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Solomon Kane – Schloss des Teufels

Solomon Kane: Schloss des TeufelsGraphic Novels hier, Graphic Novels da. Die deutsche Comicbranche scheint ihre persönliche Messlatte allein nach diesen anspruchsvollen Comics für junge Erwachsene ausgerichtet zu haben. Obwohl dies natürlich nicht gesagt wird, so wird doch impliziert, dass alle restlichen Comics Trivialliteratur sind – kurz, sie sind Schund. Doch die Historie der Comics und ihrer Vorväter ist nur so gepflastert von diesem herrlichen Schund, der uns für ein paar Minuten die realitätsnahen Autobiografien und Comicreportagen vergessen lässt. Bestes Beispiel dafür ist der gerade bei Panini erschienene Comic Solomon Kane: Schloss des Teufels. Die Comicadaption von einem Meister des Schunds, Robert E. Howard, Schöpfer von Conan, gibt uns zwar nichts Tiefgründiges, dafür aber Lesefreude und jede Menge Trash. .

Die zarteste VersuchungIm Jahr 1928, drei Jahre vor der ersten Veröffentlichung von Conan, erschuf der Autor Robert E. Howard für das Pulp-Magazin Wierd Tales die Figur des Solomon Kane, eines düsteren Puritaners. Statt in einer getexten Welt auf dem billigen Papier der Pulps erscheint Gottes dunkler Vollstrecker nun in farbigen Hochglanzbildern. Geblieben sind aber die herrlich skurrilen Geschichten über Helden, Dämonen und fernöstliche Prinzessinnen. Bereits in den 1970ern und 1980er veröffentlichte Marvel Comics mit dem Puritaner. Doch erst Solomon Kane: Schloss des Teufels, auf Englisch bei Dark Horse erschienen, führt den in Vergessenheit geraten Helden wieder in unsere Populärkultur ein.

Jede Menge Voice-OverNicht so bekannt und muskelbepackt wie Howards schwertschwingender Barbar Conan kommt Solomon Kane inklusive reichhaltigem Arsenal an Waffen und festen Glauben daher. Mit Schwertern und Pistolen predigt der Einzelgänger den Menschen des 16. Jahrhunderts äußerst überzeugend eine gottesfürchtige Lebensweise. Ebenso zielgerichtet wie sein Protagonist  präsentiert Autor Scott Allie (The Devil’s Footprints) die Comicadaption der ersten Solomon Kane-Geschichte. Doch nicht nur die Pulp-Tradition mit ihren Monstern und Dämonen findet sich im Comic wieder: Die Verwendung von vielen Textbalken mag auf den ersten Blick nervig wirken, doch erinnern diese Texte bei näherem Hinsehen an das Voice-Over aus Filmen des Film Noir. Diese Beschreibungen aus der dritten Person heraus geben dem Comic  diesen gewissen Touch von Hard-Boiled-Fiction.

Wie ZuckerwatteLässig wie eine gläubige Planierraupe wütet Solomon Kane unter den intrigierenden Dämonen, den skrupellosen Dieben und den hörigen Gefolgsleuten. Die Zeichnungen des Mexikaners Mario Guevara (The Lone Ranger and Tonto) sind nicht unbedingt großartig, doch sie unterstreichen gut die düstere Stimmung des Comics. Die starken Schraffuren in den Gesichtern der Figuren und die vielen Faltenwürfe ihrer Gewänder verschleiern perfekt ihre böse Machenschaften. Was aber den grafischen Schund ausmacht, ist die maßlose Übertreibung: Wie mit einem Stock durch Zuckerwatte fährt der Stahl des Puritaners durch Dämonen und Diebe, einfach gnadenlos durch jeden, der gesündigt hat. Guevara lässt an den richtigen Stellen gezielt Blut und Gedärme durch die Luft fliegen. Auch wenn die Kampfszenen im Mittelteil etwas statisch wirken und erst gegen Ende wieder mehr Dynamik aufnehmen, so ist die Darstellung im Comic auf eine perfide Weise unterhaltsam. Schund eben.

Solomon Kane ist sicherlich keine Graphic Novel. Solomon Kane bietet auch nicht viel Tiefgründiges oder gar überraschende Wendungen in der Handlung. Howards gläubiger Held wird aber durch diese Veröffentlichung aus dem Reich der Toten, der Wierd Tales, zurückgeholt, um uns zu unterhalten. Diese Aufgabe erfüllt er sehr gewissenhaft. Man muss sich sicherlich nicht schämen, wenn man die Graphic Novel bei Seite legt und sich etwas derben Schund zu Gemüte führt.

Solomon Kane: Schloss des Teufels
Panini Comics, Januar 2010
Text: Scott
Allie
Zeichnungen: Mario Guevara
Softcover, farbig; 16,95 Euro
ISBN: 978-3866078901
Ganz okay
Gelungene Wiederbelebung eines Pulp-Helden

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Abbildungen © Mario Guevara/Panini Comics


Marvel Zombies Collection

Marvel Zombies CollectionWenn sich im Weltall zwei Superhelden, der eine ohne Beine und der andere ohne Schädeldecke, über die Gesangskünste des ersteren unterhalten, dann befindet man sich mit großer Sicherheit im Marvel-Universum. Dann muss man schon ein echter Marvel-Zombie sein, ein bekennender Fan des Hauses der Ideen, um den entsprechenden Comic nicht aus der Hand zu legen. Doch wenn man mit diesen Helden genauso vertraut ist, wie Autor Robert Kirkman (The Walking Dead), dann wird man sich nicht nur über den Sammelband Marvel Zombies Collection freuen, sondern den parodistischen Zombies sein Herz schenken, und dazu seine Gedärme, sein Hirn und seine abgetrennten Gliedmaßen.

Spider-Man, Wolverine, Thor, die Fantastischen Vier und Co.: Die Protagonisten von Marvel Zombies Collection sind seit über 40 Jahren alte Bekannte. Ungewöhnlich sind diesmal nur ihre auffallend pervertierten Kiefer, ihr Geifer und ihr unstillbarer Hunger nach Menschenfleisch. Die Ausgangssituation des Comics lautet wie folgt: Sentry infiziert die Helden mit einem außerirdischen Virus, der sie zu untoten Superheldenzombies werden lässt. Betracht man die ganze Geschichte aus der Marvel-Zombie-Perspektive, also durch die Augen eines treuen Fans, scheint alles total logisch: Das Marvel Wiki fügt die alternative Erde-2149 einfach in das bestehende Marvel-Universum ein. Da macht es rein gar nichts aus, dass Colonel America auf der alternativen Erde  mal Präsident war, denn jetzt ist er mit Leib und Seele Zombie. Die Kontituität wird auch nicht dadurch gebrochen, dass sein Körper später vom Sohn von Black Panther übernommen wird. Ein bessere Parodie auf das Marvel-Universum gibt es zur Zeit nicht.

Superhelden mit HirnDoch im Gegensatz zu jeder anderen Bedrohung lässt Autor Kirkman diesmal kein Schlupfloch, um die Erde zu retten. So wütet die Zombiehorde durch New York, über die Erde, durch die ganze Galaxie und zurück. Kirkman wird in der Marvel Zombies Collection zum Meister der Untoten, da es ihm auf äußerst amüsante Art und Weise gelingt, die Helden nicht in hirnlose Zombies zu verwandeln, sondern ihnen ihre geistigen Kapazitäten und ihre genuinen Superheldenpersönlichkeiten zu lassen. So hat Spider-Man auch als Zombie stets einen flotten Spruch auf seinen verfaulenden Lippen und auch der Hulk bleibt Banner, bleibt der Hulk. Getrost hätte man aber auf Ash Williams, den Held aus Sam Raimis Evil Dead-Filmen, verzichten können, denn neben den wirklichen Helden will er einfach nicht witzig sein.

Der unstillbare HungerUm den unbändigen Hunger der Heldenbande zu stillen, wird das Menschenfleisch nur so in sich reingeschaufelt. Während sich Zeichner Sean Phillips (Hellblazer, Sleeper)  fast durchgehend an eine klassische Erzählweise hält, bricht auch sein grafischer Hunger manchmal mit ihm durch. Der Brite nutzt kurze Abfolgen von Panels, in denen nur Zähne, Blut und Gedärme zu sehen sind. In diesen Zwischensequenzen machen die Marvel Zombies auch aus Galactus innerhalb einer Seite Hackfleisch. Die Zeichnungen verleihen der Geschichte genau die richtige Aufmerksamkeit, ohne dabei zu aufdringlich zu sein.

Infizierte CoverDieses marvelsche Necronomicon, das voller Freude mit den bekannten Superhelden- sowie Zombiestereotypen spielt, schließt mit einer wunderschön-schaurigen Hommage auf die legendären Cover aus dem Marvel-Universum. Wie in Rost getaucht wirken die „Days of Future Past“ und auch Daredevils Augäpfel bekommen eine Sonderbehandlung. Der Künstler Arthur Suydam hat die Cover grafisch mit seinem ganz eigenen Virus infiziert.  Als kleines Manko lässt sich nur die Reihenfolge der einzelnen Geschichten anführen, die für etwas Verwirrung sorgt: Das Kapitel „Marvel Massaker“, das erst auf Seite 233 anfängt,  hätte doch eingentlich die Zombie-Saga einleiten sollen, oder fehlt mir jetzt auch schon das Hirn, um das zu begreifen?

Marvel Zombies Collection
Panini Comics, Januar 2010
Text: Robert Kirkman

Zeichnungen: Sean Phillips, Arthur Suydam
Softcover, farbig; Euro: 29,95 Euro
ISBN: 4191645929958

Gut  

Ein amüsanter Superhelden-Comic mit viel Hirn …

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Abbildungen © Sean Phillips/Arthur Suydam, der dt. Ausgabe Panini Comics

Comicgate anderswo im Netz

Comicgate anderswoEin bisschen klammheimlich haben wir uns neben Twitter in einem weiteren Kuschelnetzwerk niedergelassen. Seit ein paar Wochen sind wir mit einer Seite bei Facebook vertreten, von der man als Facebook-Mitglied Fan werden kann: facebook.com/Comicgate
Während wir bei Twitter meistens Links und Neuigkeiten aus der Welt der Comics posten sowie Messeberichtetweets absetzen, werden wir bei Facebook hauptsächlich uns selber zum Thema machen. Dort erfahrt Ihr zuerst Neuigkeiten über Comicgate und wir geben natürlich auch Hinweise auf unsere Inhalte – das ist zumindest der Plan.
Beide Seiten sind übrigens auch ohne Facebook-/Twitterkonto lesbar.
Bei der Gelegenheit weisen wir gerne nochmal auf unseren RSS-Feed hin.
Und da wir alle mittlerweile so auf Symbole getrimmt sind (unsere aktuellen stammen übrigens von hier), hier nochmal für die, die einfach nur was zum klicken wollen:

Comicgate bei Facebook Comicgate bei Twitter Die RSS-Feeds von Comicgate

Siegfried 2 – Die Walküre

Cover von Siegfried 2 So ungemein augenbetörend und bildgewaltig wie der Vorgängerband ist auch der zweite Akt von Alex Alices ganz eigenem epischem Gemenge aus Wagners Ring und den unterschiedlichen Siegfried-Sagen. Es donnert, wogt und stürmt dem Leser geradezu von den Seiten entgegen, wenn er Siegfried auf seinem gefahrvollen Weg zum Hort des Drachen Fafnir begleitet und am Schicksal jener titelgebenden Walküre teilnimmt, die sich gegen den Befehl des Göttervaters Odin wendet und in die Geschicke des Recken eingreift.

Ein gelinder Störfaktor dabei sind jedoch die Versuche des Künstlers, das sich entfaltende Drama zuweilen etwas aufzulockern. Die Slapstickeinlagen von Siegfrieds Ziehvater, dem Zwerg (und Muppet-Lookalike) Mime, wollen sich nicht so recht in den Rest einfügen und lösen eher leichtes Befremden aus. Comic relief steht halt nicht jedem Stoff. Aber letztendlich ist dies vollkommen verzeihlich angesichts der dargebotenen optischen Feinkost, welche die Geschichte immer wieder über das konventionelle Runtererzählen hinaus in mythische Dimensionen hebt. Das Aufgehen der zuvor von Odin zurückgehaltenen Sonne, Siegfrieds erhabener Ritt auf dem fliegenden Walkürenross, sein Eindringen in die unterirdische Sphäre der Seherin Völva oder die erfrischend klischeefreie Darstellung der erwachenden Riesen als tobende Elementargewalten – in diesen Bildern mag man sich nur allzu gerne verlieren.

Nur eine Frage bleibt: Warum ist Siegfried – immerhin der germanische (und als Sigurd auch skandinavische) Sagenheld überhaupt und seit jeher fast ausschließlich als blond gelockt dargerstellt – hier dunkelhaarig? Ist das einfach eine Geschmacksfrage in Sachen Haarfarbe oder etwa Alices Versuch, die Figur sichtbar vom ideologischen Nazimissbrauch als „arischer“ Prototyp in der Vergangenheit abzugrenzen?

Siegfried 2: Die Walküre
Splitter, Dezember 2009
72 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,80 Euro

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Palästina

PalästinaStichwort Palästina? Da zieht vor dem inneren Auge des durchschnittlichen Mediennutzers höchstwahrscheinlich eine Bilderflut von zerstörten Gebäuden, weinenden Frauen und verstümmelten Kindern, aufgebrachten Menschenmengen vor frisch ausgehobenen Gräbern, hohen Betonmauern und Stacheldrahtzäunen, Selbstmordattentätern, vermummten Milizen, Grenzposten mit Geschütztürmen und Elendsvierteln vorbei.

Die dortige Spirale von Gewalt und Gegengewalt ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einer derart gegenwärtigen medialen Tapete geworden, dass die Vorstellung eines Nahen Ostens, in dem Israel und ein noch zu gründender Palästinenserstaat friedlich co-existieren, wie eine Fieberfantasie erscheinen. Die jüngste Gaza-Abriegelung beweist, dass trotz kleiner Fortschritte wie der Einrichtung zweier palästinensischer Autonomiegebiete, eine friedliche Zweistaatenlösung immer noch in aberwitziger Ferne liegt.

Vor diesem Hintergrund macht die Wiederveröffentlichung von Joe Saccos bereits leicht betagter Comicreportage durchaus Sinn. Ursprünglich erschienen seine aufgezeichneten Erlebnisse aus den besetzten Palästinensergebieten in den USA von 1993 bis 1995 in Heftform, 2001 erstmals gesammelt. Nach der deutschen Erstausgabe bei Zweitausendeins im Jahr 2004 liegt nun die Neuausgabe bei Edition Moderne vor, inklusive einer Einleitung des Nahost-erprobten TV-Korrespondenten Ulrich Tilgner und eines neuen Vorworts von Sacco. In diesem verrät der studierte Journalist und autodidaktische Comickünstler, dass es damals die starke Einseitigkeit in der Berichterstattung der amerikanischen Massenmedien zum Thema Palästina war, die letztendlich zu seiner Reise nach Israel und in die besetzten Gebiete führte. Sein ehrgeiziges Ziel: Die Palästinenser kennenzulernen und die Konfliktursachen auf ihrer Seite zu erforschen.

palaestina2.jpg Das Ergebnis dieses Vorhabens: 288 Comicseiten, prall gefüllt (was in Saccos Fall wahrhaft keine Floskel ist) mit eigenen Erlebnissen und Dutzenden von Geschichten, welche ihm von den Bewohnern von Gaza, Nablus und Ramallah erzählt wurden. Geschichten über kleine und große Demütigungen, kafkaeske Verhöre in höchstbrutaler Variante, das Leben in Gefangenenlagern, getötete Verwandte, brutale Razzien von Soldaten, Übergriffe jüdischer Siedler, plattgewalzte Häuser, Beerdigungen um 1 Uhr morgens unter Militäraufsicht – all den Aberwitz und die Perversität, die eine Existenz in den besetzten Gebieten bereit hält. Die so entstandenen Bilder sind in ihrer gnadenlosen Detailliertheit der unsäglichen Situationen oft ein grafischer Schlag in die Magengrube des Lesers. Auch, weil Saccos anfangs noch stark karikierender Zeichenstil sich ob der Schwere der Thematik von Kapitel zu Kapitel einem realistischeren Strich annähert, wozu der Künstler auch in seinem Vorwort Stellung nimmt.

Erträglich wird die harte Lesekost jedoch durch immer wieder aufblitzenden sarkastischen Humor – für Sacco offenbar auch ein Mittel zum Selbstschutz angesichts des Wahnsinns um ihn – sowie den makabren Unterhaltungswert der skurrilen bis bizarren Situationen, in denen sich der Künstler/Journalist immer wieder vorfindet. Zudem spart Sacco auch nicht an Selbstironie und -kritik, wenn er wiederholt seine Sensationssucht, seine Suche nach Gewalt und besonders schockierenden Geschichten, die beeindruckende Bilder für seinen Comic abgeben, thematisiert. So spricht er sich im Verlauf einer in Tumult ausartenden Demonstration mit dem gebetsmühlenartigen Mantra „Es ist gut für den Comic“ Mut zu und bedauert es ausdrücklich, den Anblick eines als Spätfolge von Tränengas deformierten Babys verpasst zu haben. Überraschend offene Aussagen wie „[…] und seien wir ehrlich, meine Comics brauchen Konflikte; mit Frieden ist kein Blumentopf zu gewinnen“ transzendieren dann auch leicht zur Kritik am politischen Journalismus an sich – oder aber am Publikum, das nach derartigen Konflikten giert.

palaestina3.jpg Journalistisch betrachtet ist Palästina selbst jedoch etwas problematisch. Zum einen, weil hier, abgesehen vom letzten Kapitel, ausschließlich die palästinensische Seite des Konflikts dargestellt wird. Ein Umstand, den Sacco im Vorwort als vollkommen beabsichtigt bezeichnet und damit begründet, dass in den USA eh jeder die israelische Position – und nur diese – kenne. Hinzu kommt die starke Subjektivität, welche Comicbilder generell inne haben, wenn sie Reales zeigen sollen. Wird doch das Gesehene durch das Hirn des Künstlers „gefiltert“, bevor es die Zeichenhand reproduziert. Stellt man hier die Frage, wie weit Bilder überhaupt die Realität abbilden können, fällt die Antwort für das Medium Comic zweifellos noch negativer aus als jene für Foto und Film. Die vielfältigen Schicksale der von ihm interviewten Palästinenser setzt Sacco sogar nur auf Grundlage ihrer Erzählungen um.

Doch genau hier offenbart sich auch die große Stärke des Comics als Reportagemedium: Da der Leser bei dessen Rezeption eine viel stärkere Eigenleistung erbringen muss (oder darf?) als beim eher passiven Konsum von TV-Bildern, läuft die Auseinandersetzung mit dem Gebotenen auf einem ganz anderen Niveau ab. Saccos gezeichnete Reportage zieht den Leser in die palästinensische Lebenswelt, macht ihn selbst zum Augenzeugen. In Comicform wachsen die Berichte über die bloße Wiedergabe hinaus, beeindrucken, berühren und ermöglichen es, sich mit den jeweiligen Personen zu identifizieren. Die Palästinenser werden zu mehr als die Steine werfenden Demonstranten, wehklagenden Opfer, skandierenden Hamas-Sympathisanten oder Fatah-Anhänger, die man aus dem Fernsehen kennt. Es sind Schreiner, Lehrer, Olivenbauern, Krankenschwestern und Studenten. Mütter, die um ihre Kinder fürchten, Väter, die um ihre getöteten Söhne trauern. Menschen mit Träumen und Wünschen, welche durch ihre Umgebung allesamt im Keim erstickt werden. Der Abbau medialer Distanz zu ihnen ist die große Leistung von Palästina.

Fast als Nebenprodukt legt Saccos Annäherungsweise die Wurzeln des unseligen Dreiecks aus Extremismus, Terrorismus und religiösem Fanatismus offen. Die von ihm beschriebenen vielfältigen Schikanen und Demütigungen, denen sich die Mehrheit der Palästinenser von Kindheit an ausgesetzt sieht, die unerträgliche Situation, eine Art Gefangener in einer abgeriegelten und ständig kontrollierten Region zu sein, offenbaren sich in aller Deutlichkeit als eine der Grundlagen für den Erfolg der radikal-fundamentalistischen Hamas.

palaestina4.jpg Bei aller Beschäftigung mit dieser brisanten Thematik müssen jedoch auch die Zeichnungen selbst gebührend gewürdigt werden. Denn ihr schierer Detailreichtum, die Ausdrucksstärke und das ständig wechselnde, immer wieder überraschende Panellayout machen den Band zu einer kleinen Comic-Offenbarung. Saccos Zeichenstil ist unübersehbar von der mittlerweile Bibelgeschichten zeichnenden Indie-Legende Robert Crumb beeinflusst und imponiert durch einen kräftigen Strich in Verbindung mit akribisch-feinen Schraffuren. Die Layoutbandbreite reicht von beeindruckend umgesetzten Seiten mit 20(!) Panels bis zu doppelseitigen Panoramen, die wunderschön wären, würden sie nicht Elendsviertel zeigen.

Auch mit der durchgehend hohen Textintensität geht Sacco beachtenswert kreativ um: Oft hängen die Textboxen schräg, scheinen aufgeregt durchs Bild zu fliegen, überschneiden sich, purzeln übereinander und brechen immer wieder aus dem einheitlichen Rechteck-Schema aus. Palästina ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie selbst große Textfülle in einen Comic integriert und zu einem organischen Teil der Zeichnungen werden kann. Nur in einem Abschnitt tritt der Text wirklich komplett in den Vordergrund und degradiert die Bilder zum illustrierenden Begleitwerk. Ganz so, als ob Sacco einmal ausloten wollte, wie weit er gehen kann, bis er die Grenze zwischen Comic und bebildertem Buch überschreitet. (An dieser Stelle ist übrigens auch ein großes Lob für Gerhard Försters kunstvolles Lettering der deutschen Version fällig, das sich nahtlos in Saccos Vorlage einfügt.)

Aufgrund der hohen Text- und Bildmenge liest man dieses Comicschwergewicht sicherlich nicht an einem Abend weg, sondern häppchenweise – was auch angesichts der Fülle von aufwühlenden oder deprimierenden Episoden empfehlenswert ist. Und nach der Lektüre ist die mediale Abstumpfung gegenüber Berichten aus den palästinensischen Gebieten vielleicht stark genug aufgeweicht, um wieder die menschlichen Schicksale hinter den Schlagzeilen und Bildern zu erkennen. Damit hätte Joe Sacco sein Ziel erreicht.

Palästina
Edition Moderne, Oktober 2009
Text und Zeichnungen: Joe Sacco
288 Seiten, schwarz-weiß, 26,- Euro
ISBN 978-3-03731-050-2

Hervorragend!

Als Reportage beeindruckend, aber stark subjektiv; als Comic über jeden Zweifel erhaben!

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Abbildungen: © Edition Moderne

Codex Angélique – Kompendium der Engel

 Alles in allem verstörend. So oder so ähnlich würde ich jemandem antworten, der mich nach einer Beschreibung zu Codex Angélique fragen würde. Die im französischen Original in drei Alben veröffentlichte Serie liegt in der Ehapa Comic Collection als All-in-One-Edition vor. Wie bei einigen dieser Ausgaben zuvor gibt es auch bei dieser Licht und Schatten zu konstatieren. Leider wird man des anfänglich recht interessanten Settings recht schnell überdrüssig, spätestens wenn sich die Handlung komplett in den Wirren von Mystik und Übersinnlichem verstrickt.

Einen Strick dreht sich Autor Thierry Gloris auch, indem er die ruhige Erzählebene allzu vorzeitig durch einen rasanteren, aber deutlich oberflächlicheren Plot sabotiert. So actiongeladen sich die Geschichte von Gloris entwickelt, so harmlos, im positiven Sinne, beginnt sie: Thomas, ein unauffälliger junger Student in Paris, betäubt sich regelmäßig mit Absinth und Opium, um den Abgründen seiner Familie zu entfliehen. Letztere Tatsache fungiert für den Storyaufbau als durchaus ansehnlicher Kontrastpunkt, der mit seiner pessimistischen Grundnatur gehörig im Widerspruch zum damals vorherrschenden Zeitgeist der Belle Epoque (der etwa 30-jährige Zeitraum in Europa um 1900 herum) fungiert.

Bis hierhin ist Codex Angélique die gelungene Charakterstudie eines gebrochenen Jugendlichen, der bei seinem scheinbar verrückten Onkel lebt. Dieser versucht nämlich seit geraumer Zeit, Thomas' verstorbene und nun tiefgefroren im Laboratorium des Onkels vor sich hin vegetierende Mutter zum Leben zu erwecken. Endgültig in seinem Wahn bestätigt wird Onkel Ernest, als ihm schließlich das obskure Buch „Codex Angélique, das Kompendium der Engel“ in die Hände fällt. Ab hier wird es auch für den Leser mehr als anstrengend, der eigentlichen Story zu folgen: Der Plan zur Wiederbelebung sieht die Benutzung einer absurden Apparatur vor, die der Forschung Dr. Frankensteins in nichts nachsteht. Ein Engel soll entführt und gefangen werden und Gott dadurch erpresst werden, Thomas' Mutter aus der Vorhölle zu entlassen.

 Ohne zu viel zu verraten, markiert das Ergebnis dieses wirren Vorhabens erst den Startpunkt für eine surreale Geschichte, die sich beständig in ihrer Irrationalität hochschaukelt. Leider gereicht dieses Abdriften in allzu übernatürliche Gefilde der Qualität des Comics aus meiner Sicht nicht zum Vorteil: Die anfänglich spürbaren Anleihen an H.P. Lovecraft verkommen in den Kapiteln 2 und 3 zu einer unverständlichen und  für Logiklöcher anfälligen Mixtur aus Religionskrimi, Psychotrip und Phantom der Oper. Hört sich reizvoll an, ist in Wahrheit aber ein halbgares Projekt, das an wenigen Stellen wirklich überzeugt. Und bevorzugt liegen diese im ersten Kapitel, dessen Grundstimmung man sich schnell über die gesamte Strecke gewünscht hätte.

Was den Band versöhnlicher gestaltet, sind Mikaël Bourgouins fabelhafte Zeichnungen. Dabei möchte ich gar nicht zu lange darauf herumreiten, wie künstlerisch anspruchsvoll und handwerklich perfekt sie sind, sondern eher auf die Anpassungsfähigkeit Bourgouins verweisen: Was einem beim ersten Lesen womöglich nicht sofort ins Auge auffällt, was dem aufmerksamen Auge des Rezensenten aber natürlich nicht verborgen bleibt, ist die Tatsache, dass sich die Optik innerhalb des Gesamtwerkes wandelt. Besonders stark bemerkt man dies, wenn man am Ende nochmal zu den Anfangsseiten blättert. Während dort nämlich die Bilder noch zurückhaltender und matter erscheinen und auch die Personen kantiger gestaltet sind, verliert sich dieser Eindruck später immer mehr zugunsten glatterer, aufwendigerer Texturen. Das ist auch durchaus passend, wird somit doch auch von der äußeren Form her die ruhigere Belle Epoque verlassen und dem übersinnlichen, rasanten Plot Rechnung getragen.

 Nur bei Traumsequenzen oder der Darbietung von alten Erzählungen innerhalb des Bandes wird man zeichnerisch auch mal zurückerinnert an den Stil des ersten Kapitels; auch das ist eine einfallsreiche Anpassung an das aktuelle Geschehen. Das eigentliche Kernproblem, das ich mit Codex Angélique habe, ist, dass die Kreativen ihre mitunter guten Ideen nicht mutig genug ausschöpfen. Viele Themen werden tangiert, die eigentlich nur schlecht harmonieren, weil sie jedes für sich genommen zu knapp und vereinfacht ausgearbeitet sind, beispielsweise die Geheinisse des Mönchs, der das albtraumhafte Buch über Engel verfasst hat, oder der deplatziert wirkende Kurzauftritt von Sigmund Freud. Insgesamt bleibt dann ein Comic, der realistischer und verständlicher ist als zum Beispiel die Werke von Daniel Hulet (Extra Muros). Im Gegensatz zu diesen werden Leser bei Codex Angélique zwar ebenfalls inhaltlich überfordert, bleiben jedoch nicht unbedingt fasziniert zurück.

Codex Angélique – Kompendium der Engel
Ehapa, Januar 2010
Text
: Thierry Gloris
Zeichnungen: Mikaël Bourgouin

144 Seiten, Hardcover; 39,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3339-1

Nicht so toll  

Zeichnerisch stark, storytechnisch ausbaufähig

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Abbildungen © Mikaël Bourgouin, der dt. Ausgabe Ehapa Comic Collection

Rapture 1-6 (US)

 Ich bin geheilt! Ich habe soeben mein letztes amerikanisches Comicheft, das ich beim Comicladen meines Vertrauens im Abo hatte, gelesen. Die Lektüre der endlich abgeschlossenen Miniserie Rapture hat mich dazu gebracht, auch keine weiteren amerikanischen Heftchen mehr zu bestellen, geschweige denn zu kaufen. Was auf den ersten Blick nach einem guten Deal aussah, verwandelte sich in nur sechs Ausgaben zu einem postapokalyptischen Fiasko.

Autorin Taki Soma und Zeichner Michael Avon Oeming (Powers) schienen etwas falsch verstanden zu haben: Sie sollten  von einer Katastrophe erzählen und nicht die Erzählung zur Katastrophe machen: Dass die Superhelden die Erde verlassen und deshalb Chaos ausbricht, geht in Ordnung. Dass die Liebe zweier Teenager zu Bruch geht, ist auch okay. Doch was diese beiden Ereignisse jetzt zwingend miteinander verbindet, bleibt das Geheimnis des mysteriösen Superhelden, der die Protagonistin mit einem magischen Speer ausstattet und sie auf die Reise schickt. Eine bedingt epische Reise, die sowohl die Welt als auch die Figuren, die darin leben, komplett vernachlässigt. Hinzu kommt dann noch eine unmotivierte Parallelhandlung mit Kannibalen. Doch auch die Menschenfresser retten die Geschichte nicht. Während die erste Ausgabe noch durch ein paar grafische Gimmicks, wie die Verwendung von Zeitungsausschnitten, Bleistiftskizzen und Wasserfarben, die fehlende Handlung überdeckt, so fällt der Autorin in den folgenden fünf Heften scheinbar gar nichts Kreatives ein. Auch Dark Horse selbst war sich bei dem Projekt scheinbar nicht so sicher und stellte Oemings krudem Cartoonstil gleich eine ganze Riege an alternativen Covern zur Seite. Ich weiß jetzt auf jeden Fall, dass ich in Zukunft nicht mehr geduldig auf die nächste Comiclieferung aus Amerika warten muss.

Rapture 1-6
Dark Horse, Mai 2009 – Januar 2010
je 24 Seiten, Comicheft
Preis: je 2,99 US-Dollar

 

Bone Complete Edition

Bone Complete EditionVor ungefähr 18 Jahren hatte Jeff Smith die Idee für einen Comic, den er erst 13 Jahre und 55 einzelne Comichefte später beenden sollte. Um dieser Odyssee Rechnung zu tragen, hat Smith sein Magnum Opus Bone in Amerika als einzelnen Band veröffentlicht. Die schwarz-weiße Bone Complete Edition ist nun auch auf Deutsch bei Tokyopop erschienen. Ein einziger Comic erzählt die gesamte Geschichte der cartoonigen Helden von ihren ersten unsicheren Schritten bis hin zur finalen Schlacht. Alles in einem einzigen monströsen Ziegelstein von aberwitzigen 1332 Seiten vereint, der nur von einer simplen Klebebindung zusammengehalten wird, auf die später noch genauer eingegangen werden soll.

Das große KuhrennenEin bisschen wie bei Alice im Wunderland werden die Protagonisten, die Vettern Phoney, Fone und Smiley Bone, von dem magisch angehauchten Tal angezogen. Ebenso wie in Lewis Carrolls Klassiker steigen die drei Helden von ihrer kleinen kapitalistischen Heimat in die Fantasiewelt des Tals hinab. Dort sitzen Smiths Figuren zwar nicht auf Pilzen und rauchen Pfeife, doch mutet eine Großmutter, die mit Kühen um die Wette rennt, und ein Zigarre rauchender roter Drache ebenso grotesk an. Trotz ihrer Cartoon-Physiognomie und ihrem Heimatort, dem fernen Boneville, das der Leser nie zu Gesicht bekommen wird, identifiziert man sich bereits auf den ersten Seiten mit diesen menschelnden Figuren. Von der Habgier über die Gutherzigkeit bis hin zur schieren Dämlichkeit vereinen die drei alle menschlichen Grundeigenschaften auf sich.

Einen Sammelband von Bone als Complete Edition zu veröffentlichen, ist per se eine nette Idee, doch liest sich diese Gesamtausgabe eben nicht wie eine autobiografische Roadmap, sondern eher wie der Wunsch, etwas kohärent zu machen. Dabei wird deutlich, dass Smith zu Beginn als Erzähler sehr wohl seine Probleme hatte und erst lernen musste, mit der Geschwindigkeit seiner Geschichte umzugehen. So erfährt der Leser beispielsweise nicht, wie Fones Vettern, Smiley und Phoney, den ersten Winter im Tal überstanden haben. Man kann einem Gesamtwerk nicht böse sein, da es fast schon per definitionem unter den Tisch fallen lässt, wie steinig der Weg des Selbstverlegers Jeff Smith war. Der musste sich abmühen, um überhaupt genug Interesse bei seinen Lesern zu wecken, damit sein Projekt Beachtung findet. Aus diesem Grund verlagert Smith das erzählerische Moment im zweiten Kapitel „Thorn“ ausschließlich auf seinen Sympathieträger Fone und ignoriert dessen Vettern gänzlich. Nur durch die Erläuterung dieser doppelten Arbeit, der Verbindung aus kreativer und organisatorischer Planung, ist die holprige Kontinuität der ersten drei Kapitel zu erklären.

In diesen Kapiteln steht noch nicht die große Handlung, das Smith'sche Gesamtwerk, im Vordergrund, sondern das Gespür für Humor und der einzigartige Charme der Figuren. Hier legte Smith den Grundstein für die köstlichsten running gags, die in späteren Kapiteln immer wieder auftauchen sollten: wie zum Beispiel die Beziehung zwischen den beiden „dummen, dummen Rattenmonstern“, die sich über die Zubereitung von Fone Bone streiten, während dieser klammheimlich entwischt. Die Geschichte, wie Jeff Smith seine Leser überzeugen konnte weitere Ausgaben zu kaufen, ist leider nicht Teil dieser Bone Complete Edition.

Dennoch hat es natürlich einen Grund, warum Bone zu so einem beliebten und gefeierten Comic wurde und zu Recht die Bezeichnung „für jedes Alter“ erhalten hat. In klaren schwarz-weißen Zeichnungen positioniert Smith Gut und Böse so  nah nebeneinander, dass vertraute Grenzen zu verschwimmen drohen. Wenn sich neben der Moral und der Freundschaft die kapitalistische Geschäftemacherei eines Phoney Bone im Tal breit macht, dann ist dies kein Zeichen für gekünstelten Humor, sondern von ungeschönter Menschlichkeit. Als dann auch noch die Existenz der Drachen im Dorf die Runde macht, ist Smiths überzeugende Gesellschaftskritik perfekt. Zwar mag der Holzzaun um Barrelhaven primitiv wirken, doch erfüllt er den gleichen Zweck wie unsere modernen Nacktscanner, die bald an jedem Flughafen stehen sollen: Sie täuschen ein Gefühl von Sicherheit vor. Sicherheit vor dem unsichtbaren Feind, der irgendwo dort draußen droht und vor dem uns Phoney beschützen wird. Doch zu welchem Preis? Smith verwandelt diese Parabel in ein wunderbares Kinderbuch, das nicht aufdringlich, aber eindringlich aufzeigt, was Moral bedeutet und für welche Werte es sich wirklich zu kämpfen lohnt. Es ist eben dieser Spagat zwischen Kinderbuch und Gesellschaftskritik, mit dem sich Smith das Prädikat „für jedes Alter“ verdient hat.

Doch leider absolviert die spartanische Ausstattung der Complete Edition diesen Spagat nicht ganz so gut. Bereits beim ersten vorsichtigen Lesevergnügen kann die oben bereits erwähnte „dumme, dumme“ Klebebindung dem Druck von 1332 Seiten nicht standhalten. Exakt in der Mitte des Folianten, auf Seite 672, reißt die Bindung auf. Eine hässliche Furche zeichnet sich auf dem Buchrücken ab. Während die Komplettierung in einem Band sicherlich ein Schmankerl für einen Bone-Fan ist, möchte man sicherlich keinen zerfurchten Ziegelstein im Bücherregal stehen haben, den man aus Furcht vor der Zerfall im Regal stehen lassen muss. Ein Stück Populärkultur wie Bone muss einfach von Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen in die Hand genommen und gelesen werden können.

Bone Complete Edition
Tokyopop, Januar 2010
Text und Zeichnungen: Jeff Smith
Übersetzung: Monja Reichert
1332 Seiten, Softcover, schwarz-weiß; 29,95 Euro
ISBN: 978-3-86719-744-1
Feiner Comic in billigem Zwirn

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Abbildungen © Jeff Smith/Tokyopop

Comicgate-Interview mit Jeff Smith auf der Frankfurter Buchmesse 2007

Monsieur Mardi-Gras – Unter Knochen 1-4

Cover von Band 4Im Sommer letzten Jahres schloss der Splitter-Verlag ein Comicprojekt ab, dessen erste Schritte bereits sieben Jahre zuvor gemacht wurden: Damals erschienen beim Label Speed XXL die ersten zwei Bände der Albenreihe Unter Knochen von Éric Liberge, zunächst noch in Schwarz-Weiß. Mittlerweile ist Speed längst Geschichte, die ersten zwei Alben erschienen in Frankreich in einer zweiten, diesmal kolorierten Fassung, und die Serie wurde mit zwei weiteren Ausgaben abgeschlossen. Bei Splitter liegt inzwischen die komplette Reihe in Farbe unter dem Titel Monsieur Mardi-Gras – Unter Knochen vor.

Das erste, was dem Leser bei diesem Comic auffällt, sind die Figuren: Es handelt sich ausschließlich um Skelette. Denn Unter Knochen spielt im Fegefeuer. Bei Éric Liberge ist dies eine düstere Version des Jenseits: ein Totenreich, in dem die Menschen unmittelbar nach ihrem Tod landen, zwar ohne ihre leibliche Hülle, aber zumindest mit einem Bewusstsein und einem Skelett. Das Fegefeuer, so lehrt es die Kirche und so erwarten es auch die Bewohner dieser Geschichte, ist nur eine Durchgangsstation. Doch hier entpuppt es sich als Sackgasse: Alle warten und warten, aber nichts geschieht. Und weil sich ihre Gebeine über die Jahre abnutzen, müssen sich die Skelette diverse Ersatzteile suchen, wenn mal wieder ein Schienbein oder eine Schädeldecke zu Bruch gegangen ist.

Seite aus Band 1 Liberge nutzt diesen Kniff, um seine Figuren, die ja grundsätzlich alle sehr gleich aussehen, unterscheidbar zu machen. So sind sich die unzähligen Skelette zwar ähnlich, aber jedes von ihnen besitzt eine kleine Besonderheit. Die Hauptfigur beispielsweise hat eine Kaffeemühle auf dem Kopf. Sie ist es, die – genau wie der Leser – auf der ersten Seite völlig ahnungslos und fremd im Totenreich ankommt, in einer grauen, steinigen, endlosen Mondlandschaft. Victor Tourterelle heißt der Neuling, doch ab sofort bekommt er einen neuen Namen: Weil er zwischen Karnevalsdienstag und Aschermittwoch gestorben ist, heißt er jetzt eben Mardi-Gras Aschermittwoch. Diese und andere Regeln bekommt Victor von einem Postboten erklärt, der ihn ordnungsgemäß in Empfang nimmt.

Während wir gemeinsam mit Victor staundend diese tote, fremde Welt kennenlernen, stellt sich langsam heraus, dass eine Verschwörung im Gange ist. Das Fegefeuer wird von einem strengen Regime kontrolliert, das seine Bewohner im Unklaren lässt, was mit ihnen geschieht. Allzu neugierige Personen werden weggesperrt. Eine kleine Gruppe von Widerständlern will aber genauer wissen, was es mit dem Fegefeuer eigentlich auf sich hat und setzt dabei große Hoffnungen in den Neuankömmling Victor: Dieser war nämlich im irdischen Leben Kartograph – nun soll er das Totenreich vermessen und eine Landkarte anfertigen.

Unter Knochen
beginnt im ersten Band mit einer großen Portion galligem Humor. Das Fegefeuer als verkommene Parallelgesellschaft, wo körperliche Genüsse nicht mehr möglich sind: Die Leute verzehren sich nach Wein oder Kaffee, müssen aber mit Quecksilber oder Altöl als Erfrischungsgetränke vorlieb nehmen. Der sarkastische Grundton, den das erste Album auszeichnet, geht leider in den Folgebänden nach und nach verloren. Stattdessen wird die Serie immer mehr zur metaphysischen Betrachtung des Lebens nach dem Tod. Mit der Hilfe von Kaffee, der hier die Rolle einer bewusstseinserweiternden Droge einnimmt, begibt sich Monsieur Mardi-Gras auf einen Trip zum Inneren des Fegefeuers, der deutlich von den zehn Kreisen der Hölle in Dantes Göttlicher Komödie inspiriert ist. Und während die Hauptfigur sich auf ihrem posthumen Selbstfindungstrip befindet, spielt sich in der Hauptstadt des Fegefeuers eine Revolution ab, die die bisherigen Regeln ins Wanken bringt und all den unerlösten Skeletten einen Ausweg aus der endlosen Dauerschleife des Fegefeuers verspricht. Aber wollen sie das überhaupt? Oder ist dieses jenseitige Leben nicht doch ganz angenehm?

Seite aus Band 4 Éric Liberge hat mit diesem Comic, an dem er insgesamt über acht Jahre gearbeitet hat, ein außergewöhnliches Werk geschaffen, das in keine Genre-Schublade passt und auf alle Fälle lesenswert ist. Möglicherweise wäre Unter Knochen noch besser geworden, wenn Liberge bei der eher bodenständigen und leicht nachvollziehbaren Geschichte geblieben wäre, die er im ersten Album erzählt. In den Folgebänden entwirft er dagegen ein immer komplexer werdendes Geflecht, um das Wesen und die Entstehung des Fegefeuers zu erklären. Das ist zwar reich an kulturhistorischen Anspielungen und lässt sich vielseitig interpretieren, das Lesevergnügen leidet allerdings unter der Last dieses Überbaus, auch weil der Humor mit fortschreitender Handlung auf der Strecke bleibt.

Grafisch hingegen steigert sich die Serie mit jedem Album. Den ersten beiden Bänden ist anzumerken, dass sie ursprünglich schwarz-weiß gezeichnet und später nur ganz dezent nachkoloriert wurden. Später änderte Liberge seine Zeichentechnik, so dass seine Bilder noch deutlich filigraner wirken. Er erschafft hier eine unwirkliche, faszinierend düstere und sehr detailreiche Welt, in die man als Leser gerne eintaucht, auch wenn sie alles andere als einladend wirkt.

Monsieur Mardi-Gras – Unter Knochen
Band 1: Willkommen!
Band 2: Das Teleskop von Charon
Band 3: Das Land der Tränen
Band 4: Die Formel der Wiederauferstehung
Splitter Verlag, 2008-2009
Text und Zeichnungen: Éric Liberge
Hardcover, farbig; Bd. 1-3: je 64 Seiten, 13,80 Euro, Bd. 4: 72 Seiten, 14,80 Euro

Abgründig, philosophisch und meisterlich gezeichnet

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Abbildungen: © Splitter Verlag