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Sleeper 4: Das lange Erwachen

 Mit dem jetzt vorliegenden vierten Band ist die Wildstorm-Serie Sleeper vom Kreativteam Ed Brubaker und Sean Phillips auch in Deutschland an ihr Ende gelangt. Insgesamt 24 Kapitel umfasst das Werk, aufgeteilt in zwei Volumes. Nebenbei bemerkt gibt Brubaker in dem von ihm verfassten Nachwort am Ende des vierten Teils eine kurze Erläuterung, wie die eigentliche Konzeption für den Titel aussah und mit welcher Intention Sleeper um zwölf weitere US-Hefte (= Vol. 2) aufgestockt wurde. Aber kann der Abschluss dieser zu Recht viel gelobten Reihe halten, was die bisherigen Bände versprachen?

Aus meiner Sicht nicht ausnahmslos. Aber dazu muss die Handlung erstmal knapp rekapituliert werden: Sleeper erzählt die Geschichte des Agenten Holden Carver, der undercover das Verbrechersyndikat des genialen Schurken Tao infiltriert, aber dann, als sein einziger Kontaktmann John Lynch im Koma liegt, in seiner Rolle feststeckt. Carver wird zwischen den beiden Mächtigen, Lynch und Tao, und ihrem tödlichen Spiel zunehmend aufgerieben, was dazu führt, dass man als Leser dem von beiden Seiten benutzten Agenten schließlich alles zutraut. Wechselte er bereits die Seiten, fand er Gefallen am Verbrechertum? Ist er gegenüber seinem ursprünglichen Auftraggeber doch noch loyal? Oder verfolgt er gar seine eigenen Ziele und spielt beide Parteien gegeneinander aus? Das sind Fragen, die Brubaker in aller Spannung sehr lange aufrechterhält erhält, bilden sie doch den roten Faden dieser düsteren Krimiserie.

 Umso bedauerlicher ist, dass das Ende etwas zu simpel wirkt. Nicht für einen normalen Comic, für einen auf so hohem Niveau wie hier allerdings schon. Grifter taucht wieder auf, was zwar ganz nett ist, da er ja seit Point Blank, dem inoffiziellen Vorgänger zu Sleeper, in die Verwicklungen zwischen Lynch, Tao und Carver involviert ist, aber man wird das Gefühl nicht los, dass er einfach nur für etwas Action sorgen soll.

Das endgültige Schicksal des psychisch angeknacksten Carver wird rasch abgehandelt, was aufgrund des Twists am Ende verständlich ist. Mehr Zeit bzw. mehr Tiefe  hätte man sich bei der finalen Konfrontation der Hauptakteure gewünscht. Da wirken die Geschehnisse im letzten Kapitel für meine Begriffe zu überhastet. Das trübt den hervorragenden Gesamteindruck der Serie ein wenig, alles in allem erreicht aber auch der vierte Band größtenteils die gewohnte Qualität.

 Brubaker und Phillips sind erwiesenermaßen ein eingespieltes Duo, das perfekt zusammen passt. Selten sind düstere, harte Crime-Stories so überzeugend wie bei der Zusammenarbeit dieser beiden. Wer auf Comics mit Agenten, gebrochenen Helden und einer Prise Superschurken  steht, der kommt an Sleeper auf lange Sicht jedenfalls nicht vorbei.

 

Sleeper 4: Das lange Erwachen
Cross Cult, Dezember 2009
Text: Ed Brubaker
Zeichnungen: Sean Phillips
144 Seiten, farbig, HC, 19,80 Euro
ISBN 978-3-936480-74-0

schwächeres Ende, insgesamt aber bemerkenswert gut

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Abbildungen: © Cross Cult

 

Welten des Schreckens 1

 Weissblech Comics, bekannt als unerschöpfliche Quelle hausgemachter Pulp- und Trivialkunstwerke, hat eine neue Serie: Sie heißt Welten des Schreckens, bietet laut Untertitel „Finstere Science-Fiction und Fantasy“ und kommt im Prestige-Format (also in Größe eines Heftes, aber mit geklebtem Rücken) daher. WdS ist als Ergänzung zur etablierten Weissblech-Serie Horrorschocker gedacht. Während es dort im weitesten Sinne gruselig zugeht, gibt es in Welten des Schreckens futuristische Geschichten und solche, die von Sagen und Mythen inspiriert sind.

Die erste Hälfte der ersten Ausgabe bestreitet Verleger und Weissblech-Mastermind Levin Kurio selbst: Kala, seine barbusige Urzeitheldin (die zuvor schon in anderen Weissblech-Comics auftrat) gerät mit ihrem Dinosaurier Tyr in Gefangenschaft eines skrupellosen Stammeshäuptlings. Das ist zwar recht süffig erzählt und unterhaltsam zu lesen, aber weder zeichnerisch noch inhaltlich besonders aufregend. Interessanter ist da schon der 6-Seiter „Xydoon spricht …“, geschrieben von Kurio und gezeichnet von Klaus Scherwinski, eine gelungene, sehr atmosphärische Science-Fiction-Kurzgeschichte, die aus der Sicht eines fremden, außerirdischen Organismus erzählt wird.

Das Highlight des Heftes kommt jedoch zum Schluss: Argstein, der monsterjagende Förster von Josef Rother und Eckart Breitschuh (der 2007 bei Ehapa debütierte, dort aber nicht mehr auftauchte) feiert sein Comeback! Die Episode „Der letzte Kuss“ vereint Schauermärchen mit Humor und einer Prise Erotik zu einem sehr vergnüglichen Comic und macht Welten des Schreckens 1 zu einer klaren Kaufempfehlung für Genre-Fans.

Welten des Schreckens 1

Weissblech Comics, Oktober 2009
68 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 7,80 Euro

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Topcomics 2009 – Die Favoriten der Redaktion

 Eine definitive Comic-Bestenliste für das Jahr 2009 zu erstellen, wollen wir uns nicht anmaßen. Schließlich hat niemand von uns alle interessanten Neuerscheinungen gelesen, und Geschmäcker und Interessen sind bekanntlich sehr verschieden. Stattdessen stellen an dieser Stelle Comicgate-Redakteure ihre ganz persönlichen Lieblingscomics des vergangenen Jahres vor. Subjektiv und ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit – hier sind unsere Topcomics 2009!

DIE TOP 3 VON ANDREAS VÖLLINGER

 1. Sonnenfinsternis
von Fane und Jim
Splitter Verlag
24,80 Euro

Mein persönliches Comic-Highlight 2009 ist dieser wunderbar erwachsene französische Beziehungscomic, mit dessen deutscher Veröffentlichung der Splitter Verlag interessante Wege abseits der dort dominierenden Genrekost beschreitet. Fünf alte Uni-FreundInnen Ende 30, einer von ihnen mit seiner blutjungen Internet-Romanze im Schlepp, verbringen ein Wochende in einem einsamen Landhaus in Südfrankreich, um die bevorstehende Sonnenfinsternis gemeinsam zu erleben. Doch das Naturereignis rückt ziemlich in den Hintergrund angesichts des Gefühlschaos, das die Wochenendurlauber im Gepäck haben. Lebensentwürfe werden verglichen, alte Freund- und Feindschaften aufgewärmt und Beziehungs- und Lebenskrisen auf die Spitze getrieben. Eine Geschichte, die nahe geht in ihrer Ehrlichkeit und die all die Spannungen und Zuneigungen zwischen den Figuren, ihre Traurigkeit und ihren Humor mit scheinbarer Leichtigkeit auf den Leser überträgt. Der als Experiment – nämlich eine Art gezeichneter Dialog – geschaffene Comic des Zeichner-Duos Fane und Jim ist auch optisch von vorne bis hinten gelungen: Die leicht skizzenhaften, dynamisch-lebendigen Zeichnungen bilden eine perfekte Symbiose mit der Geschichte. Und das macht über die ambitionierte Länge von fast 300 Seiten einfach nur Freude!
[Rezension bei Comicgate]

 2. Palästina
von Joe Sacco
Edition Moderne
25 Euro

Natürlich weiß ich, dass Joe Saccos Comicreportage bereits ein paar Jahre auf dem Buckel hat und 2004 bereits bei Zweitausendeins auf Deutsch veröffentlicht wurde. Aber es gibt zwei gute Gründe dafür, die aktuelle Neuveröffentlichung bei Edition Moderne in diese Bestenliste zu hieven. Erstens: Saccos Beherrschung des Mediums ist einfach bemerkenswert und der Mann dennoch vielen Comiclesern erschreckend unbekannt. Zweitens: Obwohl seine als Comic aufgezeichneten Erlebnisse in den palästinensischen Gebieten und Israel bereits in den frühen 1990ern stattfanden, sind sie erschreckend aktuell. Palästina ist ein Zeitdokument, das den Leser in seiner Unmittelbarkeit bei den Eiern packt und hineinzieht in den scheinbar ewig schwelenden Konflikt im Nahen Osten. Mit seinen detaillierten, schwer getuschten und ebenso schwer im Magen liegenden Bildern öffnet der deutlich von Robert Crumbs Indie-Stil geprägte Sacco einem die Augen für all die Grausam- und Unsagbarkeiten, die ein Leben in diesem real existierenden und doch so unwirklich scheinenden Niemandsland birgt. Danach weiß man mehr über das irrsinnige Dasein in den besetzten Gebieten als alle Fernsehreportagen und Peter Scholl-Latours dieser Welt einem vermitteln können. Man muss einfach den imaginären Hut ziehen vor diesem Künstler, der derart anschaulich beweist, welche Fülle an Möglichkeiten das Medium Comic – selbst im Reportagebereich – den Leitmedien Film/TV und Buch/Zeitung voraus hat, und der es ganz nebenbei auch noch erfolgreich schafft, die geballten Eindrücke mit einer bitter nötigen Prise Humor für den Leser verdaulich zu machen.

 3. The Surrogates
von Robert Venditti und Brett Weldele
Cross Cult
26 Euro

Die düstere Zukunftsgeschichte von Robert Venditti und Brett Weldele ist kein Comic-Meilenstein – soviel vorweg. Vendittis Krimihandlung um eine Mordserie an künstlichen Ersatzkörpern, den titelgebenden Surrogaten, die ein alter Cop aufzuklären versucht, funktioniert trotz einiger Holperstellen weitgehend, aber reißt einen mit ihren Wendungen nicht aus dem Ohrensessel. Brett Weldeles zeichnerische Umsetzung macht in ihrer Schmutzigkeit und Düsternis zwar einiges her, ist aber noch nicht ganz auf dem Niveau seiner offenbaren stilistischen Vorbilder Bill Sienkiewicz und Ashley Wood. Was diesen schönen Hardcoverband jedoch aus der Menge hervorstechen läßt, ist neben der faszinierenden Prämisse („Stell dir vor, dein von dir ferngesteuertes, perfektes Abbild meistert dein Leben, während du gemütlich zu Hause hockst“) eine funktionierende futuristische Noir-Welt, die durch all die liebevollen Details und Hintergrundinformationen sowie ihre relative Nähe zu unserer Gegenwart lebendig wird. Die ‚Hard-boiled’-Detektivromane und Noir-Filme, an die dieser Comic erinnert, verdanken ihre Faszination weniger den ausgeklügelten Handlungsverläufen, sondern der ihnen innewohnenden Atmosphäre sowie beeindruckenden Einzelszenen. Und in dieser Hinsicht hat The Surrogates einiges zu bieten. Gemixt mit einer guten Portion sozialkritischer Science Fiction ergibt das hier unterm Strich einen sehr feinen Comic.
[Rezension bei Comicgate]

DIE TOP 3 VON CHRISTOPHER BÜNTE

1.  The Umbrella Academy
von Gerard Way und Gabriel Bá
Cross Cult
19,80 Euro

Die Wahl für meinen Platz 1 fiel mir nicht leicht. Eine Menge gutes Comiczeug ist in diesem Jahr auf dem deutschen Markt erschienen, und viele funkelnde Lesejuwelen waren dabei. Schlussendlich habe ich mich jedoch für The Umbrella Academy entschieden. Es ist ein Superhelden-Comic, also US-amerikanisches Kerngebiet, aber ganz anders, als man es von einem Superhelden-Comic erwarten würde. Denn irgendwie ist das gar kein Superhelden-Comic. Es geht um eine exzentrische Familie, die sich nach langer Trennung wieder zusammenraufen muss, um die Welt, das Raum-Zeit-Gefüge oder sowas zu retten. Oft bekommt man ja nach wenigen Seiten eine ungefähre Ahnung davon, wohin die Geschichte laufen wird. Nicht aber bei The Umbrella Academy. Auf fast jeder Seite schlummert eine Überraschung. Autor Gerard Way (…richtig, der Typ von My Chemical Romance) springt beim Erzählen wild hin und her, ohne je den Faden zu verlieren. Der Plot erscheint irgendwann nur als feines Gespinst, das Motive und Figuren gerade noch so zusammenhält. Das Artwork ist fabelhaft (nahe an Mignola), die Erzählweise einzigartig und aufregend, die Figuren kraftvoll und originell. Der erste Band ist im Januar auf deutsch bei Cross Cult erschienen.

[Rezension bei Comicgate]

 2. Criminal
von Ed Brubaker und Sean Phillips
Panini Comics
bisher 4 Bände, 14,95 – 16,95 Euro

Dicht gefolgt und auch ein Anwärter auf meinen Platz 1: Die fabelhafte Serie Criminal von Ed Brubaker und Sean Phillips. Criminal ist ein Krimi-Comic. Punkt. Keine Superhelden, keine Magie. Nur Krimi. Die Seiten, die Panels und die Handlung sind so klassisch aufgebaut, dass man sich beim Lesen zwangsläufig die Augen reibt: Liegt da nicht doch ein waschechter Europäer in meinen Händen? Explodierende Seiten und knallbunte Panels bleiben in Criminal aus, eher geht es ruhig, bedeckt und rau daher. Die Geschichten, die Brubaker aus dem Untergrund erzählt, fühlen sich wahnsinnig echt an. Und das liegt vor allem an den tollen Figuren, die die Handlung tragen. Sie sind nicht einig mit sich selbst, zugleich kompromisslos, verzweifelt und voller Hoffnung auf ein besseres Leben. Man beobachtet sie mit Mitgefühl, Abscheu und Sorge. Und irgendwie läuft immer alles aus dem Ruder und geht den Bach runter. Wunderbar gezeichnet und gut koloriert! Die Serie ist nur mein Platz 2 geworden, weil sie bereits im letzten Jahr – also 2008 – bei Panini angelaufen ist, also in diesem Jahr nicht wirklich als Neuerscheinung durchgehen kann. Aber wer’s seriell nicht so mag, der sei beruhigt: Die Bände von Criminal sind in sich abgeschlossen und können ohne Probleme einzeln gelesen werden.


3.  Ikkyu
von Hisashi Sakaguchi
Carlsen Verlag
4 Bände, je 12,90 Euro

Mein Platz 3 kommt aus Fernost. Ikkyu ist die Lebensgeschichte des Mönchs Ikkyu Sojun, der im 15. Jahrhundert in Japan lebte und – wenn man dem Klappentext glauben darf – noch heute eine gewisse Popularität genießt. Der Aufbau der sich über vier Bände erstreckenden Handlung ist schlicht chronologisch, ergo: Sie beginnt mit Ikkyus Kindheit und endet mit seinem Tod. Dazwischen liegt ein entbehrungsreiches Leben. Ikkyu lebt in einer Welt im Umbruch, in der nichts sicher zu sein scheint. Hunger und Naturkatastrophen beuteln das Land. Religion und Politik sind eng miteinander verknüpft. Unglaubliche Armut und Dekadenz liegen dicht beieinander. Um es klar zu sagen: Ikkyu ist mehr als eine simple Biographie. Es ist ein facettenreiches Gemälde von Japan im 15. Jahrhundert, ein Comic, der die Historie nicht nur als schlichtes Kolorit verwendet, sondern sich wirklich ernsthaft einer vergangenen Epoche annimmt. Für den Leser bedeutet das verschiedene Dinge. Zum einen wird es nicht viele westliche Leser geben, die beim ersten Lesen die Geschichte vollständig verstehen und durchschauen. Die redaktionellen Beiträge helfen, aber der Blick in ein japanisches Geschichtsbuch ist sicher kein Fehler. Außerdem ist die Geschichte ruhig, zwar immer wieder witzig, frech und obszön, aber doch sehr nachdenklich. Vieles kreist um spirituelle Themen. Denn Ikkyu war ein Gegenpol zur gängigen Religionsauffassung seiner Zeit, ein Querdenker. Belohnt wird der Leser mit einem wirklich großartigen Comic, der zudem auch noch fabelhaft gezeichnet ist. Ein Kassenschlager wird das sicherlich nicht werden, denn Mainstream-Mangas sehen hierzulande anders aus. Ein bisschen möchte man dem Carlsen Verlag danken, trotzdem dieses Risiko eingegangen zu sein. 

[Rezension bei Comicgate]


DIE TOP 3 VON DANIEL WÜLLNER

 A Comics Studies Reader
von diversen Autoren
Mississippi University Press
25 US-Dollar

Zu Beginn dieses Jahres ist man in der Comicwissenschaft einen wirklichen Schritt vorangekommen. Der Universitätsverlag Mississippi University Press, bereits seit einigen Jahren Spezialist auf diesem Gebiet, hat mit A Comics Studies Reader ein Starterset und ein umfassendes Kompendium in einem veröffentlicht. Ganz unprätentiös wurde die Sammlung der 28 Aufsätze mit einem unbestimmten Artikel betitelt, als gäbe es weltweit mehr von solchen Büchern. Die Herausgeber Jeet Heer und Kent Worcester haben aktuelle Ansätze mit Klassikern der Comicwissenschaft und unverzichtbaren Zeitdokumenten vereint. So findet sich in A Comics Studies Reader neben einem Auszug von Frederic Werthams Anticomickampfschrift Seduction of the Innocent ein aktueller Aufsatz zur amerikanischen Comiczensur in den 1950er Jahren, dem Comics Code. Im Gegensatz zu anderen Büchern über Comics wird hier nicht zum tausendsten Mal das Jahrhundert der Comics streiflichtartig beleuchtet, die Graphic Novel bejubelt oder die 100 oberflächlichsten Fragen beantwortet. Im Foliant gehen die Autoren ohne lange Vorrede an die Arbeit und rekonstruieren die Geschichte einzelner Comics (die Liste der Künstler erstreckt sich von Rudolphe Töpffer bis hin zu Chris Ware), nur um diese dann gleich wieder zu dekonstruieren und die Mechanik der Comics offen zu legen. So gewinnt der Leser nicht nur eine Vorstellung des Stoffes, sondern ihm wird auch eine so oft fehlende Auseinandersetzung mit der Materie geliefert. Wie oft haben wir wirklich wissen wollen, warum die autobiografischen Ausflüge eines Robert Crumb die Grenze der Authentizität verschieben und welche Auswirkung dies auf die Selbstdarstellung eines Künstlers im Comic hat. Dieses Buch ist eine wissenschaftliche Allzweckwaffe.

 Tales Designed to Thrizzle Vol. 1 (US)
von Michael Kupperman
Fantagraphics Books
24,99 US-Dollar

Mit dem Humor ist das so eine heikle Sache. Mittlerweile weigere ich mich sogar schon, mir Gedanken darüber zu machen, warum sich Zuschauer bei den peinlichen Sprüchen von Mario Barth kaputtlachen. Wenn ich wirklich etwas Komisches lesen will, dann begebe ich mich ganz vertrauensvoll in die Hände von Michael Kupperman, Gewinner des Eisner- und Harvey-Awards in der Kategorie Humor 2007. Leider ist der Autor und Zeichner mit dem gesunden Gespür für grotesken Humor in Deutschland noch relativ unbekannt. Die Veröffentlichung seines ersten Sammelbandes Tales Designed to Thrizzle bei Fantagraphics Books hat hoffentlich dem einen oder anderen die Augen geöffnet. In seinem Blog Here Comes Madness lässt sich Kuppermans Sinn für Humor gut am Beispiel von den unglaublichen Abenteuern von Mark Twain und Albert Einstein verfolgen. In Kuppermans Version des Aufeinandertreffens des brillanten Denkers und des eigenwilligen Autors machen die beiden sich auf, den Mittelpunkt der Erde zu entdecken. Bereits in der zweiten Folge des Strips wagen es Twain und Einstein, sich von Einsteins Wohnzimmer in dessen Keller zu graben. Es scheint wirklich keine fixen Größen mehr zu geben in diesem wahnwitzigen Universum. Warum sollte also Twain nicht auch als Detektiv in Miami arbeiten und dabei scharfe Bräute aufreißen? Kupperman entledigt sich jeder Form von Logik. Frei von dieser Last beginnt er zu fabulieren, Gegensätze zu verbinden und reichlich Garn zu spinnen. Sicherlich mag es den einen oder anderen Comicleser geben, der es nicht lustig findet, wenn eine hissende Schlange und ein sprechendes Stück Bacon durch die Zeit reisen, um Casanova zu besuchen, aber diese verschwindend kleine Minderheit an Lesern ist zu vernachlässigen.

 Das kleine Rockbuch
von Hervé Bourhis
Carlsen Comics
19,90 Euro

Mehr als fünfzig Jahre Rockgeschichte in einem Comic zu vereinen, sieht auf den ersten Blick wie ein ziemlich waghalsiges Unterfangen aus. Wo werden die Schwerpunkte liegen und wie wird das Interesse an der Geschichte auf über 200 Seiten aufrechterhalten? Obwohl Das kleine Rockbuch keine wirkliche zusammenhängende Geschichte erzählt, funktioniert die Narration des Franzosen Hervé Bourhis ganz ohne Probleme. Scheinbar unbeabsichtigt verrät sein Comic im schallplattengroßen Format mehr über die eigene Erzählform als viele seiner Kollegen. Dabei hat Bourhis doch nur einzelne Plattencover nachgezeichnet, einige Anekdoten hinzugefügt und das Ganze mit ein paar interessanten historischen Daten verbunden. Doch genau das macht einen Comic aus: eine Reihe von grafischen Darstellungen, die in Kombination eine Narration erzeugen: eine grafische Erzählung, wenn man so will. Es sind also nicht einfach nur einzelne Informationen über die Geschichte des Rock und seiner Protagonisten, die den Comic zu einer spannenden Lektüre machen, es sind die neuen Kombinationsmöglichkeiten, die Bourhis sich zunutze gemacht hat. Welche Erzählform könnte besser das Verhältnis von Iggy Pop und David Bowie zeigen, wie ihre Erfolgsgeschichten parallel laufen und sich immer wieder überkreuzen lassen? Das kleine Rockbuch steht stellvertretend für eine neue Form von Comic, die zwar Anleihen zum Reportage-Comic besitzt, aber wesentlich größere Lücken zwischen den einzelnen Bildern lässt, keinen Anspruch auf Faktizität legt und dem Leser so genug Freiräume für seine ganz persönliche Musikgeschichte lässt. Ich kann zumindest meinen Abi-Ball und die damit verbundenen Erinnerungen problemlos irgendwo zwischen  Guns’n’Roses und Celine Dion einfügen und schmunzeln.
[Rezension bei Comicgate]

DIE TOP 5 VON BENJAMIN VOGT

1.  Liebe, Lust und Leidenschaft – Die Ducks von Sinnen
von Carl Barks
Ehapa Comic Collection
39,95 Euro

Ein tolles Buch, das mehr ist als ein simples Carl Barks-Best of. Auf verzückende Weise kommentiert die aus dem Fernsehen bekannte Hella von Sinnen ihre Lieblingsgeschichten des Schöpfers von Entenhausen. Das Konzept dahinter wirkt einfach rund, das Ergebnis ist ein echt schwerer Brocken, ein geniales Buch mit, natürlich, genialen Geschichten von Barks. Deswegen ist Liebe, Lust und Leidenschaft mein Platz 1 in diesem Jahr.
[Rezension bei Comicgate]

2.  Affentheater
von Florent Ruppert und Jerome Mulot
Edition Moderne
14,80 Euro

Herrlich schräg, frech und mit schwarzem Humor versehen ist das Deutschlanddebut des kreativen Duos bestehend aus Florent Ruppert und Jerome Mulot. Allein wegen dem Mut, den die beiden bei Affentheater beweisen, muss ihr Comic auf meiner persönlichen Rangliste fast ganz oben landen. Hinzu kommen völlig neuartige Ansätze in Sachen Storytelling und Seitenbearbeitung. Hier werden Grenzen nicht überschritten, hier werden erst überhaupt keine definiert. Ein Werk, das in aller Reduziertheit Faszination und Verstörung hervorruft.
[Rezension bei Comicgate]

3.  M – Eine Stadt sucht einen Mörder
von Jon J. Muth
Cross Cult
25 Euro

Die Comicadaption zu Fritz Langs Film von 1931. John J. Muth bringt die Geschichte eines Mörders, der von einer ganzen Stadt gesucht wird, in bedrohlich-nebligen Bildern zu Papier und schafft damit ein eindrucksvolles und eigenständiges Werk. Nebenbei sind die umfangreichen redaktionellen Anmerkungen und Ausführungen absolut vorbildlich und werden diesem Klassiker mehr als gerecht.

 4. Sonnenfinsternis
von Fane und Jim
Splitter Verlag
24,80 Euro

Sechs Freunde, ein Landhaus in Südfrankreich und eine Sonnenfinsternis. Der umfangreiche Comic von Fane und Jim ist ein grandioses Personenstück über verwinkelte Beziehungsprobleme und die Gedankengänge von Mittdreißigern. Sonnenfinsternis ist vom Umfang bemerkenswert und durch die schwarz-weißen Bilder als verlagsuntypisch zu bezeichnen. Mit formidablen Dialogen und geschliffenen Charakterisierungen haben die beiden Künstler den womöglich emotionalsten und eindringlichsten Comic dieses Jahres fabriziert.
[Rezension bei Comicgate]

5.  Blotch – Der König von Paris
von Blutch
Avant-Verlag
17,95 Euro

Als Cartoonist der satirischen Zeitschrift Fluide Glacial verdient sich Blotch im Paris der 30er Jahre sein Brot. Soweit, so gut. Nur ist dieser beleibte Blotch ein echter Widerling und Rassist, ein eitler Fatzke, der sich für den größten Künstler seiner Zeit hält, in Wahrheit jedoch eher belächelt wird. Fluide Glacial gibt es wirklich, die Figur des Blotch, ist jedoch fiktiv und darf unbestätigterweise als Alter Ego des Künstlers dieses Bandes, des Franzosen Blutch, gelten. Dem ist hiermit ein einfallsreicher Comic gelungen, den man, einmal von der Hassliebe gegenüber der kurzweiligen Titelfigur eingefangen, nicht mehr so schnell aus der Hand legen mag.

DIE TOP 3 VON MARC-OLIVER FRISCH

 Drei: Chew (US)
von John Layman und Rob Guillory
Image Comics
Sammelband 1: 9,99 US-Dollar

Stimmungsmäßig lässt sich Chew am ehesten mit den frühen Lucasfilm-Spielen vergleichen – Maniac Mansion, Zak McKracken und Monkey Island grüßen freundlich aus dem Computer-Paläozoikum. Thematisch hat die Serie eine klaffende Marktlücke des Horrors aufgetan: das ganz alltägliche Grauen, das uns erfasst, wenn wir versehentlich einmal darüber nachdenken, wo eigentlich unser Essen herkommt. Held Tony Chu ist nämlich Spezialagent des Gesundheitsamts mit besonderem Talent. Über seine Geschmacksknospen kann Tony detaillierte Eindrücke aus der Vergangenheit seiner Nahrung aufnehmen. Weil dies nur selten ein Genuss für ihn ist, beschränkt er sich in seiner Freizeit darauf, rote Bete zu essen, denn die blockieren aus ungeklärten Gründen seine Fähigkeit. Im Dienst muss Tony allerdings leider regelmäßig in den sauren Apfel beißen und auch mal auf weniger – sehr viel weniger, sehr sehr viel weniger – appetitlichen Beweisstücken herumkauen, um Verbrechen aufzuklären; auf die Grenzen des guten Geschmacks wird in Chew also laut gepfiffen. So weit, so hirnrissig. Doch es kommt noch doller: Hintergrund der Handlung ist eine neu ausgerufene Prohibition. Denn wegen der Vogelgrippe ist der Verkauf und Besitz von Geflügelfleisch im Land der ungebremsten Möglichkeiten strengstens verboten. Hühnerbein, Entenbrust oder Truthahn sind nur noch auf dem Schwarzmarkt zu bekommen. Mondschein- und Flüsterrestaurants florieren. Das Gesundheitsamt, für die Durchsetzung des Verbots zuständig, ist zur mächtigsten Behörde des Kontinents geworden. Das hört sich alles irrwitzig an – und ist es auch. Aber so absurd die Basis von Chew sein mag, die Herren Layman und Guillory erzählen hier Geschichten, die nicht nur schreiend komisch, sondern auch dramatisch, spannend oder traurig sein können. Bleibt unterm Strich ein einzigartiger, erstklassig unterhaltsamer Comic.

 Zwo: Phonogram: The Singles Club (US)
von Kieron Gillen, Jamie McKelvie und anderen
Image Comics
Sammelband: 14,99 US-Dollar

Gerade einmal 3.000 Exemplare konnte die zweite Phonogram-Miniserie pro Heft absetzen. Das hat nicht für einen Blumentopf gereicht, den beiden Briten Gillen und McKelvie dafür aber jede Menge verdiente Anerkennung eingebracht – und Aufträge für Marvel. Schon 2006, damals noch in Schwarzweiß, war Phonogram anders. Es geht um sogenannte Phonomancer, Menschen, die sich die Magie von Popmusik zunutze machen können. Was zunächst nach einer Art Fantasy-Ding klingt, stellt sich aber schnell als recht simpler Ansatz heraus: Wer sich irgendwie fürs Musikhören interessiert, der weiß, welche Magie hier gemeint ist – um sie zu spüren, reicht es manchmal schon, das Autoradio aufzudrehen, sich beim Joggen von entsprechenden Songs anfeuern zu lassen oder in einem verwundbaren Moment von einem Lied kalt erwischt zu werden, das einem durch die damit verknüpften Erinnerungen und Gefühle komplett den Wind aus den Segeln nimmt. Um nichts anderes geht es in The Singles Club, einer Reihe aufmerksam beobachteter, fesselnd inszenierter Charakterstudien, die das ganze Spektrum dessen abdecken, was das Musikhören mit uns anstellen kann. Die Handlung spielt sich innerhalb weniger Stunden ab, in einem angesagten Indie-Club irgendwo in England. Jede der sieben Ausgaben folgt einer anderen Figur, ist eigenständiger Teil eines größeren Ganzen. Die Akteure tragen Konflikte miteinander und mit sich selbst aus, mal banale, mal einschneidende. Immer mit dabei als Knüppel, Schutzschild, Schmiermittel, Rettungsanker, Giftpfeil, Zeitmaschine oder alles in einem: Popmusik, von den Arctic Monkeys bis zu den Pipettes, von Blondie bis TV on the Radio. The Singles Club erscheint demnächst als Sammelband. Die vielen lesenswerten „B-Seiten“, Essays, Glossare und Interviews werden dort aber fehlen, weshalb man sich laufenden, nicht gehenden Fußes nach den Heften umsehen sollte, solange es noch welche gibt.

 Eins: Final Crisis (US)
von Grant Morrison, J. G. Jones, Doug Mahnke und anderen
DC Comics
Sammelband: 24,99 US-Dollar

Die Krise des „Krisenjahres 2009“ ist vor allem eine des Vorstellungsvermögens. Implodierende Finanzen, wegschmelzende Eisberge, kriegsähnliche Zustände – und dann schmeißt sich auch noch der Schlussmann vor den Zug. Wer soll da noch mitkommen? Grant Morrison schien bereits im Frühjahr 2008 eine Vorahnung zu haben, was bald auf uns zukommen sollte. Das gruselige daran: Mit jeder neuen Ausgabe seines Superhelden-Epos Final Crisis, in welchem die Bewohner des DC-Universums zunehmend von Ängsten und Zweifeln gelähmt wurden, schien es auch in der Realität ein bißchen düsterer zu werden. Waren Morrisons Visionen etwa in die Wirklichkeit übergeschwappt, so wie es der Schotte in Werken wie Animal Man, The Invisibles oder The Filth schon seit Jahrzehnten immer wieder beschworen hatte? Sind wir tatsächlich Teil des großen Multiversums, das in Final Crisis auf der Kippe steht und von den Legionen der Resignierten und Verzweifelten vereinnahmt zu werden droht? Gut möglich, denn am Ende hilft sogar der frisch ins Amt eingeführte Präsident Obama dabei, das Blatt zu wenden. Final Crisis ist keine leichte Kost – selbst ihren Machern gleitet die mehrschichtige, polyphon erzählte Geschichte ein ums andere mal aus der Hand. Gerade das grandiose Scheitern Morrisons ist aber unabdinglich für diesen humanistischen, geradezu trotzigen Gegenentwurf zur grimmen Perfektion von Watchmen. Es ist die stetige, übermütige Reibung zwischen Anspruch und Machbarkeit, die den Funken letztlich überspringen lässt. Die Idee des Superhelden als ultimativer Ausdruck des positiven Denkens und der Grenzenlosigkeit menschlicher Kreativität ist es, verkörpert durch „unsere Schöpfung“ Superman, die in Final Crisis die Zukunft rettet – die Menschheit scheitert hier selbstverschuldet auf ganzer Linie, zieht sich danach aber allein kraft ihrer Vorstellung am eigenen Schopf wieder aus dem Sumpf. Künstlerische Vollkommenheit wäre da ein nicht zu vermittelnder Makel gewesen. Leidenschaftlicher und aufsässiger, ambitionierter und dringlicher als in Final Crisis waren Superhelden-Comics nie – auch bei Alan Moore nicht.

DIE TOP 5 VON THOMAS KÖGEL

 Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens
von Ulli Lust
Avant-Verlag
29,95 Euro

Eine 460 Seiten dicke, autobiographische Geschichte aus einer Punk-bewegten Jugend der 80er Jahre. Ulli Lust erzählt, mit dem zeitlichen Abstand von mehr als 20 Jahren, von der abenteuerlichen Italienreise zweier Teenager-Mädchen aus Wien. Was als spaßiger Anarcho-Sommertrip beginnt, wird bald geprägt von Demütigungen und Entwürdigungen, denn im Süditalien der 80er Jahre sind allein reisende junge Frauen sexuelles Freiwild. Ulli Lust erzählt von jugendlichen Sehnsüchten, von Euphorie und Am-Boden-Sein. Aber auch von Stolz und Würde und wie es gelingen kann, diese zu bewahren. Das ganze ist enorm mitreißend erzählt und hinterlässt mit Sicherheit bei jedem Leser einen bleibenden Eindruck.
[Rezension bei Comicgate]


 Hector Umbra
von Uli Oesterle
Carlsen Verlag
24,90 Euro

Lange hat’s gedauert, bis Uli Oesterle sein 2003 begonnenes Werk abschließen konnte. Das Warten hat sich gelohnt, denn Hector Umbra ist ein wunderbarer Mix aus Mystery und Charakterdrama, aus Science-Fiction und Alltagsgeschichte. Die an Pulp-Fantasy erinnernde, surreale Geschichte von lebendig gewordenen Wahnvorstellungen, die die Menschheit unterjochen wollen, wird geerdet durch glaubwürdige Charaktere, humorvolle Dialoge und nicht zuletzt durch den Schauplatz München, der jenseits aller Klischees als heimelige Stadt mit düsteren Abgründen gezeigt wird. Die ein oder andere dramaturgische Schwäche wird mehr als ausgeglichen durch Oesterles fulminante Zeichnungen, die mit ihren Ecken und Kanten und ausgeklügeltem Einsatz von Licht und Schatten perfekt zu der Story passen. Deutsches Comic-Entertainment, wie man es nur ganz ganz selten bekommt.

 Spirou und Fantasio Spezial 8 – Spirou: Porträt eines Helden als junger Tor
von Émile Bravo
Carlsen Comics
8 Euro

Mit seiner Spirou-Spezialausgabe Porträt eines Helden als junger Tor schafft Zeichner und Autor Émile Bravo einen schwierigen Spagat: Er bleibt der jahrzehntealten Tradition der Serie treu und kreiert gleichzeitig etwas völlig Neues. Diese Geschichte spielt nicht in einer verrückten, leicht fantastischen Comicwelt, sondern in der Realität des Jahres 1939. Plötzlich muss sich der kleine Hotelpage mit der harten Wirklichkeit und den Schrecken des bevorstehenden Zweiten Weltkriegs auseinandersetzen. Bravo mischt souverän ernsthafte und nachdenkliche Momente mit humorvollen Szenen und streut als Bonus kleine Insider-Gags dazwischen. Auch sein Artwork ist auf faszinierende Weise gleichzeitig charmant-altmodisch und trotzdem zeitgemäß. Nebenbei dient die Geschichte als klassische „origin story“, die beispielsweise die Frage beantwortet, wie Spirou zu seiner Uniform und zu seinem Spitznamen kam. Ein wunderbares Album, das man dem Spirou-Allessammler ebenso ans Herz legen kann wie Lesern, die noch nie einen Band der Serie gelesen haben.
[Rezension bei Comicgate]

 Wednesday Comics (US)
von diversen Künstlern
DC Comics
Sammelband: 49,99 US-Dollar

Nunja, die besten Comics des Jahres sind in Wednesday Comics eher nicht zu finden, denn inhaltlich war dieses Projekt teilweise enttäuschend. Trotzdem gehört die 12-teilige Serie, die DC Comics im Sommer im Wochenrhythmus veröffentlichte, zu den bemerkenswertesten Comicpublikationen des Jahres. Die Wednesday Comics erschienen auf Zeitungspapier im Zeitungsformat, eine Seite hat die vierfache Größe einer regulären Comicseite. Damit war die Anthologie eine Verneigung vor der leider längst vergangenen Ära der Zeitungscomics, besonders den farbigen Comicbeilagen der US-Zeitungen. Prominente Autoren (z.B. Dave Gibbons, Brian Azzarello, Neil Gaiman) und Zeichner (z.B. Mike Allred, Eduardo Risso, Paul Pope) erzählten Fortsetzungsgeschichten mit verschiedensten DC-Helden. Jeder nutzte das besondere Format (eine Seite pro Woche, vierfache Seitengröße) auf seine Weise, nicht alle wussten etwas Besonderes damit anzufangen. Neben etlichen unspektakulären Beiträgen glänzen jedoch die vor allem grafisch überzeugenden Arbeiten von Karl Kerschl (The Flash), Paul Pope (Strange Adventures) und Kyle Baker (Hawkman). Und bei Ben Caldwells Wonder Woman-Geschichte ist es immerhin interessant, dem Künstler dabei zuzusehen, wie er versucht, dem Format etwas Großes abzuringen, und dabei scheitert. Wednesday Comics ist damit zwar kein Erfolg auf ganzer Linie, verdient aber Lob als verlegerisches und formales Experiment. Ein Sammelband (etwas kleiner, ohne Zeitungsfeeling, dafür als edles Hardcover) erscheint im Mai 2010. Sollte es eine zweite Runde geben (vielleicht als Vertigo-Titel, außerhalb des DC-Universums?) wäre ich wieder dabei.

 The Eternal Smile (US)
von Gene Luen Yang und Derek Kirk Kim
First Second
16,95 US-Dollar

Die beiden asiatischstämmigen US-Comickünstler Gene Luen Yang (American Born Chinese) und Derek Kirk Kim (Ganz gleich) legten 1999 bei Image Comics eine Kurzgeschichte namens „Duncan’s Kingdom“ vor. Auf den ersten Blick ein klassisches Märchen vom heldenhaften Ritter, der die Königstochter bekommt, wenn er ihr den Kopf der bösen Froschmänner bringt. Wäre da nicht eine Colaflasche, die mitten im Comic auftaucht und die Frage nach der Grenze zwischen Realität und Fantasie aufwirft. Genau diese Grenze beschäftigt Yang und Kim auch in den beiden anderen Geschichten, die in diesem Band versammelt sind. „The Eternal Smile“ beginnt als lustige Parodie auf Barks’sche Onkel-Dagobert-Comics (nur mit Fröschen statt Enten), nimmt dann aber die Abzweigung in Richtung Truman Show. Die letzte Geschichte, „Urgent Request“, erzählt davon, was passieren könnte, wenn man auf die berüchtigten Spam-Emails antwortet, die von angeblichen afrikanischen Prinzen verschickt werden und große Reichtümer versprechen. In jeder der drei Geschichten gibt es einen Twist, der die Story in eine unerwartete Richtung lenkt. Alle drei sind völlig eigenständig, was schon dadurch deutlich wird, dass Zeichner Derek Kirk Kim sie in komplett unterschiedlichen grafischen Stilen gestaltet, so dass man denken könnte, sie seien von drei verschiedenen Zeichnern. Doch am Stück gelesen, ergibt sich ein gemeinsames Thema. Es geht um den Gegensatz und die Wechselwirkungen zwischen der Realität und den Traumwelten, in die wir gerne flüchten, um Eskapismus und was wir daraus machen. Vielschichtig, nachdenklich und dabei überaus unterhaltsam.

Mit fremder Feder

fremdefeder1.jpgBislang stand der Name „Finix“ ja ausnahmslos für ein äußerst löbliches Verlagsprojekt, in Zuge dessen Albenreihen, die zuvor bei anderen Verlagen scheiterten, zu einem Ende verholfen wurde. Jetzt scheint für Finix die Zeit gekommen zu sein, sich an eine Erweiterung des Programms und die damit einhergehende Profilschärfung zu wagen: Aus diesem Grund wurde die Edition Solitaire aus der Taufe gehoben, gewissemaßen ein Sublabel, in welchem abgeschlossene Einzelalben ihren Platz finden sollen.

Den Startpunkt markiert der Comic „Mit fremder Feder“ von Fabrice Lebeault, ein wirklich bemerkenswertes Werk, das mir bereits von Beginn an äußerst gut gefallen hat. Darin geht es um den jungen Schriftsteller und Literaturkritiker Fortune, dem eines Tages „Der Rabe“ erscheint, die Titelfigur einer erfolgreichen Groschenromanreihe . Dieser möchte Fortune, der sich ohnehin im Rahmen seiner Doktorarbeit kritisch mit dem dem Bestseller beschäftigt hat, von seinem ungewöhnlichen Plan überzeugen: Der Rabe will Einfluss auf die charakterliche Darstellung seiner selbst nehmen, das heißt, der Autor soll seine Figur zum Verbrecher umschreiben. Die Umsetzung des Planes erweist sich umso komplexer, da der Autor selbst völlig anonym lebt und ihn keiner je persönlich gesehen hat.

Die Auflösung dieses im Paris des 19. Jahrhunderts angesiedelten Verwirrspiels wartet mit so mancher Überraschung auf und lässt einem als Leser wirklich angestrengt miträtseln. Überhaupt ist die Erzählung sehr klug gestrickt, denn sie bewegt sich immer zwischen Fiktion und Wirklichkeit und wirft nebenbei Fragen zur Schriftstellerei als Kunst und zum Roman als plagiatsanfälligem Medium auf. All das wird durch die Augen von Fortune erlebt, einem Skeptiker, der vom mysteriösen Raben mit Maske und Zylinder unfreiwillig in ein unglaubliches Abenteuer mitgerissen wird und der Suche nach Antworten letztlich doch nicht widerstehen kann.

“Mit fremder Feder“ ist ein außerordentlicher Comic, der einfach vieles richtig macht. Er erzeugt Spannung, ist ideenreich und bietet einprägsame Charaktere. Fabrice Lebeault gelingt es, mit seinen lebendigen Zeichnungen vor allem das Pariser Stadtleben jener Epoche für sich einzunehmen. Vielleicht weniger auffällig, aber bei näherer Betrachtung hervorragend geglückt, ist auch der Audruck des „Raben“. Ob dieser nun über die Dächer turnt, über Mauern balanciert oder durch die Gassen stolziert, stets wirkt er dabei galant und von höchster Theatralik geleitet. Er ist eben keine reale Person, sondern entspringt einer erdachten Romanwelt. Und das weiß Fabrice Lebeault dem Leser einfach zwischen den Zeilen vorzüglich zu vermitteln.

Noch ein, zwei Worte zum Gesamteindruck des Bandes: Das erste Comicbuch der Edition Solitaire ist äußerlich sehr edel gehalten. Hardcover, Überformat, Spotlackeffekte verzieren das Cover, da kann man wirklich nicht meckern. Ebenfalls Teil des Konzeptes der neu gestarteten Edition ist der Abdruck etwaigen Bonusmaterials, im Falle von „Mit fremder Feder“ ist auf zwölf Seiten die komplette ursprüngliche Kurzgeschichte, quasi die Vorabversion vom Autor selbst, enthalten.

In dieser, auch inhaltlichen Qualität darf es gerne weitergehen. Finix hat für die Edition Solitaire einen tollen Einstieg gefunden.


Mit fremder Feder
Finix Comics (Edition Solitaire), Dezember 2009
Text/Zeichnungen: Fabrice Lebeault
80 Seiten, farbig, 17,80 Euro
ISBN: 978-3-941236-22-6
Leseprobe bei Finix

hervorragende Roman-/Comic-Kombination

 

 

 

 

 

 

 

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Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens

 Es ist 1984, Ulli ist gerade 17 geworden und lebt mit ihrer älteren Schwester in Wien, wo sie sich vor allem in der Punk-Szene bewegt. Auf Schule und Ausbildung hat sie gerade keine Lust, sie will experimentieren und das Leben möglichst spontan kennenlernen. Kein langes, rationales Abwägen, „Jetzt oder nie“ heißt die Devise. Das gilt auch, als ihre neue Bekanntschaft, die ein Jahr ältere Edi, vorschlägt, man könne doch einfach mal nach Italien fahren. Und zwar ohne Geld, ohne Gepäck und ohne Papiere. Was folgt, ist ein zweimonatiger Trip, der mit dem Wort „Abenteuer“ nur unzureichend beschrieben ist. Mehr als 20 Jahre später hat Ulli Lust aus ihren Erlebnissen von damals eine autobiographische Comicerzählung geformt, die den Leser in mehrfacher Hinsicht zum Staunen bringt.

Das beginnt schon beim Format: 464 Seiten hat Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens – so dick war wohl noch kein autobiographischer Comic aus deutschsprachiger Eigenproduktion. Aber Ulli Lust hat auch weitaus mehr zu erzählen als durchschnittliche Jugenderinnerungen, die beim Leser ein nostalgisches „Bei mir war's ganz ähnlich“-Gefühl auslösen. Die Erfahrungen, die sie auf ihrer Italienreise machte, haben andere Jugendliche eher nicht gemacht. Der Nervenkitzel beim illegalen Grenzübertritt im Wald gehört da noch zu den harmloseren Dingen – Ulli und Edi geraten an zwielichtige Typen, kommen in Kontakt mit harten Drogen und der Mafia und landen kurzzeitig im Gefängnis. Vor allem aber bekommen sie es immer wieder mit Männern zu tun, die die beiden jungen Österreicherinnen als sexuelles Freiwild betrachten und entsprechend behandeln.

 Edi hat damit kein großes Problem, sie ist ohnehin sehr sexhungrig und nutzt ihren Körper als praktisches Zahlungsmittel. Ulli jedoch findet die ständigen Zudringlichkeiten, denen sie immer wieder ausgesetzt ist, alles andere als angenehm. Dieses Gefühl steigert sich noch in der zweiten Hälfte des Buches, als Edi und Ulli wegen des einbrechenden Winters von Rom nach Sizilien weiterziehen. In der patriarchalischen, überaus konservativen Gesellschaft, die dort in den 80er Jahren herrscht, ist es schlichtweg unvorstellbar, dass junge Mädchen allein und selbstbestimmt herumlaufen. Und wenn doch, dann kann es sich ja nur um Huren handeln.

„Es ist gleichgültig, wie ich aussehe und was ich sage. Ich bin nur ein Loch auf zwei Beinen, mit zwei wackelnden Brüsten vorne dran.“ Das beklemmende Gefühl, wie ein Tier im Zoo angestarrt zu werden und ständig Angst vor sexuellen Übergriffen bis hin zur Vergewaltigung haben zu müssen, bringt Ulli Lust sehr überzeugend zu Papier. Während ihre Zeichnungen zunächst überwiegend realistisch-dokumentarisch gehalten sind, werden Angst, Wut und Verzweiflung später auch surreal-sinnbildlich dargestellt. „Ich muss mich zurückziehen. Ich muss verschwinden“, heißt es in einer Szene, worauf die Comicfigur Ulli vorübergehend unsichtbar wird. An anderer Stelle zeichnet sich die Künstlerin als wutentbranntes, in Flammen stehendes Mädchen oder einen schmierigen, zudringlichen Italiener als unförmige, glitschige Masse.

Am Tiefpunkt angekommen, nach einer Nacht im Gefängnis, gelingt es Ulli schließlich, das Italien-Kapitel zu beenden und nach Hause zurückzukehren. Eine glorreiche Heimkehr wird es freilich nicht.

 Obwohl die Themen, von denen hier erzählt wird, teilweise sehr unangenehm sind, ist dieser Comic trotzdem überaus unterhaltsam. Ulli Lust erzählt so lebensnah und mitreißend, dass eine Sogwirkung entsteht, die einen das Buch nur sehr schwer aus der Hand legen lässt. Nichts wirkt hier gekünstelt oder auf einen Effekt hin konstruiert, man nimmt der Autorin und Zeichnerin ab, was sie erzählt. Das gilt nicht nur für die schweren, dramatischen oder gefährlichen Momente, sondern auch für Szenen, die glückliche Momente beschreiben. Etwa, wenn sich Ulli und Edi über Kleinigkeiten wie eine Wurstsemmel freuen. Die Zeichnungen unterstützen diese Unmittelbarkeit. Schwarz und weiß, mit einem Olivgrünton als Ergänzung, wirken die Bilder sehr direkt, fast dokumentarisch. Gelegentlich werden alte Fotos oder Ausrisse aus ihrem Tagebuch eingestreut, was den dokumentarischen Effekt noch verstärkt.

„Überlebt und gezeichnet von Ulli Lust“ heißt es in der ersten Version von Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens, die ab 2005 in Einzelepisoden online auf electrocomics.com veröffentlicht wurde (für die Printausgabe wurde der Comic noch einmal neu bearbeitet). In dieser Formulierung klingt bereits an, dass die Zeichnerin ihre Erlebnisse von damals mit einer gewissen, nicht nur zeitlichen, Distanz betrachtet. Die Ich-Erzählerin in ihrem Buch, die das Geschehen gelegentlich kommentiert, ist die Ulli Lust von heute, die sich manchmal selbst wundert, wie naiv und blauäugig sie als Teenager war. Dies ist kein nostalgisch verklärter Blick zurück in die Jugendzeit, vielmehr ein schonungslos ehrliches Erinnern an eine Zeit, auf die die Autorin nicht stolz ist. So entschuldigt sie sich auf der letzten Seite des Buchs bei ihren Eltern und dankt ihrem Sohn dafür „dass er so vernünftig ist“.

Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens
Avant-Verlag, Oktober 2009
Text und Zeichnungen: Ulli Lust
464 Seiten, Softcover, schwarzweiß + olivgrün, 29,95 Euro.
ISBN: 978-3-939080-36-7

Extrem fesselnde, authentische Geschichte, hervorragend erzählt

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Abbildungen: © Ulli Lust / Avant-Verlag

Prophet 2: Infernum in Terra

 Der Beginn der insgesamt vierteiligen Serie Prophet von Xavier Dorison und Mathieu Lauffray zeigte, wie um den jungen Archäologen Jack Stanton die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zusammenbrach. Auslöser für die Apokalypse war die Entdeckung eines uralten dämonischen Artefakts, über die Stanton in seinem aufsehenerregenden Buch „Ante Genesem“ berichtete. Die Fortsetzung beantwortet einige offene Fragen, erhält sich jedoch eine unheimliche Spannung. Überhaupt ist hier Lauffray, der bei diesem Band sowohl für den Text als auch die Zeichnungen allein verantwortlich ist, nochmal in jeder Hinsicht eine Steigerung gelungen: dämonischer, postapokalyptischer und optisch imposanter. Die Handlung springt parallel durch die Zeitebenen und füllt damit die bisherigen Lücken. Jack Stantons Weg als ungewollter Prophet, der für die Rettung der Menschheit den Messias finden soll, wird dabei linear weitergesponnen.

Man merkt vor allem, dass sich der Künstler hier viel Mühe gibt, die richtige Atmosphäre einzufangen. Besonders hervorzuheben sind dabei die Titanen, hochhausgroße Dämonen, oder die unheimliche Kulisse des durch Ruinen gekennzeichneten New Yorks. Vom Inhalt her ähnelt die in diesem zweiten Band zu lesende Entwicklung der Matrix-Trilogie, nur dass Thematik hier vielmehr fantasy- und nicht sciencefictionlastig ausgelegt wird. Statt Maschinen gilt es bei Prophet eben Dämonen zu bekämpfen. Und diese Ausrichtung steht der Serie bislang ausgezeichnet.

Prophet 2: Infernum in Terra
Splitter, Dezember 2009
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro

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Liebe + Helden

 Allein die Aufmachung von Andi Watsons neuestem Streich Liebe + Helden ist ein echtes Highlight: Das über 300 Seiten starke Werk des britischen Künstlers brilliert mit einem edlen Rundrücken und einem herrlich reduzierten Cover. Letzteres deutet mit einem großen roten Herzen, das von der Flugschneise eines Capeträgers durchkreuzt wird, bereits die Hauptkomponenten des Comics an. Es handelt sich um eine Mischung aus Liebeserzählung und Superheldenstory. Und das in einer derart ausgewogenen Art und Weise, dass man sich durchaus schwer tut, Watsons Arbeit der einen oder anderen Leserschaft zu empfehlen.

Im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen dem Comiczeichner Jack Newton und der Journalistin Nora Pepins. Beide leben in einer Stadt, in der Superhelden und -schurken sich täglich miteinander anlegen und in der Comicverlage und Klatschmagazine für die zur Selbstvermarktung neigenden Helden eine willkommene Plattform bieten. In dieser für normale Menschen unbegreiflichen Welt versuchen Jack und Nora eine möglichst unkomplizierte Beziehung zu führen.

 Was aber umso schwerer zu bewerkstelligen ist, da beide berufstechnisch eng mit den Aktivitäten der Superwesen verbunden sind und dieser Umstand ständig zwischen ihnen steht. So gerät gerade der durch die Medien ausgewalzte Skandal um den Helden namens „Flamer“ zum wahren Beziehungskiller: Ausgerechnet Jack, der sich in einer Stadt voller Supermänner ohnehin kümmerlich vorkommt, ist nämlich der Zeichner der äußerst mäßig laufenden Flamer-Comicreihe, was ihm persönlich nach den jüngsten Ereignissten um seine Titelfigur natürlich nicht gerade Aufwind verleiht. Zudem gerät Jack in konspirative Verwicklungen, in denen der Flamer, dessen mutmaßliches Baby und Jacks plötzlich sprechende Katze eine entscheidende Rolle spielen.

Trotz der spannenden Verschwörung im Milieu der Superhelden lässt Andi Watson niemals die eigentliche Lovestory aus den Augen. So schwelt unter der Oberfläche z.B. immer Jacks mangelndes Selbstvertrauen und seine Eifersucht, die sogar dazu führt, dass er Noras Faszination für Helden als potentielle Untreue in Verdacht behält. Auch im Hinblick auf die Länge von über 300 Seiten hat man hier selten das Gefühl, dass die Spannung auf dem Weg verloren geht, weder in Sachen Liebe, noch bei der übernatürlichen Aufklärung.

 Für Marvel- oder DC-Fans zu soaplastig, für den Independentfreund zu unrealistisch, ist Liebe + Helden eine ungewohnte Kombination, deren Formel jedoch im großzügigen Grau dazwischen perfekt aufgeht. Dabei verlässt sich Watson auf seinen reduzierten Schwarz-Weiß-Stil, wie man ihn aus Werken wie Breakfast After Noon oder Little Star (beide ebenfalls bei Modern Tales erschienen) kennt und der das unterhaltsame Großstadtdrama nüchtern, aber lebensnah umsetzt.

Schlussendlich gewinnt die Erzählung auch durch den Umfang an Gewicht, wird doch sowohl die Liebesbeziehung als auch die Verschwörung im weiteren Verlauf stetig komplexer und damit für den Leser umso interessanter. Watson ist somit ein brillantes, vielleicht sogar sein bislang bemerkenswertestes Werk gelungen.

Liebe + Helden
Modern Tales, November 2009
Autor/Zeichner: Andi Watson
Hardcover, 320 Seiten, schwarz-weiß, 28 Euro
ISBN: 978-3-939585-12-1

Brillanter Genremix

 

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Abbildungen: © Modern Tales

 

Ein Mann geht an die Decke

Cover von Ein Mann geht an die DeckeDen klaren Strich hat sie sich behalten: Die Architektin Katharina Greve legt mit diesem Comic ihr Debüt im Printbereich vor, nachdem sie bereits u. a. bei Electrocomics veröffentlicht. Unaufgeregt erzählt sie von Frank Fink, Fahrstuhlführer im Berliner Fernsehturm, der eines Tages eine um 90° gedrehte Welt im Treppenhaus seiner Arbeitsstätte entdeckt. Seine geordnete Weltsicht wird dadurch gehörig aus der Bahn geworfen, aber die Neugier lässt ihn zurückkehren: Schließlich kann es jeder lernen, wie die Schwerkraft keinen Einfluss mehr auf den eigenen Körper hat. Und die Avancen von Frau Koschel, die ihn in die neuartige Welt einführt, schmeicheln ihm auch ein wenig. Wenn da nicht seine Frau zu Hause warten würde …

 

Seinen Reiz bezieht der Comic aus der gestalterischen Umsetzung der verdrehten Welt und der kompakten Erzählung (Website). Ein rundes Stück, über das ich im Podcast Zettgeist 101 mehr erzähle (zum Anhören auf „abonnieren“ klicken). 

Ein Mann geht an die Decke
Die Biblyothek, Oktober 2009
48 Seiten, s/w, Hardcover
Preis: 14,- Euro

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Unheimlich 3 – Die Toten

Unheimlich 3: Die TotenUnheimlich ist eine Horror-Heftchen-Serie aus Deutschland. Verlegt wird sie in Zusammenarbeit mit Edition 52. Das erste Heft kam im Juni 2006 heraus. Federführend hinter dem Projekt stehen Alexander Fechner und Miguel E. Riveros Silva (Millus). Inzwischen gibt es fünf Ausgaben von Unheimlich: Drei der regulären Serie, eine asiatische und ein Sonderheft. Weitere sind – wenn man dem Netz Glauben schenken möchte – bereits in Arbeit. Thematisch und formal bewegt sich Unheimlich in der Nähe der Hammerharten Horrorschocker aus dem Hause Weißblech. Der Vergleich muss gestattet werden: Beide Serien sind Horror, beide haben ein Kleinformat, beide kommen aus der deutschen Indie-Szene.

Jüngst (will heißen: Anfang Dezember 2009) ist die dritte Ausgabe von Unheimlich erschienen. Sie trägt den Titel „Die Toten“ und stammt aus der Feder von Millus. Es geht darin um eine Reihe von Selbstmorden in Köln und eine Gruppe Ermittler, die mehr hinter der Sache vermutet, als es zunächst den Anschein haben mag. So sehr man sich auch über jedes Pflänzchen im deutschen Comic-Garten freuen mag und so sehr auch die Qualitäten von Unheimlich in Sachen Layout und Material ins Auge fallen: Es gibt noch viel zu tun. Das Storytelling von „Die Toten“ ist solide und liefert eine runde, abgeschlossene und stets verständliche Geschichte. Für das Nehmen dieser Hürde dankbar, hätte sich der Leser auch noch über ein paar weitere Dinge gefreut. Ein bisschen spannender hätte es schon sein dürfen. Ein bisschen mehr Tiefe hätte den Figuren gut getan. Zeichnerisch: Anatomie, Physiognomie und Perspektive hätten ebenfalls noch einen Zahn zulegen dürfen. Und mehr Tentakel. Mehr Tentakel auf jeden Fall. Schließlich steht Lovecraft vorne auf dem Cover.

Unheimlich – Lovecraftian Horror 3
Edition 52, Dezember 2009
40 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 4,- Euro

 

Jeronimus 1: Ruhe vor dem Sturm

 Nach einer wahren Geschichte erzählen Christophe Dabitch und Jean-Denis Pendanx in einer mehrteiligen Saga von der Jungfernfahrt der Batavia, dem im frühen 17. Jahrhundert prächtigsten Schiff der Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC). Von Beginn an lassen die beiden Kreativen hier keinen Zweifel darüber aufkommen, dass bei dieser Unternehmung etwas gehörig schiefgelaufen sein muss, doch der Leser bekommt erstmal nur Andeutungen geliefert. Dass die bereits reichen, um einen gebannt weiterblättern zu lassen, liegt an der äußerst bedrohlichen Atmosphäre, die hier nach und nach aufgebaut wird.

So weiß man schon zu Anfang, dass die Batavia und ihre Besatzung ihr Ziel niemals erreichen werden und dass der sich an Bord befindliche Holländer Jeronimus Cornelisz einen negativen Wandel vollziehen wird. Von einer „furchtbaren Expedition“, einem „Menschenexperiment“ ist die Rede, Cornelisz selbst, so klingt an, werde schon bald zum Monster.

 Im Jahr 1627, ein Jahr vor Abreise des Schiffes, setzt die eigentliche Handlung ein. Im Mittelpunkt steht hier das bürgerliche Leben des gläubigen Apothekers Jeronimus Cornelisz. Er wird als Freidenker dargestellt, dessen Ideen selbst im liberalen Amsterdam auf heftigen Widerstand stoßen. Nachdem sein Sohn an Syphilis stirbt, flieht er vor seiner Frau und der Anklage seiner Landsleute, ein Ketzer zu sein. Schließlich bietet sich ihm auf der Batavia ein Platz als Unterkaufmann und so nimmt das Geschehen seinen Lauf.

Der Titel des ersten Bandes, „Ruhe vor dem Sturm“, spiegelt den eigentlichen Inhalt sehr gut wider, denn in der Tat ist von dem grausamen Verlauf der Expedition wenig zu spüren. Jeronimus Cornelisz ist hier noch von eher zurückhaltender Natur, er erscheint zivilisiert und ordnet sich seinen Vorgesetzten unter. Umso spannender bleibt die Frage nach der deutlichen Wendung, die es ja unleugbar geben muss.

 Jean-Denis Pendanx setzt diesen hervorragenden Comic in malerische Bilder um, die tatsächlich sehr an alte Gemälde erinnern und deswegen perfekt zu dieser Seefahrer-Story passen. Prägend für diesen ersten Teil von Jeronimus sind aber sicherlich nicht die zugegeben schönen Bilder, sondern die Off-Texte, die die Handlung begleiten und die voller Dramatik stecken. Schließlich skizzieren sie die sich bedächtig verändernde Persönlichkeit der Hauptfigur, die auf dem Schiff zum geschickten „Schauspieler“ mutiert, dafür jedoch gar nicht „prädestiniert“ schien. Allein die Wortwahl in der erzählerischen Stimme erzeugt mit ihrem Wissen über den Ausgang ein so mulmiges Gefühl beim Lesen, wie ich es selten bei einem Comic hatte. Grund genug also, sich diesen tollen ersten Band mal genauer anzusehen.

 

Jeronimus 1: Ruhe vor dem Sturm
Schreiber & Leser, Oktober 2009
Text:
Christophe Dabitch
Zeichnungen: Jean-Denis Pendanx
80 Seiten, farbig; 18,80 Euro
ISBN: 978-3-941239-24-1

Historiendrama in malerischer Kulisse

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Abbildungen: © Schreiber & Leser