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Jenseits

 Zuerst sieht alles ganz putzig aus: Eine junge Frau empfängt einen jungen Herrn, einen Prinzen, und bei einer Tasse Kakao findet eine zarte Annäherung statt. Die Figuren sehen niedlich aus, als wären sie Märchenbüchern für Kinder entsprungen, sie sind in fröhlichen Farben koloriert. Doch bald löst sich der Raum um sie herum auf, sie müssen fliehen und ein großes Splashpanel zeigt dem Leser, in welcher Behausung die netten Wesen gelebt haben: Sie sind winzig kleine Gestalten, und sie kommen aus dem Körper eines kleinen toten Mädchens gekrochen. Wie Gulliver liegt dieses Mädchen am Boden, im Vergleich zu den kleinen Lebewesen wirkt es wie ein Riese.

Jenseits lässt viele Fragen völlig offen: Wer ist das tote Mädchen? Wie ist es gestorben? Wo kommen die winzigen Menschlein her? Es sind noch viel mehr als die beiden anfangs erwähnten, in dem toten Mädchen haben Dutzende von Winzlingen gelebt. Nun sehen sie sich einer feindlichen Natur gegenüber, in der jedes Insekt, jede Maus und jeder Vogel schon aufgrund seiner Größe eine tödliche Bedrohung ist. Wenn sich der Leser nun auf einen Überlebenskampf „kleine Leute gegen die Wildnis“ einstellt, wird er schon zum zweiten Mal in die Irre geführt.

 Denn das Zeichnerduo Kerascoët (d.i. Marie Pommepuy und Sébastien Cosset) und der Szenarist Fabien Vehlmann (Allein) wollen keine spannende Abenteuergeschichte erzählen, vielmehr geht es um menschliche Abgründe. In häufigen Szenenwechseln zeigen sie, wie sich die unterschiedlichen Angehörigen des kleinen Völkchens verhalten. Aurora, die junge Frau aus der Eröffnungsszene, fühlt sich verantwortlich für die Gemeinschaft, zu der auch viele kleine Kinder gehören. Sie versucht sich als organisatorische Leiterin und kümmert sich darum, dass jeder ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen abbekommt, während das tote Mädchen im Hintergrund langsam verwest.

Doch nicht jeder hat einen Gemeinschaftssinn wie Aurora. Manche ziehen sich lieber zurück und leben getrennt von der Gruppe, andere spinnen fiese Intrigen. Schon bald stellt sich heraus: Nicht die Natur ist der Feind dieser kleinen Menschen, sondern ihre kleinen Mitmenschen. Im Kampf um den eigenen Vorteil gehen die niedlichen Figuren von Kerascoët buchstäblich über Leichen. Das ist stellenweise witzig (wobei einem das Lachen meist im Halse stecken bleibt), oft aber auch erschreckend und verstörend. Im Original heißt das Buch Jolies Ténèbres, was man mit „Süße Finsternis“ übersetzen könnte. Und damit liegt man genau richtig.

 So etwas hat man wirklich äußerst selten: Wirklich düstere Inhalte in putziger Bilderbuch-Optik, ein Kontrast, der beim Lesen eine Gänsehaut erzeugen kann. Wer Filme von David Lynch mag, Sinn für makabren Humor hat oder generell neugierig auf Abseitiges ist, wird in Jenseits einen neuen Lieblingscomic finden. Darüberhinaus lässt die Geschichte eine Menge Spielraum zum Interpretieren, Diskutieren und Wieder-Lesen.

Jenseits
Reprodukt, Oktober 2009
Text: Fabien Vehlmann (mit Marie Pommepuy)
Zeichnungen: Kerascoët
94 Seiten, Softcover, farbig, 18 Euro.
ISBN: 978-3-941099-30-2

Düster und niedlich in einem

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Abbildungen: © Reprodukt

Arsenicum Album

 In dem neuesten Comic von Jan-Michael Richter (kurz Jamiri), Arsenicum Album, behandelt der Zeichner in einseitigen Episoden die Tücken des Alltags, der Technik und des Lebens in der Großstadt.

Die meisten Comic Strips gewinnen ihren Witz normalerweise durch graphische Aussparungen: der Dialog oder die Situation wird zumeist erst in der detaillierteren Zeichnung des letzten Panels aufgelöst und liefert so die Pointe. Dieses Prinzip ist vor allem in klassischen Zeitungsstrips zu finden, wie Garfield, Hägar und den Peanuts.

Jamiri verweigert sich dieser Tradition und behält meistens die Perspektive bei, die im ersten Bild angegangen wurde. Dadurch ist der Witz eher im Text denn im Bild zu finden. Da ähnelt er eher Peter Puck mit den Rudi-Comics, ist aber nicht ganz so textlastig wie Puck. Daran krankt es aber auch ein bisschen. Das Bild wird Nebensache, der Text jedoch gleichzeitig etwas zu sparsam eingesetzt, um manche Witze auszuführen. Einige Gags sind daher einfach ein wenig zu platt geraten, andere unverständlich. Worauf Jamiri zum Beispiel mit dem Spekulatius-Witz hinaus wollte  ist mir vollkommen fremd geblieben: In einem ganzseitigen Sketch sieht man den Zeichner in King-Kong-Pose, einen Spekulatius in der Hand haltend. Der Text verweist auf die Hochschulpresse und Tempoverschärfungen, denen sie begegnen soll. Kommentar im Sketch: „In der Hochschulpresse taucht der erste Spekulatius auf.“ Für mich völlig unverständlich, wo sich da der Witz versteckt hält.

Aber wie Jamiri in seinen Zeichnungen mit den Gesichtsausdrücken der Protagonisten hantiert, ist klasse: Wie er  seine Frau Beate je nach Situation ansieht, ist wirklich gut gemacht. Schade, dass die Hintergründe sehr flächig gehalten sind. Details, die zu einer längeren Betrachtung verführen, fehlen. Stattdessen werden großflächig Farben eingesetzt, welche die Stimmungen verdeutlichen. Ein weiteres Problem der Gags besteht darin, das sich Jamiri sehr am vermeintlichen Zeitgeist orientiert. Das ist zum richtigen Zeitpunkt ganz lustig (für diejenigen, die sich damit auskennen und manche Anspielungen einordnen können), aber in ein paar Jahren werden die Comics nicht mehr lustig sein, weil sie dann nicht mehr verständlich sein werden. So beziehen sich manche Gags auf Softwareausdrücke, die nicht nur relativ schnell veraltet, sondern auch für weniger Computerkundige unverständlich sind.

Manchem Leser könnte es übel aufstoßen, oder besser: nerven, dass die Hauptfigur der Zeichner selbst ist. Der Gefahr der Eitelkeit und Selbstdarstellung wird aber durch Selbstironie begegnet, was es wiederum amüsant macht (wie zum Beispiel im Cartoon „Leserservice“ wo genau diese Selbstdarstellung das Thema ist). Kurz: es gibt ein paar sehr gute Gags (der mit dem Intelligenztest im Internet ist einfach göttlich) und ein paar sehr flache, die mir nicht mal ein Lächeln entlockten. Für Fans sicherlich eine lohnende Anschaffung. Für andere eher nicht.

Arsenicum Album
Edition 52, Wuppertal 2009
Text und Zeichnungen: Jamiri
Hardcover,
48 Seiten, farbig, 13 Euro
ISBN: 978-3935229722

Für Fans interessant

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Dark Avengers 1 – Dark Reign

 Im Marvel-Universum ist gerade alles irgendwie düster geworden, was daran liegt, dass das sogenannte „Dark Reign“ das Cover diverser Titel flankiert. Dark Reign ist aber kein großes Event, wie sie sich bei Marvel die Klinke in die Hand geben (Civil War, Secret Invasion etc.), sondern soll angeblich nur den neuen Status quo beschreiben. Ob man beides so klar voneinander trennen kann, darf dann aber doch bezweifelt werden. Eine im Zuge der jüngsten Ereignisse neu gestarte Reihe ist Dark Avengers, in welcher Norman Osborn, der frühere Green Goblin, seine poltische und militärische Macht in Form einer dunklen Version des Rächerteams auslebt.

Autor Brian Bendis inszeniert das recht clever, indem er Osborn seine neuen Rächer selbst anwerben lässt und zu Beginn erstmal viel Wert auf Dialogszenen gelegt wird, um die Auswahl Osborns nachvollziehen zu können. Heraus kommt eine zwielichtige Truppe, die für die Öffentlichkeit medienwirksam umgestaltet und verpackt wird. Mike Deodato jr. saß für die ersten vier im deutschen Paperback enthaltenen Hefte am Zeichenstift und fährt im gleichen, düsteren Fahrwasser wie Bendis mit dieser kurzweiligen Serie. Wenn sie dieses Level halten kann, dann bin ich auf die weiteren Entwicklungen rund um Dark Reign jedenfallsschon gespannt.

Dark Avengers 1: Dark Reign
Panini, November 2009
116 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 12,95 Euro

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Goldene Böhmische Märchen

 Die Märchen des Dichters und Volkskundlers Karel Jaromír Erben gelten als das tschechische Pendant zum Werk der Gebrüder Grimm. Die tschechische Comickünstlerin Lucie Lomová hat fünf böhmische Märchen von Erben als Comic adaptiert: „Der Lange, der Breite und der Scharfsichtige“, „Verstand und Glück“, „Zwillinge“, „Knüppel rühr dich“ und „Der Nimmersatt“.

Im ersten Märchen muss ein Prinz die Aufgaben eines Zauberers lösen, um eine Prinzessin zu befreien. Dafür erhält er die tatkräftige Unterstützung des „Langen“, des „Breiten“ und des „Scharfsichtigen“. Die übernatürlichen Fähigkeiten erinnern unausweichlich an die amerikanischen Comicsuperhelden: So hat der „Lange“ zum Beispiel ähnliche Fähigkeiten wie der Superheld Dr. Reed Richards alias Mr. Fantastic aus der Serie Die Fantastischen Vier. Oder der „Scharfsichtige“: er muss seine besonderen Gaben seiner Augen ähnlich wie Cyclops von den X-Men durch eine Augenbinde abdecken. Und sein röntgenartiger, alles erfassender Blick erinnert unweigerlich an Superman. So liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Superheldenerfinder bei diesem böhmischen Märchen abgekupfert haben.

Die zweite Geschichte müsste eigentlich „Verstand gegen Glück“ anstatt „Verstand und Glück“ heißen. Denn in diesem Märchen wetteifern die personifizierten Abstraktionen um den besseren Einfluss bei einem Bauer. Der „Verstand“ bringt den Bauer zunächst an den königlichen Hof, jedoch endet dessen Erfolg fast mit dem Tod. Aber das „Glück“ kann schließlich auch noch eingreifen. Im dritten Märchen trennen sich Prinzen-Zwillinge, um ihr Glück auf eigene Faust zu erobern. Einer heiratet eine Prinzessin, wird bei einem nächtlichen Streifzug aber aufgrund seiner Neugierde das Opfer einer Hexe, die ihn zu Stein verzaubert.

„Knüppel rühr dich“ ist die Geschichte eines armen Mannes, der alles verkauft und fortan auf die Barmherzigkeit Gottes vertraut. Nachdem er magische Geschenke eines Schäfers, die ihn aus seiner Misere befreit hätten, leichtfertig verspielt hat, weiß der Schäfer doch noch einen Ausweg, wie der leichtsinnige Arme doch noch zu seinem Glück kommt. In „Nimmersatt“ erlebt ein Paar, das sich ein Kind ersehnt, sein blaues Wunder, nachdem der Mann seiner Frau einen kindsähnlichen Baumstumpf geschenkt hat, der zum Leben erwacht.

Lomová verwendet für ihre Märchenadaptionen einen neutralen Erzähler, der in knappen Erzähltexten und nur selten die Panels als Allwissender kommentiert. Ansonsten erzählen die Protagonisten der Märchen durch ihre Gedanken- und Sprechblasen das Geschehen. Die Kapitel werden durch ganzseitige Panels eingeleitet, ansonsten dominieren aber mittelgroße Panels, die in Form und Größe abwechslungsreich variiert werden. Die Comickünstlerin zeichnet und koloriert ihre Illustrationen im typischen Ligne-Claire-Stil. Die Farben, höchstwahrscheinlich aquarelliert, sind hell und lassen leichte Nuancen erkennen.

Es sind geistreiche und fantasievolle Märchen, die Lomová gekonnt in die Sprache der Comics übertragen hat. Der Ligne-Claire-Stil ist Geschmackssache, passt aber zu den moralisch eindeutigen Aussagen der Märchen. Salleck präsentiert diesen tschechischen Import als Hardcoverausgabe mit einem Anhang über den „größten tschechischen Märchensammler“. Das Bonusmaterial umfasst eine biographische Skizze von Lomová über Erben, Illustrationen zu Erbens Märchen von anderen Künstlern, eine Abbildung eines Manuskripts sowie ein gezeichnetes Porträt des Ethnographen.


Goldene Böhmische Märchen

Práh 200, in Deutschland erhältlich via Salleck Publications
Text und Zeichnungen: Lucie Lamová
Hardcover, 96 Seiten, farbig, 14 Euro

ISBN 978-80-7252-226-2

 

Toller Lesestoff für jung und alt. Der Ligné Claire-Stil ist Geschmackssache

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Hellblazer 7: Die schrecklichen Kinder

 US-Horror-Ikone John Constantine trifft seine drei dämonischen Kinder. Psychoterror und Grausamkeiten toben auf dem Spielfeld, während die väterliche Hauptfigur etwas unbeteiligt auf der Auswechselbank sitzt und zuguckt. Handlungsarme Hauptfiguren waren noch nie ein Hit.

Ohne sich dabei zu weit aus dem Fenster zu lehnen, kann man sagen, dass John Constantine eine Ikone des US-Horror-Comics ist. Von Alan Moore als Nebenfigur in Swamp Thing erdacht, Ende der 1980er Jahre von Jamie Delano ausgeprägt und später von zahlreichen anderen Autoren geschliffen und poliert, hat es der Straßenmagier John Constantine inzwischen sogar auf die Kinoleinwand geschafft. Viele bekannte Namen waren im Laufe der Zeit tätig an dem Ermittler mit Trenchcoat und Zigarette. Da wären beispielsweise Garth Ennis (Preacher), Warren Ellis (Transmetropolitan), Neil Gaiman (Sandman) oder Brian Azzarello (100 Bullets) – um nur einige zu nennen. Man könnte behaupten, dass sich bei Hellblazer ein Haufen Leute getummelt hat, die mittlerweile in der internationalen Comicwelt Rang und Namen haben. Bei Vertigo, dem erfolgreichen Erwachsenen-Imprint von DC Comics, erscheint Hellblazer seit dessen Entstehen im Januar 1988. Hellblazer und DC Vertigo – das ist eine lange und eng verwobene Erfolgsgeschichte.

 In den Vereinigten Staaten ist Peter Milligan (Enigma, Der Extremist) aktuell als Autor bei Hellblazer am Werk. Bis seine Stories nach Deutschland kommen, wird es jedoch noch eine Weile dauern. Der jüngst bei Panini erschienene Band „Die schrecklichen Kinder“ (engl.: „Reasons to be Cheerful) wurde von Mike Carey geschrieben – und das ist jetzt schon ein paar Jahre her. Mike Carey ist ein Brite, der schon an einer ganzen Menge Comics beteiligt war. Superhelden, aber auch Sachen wie Red Sonja, Lucifer und Vampirella finden sich darunter. Hinzu kommen einige Romane, die auf deutsch jedoch noch niemand verlegen wollte. Blickt man auf Careys Bibliographie, fällt Hellblazer darin als ziemlich dicker Brocken auf. Insgesamt sechs Sammelbände der Reihe sind von ihm erschienen. (Innerhalb der Serie kann das nur noch Garth Ennis übertrumpfen.) Sechs Bände bei einer Langzeitserie von DC Vertigo – das kann sich durchaus sehen lassen.

 Im vorangegangenen Band “Stationen des Kreuzwegs“ hat Carey vorbereitet, was er jetzt weiterführt. Das gewohnt riskante Spiel von John Constantine ging ein einziges Mal nicht auf. Er verlor sein Gedächtnis und war der Dämonin Rosacarnis hilflos ausgeliefert. Die schwarzhaarige, nackte, böse Schönheit hat ihn in der Hand und kann nun mit ihm tun und machen, was sie möchte. Ihre Motivation für die ganze Müh’ drückt sie so aus: „Es gibt keinen listigeren Menschen auf Erden als John Constantine. Und wenn die Hölle auf Erden herrschen soll, dann muss er beherrscht werden.“ Hm, na ja, ein bisschen mehr hätte man schon erwarten können. Was Rosacarnis mit ihm vor hat, ist John – und dem Leser – lange Zeit überhaupt nicht klar. Etwas willkürlich reihen sich Episode um Episode aneinander. Das Gefühl entsteht, durch verschiedene Zeiten und Dimensionen zu springen. John spielt seine Rolle, ist aber eigentlich nie so richtig Johnny Badass Constantine. Wie sich herausstellt, hat die Dämonin mit ihm drei Kinder gezeugt, die jetzt auf die Menschheit losgelassen werden und ihren Vater zermürben sollen. Sie sollen ihn psychisch zerstören, weil sie ihn – aus irgendeinem blöden Grund – nicht töten dürfen. Versteht keiner so recht, muss auch nicht.

 Die Stärke von Hellblazer war immer seine Hauptfigur, John Constantine, kein Saubermann, sondern ein gewitzter, pessimistischer Egoist und Menschenfeind, der selbst dem Teufel ein Schnippchen schlug. Und er war ein guter Freund. In Die schrecklichen Kinder entwirft Mike Carey einen so gewaltigen Handlungsrahmen – basierend auf so schwachen Motiven der Bösewichter – dass Constantine an den Rand gedrängt wird. Mit der Hauptfigur geschieht, was mit vielen Hauptfiguren mit der Zeit geschah: Sie verblasst. Constantines eigenes Universum erhebt sich, stürzt sich auf ihn und wird zum Schluss wichtiger als er selbst. In Dangerous Habits“ (dt. „Schlechte Angewohnheiten“, 1999 bei Schreiber & Leser), der ersten Storyline von Garth Ennis, gibt es einen Moment, in dem Constantine partout genug davon hatte, von allen möglichen Mächten herumgeschubst zu werden. „Ich werd den Eindruck nicht los, dass ich irgendwie falsch rangehe… […] Ich laufe herum und erwarte von anderen Hilfe… Und sonst verlasse ich mich nur auf mich selbst… Genau. Tu es selbst. Denk nach.“ Er musste wieder zurückfinden, das tun, was er am besten kann: Sein eigenes Ding. Dieses Selbstbewusstsein fehlt ihm im neuen Band, zugunsten eines infernalischen Triumvirats, das seinen Lenden entsprungen sein soll und ihn quält. Und nicht nur ihn. Es bleibt nicht viel davon übrig, wenn man es genau nimmt. So gut sind die Zeichnungen nicht. Eine durchschnittliche Episode einer Serie, möchte man meinen, die dem Alten nichts Neues hinzufügt. Sechs Bände bei DC Vertigo? Man wundert sich ein bisschen, Mister Carey.

Hellblazer 7: Die schrecklichen Kinder
Panini Comics, Oktober 2009
Text: Mike Carey
Zeichnungen: Steve Dillon, Leonardo Manco, Marcelo Frusin, Giuseppe Camuncoli
Übersetzung: Gerlinde Althoff
164 Seiten; SC mit Faltcover; vierfarbig; 16,95 Euro
ISBN 9783866077737

Schwache Hauptfigur, mittelmäßig erzählt

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Abbildungen: © Panini Comics

Bäche und Flüsse

 Dieser Comic behandelt ein zuweilen vernachlässigtes, weil auch schwieriges Thema: Sexualität im Alter. Der französische Künstler Pascal Rabaté nähert sich diesem zentralen Punkt seiner Handlung auf sehr unverkrampfte Weise, in dem er in seiner Figur das Feuer neu entzünden lässt.

Witwer Émile lebt allein und verbringt seine Zeit bevorzugt mit seinem besten Freund Edmond beim Angeln. Kurz bevor dieser plötzlich stirbt, weiht er Émile noch in sein bislang geheimes Privatleben ein: Edmond lernt schon seit einigen Jahren über Agenturen weibliche Bekanntschaften kennten, mit denen er auch hin und wieder Sex hat, außerdem zeichnet er Aktbilder nackter Damen. Die selbstverständliche Freude am anderen Geschlecht, die sich sein bester Freund auch im Alter behalten hat, lässt jetzt auch Émile grübeln. Er begibt sich in seinem winzigen roten Wagen auf Entdeckungstour, um seinem eigenen Lebensabend möglichweise eine erfrischend neue Richtung zu geben..

 Die Hauptfigur in diesem Band ist ein schüchterner, sympathischer Mann. Erst als er tatsächlich auf die Idee kommt, sich mit einer Frau zu verabreden, wird in Émile ein Funke entfacht, der sein Leben ändert. Er denkt plötzlich an Verliebtsein und Sex; aus Unsicherheit bereist er mit Schlaftabletten im Gepäck den Ort seiner Kindheit. Die Begegnung mit der dort ansässigen Kommune dreht Émiles Weltbild erneut, denn dort erfährt er Toleranz, freie Liebe und eine alternative Lebensweise.

Pascal Rabatés Bäche und Flüsse beschreibt einen Prozess hin zum Ausleben von Wünschen älteren Personen, denen im Comicform somit ein Bewusstsein zugestanden wird. Im Mittelpunkt befindet sich nicht etwa die Suche nach einem neuen Partner, sondern die Nichtunterdrückung der vorhanden sexuellen Bedürfnisse. Rabaté skizziert das perfekt, denn seine Bettszenen mit dem ergrauten Émile sind nicht einmal im Ansatz anstößig oder unnatürlich, sondern lassen sich als äußerst selbstverständlich betrachten. Vielmehr freut man sich für den Protagonisten, erscheint sein Sex doch nur folgerichtig nach der emotional aufwühlenden Wiederentdeckung der Lebensenergie und der weiblichen Reize.

 Mit einem flüchtigen Zeichenstil und einer optischen Konzeption, die an die Arbeiten des ebenfalls bei Reprodukt ansässigen Manu Larcenet erinnert, schafft es Pascal Rabaté, eine offene Erzählung auch nach außen hin atmosphärisch brillieren zu lassen.

Bäche und Flüsse ist ein ruhiger, unaufgeregter Comic, der einen als Leser definitiv berühren wird. Insofern kann man sich für die Zukunft nur weitere Werke des Künstlers in deutscher Übersetzung wünschen.

Erste Eindrücke und Informationen zu der in der Produktion befindlichen Filmumsetzung des Comics gibt es im Reprodukt-Blog.

 

Bäche und Flüsse
Reprodukt, November 2009
Autor/Zeichner: Pascal Rabaté
96 Seiten, farbig, 18 Euro
ISBN 978-3-941099-21-0

starker Comic mit sympathischer Hauptfigur

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Abbildungen: © Reprodukt

 

Dave Grigger

 Das Wortspiel im Titel ist blöd auf eine sympathische Art, der Hund bellt „rabau“, und wenn der grave digger Dave Grigger auf Seite 4 in einen Apfel beißt, dann macht es famos „schnurps“.

Spätestens an dieser Stelle hat Dave Grigger eigentlich gewonnen. „Schnurps“ bedeutet, dass man am liebsten gleich rechts ranfahren, eine weiße Fahne aus dem Fenster hängen und auf den Abschleppdienst warten würde — rein metaphorisch gesprochen. „Schnurps“ auf Seite 4 = K.O. in der ersten Runde für den Rezensenten?

Natürlich sind wir keine Anfänger hier bei Comicgate. Man muss schon mehr auf der Pfanne haben als „schnurps“ und „rabau“, um uns für die Dauer einer ganzen Kritik einzulullen. Der innere Beckmann bleibt hart. Er fragt, mit konspirativer Mine betont entwaffnend über den Tisch gebeugt: Was ist das für ein Gefühl, Dave Grigger zu sein? Wie muss man sich das vorstellen?

Und in der Tat bleiben die Figuren am  Ende des Albums blasser, als man meinen sollte. Am ehesten merkt man das an Dave selbst, einem verschrobenen Totengräber irgendwann ganz früher, der offenbar einfach so in seinem mittelalterlichen Bauwagen auf dem Friedhof vor sich hin lebt und sinnt. Gelegentlich beginnt der Held Kontur anzunehmen, wenn er seinen ungleichmäßig gewachsenen Körper beklagt, sich über die Pietätlosigkeit einer Trauergemeinschaft aufregt, sich verliebt oder — in einer der besten Szenen des Comics — sein Herz dem Tuchmacher ausschüttet. Aber die Geschichte huscht immer viel zu schnell weiter, um aus dem Sammelsurium von Standardsituationen eine eigenständige Figur mit Tiefgang entwickeln zu können.

 Der Leser bleibt letztlich ahnungslos, was Dave Grigger antreibt, was er will, warum er überhaupt Totengräber ist. Um Nebenakteure wie „den Pfarrer“ oder „die Zigeunerin“ ist es noch schlechter bestellt: Sie sind primär Schmiermittel für den Plot und tun immer genau das, was die Handlung erfordert. Greifbare, ausdefinierte Figuren entstehen so leider nicht—es bleibt bei den üblichen, wenig interessanten Stereotypen des „weisen Alten“ und der „mysteriösen Schönen“.

Die Handlung dreht sich um widerspenstige Totenschädel und Dämonen, die auf dem Friedhof ihr Unwesen treiben und Pest und Verderben über das Land bringen, ehe Dave den Spuk beenden kann — oder so ähnlich. Der erzählerische Kniff auf der letzten Seite liefert einen Abschluss, den man zwar nicht unbedingt kommen sieht, der aber andererseits dramaturgisch auch nicht wirklich funktioniert.

Denn erstens verraten eben die 42 Seiten davor so gut wie nichts über den Protagonisten und sein Leben, lassen dem Leser also keine Chance, die Bedeutung seines Schicksals einzuordnen. Und zweitens lässt der Schluss der Geschichte weder stilistisch noch inhaltlich einen Zusammenhang mit ihrem Anfang erkennen. Vor allem: Das angestrengt smart wirkende Ende passt nicht zum leichtfüßigen Bummelstil des Albums — und ist auch für sich genommen nicht mehr einer der frischeren Kunstgriffe, mit denen sich eine phantastische Geschichte abschließen lässt.

 Insgesamt ist es bestimmt kein Schaden, dass nicht alles in Dave Grigger generalstabsmäßig durchgeplant ist. Besonders gut kommt das im reichlich verschwurbelten und sehr lesenswerten letzten Drittel rüber. Andererseits scheinen die Haken, die der Plot schlägt, dann manchmal doch arg beliebig. Die zweiseitige Episode mit dem garstigen Zwerg beispielsweise, der Dave Grigger seine Geldbörse stiehlt, ist wohl ganz nett; zur Geschichte oder ihren Figuren trägt sie aber nichts bei.

Nichts zu meckern gibt's hingegen bei den Zeichnungen. Surreale Landschaften, ausdrucksvolle Körpersprache und jede Menge cross-hatching dominieren das Bild. Die Arme sind lang, haben keine Ellenbogen, erinnern entfernt an Tragegriffe—und die Figuren selbst haben nicht selten etwas Spinnenhaftes. Der Comic liest sich nicht nur flüssig und mit viel Schwung von Panel zu Panel und von Seite zu Seite, sondern schafft es — zumindest optisch — eine Welt mit Tiefe und Kontrasten zu erschaffen, von der man gerne mehr sehen möchte.

Unterm Strich bleibt eine ansprechend gestaltete, symbolisch reichhaltige und durchaus sympathische Geschichte, die aber inhaltlich — trotz „schnurps“ — leider nicht überzeugen kann. Am Ende weiß ich nicht mehr über Dave Grigger als auf der ersten Seite, und das ist schade; das Zeug zu einer interessanten Figur hat er allemal.

Dave Grigger
Beatcomix/Holzhof, Mai 2009
Zeichnungen und Texte: Mamei
Tusche und Lettering: Ivo Kircheis
Album, 48 Seiten, schwarzweiß, Softcover, € 10,00
ISBN 978-3-939509-92-9

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Abbildungen: © Mamei & Ivo Kircheis / davegrigger.com


Havank: Dokumentenjagd

 In den Niederlanden ist der Name Havank bereits lange ein Begriff, denn unter diesem Pseudonym veröffentlichte der Kriminalautor Hendrikus Frederikus van der Kallen dort gut 30 Geschichten. Der Havank im Comic, dessen erster Band jetzt in deutscher Sprache vorliegt,  ist wohl ein Amalgam aus dem bekannten Schriftsteller und dessen Figur, dem Polizeiinspektor Charles C. M. Carlier auch genannt „Der Schatten“.

Die Serie stammt aus der Feder von Danier, hinter dem niemand geringerer als der niederländische Künstler Daan Jippes (vielen sicherlich durch seine Stories für Disney bekannt) steckt. Sein Havank ist ein routinierter Inspektor, mit wallendem weißen Haar, Sandalen und Baskenmütze. Als solcher begibt er sich nach Südfrankreich, genauer gesagt an die Côte d'Azur, um ein brisantes Dokument ausfindig zu machen. Dieses soll angeblich einen geplanten germanischen Staatsstreich gegenüber Österland beweisen können.

Wo und wann dieser Comic spielt, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen und spielt auch keine wirkliche Rolle für Havanks Fall. Offenbar lässt Danier seine Serie bewusst in einem fiktiven Kosmos laufen, weshalb bei ihm Deutschland eben Germanien und Österreich Österland heißt. Auch das Hakenkreuz ist in der voran gestellten, kurz abgehandelten Klärung des Hintergrundes deutlich abgewandelt, fast verniedlicht dargestellt. Vermutlich wollte der Künstler den zeitgeschichtlichen, politischen Rahmen, der ohnehin nur eine unbedeutende Rolle spielt, an die eigentliche Stilrichtung des Comics anpassen. Und der ist nunmal als klassischer Funny-Titel zu bezeichnen.

Havank erfüllt seine Rolle als eigenbrödlerischer, erfahrender Ermittler und erweist sich im Laufe der Erzählung als amüsanter Zeitgenosse und Meister der Verkleidung. Umgeben ist er von einer Riege zwielichtiger Personen, deren Motive es erstmal aufzudecken gilt.

Daan Jippes entwickelte mit dieser Serie einen Crime-Funny im frankobelgischen Stil. Die glatten, runden Zeichnungen sind mit freundlichen Farben ausgefüllt und erinnern in etwa an einen Jeff Jordan. Ähnlich wie bei diesem Klassiker lässt sich auch am ermittelnden Havank eine charismatische Persönlichkeit ausmachen, die dem Comic Lebendigkeit verleiht.

Alles in allem gefiel mir „Dokumentenjagd“ sehr gut und ich hoffe, dass auch außerhalb des ZACK-Magazins noch weitere Abenteuer von Havank in Albenform veröffentlicht werden. 


Havank: Dokumentenjagd
Zack Edition im Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag, Oktober 2009
Text und Zeichnungen: Danier
56 Seiten, farbig; 12,- Euro
ISBN: 978-3-941815-04-9

Empfehlenswerter Funny-Comic

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Elende Helden

Elende HeldenHäßlich. Das sind fast alle Figuren in diesem Comicband. Doch es ist nicht nur ihr unattraktives Aussehen, auch ihre Taten sind häßlich. Das überrascht nicht, wenn der Blick auf den Namen des Künstlers fällt: Der aus dem französischen Lothringen stammende Baru alias Hervé Barulea gehört zu den eher weniger verbreiteten Comicschaffenden, welche sich fern jeder Genrekost kompromisslos den Schattenseiten der Gesellschaft widmen. Gewalt, soziale Ungerechtigkeit, Fremdenhass sind unter anderem die Themen, mit denen sich der preisgekrönte Zeichner immer wieder auseinandersetzt. In dem diesem Comic zu Grunde liegenden, gleichnamigen Roman des Autors Pierre Pelot (Der Pakt der Wölfe) hat er eine für ihn maßgeschneiderte Vorlage gefunden. Ein paar Verlierertypen in einem Kaff in der französischen Provinz lösen durch falsche Entscheidungen und Fehlverhalten eine unheilvolle Entwicklung aus und sehen schließlich keinen anderen Ausweg als den Griff zu mehr als drastischen Mitteln.

 So deprimierend und unerfreulich diese Geschichte auch ist, so erfreulich ist hingegen ihre Umsetzung. Barus meisterhafte Beherrschung des Comicmediums erschließt sich dabei erst auf den zweiten Blick: die vielfältigen, gelungenen Perspektivwechsel, die ruhige und stilsichere Erzählweise, die sorgfältig gezeichneten Umgebungen und die unaufdringliche, aber wirkungsvolle Kolorierung. Man könnte Barus Bilder als schön bezeichnen, wären da nicht die Menschen in ihnen. Mit ihren überzeichneten, oft verzerrten Gesichtern und teils unförmigen Körpern streifen sie die Grenze zur grotesken Karikatur, übertreten diese jedoch nie ganz. Sie bleiben doch menschliche Wesen und gerade das macht ihre Taten so schwer verdaulich.

Das Ende von Elende Helden mag in seiner Kompromisslosigkeit im ersten Moment überzogen und unpassend wirken: Ein spektakulärer Abschlussknall eben, wie ihn mancher Geschichtenerzähler als dramaturgisches Mittel zwecks Publikumswachrütteln schätzt. Doch dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Derart furchtbare, kaltblütige Verzweiflungstaten, wie sie eine der Figuren vollbringt, geschehen auch im wahren Leben. Es sind jene, gemeinhin als ‚Amokläufe‘ bezeichnete Taten, welche die Gesellschaft für einen kurzen Moment aus ihrer alltäglichen Lethargie wachrütteln und sogleich hektische Diskussionen nach den Gründen aufkommen lassen. Doch so schnell und heftig, wie diese jedes Mal entflammen, verschwinden sie auch wieder. Denn die Fragen, die man stellen muss, sind unbequem, die Antworten nicht eindeutig und einfache Lösungen nicht in Sicht. Die wohl unangenehmste Erkenntnis beim Lesen von Elende Helden ist, dass man in diesem Fall den Täter versteht.

 Dem Vergleich mit Barus vielgelobtem Meisterstück Autoroute du Soleil hält Elende Helden zwar nicht stand, dafür ist der Band zu kurz, die Geschichte zu streiflichtartig, bleiben die Figuren zu sehr grobe Archetypen. Aber gelungen ist diese Comicerzählung durchaus hinsichtlich ihrer emotionalen Wirkung, und so begleitet sie einen gedanklich auch noch eine Weile nach der Lektüre.

Elende Helden
Edition 52, November 2009
Text und Zeichnungen: Baru, Romanvorlage: Pierre Pelot
Softcover, 96 Seiten, farbig, 18,- Euro
ISBN: 978-3-935229-71-5
Leseprobe

Unerfreuliche Themen, erfreulich umgesetzt

 

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Abbildungen: © Edition 52