Neueste Artikel

Prototype

Cover von PrototypePrototype ist ein Comic zu einem Videospiel gleichen Namens. Der Band reiht sich in jenen Teil von Paninis Comic-Programm ein, der versucht, andere Formate in das Medium Comic zu übertragen und gewinnbringend zu vermarkten. World of Warcraft, Silent Hill oder Gears of War sind andere Beispiele für Comics, die bei Panini erscheinen und ihren Ursprung im digitalen Zockerhimmel haben. Merchandise nennt man das wohl. Die marktstrategische Idee dahinter ist nicht neu und sehr naheliegend. Hat ein Videospiel (oder ein Film, eine TV-Serie oder ein Roman) erst einmal eine bestimmte Anzahl Fans erreicht, lohnt es sich, einen Comic zu produzieren, der auf die Zielgruppe zugeschnitten ist. Nicht jeder Fan muss diesen Comic dann kaufen, nur ein bestimmter Prozentsatz, und schon haben Verlag und Lizenzgeber Geld verdient. Das Projekt war erfolgreich. Motto: Masse statt Klasse.

Wenn man einmal davon absieht, dass hier das Medium Comic zum Helfershelfer und Zweitverwerter von Videospielen degradiert wird, ist an der Sache eigentlich nichts auszusetzen. Denn was den Comicverlagen Geld in die Taschen spült, sichert letzten Endes ihre Existenz und ermöglicht andere Produktionen, die nichts mit Merchandise oder Verwertung zu tun haben. Natürlich nur im besten aller denkbaren Fälle.

Aber ist das die ganze Wahrheit? Eine andere Perspektive wäre die folgende, nicht weniger wahr: Comics sind ein eigenständiges Medium, absolut gleichwertig gegenüber Filmen, Videospielen oder Romanen, da sie geprägt sind durch eine völlig eigenständige und einzigartige Formensprache und Erzählweise. Kurz: Im Comic kann man Dinge machen, die man nirgendwo sonst auf diese Art und Weise machen kann.

In Prototype findet man von dieser Eigenständigkeit wenig wieder. Zeichner Darick Robertson (Transmetropolitan) hat wahrscheinlich maßgeblich dazu beigetragen, dass Prototype überhaupt irgendwie als Comic funktioniert. Und sicherlich war es auch kein Fehler der Autoren Palmiotti und Gray, den Fokus auf das New Yorker Detective-Team McKlusky und Garcia zu legen anstatt auf Alex Mercer, die unbesiegbare, alles zerschmetternde Hauptfigur des Videospiels. Insofern bietet Prototype den begeisterten Spielern vor den Konsolen wahrscheinlich gutes Lesefutter für die Pausen zwischen den Levels.

Die Geschichte ist bestenfalls medium, nicht mehr, vom Standpunkt eines Comic-Fans aus gesehen. Auch Robertsons Zeichnungen täuschen darüber nicht hinweg. Prototype ist Meterware, um die Regale der Bahnhofsbuchhandlungen aufzufüllen. Die Frage ist: Warum kann so ein Merchandise-Produkt nicht auch zugleich ein guter Comic sein? Prototype ist für jemanden, der das Videospiel nicht kennt, vollkommen uninteressant. Die Story plätschert langweilig dahin, ist von flachen Figuren bevölkert und endet mit vielen offenen Fragen. Muss das sein? Wenn schon nicht Innovation, dann doch wenigstens gutes Handwerk.

Vielleicht haben zu viele Köche diesen Brei verdorben. Vielleicht muss man aus Gründen der Fairness aber auch einen nennen, der hier besser sein könnte, als er ist. Beziehungsweise zwei: Jimmy Palmiotti und Justin Gray, die Autoren von Prototype. Das Team hat schon bei Jonah Hex nur mäßig überzeugt. Dass sie es grundsätzlich besser können, haben sie eigentlich schon mit The Hills Have Eyes gezeigt.

Böswillig könnte man dahinter nicht bloß Unvermögen, sondern bewusste Entscheidungen vermuten. Denn was auf Masse produziert wird und im Fahrwasser eines erfolgreichen Produkts mitfährt, darf gar nicht besonders gut gemacht sein, weil es sonst dem Original den Rang ablaufen könnte. Denn es wäre doch wirklich komisch, wenn eines Tages ein Videospiel floppt, der Comic dazu aber ein Hit wird.

Prototype
Panini, Februar 2010
Text: Jimmy Palmiotti, Justin Gray
Zeichnungen: Darick Robertson, Matt Jacobs
Übersetzung: Bernd Kronsbein
Softcover, 148 Seiten, farbig; 16,95 Euro
ISBN 9783866078925
Das war nix

Solide Zeichnungen, schwache Story und Figuren

Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen!

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Spirit Archive, Band 16

spirit16_cover.jpgEin nicht-autorisiertes Interview mit dem Spirit

Comicgate: Mr. Spirit, Sie sehen ziemlich gut aus für jemanden, der in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts in seinen besten Jahren war.

Spirit: (grinst) Ja, das ist ein angenehmer Vorteil als Comicfigur, dass wir nur ganz selten altern. Die Frauen wissen das zu schätzen. (lächelt charmant)

spirit16_bsp7.jpgCG: Denny Colt, scheinbar im Dienst ermordeter Polizist, taucht erst zum Schrecken seiner Freunde, dann zu deren Freude wieder auf und leistet im Verborgenen als der „Spirit“ Polizeiarbeit, wo Ihrem Freund Kommissar Dolan Grenzen gesetzt sind. Dadurch werden Sie zum Schrecken der Könige der Unterwelt und Kleinkriminellen.

Spirit: (entsetzt) Um Gottes Willen, pst, das ist ein Geheimnis, das drucken Sie nicht ab.

CG: Gewiss nicht, verlassen Sie sich auf uns! Das nehmen wir bei einer Veröffentlichung vorher raus, wir wollen ja nicht ihre Arbeit behindern. Was halten Sie davon, dass schon der 16. Band der Gesamtausgabe Ihres abenteuerlichen Lebens auf Deutsch erschienen ist?

spirit16_bsp3.jpgSpirit: Ich wusste gar nicht, dass die Gesamtausgabe auf Deutsch erschienen ist. Wie werden denn die Slangs übersetzt? Spricht mein Freund Ebony dann Bayrisch? Außerdem spreche ich leider kein Deutsch.

CG: Aber wir unterhalten uns gerade auf Deutsch.

Spirit: (überrascht) Ach?

CG: Dass Sie in der Gesamtausgabe nun dem deutschsprachigen Publikum präsentiert werden, verdanken Sie Salleck Publications. Verleger Eckart Schott wurde 2004 für seinen Mut, einen Bildband „36 Ansichten des Eiffelturms“ auf Deutsch herauszubringen, mit dem Max-und-Moritz-Preis belohnt. Die Spirit-Archive werden chronologisch herausgegeben in einer „Normalausgabe“, selber schick gebunden,  und in einer „Vorzugsausgabe mit Druck“, die ich allerdings noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Zu Ihrer Frage: In der Übersetzung wurde großenteils auf typische Mundarten verzichtet, Ebony spricht Hochdeutsch, eine europäische Kriegsbraut Dialekt.

Beispiel aus Spirit Archive 16Spirit: (schaut betrübt) Tja, typisch, wir Comicfiguren sind doch ziemlich fremdbestimmt; ich erinnere mich nicht, eine Interview-Anfrage erhalten zu haben. Will Eisner entscheidet in der Regel darüber, was ich so erlebe und er hat einen guten Geschmack für Abenteuer und einen merkwürdigen Hang zu starken Frauen mit kleinen Charakterfehlern. Band 16 stammt aus einer sehr experimentierfreudigen Schaffensperiode Eisners. Die Geschichte „Leben im Untergrund“ gehört gewiss zu den Klassikern und fehlt selten in Best-of-Sammlungen; das stank aber auch in der Kanalisation (hält sich die Nase zu). Aber natürlich gibt es auch andere aufregende Geschichten um teuflische Verbrecher, eine durchgeknallte Kriegsbraut und brisante Eheversprechen.

CG: Von Will Eisner sprach man lange mit Respekt als dem Vater (mittlerweile Großvater?) des grafischen Erzählens, ein Pionier, der neue Erzähl- und Darstellungsformen geschaffen hat, von denen auch die Spirit-Serie lebt. Man denke nur an Effekte seiner Darstellungen, um Stimmungen aufzubauen, ungewöhnliche Perspektiven, um den Leser ins Geschehen zu reißen, oder die legendären Titelseiten, in die die Worte „The Spirit“ auf 1000 Weisen plastisch ins Bild gesetzt werden. In Band 16 treffen Sie nun ausgesprochen viele attraktive Damen: Silk Satin, Wild Rice, Powder Puff, Castanet, Mrs. Paraffin …

Spirit: (strahlt) Das ist die gute Seite daran. (blickt misstrauisch zur Seite) Kommissar Dolans Tochter Ellen ist nicht zufällig in der Nähe?

CG: Die Spirit-Geschichten haben eine herrliche Selbstironie, lassen den Helden auch mal scheitern. Haben Sie Humor?

Beispiel aus Spirit Archive 16Spirit: Kennen Sie den? Kommt ein Verbrecher in die Polizeistation… (zensiert) (lacht lauthals) Das durften wir in den 40er Jahren noch nicht abdrucken, aber gelacht haben wir … köstlich!

CG: Mr. Spirit, welche Verbrecher würden Sie denn heute gerne jagen?

Spirit: Verbrecher, die andere bestechen und Verbrecher der Finanzwelt. Die sind schwierig zu erwischen, genau mein Kaliber, eine echte Herausforderung!

CG: Sie arbeiten eng mit der Polizei zusammen, Kommissar Dolan ist einer Ihrer besten Freunde. Und doch verbergen Sie Ihre Identität, arbeiten heimlich und wenden manchmal zweifelhafte Methoden an, um dem Recht Geltung zu verschaffen. Eine Frage interessiert uns in Deutschland besonders: Hätten Sie moralische Skrupel, Kommissar Dolan von Ihnen entwendete Informationen, zum Beispiel über Steuerhinterzieher, zu geben, vielleicht gegen eine kleine Aufwandsentschädigung, um Ihr Versteck im Wildwood Friedhof zu finanzieren?

Spirit: Wie bitte? Ob ich Skrupel hätte, Informationen an die staatlichen Behörden zu geben, damit sie Verbrecher fangen? Das fragen Sie den Spirit?! (starrt entgeistert)

CG: Okay, vergessen Sie es, dumme Frage! Was fällt Ihnen an der heutigen Zeit auf im Vergleich zu Ihren Abenteuern in den 40ern?

Beispiel aus Spirit Archive 16Spirit: Heute gibt es viele Stümper in Actionfilmen, die immer ein Schießeisen brauchen. Ich konnte mich noch mit Fäusten gegen Maschinenpistolen und Flammenwerfer zur Wehr setzen, wie in Band 16. Diese Techniken beherrschen heute nur noch wenige. Und ich habe damals noch eng mit der Polizei zusammengearbeitet. In heutigen Filmen und Geschichten herrscht Selbstjustiz vor und die Polizei ist selten vertrauenswürdig. In der Wirklichkeit macht die Polizei aber doch einen guten Job. Was ist das für ein Zeitgeist?

CG: Wir stellen hier die Fragen! So ist das bei einem Interview, tut mir Leid!

Spirit: Wie ich gehört habe, wurde in der deutschen Fan-Gemeinde der Tod Will Eisners im Jahr 2005 mit großem Kummer aufgenommen.

CG: Ja, das trifft zu. Ist der Spirit seit dem Versterben seines Erschaffers tot?

Spirit: (schaut verdutzt) —

CG: Hm, natürlich nicht, Mr. Spirit, selbstredend nicht, Mr. Spirit. Stimmt schon, dass der Soldat Eisner während des 2. Weltkriegs die Spirit-Geschichten von 1942 bis 1945 anderen Zeichnern anvertrauen musste. Gerade letztes Jahr (2009) kam Frank Millers Film „The Spirit“ ins Kino und  der letzte Band der Gesamtausgabe, Band 27 (bislang nur auf Englisch erhältlich), präsentiert auch neue Geschichten. 

Spirit: (von oben herab) Das will ich aber meinen!

Beispiel aus Spirit Archive 16CG: Viele Innovationen in Eisners Erzählkunst wirken heute noch nach und werden gerne von anderen Comic-Künstlern als Inspiration genommen. Wunderbar deshalb, dass ein Teil seines Werkes, nämlich die komplette Sammlung der Spirit-Geschichten auf Deutsch als Gesamtausgabe von Salleck Publications herausgebracht wird. In alter neuer Frische lesens- und staunenswert, verschlingt sie der Leser immer noch, auch dank Ihrer Mitwirkung, Mr. Spirit!

Spirit: (schaut plötzlich zur Seite) Das ist doch der Krake, dieser Schuft. Ich muss los, diesen Verbrecher fangen. Er hat in seinem bürgerlichen Leben Steuern hinterzogen. (eilt davon)

CG: (hinterherrufend) Ja, dann tschüss! Und besten Dank auch!

Will Eisners The Spirit Archive, Band 16 (4. Januar bis 27. Juni 1948)
Salleck Publications. Eckart Schott Verlag
, Juni 2009
Text/
Zeichnungen: Will Eisner
192 Seiten, Hardcover, Farbe; 49 Euro (Normalausgabe) bzw. 65,- Euro (Vorzugsausgabe mit Druck)
ISBN 978-3-89908-324-8 bzw. 978-3-89908-325-5 (Vorzugsausgabe)

Überschäumende Innovationen, immer noch fesselnde Geschichten!

Überschäumende Innovationen, immer noch fesselnde Geschichten!

Normalausgabe:

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Vorzugsausgabe:

Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen!

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Salleck Publications

Excalibur 5: Das prächtige Ys

 Nachdem er mehrere Jahrhunderte lang in einem Felsen eingeschlossen war, findet sich der berühmte Druide Merlin unverschuldet im Mittelalter wieder. Zusammen mit der jungen Kriegerin Gwynned, der aktuellen Trägerin der Schwertes Excalibur, macht es sich Merlin in diesem neuen Zeitalter zur Aufgabe, gegen das sich zwischenzeitlich weit verbreitende Christentum anzutreten und der Welt die vergessene Magie zu lehren. 

Der fünfte Band der Serie setzt den Funny-Titel des fleißigen und Fantasy-erfahrenenen Szenaristen Christophe Arleston (u.a. Lanfeust von Troy) nahtlos fort und verlangt dabei potentiellen Quereinsteigern dankenswerterweise nicht viel Vorwissen ab. „Das prächtige Ys“ liest sich als abgeschlossenes Abenteuer. Eines das hauptsächlich von der speziellen Charakterisierung Merlins lebt, denn dieser wird hier als skurriler, Kojotencape tragender Trunkendbold und Schürzenjäger dargestellt. Eine in weiten Teilen urkomische Interpretation dieser legendären Figur, die von Arleston zugunsten eines äußerst lustigen Plots gekonnt ins Lächerliche gezogen wird. Dabei schafft es Excalibur vom eigenwilligen Humor bis zu den Zeichnungen von Eric Hübsch ordentlich zu unterhalten. So sehr, dass man auf eine mögliche Fortsetzung der Reihe nur hoffen kann. Denn bis dato liegt auch im französischen Original noch kein weiterer Band vor.

 

Excalibur 5: Das prächtige Ys
Finix Comics, Januar 2010
48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 11,80 Euro

Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Leroy & Dexter

leroydexter.jpgNano liegt zwischen Mikro und Piko und steht für den milliardsten Teil einer Maßeinheit. Mit anderen Worten: Unglaublich winzig. So klein, dass einem schummerig wird, wenn man länger drüber nachdenkt. Leroy und Dexter sind Forscher im Nanoformat (Müsste man sie „Nanoben“ nennen?), die sich ihrer Winzigkeit bewusst sind und innerhalb ihres skurrilen Mikro-, Verzeihung, Nanokosmos den großen und kleinen Fragen des Daseins auf den Grund gehen. Sie treffen dabei auf drollige Hormone, betreiben Kernspaltung von Hand, verzocken ihre Kohle beim Spermarennen und werden von anarchistischen Freien Radikalen heimgesucht.

Neben der altbekannten, aber immer wieder gut funktionierenden Duo-Dynamik zwischen arrogantem Besserwisser (Leroy) und gutmütigem Naivling (Dexter) leben die in diesem Band gesammelten Comic-Einseiter vor allem von der geballten Experimentierfreude ihres Machers Thomas Gilke. Stil- wie Farbpalette kennen scheinbar keine Grenzen: Von Minimal- und Popart über Bildcollagen, Old-School-Superheldenlook bis zu Schulheftzeichnungen mit dickem Filzstift wird hier kaum eine Möglichkeit ausgelassen, die Farbpalette dazu von oben bis unten geplündert – ohne Scheu vor knalligen Neonkolorierungen, was oftmals eine schicke LSD-Trip-Atmosphäre erzeugt. (Passend dazu gibt Dexter in einem Strip seine ganz eigene Version von „Lucy in the Sky with Diamonds“ zum Besten.) Selbst die flacheren Kalauer, die bei einem in kurzen Abständen regelmäßig erscheinenden (in diesem Fall wöchentlichen) Strip wohl nie ausbleiben, sind einfach zu schön verpackt, um sie nicht wohlwollend grinsend durch die Gagkontrolle zu winken. Und ab und an wird es überraschend tiefgründig, wenn sich die Nanofiguren mit existenziellen Makroproblemen rumschlagen.

leroydexter1.jpg Die Welt der beiden Forscherkollegen ist dabei nicht nur der Nanokosmos, sondern der Comicstrip an sich. Die Seiten, Panels und Sprechblasen sind für die Winzhelden materielle Umgebung und werden oftmals kreativ in die Handlung und Gags miteinbezogen. So werden Zeitreisen über mehrere Panels oder zwischen verschiedenen Strips unternommen und Seitenlayouts von den Figuren demoliert. Diese selbstreferentielle, spielerische Verknüpfung von Form und Inhalt des Comics sind neben allem Spaß auch eine netter Fingerzeig auf oft unbeachtete Möglichkeiten des Mediums.

Unter den 111 in diesem schön designten Hardcover gesammelten Episoden findet sich außerdem eine ganze Reihe von illustren Gastbeiträgen aus den Zeichenfedern von unter anderem Leo Leowald, Kai Pfeiffer und Fil, der auch das beinahe seriöse Vorwort lieferte. Bei manchen vermeintlichen GastzeichnerInnen handelt es sich jedoch um Phantomkünstler, unter deren Anagramm-Namen Gilke noch mehr stilistische Abwechslung kredenzt (z.B. die großartig-minimalistischen Strips mit den Körperzellen Judith und Werner) – eine extrem unterhaltsame Spielart von künstlerischer Schizophrenie.

leroydexter2.jpg Die Entstehungsgeschichte der Stripserie ist übrigens fast genauso abstrus, wie die Abenteuer von Leroy und Dexter: Basiert das Ganze doch auf Comicfiguren, die in Sputnitschick, einem sowjetischen Jugend(propaganda)magazin für die ehemaligen Ostblockländer Ende der 1970er/Anfang der 1980er auftraten. Nach Entdeckung dieses schrägen Kleinods aus der Ära des Kalten Krieges beschloss Gilke, dem Comic neues Leben zu bescheren. (Hätte der Schreiber dieser Zeilen die russischen Originale nicht mit eigenen Augen in einer Ausstellung auf dem Comicfestival München gesehen, hätte er das wohl kurzum als recht kreative Märchengeschichte abgetan.) Ursprünglich erschien seine Neuinterpretation auf der von Ulli Lust herausgegebenen Onlineplattform electrocomics.com. Und das macht Leroy & Dexter zu einem bestechenden Plädoyer für Webcomics als Hort der kreativen Entfaltung. Denn eine Zeitung hätte sich wohl kaum an den Abdruck dieses Strips gewagt. Doch schön, dass es jetzt auch diese ausgesprochen feine Printversion gibt. Denn nur fürs Netz ist ein Comic wie Leroy & Dexter viel zu schade.*

 

* Obwohl der Autor die Vorteile von Webcomics anerkennt und sie als willkommene Bereicherung sieht, bevorzugt er Printcomics gnadenlos, was mit Sicherheit nicht fair ist. Aber dafür ehrlich.

Leroy & Dexter
Avant-Verlag, Juni 2009
Text und Zeichnungen: Thomas Gilke
Hardcover, farbig, 134 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-35-0

 

 Gut

Einer der skurrilsten und experimentierfreudigsten Comicstrips der letzten Jahre!


Jetzt bei Comic Combo  anschauen und bestellen!

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Thomas Gilke, Avant-Verlag

Witchblade 1 und Darkness 1

Cover von Paninis Witchblade 1Nachdem über ein Jahr lang kein Lebenszeichen vom Infinity-Verlag zu vernehmen war, konnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis lukrative Lizenzen zu einem anderen deutschen Verlag abwandern würden. Die Rechte an den Titeln des US-Verlages Top Cow gingen an Panini, die ihr Programm damit um eine weitere Sparte ausbauen konnten und nach längerer Abstinenz zuerst einmal neue Comics der Flaggschiffe des US-Labels, Witchblade und The Darkness, weiterführen. Im gleichen Zuge hält für die beiden nahtlos fortgesetzten Reihen das Paperbackformat Einzug, das viele Leser schon viel früher auch von Infinity erwartet, sich zum Teil auch gewünscht haben. Im Gegensatz zur Heftchenpolitik, an der Infinity in weiten Stücken bis zuletzt festhielt, liegt der Vorteil der Veröffentlichung in Sammelbänden klar auf der Hand: Die Geschichten präsentieren sich weniger zerstückelt, d.h. die sonst oft auf mehre Monate verteilten Storylines lassen sich jetzt als runde Sache an einem Stück, ganze Handlungsbögen ohne Unterbrechungen lesen. Das ergibt gerade bei den betroffenen Reihen mehr als Sinn, sind diese doch zumeist auch im Original in Erzählungen zu drei bis fünf US-Heften untergliedert. Ein struktureller Vorteil also, der sich sogleich bei den ersten Bänden von Witchblade und Darkness (diesmal ohne Artikel davor) von Panini bemerkbar macht. Beide Reihen erweisen sich trotz langer, holpriger, oft auch qualitativ zäher Kontinuität recht einsteigerfreundlich, denn passenderweise schlagen sie inhaltlich neue Richtungen ein, die sich in weiten Teilen frei von altem Ballast zeigen.

“Witchblade – Ein neuer Anfang“ knüpft mit den enthaltenen US-Heften 113-118 direkt an die letzte Infinity-Ausgabe an und setzt kurz nach den Ereignissen des Crossovers „First Born“ ein. Sarah Pezzini, Polizistin und bisherige Trägerin der uralten Waffe namens Witchblade, kommt nun vornehmlich ihren Pflichten als frischgebackene Mutter nach und teilt sich aus diesem Grunde die Witchblade mit der jungen Tänzerin Danielle Baptiste. Autor Ron Marz setzt mit dieser Zweiteilung der Serie deutlicher auf die Beziehungsebene als dies zuvor der Fall war; neben der Auflösung von Kriminalfällen und der Bekämpfung von Übernatürlichem, die auch weiterhin den Grundton bilden, steht jetzt auch Familie, Liebe und Freundschaft im Vordergrund. Umgesetzt wird dieser neue Anstrich durch die Zeichner Sami Basri und Stjepan Sejic, deren Herangehensweisen kaum unterschiedlicher sein könnten. Während Ersterer auf klar konturierte, wenig effektreiche Bilder und warme, freundliche Farben setzt, dominiert Sejic seinen Anteil des Bandes mit einem realistischen, expressiven Zeichenstil, dem es durch die kühle Erscheinung aber leider an Dynamik und Detailtreue mangelt. Der Kontrast zwischen beiden ist extrem und sicherlich ist es Geschmackssache, welche Stilart man bevorzugt. Insgesamt bewegen sich Marz, Basri und Sejic auf einem ordentlichen Niveau, verpassen es aber, wirkliche Glanzlichter zu setzen und die Witchblade auf ein anspruchsvolleres Niveau zu heben, als sie die vergangenen Jahre war.

Cover von Paninis Darkness 1Der perfekte Einstieg für die Reihe um Mafia-Killer Jackie Estacado, der die momentane Inkarnation der Darkness ist, hat sich für Panini hingegen quasi von allein ergeben. Auch wenn man für den Start ab dem US-Volume 3 die ersten beiden Kapitel, die bei Infinity als „The Darkness – Neue Serie“ 25 und 26 bereits einzeln veröffentlicht wurden, nochmals abdrucken musste, ist das in jedem Fall sinnvoll, denn so bietet sich dem Leser der sehr empfehlenswerte Sechsteiler „Imperium“ versammelt und komplett in einem Band. Jackie, der seit Beginn der Serie sich zum Oberhaupt einer Mafiafamilie aufschwingen konnte, bevor er abstürzte und sogar kurzzeitig tot war, verschlägt es darin in ein kleines südamerikanisches Städtchen, wo er den örtlichen Diktator stürzt und die Bevölkerung mithilfe einer neu entwickelten Droge und eines Wissenschaftlers unter Kontrolle hält. Phil Hester erdachte sich für diese neueste Interpretation um die mysteriöse Darkness einige neue Ansätze, von denen der Bartwuchs der Hauptfigur noch diejenige mit der geringsten Tragweite ist. Vielmehr gelingt es Hester, den Kern der Reihe, die Darkness selbst, wieder zum hauptsächlichen Gegenstand zu machen. Spürbar ist in diesem Zusammenhang zum Beispiel, dass Macht neuartig definiert und im größeren Kontext dargestellt wird, zudem erhält Estacado nun mehr Kenntniss über die Natur der Finsternis, die fieser, betrügerischer und selbstständiger als je zuvor erscheint. Unterlegt durch die rauen, finsteren Bilder von Zeichner Michael Broussard, dessen Stil stark an The Darkness-Miterfinder Marc Silvestri erinnert, ist dieser Neubeginn dann tatsächlich auch weitaus sehenswerter wie die Versucher einiger Autoren/Zeichner zuvor; auch das ist ein Grund, weshalb man das Gefühl hat, dass die Serie zu alter Stärke zurückgekehrt ist.


Witchblade 1 – Ein neuer Anfang
Panini, Juli 2009
Text: Ron Marz
Zeichnungen: Sami Basri, Stjepan Sejic
148 Seiten, farbig, SC; 16,95 Euro

Darkness 1 – Verflucht
Panini, August 2009
Text: Phil Hester
Zeichnungen: Michael Broussard
148 Seiten,
farbig, SC; 16,95 Euro

Gut!







Guter Einstiegspunkt für neue Leser, Stammleser dürften sich über eine gelungene Wiederbelebung der langjährigen Serien freuen

 

Witchblade 1 – Ein neuer Anfang:

Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen!

 

 

 

Darkness 1 – Verflucht:

Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen!

 

 

 

Sukkubus 1 – Camilla

 Diese Dame verwirrt einem wirklich die Sinne. Sieht man das schön gestaltete Cover mit einer verführerischen Frau und dem Titel Sukkubus, geht man von einer erotisch gestalteten Mysteryserie aus. Ein „Sukkubus“ ist schließlich ein weiblicher Dämon, der durch sexuelle Verführung die Seelen von Männern einfängt. Das ist in diesem Comic aber nicht der Fall. Stattdessen liegt ein ziemlich verwirrender Historiencomic vor, der sich einem nicht so schnell erschließt. Jedenfalls könnte der Leser auch eine Eule als Vogel der Weisheit, der in dem Album häufig vorkommt, gebrauchen.

Zunächst wird der Leser in das antike Ägypten geführt, wo er Zeuge der Konfrontation einer Priesterin mit einem Hohepriester wird. Der Sinn dieser Szene bleibt unklar (abgesehen von dem Tenor „Mann gegen Frau“), denn schon zwei Seiten später befinden wir uns mit der Titelheldin Camilla im Paris des Jahres 1794. Camilla, Mitglied der Sekte „Die Töchter Liliths“, denkt an zwei real existierende Frauen, die für ihre Zeit außergewöhnlich waren: Olympe de Gouges und Manon Roland. Diese beiden Frauen gab es wirklich: Olympe de Gouges, 1748 geboren, kämpfte für die Rechte der Frauen, die ironischerweise auch nach der Revolution keine Bürgerrechte hatten. Die Ex-Kurtisane verfasste 1791 eine „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, die der Erklärung der Menschenrechte nachempfunden war. Dieses Pamphlet war eine Pioniertat des Feminismus, aber auch Anstoß für die Verhaftung ihrer Autorin. Sie wurde auf Befehl Robespierres 1793 geköpft. Manon Roland war die Ehefrau des damaligen Innenministers und führte einen Salon, in dem sich führende Revolutionäre trafen. Als sie ihren Mann veranlasste, eine flammende Rede gegen Danton zu halten, wurde sie verhaftet und 1793 hingerichtet.

 Camilla betrauert den Verlust dieser außergewöhnlichen Frauen, unterstützt aber, wie später deutlich wird, deren Mörder Robespierre, was nicht wirklich logisch erscheint. Die historische Epoche des Terrors nach der Französischen Revolution wird als Hintergrund für ein undurchsichtiges Intrigenspiel benutzt: Die Sekte der „Töchter Liliths“ kämpft gegen den Orden der „Söhne Adams“. Die Handlung lässt sich auf den Kampf Mann gegen Frau herunterbrechen,  wobei die Erzählperspektive fast ausschließlich die Seite der Frauen einnimmt.

Die Sympathien des Autors sind dabei unklar. Einerseits ist der Comic pro-feministisch, da die porträtierten Frauen gegen das Patriarchat und die christlich tradierte Frauenfeindlichkeit angehen. Andererseits unterstützt der Frauenorden die Tyrannei der Jakobiner, um anti-christliche Ziele zu verwirklichen, und gleichzeitig betreibt er den Sturz Robespierres. Das Motiv dafür hätte Autor Thomas Mosdi deutlicher herausarbeiten müssen. Dass die Frauen später auf der Seite Napoleon stehen wollen, kann ich mir auch nur mit dem späteren „Code Napoleon“ erklären, der gleiches Recht für alle gelten ließ (und heute zum größten Teil als Strafgesetzbuch immer noch gilt).

 Völlig schleierhaft sind die Motivation und Intentionen des Ordens „Die Söhne Adams“. Manche historische Ungenauigkeit wie bei der Hinrichtung Robespierres, bei der erklärende Details weggelassen wurden, kann man noch hinnehmen. Aber die inkonsequente Mischung von Symbolen aus den verschiedensten Mythologien zeugt eher von der Intention, eine mystische Stimmung zu erzeugen denn eine wirkliche Geschichte zu erzählen. Jüdische Mythologie (Lilith als erste ungehorsame Frau Adams und Chefdämonin der Hölle) verbindet sich mit ägyptischer Mythologie (der Isiskult)  und einer Prise Griechisch (die Eule als Symbol für die Göttin der Weisheit Athene) zu einer Suppe, die dem Lesermagen nicht unbedingt bekommt.

Die Eule ist nicht nur ein Vogel der Weisheit, sondern auch ein sexuelles Symbol. Sie steht für die Leidenschaft, die mit dem Geist der Menschen kämpft. Insofern ist sie ein sehr treffendes Symbol für den Orden der Lilith und seinen Kampf gegen die Rationalität der Männer. Der Comic scheint sich dem anzuschließen, denn der Rezensent verbleibt ziemlich ratlos. Aber nochmal zum Thema Leidenschaft: Laurent Paturaud versteht es mit seinen wirklich schönen Zeichnungen, vor allem die Frauen sehr verführerisch und erotisch darzustellen. Sie wirken zwar austauschbar – die Haarfarbe ist das eindeutigste Unterscheidungsmerkmal -, machen aber die sehr schwache Handlung zumindest ansehnlich.

Sukkubus 1 – Camilla
Splitter, Dezember 2009
Text: Thomas Mosdi
Zeichnungen: Laurent Paturaud
Hardcover, 48 Seiten, farbig; 13,80 Euro

ISBN: 978-3868690866
Nicht so prickeln

Ein schön gezeichnetes Album mit einer Handlung, die einen ratlos zurücklässt.

Jetzt bei Comic Combo  anschauen und bestellen!

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Laurent Paturaud und Splitter Verlag

Hack/Slash 4 – Blutige Balladen

Hack/Slash 4Es ist nicht zu übersehen, das Team um Tim Seeley (Text) und Emily Stone (Zeichnungen) hat sich spätestens nach dem jetzt vorliegenden vierten Sammelband so richtig eingespielt. Garniert wird ihr Comedy-/Horror-Mix immer wieder durch überraschende Gastzeichner und schräge Einfälle. Hack/Slash ist sicherlich weder die anspruchsvollste Comicserie auf dem deutschen Markt noch die optisch bestechendste, trotzdem bewegen sich die meist kurzen Stories mittlerweile auf einem soliden Qualitätsniveau. Irgendwo zwischen Buffy und Emily the Strange angesiedelt metzelt sich die junge Cassie Hack durch die Horden untoter Slasher; die einzelnen Fälle verlaufen oftmals nach einem simplen Monster-of-the-week-Prinzip, was aber wenig stört, wenn Tim Seeley das eigene Konzept, wie in diesem Band auch wieder zu sehen, selbst mit einem Augenzwinkern auf die Schippe nimmt. Zwischen lesbischen Spielchen und der unverhohlenen Referenz an He-Man baut er mal eben eine rührende (und blutige) Liebesgeschichte ein, die zeichnerisch im Stile der cartoonigen Archie-Comics gehalten ist. Und das sind dann die Punkte, die Hack/Slash schließlich abheben. Das Monsterjagen war selten unterhaltsamer, „Blutige Balladen“ bildet da konsequenterweise keine Ausnahme.

Hack/Slash 4 – Blutige Balladen
Cross Cult, Januar 2010
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,80 Euro

Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Animal’z

Cover von Animal'zDie Klimakatastrophe kommt vermehrt auch in der Welt der Sprechblasen und Panels an. Nun ist bei Ehapa Comic Collection das neue Werk Animal’z von Enki Bilal erschienen. Und dessen Szenario ist unmittelbar nach einem verheerenden Klimakollaps, der die Erde in ein ökologisches Desaster gestürzt hat, angelegt. Das ist aber nur der Rahmen, den Bilal mit seinem – buchstäblich – fantastischen Genre-Mix aus Science-Fiction, Dystopie und Western ausfüllt. So vereint er in seiner Person Moebius und Jean Giraud. Oder anders ausgedrückt: Animal’z ist eine Kreuzung aus dem Western Blueberry und den Science-Fiction-Klassikern Die hermetische Garage und Arzach.

Um Kreuzungen dreht sich auch ein Großteil der Story: Die Wissenschaft hat es in Bilals Fantasiewelt geschafft, hybride Mensch-Delphine zu entwickeln, doch damit nicht genug. Die trostlose Landschaft wird von fliegenden Schildkröten bevölkert und animalische Androiden können per Telepathie mit Eisbären und Walen kommunizieren. Zwei fast identische Cowboys, die auf Zebras reiten und immer das passende Zitat aus der Literaturgeschichte parat haben, radioaktiv verstrahlte Menschenfresser und Neo-Nihilisten bilden die skurrilen Randfiguren des Ensembles.

Bilal erschafft eine dystopische Welt, in der nach der großen Klimakatastrophe das ökologische Chaos herrscht. Die abgewrackten Windräder scheinen wie Karikaturen und symbolisieren das Scheitern der Menschheit. Symbol- und schemenhaft – so wirkt die bizarr-fantastische Zukunft bei Bilal. Der amerikanische Kultautor und Mitbegründer der Beat-Generation, William S. Burroughs, hat in seinem Öko-Science-Fiction-Roman Ghost of Chance auf ähnlich surreale Weise gezeigt, wie der Mensch die Natur zerstört. Bilal dreht das Ganze um, indem er schildert, wie die Natur zurückschlägt.

Neben diesem abgehobenen Plot ist auch die Erzählweise alles andere als geradlinig. Erst nach der Hälfte, wenn die verschiedenen Handlungsstränge der unterschiedlichen Protagonisten zusammentreffen, kristallisiert sich allmählich so etwas wie ein Sinn heraus. Als Erzähltext verwendet Bilal das Protokoll und den Tagebuch-Mitschnitt zweier Delphin-Menschen. Auf diese Weise taucht der Leser in die ungewöhnliche Gedankenwelt hybrider Lebewesen ein. Wer auf klar gestrickte Geschichten steht, wird mit Animal’z nicht glücklich werden. Fans von avantgardistischen Comickünstlern wie Daniel Hulet (Extra Muros) oder Lorenzo Mattotti (Feuer) dürften damit aber keine Probleme haben.

Seite aus dem Original (c) Enki Bilal/CastermanDie vierfarbigen Bilder – schwarz, weiß, rot und blau – zeigen eine graue Einöde und erzeugen eine dichte Atmosphäre. Es sieht so aus, als hätte Bilal diesmal auf einem grauen Tonpapier gearbeitet, auf dem er wie gewohnt mit Kreide gezeichnet hat. Seine künstlerisch versierten Zeichnungen variieren dabei gekonnt zwischen flüchtigen und kräftigen Strichen, die Farben Rot und Blau kommen nur vereinzelt zum Einsatz. Ein besonders sphärischer Eindruck entsteht durch auffällig breite und mittelgroße Einzelbilder.

Bilal ist mit Animal’z ein weiteres Meisterwerk gelungen, das durch seine künstlerische Ausführung ebenso überzeugt wie durch seinen Inhalt. Die Kombination von Surrealismus beziehungsweise Fantastik mit gesellschaftlichen Problemen aus der Gegenwart klappt bei Bilal schon seit den Anfangstagen, die er noch zusammen mit dem Autor Pierre Christin (Valerian & Veronique) beschritten hat. Die satirischen bis zynischen Seitenhiebe machen den düsteren Trip zu einem Lesevergnügen, der sich allein schon wegen der prägnanten Zitate aus der klassischen Literaturgeschichte lohnt. Animal’z ist sicherlich auch ein Comic, den man mehrmals lesen kann bzw. muss – je nachdem, was beim ersten Durchgang hängen geblieben ist.

Animal’z
Ehapa Comic Collection, Februar 2010
Text und Zeichnungen: Enki Bilal
Hardcover, 104 Seiten, farbig; 24,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3324-7

Gut!

Künstlerisch und inhaltlich anspruchsvoll

einkaufswagen cc

nlintX

Abbildungen © Enki Bilal/Casterman, der dt. Ausgabe Ehapa Comic Collection

Jonah Hex 1 – Zeit zu sterben

 Jonah Hex ist ein Muss für jeden Western-Fan. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Das Cover von Tim Bradstreet sieht schon einmal klasse aus. Und fix durchgeblättert: Ja, alles ist da! Rauchende Colts und Falschspieler, Indianer und Explosionen. Die Zeichnungen im Innenteil sehen irgendwie ganz okay aus, die Kolorierung ist durchschnittlicher Mist, aber egal, das kann in den USA eh kaum einer, warum also bei Jonah Hex damit anfangen? Portemonnaie raus, eine Handvoll Dollars für den Comickeeper – und rein ins Regal damit! Lesen sollte man das Ding aber besser nicht.

Sicherlich, Jonah Hex gibt es schon seit den Siebzigern, eine durch und durch tragische Gestalt, ein einsamer Revolverheld, dessen linke Gesichtshälfte wie Frikassee aussieht. Und auch innerlich wurde der sympathische Unsympath durch den Wolf gedreht. Ein Kopfgeldjäger, ein brutaler Herumtreiber, woah! Ja, das ist cool, das macht Kasse. Zumal bald der Kinofilm  auf der Matte steht. Im Juni 2010 soll es soweit sein. Es ist natürlich keinem Verlag – weder Panini noch DC – zu verübeln, im Fahrwasser eines solchen Leinwandspektakels noch ein paar Nuggets extra abzugreifen. Aber warum muss dabei so ein Schrott herauskommen? Da werden lieblos entworfene Figuren zusammengeklatscht und durch ein Szenario getrieben, das an den Haaren herbeigezogen wurde und am Skalp aufgehängt gehört. Die Schauplätze sind so sehr Standard, dass man sie kaum wahrnimmt. Der Plot ist ohne jeden Witz und Dreh. Wenn man einen Seitenblick auf Blueberry, Bouncer oder Loveless riskiert und in der Konsequenz dem Western-Comic Attribute wie 'großartig', 'kunstvoll' oder 'klassisch' anhängt, dann sollte man sich bei Jonah Hex zumindest wundern. Vielleicht ist es Zeit zu gehen.
Jonah Hex 1 – Zeit zu sterben
Panini Comics, Januar 2010
148 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 16,95 Euro

Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen! Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Cosa Nostra 4 – Die Hetzjagd

 In der Comicadaption der Geschichte der Cosa Nostra Amerikas der Zwanziger und Dreißiger Jahre wird ein neues Kapitel aufgeschlagen.

1931: Lucky Luciano hat es geschafft. Er ist jetzt einer der mächtigsten Männer New Yorks. Nicht nur hat er seine Konkurrenten ausgeschaltet, er ist auch in der Riege der Bosse respektiert. Seine Ratschläge, um anderen aus Problemen herauszuhelfen und somit Verbündete zu gewinnen, sind dort durchwegs willkommen. Nach der Ermordung eines einflussreichen Konkurrenten ist er in die hohen Ränge der Cosa Nostra aufgestiegen und beginnt seinen Einflussbereich auszudehnen. Das verschafft ihm allerdings mit dem Boss der Bosse, Maranzano, einen gefährlichen Gegner. Zudem wird der rivalisierende Bandenboss Dutch Schultz immer unberechenbarer. Dass New Yorks neuer Staatsanwalt und der neue Bürgermeister mit ihrem Kampf gegen das Verbrechen Ernst machen, merken alle Gangster der Stadt ziemlich deutlich. Die Hetzjagd beginnt.

Über die Zeit der großen Verbrecher Amerikas wurde im Laufe der Jahre so viel geschrieben und so viele Filme gedreht, dass sich deren Biographien verselbstständigten und ein Mythos um die Gangster geschaffen wurde. Dies begann schon zu ihren Lebzeiten, wobei ein paar Findige an ihrer Legende selber mitschrieben. Vor allem Al Capone scheute die Öffentlichkeit nicht und umgab sich mit einem Nimbus der Unbesiegbarkeit. John Dillinger gab sich als moderner Robin Hood, der er nun wahrlich nicht war. Legs Diamond überlebte so viele Mordanschläge, dass die Leute anfingen zu glauben, er sei unverwundbar. Aber indem er begann, an seinen eigenen Mythos zu glauben, unterzeichnete er sein Todesurteil.

 Dass Legs Diamond zu Unrecht eine legendäre Gestalt wurde, wird in diesem Comic anschaulich geschildert. Eine der größten Stärken der Reihe Cosa Nostra ist die Mischung aus Comic und Historienbuch, aber zugleich ist dies auch eine ihrer Schwächen. Durch die Faktentreue des Comics geht im dramaturgischen Bereich einiges an Dynamik verloren. Autor David Chauvel versucht möglichst viele Tatsachen unterzubringen, was auf Kosten einer strafferen Erzählweise geht. In der Verknüpfung mehrerer unterschiedlicher Biographien (die von Luciano, aber auch von Dutch Schultz, Thomas E. Dewey und Legs Diamond), werden diverse Zeitsprünge in Kauf genommen, die dem Leser einiges an Konzentration abverlangen, bis man wieder am eigentlichen Erzählstrang angekommen ist.

Dies verhindert einen stringenten dramaturgischen Spannungsaufbau, der die (Erzähl-)Geschichte vorangetrieben hätte. Zum Beispiel wird an der Stelle, an der die beiden Rivalen Lucky Luciano und Dutch Schultz in Konflikt  geraten, die Handlung abgebrochen und mit einem neuen Kapitel zunächst die Lebensgeschichte von Schultz erzählt. Erst danach wird der Faden wieder aufgenommen und die eigentliche Handlung fortgeführt.

Als Geschichtsbuch ist der Comic mit seinen historischen Fakten sehr spannend. Allerdings führt die nicht-lineare Erzählweise dazu, dass es ein bisschen unübersichtlich wird. Sehr positive Aspekte sind die historische Authentizität und vor allem sehr gute Montageszenen. Wie zum Beispiel gleich im ersten Panel, wo man eine Häuserfront durch ein Sektglas hindurch sieht. Hervorragend gestaltet ist auch die Szene, in der eine Intrige während eines Zoobesuchs gesponnen wird. Während im Hintergrund zwei Löwen miteinander kämpfen, verbünden sich zwei Gangster, um den Tod eines Dritten zu besiegeln. Bei der enormen Fülle von Charakteren und Namen verschwimmen die Zeichnungen der Gesichter allerdings etwas im Auge des Betrachters und sind nicht immer gut voneinander zu unterscheiden. 

 

Cosa Nostra 4 – Die Hetzjagd
Alles Gute, Verlag Schreiber & Leser, Januar 2010
Text: David Chauvel
Zeichnungen: Erwan Le Saec
Hardcover, 144 Seiten, farbig,
22,80 Euro
ISBN: 9783941239265

Gut
Ein spannendes Kapitel der Geschichte, sehr gut umgesetzt. Nur wirken die Vielzahl von Namen und Charakteren relativ schnell ermüdend.

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

 

Abbildungen © Schreiber & Leser