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Comicgeschenkideen 2009

 Nicht mehr lange, dann ist schon wieder Weihnachten! Und für comicbegeisterte Menschen bietet es sich natürlich an, den Beschenkten möglichst viele Comics unter den Gabentisch zu legen. Die Comicgate-Redaktion hat wieder Ideen für diesen Zweck gesammelt: Hier sind unsere 21 Geschenktipps, ordentlich nach Zielgruppe sortiert von A wie Ärzte bis W wie Westernfans.

Selbstverständlich sind sind all diese Geschenke auch geeignet für den eigenen Wunschzettel.
(Illustration: Walter Fröhlich)

Die 2005-er Tipps findet Ihr übrigens hier, die Ideen von 2006 hier und die von 2008 hier .

Die Comics werden diesmal empfohlen von Christopher Bünte (cb), Marc-Oliver Frisch, Thomas Kögel (tk), Andreas Völlinger (av), Benjamin Vogt (bv) und Daniel Wüllner (dw).

FÜR ÄRZTE UND FREUNDE KLASSISCHER COMIC-STOFFE:

 Kirihito 1
von Osamu Tezuka
Carlsen
16,90 Euro

Achtung, jetzt kommt ein Klassiker! Wir erinnern uns: Willy Brandts Kniefall in Warschau, Jimi Hendrix stirbt, die US-Armee fällt in Kambodscha ein, der Raumflug von Apollo 13 wird zu einem Desaster. Wir schreiben das Jahr 1970. Zu diesem Zeitpunkt ist er schon eine Legende: Osamu Tezuka, Jahrgang 1928, ein Mann, dessen Name heute in der Comicwelt so groß, so monumental und so verheißungsvoll klingt wie Hergé oder Carl Barks. Der Hamburger Carlsen Verlag hat es auf sich genommen, Tezukas Serie Kirihito auf deutsch zu veröffentlichen. In drei Bänden soll die Serie hierzulande herauskommen. In Japan erschien sie zum ersten Mal ebenfalls 1970. Es geht darin um einen jungen, ehrgeizigen Arzt aus Tokio mit dem Namen Kirihito Osanai. Er versucht mit allen Mitteln, der mysteriösen Monmo-Krankheit auf die Spur zu kommen, die Menschen in hundeähnliche Kreaturen mutieren lässt. Bei seiner Arbeit infiziert er sich selbst, wird gejagt und verfolgt. Kirihito ist in Deutschland sicherlich als verlegerisches Wagnis zu werten, ist der Band doch sehr weit von zwei großen Zielgruppen entfernt, die sich dafür interessieren könnten. Den Manga-Fans ist Kirihito vielleicht zu altbacken, den franko-belgischen Fans vielleicht zu asiatisch. „Macht aber nix“, sollte man sagen, wenn man daran glaubt, dass sich gute Comics letzten Endes immer auf dem Markt durchsetzen werden. Denn Kirihito fühlt sich frisch und lebendig an, ist spannend und herrlich gezeichnet von der ersten bis zur letzten Seite. Ein bisschen wie Tim und Struppi, doch mit Sex, mit expliziter Gewalt und mit Gesellschaftskritik gewürzt – also ein fabelhafter Rundumschlag, handwerklich meisterhaft ausgeführt. Wer neben herkömmlichen Manga und franko-belgischen Alben Lust auf etwas Abwechslung hat, sollte hier weiterlesen. cb


FÜR BOLOGNA-AMERIKANISTEN UND JUNGS BIS ZEHN, DIE MAL WALFÄNGER WERDEN WOLLEN UND MIT KUNST UMGEHEN KÖNNEN:

 Moby Dick. Ein Pop-Up-Buch
von Sam Ita
Knesebeck
24,95 Euro

Sam Itas „Pop-Up-Buch“-Adaption von Moby-Dick drängt sich geradezu auf als Präsent für anspruchsvolle kleine Racker oder gestresste Amerikanistik-Studenten. Ein Klassiker der US-Literatur liefert hier die Vorlage für eine Umsetzung, die Comics mit einer kunstvollen Falt-Technik kombiniert. Während das Original von Herman Melville gut 500 Seiten lang die Geschichte der besessenen Jagd nach dem weißen Wal immer wieder mit ausgedehnten und zuweilen brisanten Exkursen über den Pottwalfang unterbricht – wie man ein Schiff fachmännisch belädt; was die bärtigen Männer auf hoher See so alles mit dem sogenannten „Spermöl“ anstellen; oder warum Leute, die behaupten, Wale seien keine Fische, Flitzpiepen sind, etc. – und dadurch zu einem wahren Ungetüm wird, ähnlich wie dieser Satz hier, dampft Ita den Stoff auf zwölf Seiten ein. Oder sagen wir besser: zwölf Szenarien. Denn wenn sich beim Umblättern der ganze Dreimaster Pequod nebst Vertäuung, ein Fernrohr in Lebensgröße oder der diabolische Kapitän Ahab höchstselbst wie von Geisterhand erheben und dabei oft noch mit Bewegungseffekten aufwarten, dann ist das schon beeindruckend. Natürlich: Ob sich etwa die Wirkung der eindringlichen Predigt-Szene, die in der Flachprosa etwa 15 Seiten einnimmt, in so ein 3D-Dingsbums übertragen lässt, darf bezweifelt werden. Aber das fällt gar nicht weiter ins Gewicht, denn der Band ist so schick, dass man ihn jedesmal in die Hand nehmen möchte, wenn man daran vorbeigeht. Der kunstinteressierte Neffe wird also keinerlei Probleme haben, Sam Itas Moby Dick als eigenständiges Werk zu bestaunen; und Bachelor-Amerikanisten finden darin ohnehin alles, was sie über amerikanische Literatur wissen müssen – schnell mal vor der Klausur konsumierbar in pädagogisch wertvoller Form, zum Auf- und Zuklappen und Daran-Rumspielen. mof


FÜR FILMCONAISSEURE:

 M – Eine Stadt sucht einen Mörder
von Jon J. Muth (nach dem Film von Fritz Lang)
Cross Cult
25,- Euro

Fritz Langs legendärer Film M- Eine Stadt sucht einen Mörder von 1931 wurde unlängst von dem Künstler Jon J. Muth als vierteiliger Comic umgesetzt. Cross Cult präsentiert mit seinem sehr schönen Hardcover-Band erstmals die komplette Geschichte in deutscher Sprache und liefert zudem ausführliche Textanhänge, die die Historie und die Rezeption sowohl der Filmvorlage als auch des Comics rekapitulieren und die Verbindung zwischen beiden gekonnt herzustellen wissen. Muths Adaption ist in nebulösen Grautönen gehalten, die Bilder sind wahre Gemälde. Nicht nur für Kenner des Films ist diese Publikation eine wahre Freude. Und sie passt vom Gefühl perfekt neben Alan Moores From Hell ins Bücherregal. bv


FÜR GESCHICHTSINTERESSIERTE:

 Auf der Suche nach dem Einhorn
von Emilio Ruiz und Ana Miralles
Ehapa Comic Collection
39,95 Euro

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Expedition: Ein Mann begibt sich für das spanische Königreich mit einer treuen Gefolgschaft tief in den afrikanischen Kontinent, der zu diesem Zeitpunkt, im Jahr 1471, noch größtenteils unerforscht ist. Das Ziel ist die Entdeckung eines Einhornes. Der Band ist nicht nur wegen des klugen Storytellings und des historischen Kontext empfehlenswert, sondern er ist auch grafisch mehr als gelungen. Eigentlich die Adaption des gleichnamigen Romans, ist Auf der Suche nach dem Einhorn in Comicform für mich eine der positivsten Überraschungen 2009. bv
[Rezension bei Comicgate]


 Northlanders 1: Sven, Der Verräter
von Brian Wood und Davide Gianfelice
Panini Comics
19,95 Euro

Blutige Schwertkämpfe, nordische Landschaften, einfach ein faszinierendes Wikinger-Epos. Brian Woods Northlanders ist ein unangepasstes, rohes Werk, das Action und Tiefe verbindet. Band 1 handelt vom rachsüchtigen Thronfolger Sven und ist die ideale Gelegenheit, um den ein oder anderen Mitmenschen mit dieser hervorragenden Vertigo-Rehe anzufixen. bv
[Rezension bei Comicgate]


FÜR HORROR-FANS:

 Locke & Key 1: Willkommen in Lovecraft
von Joe Hill und Gabriel Rodriguez
Panini Comics
16,95 Euro

Familie Locke packt ihre Koffer. Vater wurde brutal ermordet, für die Familie soll ein neues Leben beginnen. Natürlich klappt das nicht so ganz. Mit der Vergangenheit im Gepäck siedeln Mutter und die drei Sprösslinge über in ein sehr, sehr altes Haus. Doch irgendetwas stimmt hier nicht … Magische Schlüssel machen das Haus zu etwas Besonderem. Wer sie benutzt und durch bestimmte Türen geht, verwandelt sich. Zum Beispiel in einen Geist. Ein feiner Horror-Comic, der sich angenehm vom Einheitsbrei abhebt und auf viel Blut und schreiende Teenager in Unterwäsche verzichtet. Stattdessen wird der Figurenkosmos ernst genommen und mit viel Fingerspitzengefühl ein Beziehungsgeflecht gewoben. Ein tolles Weihnachtsgeschenk für Horror-Freunde! cb
[Rezension bei Comicgate]


FÜR JÄGER UND SAMMLER:

 Wimbledon Green
von Seth
Edition 52
25,- Euro

Ein eigenwilliger, rundlicher Typ mit Brille und Schnäuzer, das ist Wimbledon Green, der wohl größte Comicsammler der Welt. Der Comic über das Leben und Schaffen dieser fiktiven Figur wurde vom kanadischen Künstler Seth als verschachteltes und vielschichtiges Puzzle konstruiert, welches dem Leser auch unterschiedlichste Blickwinkel auf Sammelleidenschaft an und für sich gewährt. Natürlich geschieht das in einem eher augenzwinkernden, überzeichnenden Maße. Bemerkenswert ist dieses auch von außen sehr nett aussehende Büchlein allemal und darf als ideales Geschenk für einen Menschen gelten, der sich auf Comicbörsen bevorzugt auf die Jagd nach raren und wertvollen Comics für seine Sammlung begibt. bv
[Rezension bei Comicgate]


FÜR JEDEN, DER SCHON EINMAL SCHABEN IN DER KÜCHE HATTE:

Exterminators

von Simon Oliver und div. Zeichnern
Panini Comics
Bisher 2 Bände, 14,95 bzw. 16,95 Euro

Eigentlich sollte Exterminators ein Drehbuch für eine TV-Serie werden. Zum Glück wurde daraus nichts. Denn vielleicht wäre dann nie dieser tolle Comic bei DC/Vertigo erschienen. Hauptfigur Henry ist Kakerlakenjäger, ein talentloser Jedermann in Alltagskluft, der tiefer und tiefer in den Strudel der Ungezieferbekämpfung hineingezogen wird. Nach und nach erklären ihm seine freakigen Kumpels bei Bug-Bee-Gone, wie die Realität hinter der Fassade genannt Wirklichkeit aussieht. Denn irgendwo außerhalb seiner Reichweite spinnen ein ägyptischer Dämonenkult und ein skrupelloser Großkonzern ihre Netze, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Henry ist sich der Reichweite und Bedeutung seiner täglichen Arbeit noch nicht ganz bewusst. Es geht um alles! Wir? Oder die? Mensch gegen Kakerlake! Ordnung versus Chaos! Ein bisschen durchgedreht, solide erzählt und super gezeichnet! Ein Comic-Band für jeden, der schon einmal Schaben in der Küche hatte oder Men in Black zu oberflächlich fand! cb
[Rezension von Band 1 bei Comicgate]


FÜR JEMANDEN, DER ZU JUNG IST, UM SICH AN DIE DDR ZU ERINNERN:

 drüben!
von Simon Schwartz
Avant-Verlag
14,90 Euro
 
Dem kann mit diesen beiden feinen Comicbänden Abhilfe geschaffen werden. In drüben! erzählt Simon Schwartz die Geschichte seiner in der DDR geborenen Eltern und schafft es gerade durch den persönlichen Bezug, gepaart mit einem äußerst ansprechenden Zeichenstil, die nicht einfachen Verhältnisse hinter der Mauer lebendig werden zu lassen. (drüben! eignet sich übrigens auch sehr gut, um ältere Ostverwandte, die beim Weihnachtsessen regelmäßig in DDR-Nostalgiezustände verfallen, wieder auf den Boden der damaligen Tatsachen zurückzubringen.)

 

Da war mal was …
von Flix
Carlsen
14,90 Euro

Flix hingegen bietet mit Da war mal was … häppchenweise Anekdoten rund um die Deutsche Demokratische Republik, die auf Erinnerungen von Freunden und Bekannten basieren. Von witzig über skurril bis bedrückend ist da alles dabei und wird grafisch äußerst abwechslungsreich dargebracht. av
[Rezension bei Comicgate]


FÜR KINDER ZWISCHEN 6 UND 99 JAHREN (DIE ENGLISCH VERSTEHEN):

 The Wonderful Wizard of Oz
von Eric Shanower und Skottie Young
Marvel Comics
29,99 US-Dollar

Eigentlich wäre eine weitere Comicadaption von L. Frank Baums Kinderbuchklassiker Der Zauberer von Oz wirklich nicht mehr nötig gewesen. Das Buch wurde bereits mehrfach in Comicform gebracht und ohnehin ist die Verfilmung von 1939 mit Judy Garland der eigentliche, unantastbare Klassiker. Wenn dann aber ein Zeichner wie Skottie Young am Werk ist, sieht die Sache schon wieder ganz anders aus: Dessen schwungvolles, leicht skizzenhaftes Artwork gibt dem Wizard of Oz einen modernen und gleichzeitig zeitlosen Anstrich und überzeugt mit unglaublich liebevoll gezeichneten Figuren. Bisher leider nur auf Englisch zu haben, und zwar in einer schönen Hardcover-Ausgabe aus dem Hause Marvel. tk


FÜR DIE LIEBEN KLEINEN:

 Gustav und der Professor
von Haimo Kinzler und Leo Leowald
Stromboli
10,- Euro

Nach Gustav und Aldo vom Aldebaran im Frühjahr erscheint rechtzeitig zum Fest bereits das zweite Bilderbuch über den kleinen Gustav. Doch zuerst drohte die Kinderbuchreihe der beiden Comic-Künstler Haimo Kinzler und Leo Leowald gar nicht auf dem Markt zu erscheinen. Kein Verlag traute sich an die etwas eigenwilligen Geschichten des Jungen Gustav und so entschlossen sich die beiden einfach ihren eigenen Verlag, den Stromboli Verlag, zu gründen. Dabei ist das Konzept der beiden bisher erschienen Bücher doch nicht schwer zu verstehen: Die Geschichten, von Kinzler getextet und von Leowald in seiner bekannten Schnabeltiermanier illustriert, besitzen den ruppigen Charme von Maurice Sendaks Wo die wilden Kerle wohnen und die Fabulierlust von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf. Die beiden Künstler versuchen erst gar nicht, Kinder mit Moral oder mit einem Bildungsauftrag einzulullen. Im zweiten Band folgt man auf 72 monochromatischen Seiten (ganz in Grün gehalten) dem kleinen Schüler Gustav, zumindest seinem Gehirn, das einen Tag vor den großen Ferien in einen Gorilla transplantiert wurde. Gut für Gustav, dass er eine Lehrerin wie Frau Meier-Greulich hat, denn die tritt nicht als Spaßbremse auf, sondern fügt sich selbstbewusst in das Abenteuer ein und entwickelt durch ihre bestechende Logik sofort eine Strategie, um Gustavs Körper mit seinem Gehirn zu vereinen. Gustav und der Professor liest sich so erfrischend unverkopft, dass man wieder Kind sein möchte, allein schon um Frau Meier-Greulichs Flugkünste und Karateeinlagen mitzuerleben. dw


FÜR LOKALISTEN:

 Hector Umbra
von Uli Oesterle
Carlsen
24,90 Euro

Deutsche Comic-Künstler wohnen heutzutage entweder in Hamburg oder in der Hauptstadt. So scheint es zumindest, wenn man beispielsweise Arne Bellstorfs neues Comicprojekt Baby’s in Black betrachtet, das St. Pauli zum Schauplatz hat, oder wenn man über Mawils Zeichenaktionen anlässlich des jubilierenden Berliner Fernsehturms informiert wird. Doch auch im Süden der Nation gibt es Comic-Künstler, die eng mit ihrer Stadt, ihrer Wahlheimat und der dazugehörigen Geschichte verbunden sind. Ähnlich wie die Zentrale der Lokalisten hat auch Uli Oesterle in der bayerischen Hauptstadt sein ganz eigenes Paradies gefunden. Für all diejenigen Comicleser, die im Urlaub die Isarauen vermissen und nicht genug bekommen können vom „Holy Home“ und anderen Insidertipps, ist Hector Umbra genau der richtige Comic. Geschickt umspielt Oesterle die Vorurteile über das ach so oberflächliche München und nimmt seine Leser lieber gleich mit in versteckte Gassen, die sich plötzlich zwischen den pastellfarbenen Häusern auftun, und in den Untergrund, in U-Bahnen und in Tunnelgewölbe. Dort spinnen garstige Kopfgeburten und andere Monster ihre Intrigen gegen den Protagonisten. Neben solch wahrhaft Untergründigem beweist Oesterle aber auch, welchen Horror eine simple Dorfidylle ausstrahlen kann. Obwohl der Comic zwar nach ihm benannt ist, hat es der kantige Hector Umbra schon reichlich schwer, sich neben dem heimlichen Helden des Comics, der Stadt München, behaupten zu können. Dieser Comic ist von einem Lokalpatrioten für Gleichgesinnte. dw


FÜR MÄRCHENERZÄHLER:

 Fables
von Bill Willingham und div. Zeichnern
Panini Comics
Bisher 10 Bände, 14,95 bis 19,95 Euro

Wer wissen möchte, was Schneewittchen, Rosenrot und der Böse Wolf heute so treiben, sollte Fables lesen. Die Märchenfiguren haben sich verkrochen und versuchen, möglichst unauffällig ihre Leben zu führen. Mitten in New York haben sie eine kleine Gemeinde gegründet, genannt Fabletown, magisch ein bisschen verhüllt und von den Sterblichen zum Glück noch immer unentdeckt. Sie kamen als Flüchtlinge. Ihre Königreiche mussten sie verlassen aus Furcht vor einem ominösen, übermächtigen Feind, der die Märchenlande mit Krieg, Chaos und Verzweiflung überzieht. Wer Fables verschenkt, sollte sich bewusst sein, dass es hier mit einem Band nicht getan ist. Der erste große Handlungsbogen wird erst in Band 7 abgeschlossen. Aber Ausdauer lohnt sich. Bill Willingham erzählt so effektsicher, frisch und unterhaltsam, dass einem die Figuren fest ans Herz wachsen und man immer wieder gerne nach Fabletown zurückkommt. cb
[Rezension von Band 1 bei Comicgate]


FÜR SCHURKEN-SYMPATHISANTEN:

 Tanatos 1
von Didier Convard und Jean-Yves Delitte
Ehapa Comic Collection
29,95 Euro

Ein in dunkles Leder gewandeter Superschurke zieht im Geheimen die Fäden der französischen Politik im frühen 20. Jahrhunderts und manipuliert damit die Zeitgeschichte. Hört sich ungewöhnlich an, liest sich aber als willkommene Alternative zu sonstigen Superhelden-Stories auf dem Markt. Das liegt vor allem daran, dass der geniale Schurke selbst der eigentliche Held ist und ein strahlender Gegenspieler nicht existiert. Dementsprechend düster ist dieser Comic von Didier Convard und Jean-Yves Delitte, der sich weder vor der Thematisierung realer Geschehnisse noch vor deren teils unrealistischer Abwandlung scheut. Herausgekommen ist ein bemerkenswertes frankobelgisches Album. bv
[Rezension bei Comicgate]

 Wanted
von Mark Millar und J.G. Jones
Panini Comics
16,95 Euro

Endlich darf die Gemeinde der Superschurken auch mal einen nachhaltigen Sieg davontragen. Denn eigentlich weiß doch jeder Leser, dass die Bösen eigentlich viel cooler sind als die capetragenden Saubermänner. So kommt es, dass der junge Wesley eines Tages in ein geheimes Netzwerk von Superschurken eingeführt wird und die Stelle seines Vaters als Mordmaschine The Killer beerben soll. Wanted ist ein brutaler, expliziter Comic, in dem die bösen Buben die Welt kontrollieren und unter sich aufgeteilt haben. Es ist Mark Millars aufsehenerregendstes und vermutlich sein kompromisslosestes Werk, deswegen darf er in keinem Regal eines hartgesottenen Comicfans fehlen. Die Neuausgabe von Panini ist nicht nur von der Außengestaltung etwas schöner als die Infinity-Version, sondern wartet auch mit massig Bonusmaterial auf. Deswegen landet dieser etwas ältere Comic auch verdient in unserer Empfehlungsliste. bv
[Rezension der US-Ausgabe bei Comicgate]


 DC Premium 60: Joker
von Brian Azzarello und Lee Bermejo
Panini Comics
25,- Euro (HC), 16,95 Euro (SC)

Sicherlich ist Joker von Brian Azzarello und Lee Bermejo einer der besten Einzeltitel der letzten Jahre aus dem Hause DC. Darin wird ein Joker gezeigt, der sich äußerlich an das Design aus dem Film The Dark Knight anpasst und ebenso psychopathische Züge an den Tag legt. Azzarello schickt den Erzfeind Batmans auf eine wahre Tour de Force, denn gerade aus Arkham entlassen, muss er sich sein Verbrecherimperium wieder erkämpfen. Es ist ein begeisternder Band, der im kantigen, rauen Stil erscheint und einfach erwachsener wirkt als bisherige Bat-Titel. Das liegt auch daran, dass der Vigilant selbst hier nur eine marginale Rolle spielt. bv
[Rezension bei Comicgate]


FÜRS SCHWARZE SCHAF DER FAMILIE:

 Criminal: The Deluxe Edition
von Ed Brubaker und Sean Phillips
Marvel / Icon
49,99 US-Dollar

Was Heftserien angeht, ist die US-Comic-Branche so sehr auf die Vermarktung von Superhelden getrimmt, dass andere Genres schon aus Prinzip ganz schlechte Karten haben. Daraus erklärt sich auch, warum es in den Staaten beispielsweise so wenig wirklich gute Serien über Wintersportler gibt. Doch des Skifahrers Leid ist des Delinquenten Freud, denn ein Genre, welchem dieser karge Boden eine ausreichende Nische bietet, ist der Krimi. Im Schatten der ungleich dominanteren Superhelden konnte er über die Jahrzehnte seine Wurzeln schlagen und erlebt derzeit ein kleines Comeback. Als besonderes Geschenk für den kleinkriminellen Cousin bietet sich daher etwa der kürzlich erschienene Band Criminal: The Deluxe Edition an. Das stattliche Hartpappen-Buch sammelt auf über 400 Seiten die ersten beiden, mehrfach ausgezeichneten Criminal-Serien von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips. Es geht um Bankräuber, Geldfälscher, Auftragsmörder, korrupte Polizisten und generell einfach Menschen, die ihre letzte große Chance wittern, erpresst und betrogen werden oder auf Vergeltung aus sind. Ihre Geschichten werden von Brubaker und Phillips als gnadenlose menschliche Dramen inszeniert, hartgesottene Thriller über zerbrochene Existenzen, die handwerklich zum Besten gehören, was der US-Markt zu bieten hat. Der Band ist als Zeitvertreib in der U-Haft ebenso tauglich wie als leichte Bettlektüre nach dem Ableisten anstrengender Sozialstunden. Er ist dick genug, um mehrere Abende zu füllen, passt aber hochkant immer noch prima zwischen schwedischen Gardinen hindurch. Dem gelungenen Fest steht also nichts im Wege, auch wenn die Lieben gerne mal ein krummes Ding drehen. (Marvel, $ 49.99) mof


FÜR UNWISSENDE:

 Die großen Künstler des Comics
von Klaus Schikowski
Edel
29,95 Euro

Wenn ich meine Familie an Weihnachten fragen würde, wer denn eigentlich die Schlümpfe erfunden hat, würden sie sicherlich unisono antworten: „Vater Abraham, bitte sehr!“. Wenn ich dann beginne, unter dem Christbaum die Geschichte des franko-belgischen Albums nachzuerzählen, gelingt es irgendeinem Familienmitglied sicher, mich durch ein digitales „Oh du Fröhliche!“ vom CD-Player zu unterbrechen, noch bevor ich dazu gekommen bin zu erläutern, dass Peyo in Wirklichkeit Pierre Culliford heißt und die kleinen blauen Zwerge eigentlich drei Äpfel groß sein sollten. Wer eine ähnliche Familie oder beratungsresistente Bekannte besitzt, sollte für Weihnachten Klaus Schikowskis neues Buch Die großen Künstler des Comics besorgen. Der Band ist als historische Zusammenfassung angelegt und nimmt sich dafür die 32 wichtigsten Comic-Künstler und ihr Schaffen zum Fokus. Dabei betet Schikowski nicht einfach nur eine Liste von Künstlern inklusive ihrer Lebensdaten und Werke herunter, sondern verziert die großzügigen Reproduktionen der Comics mit vielen witzigen Anekdoten und Zusatzinformationen. Schikowski bemüht sich sehr strukturiert die Eigenheiten des jeweiligen Künstlers herauszustellen. Dies lässt sich am besten an seiner Darstellung von Comic-Urgestein Will Eisner aufzeigen: Der Schöpfer von The Spirit hat gleich zwei Kapitel zugeschrieben bekommen. Eine Ehre, die keinem anderen Künstler zuteil wird. Diese Doppelung soll die künstlerische Eigenheit des Zeichners zum Ausdruck bringen: Während Eisner mit The Spirit vor allem die Form der Erzählung im Comic, wie z.B. die Splash Page eingeführt hat, hat er seinen zweiten Eintrag fast ausschließlich der Graphic Novel zu verdanken, die er mit A Contract with God institutionalisiert hat. Damit dieses Buch auch wirklich gut bei den unwissenden Lesern ankommt, hat Schikowski für einen breiten Fundus an Beispielbildern gesorgt, die fast die Hälfte der Seiten einnimmt. Es handelt sich hier nicht um eine staubige Fachlektüre, sondern um einen gut überschaubaren Zugang zur Welt der Comics und seiner Künstler, die mit ihrem Schaffen die Comickunst geprägt und weiterentwickelt haben. dw
[Rezension bei Comicgate]


FÜR NOSTALGISCHE WESTERNFANS:

 Comanche 1: Red Dust
von Greg und Hermann
Splitter
15,80 Euro

Wer in den Siebziger Jahren ZACK-Leser war, erinnert sich sicher an die stilprägende Westernserie des belgischen Duos Greg und Hermann: Comanche hob sich besonders durch ihren Realismus von anderen Comics dieses Genres ab und gehört bis heute neben Lucky Luke und Blueberry zu den Klassikern des Westerncomics. Weil viele Comicfans ihr Hobby am liebsten im Rückspiegel betrachten und sich ihre Lieblingsserien von einst heute in möglichst gediegener Aufmachung auf den Wohnzimmertisch legen wollen, gibt es Projekte wie die „Collector’s Edition“ des Splitter-Verlags. In insgesamt 10 Bänden wird Comanche hier neu aufgelegt,  und zwar in einer definitiv weihnachtsbaumtauglichen Aufmachung: Jedes einzelne Panel wurde aufwändig restauriert, dazu gibt es umfangreiches Bonusmaterial sowie einen Kunstdruck und ein edles Spotlackcover. tk


FÜR AUFGESCHLOSSENE WESTERNFANS:

 Kauboi und Kaktus
von Landrömer
Mondfähre
Bisher 3 Bände, je 5,- Euro

Die skurrilen Episoden um Kauboi, das Skelett mit Cowboyhut, und seinen besten Kumpel Kaktus gibt es mittlerweile schon in drei Bänden, alle von Christian Schmiedbauer alias Landrömer im Selbstverlag veröffentlicht. Diese Comics lesen sich, als hätten Johnny Cash, John Ford und Sergio Leone gemeinsam eine Folge von Spongebob Schwammkopf geschrieben. Schräg und verschroben, aber auch außerordentlich charmant und sehr witzig. Und als Zusatz kann man dann gleich noch eins von Landrömers kleidsamen T-Shirts dazuschenken. Alles erhältlich bei kauboiundkaktus.de/shop/. tk


Prometheus 1: Atlantis

 Den meisten Lesern dürfte Prometheus, der Titan, der den Menschen laut Sage das Feuer brachte und deswegen von Zeus bestraft wurde, ein Begriff sein. Weshalb Christophe Bec seine dreiteilige Serie nach diesem benannt hat, bleibt nach dem ersten Band noch unklar. Lediglich die Legende von Prometheus wird auf wenigen Seiten thematisiert, lässt dabei aber jeden Bezug zur eigentlichen Handlung vermissen.

Die Erzählung basiert auf einer Kette von unerklärlichen Ereignissen, die sich im Jahre 2019 zuträgt: Exakt um 13:13 Uhr bleiben weltweit alle Uhren stehen, was durch einen technischen Fehler der Atomuhren, nach der sich ja viele digitale Uhren automatisch richten, nicht zu erklären ist, denn auch ganz normale Armbanduhren laufen plötzlich nicht mehr. Parallel zu diesem Phänomen globalen Ausmaßes setzt sich ein im Jahr 1900 geborgener Mechanismus in Gang. Eine Verbindung zwischen beidem lässt sich kaum leugnen und löst dementsprechend großes Interesse und Panik aus. Und wäre das nicht schon schlimm genug, verschwinden Flugzeuge und ein Spaceshuttle spurlos, wohingegen lange verschollene Schiffe wieder auftauchen.

 Was dahinter steckt, ist das große Rätsel der dreiteiligen Albenreihe Prometheus. Vom Mystery-Faktor schlägt der Titel von Christophe Bec in die gleiche Kerbe wie die Splitter-Serien Prophet oder Der Schimpansenkomplex. Manche Elemente erinnern sogar frappierend an deren Konzept, etwa die leicht in die Zukunft versetzte Handlung, das Wiederauftauchen einer Raumfähre oder die Verbindung zwischen alten Artefakten und einer technisierten Gesellschaft. Wer die beiden genannten Comics also mag, der könnte auch hieran Gefallen finden. Allerdings sollte man in keinster Weise eine vergleichbare Qualität erwarten.

Prometheus überzeugt nicht gerade durch grandioses Storytelling und ausgefeilte Texte. Mehr als einmal wirken Dialoge eher gestelzt als flüssig und realitätsnah. Und auch das ständige Schwenken zu neuen Schauplätzen oder Personen wirkt übermäßig bemüht und unnötig. Dadurch bleibt der Gesamteindruck des ersten Bandes eher blass und dem Leser werden zu viele Andeutungen und zusammenhanglose Sequenzen zugemutet.

 Besonders negativ gilt es jedoch die zeichnerische Arbeit zu beurteilen. Christophe Bec  versucht die Menschen offensichtlich so realistisch wie möglich darzustellen, scheitert jedoch regelmäßig genau an diesem Vorhaben. Einige Figuren sind, abgesehen davon, dass sie vom Äußeren her leicht zu verwechseln sind, ganz okay, manche sind erschreckend anzusehen. Da erscheint der Astrophysiker als Versuch, einen bärtigen Keanu Reeves hinzubekommen, und die Fernsehmoderatorin ist zu einer ertstarren Gesichtsmotorik verdammt, die jedem Gruselkabinett Konkurrenz macht. Von den vielen kleinen völlig misslungen Details mal abgesehen, die hier auszuführen man sehr lange bräuchte.

Aber wer weiß, vielleicht kann sich die Serie steigern und die genannten Fehler in den weiteren Ausgaben vermeiden. Die Auflösung des Rätsels bietet zumindest ein Argument zum Dranbleiben.

Prometheus 1: Atlantis
Splitter-Verlag, November 2009
Text und Zeichnungen: Christophe Bec
56 Seiten, farbig, Hardcover; 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-083-5

Mystery-Story mit zahlreichen Schwächen 

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Abbildungen: © Splitter-Verlag

Elender Krieg: 1914 – 1915 – 1916

 Jacques Tardi ist vor allem für seine Kriminalgeschichten bekannt. Daneben hat er sich aber auch immer wieder historischen Themen gewidmet. Zuletzt hat er in seiner vierbändigen Arbeit über den Aufstand der Pariser Kommunarden von 1871 (Die Macht des Volkes) die Genres Detektivgeschichte und Historie in kunstvoller Art und Weise verbunden. Außerdem hat Tardi in seinen Arbeiten Soldat Verlot (zusammen mit Didier Daeninckx) und Grabenkrieg bereits Antikriegscomics vorgelegt, in denen er die Erlebnisse seines Großvaters in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs verarbeitete. Auch die auf zwei Alben angelegte Zusammenarbeit mit dem Historiker Jean-Pierre Verney stellt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg dar: Elender Krieg 1 befasst sich mit den Kriegsjahren 1914 – 1915 – 1916 und der zweite Band, der 2010 erscheinen soll, wird die Jahre 1917 – 1918 – 1919 abdecken.

Elender Krieg 1 ist in drei Abschnitte unterteilt, die den bereits angegeben drei Kriegsjahren Rechnung tragen. Anders als seine vorangegangenen Antikriegscomics ist dieser von Tardi überraschenderweise farbig gestaltet worden. Überraschend deshalb, weil der Comickünstler in der Regel schwarzweiß bevorzugt oder nur akzentuiert Farbe einsetzt. In seinem gewohnt skizzenhaften, reduktionistischem Strich präsentiert Tardi in einer einfachen, fast primitiv anmutenden Kolorierung die Erlebnisse eines einfachen französischen Soldaten. Die Bilder wirken starr, was eine gewisse Distanz zum Geschehen aufbaut. Die eingangs nationalistischen, euphorischen Jubelszenen und Aufmärsche erinnern stark an die entsprechenden Kriegsbilderbögen aus dieser Epoche, die vor allem aus der berühmten Lithografischen Anstalt in Neuruppin stammen. Die Kriegsbilder ähneln wiederum den Fotografien, die aus dem Ersten Weltkrieg erhalten sind.

 Erzählt wird die Geschichte vom Protagonisten selbst aus der Egoperspektive. In Textkästen beschreibt er den Verlauf der Kriegsjahre und seine persönlichen Erlebnisse. Tardi verzichtet vollkommen auf den Einsatz von Sprechblasen, was einen Vergleich mit den Vorgängerbildgeschichten des 19. Jahrhunderts aufwirft, die noch keine Sprechblasen verwendeten. Auch dieses Stilmittel schafft eine distanzierte Haltung gegenüber dem Dargestellten. Das kommt dem Antikriegsbuch insofern zugute als, dass das abgebildete Grauen dadurch leichter ertragen werden kann. Das Fehlen von Sprech- und Gedankenblasen verhindert eine zu starke Identifizierung mit dem Protagonisten. Dieser zunächst unbekannte Soldat entpuppt sich nach mehreren Panels als „Schlosser aus der Biscourne, aus der Rue des Panoyaux, Paris“. Dessen fehlendes Selbstbewusstsein und mangelndes Selbstvertrauen sorgen in narrativer Hinsicht für erheiternde und ironische Momente, die in einer Umgangssprache den ungeschminkten Schrecken des Krieges verdaulicher gestalten. Er skizziert schonungslos die Psyche der Soldaten, die anfangs zwischen Angst und Zuversicht taumelt, und mit dem Fortschreiten des Krieges in einer Verrohung und Entmenschlichung mündet.

Auffallend ist, dass Tardi fast ausnahmslos pro Seite drei gleichgroße, rechteckige Panels verwendet. Auch dieses Stilmittel führt zu einer starren Ästhetik, die zu einer nüchternen Betrachtung des Kriegsgeschehens führt. Nur vereinzelt bricht Tardi diese Panelanordnung zugunsten von nebeneinander stehenden, hohen Panels auf und ganz selten fügt er kleine, runde Splashpanels in die breiten Einzelbilder ein, so dass genügend Abwechslung vorhanden ist, damit nicht doch noch Langeweile entsteht. Zudem fällt auf, dass Tardi gerne Kontraste aufbaut. Auf zwei Seiten stellt er beispielsweise die Sichtweise der französischen Armee der Perspektive der deutschen Armee entgegen, die sich bis auf wenige Unterschiede fast symmetrisch gleichen. Diese Ähnlichkeit unterstreicht das Schicksal der Soldaten unabhängig von der nationalen Zugehörigkeit und zeigt darüberhinaus die Absurdität beziehungsweise den Wahnsinn von Kriegen generell.

 Abgerundet wird die schonungslose, aber durchaus in den Zwischentönen des Protagonisten auch erheiternde Darstellung der ersten drei Jahre des Ersten Weltkriegs durch einen 18-seitigen historischen Anhang von Jean-Pierre Verney. Der Historiker arbeitete bereits für das Verteidigungsministerium und an mehreren Ausstellungen zum Thema „Weltkrieg“. Der Verlag Edition Moderne wirbt damit, dass sich durch den Anhang Elender Krieg für einen Schuleinsatz eigne. Tatsächlich wird durch den Zusatz der historischen Fakten eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema des Comics ermöglicht. Außerdem bewirken die Fotografien im Anhang, dass die Zeichnungen von Tardi im Nachhinein – in Bezug auf ihre Authentizität – aufgewertet werden. Schließlich beinhaltet der Anhang auch noch eine West-Front-Karte, die den Frontverlauf während der Kriegsjahre veranschaulicht, und ein spezieller Ausschnitt zeigt den Verlauf der berühmten Schlacht um Verdun.

Der erste Band von Elender Krieg ist eine gelungene Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Tardi passt das Medium Comic kunstvoll an die zeithistorischen Vorläufer an, was aufgrund des Inhalts Sinn ergibt. Atmosphärisch ist eine Verwandtschaft zu Erich Maria Remarques klassischem Antikriegsroman Im Westen nichts Neues (1928/29) und zur gleichnamigen Verfilmung von Lewis Milestone (1930) unverkennbar. Die direkten Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs werden gekonnt durch spitzzüngige, kritische und geistreiche Einwürfe des Ich-Erzählers aufgelockert. Tardi schafft somit den schwierigen akrobatischen Seiltanz zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung. Die abstrakte und komplexe Geschichte des Ersten Weltkriegs wird durch die Erlebnisse des „Schlossers“ konkretisiert. Die unvorstellbar hohe Todeszahl – 17 Millionen – wird durch einzelne Kriegssituationen sowie den Fortschritt des Krieges erfahrbar und nachvollziehbar.

Elender Krieg
Edition Moderne, Oktober 2009
Text: Jacques Tardi, Jean-Pierre Verney
Zeichnungen: Jaques Tardi
Hardcover, 72 Seiten, farbig, 19,80 Euro
ISBN: 978-3-03731-049-6

Aufklärerischer Historiencomic, der unterhaltsam zum Nachdenken anregt

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Abbildungen: © Edition Moderne

Robert Crumbs Genesis

 Wenn Robert Crumb, Comiclegende und Urvater der Underground-Comix, nach jahrelanger Funkstille wieder ein neues Werk vorlegt, ist das schon etwas Besonderes. So besonders, dass das Album praktisch gleichzeitig auf Englisch, Französisch und Deutsch erscheint. Das könnte freilich auch damit zu tun haben, dass man hier keine eigene Übersetzung anfertigen musste. Der Text liegt schließlich längst vor: Es handelt sich um das Buch Genesis, die ersten 50 Kapitel des Alten Testaments.

„Nach bestem Wissen und Gewissen wortgetreu und ungekürzt“ habe er den Originaltext der Bibel wiedergegeben, betont Crumb im Vorwort. Als Textbasis diente ihm die englischsprachige King-James-Bibel, die deutsche Version verwendet die Lutherbibel (in der Fassung von 1912). Es gibt hier also, im Gegensatz zu allen anderen Übertragungen biblischer Texte in Comicform, weder Auslassungen noch Änderungen. Crumb illustriert den ganzen Text – das gilt auch für ermüdende Strecken, wenn beispielsweise lange Familienstammbäume durchdekliniert werden (“Seth war 105 Jahre alt und zeugte Enos … Enos war 90 Jahre alt und zeugte Kenan …“ usw.).

 Dass sich Crumb ausgerechnet diesem Thema zuwendet, ist durchaus überraschend. Eine Ikone der Gegenkultur, die seit den späten 60ern in ihren Comics immer wieder Drogen und sexuelle Ausschweifungen thematisiert hat, macht einen Bibelcomic? Und es ist nicht etwa eine Parodie oder eine religionskritische Satire? Nein, dies ist eine ernsthafte Adaption, doch Crumb will damit ausdrücklich nicht missionieren. Er stellt schon in der Einführung klar, dass es sich für ihn hier nicht um das „Wort Gottes“ handelt, sondern um von Menschen erdichtete Geschichten. Sehr, sehr alte Geschichten, die die Kulturgeschichte der Menschheit entscheidend geprägt haben, schließlich kennt bis heute jedes Kind die Namen Adam und Eva, hat vom Turmbau zu Babel oder von der Arche Noah gehört.

Crumb, so scheint es, hat mit diesem Projekt (an dem er immerhin vier Jahre lang arbeitete), auf seine ganz persönliche Weise Bibelforschung betrieben. Er recherchierte akribisch, seine Zeichnungen sollten historisch akkurat sein und die alttestamentarische Welt möglichst so darstellen, wie sie vermutlich ausgesehen hat. Er las aber auch wissenschaftliche Interpretationen der Genesis, die wiederum Einfluss auf seine Zeichnungen hatten. Im sehr interessanten Anhang des Buches erläutert Crumb einige Stellen genauer. Besonderen Wert legt er auf die Feststellung, dass die biblischen Texte oft auf noch viel älteren Geschichten beruhen, die aus der Zeit der Sumerer stammen und später aus Machtmotiven angepasst und verändert wurden. Demnach finden sich in vielen Kapiteln Spuren einer matriarchalischen Gesellschaft, die später durch eine männlich dominierte Herrschaft abgelöst wurde. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Blickwinkel durch Crumbs visuelle Adaption der Bibel. Die Frauenfiguren (die er so üppig und drall darstellt, wie man es von ihm gewohnt ist) spielen bei ihm eine besondere, sehr aktive Rolle. Crumbs Sicht auf die Genesis ist eine feministische.

 Doch wie lässt sich diese Variante des Buchs Genesis nun eigentlich lesen? Ziemlich mühsam, muss man sagen. Der deutsche Text kommt an vielen Stellen sehr antiquiert daher, was zwar eine sehr interessante Reibung mit der Wucht von Crumbs Bildern ergibt, aber nicht gerade für eine flüssige Lektüre sorgt. Es kostet einige Mühe, sich durch den Text zu ackern, der eben nicht nur bekannte, spannende Legenden wie die von Noahs Arche oder Josefs Karriere in Ägypten erzählt, sondern bisweilen auch sehr ereignislos von Erbfolgen und Gebietsansprüchen berichtet wie eine Chronik vom Katasteramt. Man muss wohl selbst ein kleines Stück Interesse an Bibelforschung mitbringen, wie es Crumb selbst hatte, um diese Genesis genießen zu können.

Dann wird man belohnt mit Crumbs enorm kraftvollen Schwarz-Weiß-Bildern, mit seinen feingliedrigen Schraffuren, die den Zeichnungen bis ins kleinste Detail Tiefe verleihen. Selbst wenn im Text mal wieder dutzende und aberdutzende Familienmitglieder vorgestellt werden, schafft es Crumb, jedem von ihnen einen individuellen Gesichtsausdruck zu geben. In der Darstellung der Ereignisse bleibt er überwiegend nüchtern. Klar, wenn von Sex oder Gewalt die Rede ist, wird das durchaus unverblümt gezeigt, aber nicht selbstzweckhaft in den Vordergrund gespielt. Crumb setzt seine kleinen persönlichen Kommentare lieber ganz subtil in feinen Details: Wenn Gott zu Noah und seinen Söhnen predigt: „Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden“, blicken diese furchtsam und finster drein. Als ihnen Gott jedoch im nächsten Satz aufträgt: „Seid fruchtbar und mehret euch“, zaubert Crumb ihnen ein verschmitztes Lächeln und glänzende Augen ins Gesicht.

Robert Crumbs Genesis
Carlsen, Oktober 2009
Zeichnungen: Robert Crumb, nach dem Buch Genesis
Hardcover; 224 Seiten; schwarz-weiß; 29,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78637-1

Sperriges Egoprojekt eines faszinierenden Künstlers

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Abbildungen: © Carlsen Verlag

Interview mit Scott Tipton und David Messina (OmU)

Der amerikanische Autor Scott Tipton ist sowohl für zahlreiche Star Trek-, Angel– und Spike-Comics bekannt, als auch für seine Webseite comics101.com, auf der er Kolumnen zur Geschichte der US-Comics veröffentlicht. Sein häufiger Kreativpartner, der italienische Zeichner David Messina, gehört mittlerweile zu den beliebtesten Star Trek-Künstlern. Zusammen arbeiteten sie an Comics wie Star Trek: Spiegelbilder und Star Trek – The Next Generation: Tor zur Apokalypse, die in Deutschland bei Cross Cult erscheinen. David Messina ist außerdem der Zeichner von Countdown, der offiziellen Vorgeschichte des neuen Star Trek-Films.
Andreas Völlinger interviewte die beiden Comickünstler im November bei den Düsseldorfer Fantasydays, während in der Halle direkt unter dem Presseraum eine wilde Cosplay-Show über die Bühne tobte.

Wir bieten Euch das Interview im Original auf Englisch und übersetzt auf Deutsch an.

[Click here for the ENGLISH VERSION.]

David Messina und Scott TiptonComicgate: Ich sitze hier zusammen mit Scott Tipton [Foto: rechts] und David Messina [Foto: links]. Scott, du lebst in den USA, aber wo genau?

Scott Tipton: Ich bin aus Los Angeles.

CG: Und David, wo in Italien wohnst du?

David Messina: In Rom.

CG: Wie war die Convention bisher für euch?

ST: Ziemlich interessant. Sie ist anders als alle Conventions in den USA, die ich bisher besucht habe.

CG: Inwiefern?

ST: Ich weiß natürlich nicht, ob alle deutschen Conventions so sind, denn das hier ist die erste, die ich je besucht habe. Jedenfalls ist diese hier unheimlich stark auf Fantasy und Cosplay ausgerichtet. Es gibt diese riesige Bühne und die ganzen Musik- und Show-Einlagen. Für mich ist das ziemlich einzigartig.

CG: Bei uns gibt es auch traditionellere Comicmessen, bei denen der Fokus stärker auf Comics liegt und die denen in Amerika wohl ähnlicher sind.

ST: Also wie San Diego [Comic Con] oder Wonder Con?

David Messina und Sara Pichelli beim Signieren in DüsseldorfCG: Genau. Und David, wie sieht es mit den italienischen Comicmessen aus?

DM: Die italienischen Conventions sind eher kleiner, mit Ausnahme des Lucca Comics Festival, das wirklich eine große Sache ist. Und bei uns gibt es nicht ganz so viele Cosplayer. Ich war übrigens schon bei ein paar Conventions in Deutschland zu Gast, aber das waren meist Star Trek-Conventions wie die FedCon in Bonn. Und da geht es doch etwas anders zu, mit den ganzen Schauspielern als Ehrengästen. Hier herrscht eher eine Art Party-Atmosphäre.

ST: Zwei Dinge sind mir an dieser deutschen Convention bisher besonders aufgefallen: Zum einen extrem attraktive weibliche Trekkies. Zum anderen, dass Bier an den Signiertischen serviert wird. Davon kann man sich für amerikanische Conventions mal eine Scheibe abschneiden. (lacht)

CG: Ihr beiden seid hauptsächlich hier wegen eurer Star Trek-Comics für IDW, die in Deutschland von Cross Cult veröffentlicht werden. Seid ihre beide Star Trek-Fans?

ST: Ja, schon immer.

CG: Du bist also ein echter Trekkie?

ST: Oh ja, durch und durch.

DM: Ich bin kein derart großer Fan. Ich habe die TV-Serie als kleiner Junge immer mit meiner Schwester geguckt, also die erste mit Spock und Kirk. Obwohl ich die Weiterentwicklung von Star Trek interessant finde und mir für meine Arbeit mit Scott einige Episoden der Nachfolgeserien angesehen habe, mag ich die alte Crew immer noch am meisten. Ich schaue mir die klassischen Folgen immer wieder an. Und ich bin auch ein Fan von J.J. Abrams‘ neuer Version von Star Trek. Ich liebe einfach die alte Mannschaft mit Uhura und Kirk.

CG: Dann muss es dir ja eine Menge Spaß gemacht haben, an Spiegelbilder zu arbeiten, denn dafür konntest du all die alten Figuren zeichnen.

DM: Ja, darin kommen all die klassischen Figuren vor, die ich wirklich gerne mag. Ich habe aber auch etwas für Sisko [aus Deep Space Nine] und Picard [aus The Next Generation] übrig. Scott glaubt, das liegt daran, dass wir die gleiche Frisur haben. (lacht)

Star Trek: Countdown CG: Die Arbeit an Star Trek: Countdown, der Vorgeschichte zum neuen Film, muss ziemlich nervenaufreibend gewesen sein mit all dem Rummel, der um den Film gemacht wurde.

ST: Für mich war das kein Problem, denn ich durfte diesen Comic gar nicht schreiben. (lacht)

DM: Das Skript wurde von Tim Jones and Mike Johnson geschrieben.

CG: Stammten die beiden aus dem Produktionsteam des Films?

DM: Ja, sie arbeiten für Robert Orci und Alex Kurtzman, die das Drehbuch für den neuen Star Trek-Film schrieben. Das Skript für Countdown basierte auf einer Plotvorlage von Orci und Kurtzman. Die Arbeit an dem Comic war wirklich nervenaufreibend, denn als ich damit anfing war alles, was den Film betraf, furchtbar geheim. Ich habe den Film erst drei Monate nachdem ich die letzte Ausgabe von Countdown gezeichnet hatte, gesehen. Es war kein Problem, die Guten in Countdown zu zeichnen, denn es handelte sich ja um Figuren aus The Next Generation und Spock, aber der Schurke, Nero, war ja eine neue Figur aus dem Film. Ich hatte also keine Ahnung, wie sein Darsteller [Eric Bana] auf der Leinwand rüberkommt und wie sein Raumschiff, die Narada, gezeigt wird. Ich hatte natürlich ein paar Bildvorlagen für die Narada und die Film-Schauplätze, aber ich habe das Schiff nie auf der Leinwand in Bewegung gesehen. Als ich den Film dann zum ersten Mal sah, war ich überrascht, wie lebendig die Narada dort wirkte.

CG: Aber du bist dennoch zufrieden mit dem fertigen Comic, oder? Die Fan-Reaktionen, die ich im Internet gelesen habe, klangen jedenfalls recht positiv.

ST: Die Reaktionen auf den Comic waren großartig. Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich Davids Arbeit mal nur als Leser genießen konnte. Ich fand den Comic auch sehr gelungen und denke, dass die Autoren sehr gute Arbeit geleistet haben. Die Verkaufszahlen in den USA waren ziemlich gut und die Reaktionen der Leser fast durchweg positiv.

Star Trek – The Next Generation: Tor Zur Apokalypse CG: Ihr beiden habt zusammen an Star Trek: Spiegelbilder gearbeitet und ein weiteres Gemeinschaftsprojekt von euch wird ebenfalls demnächst in Deutschland erscheinen: Tor zur Apokalypse [erscheint im Dezember 2009].

ST: Tor zur Apokalypse ist eine Miniserie mit der Next Generation-Crew. Wir haben außerdem zusammen an einer Klingonen-Miniserie namens Blood Will Tell gearbeitet, die auch bald in Deutschland erscheinen soll. Und wir haben Spock: Reflections gemacht, eine Art Vor-Vorgeschichte zum neuen Star Trek-Film. Dort erfahren wir, was Spock zwischen den letzten Filmen mit der alten Crew und Countdown getrieben hat.

CG: Wieviel kreativen Spielraum hast du, wenn du Geschichten für Star Trek schreibst?

ST: Eine Menge. Insgesamt läßt man mir viel Freiheit beim Arbeiten. Ich muss zuerst natürlich einen Pitch einreichen, in dem ich beschreibe, was ich in der Geschichte vorhabe. Aber sobald dieser abgesegnet wurde, vertraut man mir so ziemlich.

CG: Ich dachte immer, dass es strenge Regeln gibt, wenn man für ein Franchise wie Star Trek schreibt.

ST: Die Regeln sind durchaus streng, aber nicht für Leute, die das schon so lange machen, wie wir [Scotts Bruder David wirkt an den Star Trek-Comics als Co-Autor mit]. Wir haben bereits Geschichten mit jedem Team erzählt und immer alles bis ins kleinste Detail recherchiert … An dem Zeitpunkt, an dem ich einen Pitch bei CBS einreiche, sind eigentlich alle Fragen und Probleme bereits beseitigt.

CG: David, ist es schwierig für dich als Künstler, hauptsächlich Figuren zu zeichnen, die auf realen Menschen, auf Schauspielern, basieren?

DM: Manchmal ist es wirklich anstrengend. Ein paar Schauspieler, wie zum Beispiel Leonard Nimoy als Spock, haben ein ziemlich einzigartiges und charakteristisches Aussehen, andere, wie William Shatner als Kirk oder David Boreanaz aus Angel, eher nicht. Die sind ziemlich schwierig zu zeichnen. Es fällt mir leichter, mit so ikonischen Figuren wie Spock oder Spike [James Marsters] aus Angel zu arbeiten. Spock zu zeichnen ist wirklich eine Freude, denn sein Gesicht ist eine echte Ikone – eine Science-Fiction-Ikone. Ich zeichne es wirklich gerne und es ist fast schon entspannend.

Seite aus Star Trek: Spiegelbilder CG: Legen die Fans der Serien großen Wert auf das akkurate Aussehen der Figuren in den Comics? Man sagt ja, dass vor allem Star Trek-Fans ziemlich kritisch sein können.

ST: Die Sache mit Trekkies ist die: Wenn du etwas falsch machst, dann lassen sie es dich umgehend wissen. Aber im Großen und Ganzen waren die Reaktionen der Star Trek-Fans zu allem, was wir bisher gemacht haben, ziemlich positiv. Und so etwas zu hören ist natürlich großartig. Diese Leute sind es letztendlich, die unsere Mieten bezahlen, und ich möchte nicht schlecht von ihnen sprechen. Sie sind meist ziemlich wohlwollend. Aber sobald du dich mit einer Farbe vertust oder einen Fehler bei einer Uniform einbaust, bekommst du eine Email. (lacht) Aber das ist völlig in Ordnung, denn so bleiben wir aufmerksam. Wir wollen ja keine miese Arbeit abliefern.

CG: Ihr beiden habt zusammen auch an Angel-Comics gearbeitet …

ST: Ja, wir haben zusammen eine Angel-Miniserie gemacht: „Auld Lang Syne“.

DM: Und eine Adaption von „Smile Time“.

ST: Stimmt, wir haben auch eine Comicadaption der Fernsehepisode „Smile Time“ gemacht.

CG: Da ihr beiden hauptsächlich mit Figuren aus Lizenzserien arbeitet, nehme ich an, dass ihr gerne Geschichten in einem bereits existierenden Serienuniversum erzählt. Aber vermisst ihr nicht manchmal die Freiheit, in euren Comics einfach mal völlig losgelöst das zu erzählen, was ihr wollt?

ST: Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Der amerikanische Comicmarkt wird schließlich so ziemlich von Lizenzserien dominiert. Egal ob nun die Comics bei Marvel und DC oder Star Trek bei IDW. Einen eigenen Comic unterzubringen ist da recht schwierig. David und ich haben sogar zusammen eine Comicfigur entwickelt, deren Geschichten wir bereits seit Jahren veröffentlichen wollen. Aber bisher hat es einfach nicht geklappt. Immer, wenn wir uns damit befassen wollen, türmen sich bei einem von uns gerade die Auftragsarbeiten. Eines Tages werden wir das bestimmt hinbekommen, aber bisher war einfach nicht die rechte Zeit.

CG: Aber ihr habt dennoch Spaß an eurer derzeitigen Arbeit?

ST: Na klar. Jeder Tag, an dem ich Spike schreiben kann oder David Spock zeichnen darf, ist ein guter Tag.

CG: Und nun zur traditionellen Frage … David, wie bist du Comiczeichner geworden?

DM: Mit dem Zeichnen habe ich bereits als Kind angefangen, und später dann studierte ich an der Scuola Internazionale di Comics [Internationale Comicschule] in Rom, wo ich mittlerweile auch als Lehrer unterrichte. Meine Lieblingskünstler waren schon immer Adam Hughes und Mike Mignola. Ich kaufe einfach alles von den beiden. Auch wenn ein Comic nur ein Cover von einem der beiden hat, wird es gekauft. Ebenfalls großen Einfluss auf mich hatten Manga. Ich liebe ihre Dynamik und den cinematografischen Stil. Neben Adam Hughes und Mike Mignola ist wohl Katsuhiro Otomo [Akira] mein größtes Vorbild. Außerdem bin ich auch von klassischer Malerei beeinflusst. Durch meinen Vater, der Maler ist, bin ich in einem Haus voller Kunst aufgewachsen. Maler wie Magritte oder Klimt beeinflussen vor allem die Art, wie ich meine Comics koloriere.

CG: Das ist wirklich interessant …

DM: Ja, und es ist interessanter Weise auch die Ebene, über die mein Vater Zugang zu meiner Arbeit bekommt, wenn ich mit ihm über sie spreche. Denn ansonsten ist alles, was ich als Comiczeichner mache, so ziemlich fern von dem, was er kennt und tut. Das ist auf gewisse Art schon recht witzig.

CG: Und Scott, du hast deine Karriere eigentlich damit begonnen, über Comics zu schreiben, richtig?

ST: Es begann alles damit, dass Chris Ryall, der jetzt Herausgeber bei IDW ist, und ich für Kevin Smith arbeiteten. Wir waren für eine seiner Popkultur-Webseiten, moviepoopshoot.com, verantwortlich. Chris war Chefredakteur und ich war sein Stellvertreter und schrieb für diese Seite unter anderem die wöchentliche Kolumne „Comics101“ über die Geschichte der Comics. Ich habe das drei Jahre lang gemacht und niemals einen Abgabetermin verpasst. Darauf bin ich immer noch stolz.

Angel: Auld Lang Syne CG: Sind die gesammelten Kolumnen noch im Internet zu finden?

ST: Die Seite gibt es nicht mehr. Aber die Kolumnen kann man jetzt auf meiner eigenen Seite, comics101.com, finden. Jedenfalls wurden damals irgendwann die Leute von IDW auf Chris aufmerksam. Die hatten nämlich bemerkt, was für ein fähiger Redakteur er ist, und boten ihm einen Job an. Nachdem er den angenommen hatte, fragte er mich, ob ich Lust hätte Comics zu schreiben. Ich sagte ihm, dass ich bei einem passenden Projekt durchaus Interesse hätte. So durfte ich zuerst mehrere Horrorkurzgeschichten für einen Comic namens Doomed adaptieren. Dann bekam IDW die Lizenz für Angel von Fox. Und ich liebe Angel! Ich sagte ihnen: ‚Leute, gebt mir einfach eine Chance. Lasst mich eine Geschichte pitchen und wenn man sie bei Fox mag und ich sie schreiben kann, wäre das fantastisch.‘ Ich habe eine Geschichte mit Spike gepitcht, die so gut bei Fox ankam, dass man sie ankaufte. Das war dann mein erster Spike-Comic, Spike: Old Wounds. Seitdem habe ich ziemlich regelmäßig Spike– und Angel-Comics geschrieben. Und dann erhielt IDW die Star Trek-Lizenz. Meine Reaktion war: Star Trek! Lizenz!! Oh Mann!!! Aus dem Weg, lasst mich eine Geschichte vorschlagen!‘ Zum Glück waren auch die Leute bei CBS meiner Arbeit gegenüber sehr aufgeschlossen.

CG: Gibt es irgendwelche Figuren, abgesehen von denen, an denen ihr bereits arbeitet, über die ihr gerne mal einen Comic machen würdet?

ST: Blue Beetle und Yellow Jacket. Ernsthaft! Wir würden unser ganz eigenes DC/Marvel-Crossover mit ihnen veranstalten. David würde es zeichnen, ich würde es schreiben, man muss uns nur die Chance dazu geben. (lacht)

CG: Du bist ja auch eine Art von Comichistoriker. Mit deinem ganzen Hintergrundwissen, wie schätzt du die momentane Situation auf dem Comicmarkt ein? In Deutschland kommt gerade, wie in den USA, die Diskussion auf, in welche Richtung sich alles bewegen wird. Welche Rolle werden digitale Comics spielen?

ST: Im Großen und Ganzen geht es den amerikanischen Comicverlagen momentan recht gut. Ich glaube auf jeden Fall, dass es in Zukunft immer mehr digitale Comics geben wird. IDW hat da auch schon ein paar schöne Sachen erarbeitet und Comics für den iPod zur Verfügung gestellt. Aber letztendlich werden auf Papier gedruckte Comics nie verschwinden. Es wird sie immer geben, denn die Menschen wollen einfach dieses haptische Erlebnis haben.

CG: Wird das deiner Meinung nach immer mehr in Form von Graphic Novels und Sammelbänden sein?

ST: Ja, genau. Ich vermute, dass das monatliche Comicheft in Zukunft nur noch in digitaler Form verkauft wird. Und diese Digitalcomics werden dann später als Sammelbände und Hardcover gedruckt. Das wird nicht gleich nächsten Monat oder nächstes Jahr geschehen, aber ich bin überzeugt, dass wir uns in diese Richtung bewegen.

CG: Du siehst also letztendlich positiv in die Comic-Zukunft?

ST: Absolut. Außerdem gibt es momentan einfach noch zu viele Leute, die ihre Comics jeden Monat wollen. Die Verkäufe sind momentan etwas rückläufig, aber das hat mit der generellen Wirtschaftslage zu tun und wird sich auch wieder ändern.

CG: Ein schönes Schlusswort. Danke für das Interview, ihr beiden!

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Comicgate-Rezension zu Star Trek: Spiegelbilder
Comicgate-Rezension zu Star Trek: Countdown
David Messinas Blog
Scott Tiptons Comics 101
Cross Cult
Leseprobe zu Star Trek: Tor zur Apokalypse bei Treknews.de

Fotos: © Andreas Völlinger/comicgate.de

Skydoll Spaceship Collection

 Vor einigen Jahren feierte das italienische Duo Alessandro Barbucci und Barbara Canepa mit seinem Comic Sky Doll große Erfolge. Die Albenserie überzeugte mit einem originellen SF-Setting, das laszive Ausschweifungen und strenge religiöse Kulte miteinander verschränkte, vor allem aber mit einem sehr modernen graphischen Stil, der europäische Elemente sehr elegant mit Manga-Stilmitteln vermischte. Auf eine Fortsetzung der noch nicht abgeschlossenen Reihe wartet man leider schon viel zu lange (Band 3 erschien 2006 bei Carlsen). Immerhin gibt es ein Projekt, das die Wartezeit für Sky Doll-Fans verkürzt: Die Skydoll Spaceship Collection ist eine Sammlung von sechs jeweils achtseitigen Kurzgeschichten, jeweils mit der Sky Doll-Hauptfigur Noa im Mittelpunkt, aber chronologisch außerhalb der Hauptserie angesiedelt. Barbucci und Canepa schrieben die Szenarien und zeichneten eine Story, der Rest kommt von italienischen und französischen Gastzeichnern (alle bisher bei uns eher unbekannt).

Wie so oft bei Kurzgeschichtensammlungen, gibt es Höhen und Tiefen. Nicht jede Story überzeugt, aber dem Album gelingt es, das Sky Doll-Universum weiter zu definieren und ihm neue Facetten zu verleihen. Insofern ist der Comic den Fans der Hauptserie unbedingt zu empfehlen. Wer Sky Doll noch nicht kennt, wird an der Spaceship Collection eher weniger Freude haben. Es sei denn, er konzentriert sich auf das Artwork, denn das ist phänomenal: Die sechs beteiligten Künstler pflegen zwar sehr individuelle Stile, trotzdem folgen alle mehr oder weniger dem Pfad, den Barbucci und Canepa vorgegeben haben. Eleganter, dynamischer Strich, exzellente Kolorierung, unübersehbarer Manga-Einschlag (mal mehr, mal weniger deutlich) und jede Menge Körpereinsatz der gut gebauten, sexy Skydolls. Dazu ist das ganze Album auch noch bis ins kleinste Detail durchdesignt, was ihm einen edlen und sehr zeitgemäßen Look verleiht. Eine erfreuliche, ungewohnte Ausnahme im sonst eher retro-orientierten Splitter-Verlag.

Skydoll Spaceship Collection
Splitter, April 2009
72 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,80 Euro
 

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Prosopopus

 Ich dürfte wohl nicht der einzige gewesen sein, der sich über den seltsamen Titel „Prosopopus“ gewundert hat. Und auch nach dem Lesen des Bandes ist man nicht wirklich schlauer. Sprachlich abgeleitet ist Prosopopus von dem Begriff „Prosopopöie“, was aus dem Griechischen stammt und als rhetorisches Mittel für das Einsetzen einer abwesenden oder leblosen Person oder eines Tieres als Erzähler einer Geschichte gilt.

Vor diesem Hintergrund erschuf Nicolas de Crécy seinen Prosopopus, eine Kunstfigur also, die den Leser durch seinen Comic begleiten soll. Erschwert wird die Lektüre durch das völlige Ausbleiben von Sprache, d.h. dass weder die handelnden Figuren noch der sich mitten im Geschehen befindliche Prosopopus auch nur ein Wort sprechen. Dieser Umstand, gepaart mit dem gehörig surrealen Charakter der Erzählungüberfordert den Betrachter schnell, lässt diesem aber damit auch genügend Interpreatationsspielraum.

 Alles beginnt mit einem Attentat: Ein Mann mit schwarzem Anzug und Krawatte erschießt einen in gelb gekleideten Mann, der einen Koffer trägt. Es ist nur ein kurzer Moment im Leben des Schützen, dessen Motiv man erst später präsentiert bekommt. Und doch beginnt hier bereits sein Albtraum, denn es ist auch die Geburtsstunde des Prosopopus, einer dicken, gelben Cartoonfigur, eines überzeichneten, grotesken Wesens. Es raucht Zigarre, isst Joghurt oder macht Aufnahmen mit seiner Videokamera, sprich es wird zum unliebsamen Mitbewohner des Mannes.

Die eigentliche Frage ist jetzt eigentlich nur noch, was es dort eigentlich will. Ist der Prosopus eine Manifestation des Schuldgefühls der Hauptperson? Oder einfach ein erzählerisches Mittel de Crécys, das den Leser gezielt durch die verwobene Handlung führen soll? Dagegen spricht, dass das Wesen ja durchaus ins Geschehen eingreift, also auch mit anderen Personen interagiert. Ich persönlich denke, dass diese Fragen bewusst unbeantwortet bleiben sollen. Vielmehr steht die Auflösung des komplexen Mordes im Vordergrund. Diese aus all den absurden Prosopopus-Szenen herauszulesen, ist schon schwer genug. Aber es lohnt sich.

 Der wortlose Comic vermittelt bereits viel über die grafische Atmosphäre, weswegen die voller Gewalt und Betrug steckende Geschichte mithilfe rauer Schraffuren dargestellt ist und bevorzugt mit düsteren Elementen arbeitet. Ein umso stärkerer Kontrast lässt sich demnach in der Figur des Prosopopus finden, der ja in vergleichsweise knalligem Gelb daherkommt und auch sonst so gar nicht in die reale Welt zu passen scheint.

Wer auf surreale Stories steht, dem kann man diesem Band wärmstens empfehlen. Allerdings muss man dann auch mit einem Comic rechnen, der ohne Worte auskommt und schnell überfordert.

Prosopopus
Reprodukt, Oktober 2009
Text und Zeichnungen: Nicolas de Crécy
112 Seiten, farbig, Softcover; 18,- Euro
ISBN 978-3-941099-10-4

Surrealistischer Trip

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Abbildungen: © Reprodukt

Die großen Künstler des Comics

Die großen Künstler des ComicsEin Buch über Comics zu verfassen, ist ein genauso großer Drahtseilakt wie die Adaption einer literarischen Vorlage für die große Leinwand. Ständig wird man zwischen künstlerischer Eigenständigkeit und Werktreue balancieren müssen, um sich selbst, dem Publikum und dem Markt gerecht zu werden. Obwohl die perfekte Besänftigung all dieser Gruppen einem Wunschtraum gleichkommt, hat sich Comicredakteur Klaus Schikowski mit Die großen Künstler des Comics (im Edel Verlag erschienen) einer solchen Aufgabe gestellt. Als Gegenstand und auch als Unterstützung für das Projekt hat sich Schikowski 34 große Comic-Künstler von Rudolph Dirks bis hin zu Marjane Satrapi mit aufs Drahtseil geholt.

Um den Wust von hundert Jahren in eine anständige Form zu bringen und um sich selbst das Leben nicht schwieriger zu machen als es ohnehin schon ist, ordnet Schikowski die Geschichte der Comics in sechs Kapitel à fünf Künstler. Um trotzdem rechnerisch auf die angestrebte Anzahl von 34 Künstlern zu kommen, taucht der kürzlich verstorbene Will Eisner, auch bekannt als Vater der Graphic Novel, gleich zweimal auf, dafür ist das franko-belgische Kapitel mit Franquin, Peyo, Morris, Goscinny und Uderzo überproportional bevölkert. Die Einteilung der Kapitel, wie auch der Künstler, macht Sinn, da Schikowski so einen roten Faden erzeugt, auf dem er, wie angestrebt, die jeweiligen Eigenheiten der Künstler und ihre prägende Kraft für zukünftige Comicschaffende verzeichnen kann.

Ein einzelner Beitrag besteht aus vier bis sieben Seiten. Während der simpel strukturierte Aufbau dem Leser den Einstieg in die Welt der großen Künstler erleichtert, hält sich der Autor etwas zu sehr an sein Schema, das von einer Anekdote direkt zur Geburt und der weiterführenden Biografie überleitet. Hiernach folgen die wichtigsten Werke und anschauliche Erläuterungen des jeweiligen prägenden Einflusses. Gelegentlich hätte man sich für einen Künstler wie Hugo Pratt einen kleinen Ausbruch aus diesem Muster gewünscht.

klaustrophobische KolumnenDie Vorzüge von Die großen Künstler des Comics im Vergleich zu konkurrierenden Publikationen wie Andreas Knigges 50 Klassiker: Comics ist sicherlich die großzügige Bebilderung. Denn im Gegensatz zu der Gerstenberg Visuell-Reihe ist die Aufmachung dieses anschaulichen Bandes nicht nur von außen überzeugend. Auch die Reproduktionen der Comics im Buch sind von sehr hoher Qualität. Ganzseitige Illustrationen laden den Leser ein, die Menschen hinter den Bildern zu entdecken und ergänzen den Text durch Darstellung der klar herausgearbeiteten Eigenheiten. Nur an manchen Stellen, wie z.B. im Kapitel über Winsor McCay, drohen die Bilder, vielleicht sogar absichtlich, den Text zu überwuchern, so dass es das Auge des Lesers schwer hat, unter all den sich auftürmenden Bildern ein wenig erläuternden Text zu erhaschen. Vor allem die frühen Bildbeispiele aus der Sammlung von Alexander Braun überzeugen. Die Gegenwart hingegen wird kurzerhand abgehakt dargestellt und so erfährt der Leser nicht, wie Robert Crumbs A Short History of America wirklich beginnt und endet.

Der gut zu lesende Text bietet sich nicht nur an, um Biografien und Werke einzureihen, sondern auch, um nette Anekdoten einfließen zu lassen. So erfahren Unwissende und Interessierte mehr über die Sprache der Schlümpfe, die bereits vor den kleinen blauen Gesellen entstand oder auch über Carl Barks' ersten Kontakt mit seiner eigenen Popularität. Ab der Mitte des Buches muss Schikowski leider immer öfter auf kleine Sprechblasen ausweichen, die den Text mittels Zusatzinformationen ergänzen, um der Verzweigtheit der Comichistorie Herr zu werden. Dabei variiert der Informationsgehalt der Sprechblasen: Von der simplen Ergänzung der Biografie bis hin zur kompletten Abhandlung über die deutsche Comichistorie umfassen die Blasen alles Weiterführende und drohen dabei vor lauter Informationen förmlich zu zerplatzen.

Vom Comic-Roman und der Graphic NovelDie besten Passagen in Die großen Künstler des Comics gelingen Schikowski auf seinem Drahtseil zwischen Anspruch und Unterhaltung, wenn er Autoren bespricht, die sich seinem Erzählmuster anpassen. Im Fall der Peanuts von Charles M. Schulz verbindet der Autor geschickt die Ebene des Textes mit der Bebilderung. Direkt auf die Anmerkung, dass Schulz es den Zeitungen überlässt, seine Vier-Panel-Strips auf die benötigte Größe zu bringen, folgt eine eben so vergrößerte Doppelseite mit dem philosophierenden Charlie Brown.

Trotz einiger kleiner Fehltritte gelingt Schikowski das waghalsige Unterfangen, von Rudolph Dirks zu Marjane Satrapi zu kommen, ohne den Leser dabei zu langweilen. Eine gute Mischung aus schönen Illustrationen der Künstler und einem strikten Aufbau bei der Präsentation der Künstler, der an manchen Stellen ein wenig mehr Freiraum auch gut zu Gesicht gestanden hätte, fordert den Leser auf einzusteigen und fördert seine Comicallgemeinbildung. Auf den Geist der Vollständigkeit, hier verkörpert durch die kleinen Sprechblasen und die noch kleinere Schrift, hätte Schikowski getrost verzichten können, denn am Ende wird dem Leser nicht der Erfinder der Splash Page in Erinnerung bleiben, sondern der Erzähler, der es geschafft hat, sein Publikum am besten zu unterhalten.

Die großen Künstler des Comics
Edel Verlag, November 2009
Autor: Klaus Schikowski
208 Seiten, Hardcover, teilw. farbig illustriert; 29,95 Euro
ISBN 978-3-941-37813-1

Ein lesenswerter Einstieg in die Welt der Comics

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Gorn 9: Elfengesang

 Jeder Tod ist auch ein Anfang. So startet der letzte Zyklus der Fantasy-Reihe Gorn auch ohne den titelgebenden Helden, den größten Ritter des Königreiches, denn dieser ist zuvor gestorben. Doch neue Verwicklungen bringen den Dorfbewohnern um die stattliche Lady Gorge ein neues Abenteuer: Totgeglaubte Feinde, die bösen Rotaugen, attackieren im Wald eine Gruppe Zwerge. Aber nicht nur diese Nachricht verbreitet sich rasend schnell, denn offenbar wurden die Zwerge von Elfen gerettet, Wesen, die es eigentlich schon lange nicht mehr geben sollte. Grund genug für Gorns Tochter Maelle, der Sache auf die Spur zu gehen.

Der neue Zyklus von Tiburce Ogers Serie fängt schon mal recht spannend an. Auffallend ist die farbenprächtige Malerei des Künstlers, die für Fantasyerzählungen prädestiniert zu sein scheint. Und auch die vorhandene Schnittmenge mit typischen Funnyelementen passt hervorragend ins Bild, denn dadurch erhalten die Charaktere eine gewisse Lebendigkeit und wirken trotz solider Handlung niemals zu ernst oder zu knuddelig. Die richtige Mischung macht's und die ist Tiburce Oger sehr gut gelungen. Band 9 erweist sich als relativ einsteigerfreundlich, da man ohne viel Vorwissen auskommt und das Figurenensemble überschaubar bleibt (Zwerge, Elfen, schöne Dorfbewohnerinnen).

Gorn 9: Elfengesang
Finix Comics, November 2009
48 Seiten, farbig
Preis: 11,80 Euro (SC), 17,80 Euro (HC)
 

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Archetyp

 In Prototyp präsentierte Ralf König seine Version der Schöpfungsgeschichte. Nun gibt es die Fortsetzung: Archetyp dreht sich um Noah und sein berühmtes Schiff, das er baut, um der Sintflut zu entgehen. Der Comic erschien zunächst als täglicher Strip in der Frankfurter Allgemeinen, die Buchausgabe im Rowohlt Verlag ist jedoch mehr als ein bloßer Nachdruck des Zeitungscomics. Für das Hardcover entwarf König neue Seitenlayouts, überarbeitete manche Panels und nicht zuletzt ist diese Ausgabe (fast) durchgehend farbig statt schwarz-weiß.

Im gereimten Prolog verknüpft der Autor die Geschehnisse in Prototyp (die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies und die Strafe für die Schlange) mit der neuen Geschichte und führt den Leser schließlich zu Noah. Dieser ist im Buch Genesis ein gerechter, strenggläubiger Mann, ganz im Gegensatz zu den sündigen Bewohnern von Sodom und Gomorrah. Der strenge Gott des Alten Testaments will seine Schöpfung kurz nach dem Start schon wieder ausradieren, verschont wird nur Noahs Familie und die Tierwelt, denn Noah darf von jeder Art ein Pärchen mitnehmen.

 Der Kniff an Archetyp ist nun, was Ralf König aus der berühmten Vorlage macht. Er dreht die Vorzeichen um: Gott hat eigentlich gar kein Problem mit Sodom und Gomorrah, hier ist ist vielmehr Noah der rachsüchtige Moralapostel, der das Treiben in diesen Städten gerne bestraft sehen möchte (und, wie alle Moralapostel, gleichzeitig den verschämten Blick nicht abwenden kann von all der Unzucht). Noah ist davon überzeugt, dass die Welt moralisch verkommen ist, dass früher alles besser war, die Jugend von heute nichts taugt und die Frauenzimmer ihr Haar nicht ordentlich verhüllen. Da Noah aber selbst keine Sintflut auslösen kann, ruft er den Herrn an und präsentiert ihm die Idee einer großen Katastrophe, die alles vernichtet – nur ihn und seine Familie solle Gott bitte verschonen.

Gott ist alles andere als begeistert von diesem Vorschlag, geht aber darauf ein – nicht ohne Noah eine dicke Lektion für dessen moralische Anmaßungen und seine geistige Borniertheit zu erteilen. Noah (von König dargestellt als miesepetriger alter Zausel mit Zottelbart) staunt nicht schlecht, als er seine Arche nun auch noch mit allerhand Tieren vollpacken soll. Der Verlauf der Sintflut wird für Noah schließlich zum Lehrstück in Sachen Toleranz.

Auch wenn die Moral am Ende etwas dick aufgetragen wird: Was Ralf König mit Archetyp gelungen ist, ist ganz große Comickunst. Dieser Comic ist weder eine plumpe Parodie noch eine provokante Verhöhnung der Bibel – nein, der Atheist König nimmt den biblischen Text  durchaus ernst und betrachtet ihn mit den Augen eines aufgeklärten, modernen Menschen des 21. Jahrhunderts. Sein Noah ist deutlich als Karikatur des konservativen, intoleranten Spießers zu erkennen, wie es ihn – quer durch alle Religionen – immer gab und bis heute gibt. Dabei schafft Archetyp den Spagat, ernsthafte Denkanstöße zu geben, gleichzeitig aber auch umwerfend komisch zu sein.

Nicht nur, dass Ralf König seit Jahren zu den besten und wichtigsten deutschen Comicerzählern gehört. Er wird auch noch immer besser.

Archetyp
Rowohlt Verlag, September 2009
Text und Zeichnungen: Ralf König

Hardcover; 140 Seiten; farbig; 16,90 Euro
ISBN: 978-3-498-03549-5


Sehr witzige Bibelsatire mit Tiefgang

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Abbildungen: © Ralf König / Rowohlt Verlag