd durch die Straßen von Paris. Der Comic schildert die Geheimdienst-Aktivitäten unaufgeregt und betont realistisch. Hinter der Polizeiarbeit stecken echte Menschen mit echten, teils sehr alltäglichen Problemen.

 Ausgangspunkt von „Riad an der Seine“ ist die Observierung einer Boutique, mit der Dragon und zwei weitere Kollegen beauftragt werden. Wie sich herausstellt, wird hier Schmuggelware umgesetzt, die Drahtzieher könnten in Verbindung zu ranghohen Islamisten stehen. Dragon und Kollegen finden jedoch bald mehr heraus, als der Obrigkeit lieb sein kann, und ehe die Angelegenheit so richtig spannend werden kann, wird ihnen der Fall entzogen: Eine andere Einheit sei nun zuständig. Das Buch endet also ähnlich unspektakulär wie es vermutlich die meisten realen Fälle tun.

In RG (deutscher Untertitel: Verdeckter Einsatz in Paris) spielt der Autor selbst die Hauptrolle, und er stellt sich nicht als strahlenden Hochglanzhelden dar. Das Verhältnis zu seiner Ex-Frau und ihrer gemeinsamen Tochter ist nicht das beste, und auch sonst läuft nicht alles glatt für ihn. Er stellt sein Licht aber auch nicht unter den Scheffel. Er ist ganz klar der Held der Geschichte und lässt deutlich durchblicken, dass er davon überzeugt ist, seine Arbeit sehr gut zu machen.

Frederik Peeters hat nicht nur durch seine Zeichnungen einen gehörigen Anteil daran, wie der Comic erzählt ist. Er bekam von Dragon kein fertig ausgearbeitetes Szenario, sondern musste aus den Geschichten, die er von ihm erzählt bekam, selbst eine Dramaturgie und einen Spannungsbogen entwickeln. Das ist ihm sehr gut gelungen – RG bleibt zwar episodenhaft, ergibt aber am Ende eine runde, in sich abgeschlossene Erzählung.

 Den besonderen Touch bekommt der Comic schließlich durch Peeters' Zeichnungen, durch die die Erzählung stets angenehm „down to earth“ bleibt. Er strebt keine hyperrealistische Perfektion an, es darf gerne auch mal etwas skizzenhaft bleiben. Dabei besitzen seine Bilder eine große Wärme, die durch die atmosphärische, niemals zu grelle Kolorierung noch unterstützt wird. Das Seitenlayout bleibt betont ruhig – RG will eben kein actiongeladener Spionagethriller sein, Besonderen Charme haben die kleinen, gelegentlich eingestreuten surrealen Momente, etwa wenn Peeters die Hauptfigur für ein Panel kurz zum kleinen Kind werden lässt, um deutlich zu machen, wie sich Dragon gegenüber den mächtigen amerikanischen Diplomaten fühlt.

Das Buch setzt sich zwischen die Stühle und passt nicht eindeutig in eine Schublade. Es ist teils fiktional, teils dokumentarisch, es folgt manchmal treu den Genreregeln des Krimis und widersetzt sich ihnen an anderer Stelle. Was es umso lesenswerter macht. Nicht umsonst wurde RG in Frankreich, wo inzwischen bereits ein zweiter Band erschienen ist, als einer der „essentiellen Comics“ des Jahres 2007 ausgezeichnet. Die deutsche Ausgabe überzeugt durch ihre stimmige Übersetzung, exzellentes Handlettering und eine wertige Hardcover-Aufmachung.

RG – Verdeckter Einsatz in Paris 1: Riad an der Seine
Carlsen, Juni 2009
Text: Pierre Dragon
Zeichnungen: Frederik Peeters
Hardcover; 112 Seiten; farbig; 16,90 Euro
ISBN: 978-3-551-77787-4

Gelungene Mischung aus Doku und Fiktion

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Abbildungen: © Carlsen Verlag

Marvel Exklusiv 82: The Hood

 Während der letzten Marvel-Events Civil War und Secret Invasion bahnte sich klammheimlich ein neuer Superschurke den Weg an die Spitze der Unterwelt. Hood heißt er und glänzte bislang vornehmlich durch Kurzauftritte in Brian Bendis' New Avengers oder Ed Brubakers Daredevil. Doch erst jetzt wird die Frage nach der Identität des Gangsterbosses mit der roten Kapuze enthüllt.

Die in Marvel Exklusiv 82 abgedruckte sechsteilige Miniserie ist in den USA bereits im Jahr 2002 unter dem Max-Label veröffentlicht worden. Es handelt sich dabei um den ersten Auftritt des Hood, dessen Origin-Story hier von Brian K. Vaughan (Y: The last man, Ex Machina) erzählt wird. Es ist die Geschichte des Kleinkriminellen Parker Robbins, der bei einem Job zufällig auf einen rot kostümierten Dämon trifft, auf diesen in Panik schießt und sich dessen Schuhe und Mantel unter den Nagel reißt. Ausgestattet mit speziellen Kräften kurbelt Parker seine Verbrecherkarriere ordentlich an und schafft sich damit Feinde an gleich mehreren Fronten.

Die Handlung an sich bietet keine allzu großen Überraschungen, dennoch ist die Entstehung von „The Hood“ ganz amüsant mitzuverfolgen. Aus dem privaten wie beruflichen Loser und seinem nichtsnutzigen Cousin entwickelt sich ein verhängnisvolle Partnerschaft, in der die beiden anfangs recht unbeholfen versuchen, Kapital aus den dämonischen Fähigkeiten zu schlagen.

 Wirklich gut gelungen ist die sympathische Seite der Hauptperson, die einfach kein klassischer Schurke ist, sondern die Feinde auf clevere Weise gegeneinander ausspielt und dabei trotz verbrecherischem Machtstreben stets für den Leser sympathisch bleibt, kennt dieser doch von Beginn an die freundliche Seite des unbedarften Parker Robbins.

Früh wird deutlich, warum diese Figur auch nach dieser Origin-Story im normalen Marvel-Universum immer wieder gerne eingesetzt und damit im Geheimen zur bedeutenden Figur aufgebaut wurde: The Hood ist ein Charakter, der ebenso schnell die Unterwelt erobert wie er an das dafür nötige Potential gelangte. Völlig zufällig klaute er einem Dämon den Umhang, im Gegensatz zu den in diesem Band auftretenden etablierten Schurken Constrictor, Jack O'Lantern und Shocker weiß er diesen Vorteil aber viel besser für sich umzusetzen.

Zeichnerisch umgesetzt ist diese Miniserie von Kyle Hotz, dessen kantiger Stil erfrischenderweise so gar nicht glattgebügelt daherkommt. Gerade das übermäßige Schattieren der Gesichter mag auf den ein oder anderen Leser ungewohnt oder befremdlich wirken, aber wer etwa die Bilder eines Kelley Jones mag, wird sich darüber eher freuen. Außerdem ist niemand geringerer als Eric Powell (The Goon) für die Tuschearbeit in diesem Band zuständig gewesen, was sicherlich nicht gerade gegen einen Kauf spricht.

Für das Verständnis der regelmäßig stattfindenden Marvel-Events braucht man diesen Comic sicherlich nicht, ebenso wenig benötigt man für diesen abgeschlossenen Sechsteiler das Vorwissen aus der übergeordneten Kontinuität des Verlages. Wer aber mehr über die Hintergründe der Figur herausfinden will, kommt an dem Werk von Vaughan und Hotz nicht vorbei. Interessant genug ist der Aufstieg des Hood allemal.

Eine Leseprobe gibt es bei mycomics.


Marvel Exklusiv 82: The Hood
Panini, Oktober 2009
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichner. Kyle Hotz
148 Seiten, farbig, 19,95 Euro (SC), 25 Euro (HC)

Geburt eines Superschurken: unterhaltsam und düster

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Abbildungen: © Marvel / Panini Comics

 

100 Meisterwerke der Weltliteratur

 Vor mehr als acht Jahren hatten die Macher des „ältesten und innovativsten Comic(umsonst)magazins im deutschsprachigen Raum“, die Männer von Moga Mobo, die grandiose und doch so simple Idee, nicht nur ein Meisterwerk der Weltliteratur, sondern gleich hundert davon, als Comic zu adaptieren. Zu bewerkstelligen war dieses ambitionierte Vorhaben mit dem mehr als treffenden Titel 100 Meisterwerke der Weltliteratur nur, indem man sich Grenzen setzte. Die Regeln für die hundert Künstler waren klar: Jede Adaption durfte nur 8 Panels haben und Worte waren nicht erlaubt. Und die vorwiegend deutschen Comic-Künstler kamen in Scharen. Die Erfolgsgeschichte wurde schließlich 2002 durch den Max-und-Moritz-Preis gekrönt. Nun hat sich das Trio mit dem Ehapa Verlag zusammengesetzt und eine Neuauflage des Klassikers der Klassiker ausgearbeitet.

Im Gegensatz zu dem Gratiscomic-Konzept der nun in Berlin ansässigen Moga Mobos, bietet ein großes Verlagshaus wie Ehapa natürlich ganz andere Möglichkeiten: Störende Werbung fällt weg, besseres Papier kann verwendet werden und das Format wird von Fast-DINA-5 auf Fast-DINA-4 aufgestockt. Aber die Zusammenarbeit mit einem großen Verlag fordert neben den vielen Vorteilen, die sie bietet, auch Kompromissbereitschaft ein: Während dem kleinen subversiven Comicbuch, das längst vergriffen ist, dieses intelligente Projekt gut zu Gesichte stand, verströmt die Neuauflage einen eher biederen Schulbuchcharme. Da lacht Gandalf keck vom knallroten Cover herunter und auch Moby Dick zeigt seine cartoonige Schwanzflosse. Was zuvor noch in die Hosentasche gepasst hat, findet sich nun eher im Schulranzen wieder.

Don QuijoteDoch auch die etwas biedere Aufmachung der Neuauflage kann nicht über die Klasse des Projekts und der entstandenen Comics hinwegtäuschen. Die fixen Regeln zwingen die Künstler förmlich zu innovativen Kompromissen bei ihren Literaturumsetzungen. Man freut sich bei der Lektüre sowohl über die Nacherzählung von Klassikern wie Die Liebe in Zeiten der Cholera, die wirklich einem Bildungsauftrag folgen, als auch über die geschickte Reduzierung von Texten wie Fräulein Smillas Gespür von Schnee von Reinhard Kleist. Da der Comic schon immer die Kunst der Lücke war, entsteht die wirkliche Freude beim Lesen vor allem durch die ganz subjektive Lesart von Zeichnern wie Legron (Don Quijote von Miguel de Cervantes) und Marc Herold (American Psycho von Bret Easton Ellis). Die Umsetzung von Melvilles Moby Dick von Till Lenecke macht Vorkenntnisse über Ishmael und Queequeg fast schon zur Pflicht.

Bezeichnend für die Neuauflage sind vor allem die zu verzeichnenden Abgänge. Obwohl die beiden Literaturklassiker, Nabokovs genialer Roman Lolita und Mutzenbachers erotische Erzählung Josefine Mutzenbacher, auf der Ebene der Adaptionstechniken nicht viel gemein haben, sind beide auf erotischen Vorlagen basierende Comics leider nicht mehr dabei. Vielleicht waren diese Titel nicht mit der Stammkundschaft von Ehapa zu vereinbaren. Interessant ist auch, dass das graphische Konzept der Mutzenbacher-Umsetzung fast eins zu eins in ahas Die Leiden des jungen Werthers aufgegangen ist. Schmerzlich vermissen wird man auch Anja Noltes panelübergreifende Adaption von Dürrenmatts Besuch der alte Dame.

Der alte Mann und das MeerDie Neuzugänge auf der anderen Seite zeugen zwar von durchdachten Umsetzungen, sind aber oft nicht besonders einfallsreiche Kondensierungen der literarischen Vorlagen. Sowohl Rowlings Harry Potter-Septologie, umgesetzt von J.M. Ken Niimura, als auch Paul Austers Stadt aus Glas von Paul Hoppe spiegeln zwar die wichtigsten Wendepunkte in den Geschichten wieder, aber gehen kaum darüber hinaus. Der sicherlich beste Neuzugang stammt von Michael Meier, dessen Umsetzung von 1984 sich nahtlos einfügt. Meier setzt Orwells pessimistische Zukunftsvisionen nicht nur in eine Bildergeschichte um, sondern übersetzt sie auch noch in unsere YouTube-Gegenwart. Der beste Comic ist und bleibt aber Dirk Schwiegers Adaption von Stephen Hawkings Eine kurze Geschichte der Zeit, die zwar der neuen Seitenaufteilung angepasst wurde, aber dennoch nicht ihren simplen Charme verloren hat.

Das zu Recht prämierte 100 Meisterwerke der Weltliteratur steht für innovative graphische Erzählungen, die sowohl Sprache als auch Vermittlungsmöglichkeiten des Comics in allen Facetten zeigen. Auch in der Neuauflage ist das Projekt noch immer eine künstlerisch großartige umgesetzte Idee, die in keinem Regal fehlen darf. All diejenigen, die bereits die erste Auflage besitzen, werden speziell die Veränderungen unter die Lupe nehmen. Durch den Ausschluss einiger Werke der Weltliteratur, die für ein erwachsenes Publikum bestimmt sind, wirkt das neue Gewand der 100 Meisterwerke der Weltliteratur etwas bieder und etwas braver.

Eine Leseprobe findet sich auf dem Moga Moblog.

100 Meisterwerke der Weltliteratur
Ehapa Comic Collection
, September 2009
Zeichnungen: diverese Künstler
Hardcover; 112 Seiten; schwarz-weiß; 9,95 Euro
ISBN:978-3-770-43269-1

Ein absoluter Klassiker, jetzt mit Schulbuchcharme

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Abbildungen: © Moga Mobo / Ehapa Comic Collection

Der spazierende Mann

spazierende_cover.jpgDer unermüdliche Pionier Jiro Taniguchi dringt erneut in schwer zugängliche Gefilde des Erzählens vor und erweitert wieder die Grenzen der Comicliteratur – im Buch Der spazierende Mann überaus gelungen.

Was erzählt die Geschichte? Keine Geschichte!

Was ist die Handlung? Keine Handlung!

Wer ist die Hauptperson? Ein gutsituierter Mann ohne Namen!

Gibt es Höhepunkte? Viele, aber so sanft erzählt, dass man sie übersehen kann, wenn man zu eilig liest.

spazierende_bsp1.jpgThema von Taniguchis Der spazierende Mann ist die Rückbesinnung darauf, die stillen, einzigartigen Momente im Leben zu erkennen und zu genießen. Das können Vögel, Schneeflocken, Kinder und vieles weitere sein, die man in ihrer Eigenart gespannt beobachten, hören, erleben kann, wenn man sie denn wahrnimmt. Das können spürbare Erlebnisse sein, sich einmal von Kopf bis Fuß nass regnen zu lassen oder „den Baum berühren, den Baum spüren, eins werden mit dem Baum“ (nach ©TOMs Touché). Das sind günstige Gelegenheiten, auch als Erwachsener dem Drang, nachts verbotenerweise einen Zaun zu überspringen und nackt zu baden, oder alle Konventionen missachtend die Chance beim Schopf zu packen, auf dem Dach eines fremden Hauses auf den Sonnenaufgang zu warten.

Solcherlei Ereignisse der kleinen Art beschreibt Taniguchi in 18 Episoden und er schafft es, den Betrachter in die wachsame Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge hineinzuziehen. So fügt er seine Bilder in ruhiger Gestaltung aneinander, oft wortlos und dem Schauen anheimgegeben. Wer dies aus der Meditation, aus Exerzitien oder aus einem wachsamen Spaziergang durch die Natur kennt, wird merken, dass diese Seite in ihm wieder zu klingen beginnt. Ein wunderbarer Weg mit diesem Comic, den ein Text mit seiner unvermeidlichen Wortlastigkeit kaum beschreiten kann.

spazierende_bsp2.jpgDer spazierende Mann ist einzigartig in seinem Thema und seiner Art, es zu präsentieren. Herausragend, meine ich, aber jeder Comicbegeisterte sollte prüfen, ob es die Lektüre ist, in die er sich versenken mag.

Jiro Taniguchi ist ein renommierter und in Japan und Frankreich bekannter Mangaka, im Geschäft seit 1972, seit 1974 preisgekrönt. Der spazierende Mann (1992) ist der 4. Band in der Carlsen-Edition zu Jiro Taniguchi. Die erste Graphic Novel bei Carlsen, Vertraute Fremde (1998 gezeichnet, 2007 auf Deutsch erschienen) ist 2008 denn auch zum besten Comic des Jahres gekürt worden – eine lange Zeit, bis ein guter Comic es schafft, in die deutsche Sprache überzusiedeln. Das zweite Buch bei Carlsen ist Die Sicht der Dinge (1994), das dritte Buch Träume von Glück (1992). Bekannt ist Taniguchi auch durch Werke beim Verlag Leser & Schreiber wie Der Wanderer im Eis (2004), Gipfel der Götter (2000) und Die Stadt und das Mädchen (1999); die Jahreszahlen geben das Entstehungsdatum des japanischen Originals an.

Der spazierende Mann
Carlsen Verlag, März 2009
Zeichnungen/Text: Jiro Taniguchi

Nachwort von Andreas Platthaus
165 Seiten, Softcover, s/w, 14 Euro
ISBN 9-783551-77791-1

Selten, herausragend, aber nicht für alle!

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Abbildungen: © Carlsen Verlag

DC Premium 63: DC/Wildstorm – Dreamwar

Dreamwar Wer hat die besseren Helden: DC oder Wildstorm? Mit dieser einfachen Formel wirbt man auf der Panini-Homepage für den Sechsteiler „Dreamwar,“ der komplett in DC Premium 63 enthalten ist. Aus der Feder von Keith Giffen (Lobo, Justice League) stammend, bringt dieses Crossover die Helden des Wildstorm-Universums und des DC-Kosmos erstmals im größeren Stile zusammen. Giffen geht dabei ein ganzes Stück über den gängigen Ablauf der Begegnung artverwandter Helden, z.B. Superman und Apollo, hinaus und inszeniert ein aufwendiges Event, beziehungsweise wie der Titel bereits andeutet, einen globalen Krieg. Leider revidiert sich das Ausmaß des Geschehens bereits von Vornherein schlicht und ergreifend dadurch, dass es sich hier im Prinzip um eine Elseworlds-Story handelt, die sich der regulären Kontinuität beider Verlags-Universen weitesgehend entziehen dürfte. Die Erzählung ist wie ein Traum aufgebaut, an dessen Ende selbst die handelnden Personen nicht wissen, was nun Realität war und was Einbildung.

Es erscheint aber folgerichtig von Giffen, wenn nicht gar unabdingbar, dass er derart viele Superwesen zweier Parteien nicht in einer Welt aufeinandertreffen lassen kann, ohne beim Leser Verwirrung zu hinterlassen. Denn wie könnte man sich sonst erklären, dass auf einer Erde zum Beispiel die JLA und die Authority bislang aneinander vorbei operierten oder dass Stormwatch nie auf die Teen Titans traf usw. Die Liste ließe sich natürlich endlos fortsetzen. Kurzum benötigte es für dieses Crossover einen Ansatz, der die Souveränität und Kontinuität beider Universen beibehält, ohne unglaubwürdig zu wirken. Ob Giffen das gelungen ist? Da kann man sicher geteilter Meinung sein.

Der Auslöser des Dreamwar ist ein trotziges Kind, das die Kraft besitzt, Realitäten beliebig zu verändern. Dadurch verschlägt es die DC-Helden in die Welt von Wildstorm und erregen natürlich schnell die Aufmerksamkeit der ansässigen Superwesen. Dazu kommt, dass Batman, Superman und Co., offensichtlich gedankenmanipuliert, sehr aggressiv die sofortige Konfrontation suchen. Das führt vor allem zu eins: ein globaler Kampf unter Helden. Und der wird auch vorrangig zelebriert, wodurch leider oft die eigentliche Handlung in den Hintergrund rückt. Da gibt es auch wenig Platz für den bissigen Humor, den man sonst von Giffen kennt. Nur an manchen Stellen, etwa wenn der Joker den Midnighter als „Batman light“ bezeichnet oder wenn Superman als moralverblendetes Weichei dargestellt wird, kann das tatsächliche Potenzial durchblitzen.

Ansonsten verbleibt mit Sicherheit kein schlechter Eindruck. Dreamwar ist eine runde Sache geworden, bei der es zwischendrin immer mal wieder kleine Highlights zu entdecken gibt. Und vor allem gibt es hier eine rar gewordene Gelegenheit, bekannte Wildstorm-Helden wie Gen13, Wildc.a.t.s. oder Authority wiederzusehen, deren regulären Reihen ja hierzulande selten bis gar nicht zu verfolgen sind.

Auch Lee Garbetts Zeichnungen könnten für den ein oder anderen ein Kaufanreiz sein. Er schafft es, bei den zahlreichen Schauplätzen den Überblick zu behalten und die diversen Helden und Umgebungen recht detailreich umzusetzen. Sein Stil erinnert stark an Travis Charest, was sicherlich nicht das schlechteste Kompliment ist. Eigentlich nur schade, dass man für die deutsche Ausgabe das für meine Begriffe mit Abstand schlechteste US-Cover als Titelbild verwendet hat. Da sind die anderen, im hinteren Teil abgedruckten Cover doch um Klassen besser und einfallsreicher.


DC Premium 63: DC/Wildstorm – Dreamwar
Panini, September 2009
Text: Keith Giffen
Zeichnungen: Lee Garbett
148 Seiten, farbig; 16,95 Euro (SC), 25,00 Euro (HC)

verlagsübergreifendes Event: langatmig, aber nicht langweilig

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Jazam! 4 – Monster

Jazam! MonsterEin knallgrünes Monster mit knubbligen Hörnchen auf dem Kopf und einem großen Löffel in der Hand. So putzig sieht die neue Jazam!-Ausgabe aus, doch sollte man sich nicht von Daniela Uhligs süßem Cover in die Irre führen lassen. Der vierte Band der Künstlergemeinschaft Jazam! lädt diesmal in die Welt der Monster ein und droht dabei aus allen Nähten zu platzen. Die 354 Seiten sind randvoll mit Monstern, die sich in Klos verstecken, durch U-Bahn-Schächte kriechen, unter Betten hausen, in Schränken wohnen, im Tiefgrass lauern, in Bussen reisen, auf Friedhöfen wiedererweckt werden und solche die einfach mal die in der Hölle einen Spazierengehen machen. Das sind sehr viele Monster, das ist unbestritten, doch wie kann eine solch monströse Reizüberflutung überhaupt vom Leser verarbeitet werden?

Doch bevor wir uns, wie einst Bill Murray, den Monstern stellen, soll eine Kurzchronik der bisherigen Jazam!-Ausgaben einen besseren Überblick verschaffen und zeigen, wohin die Reise geht:

Jazam! #1  „Märchen“ mit 27 Künstlern auf 108 Seiten (Comicgate-Rezension)
Jazam! #2 „Götter“ mit 40 Künstlern auf 164 Seiten (Comicgate-Rezension)
Jazam! #3 „Zeit“ mit 52 Künstlern auf 220 Seiten (Comicgate-Rezension)
Jazam! #4 „Monster“ mit 68 Künstlern auf 354 Seiten

Das WC-MonsterDer konstante Anstieg der Zahlen zeigt das stetige Wachstum  des Projekts von Adrian vom Baur, David Koslowski, Veronika Mischitz, Nico Simon und Florian Steinl, die mit Jazam! sowohl sich selbst als auch anderen jungen Künstlern eine Möglichkeit bieten wollen, ihre Comics zu veröffentlichen (Dazu Adrian vom Baur im Interview mit Comicgate.)  Auch für die aktuelle Ausgabe, über dessen Thema „Monster“ demokratisch abgestimmt wurde, haben die fünf jede Menge Beiträge zugeschickt bekommen und mussten leider auch wieder mehreren Jungkünstlern absagen. Aber schauen wir uns doch einfach einmal, wo die wilden Kerle wohnen, die es in die Anthologie geschafft haben.

Jazam! 4 punktet durch seine unglaubliche Vielfalt, mit der die Frankensteins und Zombies zum Leben erweckt werden. Während die einen ihr großartiges Talent für humoreskes Erzählen („Attack of the Urzeitkrebs“ von Lapinot) einsetzen, beschäftigen sich andere lieber mit der detaillierten graphischen Umsetzung des Übernatürlichen („Open Air“ von Moritz von Wolzogen). Die Waffen der Künstler-Recken, mit denen sie gegen die Monster antreten, sind zahlreich: Von dünnen über dicke Stiften, von Schabkartons und Computermäusen, von Wasserfarben bis hin zu Kohlestiften finden alle Zeichentechniken Verwendung.

Einst um MitternachtErzählerisch stechen vor allem die Geschichten heraus, bei denen die angestammten Rollen vertauscht werden und die Monster sich plötzlich moralisch integer verhalten. Ihre Aufgabe, den Menschen Angst und Schrecken einzujagen, wird stattdessen von verklagenden Anwaltshorden („Verklag mich doch!“ von David „Ome“ Koslowski) und Sackgesichtern („Sackgesicht“ von Tom Baltes und Florian Steinl) übernommen. Spielerisch wird es, wenn ein Killerhase mit riesengroßen Messern ausgerüstet und von Kreuzreimen begleitet durch die scherenschnittartigen schwarz-weißen Landschaften stolpert („Einst um Mitternacht…“ von Cartoonplatoon und Julia Chelkowski). Doch gerade diese wunderbare Vielfalt lauert wie ein Monster im Schrank und droht jederzeit herauszukommen.

Neben der schier endlosen Fülle an interessanten graphischen Ideen gibt es aber auch einen Haufen an Geschichten, die man ohne große Verluste hätte streichen können. Wie viele Splatter-Orgien im Stile eines Richard Corben benötigt man, um auf seine Kosten zu kommen? Die Antwort lautet: Höchstens eine. Selbst die Figuren bei Commander Cork bangen: „Hoffentlich ist die Haltbarkeit noch nicht abgelaufen.“ Wenn man es auf sechs Seiten voller Sprechblasen  nicht schafft, Comic-JamSpannung aufzubauen, dann, lieber Herr Perez, hat dieser Comic sein Haltbarkeitsdatum sicherlich überschritten („Bredouille 3120“ von Rudolph Perez).

Mit der vierten Ausgabe  hat sich Jazam! – vor allem durch die Initiative der verantwortlichen Herren und der Dame – mittlerweile zu einem  regelrechten Sprungbrett für junge deutsche Comic-Künstler gemacht. Einige der Zeichner haben durch Jazam! Kontakt mit Comicverlagen geknüpft und auch schon ihre eigenen Comics herausgebracht. Der abschließende Comic-Jam zeigt auch noch einmal sehr anschaulich, wie sich die jungen Zeichner ihr ganz eigenes Netzwerk aufgebaut haben, das sowohl flexibel genug ist, neue Künstler mit ins Boot zu nehmen, als auch prominent genug, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch die Monster-Ausgabe zeigt auch, dass man in Zukunft aufpassen muss, wie viele Beiträge eine einzelne Anthologie verträgt, ohne unübersichtlich zu werden.

Jazam 4 – Monster
Eigenverlag, Juni 2009
Herausgeber: Adrian vom Baur, David Koslowski, Veronika Mischitz, Nico Simon, Florian Steinl
354 Seiten, s/w; 15,- Euro

Leseprobe des vierten Bandes (PDF)

Ein Comic-Schaukasten von monströsen Ausmaßen

Links zum Thema
Homepage: www.jazam.de (inklusive Shop)
häufig aktualisiertes Blog: jazam.de/blog
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