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Von der Natur des Menschen

 Ursprünglich sollte der Titel der deutschen Übersetzung dieses Comics Die kaukasische Ulme lauten. Da sich dieser jedoch lediglich auf eine der enthaltenen Erzählungen bezogen hätte, tat man bei Carlsen gut daran, den Titel nochmal zu überdenken. So heißt der Band nun vielsagenderweise Von der Natur des Menschen; vom ersten Eindruck her klingt der zwar austauschbar und pathetisch, aber damit hat man von Verlagsseite in jedem Fall den Nagel auf den Kopf getroffen.

Der Band versammelt acht Kurzgeschichten von Ryuichiro Utsumi, die allesamt von Jiro Taniguchi (Vertraute Fremde, Gipfel der Götter) gezeichnet wurden. Es handelt sich um kurzweilige Reportagen aus dem japanischen Alltagsleben: Ein Mann entdeckt seine Affinität zur Natur, ein Vater lernt seine Tochter kennen, die ohne ihn aufgewachsen ist, eine Großmutter verliebt sich unverhofft, usw. Die Erzählungen folgen meist einem simplen Schema und entwickeln sich aus menschlichen Beziehungen heraus. Trennungsschmerz, Verlust, Liebe, Utsumi liefert dem Leser eine breite Palette an Emotionen, die für jedermann nachvollziehbar sind.

Wie erwähnt sind die knappen Erzählungen recht einfach gestrickt, sie erzählen ruhig und melancholisch von der menschlichen Individualität, davon dass jeder anders mit bestimmten Lebensumständen zurecht kommt. Besonders gut gefallen hat mir persönlich „Das Leben meines Bruders“, eine Story, die der verzwickten Frage nach einem würdevollen Ruhestand nachgeht. Man erlebt darin einen älteren Mann, der aus dem ihm vorgezeichneten Leben sozusagen ausgestiegen ist. Aus Stolz und weil er von seinen Kindern bevormundet wird, zog er vom Haus seines Sohnes überstürzt in ein Einzelzimmer und arbeitet trotz Pension als Dachdecker. Von der Familie wird er deswegen komisch angesehen und sie will ihn auf keinen Fall weiter so leben lassen. Als der jüngere Bruder den alten Mann besucht, kristallisiert sich heraus, dass dessen selbstbestimmter Weg ihm zum Glücklichsein womöglich völlig reicht. Der zwischen den Stühlen sitzende Bruder, und mit ihm der Leser, erhält allmählich die Einsicht, dass man den Lebensstil jedes einzelnen akzeptieren muss.

Diese Episode halte ich deswegen für großartig, da sie ein komplexes Thema innerhalb weniger Seiten und durch eine einzige Unterredung zweier Menschen aufreißt und man selbst zum Nachdenken gebracht wird. Aber auch die anderen Erzählungen in diesem Band brauchen sich beileibe nicht  zu verstecken. Mehr als einmal ist man fast zu Tränen gerührt, zudem weiß Taniguchi auf routinierte Weise eben solche emotionalen Momente durch stille, nachdenkliche Bilder zu Papier zu bringen. Seine Zeichnungen sind unaufgeregt und bilden originalgetreu die Realität ab, herausragend wirkt da vielmehr das Gespür für die stets richtige Perspektive und den wechselnden Fokus auf Personen, Umgebungen oder Gegenstände.

Alles in allem bietet sich mit „Von der Natur des Menschen“ eine hervorragende Sammlung an Kurzgeschichten, von denen qualitativ keine abfällt. Insofern muss man für diesen Comic eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen. Der einzige kleine Kritikpunkt betrifft weniger den Inhalt als die redationelle Arbeit: Warum beglückt man den Leser mit gleich zwei Biografien zu Jiro Taniguchi (einmal ausführlich am Ende des Bandes, einmal in Kurzform als Klappentext) während man zu Ryuichio Utsumi, immerhin der Autor aller Geschichten, keinerlei Infos erhält? Sehr schade eigentlich.

 

Von der Natur des Menschen
Carlsen, Oktober 2009
Autor: Ryuichiro Utsumi
Zeichner: Jiro Taniguchi
224 Seiten, Softcover, schwarzweiß; 14,90 Euro
ISBN 978-3-551-78976-1

Gefühlsnahe Alltagserlebnisse

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Die Legende vom Changeling 2

 Die Fortsetzung der Legende vom Changeling beginnt direkt mit einem Höhepunkt: Nachdem am Ende des ersten Bandes bereits  Scrubbys Vater ums Leben kommt, verliert er nun auch noch seine Mutter. Mit Trauerarbeit aber will sich die Geschichte nicht lange aufhalten, stattdessen macht sie einen Zeitsprung um mehrere Jahre. Scrubby ist inzwischen 12 Jahre alt, sieht aber wesentlich jünger aus, weil er nicht mehr wächst. Um Geld zu verdienen, heuert er bei einem Bergwerk an und fährt als Arbeiter unter Tage. Dort, in den Tiefen einer Mine, kommt wieder seine besondere Fähigkeit zum Tragen: Scrubby kann die „Knockers“ sehen, die kleinen Wesen, die dort leben und von allen anderen für Fabelwesen gehalten werden. Die Knockers führen Scrubby an entlegene Stellen tief unter der Erdoberfläche. Währenddessen planen die anderen Minenarbeiter einen Streik, um gegen ihre schlechten Arbeitsbedingungen zu protestieren. Natürlich will der skrupellose Minenbesitzer (jener „Schwarze Mann“, der dieser Episode den Titel gab) diesen Streik beenden, und dazu ist ihm jedes Mittel recht …

Wie schon im ersten Teil gelingt Pierre Dubois wieder eine ansprechende und originelle Mischung aus historischen Tatsachen und Fantasy-Elementen, die von Zeichner Xavier Fourquemin sehr atmosphärisch umgesetzt wird. Inhaltlich hat das Album eine kleine Schwäche: Auf den ersten und den letzten Seiten gibt es dramatische Höhepunkte, dazwischen hängt die Erzählung ein bisschen durch. Der Plot kommt zwar voran, aber die Charaktere entwickeln sich nicht. Am Ende von Band 2 wissen wir nicht viel mehr über Scrubby und über den mysteriösen Bösewicht, als wir am Ende von Band 1 schon wussten. Das aber sind die klassischen Probleme eines „Mittelteils“. Wenn man die Serie einmal komplett lesen kann, werden sich diese Schwächen (hoffentlich) relativieren.

Die Legende vom Changeling 2: Der schwarze Mann
Piredda Verlag, August 2009
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,50 Euro

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Der kleine Prinz


Cover von Der kleine PrinzDer kleine Prinz, das vor über 60 Jahren enstandene Büchlein des Franzosen Antoine de Saint-Exupéry, darf bis heute als einer der ganz großen Klassiker gelten. Die vom Autor illustrierte Erzählung ist ein modernes Märchen, das bei jung und alt gleichermaßen bis heute für Begeisterung sorgt.

Kein Wunder also, dass der omnipräsente Comickünstler Joann Sfar (Die Katze des Rabbiners, Klezmer, Donjon), einer der renommiertesten europäischen Zeichner der Neuzeit, sich des Stoffes angenommen und die Vorlage in einen Comic verwandelt hat. Der Grundton bleibt bei seiner Adaption erhalten, insbesondere die Handlung an sich wirkt geradezu streng originalgetreu:

Ein Pilot stürzt in der Wüste ab und begegnet dabei dem kleinen Prinzen; ein grüngekleideter Junge, der nach eigenen Angaben von einem anderen Planeten stammt. Er freundet sich mit dem Piloten an und erzählt ihm seine Geschichte. Wie er von seinem winzigen Asteroiden auszog, um nach anderen Lebewesen zu suchen; wie er auf illustre Gestalten trifft, die sich über befremdliche Eigenschaften definieren. So etwa ein arroganter König, der ohne Untertanen lebt oder der eitle Mann, der einfach nur bewundert werden will. Beide sind einsam, verdienen jedoch nicht die Freundschaft des kleinen Prinzen, der nach den Begegnungen stetig weiter zieht. Erst ein sympathischer Fuchs kann den Prinzen für sich gewinnen, und eben der Pilot, der, nachdem er die Geschichte gehört hat, schließlich zum Erzähler dieses Bandes werden soll.

Joann Sfar änderte die Vorlage zwar inhaltlich kaum ab, wohl aber die Form der Darbietung für den Leser: Während in Saint-Exupérys Werk die erzählende Form dominiert, stehen bei Sfars Umsetzung die Dialoge im Vordergrund. Das liegt natürlich auch daran, dass bereits viele Details über die Bilder vermittelt werden, diese dem Leser also nicht unbedingt nochmals beschrieben werden müssen. So hält Sfar am Inhalt fest, macht durch seine typische Zeichenart und dem Schwerpunkt auf den Konversationen zwischen dem Prinzen und den anderen Figuren aber eine runde Comicerzählung. Das Ergebnis hat nichts von dem Charme des Originals eingebüßt, sondern liest sich abermals als modernes Märchen, das auf spielerische Weise der Frage nach Menschlichkeit und Freundschaft nachgeht.

Dass der Künstler hier eine starke Adaption abliefert, ist sicherlich nicht verwunderlich: Sfar und Der kleine Prinz, das passt einfach wunderbar. Würde man die Vorlage nicht kennen, man würde sofort glauben, dass die Geschichte komplett von ihm erdacht wäre. Zumal bereits beim Durchblättern sein variantenreicher Stil auffällt, diesmal eher gediegener und weniger abstrakt. Eben prädestiniert für Jung und Alt.

Ich dachte ja ursprünglich, dass der Comicband nur lose auf Der kleine Prinz basiert und Sfar eine völlig andersartige Interpretation abliefert. Im Nachhinein bin ich aber glücklich, dass genau das nicht der Fall ist. Vielmehr wird die Erzählung würdevoll in das Medium Comic übersetzt. Das Ergebnis birgt viel vom Charme des Zeichners, vermittelt aber auch die Poesie und die Tiefe der Vorlage. Alles in allem ist Der kleine Prinz ohnehin zeitlos, auch wenn man das Gefühl hat, dass ihm mit diesem Comic ein frischer Anstrich zuteil wurde.

Bei Carlsen gibt es eine Leseprobe und einen Trailer.


Der kleine Prinz
Carlsen, Oktober 2009
Adaption/Zeichnungen: Joann Sfar
112 Seiten, HC; 14,90 Euro
ISBN 978-3-551-77795-9

modernes Märchen als individueller Comic

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Locke & Key 1: Willkommen in Lovecraft

Das Horror-Genre ist in den letzten Jahren im Comicbereich immer beliebter geworden. Wirklich guten  und überzeugenden Horror findet man jedoch eher selten. Eine willkommene Ausnahme im Genre-Einheitsbrei ist die Serie Locke & Key von Joe Hill, die nun erstmals auch auf Deutsch erscheint. In Form einer Dialog-Rezension besprechen Christopher Bünte und Thomas Kögel den ersten Band der Reihe.

 Thomas: Es gibt wohl kaum einen Text über Joe Hill, der ohne den Hinweis  auskommt, dass der Vater dieses Schriftstellers ein noch viel  bekannterer Schriftsteller ist: Stephen King nämlich. So, damit hätten  wir diese Erwähnung auch vom Tisch und auch genug zu dem Thema gesagt.  Joe Hill hat bisher einige Kurzgeschichten und einen Roman  geschrieben, alle mehr oder weniger im Horror-Genre angesiedelt. Das  trifft auch auf seine erste Comic-Serie zu. Mit dem Begriff  Horror-Comic ist Locke & Key aber nur unzureichend beschrieben, oder?

Christopher: Wenn man solche Labels verwenden möchte, ist Horror sicherlich  gut gewählt. Auf den ersten Blick sieht Locke & Key ja auch aus wie eine  Produktion von der Stange, marktgerecht und für eine bestimmte Zielgruppe  geschrieben. Aber eigentlich steckt da mehr drin, meiner Meinung nach. Als Erstes würde ich anmerken, dass Locke & Key nicht nur Horror/Mystery ist,  sondern auch eine starke Familiengeschichte. Die Figuren hängen in einem gut  ausgedachten Beziehungsgeflecht und haben so manchen Konflikt zu bewältigen.  Ich will hier jetzt nicht spoilern, aber ich hatte das Gefühl, dass es im Kern um eine tragische Familiengeschichte geht. Die Verarbeitung schlimmer  Ereignisse spielt eine wichtige Rolle. Das ist eine tolle und klare innere  Handlung, die den Leser mitzieht. Da verzichte ich gerne mal auf den einen  oder anderen Monsterkampf. Ich hatte das Gefühl, dass die Story von einem frischen Wind durchzogen wird, meinetwegen mit einer winzigen Prise Manga,  aber ganz sicher kein langweiliges Plastikprodukt. Ich weiß nicht … Ich  kenne den US-Horror-Markt nur ein wenig. Womit würdest Du Locke & Key  vergleichen? Ich meine, wenn Du es jemandem beschreiben müsstest, ohne zu viel zu verraten?

 Thomas: „Mystery-Thriller“ würde als Etikett ganz gut passen. Oder „Teenager-Drama mit leichtem Horror-Einschlag“. Die Horror-Elemente beschränken sich ja auf einige wenige recht deftige Gewaltszenen, die  so knapp dosiert sind und so unvermittelt daherkommen, dass sie umso  größere Wucht entfalten. Von diesen Szenen abgesehen, erzählen Hill  und sein Zeichner Gabriel Rodriguez sehr ruhig und konzentrieren sich  auf ihre Figuren und deren Innenleben. Womit wir bei der Frage wären: Worum geht's eigentlich? Vor allem um drei Jugendliche, die dabei  zusehen mussten, wie ihr Vater ermordet wurde. Nach diesen  traumatischen Ereignissen ziehen sie mit ihrer Mutter in ein altes  Haus aufs Land – ein Haus, das einige Geheimnisse verbirgt. Man könnte  erwarten, dass daraus eine klassische Spukhaus-Klischeegeschichte  wird, aber in diese Falle tappt Joe Hill eben nicht.

Christopher: Zum Glück nicht. Ihm geht es im Wesentlichen um gute Charaktere  und einen guten Plot, möchte ich behaupten. Ein wichtige Rolle spielen die  Schlüssel, die zu verschiedenen Türen in dem alten Haus passen. (Daher auch  das Wort „Key“ im Titel. „Locke“ heißt die Familie, um die's geht.) Die  Türen und Schlüssel sind verzaubert, also das phantastische Element der  Story. Geht jemand durch eine solche Tür, verwandelt er sich. Wer jetzt aber  ein nerviges Hin und Her erwartet, liegt falsch. In Band 1 gibt es  eigentlich nur einen einzigen Schlüssel, rücksichtsvoll eingesetzt mit Blick  auf die restliche Handlung. Die Story gefällt mir deshalb gut, weil es viele  Verweise auf die Vergangenheit des toten Vaters gibt, die sich noch nicht zu  einem schlüssigen Bild zusammenfügen, aber eine wichtige Rolle spielen. Sozusagen eine Geschichte hinter der Geschichte. Mir gefällt sowas, wenn es  gut gemacht ist. Gibt der Geschichte eine gewisse Tiefe. Zu den drei  Jugendlichen: Ich weiß nicht, wie's dir ging, aber mir hat der ältere Bruder  am besten gefallen. Wie er hin- und hergerissen ist zwischen Verantwortung und Verzweiflung. Eine tolle Figur!

 Thomas: Ja, Tyler ist sicher die am besten ausgearbeitete Figur. Aber auch seine Geschwister und seine Mutter sind interessant und haben auch  noch eine Menge Potential für weitere Fortsetzungen. Nicht zu  vergessen der Bösewicht. Ich bin sicher, dass Joe Hill mit ihm noch  einiges vorhat und wir noch längst nicht alles gesehen haben. Das  bringt mich zu einer der großen Stärken des Comics: Joe Hill wechselt  nämlich regelmäßig die Erzählperspektive. Ein Kapitel wird aus Sicht  des ältesten Bruders Tyler erzählt, das nächste aus der Sicht seiner  Schwester Kinsey, und so weiter. So bekommen wir die Handlung aus  verschiedenen Blickwinkeln serviert und können Blicke ins Innenleben mehrerer Figuren werfen.

Christopher: Hui! War mir beim Lesen gar nicht so aufgefallen. Aber jetzt, wo Du's sagst… Naja, nochmal lesen schadet da ja nicht. Ich hatte am Ende ein bisschen die Befürchtung, dass daraus so eine endlose Serie erwachsen könnte. Ich meine: Wieviele magische Schlüssel hat das Haus? Da kann man ja endlos Geschichten zusammenspinnen. Hoffentlich bleibt das Erzähltempo so gut wie im ersten Band. Und hoffentlich finden Sie einen einigermaßen zeitigen Absprung.

Thomas: In den USA erscheint die Hefte ja als Serie von Miniserien, so dass immer sechs Hefte eine eigene Geschichte ergeben. Joe Hill sagt in einem Interview bei TFAW.com, dass es insgesamt wahrscheinlich sechs Miniserien werden bis zum Abschluss.

Christopher: By the way: Die Zeichnungen sind klasse, oder? Ich dachte ja beim flüchtigen Durchblättern zuerst an normale US-Meterware. Aber die Bilder und die Kolorierung sind richtig gut. Detailliert und originell. War echt zufrieden. 

Thomas: Was mich etwas gestört hat, sind die Gesichter, die Gabriel Rodriguez zeichnet. Sie wirken etwas statisch und maskenhaft und vor allem kriegt er das mit dem Alter der Figuren nicht gut hin. Der Onkel von Tyler sieht aus, als wäre er gleich alt, und auch Tylers Mutter wirkt nicht deutlich älter als er. Bis auf diese Schwäche ist Rodriguez' Artwork aber prima, die dicken Outlines kommen gut und besonders mochte ich seine Seitenlayouts. Da sind wirklich einige sehr gute Ideen dabei, die die Möglichkeiten der Kunstform Comic schön ausnutzen. Und die Kolorierung von Jay Fotos stimmt auch. Insgesamt überzeugt Locke & Key also sowohl graphisch als auch inhaltlich.

Christopher: Da schließe ich mich an. Locke & Key ist eine Perle im US-Mainstream. Bleibt zu hoffen, dass die nächsten Bände weiterhin auf diesem hohen Niveau bleiben. Manchmal gehts ja nach dem ersten TPB steil nach unten. Wäre schade. Zumal wirklich guter US-Horror im Comicbereich meiner Ansicht nach echt selten geworden ist. 

Locke & Key 1: Willkommen in Lovecraft
Panini Comics, September 2009
Text: Joe Hill

Zeichnungen: Gabriel Rodriguez
Softcover mit Klappbroschur; 172 Seiten; farbig; 16,95 Euro
ISBN: 978-3-86607-850-5


Ungewohnt guter Mix aus Horror und Mystery

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Mehr Dialog-Rezensionen bei Comicgate:
Auf der Suche nach Peter Pan
Gregory 1 und 2
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Nextwave: Agents of H.A.T.E. Vol. 1 (US)
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200g Hack
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Marvel Graphic Novels: Shanna

Abbildungen: © Panini Comics 

Das kleine Rockbuch

Das kleine RockbuchDas neue Jahrhundert hat seine erste Dekade fast verbraucht und schon zeichnen sich zwei Trends ab: Zum einen befinden wir uns im Zeitalter der konstanten Beschleunigung, in dem Informationen immer schneller durch unsere Computer gejagt werden. Zum anderen erzeugt diese wahnwitzige Geschwindigkeit einen unstillbaren Durst nach immer mehr Informationen. Jede Minute trudelt eine neue Eilmeldung per RSS-Feed herein, die wir auf keinen Fall verpassen dürfen; jede Sekunde zwitschert man seinen Followers eine Nachricht zu und stillt doch nur kurz die Gier nach Neuem. Nur manchmal gelingt es, einen Moment inne zuhalten, zurückzublicken und zu genießen. Dabei ist es etwas verwunderlich, dass gerade ein Comic wie Das kleine Rockbuch (Carlsen Comics) von dem französischen Comic-Zeichner Hervé Bourhis einen solchen Moment der Ruhe erschafft. Obwohl Bourhis seine ganz subjektive Sicht der letzten 60 Jahre Musikgeschichte wie in einer Art graphischem Rauschzustand vorüberziehen lässt, so ist es gerade der Hang zum Unvollständigen, zum eigenen Erleben von Musik, der dem Leser eine audio-visuelle Ruhepause verschafft.

Nixon und ElvisWie ein Geständnis liest sich die Begrüßung, in der Bourhis beichtet, dass er noch nie eine Überdosis hatte, kein ausgebildeter Rockkritiker ist und auch sonst an keinem prägenden Event der Rockgeschichte teilgenommen hat.  Aber gerade weil er keinerlei Berechtigung hat dieses Buch zu schreiben, ist Das kleine Rockbuch ein so wohltuend unprätentiöses Lesevergnügen und wesentlich angenehmer als irgendwelche alternden Rockstars, die uns in Dauerwerbesendungen umfassende Rockumentaries und allumfassende Enzyklopädien des Rock andrehen wollen.

Auch wenn Bourhis keine Vollständigkeit beansprucht, so versucht er doch eine kohärente Erzählung aufzubauen, die sich an geschichtlichen Ereignissen orientiert. Von der Erfindung der ersten Juke-Box bis hin zu Britney Spears tauchen immer wieder neue Akteure auf, die, vertreten durch ihre Alben, Singles oder einfach nur durch ihre Anekdoten, Rock-Geschichte geschrieben haben. Als erfrischende Ergänzung zu den immer gleich genialen Geschichten der Beatles und der Stones erzählt Bourhis auch vom französischen Rock'n'Roll, von Serge Gainsbourg und von Sebastian Tellier.

Cash im Folsom PrisonSelbstverständlich erzeugt das Nebeneinander von Bildern immer eine Kausalität und natürlich beschreibt Bourhis so den Weg des Rock'n'Roll von Elvis zu den Stone Roses, doch lädt er auch explizit dazu ein, sich seinen eigenen Weg zu bahnen, denn die Geschichte des Rock bietet keine „richtige“ oder „falsche“ Chronologie. Durch simples Aneinanderreihen folgt auf Johnny Cashs legendären Auftritt im Folsom Prison Blues Iggy Pops Konzert mit seiner Band The Stooges, bei dem er sich in Glasscherben gewälzt hat. Eigentlich haben diese zwei Ereignisse auf den ersten Blick nicht viel gemein. Doch wenn man genauer hinschaut, zeigen beide, dass es neben dem friedvollen Woodstock-Festival auch eine dunkle Seite des  Jahres 1969 gab. Das kleine Rockbuch ist zwar eine turbulente Zeitreise durch die Musikgeschichte, doch helfen einleitende Jahreszahlen, ein Index der Künstler und eine Juke-Box mit den Singles von 1950 bis 2009 immer wieder ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen.

Graphisch orientiert sich der Comic an einem klassischen Neun-Panel-Gitter. Single- und Albencover, die teils nachempfunden, teils neu interpretiert wurden, fügen sich in einer Reihe entsprechend ihrer Veröffentlichung kommentarlos ein. Aber an die Strenge dieses Gitters hält sich Bourhis fast nie; er wählt für jedes einzelne Cover, für jeden Geburts- und für jeden Todestag der Musiker ein eigenes Bildformat und misst den Ereignissen so ganz subjektiv ihren eigenen Wert zu. Zwischenzeitlich bricht Bourhis das Netzwerk der Panels gänzlich auf, um Platz für eine Sinatra-Anekdote zu schaffen, um Elvis berühmten „Auftritt“ bei Nixon zu zeigen oder einfach nur um die Einführung des I-Pods in Frankreich zu feiern. Während sich die Typographie im Comic dem Stil der Original-Cover und der Musikrichtung anpasst, ist Bourhis' Hauptwerkzeug ein feiner Strich, der Gainsbourg  sowohl einen melancholischen Touch verleihen kann, als auch die White Strips  experimentell interpretieren kann.

Pop BattleWie jedes gute Rock-Album sind auch in Das kleine Rockbuch ein paar Bonus-Tracks eingebaut. So kann man zum Beispiel den musikalischen Werdegang von Björk verfolgen: Von frühen Beatles-Coversongs (“Álfur út úr hól“), über ihre Punkphase mit ihrer Band Tappi Tikarrass (was so viel heißt wie „Verstopft den Hurenarsch!“) bis zu ihrem heutigen Hits. Auch für Brian Wilson (Beach Boys) hat Bourhis viel Platz eingeräumt, um zu zeigen wie dieser sich einen erbitterten Kampf mit seiner eigene Psyche liefert und sich das Smile-Album von der Seele abringt. Die Geschichten werden von Jahr zu Jahr subjektiver, da Bourhis auch seine eigene Geschichte mit in den Comic einfliessen lässt Dies ist vermutlich auch der Grund warum eine Band wie Grandaddy im Pop-Battle gegen Radiohead gewinnt. Natürlich gibt es auch Verlierer: Die heißen bei Bourhis Michael Jackson, der nicht gegen die Genialität von Prince ankommt und die Band Muse, deren Musik Bourhis schlichtweg als Flatulenz bezeichnet.

Mit Das kleine Rockbuch ist Hervé Bourhis wirklich ein kleines Meisterwerk gelungen. Der Franzose setzt sich ganz bewusst von einer allzu strengen graphisch Form ab und führt durch simples Aneinanderreihen von Ereignissen und Anekdoten, von Alben und Singles in eine etwas andere Geschichte des Rock ein. Einsteiger werden viel Informatives finden und fortgeschrittene Rocker können auf die eine oder andere nette Geschichte gespannt sein. Eine vollständige Lektüre dieses Buches führt nicht zwangsläufig zu einem besseren Verständnis von Rockmusik; es ist eher als Eintrittskarte in die Erlebniswelt der Rockmusik gedacht. Eine Welt, der man sich in Ruhe widmen kann, und bei deren Lektüre Erinnerungen unweigerlich an die Oberfläche drängen.

Eine Video-Performance von Hervé Bourhis bei der Arbeit.

Das kleine Rockbuch
Carlsen Verlag, Oktober 2009
Zeichnungen/Text: Hervé Bourhis

208 Seiten, Softcover, s/w, 19,90 Euro
ISBN 9-783551-75040-2

Ein „CurROCKulum Vitae“ vom Feinsten

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Abbildungen: © Carlsen Verlag

Sugarshock (US)

 Als Dark Horse Comics im Jahr 2007 die Kooperation mit MySpace startete, bei der einmal im Monat exklusive Comic-Kurzgeschichten unter dem Titel MySpace Dark Horse Presents veröffentlicht werden, brauchte man ein prominentes Zugpferd. Dieses fand man in Autor Joss Whedon, der durch seine TV-Serien (Buffy, Angel, Firefly) und diverse Comic-Arbeiten bekannt ist. Für MSDHP schuf er Sugarshock, einen abgedrehten, sehr vergnüglichen Mix aus Rock'n'Roll, Science-Fiction und Action, der mit einem Eisner Award für denbesten Webcomic ausgezeichnet wurde.

Es geht um eine Rockband, bestehend aus drei Frauen und einem Roboter, die bei einem intergalaktischen Bandwettbewerb um den Fortbestand des Planeten Erde kämpfen muss. Die Handlung, wenn man sie denn so nennen will, holpert auf sehr skurillen Wegen zu ihrer Auflösung. Das stört jedoch nicht, im Gegenteil: Es macht sehr viel Spaß! Denn Whedon ist sich jederzeit dessen bewusst, dass er hier einen augenzwinkernden Spaßcomic abliefert und kein ausgefeiltes Genredrama. Er wirft also eine Menge skurille Ideen (z.B. fanatischer Hass auf Wikinger), verrückte Charaktere und lässige Dialoge in einen Topf und rührt kräftig um. Nebenbei erfährt man dann auch noch, dass Abe Lincoln die Sklaven nur befreit hat, weil er „slave“ mit „stove“ verwechselt hat. Gezeichnet ist die Story sehr ansprechend und dynamisch von Fábio Moon, der mit seinem Zwillingsbruder Gabriel Bá derzeit zu den interessantesten Zeichnern an der Schnittstelle zwischen Mainstream- und Indie-Comics gehört.

Sugarshock wurde im Sammelband MySpace Dark Horse Presents Vol. 1 nachgedruckt und ist jetzt auch als Einzelheft im Rahmen von Dark Horses Aktion „One-Shot Wonders“ erhältlich. Außerdem gibt's den Comic kostenlos in drei Teilen auf MySpace (von Europa aus leider nicht ohne Weiteres zugänglich) und neuerdings sogar auf deutsch bei mycomics.de – ob hier allerdings die treffsicheren Dialoge, die herrlichen Wortspiele und die schrägen Soundwords ebenso funktionieren wie im Original, wollte ich lieber nicht nachprüfen.

Sugarshock
Dark Horse, Oktober 2009
40 Seiten, farbig, Heft
Preis: 3,50 US-Dollar

Sammelband MySpace Dark Horse Presents, Vol. 1

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Dark Entries: A John Constantine Novel (US)

 Mit Dark Entries legt DC den ersten Band seines neuen Sub-Imprints Vertigo Crime vor. Die unter dem Crime-Signet erscheinenden Comics sind kleine Hardcoverbände in Schwarz-Weiß, die für sich allein stehende Geschichten von unterschiedlichen Autor-/Zeichnerteams erzählen. Mit Ian Rankin hat man, das muss man Vertigo zugestehen, direkt einen ziemlich renommierten Krimiautor für den Start der Reihe gewinnen können. So weit klingt das alles ganz gut. Und damit: Kommen wir zum 'Aber'.

Ich bin ja eigentlich kein 'Form before Content'-Mensch. Der Inhalt eines Comics ist für mich erstmal relevanter als die Verpackung. In diesem Fall möchte ich das aber mal umdrehen, weil meine erste Reaktion auf den Comic sich auf dessen Form bezog. Ich habe mir Dark Entries per Post zuschicken lassen und hielt plötzlich dieses kleine, eingeschweißte Hardcoverbuch in der Hand. Und trotz des winzigen „A Graphic Mystery“ auf dem Cover und dem noch winzigeren „Graphic Novel“ auf der Rückseite, war mein erster Gedanke: „Mist. Ein richtiger Roman. Dabei wollte ich doch einen Comic.“

Was schlicht daran liegt, dass die Aufmachung versucht, die Comichaftigkeit des Ganzen zu verschleiern und unter dem Titel „Dark Entries“ vollmundig verspricht: „A John Constantine Novel.“ Nicht Graphic Novel, sondern einfach nur Novel. Ich dachte also, hier handle es sich um einen illustrierten Roman (so wie zum Beispiel auch Neil Gaimans The Graveyard Book). DC gibt sich wirklich Mühe, hier auf „Legitimität“ zu setzen und das Comic-Stigma zu vermeiden. Was das über das Selbstbewusstsein der Comicszene sagt, sei mal dahingestellt. (Dann wiederum: Man akzeptiert ja auch, dass Comics mal lockere drei Jahre zu spät erscheinen, weil ein  Autor zwischendrin „richtige“ Arbeit erledigen muss. Lost schreiben und sowas…)

 Mit dem Öffnen der Verpackung klärte sich mein Fehlschluss auf, es handelt sich hier tatsächlich um einen richtigen Comic. Allerdings dürfte ich nicht der Einzige sein, der sich hier in die Irre führen lässt. Die Frage ist, wie die Käufer darauf reagieren, die in die andere Richtung dachten. Käufer, die einen Ian-Rankin-Roman kaufen wollten und dann feststellen müssen, dass sie aus Versehen einen Comic erworben haben. Wird die Neugier überwiegen, das „jetzt habe ich eh schon bezahlt, jetzt kann ich's auch lesen“, und kann man so neue Leser rekrutieren? Oder stößt man diese Käufer eher vor den Kopf und überschreitet die Grenze zur Kundenverarsche? Ich fürchte wirklich, dass DCs Taktik sich hier rächen könnte.

Schade drum, denn die Aufmachung ist eigentlich wirklich schick. Die kleinen Hardcoverbände dürften sich gut im Regal machen. Einzig das Papier könnte noch ein klein wenig dicker sein, die Schwarzflächen neigen dazu durchzuscheinen, was allerdings ein sehr kleiner Kritikpunkt ist. Warum also nicht die Eier haben und offensiver dazu stehen, dass man hier einen Comic verkauft?

Und damit bewegen wir uns jetzt so langsam auf den Inhalt zu. Und zwar direkt wieder mit einer Nachfrage: Ist das hier wirklich der Titel, mit dem man das Crime-Imprint starten sollte? Die Aufmachung und der fette Name Ian Rankin auf dem Cover sagen, dass man mit diesen Titeln in die Buchhandlungen will, um Neuleser zu gewinnen. Klingt ebenfalls erstmal gut und wird ebenfalls sofort mit einem 'Aber' weitergeführt.

Schnellfrage: Was erwarten Sie von einem Titel, der vom Krimiautor Ian Rankin geschrieben wurde und auf dessen Seite das Logo „Vertigo Crime“ prangt? Wenn Sie „Geister- und Dämonenhorror“ gesagt haben, dann sind Sie zwar ein Depp, haben allerdings damit absolut Recht (und arbeiten wahrscheinlich in DCs Chefredaktion). Wirklich: Wenn ich ein neues Imprint starte, für das eindeutig eine bestimmte Identität festgelegt ist (Kriminalgeschichten), sollte dann ausgerechnet der erste Titel, der verlegt wird, kein Krimi sondern eine Horrorgeschichte sein? Funktioniert so Branding? Sorgt man so für Leserbindung? Dafür, dass interessierte Krimifans für weitere Titel aus der Reihe zurückkommen? Bloß weil man John Constantine als Detektiv des Okkulten bezeichnet, wird das hier noch kein Krimi.

 Was dann schon zur nächsten Nachfrage führt: Warum startet man dieses Imprint mit einer John-Constantine-Geschichte? Der Film liegt zu weit zurück und das „A John Constantine Novel“ auf dem Cover ist zu klein, um darauf zu hoffen, dass man hier nochmal die Synergiewelle reiten könnte. Warum also den Start eines neuen Imprints nicht für eine Geschichte nutzen, die ganz für sich alleine steht, die keine Verbindungen zu einer inzwischen dreißig Jahre alten Comicserie aufweist? Klar, man kann Dark Entries lesen und auch (weitgehend) verstehen, ohne zu wissen, was in der regulären Hellblazer-Serie vor sich geht, aber es dürfte das Leseerlebnis kaum angenehmer gestalten.

Ich als jahrelanger Hellblazer-Leser (oder: Hellbleser, wie wir in der Wortspielhölle zu sagen pflegen) verstehe John Constantines Verbindung zur Unterwelt und warum er so gelassen auf all diesen übernatürlichen Klimbim reagiert, dem unbeleckten Leser dieser Geschichte dürfte das anders ergehen. Ohnehin, wenn ich John Constantine in dieser Geschichte sehe, dann sehe ich eine Figur mit reicher Geschichte vor mir, dann habe ich seine verkorkste Familiengeschichte im Kopf, all die Figuren mit denen er mal interagiert hat, et cetera pp. Jemand der ohne Hellblazer-Vorwissen an diese Geschichte herantritt, der sieht einen selbstgefälligen Kettenraucher im Trenchcoat ohne weitere charakterliche Tiefe. Ein Archetyp, wie es ihn in der Populärkultur im Dutzend billiger gibt. Und das, was man dann doch an Vorgeschichte mit in den Titel nahm, wird fast nicht erklärt und verwirrt letztlich nur. All das sind Probleme, die sich stellen, wenn man ein neues Imprint mit einer etablierten Figur startet.

Negativ fällt auch auf, dass der Rest der hier von Ian Rankin eingeführten Figuren ebenfalls nur rudimentärst charakterisiert wird. Eigentlich sind das nichtmal wirklich Figuren, es sind klischeebeladene Avatare für irgendwelche Subkulturen oder gesellschaftliche Probleme, die Rankin mit aller Gewalt in die Story reinhämmern will (japanische Gothic-Lolita, Internetnerd, Missbrauchsopfer, etc.). Keine dieser Figuren schafft es irgendwo, die Ecken und Kanten zu erhalten, die sie glaubhaft machen würde und die eine emotionale Verbindung mit dem Leser erzeugen. Gerade diese emotionale Verbindung ist in einer Horrorgeschichte aber von elementarer Bedeutung.

In der Gesamtheit ist Dark Entries letztlich nicht viel mehr als eine leicht unterdurchschnittliche Hellblazer-Story. Ich habe schlimmere Geschichten mit dem blonden Liverpudlian gelesen (den Run ,den Denise Mina [wie Rankin eigentlich Krimiautorin] mit der Figur hatte oder das absolut grässliche Good Intentions von Brian Azzarello), aber im Vergleich zu dem Feuerwerk, das Mike Carey und Andy Diggle in der regulären Serie in den letzten Jahren abgefackelt haben, fällt Dark Entries nur noch weiter ab.

Die Figuren sind, siehe oben, kaum ausgearbeitet, der Plot stolpert über die ersten hundert Seiten vor sich hin und wird dann von Seite zu Seite wirrer, ohne dass je wirklich Spannung aufkommt. Auch die Rahmenidee zieht nicht: John Constantine löst ein Geheimnis im Rahmen einer Reality-TV-Show, sowas wie Big Brother mit Geistern. Da hätte man eine böse Mediensatire draus machen können (siehe als Beleg dafür, wie gut das mit Zombies in Charlie Brookers vierteiliger TV-Serie Dead Set funktioniert hat), besonders wenn man Constantines verbitterten Welthass stärker ausgespielt hätte. Aber das Vehikel der Reality Show schafft es zu keinem Zeitpunkt mehr zu sein als der McGuffin, den man brauchte, um die Geschichte ins Rollen zu bringen. Man merkt beim Lesen geradezu, wie das wahrscheinlich in der Ideenphase die Initialzündung war (“Was, wenn John Constantine in einer Reality Show auftritt?“), von der man sich dann in der weiteren Ausarbeitung nicht mehr trennen wollte, obwohl sie inzwischen zu unnützem Ballast verkommen ist. Der Twist in der Mitte des Buchs ist gut und überraschend, führt aber effektiv nirgendwo hin und lässt die ersten 100 Seiten noch sinnloser erscheinen, sobald man im Licht der neuen Informationen über sie nachdenkt.

Die kantigen Zeichnungen von Werther Dell'Edera sind adäquat, seine Darstellungen der Hölle und der Dämonen sogar sehr gefällig, aber das alleine reicht nicht aus, um den Titel aus der Mittelmäßigkeit herauszuholen. Weder wirklich spannend noch wirklich gruselig, weder Charakterstudie,noch Mediensatire, versucht Dark Entries von allem ein bisschen zu sein und ist am Ende weniger als die Summe der einzelnen Teile.

Das Vertigo-Crime-Format ist per se eine gute Idee, aber mit dieser Geschichte und dem gequälten Versuch, nicht zu offen zugeben zu wollen, dass es sich hier um Comics handelt, legt DC trotzdem einen klassischen Fehlstart hin.

Dark Entries: A John Constantine Novel
DC/Vertigo Crime, August 2009
Autor: Ian Rankin
Zeichner: Werther Dell'Edera
214 Seiten, s/w, HC; 19,99 US-Dollar
ISBN: 978-1-4012-1184-4

Mäßige Constantine-Geschichte im falschen Format

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Abbildungen: © DC Comics

Batman: Die besten Storys aller Zeiten 1

 Wenn sich klassische Superhelden-Stories auf dem deutschen Markt überhaupt noch als rentabel erweisen sollen, dann hat man mit Material aus dem Umfeld von Batman die vielleicht besten Karten. Deswegen legt Panini jetzt auch einen Sammelband mit Batman-Geschichten vor, die auf fast 200 Seiten, ganz unbescheiden, als „Die besten Storys aller Zeiten“ gelten sollen. Nun, das sind sie natürlich nicht, um der Sache gleich mal den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Denn die Idee hinter diesem Band ist nicht die eines „Best-of“ im Sinne von „Wir veröffentlichen zum x-ten mal die klassiker Killing Joke, Year One oder Dark Knight Returns“. Vielmehr bemühte man sich, einen Querschnitt durch die Jahrzehnte der Bat-Historie zu präsentieren. Das ist sicherlich eindrucksvoll gelungen, von der naiv-kindlichen Erzählung über Catwomans Identität aus den 30er Jahren bis hin zur realistischen und emotionalen Beleuchtung von Bruce Waynes Privatleben aus dem Jahre 2002 bietet sich ein breites Spektrum. Und auch von Künstlerseite kann der Band mit etlichen großen Namen aufwarten, darunter z.B. Bob Kane, Jim Aparo, Frank Miller, Alan Davis oder Mark Millar. Haupmotiv für diese Zusammenstellung schien es zu sein, zeitlose Einzelepisoden zu versammeln, die eben bislang nicht die ganz hohe Aufmerksamkeit genießen durften. Spektakuläre Events oder die ganz großen Klassiker darf man beim Kauf sicher nicht erwarten, dafür aber 13 insgesamt überdurchschnittliche Batman-Storys. Ein Muss für alle Fans den Dunklen Ritters also, für alle anderen nur bedingt lohnenswert.

Batman: Die besten Storys aller Zeiten 1
Panini, Oktober 2009
196 Seiten, farbig, SC
Preis: 19,95 Euro

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Interview mit Robert Venditti und Brett Weldele (OmU)

Ende Januar 2010 kommt in Deutschland The Surrogates in die Kinos mit Bruce Willis in der Hauptrolle. Die Vorlage dazu liefert der gleichnamige Comic von Autor Robert Venditti und Zeichner Brett Weldele. In den USA schon seit 2006 als Sammelband erhältlich, erscheinen die Lizenzversionen erst diese Tage. Auf Deutsch verlegt Cross Cult den Comic, der im Oktober veröffentlicht wurde und der erste Band einer geplanten fünfteiligen Serie ist.

Auf der Frankfurter Buchmesse Mitte Oktober unterhielten sich Andreas Völlinger und Frauke Pfeiffer mit den beiden Herren, die sich das erste Mal auf europäischem Boden befanden.

Wir bieten Euch das Interview im Original auf Englisch und übersetzt auf Deutsch an.

[Click here for the ENGLISH VERSION.]

 

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Andreas: Okay, Robert und Brett [Foto: links Brett Weldele, rechts Robert Venditti], beginnen wir mit dem Interview. Ist es merkwürdig, einen Comic zu promoten, der bereits wie alt ist … vier Jahre?

Robert: Ja, die einzelnen Hefte erschienen 2005.

AV: Ihr habt bereits damals Interviews gegeben und The Surrogates beworben. Doch nun seid ihr vier Jahre später wegen der Veröffentlichung der internationalen Ausgaben und des Films wieder mit diesem Comic unterwegs. Ist es komisch oder schwierig, das Ganze noch mal mitzumachen?

RV: Nein. Genau genommen herrschte in den vergangenen Jahren etwas Flaute in Sachen Surrogates, es tat sich in den Jahren dazwischen nicht viel. Und da es der einzige Comic war, den ich geschrieben hatte, habe ich auf Conventions immer nur das gleiche erzählt. Aber dieses Jahr hat mir diesbezüglich wirklich neuen Antrieb gegeben. Nicht nur durch die Verfilmung, auch durch die Lizenzausgaben. Und wir haben außerdem ein Prequel veröffentlicht, „The Surrogates: Flesh and Bones“. Das promoten wir natürlich auch. Es macht schon eine Menge Spaß.

AV: Es macht euch also Spaß, deutsche Buchmessen zu besuchen und Interviews zu geben?

RV: Ich liebe es, über mich zu sprechen. (lacht)

AV: Und wie ist es mit Dir, Brett?

Brett: Na ja, Rob kennt man hauptsächlich von The Surrogates, aber ich habe in den letzten Jahren auch an anderen Comics gearbeitet, daher ist es für mich schon etwas anderes. Und ich promote nicht so gern, wie Rob es tut.

AV: Aber Du genießt den momentanen Rummel?

Brett: Ja, bisher war es großartig. Aber auch irgendwie unwirklich …

AV: Wohin geht es als nächstes, nach eurem Aufenthalt in Deutschland? Besucht ihr noch andere Orte in Europa?

RV: Ja, wir reisen als nächstes weiter nach Frankreich. Dort machen wir eine nette kleine Signiertour und dann geht es für einen Tag nach Brüssel. Und danach nach Italien für das Comicfestival in Lucca. Insgesamt werden es 18 Tage sein. Übrigens, da ihr meine PR-Arbeit für den Comic angesprochen habt … Wusstet ihr, dass ich gleichzeitig auch beim Verlag von The Surrogates [Top Shelf] angestellt bin?

Frauke: Wir haben gelesen, dass Du dort in der Poststelle angefangen hast …

RV: Ja, ich habe früher im Versand gearbeitet, als Nebenjob. Aber ich arbeite immer noch für die Firma. Ich sehen meinen Redakteur täglich und wir reden ständig miteinander, es war also ein ziemlich einfacher Übergang. Oft spreche ich auch beruflich mit jemandem am Telefon und nach einer Weile wird meinem Gesprächspartner klar, dass ich auch der Kerl von The Surrogates bin, und dann sprechen wir darüber.

AV: Ist es nicht schwierig, zwischen den Rollen als Autor und als Verlagsangestellter hin- und herzuwechseln?

RV: Eigentlich ist es sehr vorteilhaft. Denn bei Top Shelf bin ich mittlerweile hauptsächlich für den Direktvertrieb an alle amerikanischen und viele europäische Comicläden verantwortlich. Wir verkaufen nämlich auch Comics an eine Menge Läden in Belgien, Frankreich und Großbritannien … Und ich kümmere mich um die Rechnungen und so was. Ich habe den Comic 2002 geschrieben und er erschien dann 2005 als Heftreihe. Während des dreijährigen Zeitraums dazwischen habe ich täglich mit Comichändlern im ganzen Land gesprochen. Das hat sehr geholfen. Ich habe außerdem überall in Amerika auf Messen gearbeitet – nicht so noblen wie der Frankfurter Buchmesse, sondern Comicmessen. Und die ganze Zeit über habe ich die gesamte Comicpresse gelesen. Als es dann Zeit für meinen Comic wurde, kannte ich all diese Leute bereits.

thesurrogatesAV: Lass uns über Deine Herangehensweise sprechen. Du hast das Skript für The Surrogates geschrieben, ohne einen Künstler für das Projekt zu haben und ohne einen Verlag im Rücken, obwohl Du bei einem gearbeitet hast. Hast Du das Ganze mehr aus Spaß in Angriff genommen oder hast Du von Anfang an gehofft, Du könntest Deine Geschichte irgendwo unterbringen?

RV: Ich wollte definitiv, dass der Comic veröffentlicht wird. Ich habe studiert, um Autor zu werden. Ich habe vorher Kurzgeschichten geschrieben. Aber ich habe keine Comics gelesen, während ich aufwuchs. Ich weiß nicht warum, ich tat es einfach nicht. Im Jahr 2000 habe ich meinen ersten Comic gelesen und beschloss, dass ich von nun an welche schreiben würde.

FP: Welcher Comic war das?

RV: Astro City Vol. 2 Nr. 4. Der erste Teil der „Confessor“-Story. Ein Freund empfahl mir, diese Geschichte zu lesen, weil er wusste, dass ich mich für Religion interessiere – was man auch in The Surrogates sehen kann. Diese Geschichte handelt von einem Priester, der auch ein Vampir ist. Das ist nebenbei bemerkt die größte Enthüllung der gesamten Story. (lacht) Ich hab mir den Comic also Durchgelesen und mochte ihn sehr und war überrascht von der Komplexität der Geschichte und der Figuren. Bei meinen Prosageschichten gab es zwei unterschiedliche Arten von Fiktion. Zum einen literarische Fiktion, die auf den Figuren basiert und Genrefiktion, in welcher der Plot dominiert. Und ich dachte immer, das Comics ausschließlich Genrefiktion seien, aber als ich erkannte, dass es sich hier um eine charakterbasierte Geschichte handelt, beschloss ich, dass ich das auch machen würde. Ich hatte keine Ahnung wie, ich hatte keinen Zeichner, ich arbeitete in der Poststelle. Ich habe einfach das getan, was sich richtig anfühlte.

AV: Wie hast Du die Grundlagen erlernt? Hast Du fertige Comicgeschichten genau analysiert? Einen Comic zu schreiben unterscheidet sich ja doch vom Schreiben für andere Medien, wie beispielsweise Film.

RV: Es gab damals nicht viele Informationsquellen. Aber mittlerweile findest Du im Buchladen ja eine Million Bücher über das Comicschreiben, denn jetzt sind Comics auf einmal wieder cool.


AV: Wie „Writing for Comics with Peter David“ oder das Buch von Denny O’Neil [„The DC Comics Guide to Writing Comics“] …

RV: Oder „The Idiot’s Guide to Writing Comics“. Doch als ich anfing, gab es nicht so viel Material. Ich habe die Will-Eisner-Bücher „Graphic Storytelling“ und „Comics & Sequential Art“ durchgearbeitet und dann das getan, was sich auf dieser Grundlage wie ein natürlicher Arbeitsprozess anfühlte. Als Brett dazustieß – ein Jahr, nachdem ich mit dem Schreiben fertig war -, sagte ich ihm sofort: „Ich bin kein Zeichner, das ist mein erster Versuch in diesem Medium. Wenn Du einen besseren Weg findest, um die Geschichte umzusetzen, dann mach es so. Wenn Du Winkel verändern willst oder ähnliches, kein Problem.“ Ich war in meinem Skript nämlich unheimlich detailliert.

AV: Ja, ich habe die Beispiel-Skriptseiten in der deutschen Ausgabe von The Surrogates gelesen.

RV: Mein Skript war einfach sehr lang. Ich glaube, das liegt an meiner Vorgeschichte als Prosa-Autor. Auch Prosatexte schreibe ich sehr ausführlich und detailliert. Ich wusste damals ja auch noch nicht, wer der Zeichner sein würde und ob er, so wie Brett, einen eher lockeren Stil haben würde, so dass er die ganzen Details gar nicht benötigen würde. Als wir dann zusammen an Flesh and Bone arbeiteten, habe ich das Ganze ziemlich runtergeschraubt. Denn nun weiß ich ja, wie Brett arbeitet.


FP: Ich vermute, dass man in den USA, so wie in Deutschland, nicht wirklich viel Geld mit einem Comic verdienen kann, der bei einem kleineren Verlag veröffentlicht wird. Hast Du die ganze Arbeit also nur aus Freude am Medium auf dich genommen? Einfach nur, damit dieser Comic veröffentlicht wird?

RV: Ich hatte damals ja einen Vollzeitjob. Ich war also nicht auf das Geld angewiesen. Aber ich wollte mich an einer Karriere als Comicautor versuchen und schauen, ob ich davon leben könnte. Da ich wusste, dass man hier, wie in jeder Form des Kunstgewerbes, wahrscheinlich keinen Schnelleinstieg finden würde, habe ich meinen Job vorerst behalten. Ich arbeitete damals Vollzeit bei Borders [US-Buchladenkette], vierzig Stunden die Woche an vier Tagen, an meinen drei freien Tage habe ich Versandkartons bei Top Shelf gepackt und nachts schrieb ich The Surrogates. So entstand der Comic. Ich habe das alles gleichzeitig gemacht. Aber da ich die anderen beiden Jobs hatte, musste ich keine Schreibarbeit machen, nur weil ich auf das Honorar angewiesen war.


thesurrogates1FP: Hast Du es damals noch eher als ein Hobby betrachtet oder wolltest Du von Anfang an ein professioneller Autor werden?

RV: Ich wollte es definitiv professionell machen. Ich habe das sogar mit meiner Frau besprochen und mir ihre Zustimmung eingeholt. Ich wollte daraus eine Karriere machen. Ich weiß nicht, ob ihr euch mit dem Programm von Top Shelf auskennt – die veröffentlichen hauptsächlich schwarz-weiße Kunstcomics. The Surrogates war ihr erster Mainstreamcomic. Ich wusste also von Anfang an, dass wir mit einem Fuß im Grab und mit dem anderen in der Bananenschale standen. Es war ein Mainstreamcomic von einem Indieverlag. Wir hatten also weder die Reputation noch die entsprechende Leserschaft.

FP: Hattest Du nie die Absicht, ihn woanders zu veröffentlichen?

RV: Nein. Chris [Staros, Top-Shelf-Herausgeber] sagte mir ganz ehrlich: „Wenn Du den Comic woanders rausbringen willst, werde ich Dir andere Verleger vorstellen und sie werden Dir mehr Geld bezahlen. Aber dann wird der Comic nicht mehr Dir gehören oder zumindest nicht mehr so sehr Dir gehören oder Du wirst nicht so sehr kontrollieren können, was mit ihm geschieht, wie es bei Top Shelf der Fall wäre.“ Da ich die anderen Jobs und daDurch mein Einkommen hatte, brauchte ich das Geld halt nicht.

FP: Also liegen alle Rechte bei Dir?

RV: Ja. Ich habe nur die Veröffentlichungsrechte an Top Shelf abgetreten – für 300 Dollar. Das muss in etwa das sein, was damals für Superman bezahlt wurde.

FP: Du bekamst 300 Dollar und dann einen Anteil am Verkaufserlös?

RV: Richtig. Da ich mich für Top Shelf entschieden habe, besitze ich alle Rechte. Was auch immer mit dem Comic geschieht, ich bekomme meinen Anteil. Als der Film gemacht wurde, bekam ich das Geld; als die Lizenz für die deutsche Veröffentlichung vergeben wurde, bekam ich das Geld. Und ich verdiene Tantiemen an den verkauften Comics. Ich mag es persönlich auch nicht besonders, einen großen Honorarvorschuss zu bekommen. Ich möchte keinen großen Vorschuss bekommen und diesen dann abarbeiten. Das fühlt sich an, als ob man sich aus einem Loch freischaufeln muss. Ich bekomme lieber erstmal kein Geld in dem Gewissen, dass ich es zukünftig verdienen werde.

thesurrogates2AV: Brett, als Dir Robert und seine Arbeit vorgestellt wurden, was überzeugte dich damals, den Comic zu zeichnen? Dachtest Du, dass die Geschichte Potenzial hat oder dass sie gut zu Deinem Zeichenstil passen würde?

BW: Ich wurde von Chris Staros kontaktiert und ich kenne ihn seit dem Studium.

AV: Also hast Du einfach seinem Urteilsvermögen vertraut?

BW: Ja. Ich hatte seit drei oder vier Jahren ein sehr gutes Arbeitsverhältnis zu Chris, und als er mir eines Tages eine E-Mail schickte und fragte, ob ich The Surrogates zeichnen würde, sagte ich gleich zu.

AV: Lasst uns mal über die Verfilmung reden. Ich kenne den Film noch nicht, habe aber gelesen, dass sich die Handlung vom Comic unterscheidet. Was hältst Du davon, Rob? Ihr wart ja beratend tätig, oder?

RV: Nicht so wirklich, ich möchte da nichts aufbauschen. Wir waren zwar involviert, aber das ging nur soweit, dass wir während der Produktion wussten, was gerade passiert. Wir haben mit dem Produzenten geredet, die Dreharbeiten besucht und sowas, aber wir hatten keinerlei Einfluss.


FP: Ihr habt also die Rechte an der Verfilmung komplett verkauft?

RV: Genau. Ich wollte damit nichts zu tun haben. Ich hab mir gedacht, wenn Leute ihre Zeit und Energie in meine Geschichte investieren wollen, dann sollen sie ihren Spaß haben und ihre Kreativität ausleben. Ich habe ja bereits die Geschichte genau so erzählt, wie ich sie erzählen wollte – im Comic. Wenn ich ein Drehbuch geschrieben hätte, das eingekauft und dann 47-mal umgeschrieben worden wäre – wenn es die ursrpüngliche Geschichte also nicht mehr geben würde -, dann wäre das natürlich was anderes. Aber so, wie es jetzt ist, ist mir die Filmumsetzung herzlich egal, sie ändert nichts.

AV: Nachdem Du den Film das erste Mal gesehen hast, hattest Du denn das Gefühl, dass er Deiner Geschichte gerecht wurde? Oder ist das einfach ein Film, der ein paar Ideen des Comics beinhaltet?

RV: Nein, auch der Film ist The Surrogates. Die Grundidee und ein Großteil der Figuren sind ja vorhanden. Harveys Ehe kommt im Film sehr gut rüber, was mir wichtig ist. Obwohl diese Szene im Comic nur so zehn Seiten lang ist, war es immer meine Lieblingsstelle. Das macht einfach das Menschliche in der ganzen Geschichte aus. Und diese Stimmung wurde perfekt übertragen.


AV: Auch wenn Bruce Willis Harvey nicht gerade ähnelt, so ist er doch die perfekte Besetzung, oder?

RV: Ja, das hab ich mir auch von Anfang an gedacht. Als ich 2002 an der Story saß, haben meine Frau und ich immer rumphilosophiert, wer bei einer Verfilmung geeignet wäre. Wir waren uns einig: Bruce Willis. Er ist wirklich perfekt für die Rolle.

AV: Hast Du ihn persönlich kennen gelernt?

RV: Ja, und Brett auch.


FP: Mit James Camerons Avatar kommt ja bald ein Film mit einer ähnlichen Thematik in die Kinos …

RV: Von dem habe ich noch nichts mitbekommen. Aber es gibt sowieso eine Menge an Filmen, die Ähnliches erzählen. Ich glaube, bestimmte Ideen haben einfach ihre Zeit. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann erzählt Gamer eine ähnliche Geschichte. Nicht wie Surrogates, aber es geht wohl auch um ferngesteuerte Körper. Dann gibt es noch einen Film namens Sleep Dealer. Das ist ein Independentfilm aus den USA und er …

BW: Der ist doch aus Mexiko.

RV: Aber er wurde neu gedreht, oder? Wurde nicht der Namen geändert? (Rob und Brett diskutieren) Egal. Es ist ein mexikanischer Film, der auch in den USA gezeigt wurde. Es geht um mexikanische Immigranten, die … Also, man muss wissen, dass in den Staaten viele Mexikaner in der Landwirtschaft arbeiten. Es gibt da aktuell eine große Debatte über Immigration, das ist ein heißes Thema in der Politik. Also, in dem Film ist es so, dass die Mexikaner in Mexiko bleiben und Roboter steuern, die die landwirtschaftlichen Tätigkeiten in den Staaten verrichten. Hier geht es also auch um ein verwandtes Thema. Selbst die aktuellen Internetphänomene wie Second Life streifen es. Und in der Technik auch: In Schweden wird daran gearbeitet, dass Ärzte über einen ferngesteuerten Roboter Operationen in anderen Städten durchführen können … Wenn schon Tesla und Marconi unabhängig voneinander das Radio erfinden konnten, dann kann ja eigentlich fast alles gleichzeitig passieren.

AV: Du hast schon „Flesh and Bones“ in den Raum geworfen, den zweiten Band von The Surrogates, der aber vor dem ersten Band spielt.

RV: Ja, stimmt. Er ist 15 Jahre davor angelegt. Den hab ich (schaut Brett fragend an) 2008 geschrieben. Und er kam jetzt im Juli raus.


AV: Gibt es noch mehr Geschichten, die Du in dieser Welt spielen lassen willst?

RV: Ja, es soll noch drei weitere Bände geben. Ich hoffe, ich kann mit dem Nächsten im Dezember anfangen.

AV: Brett, wirst Du wieder mit von der Partie sein?

BW: Ja.

AV: Worum wird’s gehen?

RV: Das will ich noch nicht verraten. Brett ist der Einzige, der das Ende kennt. Wenn ich also irgendwelche Gerüchte darüber höre, dann weiß ich, wer geplaudert hat. (grinst Brett an)

AV: Wird das denn wieder eine Vorgeschichte sein?

RV: Nein nein. Es ist so: Erst der erste Band, dann das Prequel. Ich würde gerne zwei weitere Bände zwischen dieser Vorgeschichte und dem ersten Band machen. Und dann noch eine Story, die chronologisch nach dem ersten Band anzusiedeln ist.

FP: Das hört sich nach Star Wars an …

RV: Stimmt, ist etwas verwirrend. (lacht)

FP: Wie ist denn die Lesereihenfolge, wenn erstmal alle Bände veröffentlicht sind?

RV: Die bleibt so, wie die Bände erscheinen. Man muss wirklich zuerst den ersten Comic lesen, bevor man das Prequel liest. Dort reden Harvey und Marga über ihre Ehe und man sieht, welchen Einfluss die Surrogaten haben. In der Vorgeschichte zeigen wir dann, wie Marga ihren ersten Surrogaten mit nach Hause bringt. Für Harvey ist das sehr spannend – seine Frau sieht ja plötzlich komplett anders aus. Es ist fast so, als ob er mit einer anderen Frau zusammen wäre, obwohl es immer noch Marga ist. Das gibt einem ein merkwürdiges Gefühl, weil man ja schon weiß, was ihnen die Zukunft bringt. Deshalb ist die Reihenfolge wichtig.


AV: Brett, Du hast unter anderem auch Southland Tales gezeichnet. Autor ist Richard Kelly, den man hierzulande em ehesten als Autor und Regisseur von Donnie Darko kennen dürfte. Wie war denn die Zusammenarbeit mit jemandem, der vom Film kommt? Ich habe gelesen, dass er es ziemlich anstrengend fand, ein Comicskript zu schreiben.

BW: Er kommt zwar aus der Filmecke, wollte aber unbedingt Comics machen. Im Grunde hatte ich eine enorme Freiheit beim Arbeiten. Er drückte mir eher ein Film- denn ein Comicskript in die Hand. Als ich zum Projekt dazustieß, hatten die Dreharbeiten noch gar nicht begonnen; die Schauspieler wurden noch gecastet. Deswegen entstand der erste Band fast ohne den Film. Wir arbeiteten uns Schrit für Schritt heran; ich bekam Standaufnahmen vom Set und den Szenen zu sehen, so dass ich dies in den Comic einarbeiten konnte. Diese Vorgeschichte ist also sozusagen der Weg zum Film. Das war ein sehr interessantes Konzept. Es gibt nicht viele Geschichten, die im Grunde zwei Medien brauchen, um sie im Ganzen zu erfassen. Man kann sich zwar den Film anschauen, um den Großteil mitzubekommen. Aber erst durch den Comic erfährt man viele Hintergründe und bekommt die Charakterentwicklung der Figuren mit. Das ergänzt sich also.
Es war fantastisch, mit Richard zu arbeiten. Er ist ein toller Kerl mit klasse Ideen und immer offen für meine Vorstellungen der Umsetzung.

AV: Da Southland Tales ebenfalls eine dystopische Gesellschaft zeigt – magst Du so etwas, bist Du ein Genre-Fan?

BW: Jepp, total.

AV: Du arbeitest also bevorzugt in diesen Bereichen?

BW: Ja, absolut. Ob es nun Noir- oder Samurai-Geschichten sind … Es gibt immer eine Sicht, die ich auf bestimmte Genres habe und die ich dann anwende.

surrogates1_cc_limitiertFP: Rob, unterscheidet sich die Cross-Cult-Version von The Surrogates von der US-Version und wie findest Du sie? [Abbildung rechts: limitierte Variantcover-Ausgabe von Cross Cult]

RV: Die ist spitze! Ist natürlich der gleiche Comicinhalt, aber es ist zusätzlich ein Interview mit uns enthalten. Das Format ist identisch oder zumindest sehr ähnlich. Und Hardcover sind eh toll.
Es ist eine unglaubliche Erfahrung, dass mehrere Verlage meinen Comic in einer anderen Sprache veröffentlicht haben. Ich bin da sehr dankbar für. Ihn in einer anderen Sprache zu sehen – das gibt Dir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein …

AV: Dann könnt Ihr ja den Comic auf Deutsch laut lesen – und müsstet dabei wahrscheinlich laut lachen …

BW: (lacht) Das würden wir noch nicht mal versuchen.

RV: Neben der englischen Ausgabe gibt es sechs weitere: französisch, spanisch, deutsch, portugiesisch, italienisch und belgisch [vermutlich flämisch].

AV: Habt Ihr denn alle zu Hause stehen?

RV: Nein, aus dem einfachen Grund, dass die meisten erst in den nächsten Wochen erscheinen. Die deutsche Version habe ich heute zum ersten Mal gesehen.

FP: Ich hab mir mal das erste kostenlose Kapitel von The Surrogates aufs iPhone heruntergeladen. Das bringt mich zu der Frage, was Ihr von digitalen Comics haltet. Ist das okay für Euch, Euren Comic auf so einem kleinen Bildschirm zu sehen oder würdet Ihr es lieber sehen, wenn die Leute ihn auf Papier lesen?

RV: Wir haben mit vielen Firmen über die Umsetzung fürs iPhone gesprochen. Letztendlich hat uns iVerse überzeugt, weil sie sich an das Statische des Comics gehalten haben. Es ist kein Motion Comic, zum Beispiel kommen die Sprechblasen nicht aus den Mündern oder so etwas. Es gibt keine Wartezeiten, weil irgendwelche Gimmicks geladen werden müssen. Unsere Version ist sehr schnell. Man bestimmt selber das Lesetempo und es sieht immer noch wie ein Comic aus. Wenn man Bewegung in etwas reinbringt, ist es halt ein Film, nicht mehr ein Comic.
Was ich sehr interessant finde: Man nimmt sich dabei ja einer Geschichte an, die für Seiten konzipiert wurde. Die schneidert man neu zurecht und hat dann einen anderen Blickwinkel drauf. Wenn man einen Comic schreibt, dann bezieht dieser seinen Reiz unter anderem aus dem Spiel mit dem Umblättern von Seiten und dem Überraschungsmoment. Davon geht dann halt ein Großteil verloren in der Version für die kleineren Bildschirme. Was doch wirklich interessant wäre, wenn Comics für das iPhone geschrieben werden würden und dann vielleicht später in den Druck gehen. Wenn es also den iPhone-Comic zuerst gibt, wie würde der aussehen? Und wie würde man mit Mitteln umgehen, die der Printcomic in Form von Seitenumbrüchen hat? Ich bin technisch nicht versiert genug, um darauf Antworten zu haben, aber ich finde das Thema sehr interessiert. Es ist klasse, dass es Surrogates als digitale Version gibt.

FP: Also seid Ihr nicht unglücklich damit …

RV: Nein, nein. Das wäre ja nie umgesetzt worden, wenn wir die Verträge nicht unterschrieben hätten.

surrogates_iphone_comicgateAV: Brett, hattest Du das Gefühl, dass Dir Dein Seitenlayout zerpflückt wird? Das ist ja doch eine ganz andere Art des sequentiellen Lesens …

BW: Einen gewissen Unterschied gibt es schon. Meine Seiten sind aber relativ einfach auseinanderzunehmen. Das Layout ist bewusst zurückgenommen, beinahe retro angehaucht. Zum Beispiel benutze ich fast ausschließlich viereckige Panels. Mir geht’s eher darum, was in den Paneln passiert. Bei diesen ganzen unterschiedlichen Formen und den verrückten Designideen, die man heutzutage in vielen Comics sieht, wüsste ich gar nicht, wie das zusammenpassen würde.
Das iPhone ist sicherlich ein interessantes Medium, und auf die ihm ganz eigenen Storytelling-Ideen können wir uns sicher freuen. Und dann kommen gerade ja auch die ganzen E-Book-Reader raus, die vom Kindle inspiriert wurden. Mit Sicherheit wird es Veröffentlichungen geben, die speziell für diese Geräte entworfen wurden. Eine spannende Sache.

FP: Na ja, viele Leute sagen ja, dass sie die Haptik von Papier für Ihren Lesegenuss brauchen, was ich nachvollziehen kann.

RV: Ja, mir geht es so. Andererseits frage ich mich … Na ja, unsere Kinder wachsen in dieser Welt auf. Für sie ist das eine ganz andere Welt als für uns. Diese Thematik ist sicherlich auch eine Generationenfrage.


FP: Kannst Du Dir vorstellen, auch mal Webcomics zu machen, die später als Sammelbände gedruckt und verkauft werden?

RV: Persönlich werde ich den Printcomics treu bleiben. Vielleicht bleibe ich irgendwann einsam zurück, während all die Neulinge erfolgreich an ihrem Internetkram arbeiten, wer weiß …
Die Zuda-Seite [von DC Comics] ist ganz okay. Leider erzählen die wenigsten Beiträge Geschichten. Meistens sind es nur Cartoons oder Comicstrips.


AV: Was sind denn Eure Pläne für die Zukunft? Ich nehme an, dass jeder von Euch aktuell eigene Veröffentlichungen hat?

RV: Gerade am Mittwoch kam ein One Shot für Iron Man von mir raus. Den habe ich noch gar nicht gesehen, weil ich unterwegs bin. Aktuell arbeite ich an einer Adaption von Percy Jackson & The Olympians. Der wird verfilmt, und ich schreibe vom Buch eine Umsetzung als Comic. Und dann soll es ja bald mit dem neuen Surrogates-Band losgehen.

BW: Zusammen mit dem Autoren der Image-Serie Olympus [Nathan Edmondson] arbeite ich an einer Horror-Miniserie. Das geht so in Richtung John Carpenter, also ziemlich geradeheraus.

AV: Wann geht’s los?

BW: Weiß ich noch nicht.

AV: Percy Jackson gehört doch Disney, oder?

RV: Teils. Der Film nicht. Aber die Bücher; die sind von Hyperion, und das gehört zu Disney. Sie kannten aber The Surrogates gar nicht. Als ich mich mit dem zuständigen Redakteur getroffen habe, wusste er gar nichts darüber. Das war im Februar, es waren also noch nicht mal Trailer draußen. Ich habe den Job also nicht dank The Surrogates bekommen.

FP: Wenn Ihr die Wahl hättet, dann würdet Ihr aber doch nur noch Eure eigenen Comics machen, oder?

RV: Nicht wirklich. Wenn man für die Verlage arbeitet, dann erhält man einen netten Scheck, der einem durch die Zeiten hilft, in denen man an seinem eigenen Kram sitzt. Dafür bekommt man ja kaum Vorschuss. Dieses Gleichgewicht gefällt mir.

FP: Wie siehst Du das, Brett?

BW: Ich mache auch beides. Auch viel im Lizenzgeschäft.

brett_and_rob_comicgate2FP: Und das macht Dir nichts aus?

BW: Nein. Es kommt ganz einfach auf den Stoff an und den Lizenzgeber. Bei manchen ist es sehr schwierig, Dinge abgenickt zu bekommen. Aber wenn es ein sehr entspanntes Arbeitsumfeld ist, dann habe ich keine Probleme damit. Ich mag’s sogar.

RV: Ich finde es sogar auf eine gewisse Art befreiend, weil man nicht das Gefühl hat, das eigene Baby in der Hand zu halten. Bei The Surrogates hatte ich ständig das Gefühl „Ich will das jetzt nicht gegen die Wand fahren!“ Wenn man an dem geistigen Kind von jemand anderem arbeitet, dann kann man im schlimmsten Fall nur diesen Job verlieren.

Comicgate: Rob und Brett, vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit für uns genommen habt, obwohl Ihr vor wenigen Stunden erst in Frankfurt gelandet sein. Wir wünschen Euch noch eine schöne Signiertour durch Europa!

 

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Rezension auf Comicgate

Cross Cult (Verleger der deutschen Ausgabe von The Surrogates, mit Leseprobe)

Robert Venditti bei Top Shelf

Video-Trailer zu „The Surrogates: Flesh & Bone“

Brett Weldeles Website

US-Seite des Kinofilms

Fotos © F. Pfeiffer/comicgate.de

Miss Endicott 1: Die Vergessenen

 Sein Lebenslauf klingt wie der Traum eines jeden Popkultur-Nerds: Jean-Christophe Derrien hat sein Studium mit einer Arbeit über Twin Peaks abgeschlossen, war Fanzine-Chefredakteur und Drehbuchautor für Zeichentrickadaptionen von Comic-Klassikern wie Blake und Mortimer oder Spirou und Fantasio. Heute arbeitet er als Filmkritiker und als Szenarist für seine eigenen Comics. Einer davon ist die zweiteilige Albenreihe Miss Endicott, die in Frankreich 2007 erschien und nun beim Piredda Verlag auf Deutsch herauskommt.

Etwas bekannter als Autor Derrien dürfte hier jedoch der Zeichner sein: Von Xavier Fourquemin liegt, ebenfalls bei Piredda, bereits Die Legende vom Changeling vor. Und tatsächlich liegen beide Serien, was Setting und Stimmung betrifft, recht nah beieinander. Ebenso wie Changeling spielt auch Miss Endicott im London des vorletzen Jahrhunderts, und beide Serien reichern ihren realistischen historischen Hintergrund mit mehr oder weniger dezent eingesetzten Fantasy-Elementen an.

Die Hauptfigur, die diesem Comic den Namen gab, ist eine junge Frau, die ein Doppelleben führt: Tagsüber arbeitet sie bei einer reichen Familie als Kindermächen, doch richtig interessant wird es erst nachts – dann ist Patricia Endicott die „Schlichterin“. Als eine Art Ombudsfrau kümmert sie sich um die Probleme der armen Leute, und von denen gibt es nicht wenige in London. Der Comic beginnt mit ihrem ersten Arbeitstag – zuvor war ihre verstorbene Mutter als Schlichterin tätig. Patricia, die zuvor längere Zeit in Indien verbracht hatte, kehrte nach London zurück, um ihre Nachfolge anzutreten.

 Der Leser begleitet die junge Frau dabei, sich in ihrem neuen Leben und mit ihren neuen Aufgaben zurechtzufinden. Dabei bekommt sie es nicht nur mit trinkfesten Zechern und einem sehr aufdringlichen Verehrer zu tun, sondern auch mit einem kleinen Männchen, das unter der Erde lebt. Es gehört zu den „Vergessenen“, einem von der Gesellschaft ausgegrenzten Volk, das in einem unterirdischen Höhlensystem haust. Miss Endicott beschließt, diese entlegene Welt zu erkunden und erfährt, dass die Vergessenen eine große Revolution planen und zu diesem Zweck eine gigantische Dampfmaschine gebaut haben. Bald wird ihr klar, dass sie sich in große Gefahr begeben hat.

Jean-Christophe Derrien erzählt eine recht klassische Abenteuergeschichte, angereichert mit ein bisschen Fantasy und etwas Steampunk. An Reiz gewinnt die Story durch ihre Protagonistin, eine starke und selbstbewusste junge Frau, freundlich, liebenswürdig und gewitzt, aber im Ernstfall auch sehr wehrhaft, denn sie verfügt über ausgefeilte Kampfkünste und wirkt wie eine Mischung aus Mary Poppins und Mina Murray aus Alan Moores League of Extraordinary Gentlemen. Allerdings würde man gerne noch erfahren, wie Miss Endicott zu ihren ungewöhnlichen Fähigkeiten gelangte und was sie bei ihrem Aufenthalt in Indien, der mehrfach angedeutet wird, erlebt hat.

 Es ist letztendlich das Artwork von  Xavier Fourquemin, das Miss Endicott über durchschnittliche Genre-Kost hinaushebt. Sein schwungvoller Strich, seine ausdrucksstarken Figuren mit ihren verschrobenen Gesichtern, seine Stadtansichten voller windschiefer Häuser schaffen, noch unterstützt durch die sehr gelungene Kolorierung, eine märchenhafte Atmosphäre, die einen ganz eigenen Charme verströmt und es schafft, den Leser in ihren Bann zu ziehen. Dass der Band mit 80 Seiten fast doppelt so dick ist wie ein reguläres frankobelgisches Album, tut der Geschichte sehr gut; so haben Derrien und Fourquemin genügend Raum, um ihre Story ohne Hektik aufzubauen, ehe sie mit einem dramatischen Höhepunkt endet. Auf die Auflösung des Cliffhangers braucht man indes nicht mehr lange zu warten, denn schon in wenigen Tagen erscheint der zweite und abschließende Band.

Miss Endicott 1: Die Vergessenen
Piredda Verlag, September 2009
Text: Jean-Christophe Derrien

Zeichnungen: Xavier Fourquemin
Hardcover; 80 Seiten; farbig; 19,50 Euro
ISBN: 978-3-941279-32-2


Atmosphärisches Abenteuer mit einer sympathischen Heldin

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Abbildungen: © Piredda Verlag