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Vinci

vinci.jpgDer Autor Didier Convard (Tanatos 1, CG-Rezension) und der Zeichner Gilles Chaillet (Das geheime Dreieck 1) nehmen eine historische Persönlichkeit als Ausgangspunkt für ihre gemeinsame Arbeit. Dabei handelt es sich um niemand geringeren als den berühmten und vielseitig begabten Leonardo da Vinci – aus heutiger Sicht ein Allround-Genie. Der Künstler und Wissenschaftler wird in Vinci zum Anti-Helden-Typ eines Grafen von Monte Cristo stilisiert. Die 2008 zuvor in zwei Bänden („Der zerbrochene Engel“ und „Schatten und Licht“) bei Editions Glénat veröffentlichte Geschichte ist nun bei der Ehapa Comic Collection als „All in one“-Hardcovergesamtausgabe mit einer veredelten „Spot-Lack“-Umschlagsgestaltung erschienen. Der historisierende Abenteuercomic ist in zwei Kapitel unterteilt, die sich an den beiden ursprünglichen Ausgaben orientieren und nach diesen betitelt sind.

Inhaltlich beginnt die Geschichte damit, dass im November 1519 König Franz I. das letzte Gemälde Leonardo da Vincis vor den Augen der Öffentlichkeit durch einen Mönch verstecken und aufbewahren lässt. Auch dem Leser bleibt es verborgen. Der Grund für diese drastische Maßnahme ist vordergründig die abstoßende Darstellung: Der Ruhm des Genies soll nach dessen Ableben nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Dieses Szenario bildet gleichzeitig den narrativen Rahmen der Geschichte. Denn König Franz I. wird im Folgenden den Mönch – und dadurch auch den Leser – in das Geheimnis um das fragwürdige Kunstwerk einweihen.

Die rückblickende Schilderung des Königs beginnt in Mailand am 15. Dezember 1494, als die Leiche des Notars Christoforo di Rodrigo am Ufer des Martesana-Kanals entdeckt wird. Spätestens als festgestellt wird, dass der Leiche das Gesicht abgezogen wurde, steht fest, dass es sich um keinen gewöhnlichen Mord handelt.

Ab diesem Zeitpunkt entführt Autor Didier Convard seine Leser in eine spannende Mordserie, die zugleich ein touristischer Rundgang in Mailand und später in Venedig ist. Dabei erweist sich der Protagonist Leonardo da Vinci als polyphoner Anti-Held. Die moralisch zweifelhaften Taten des Genies sowie seine persönliche Spaltung in zwei Identitäten verweisen eindeutig auf Alexandre Dumas‘ Roman Der Graf von Monte Cristo. Im Gegensatz zu Dumas‘ Figur befähigen aber Convards Helden dessen wissenschaftlichen Kenntnisse zum Ausleben einer geheimen Identität. Darüber hinaus erinnert die spannende Geschichte in vielen Punkten auch an Fjodr Dostojewskis philosophischen Kriminalroman Schuld und Sühne. Vor allem in punkto Moral und im Hinblick auf den Fakt, dass der Mörder – dort ist es Rodion Raskolnikoff – bekannt ist, gibt es Übereinstimmungen mit dem russischen Dichter. Der da Vinci Convards erinnert in manchen Punkten an weitere Romanfiguren wie an die Hauptfigur aus Patrick Süskinds Das Parfum. So morden die Protagonisten der beiden Geschichten einzig und allein zu einem speziellen Zweck.

Beispielseite aus dem frz. Original von GlénatÄsthetisch schlägt Vinci nicht in die gleiche meisterliche Kerbe wie die Erzählung. Gilles Chaillets Strich ist klar und souverän, aber kein künstlerischer Geniestreich. Die Zeichnungen sind detailreich und die Kolorierung besticht durch matte Farben, die gut zur historischen Kulisse passen. Auch bei den zahlreichen Sehenswürdigkeiten – zum Beispiel die Mailänder Kathedrale oder „Das letzte Abendmahl“ in der Santa Maria delle Grazie – stellt sich ein Wiedererkennungsgefühl ein.

Convard und Chaillet ist ein extrem spannender historisierender Kriminalcomic gelungen. Vinci kann trotz eines Abzugs in der B-Note gut und gerne als weitere Perle der „All in one“-Reihe betrachtet werden.

 

 


Vinci
Ehapa Comic Collection, Januar 2010
Text: Didier Convard
Zeichnungen: Gilles Chaillet
Hardcover, 112 Seiten, farbig; 29,95 Euro
ISBN 978-3-7704-3337-7

Meisterliche Kriminalerzählung mit souveränen Zeichungen

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nlintX


Abbildungen: Vinci © Glénat, © der dt. Ausgabe Ehapa Comic Collection

Daredevil 5: Hart aber ungerecht

 In dem neuesten Band der Daredevil-Reihe ist Matt Murdock als Daredevil wieder ganz unten und muss sich erstmal berappeln.

Murdocks Frau ist in einer Nervenheilanstalt und Matt Murdock kommt mit der Trennung gar nicht zurecht. Seine überentwickelten Sinne nehmen Spuren seiner Frau überall wahr. Während seine Freunde und Verbündeten vergeblich versuchen, ihn wieder auf die Spur zu bringen, versinkt Murdock in Selbstmitleid und lässt seine Frustration mit brutaler Gewalt an den Kriminellen seines Viertels aus. Auch die Begegnung mit Black Tarantula kann ihn nicht ablenken. Erst nachdem er wieder einen Fall als Anwalt übernimmt, gewinnt er sein Selbstvertrauen zurück. Aber der Fall eines Schwerverbrechers, der in der Todeszelle sitzt für ein Verbrechen, das er zwar nicht begangen, aber gestanden hat, bringt auch Matt Murdocks Freunde in Lebensgefahr.

Der Band versammelt die US-Ausgaben Daredevil (Vol.2) 106-110 und den One-Shot Daredevil: Blood of the Tarantula in einem harmonischen Ganzen. Das Heft Nummer 106 (“Sympathy for the Devil“)schildert Daredevil in seinem inneren Kampf, der erst ab Heft Nummer 107 mit der Storyline „Cruel and Unusual“ (Nummer 107-110) richtig losgeht. Der One-Shot fügt sich harmonisch in das Thema ein. Somit liest sich der ganze Band wie aus einem Guss und ist nicht nur für die Stammleser der Reihe interessant, sondern auch für Neueinsteiger absolut verständlich (auch wenn man für die Einordnungen mancher Figuren etwas länger brauchen könnte, aber das stört den Lesefluss nicht).

Daredevil war schon öfter psychisch und physisch ganz unten, man erinnere sich nur an die hervorragenden Geschichten von Frank Miller. Der Verdienst von Ed Brubaker liegt aber darin, die Gründe für die Depression auf ein normales Level zurückholen, so dass sich jeder mit den psychischen Leiden Daredevils bzw. Murdocks identifizieren kann. Bravo. Auch die anderen Handlungsstränge sind nicht dramaturgisch übertrieben, sondern sehr glaubhaft und down to earth. Da scheint der künstlerische Hintergrund von Brubaker mit seinen Serien Sleeper und vor allem Criminal durch.

Auch sein „Gast“-und Costar Greg Rucka ist als Autor nicht nur im Superheldengenre tätig, sondern hat mit der Whiteout-Reihe eine hervorragende Krimiserie geschaffen. Damit treffen sich hier zwei Superstars des Comickrimis, was sich positiv auswirkt. Natürlich geht es um Superhelden und deren Probleme, aber durch die ganze Gestaltungsweise bleibt es glaubhaft wie zum Beispiel in der Episode mit Black Tarantula. Man merkt dem Band an, dass Brubaker und Rucka gerne und viel Kriminalgeschichten schreiben. Das tut dem Band gut und macht ihn auf jeder Seite spannend zu lesen. Besonders die Parallelmontage gegen Ende, in der Daredevil in eine Falle läuft, während eine seiner Verbündeten mit dem Tode ringt, ist meisterhaft gestaltet. Die Farbgebung von Matt Hollingsworth bestärkt den Eindruck der Bodenhaftung. Die Farben sind sehr gedeckt und dunkel gehalten und versetzen den Leser in einen Film Noir.

Daredevil: Hart, aber ungerecht
Panini Comics, November 2009
Text: Ed Brubaker, Greg Rucka,
Ande Parks
Zeichnungen: Michael Lark, Stefano Gaudiano, Paul Azaceta, Chris Samnee
Softcover, farbig; Euro: 16,95
ISBN: 4197723216958

Hervorragender Superheldenband, der die Psyche der Helden gut beleuchtet

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drüben!

drueben.jpg„Ich möchte ausreisen.“

Es ist heute fast unvorstellbar, welche emotionale Wucht dieser einfache Satz in der DDR besaß. Wer einen Antrag auf Ausreise stellte und sich noch nicht im Rentenalter befand, wurde im realsozialistischen Einparteienstaat nach diesem Bekenntnis automatisch zum Dissidenten und Verräter an der guten Sache erklärt. In der nun folgenden oft Jahre anhaltenden, zermürbenden „Bearbeitungszeit“ bis zur Genehmigung waren der Antragssteller und seine nahe Verwandschaft schutzlos den teils subtilen, teils brutal offenen Schikanen der Staatssicherheit ausgesetzt – offziell als „Zersetzungsmethode“ bezeichneter Psychoterror, mit dem Ziel, eine Rücknahme des Antrags zu erreichen. Hinzu kam in vielen Fällen der sofortige Verlust des Arbeitsplatzes und die soziale Ächtung durch Nachbarn, Kollegen und Verwandte, entweder motiviert durch überzeugte Systemtreue oder die Angst vor einem ähnlichen Schicksal.

Diesen Zustand der Unsicherheit und Ausgrenzung gibt Simon Schwartz in seinem autobiografischen Comic drüben! beeindruckend wieder, wenn er die Geschichte seiner Eltern erzählt, die den Entschluss zur Ausreise kurz vor seiner Geburt Anfang der 1980er fassten. Im Folgenden gerieten sie dadurch ins Auge der Stasi und entzweiten sich mit den Großeltern väterlicherseits. Doch drüben! ist keine verbitterte Anklage gegen den einstigen deutschen Unrechtsstaat. Die Comicerzählung bewahrt sich eine gewisse Ambivalenz dadurch, dass sich der Künstler die Zeit nimmt, die langsame Wandlung seines Vaters vom überzeugten Jungsozialisten zum Systemflüchtling nachzuzeichnen. Auch versucht er, die ihm so fremden, systemtreuen Großeltern zu verstehen.

 Wie es in Persepolis, dem Klassenprimus im Genre der autobiografischen Geschichtscomics, in Bezug auf den Iran geschieht, wird auch in drüben! an Hand des eigenen Familienschicksals das Leben und Denken in der für viele, vor allem jüngere Deutsche bereits so fernen DDR greif- und begreifbar gemacht. Die Erlebnisse seiner Eltern bis zur Ausreise wechseln sich ab mit frühen Kindheitserinnerungen des Zeichners an das Leben in Westberlin und die Zeit nach dem Mauerfall. Der Irrwitz des geteilten Landes offenbart sich so durch die Augen des kleinen Simons, der bereits in seiner kindlichen Naivität ein Gefühl nicht nur für die äußere, sondern – angesichts seiner Familie – auch die innere Spaltung des Landes entwickelt. Trotz der wiederholten zeitlichen Sprünge in beide Richtungen verliert die Geschichte jedoch nie an Stringenz und liest sich äußerst angenehm.

Auch stilistisch weht ein Hauch von Persepolis durch den Comic – interessanterweise ist es aber weniger Marjane Satrapis viel minimalistischer gehaltener Comic, an den drüben! optisch erinnert, sondern eher die ausgefeiltere und mit mehr Hintergründen aufwartende Zeichentrickadaption. Im Gegensatz zu Persepolis ist drüben! auch kein klassischer Schwarz-Weiß-Comic, sondern in sorgfältig abgestimmten Grautönen gehalten, die hervorragend mit Stil und Inhalt der Geschichte funktionieren. Kleiner zeichnerischer Wermutstropfen sind die Gebäude- und Straßenszenerien, die oft einen Tick zu glatt und symmetrisch wirken.

 drüben! glänzt nicht mit atemberaubenden Bildern und aufregenden Panellayouts, sondern kommt visuell eher klassisch und unspektakulär daher, was der überwiegend ruhigen, persönlichen Geschichte aber recht angemessen erscheint. In diesem Rahmen nutzt Schwartz dann auch gekonnt viele Möglichkeiten des Mediums Comic und transportiert über seine Zeichnungen erfolgreich die Gefühle der Figuren: Das Unbehagen des kleinen Simons gegenüber dem gestrengen DDR-Grenzposten bei der Passkontrolle anläßlich eines Besuchs bei den Großeltern wird dem Leser ebenso leicht zugänglich wie die Zweifel und Gewissenskämpfe seines Vaters während seiner bebilderten Transformation vom Systemanhänger zum Dissidenten.

Wie seine Zeichnerkollegen Arne Bellstorf, Line Hoven und Sascha Hommer hat Simon Schwartz an der HAW Hamburg Illustration bei Anke Feuchtenberger studiert, wo drüben! ursprünglich als Diplomarbeit entstand. Wieder ein Gewinn für die Hamburger (Zeichen-)Schule also, der letztendlich natürlich einer für die gesamtdeutsche Comicszene ist. Simon Schwartz empfiehlt sich hier mit einem sehr ansprechenden Comic, der einfühlsam ein Stückchen des deutsch-deutschen Trennungstraumas aufarbeitet – und das deutlich über dem Niveau vieler anderer Erstlingswerke! Auf sein bereits in Arbeit befindliches Nachfolgeprojekt darf man gespannt sein.

Und falls sich ein Geschichts- oder Politiklehrer zu dieser Rezension verirrt haben sollte: drüben! gibt zweifelsohne eine ideale Schullektüre und Diskussiongrundlage zum Thema „Deutsche Demokratische Republik“ ab.

drüben!
Avant-Verlag, Oktober 2009
Text und Zeichnungen: Simon Schwartz
110 Seiten, Softcover, s/w, 14,90 Euro
ISBN: 978-3-939080-37-4

Gut

   

 

Feine Comickunst und Nachhilfe in Sachen DDR in Einem

 

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Abbildungen © Simon Schwartz/Avant-Verlag

Helden ohne Skrupel 10: Nördlich von White Sands

 Nazis, Ufos, Sekten, Kommunisten. Bei Helden ohne Skrupel gibt es scheinbar nichts, was es nicht gibt. Mac und seine Entourage befinden sich immer noch in den USA. Nachdem sie Macs Tochter Jade endlich wiedergefunden haben, steht jetzt das Wiedersehen mit der abtrünnigen Agentin Alix, Jades Mutter, auf dem Programm. Doch die Begegnung verläuft nicht ganz so einfach wie geplant, denn die illustre Truppe gerät in ein verwirrendes Komplott und zwischen die Fronten von Außerirdischen und Nazis. Wer hier was ausheckt oder welches Geheimnis verbirgt, ist nicht immer leicht zu ermitteln. Teilweise werden hier die Erzählstränge aus Band 9 weitergeführt, weshalb auch etliche Nebencharaktere erneut auftauchen und den Roadtrip der Protagonisten auf skurrile Weise flankieren.

Auch die Fortsetzung des Amerika-Zyklus von Helden ohne Skrupel beweist wieder viel schwarzen Humor und treibt die Verschörung an die Grenze des Nachvollziehbaren. Mit einem Augenzwinkern entwickelten die beiden Kreativen, Yann und Didier Conrad, eine frische, witzige Serie, die auch von den diversen Running-Gags ihrer Figuren lebt, z.B. Macs Kumpel Tony, der stets verloren geht und sich in absurden Situationen wiederfindet. Das passiert dann auf einer Ebene, die wenig relevant für den Handlungsverlauf an sich, aber stilprägend für diesen eigenwilligen Titel ist.

Helden ohne Skrupel 10: Nördlich von White Sands
Finix Comics, November 2009
64 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 12,80 Euro

 

Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt

Die letzten Geheimnisse einer rationalen WeltIn Retrospektive betrachtet haben die Schweizer im vergangenen Jahr nicht gerade zur Verbesserung ihres Ansehens in Europa beigetragen. Nicht nur der Volksentscheid zum Minarett-Verbot, sondern auch die nicht ganz unumstrittene Festnahme von Roman Polanski, haben die Eidgenossen und ihre hoch gelobte Neutralität schlecht aussehen lassen. Anstatt diese Großereignisse aufs Korn zu nehmen, richtet der Comiczeichner Ruedi Widmer seinen Blick lieber auf den Schweizer Alltag und seine Individuen. Durch diese Hintertür gelingt es ihm, neben den Marketingstrategien der Schweizer Post und neuen Handyangeboten zum Schluss doch noch kritische Themen, wie eben den Minarettbeschluss, humoristisch zu hinterfragen. Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt erscheint seit 2000 als wöchentliche Comic-Kolumne in der Winterthurer Zeitung Der Landbote und liegt nun in gebundener Form vor (Sewicky Verlag). Widmer beweist in dieser Sammlung, dass Selbstreflexivität sehr wohl ein Schweizer Gut ist.

Für alle diejenigen, bei denen der Schweizer Name Widmer nur in Verbindung mit dem landesüblichen Prefix „Urs“ ein Glöcklein aufläuten lässt, dem mag vielleicht die Serie Die Wirklichkeit, mit Fleisch nachempfunden aus dem Magazin Titanic ein Begriff sein. Während auf dem Cover des endgültigen deutschen Satiremagazin monatlich relativ plakative Anspielungen auf die politische Situation zu sehen sind, finden sich im Inneren humoristische Perlen, wie eben Ruedi Widmer. In seiner eigenen Comic-Kolumne Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt beweist er ein geschultes Auge für das Alltägliche, dem ein gewisses Maß an Groteske innewohnt. Aus dem Kleinen heraus entwickelt Widmer so seine Anekdoten. Langsam, aber beständig steuern seine Karikaturen, Comics und Bildmontagen auf den Moment der Realisierung zu, an dem der Leser innehält, zurückschaut und sich fragt, ob er vielleicht etwas verpasst habe. Auf engsten Raum zwingt Widmer seine Leser zu eben dieser Reflektion.

Die PostIn mittlerweile über 500 Comics erzählt Widmer seine kleinen Anekdoten aus der Schweiz und zeigt all die einfältigen Eigenheiten dieser Eidgenossen, denen wir mit unserer deutschen Kleingeistigkeit oftmals in Nichts nachstehen. So regt man sich auch in der Schweiz über die aberwitzigen Angebote bei der Post auf: Widmers Protagonist möchte dort einen Rasenmäher erwerben, wird aber abgewiesen und zum nächsten Schalter verwiesen, da es hier nur Kuchen gebe, wie die Schalterfrau verkündet. Ein kleines Schild bedeutet dem Postkunden, dass das Verschicken von Pakten und Briefen nur bei der Hauptpost möglich und eh langweilig sei. Anstatt verwundert gegen diese skurrilen Verkaufsstrategien zu protestieren, spielt Widmers Figur brav mit und begibt sich zum „Rasenmäher“-Schalter. Der Aufschrei der Entrüstung bleibt dem Leser überlassen.

Advent, Advent, kein Lichtlein brenntWie aber vereinbart Widmer seine groteske Wirklichkeit mit der politischen Reflektion über den Minarett-Entscheid? Ebenso wie er es mit der Schweizer Post tut: Anstatt feuilletonistische Exempel zu statuieren und zu postulieren, ob es moralisch korrekt oder eben nicht sei, gegen die Minarette zu stimmen, schaut Widmer seinen Eidgenossen auf den Mund. Ganz ohne einen ergänzenden, einen erklärenden oder gar einen moralinsauren Kommentar abzugeben, übergibt er das Wort lieber an seine Mitbürger. Seinen unförmigen Figuren legt er Antworten aus einer Strassenumfrage in den Mund und desavouiert so die Unwissenheit über die fremde Religion, die maßgeblich zu dem Volksentscheid beigetragen hat.

Der krakelige Zeichenstil lässt einen Dilettantismus vermuten, der jedoch von Widmer beabsichtigt ist. Ebenso wie das Duo Rattelschneck bemüht sich Widmer erst gar nicht, anatomisch korrekte Figuren zu schaffen oder einen zugänglichen Stil zu entwickeln, er zeichnet einfach drauf los. Sein Kollege Constantin Seibt schreibt dazu: “Widmers Krakelstil ist der Stil der Freiheit. Ungeduldig, wie er ist, ist es der direkteste Weg von der Idee zum Papier.“ Die meisten der Cartoons sehen aus wie in einem Restaurant mal eben schnell auf eine Serviette gezeichnet und versprühen gleichzeitig eben die Genialität dieser oftmals genialen Ideen.

Der Selecta-AutomatSowohl Zeichenstil als auch die Alltäglichkeit der Themen machen Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt auf den ersten Blick zu einer leicht verdaulichen Unterhaltung. Unförmige Figuren, die vor einem Selecta-Automaten stehen, aus dem Meissner Porzellan fällt,  oder die sich über Gisele Bündchens Pelz aufregen, erfreuen unser Gemüt. Befreit von der allgegenwärtigen Moralkeule der Zeitungskarikaturen führt Widmer seine Leser von den kleinen Aufregern des Alltags hin zu den großen. Ganz unvermittelt stehen wir am Ende des Bandes im Jahre 2009 vor der Abbildung eines McDonald's und der Frage, ob ein Hamburger-Restaurant ein Minarett braucht.

Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt
Sewciky Verlag, Dezember 2009
Text und Zeichnungen: Ruedi Widmer
144 Seiten, Softcover, 100% farbfrei, ca. 19,00 Euro (29,00 SFr).
ISBN: 395
2308064

Schweizer Humor vom Feinsten

Bestellbar bei www.zappadoing.ch

Abbildungen: © Ruedi Widmer / Sewicky Verlag

Canoe Bay

Der umfangreiche Einzelband Canoe Bay ist canoe1.jpgein typisches Beispiel für einen Comic, bei dem sich der Leser anschließend wohl noch lange an die faszinierenden Bilder, dafür umso weniger an die seichte Story erinnern wird. Das ist umso bedauerlicher, da dieser Band mit einer entsprechend nachhaltigen Erzählung durchaus das Zeug zu einem der Topalben der letzten Jahre gehabt hätte.

Verantwortlich für die Textarbeit ist Tiburce Oger (u.a. Gorn), der in Canoe Bay die Geschichte eines kleinen Jungen zur Kolonialzeit erzählt. Im 18. Jahrhundert herrscht gerade die Fehde zwischen Franzosen und Briten auf dem nordamerikanischen Kontinent und indianische Stämme bekämpfen oder unterstützen die eine oder die andere Seite. Gefangengenommen und als Schiffsjunge auf einem britischen Schiff eingesetzt, gerät der Waisenjunge Jack unvermittelt in eine vom Piraten John Place angezettelte Meuterei. Fortan auf der Flucht vor den eigenen Landsmännern, begibt sich die abtrünnige Gruppierung auf die Suche nach einem legendären Schatz.

 Die Idee, die sich hinter dieser Handlung verbirgt, ist sicherlich nicht übel. Und auch die Umsetzung funktioniert für eine stringente Piratenstory. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass man das alles irgendwie in ähnlicher Form bereits kennt: die Perspektive durch die Augen eines unschuldigen Kindes, ein kauziger Pirat, das große Abenteuer auf einem Segelschiff. Nicht, dass diese Elemente, auch gerne in Kombination, per se unantastbar für einen guten Comic wären, aber leider gelingt es Tiburce Oger hier nicht wirklich, dem Leser viel zu vermitteln. Vielmehr ebbt die Geschichte so flau ab wie sie begann und weiß keine übermäßige Spannung zu erzeugen. Canoe Bay kratzt an der Oberfläche, an den Gefahren der Neuen Welt Amerika, an einer historischen Thematik, die leicht konfus rübergebracht wird und deren Herausarbeitung  im Zuge der allzu aufgesetzten Schatzsuche stecken bleibt.

Das alles müsste man aber ehrlich gesagt gar nicht mit so kritischem Auge sehen, wenn die zeichnerische Qualität nicht so hervorstechen würde. Im Zusammenspiel mit den aquarellfarbenen Gemälden von Patrick Prugne verblasst die Story schlichtweg. Selten gab es in einem Comic auf diese Weise so spektakuläre Bilder. Wenn scheue Rehe in einer Waldlichtung Nahrung suchen und die Melancholie dieser Szene durch einen heranstürmenden Menschen gebrochen wird, als Kulisse ein unnachahmliches Farbenspiel aus Grün und Braun, das den Wald noch lebendiger erscheinen lässt, dann ist das ganz großes Kino. Und das ist nur die Inhaltsbeschreibung der ersten Seite, man kann sich also vorstellen, in welch euphorischen Zustand man bei weiteren Seiten noch so geraten mag. Prugne versteht es perfekt, Landschaften für sich zu vereinnahmen, aber auch das Leben der Ureinwohner Amerikas hat er prägnant getroffen und porträtiert es auf beeindruckende Weise. Voller Anmut schreiten sie durch die Natur oder erspähen schon von weitem ankommende Schiffe. Die Farbpalette, die hier innerhalb eines Panels zum Einsatz kommt, scheint schier unendlich. Und trotz weiter, offener Kolorierung wurden die agierenden Personen stets mit ganz feinen Konturen gezeichnet und in das Gesamtbild stimmig eingefügt.

 Ganze 25 Bonusseiten in diesem Album sind dann auch der großen Kunst von Patrick Prugne gewidmet, gefüllt mit Skizzenmaterial und Erläuterungen. Dabei bekommt man auch nochmal einen tieferen Einblick in den Entstehungsprozess von Canoe Bay und darf weitere Bilder des Zeichners, teils skizziert, teils fertig koloriert, bestaunen.

Was bleibt, ist ein Album, das optisch ungemein imposant ist, von dem man aber nicht die innovativste oder bestgestrickte Handlung erwarten sollte. Für das Lesen zwischendurch ist Canoe Bay aber allemal gut.

Canoe Bay
Splitter, Dezember 2009

Autor: Tiburce Oger

Zeichner: Patrick Prugne

104 Seiten, farbig, HC, 22,80 Euro

ISBN 978-3-86869-082-8
 

zeichnerisch brillant, inhaltlich harmlos

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Abbildungen: © Splitter Verlag

B.U.A.P. 7: Tödliches Terrain

 Man kann es kaum glauben, aber es ist seit Erscheinen des letzten deutschen Bandes von B.U.A.P. bereits ein ganzes Jahr vergangen. Obwohl die Serie qualitativ mit zum Besten gehört, was das Verlagsprogramm zu bieten hat, scheint das deutliche Zurückschrauben des Outputs von Comics rund um den Hellboy-Kosmos bei Cross Cult dem mangeldenen Interesse der potentiellen Leserschaft geschuldet.

Jede neue Ausgabe ist für mich persönlich ein echtes Highlight, zumal Mike Mignola, John Arcudi und Guy Davis immer wieder auf brillante Weise ihre gelungene Zusammenarbeit unter Beweis stellen. Sie verfolgen über mehrere Handlungsbögen hinweg diverse Nebenschauplätze, die eng mit den Mitgliedern der Behörde verbunden sind und deren persönliche Abgründe umreißen. So liegt der Fokus in „Tödliches Terrain“ auf Captain Daimios und dessen mysteriöse Wiederaufstehung. Währenddessen wird Liz Sherman weiterhin von Albträumen geplagt und Johann Kraus testet seinen neu gewonnenen Zustand aus.Mitten in diese aufwühlende platzen zwei  abtrünnige Monster und verwüsten die Zentrale der B.U.A.P.

Gewohnt spannend, intelligent und grafisch brillant, bewegt sich auch der siebte Band auf einem überdurchschnittlichen Niveau. Neben dem obligatorischen Skizzenbuch enthält der Band diesmal auch ein längst überfälliges Interview mit Kolorist Dave Stewart, dessen stilprägende Farbgebung großen Anteil an der prägenden Optik der Reihe hat.

B.U.A.P. 7: Tödliches Terrain
Cross Cult, Dezember 2009
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,80 Euro

 

Comic 2.0 – Die bunte Welt der digitalen Bildergeschichten

 Zum Beginn des neuen Jahres ist die 106. Ausgabe des Fachmagazins Comixene an Bahnhofskiosken und im Fachhandel erhältlich. Das Titelthema lautet „Comics 2.0 – Die digitale Revolution“. Thomas Kögel und Frauke Pfeiffer haben den Großteil des Leitartikels geschrieben. Neben einem umfassenden Überblick über die Entwicklung und das aktuelle Geschehen der digitalen Bilderwelten (zum Beispiel selber publizieren im Internet, Finanzierung, Präsentationsportale, Blick in die USA, Auszeichnungen, Bezahlmodelle, Lesegeräte) haben wir einige Macher befragt und stellen Euch acht Webcomics vor. Wir präsentieren Euch hier als Leseprobe die ersten vier Seiten des 13-seitigen Artikels.

UPDATE 14.01.2010: Leseprobe mehr als verdoppelt


Comic 2.0 – Die bunte Welt der digitalen Bildergeschichten

Cover von Comixene 106Noch immer werden sie von einem Großteil der Szene schlicht ignoriert – die vor allem über das Internet vertriebenen digitalen Comics. Dass dies ein großes Versäumnis ist, soll auf den nächsten Seiten klar werden, die auch eine Auswahl digitaler Comics vorstellen.

Als im Jahr 2000 Scott McClouds Buch Reinventing Comics (dt. Comics neu erfinden) auf den Markt kam, erlebte das Internet seinen ersten großen Boom (der wenig später unter dem Namen „DotCom-Blase“ sein unrühmliches Ende fand). Es herrschte Goldgräberstimmung im Web, unzählige neue Unternehmen wollten online Geld verdienen, Börsenkurse von Webfirmen stiegen in den Himmel.

Es war also naheliegend, dass McCloud dem Internet ein umfangreiches Kapitel widmete. Unter den von ihm postulierten „Zwölf Revolutionen“, die den Comic verändern würden, waren „Digital Delivery“ und „Digital Comics“ zwei zentrale Punkte. Die unbeantwortete Frage, wie ein problemlos funktionierendes Bezahlsystem für digitale Inhalte aussehen könnte, war ihm dabei durchaus bewusst, er zeigte sich aber sehr optimistisch, dass sich hier bald ein guter Weg finden würde. Und wenn dies dann eingetreten sei, man also als Comic-Schaffender von Online-Comics leben könne, wäre der nächste Schritt ein kreativer: Comics könnten sich vom traditionellen Trägermedium Papier lösen und völlig neue Wege gehen. Comic-Geschichten müssten nicht mehr in einzelnen Seiten erzählt werden, zwischen denen der Leser blättert, sondern hätten praktisch eine „unendliche Leinwand“ zur Verfügung. Auch das Prinzip des „Links“, der den Leser von einem Punkt zum nächsten trägt, könnte auf kreative Weise genutzt werden. McCloud selbst versuchte sich auf seiner Website an digitalen Comics, war damit aber nicht sehr erfolgreich.

Inzwischen ist die DotCom-Blase zwar längst geplatzt, doch heute ist das Internet mehr denn je ein selbstverständlicher Lebensbestandteil für viele Menschen. Die meisten Anwender haben mittlerweile einen breitbandigen, pauschal bezahlten Zugang (Flatrate) und können dadurch ohne zusätzliche Verbindungskosten beliebige Inhalte schnell abrufen. Das macht den Computer zur Medienzentrale, mit dem man Radio hören, fernsehen, telefonieren und Zeitung lesen kann.

Was McCloud mit seinen digitalen Comics vorschwebte, ist in dieser Form nicht eingetreten. Auch Comics, die ausschließlich online erscheinen, halten sich überwiegend an konventionelle Formate und erzählen Strip für Strip oder Seite für Seite. Und ein wirklich breit akzeptiertes und leicht benutzbares Bezahlsystem, das auch für kleine Beträge funktioniert, ist bis heute nicht etabliert worden. Stattdessen sind für viele Benutzer Online-Inhalte gleichbedeutend mit kostenlosen Inhalten. Trotzdem ist das Netz heutzutage eine unerschöpfliche Quelle für Comics jeder Art, und zwar in einer Menge, die längst nicht mehr zu überblicken ist. Das Verzeichnis www.thewebcomiclist.com listet allein 14.100 englischsprachige Online-Comics auf, auch auf www.webcomicsnation.com sind eine Unmenge Webcomics vielfältigster Art zu finden. Für frankophile Leser ist die Seite www.coconino-world.com zu empfehlen, die 2009 bereits ihr zehnjähriges Bestehen feiert und mittlerweile laut eigener Aussage 35.000 Comic-Seiten beheimatet.

Dabei ist der Begriff Web-Comic oder Online-Comic gar nicht so leicht zu definieren. Die Wikipedia formuliert es so: „Webcomics sind Comics, die vorrangig oder ausschließlich über das Internet publiziert werden.“ Daneben gibt es zahlreiche Comics, die primär gedruckt vertrieben, aber parallel auch im Netz veröffentlicht werden, wobei die Reihenfolge dabei variieren kann und die Übergänge fließend sind. Solche nicht primär für das Internet gedachten, aber trotzdem dafür aufbereiteten Comics umschreibt man häufig mit dem Begriff „digitale Comics“ – wobei in letzter Zeit auch Comics für elektronische Lesegeräte so bezeichnet werden.

Die erfolgreichsten Web-Comics folgen dabei überwiegend dem Modell, möglichst täglich einen Strip zu veröffentlichen, so wie es der amerikanische Zeitungs-Comic seit gut 100 Jahren vormacht. Die einzelnen Folgen können in sich abgeschlossene Episoden oder Gags sein und/oder gemeinsam längere Handlungsbögen ergeben. Im Gegensatz zu den Zeitungs-Comics, deren Verbreitung zumeist in der Hand zentraler Syndikate liegt und die strengen formalen Konventionen unterliegen, haben Web-Comics sehr viel mehr kreative Freiheiten. Ohne diese formalen und inhaltlichen Restriktionen konnte das Web zur Spielwiese für alle möglichen Stile und Formen werden bis hin zu schrägen Ansätzen wie den Dinosaur Comics von Ryan North (www.qwantz.com), bei denen jeder einzelne Strip aus den gleichen sechs Panels besteht und sich nur in den Texten von den anderen unterscheidet. Die thematische und stilistische Bandbreite von Web-Comics ist inzwischen fast ebenso grenzenlos, vielfältig und unübersichtlich wie das Netz selbst. Sogar einen Podcast (eine – meist regelmäßig stattfindende – Sendung im Internet mit gesprochenen Beiträgen und Diskussionen, oft mit mehreren Teilnehmern) über Web-Comics gibt es, deren einzelne Folgen man sich auf www.webcomicbeacon.com anhören kann.

Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit

Auffällig ist, dass viele der erfolgreicheren amerikanischen Web-Comics aus einem Szeneumfeld kommen, für das der Computer beziehungsweise das Internet ein zentraler Lebensbestandteil ist. Eisner-Award-Gewinner PvP – Player vs. Player von Scott Kurtz (www.pvponline.com) spielt in der Redaktion einer Computerspiel-Zeitschrift. In Ctrl+Alt+Del von Tim Buckley (www.ctrlaltdel-online.com) sind die Hauptfiguren exzessive Videospieler, ebenso wie in Penny Arcade von Jerry Holkins und Mike Krahulik (www.penny-arcade.com) oder Fred Gallaghers Megatokyo (www.megatokyo.com). Und der Strichmännchen-Comic xkcd von Randall Munroe (www.xkcd.com), einem studierten Physiker, ist thematisch eng mit der Onlinekultur und ihren Phänomenen verknüpft. Diese Comics treffen ihre Zielgruppe dort, wo sie sich ohnehin aufhält. Die genannten Serien gehören zu der kleinen Gruppe von Web-Comics, deren Schöpfer von ihnen leben können – wobei die Comics selbst kostenlos angeboten werden. Beispiel Penny Arcade: Wurden zunächst auf der Website Spenden gesammelt, finanziert sich die Serie mittlerweile durch Werbung und Merchandise (zum Beispiel T-Shirts, Poster und gedruckte Sammelbände). Außerdem werden Holkins und Krahulik von Spiele-Herstellern immer wieder um Promo-Comics zu ihren Spielen gebeten, was natürlich gut bezahlt wird. Mit den vielen Besuchern auf der Penny-Arcade-Website erreichen die Macher eine große Aufmerksamkeit, die sie auf vielerlei Art zu nutzen wissen: Seit 2004 veranstalten sie ein jährliches Festival für Videospielfans namens Penny Arcade Expo (PAX), zu dem 2008 über 58.000 Besucher strömten. Und jedes Jahr zu Weihnachten gibt es die große Spendenaktion Child’s Play zu Gunsten von Kinderkrankenhäusern. Hier kamen im letzten Jahr über 1,4 Millionen US-Dollar zusammen.

Owls von Martin Ernstsen
Webcomic: Owls von Martin Ernstsen
auf www.electrocomics.com

So weit ist man in Deutschland noch längst nicht. Zwar ist auch hierzulande das Vorgehen üblich, dass der eigentliche Web-Comic kostenlos konsumiert werden kann. Die Zugriffszahlen auf die einzelnen Künstlerseiten und die Bereitschaft der Leser, eine Art Bezahlung zu hinterlassen, reichen hingegen nicht mal ansatzweise aus, um von Bannereinblendungen, Verkauf von Merchandise oder von Spenden, welche schnell und international über Online-Bezahldienste abgewickelt werden, leben zu können. Ein weiterer Grund ist natürlich der, dass man in deutschsprachigen Länden generell Probleme hat, mit Comics seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ausnahmen wie Joscha Sauer, der seit dem Jahr 2000 etliche Cartoons ins Internet stellt (www.nichtlustig.de), bis er 2003 – nach Jahren erfolgloser Verlegersuche – von Carlsen entdeckt wurde und nun von seinen Nichtlustig-Produkten leben kann, gibt es sehr selten. Weitere Finanzierungsansätze sind nur begrenzt durch die Fantasie der Zeichner.

So bietet Sarah Burrini (www.sarahburrini.com) gegen einen geringen Obolus Zugang zu Premium-Inhalten wie Desktop-Wallpaper oder den Entstehungsprozess ihres Hauptprojekts, dem Comic Das Leben ist kein Ponyhof. Um sich keiner Leserschaft zu verschließen, veröffentlicht sie ihre Serie gleichzeitig auf Deutsch und Englisch – genauso wie Oliver Knörzer und Zeichnerin Powree mit ihrer Geschichte über Sandra und ihren sprechenden Waschbären Woo, die seit etwa einem Jahr online ist und zweimal pro Woche ein Update erfährt. Nach eigener Aussage hat die deutschsprachige Version sandraundwoo.de nur drei Prozent der Zugriffe der englischsprachigen Seite www.sandraandwoo.com. Dies bestätigt die Vermutung, dass die deutschsprachigen (Web-)Comics in Dingen wie Bekanntheit und Akzeptanz Jahre hinter der Entwicklung ihrer US-Äquivalente hinterherhinken.
Sehr verbreitet zur Finanzierung ist auch – und hier kommen die Online-Schaffenden wieder zurück zum klassischen Comic – das Abdrucken von erfolgreichen Webcomics in Sammelbänden. Häufig enthalten diese noch Bonusmaterial wie Extraseiten, Skizzen oder Anekdoten als Kaufanreiz wie zum Beispiel die aktuell drei Alben von Nina Ruzickas Der Tod und das Mädchen.

Der Schweizer Künstler David Boller, der 2008 – nach 16 Jahren USA-Aufenthalt – in seine Heimat zurückgekehrt ist, hat sich für sein Online-Magazin Zampano (www.zampano-online.com), wo er unter anderem die Serie Ewiger Himmel veröffentlicht, konkrete Gedanken über die Amortisierung gemacht: „Der Masterplan ist, eine Plattform für gute abgeschlossene Graphic Novels mit Bestand aufzubauen und die Rechte an den Arbeiten zu behalten. Ich glaube, das ist einer der größten Unterschiede zwischen regulären und Web-Comics-Künstlern. Von dem Moment, an dem man mit einem Verlag zusammenarbeitet, verliert man 50 Prozent der Nutzungsrechte für eine lange Zeit, und letztendlich sind es eben diese Rechte, die den Künstlern auf lange Frist Einkommen einbringen.“
Der von Boller angesprochene Gedanke der größtmöglichen Unabhängigkeit für die Künstler spielt gerade in Amerika eine bedeutende Rolle in den Diskussionen über die Web-Comics. Ursache hierfür sind große Unterschiede zwischen dem dort geltenden Copyright und unserem Urheberrecht. Dazu der auf Medien-Recht spezialisierte Anwalt Dr. Martin Bahr, der auch als rechtlicher Beistand die ICOM-Mitglieder berät: „In Deutschland bleibt der Urheber immer Urheber. Der Verlag kann sich nur Nutzungsrechte einräumen lassen, wird aber nie Urheber. Dadurch verbleiben bestimmte Rechte, die der Jurist ‚Urheberpersönlichkeitsrechte‘ nennt, immer beim Künstler: zum Beispiel, ob er als Autor genannt werden muss oder ob ein Produkt in einem gewissen Umfeld präsentiert wird. In den USA ist dies gänzlich anders. Dort werden die Urheberrechte übertragen, das heißt, ein Verlag erhält tatsächlich die Urheberrechte eingeräumt. Dadurch ist auch nachvollziehbar, dass die amerikanische Rechtsordnung ein ‚Urheberpersönlichkeitsrecht‘ nur sehr begrenzt oder gar nicht kennt.“ Doch in der Praxis verwischen diese Unterschiede zwischen den Ländern immer mehr, denn in beiden Rechtssystemen, so Dr. Bahr, herrscht inzwischen die Mentalität von Buy-Out-Verträgen: „Zwar verliert in Deutschland der Urheber nicht seinen Status als Urheber, steht aber durch eine so umfangreiche Rechteabtretung quasi genauso nackt im Wind wie sein amerikanischer Kollege.“ 

Größtmögliche Unabhängigkeit wird also auch für europäische Künstler immer attraktiver – gerade auch in finanzieller Hinsicht, wie David Boller meint: „Da dem Web-Comic-Autoren nun alle Rechte gehören, kann er auch frei versuchen, Einkommen zu generieren. Sogenannte multiple revenue streams (vielfache Einnahmequellen) gibt es im Internet einige, aber die meisten werden erst interessant, wenn man sich eine gewisse Leserschaft aufgebaut hat.“ In seinem detailliert durchdachten Konzept geht Boller davon aus, dass das erste Jahr finanziell karg aussehen wird und nur die direkten Kosten für das Betreiben der Internetseite aus den Werbeeinnahmen bezahlt werden können. Zudem setzt er darauf, seine Comics auf möglichst vielen Wegen und in sehr unterschiedlichen Pubikationsformen zu vertreiben. Dazu sollen zukünftig neben dem klassisch gedruckten Album oder Merchandise-Produkten auch digitale Versionen für Abspielgeräte wie das iPhone oder sogar Motion-Comics gehören. Unter Letzterem versteht man teilanimierte und mit Ton unterlegte Comics, die quasi auf halbem Weg zwischen dem „richtigen“ Comic und einem Zeichentrickfilm stehen. Doch Boller weiß: „Im Internet gibt es kein festes Modell. Der eine Künstler wird mehr T-Shirts verkaufen, der andere mehr Werbeeinnahmen haben oder mehr Printcomics verkaufen. Das ist zum Teil auch das Spannende daran. Wir sind heutzutage eigentlich keine Pioniere mehr – Webcomics gibt es schon seit über 13 Jahren -, sondern Siedler. ‚Welches Stück Land gefällt mir am besten‘, das ist heute wohl eher die Frage. Es gibt dieses schöne Sprichwort: ‚Du solltest ein Siedler sein und kein Pionier. Pioniere sind die mit den Pfeilen im Rücken.‘“

Seite aus Deae Ex MachinaDoch das alles ist für die meisten Zeichner noch Zukunftsmusik, für die aber dennoch die Vorteile der Online-Veröffentlichung auf der Hand liegen: Die Künstler können sich ohne großen finanziellen Aufwand kreativ austoben und fällen alle Entscheidungen selber. So lassen sich auch aufwendige Projekte wie Deae Ex Machina (www.eriks-deae.de, siehe Beispiel rechts) umsetzen, an die sich Verlage nur sehr zögerlich heranwagen. Der Zeichner der Serie, Frank Weißmüller, beschreibt seine Beweggründe im Interview mit Michael Hüster in ZACK 118 so: „Internet-Comics können natürlich subjektiver oder eigenwilliger sein, da sie keinen erprobten Erfolgsrezepten folgen müssen, um die enormen Druckkosten wieder einzufahren. Experimentieren kostet im Web nicht viel.“ Die durch die Dynamik entstehende Motivation ist auch wichtig beim Schaffensprozess: „Mich interessieren die Reaktionen der Leser! (Diese) kommen sofort und jedes Interesse an der eigenen Arbeit verleiht uns Autoren und Zeichnern Flügel.“

Die komplette Freiheit, die sich aus der Publikationsform ergibt, wird allerdings nicht von allen als Vorteil gesehen – manche Comic-Schaffende möchten sich gar nicht um Dinge wie Werbung kümmern, sondern einfach nur ihre Geschichten erzählen und zeichnen. Austausch finden sie zum Beispiel bei Webcomicplanet Collective (www.collective.webcomicplanet.com), einer Gemeinschaft, die die Kommunikation und die gegenseitige Hilfe zwischen den Mitgliedern fördern will. Dabei geht es für diese auch explizit darum, mit dem eigenen Schaffen Geld verdienen zu können, so dass nur Seiten aufgenommen werden, die einen qualitativen Anspruch an ihre Werke haben. Bei den deutschsprachigen Web-Comic-Machern kristallisiert sich momentan im Künstlerbereich des Comicforums eine Interessengemeinschaft heraus, um ein Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung, aber auch einer verstärkten Außenwirkung aufzubauen.

Die Nadeln im Heuhaufen

Den Lesern, die auf die Haptik von Papierseiten verzichten können, erschließt sich indes nicht nur eine günstige Wunderwelt an allen Stilrichtungen und Genres, sondern auch qualitative Berg- und Talfahrten. Neben beeindruckend professionellen Arbeiten findet man auch Anfänger, die ihre ersten Schritte bezüglich Zeichnungen und schriftstellerischen Fähigkeiten ins Internet stellen. Eine Vorauswahl durch Verlage findet nicht statt. Trotzdem ist man nicht ganz schutzlos dem Sturm ausgeliefert. Beispielsweise stellte die Website The Webcomics Examiner (www.webcomicsreview.com/examiner) mehrmals am Jahresende ihre Auswahl der besten Web-Comics des Jahres vor. 2005 wurde diese Seite eingestellt, weil den Betreibern bei negativen Besprechungen mitunter ein solch enormer Druck durch Künstler und Fans entgegenschlug, dass sie die Lust am Magazin verloren. Ein aktuelles Blog, das sich mit US-Web-Comics beschäftigt, findet man unter www.webcomicoverlook.com. Bei www.webcomicsnation.com gibt es neben der normalen Rückmeldung durch Leser auch Peer-Reviews, also Begutachtungen durch „Ebenbürtige“, in denen Künstler andere Web-Comics besprechen beziehungsweise empfehlen. Die bereits erwähnte Podcast-Seite The Webcomic Beacon vergibt den jährlichen Beaky Award in mehreren Kategorien, wie zukünftig auch The Webcomic List.

Diese Sekundärseiten können dem interessierten und des Englisch mächtigen Leser also gute Startpunkte und Tipps liefern. Seit 2005 hat der Bildschirm-Comic auch beim renommierten Eisner-Award Einzug gehalten – von 2005 bis 2008 als „Best Digital Comic“ (Mom’s Cancer, PvP, Sam & Max: The Big Sleep und Sugarshock!), seit 2009 als „Best Webcomic“. Dieser ging an Finder von Carla Speed McNeil.
Auch für deutschsprachige Web-Comics gibt es seit kurzem für Interessierte eine bündelnde Link-Sammlung als Anlaufpunkt. Unter www.webcomic-verzeichnis.de können Künstler ihre deutschsprachigen Web-Comics eintragen und die Leser finden spezielle Comics oder lassen sich bestimmte Genres anzeigen. Auf der Startseite gibt es zudem Informationen, welche Comics vor kurzem aktualisiert wurden. Dieses private Projekt entstand aus dem Künstlerbereich des Comicforums hinaus. Der Verantwortliche und Programmierer für das Verzeichnis, Manfred Kooistra, plant für die Zukunft eine erweiterte redaktionelle Betreuung der Seite mit Rezensionen und Artikeln, was sich aber nur mit einer ausreichenden Anzahl an Mitstreitern realisieren lässt.
Das könnte ein großer Schritt für die deutschsprachigen Web-Comics werden, zu denen man sich in der Vergangenheit meist per Suchmaschine von privater Künstlerseite zu privater Künstlerseite entlanghangeln musste oder bestenfalls mal auf die Präsenz kleinerer Zeichner-Kollektive traf. Hierzu zählt auch das oben erwähnte Zampano, das David Boller inzwischen zwei weiteren Künstlern geöffnet hat. So findet man in dem Online-Magazin jetzt Bollers eigene Werke wie Ewiger Himmel oder Bakuba, aber auch Don Caneloni von René Lehner oder Katastropolis von Rudolph Perez.

Cover des INKplosion-Specials 37 ZombietöterÄhnliche von Künstlern betriebene Online-Magazine gibt es schon seit längerem, etwa Comicwerk (www.comicwerk.com) und INKplosion (www.inkplosion.de). Beide seit einem Jahrzehnt im Netz anzutreffende Plattformen zeigen Online-Comics – dies oft in Form von Sammlungen wie redaktionell aufbereiteten Ausgaben und Specials, die an bestimmten Terminen auf den entsprechenden Websites veröffentlicht werden.

Das von der Künstlerin Ulli Lust geleitete Portal Electrocomics (www.electrocomics.com), seit Juni 2005 online, bezeichnet sich selbst als „Verlag für Bildschirmcomics“. International ausgerichtet, in englischer und deutscher Sprache, mit Mut zum Experimentellen und Avantgardistischen, aber auch mit klassisch erzählten Geschichten wie zum Beispiel Owls. Neben einigen Stripserien liegt der Schwerpunkt vor allem auf längeren Geschichten – diese werden als PDF in sehr guter Qualität zum Onlinelesen und Herunterladen angeboten, wobei das Seitenformat ausdrücklich für das Lesen am Bildschirm ausgerichtet ist. Die Downloads sind in aller Regel kostenlos, werden aber von einer Spendenaufforderung begleitet: Wem ein Comic gefällt, kann per Mausklick via PayPal einen Beitrag seiner Wahl spenden. Mehrere Comics, die online in Fortsetzungen erschienen sind, gibt es mittlerweile auch in Buchform bei etablierten Verlagen (z. B. Moresukine von Dirk Schwieger, Leroy & Dexter von Thomas Gilke und nicht zuletzt Uli Lusts Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens, siehe ab Seite 42 in dieser COMIXENE), wobei die elektronische Variante weiterhin online verfügbar bleibt.

Weitere Abschnitte: Große Online-Plattformen, Der professionelle Onlinekünstler, Neue Vertriebsformen, Comic-Schwarzmarkt im Internet, Trial and Error (die großen US-Comicverlage im Internet) und Comics digital machen.

Der komplette Artikel ist in Comixene 106 zu finden, für 9,- Euro erhältlich am Bahnhofskiosk und im Fachhandel, übers Internet zum Beispiel beim Freibeutershop.

Die Welt von Lucie 1

 Der Fernsehserie Lost wird gerne nachgesagt, dass für jedes mysterlöse Rätsel, das darin aufgelöst wird, mindestens zwei neue Fragen aufgeworfen werden. Ob man das nun als Vorwurf oder als Lob versteht, kommt ganz auf den Standpunkt an. Ähnlich verhält es sich mit dem Comic Die Welt von Lucie, den der Splitter-Verlag als Zweiteiler im Buchformat veröffentlicht.

Paranormale Phänomene stehen im Mittelpunkt dieses Mystery-Thrillers, der seinen Ausgang bei einem Terroranschlag auf ein Einkaufszentrum in einer amerikanischen Stadt nimmt. Ein kleines Mädchen namens Margaret wird  bewusstlos, aber äußerlich völlig unverletzt unter den Trümmern gefunden und soll deshalb in einem Institut für paranormale medizinische Forschung untersucht werden. Die Ärztin, die die Untersuchung leitet, verfügt über telepathische Fähigkeiten. Doch noch viel talentierter auf diesem Gebiet ist ihr Ex-Freund, der Russe Sascha Iablokov. Während die beiden sich mit dem Geheimnis von Margaret beschäftigen, ist die Polizei auf der Suche nach dem Attentäter. Dabei ermittelt sie auch im Milieu der jugendlichen Streetgangs, die kurz nach dem Anschlag Zulauf bekommen: Wie aus dem Nichts taucht bei diesen Straßenkids ein blondes Mädchen auf, dass kein Wort spricht, aber scheinbar Lucie heißt. Und dann interessiert sich auch noch die Religionsgemeinschaft „Church of God“ für die Vorfälle.

 Die Welt von Lucie eröffnet bereits auf den ersten Seiten zahlreiche parallel verlaufende Handlungsstränge und führt ein großes Ensemble von Figuren ein. Die Orientierung kann da anfangs schon mal schwerfallen. Ständig wechseln Schauplätze und Protagonisten, gelegentlich auch die Zeitebene, was dazu führt, dass man als Leser immer wieder mal zurückblättert, um sich im verwirrenden Dickicht der Story zurechtzufinden. In den ersten Kapiteln werden etliche Spuren ausgelegt und immer wieder mysteriöse Szenen eingestreut, die zunächst keinen Sinn ergeben. Erst gegen Ende des dritten von vier Kapiteln lichtet sich der Nebel ein wenig, die Zusammenhänge werden klarer und die Story wird nach dem anfänglichen Zick-Zack-Kurs etwas geradliniger. Hier erweist sich die Formatwahl von Splitter als Vorteil: Wäre dies eine klassische Albenserie, würde der Leser nach der ersten Ausgabe mit allzu viel Fragezeichen dastehen. So aber bekommt er gut 130 Comicseiten am Stück, die gegen Ende deutlich an Fahrt gewinnen.

A propos Format: Im Original erschien Le Monde de Lucie zunächst in einer für Frankreich recht ungewöhnlichen Form, nämlich als Heft im Viertel-Jahres-Takt in der „Collection 32“ beim Verlag Futuropolis. Diese Verlagsschiene wurde jedoch eingestellt, so dass die Serie später zum Albenformat wechselte. Noch ist die Reihe in Frankreich nicht abgeschlossen, so dass es noch eine Weile dauern wird, bis der zweite und letzte Band bei uns erscheinen kann.

 Etwas abweichend vom typischen frankobelgischen Mainstream sind auch die Zeichnungen von Guillaume Martinez. Dieser arbeitet mit sparsamen, eher skizzenhaften Strichen, richtig plastisch werden seine Bilder erst durch die Kolorierung. Zwischendurch schimmert ein dezenter Manga-Einschlag durch, der aber Mangaphobiker nicht stören dürfte. Eine wichtige Rolle spielt die Farbgebung, die jeden der zahlreichen Schauplätze in ein anderes Licht taucht, und so die vielen Szenenwechsel wirkungsvoll unterstützt.

Wie man Die Welt von Lucie letztlich beurteilt, hängt wohl stark davon ab, welches Verhältnis man zur Parapsychologie, zu übernatürlichen Phänomenen wie Telepathie, Levitation oder Poltergeistern hat. Zwar muss man kein beinharter Uri-Geller-Fan sein, um Gefallen an dem Comic zu finden, denn Autor Kris liefert eine handwerklich sehr solide und spannende Geschichte ab. Der Zugang wird jedoch deutlich leichter fallen, wenn man eine gewisse Aufgeschlossenheit gegenüber dem Thema mitbringt. Ich persönlich tue mich jedenfalls ziemlich schwer, Figuren ernst zu nehmen, die von Dingen reden, die ich für Hokuspokus und Aberglauben halte.

Was der Welt von Lucie womöglich fehlt, sind klare, sympathische Identifikationsfiguren, die den Leser an die Hand nehmen und ihn auch durch unglaubwürdige Elemente führen können. In etwa so, wie Mulder und Scully das in Akte X getan haben. Hier gibt es stattdessen ein großes Ensemble von Figuren, von denen keine eindeutig im Zentrum steht – und die meisten von ihnen sind eher zwielichtig als sympathisch.

Trotz dieser Schwächen bleibt unterm Strich ein spannender, komplex gewebter Comic-Thriller, bei dem zwar viele Fragen offen bleiben, dem aber durchaus zuzutrauen ist, dass er sie im Abschlussband zufriedenstellend lösen wird.

DIe Welt von Lucie 1: Und warum nicht die Hölle …
Splitter Verlag, Dezember 2009
Text: Kris
Zeichnungen: Guillaume Martinez
144 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, farbig; 19,80 Euro.
ISBN: 978-3-86869-097-2

Solider Thriller für Freunde des Paranormalen

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Abbildungen: © Splitter Verlag

Vier Augen

Vier AugenAuf einer Podiumsdiskussion vor einigen Wochen im Münchener Literaturhaus wurde zum x-ten Mal über das Für und Wider des Prädikats „Graphic Novel“ und seiner Stellung auf dem Buchmarkt gesprochen. Ein nicht uninteressanter Vorschlag kam dabei von Armin Abmeier, dem Herausgeber von Die Tollen Hefte: Man könnte doch anspruchsvolle Comics wie Romane behandeln und sie in die jeweilige Genre-Kategorie in der Buchhandlung einordnen, um so Vorurteile gegenüber dem Comic zu überbrücken. Ein Comic mit dem Aufkleber „Graphic Novel“, der diesen Weg hier exemplarisch gehen soll, ist Sascha Hommers neuer Comic Vier Augen aus dem Hause Reprodukt.

Sascha Hommer, der nicht nur durch seinen Debüt-Comic Insekt, sondern auch durch seine Herausgebertätigkeit bei dem Comicmagazin Orang und seine redaktionelle Arbeit für die Radiosendung Comickabinett auf sich aufmerksam machte, blickt in Vier Augen in die Vergangenheit seines Protagonisten, die seiner eigenen nicht ganz unähnlich ist. Aber  ob diese Geschichte nun semi- oder autobiografisch oder keines von beiden ist, sollen am Ende andere entscheiden. Gucken wir uns zunächst die Handlung an und suchen für Vier Augen einen geeigneten Platz im Regal der Buchhandlungen.

Die RahmenhandlungEin junger Mann kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von einem sprechenden afghanischen Windhund. Doch anstatt alte Freunde in der Provinz zu besuchen, führt der Erzähler seinen Hund in die Abgeschiedenheit des Schwarzwalds. Dort erzählt er seinem tierischen Begleiter Geschichten aus seiner Vergangenheit, von seiner ersten Liebe, von Freundschaften und von seinen Erfahrungen mit Drogen. Immer wieder taucht der Erzähler aus der Reflektion über die Jugend auf, gibt kurze Kommentare ab, nur um anschließend wieder über Vergangenes zu rekurrieren. Da sich der Großteil der Handlung von Vier Augen in der erzählten Vergangenheit abspielt, aber dennoch die Reflektion dieser Geschichte im Vordergrund steht, weist der Comic viele Überschneidungen mit dem Genre eines Coming-of-Age- oder eines Entwicklungsromans auf.

Die Sprache der Figuren und die Gespräche übers Eimerrauchen und Frauen fängt Hommer zwar geschickt ein und erzeugt dadurch ein Gefühl des Bekannten, doch wirkt die Geschichte überladen von dieser Grundstimmung. Neben der omnipräsenten Szenerie der Grunge-Jahre der frühen Neunziger drohen die Probleme von Vertrauen und Verlust, die Hommer eigentlich zu erzählen versucht, unterzugehen. Die Nebenhandlung ist so überlagernd, dass sowohl Saschas Ängste um seine erste Beziehung, als auch die Bulimie Julias kaum nachvollziehbar werden und zur eigentlichen Nebensache reduziert werden.

Das Gefühl der NeunzigerWas das Grafische angeht, scheint sich im Werk von Hommer eine Emanzipation vollzogen zu haben. Weg von den kleinen überproportionierten Köpfen der kindlichen Protagonisten aus Insekt hin zu einem Stil, der eher als realistisch zu bezeichnen ist. Noch stärker als in seinem Debüt schließt Hommer dabei die Natur, den Schwarzwald, ein und macht ihn zum Hauptspielplatz der Handlung. Geblieben sind die Grauschattierungen, die seiner Welt Tiefe geben, verschwunden ist leider der drückende Nebel, dessen großartige allegorische Wirkung über den Menschen und Insekten wie eine zentnerschwere Last lag. Sich selbst um eine Stärke beraubt, tobt sich Hommer dafür bei der Darstellung der Drogenexzesse aus, die zwar wirkungsvoll in Szene gesetzt sind, aber genauso im luftleeren Raum der Geschichte hängen bleiben, wie die gesamte Milieuskizze der Neunziger.

DrogenexzesseAuch wenn man der  hier getroffenen Einteilung in das Genre Coming-of-Age widersprechen kann, was nur legitim ist, so fällt bei der Lektüre doch auf, dass der Protagonist mit Konflikten in seiner Jugend zu kämpfen hat. So viel ist sicher unbestritten. Begibt man sich als Leser nun auf die Suche nach der Auflösung dieses Konflikts, der Katharsis, so wird man zwar fündig, aber nicht auf eine zufriedenstellende Art und Weise. Es wird dem Leser zwar vermittelt, dass sich in der Welt des Protagonisten Veränderungen vollzogen haben, doch wie diese vonstatten gegangen sind, enthält Hommer seinen Lesern vor. Wie ein Spiegelbild ähnelt der Erzähler der Rahmenhandlung seinem jugendlichen Alter Ego, doch scheinen sich all dessen Probleme auf den eingefügten leeren Einzel- und Doppelseiten in Luft aufgelöst zu haben. Was bleibt, sind zwei verzerrte Ebenbilder, die unabhängig von Hommers eigener Geschichte, wie zwei unverbundene Hälften wirken. Da hilft auch der innere Windhund als Erklärungsmodell nicht.

Wären deutsche Buchhandlungen schlichtweg nach Genre sortiert, würde Hommers Vier Augen  irgendwo zwischen Zach Braffs Film Garden State und Charles Dickens Roman Great Expectations stehen. Während die zugegebermaßen übergroßen Konkurrenten nicht nur Konflikte aufbauen, sondern diese auch auflösen, präsentiert Hommer in Vier Augen zwar die Nacherzählung der problembehafteten Vergangenheit und die Lösung dieser, doch wird dem Leser der eigentliche Prozess, die Entwicklung, vorenthalten. Diese Erkenntnis wird durch die Bebilderung unterstrichen, die sich in der schieren Darstellung von Drogenexessen verrennt.

Vier Augen
Reprodukt, Oktober 2009
Text und Zeichnungen: Sascha Hommer
122 Seiten, Softcover, schwarzweiß, 13,00 Euro.
ISBN: 978-3-938511-59-6

Enttäuschender Comic-of-Age

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Abbildungen: © Sascha Hommer / Reprodukt


Interview mit Sascha Hommer (Erlangen 2008)