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Fantastic Four 4 – Dark Reign

Fantastic Four 4: Dark ReignParalleluniversen sind ein heiß geliebtes Szenario in Superheldencomics, wie auch allgemein im fantastischen Genre. Zu oft artet deren Einbezug aber in allzu generischen und fantasielosen „Helden und Schurken vertauschen die Rollen“-Geschichten aus, die nicht viel mit den Figuren und somit dem Leser anstellen. Der Ansatz in der Miniserie Fantastic Four: Dark Reign ist anders: Hier begibt sich die dehnbare Wissenschaftskoryphäe Reed Richards mittels seiner neu entwickelten „Brücke“ gezielt auf eine Reise durch eine Vielzahl von Parallelwelten. Sein Ziel: herausfinden, wie und ob die beiden letzten großen Krisen im Marveluniversum, der Civil War und die Secret Invasion, zu verhindern gewesen wären und welche Rolle er dabei inne gehabt hätte.
Im zweiten Handlungsstrang der Geschichte wird der Rest des Teams durch eine unliebsame Fehlfunktion der Realitätenbrücke durch zunehmend abstrusere Szenarien gejagt. Das sorgt für Action und ein paar tolle Bilder, aber damit ist auch schon alles über diesen Teil gesagt. Was das mit Dark Reign zu tun hat? Nun, im dritten Handlungsstrang geht es um Norman Osborn, den neuen starken Mann im Marveluniversum, der mit einem Trupp H.A.M.M.E.R.-Agenten das Baxter Building heimsucht, um die Fantastischen Vier, die nicht mehr Teil der staatlich registrierten Heldeninitiative sind, aufzulösen. Statt des Teams sieht er sich aber nur den Richards-Sprösslingen Franklin und Valeria gegenüber, die auf kindlich-kreative Weise Widerstand leisten und so zu den heimlichen Helden des Comics werden.
Das Ende wartet wiederum mit einer interessanten Entwicklung auf, welche die Spannung für kommende FF-Ausgaben schürt – ist Autor Jonathan Hickman doch Mark Millars Nachfolger als Stammautor der Hauptserie. Leider nicht zusammen mit Zeichner Sean Chen, der hier mit überdurchschnittlich guter Arbeit überzeugt. Fazit: Feiner, fantasievoller Superheldencomic. Kaufen!

Fantastic Four 4 – Dark Reign
Panini Comics, Januar 2010
124 Seiten, Farbe, Softcover
14,95 Euro

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Fahrenheit 451


Fahrenheit 451Zum 90. Geburtstag von Ray Bradbury inszeniert Tim Hamilton (u.a. MAD, DC Comics, Dark Horse Comics) die dystopische Vision Fahrenheit 451 als Crime-Noir-Adaption. Der Roman ist längst nicht mehr nur ein Science-Fiction Klassiker, sondern hat sich in die Annalen der Literaturgeschichte eingeschrieben. Ein Grund mehr, die Geschichte über eine nicht allzu ferne Zukunft, in der die Menschen sich von den Büchern losgesagt haben, zu adaptieren. Was ist aber nun besser? Das Buch, der Film (François Truffaut, 1966) oder die 2010 beim Eichborn Verlag erschienene Graphic Novel? Jeder Anhänger des jeweiligen Mediums wird natürlich auf seine Version pochen und unnachgiebig nach Schwachstellen in den jeweils anderen Medien suchen. Diese und andere Gedanken zum Comic haben sich Marco Behringer und Daniel Wüllner in Form einer Dialogrezension gemacht.


Marco:
Wer das Buch gelesen hat, den wird in der gleichnamigen Comicadaption in inhaltlicher Hinsicht nichts überraschen. Das heißt, dass das Augenmerk auf dem Weg zu einem gerechten Urteil dann weniger auf die Bewertung der Story, sondern auf die Umsetzung fällt. Denn was kann man an einer Geschichte kritisieren, die Kult- und Klassikerstatus genießt? Dafür müsste man ein unwissender Leser sein, der weder Buch noch Film kennt. Dann, und nur dann kann man die Erzählung bewerten.

Daniel: Warum sollte man eine Geschichte nicht bewerten können, wenn man deren vorangegangene Versionen bereits kennt? Bradbury selbst erklärt doch im Vorwort zum Comic, wie die eigentliche Geschichte erst aus mehreren „Fassungen“ entstanden ist. Der Film und der Comic sind einfach nur weitere Phasen, in denen der Klassiker zeitgemäßer gemacht wird. Egal welche Version von Fahrenheit 451 man in der Hand hält, die Geschichte bleibt die gleiche: In einer Zeit, in der die Gesellschaft durch ständige Bespaßung glücklich gehalten wird, verbrennen Feuerwehrmänner jedes Buch, das sie finden können, um ihre Mitmenschen vor dem scheinbar gefährlichen Nachdenken zu schützen.

Von züngelnden Flammen und brennenden BüchernMarco: Es gibt keine inhaltliche Änderung und damit keine Überraschung. Das Update im Comic erfolgt ganz im Gegensatz zu Truffauts Filmadaption ausschließlich auf der graphischen Ebene – und das ist Tim Hamilton auf ganzer Linie geglückt. Auch ästhetisch bleibt die Graphic Novel zwar nah am Original. Hamiltons Zeichnungen entsprechen der typischen, realistischen Abenteuer-Ästhetik in Nordamerika. Doch durch großzügige schwarze Flächen, die an Frank Miller erinnern, kreiert er eine Crime-Noir-Stimmung. So entsteht tatsächlich eine völlig neue Atmosphäre. Im Kontrast dazu stehen die ausgewaschenen kalten Farben und die Art Déco-Elemente. Außergewöhnlich sind auch die kunstvoll illustrierten züngelnden Flammen, oder?

Daniel: Bevor wir uns vollends auf die Bildebene stürzen, lass mich noch einen Gedanken zur Adaption anbringen. Auch wenn keine bemerkenswerten Veränderungen auf der Handlungsebene stattfinden, so hat sich Hamilton, ebenso wie Truffaut, überlegt, was er akzentuieren wollte. Folgen wir doch dem Protagonisten Guy Montag ein paar Seiten und sehen zu, was passiert: Wir sehen ihn auf einer Rolltreppe abwärts fahren, bekommen die Information vom Erzähler, dass Guy zur U-Bahn geht, in der wir ihn im nächsten Panel wieder finden. Solche Dopplungen finden auch in Bezug auf die wörtliche Rede statt. Durch Montags Gedanken werden die Dialoge immer wieder in Frage gestellt. Während diese Ebenen im Roman ineinander fließen können, muss sich der Autor des Comics überlegen, wie er Bild- und Textelemente einsetzt. Es entsteht der Effekt eines kommentierenden voice over, einer Stimme aus dem Off, die man aus den Crime Noir Filmen (wie Der Malteser Falke) der 1940er Jahre kennt. Das würde deine Beobachtungen, die Bildebene betreffen, unterstreichen.

Marco: Da kann ich nur voll und ganz zustimmen! Hamilton bewältigt die erzähltechnischen Probleme auf spielerische Weise. Aus Fahrenheit 451 wird dadurch eine gelungene Mischung aus Science-Fiction und Film/Crime Noir. Das ist äußerst selten – vor allem im Comicbereich – und ähnelt stark einem Film von Truffauts Nouvelle-Vague-Mitstreiter Jean-Luc Godard: Alphaville. In Punkto „Doppelung“ fällt mir noch ein, dass Bradbury bereits in seinem Roman auf dieses Stilmittel zurückgegriffen hat. Hamilton führt das aber, wie du es treffend beschrieben hast, noch einen Schritt weiter. Was mich während der Lektüre der Graphic Novel aber öfter beschäftigt hat, war die Frage, ob die Leser, die die Vorlage nicht kennen, den Inhalt problemlos nachvollziehen können. Denn trotz fast identischer Länge wurde der Originaltext für die Comicadaption gekürzt.

Dialoge als Momentaufnahme einer GesellschaftDaniel: Ich kann deine Frage, glaube ich, ganz gut beantworten, denn meine Ausgabe von Fahrenheit 451 fristet seit der zehnten Klasse ihr Dasein auf dem untersten Regalbrett meines Kinderzimmers. Ich kann also nur auf schemenhafte Erinnerungen zurückgreifen, und habe das Buch keineswegs auswendig gelernt. Obwohl mich Hamiltons Umsetzung durchaus angesprochen hat, war der Comic keineswegs einfach zu lesen. Diese Tatsache sehe ich darin begründet, dass die dystopische Welt, in die uns Hamilton führt, fast ausschließlich durch Dialoge zum Leben erweckt wird. Zwar sieht man technischen Fortschritt im Form von elektronischen Hunden und Kampfflugzeugen, doch die wahre Bedrohung für die Gesellschaft wird allein im Zwischenmenschlichen evoziert. Anhaltspunkte für etwas Verlorengegangenes sind die collagenhaft eingefügten Buchcover. Sie wirken nur umso nostalgischer, da sich die Erzählung in dieser Umsetzung bereits auf die Methode der mündlichen Überlieferung zur Verbreitung von Gedanken eingestellt hat. Hamiltons Version von Fahrenheit 451 führt den Leser zwar in eine alternative Welt, enthält ihm aber viel von dieser Gesellschaft vor.

Marco: Insgesamt ist die Graphic Novel mehr als nur eine gelungene Comicadaption. Zwar ändert Hamilton im Vergleich zu Truffaut inhaltlich nichts ab, aber dafür gibt er dem Klassiker durch seine Noir-Atmosphäre und seine kongeniale Umsetzung einen modernen Anstrich. Hier trifft große Literatur auf herausragende Comickunst.

Daniel: Mich hat der Comic vor allem durch Hamiltons unheimliche Illustrationen und die Dopplungen in der Erzählung überzeugt. Denn dadurch erzeugt er eine Situation, in der Montags moralische Entscheidungen wirklich auf der Kippe zu stehen scheinen. Als Leser hat man alle Mühe zu folgen und sich über die Geschehnisse Gedanken zu machen. Also genau das, was Bradbury wollte. Wenn ich Bradburys Wunsch aus dem Vorwort erfüllen müsste, würde ich Hitchhiker’s Guide to the Galaxy auswendig lernen, alle fünf Teile.

Fahrenheit 451
Eichborn Verlag, Februar 2010
Text: Ray Bradbury und Tim Hamilton
Zeichnungen: Tim Hamilton
Hardcover; 160 Seiten; farbig; 22,95 Euro
ISBN: 978-3-8218-6106-7


Große Literatur trifft auf stimmungsgeladene Illustration – Geniale Adaption

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Marvel Graphic Novels: Shanna

Abbildungen: © Eichborn Verlag 

Secret Invasion


secretinvasionDie Prämisse von Secret Invasion hat wirklich etwas: Heimlich, still und leise unterwanderten außerirdische Gestaltwandler aus dem Volk der Skrulls über einen längeren Zeitraum die irdische Heldengemeinschaft und den Geheimdienst SHIELD, um den Weg zu bereiten für die endgültige Unterjochung des blauen Planeten mit seinen ewig renitenten Bewohnern. Es wurde erfolgreich manipuliert und Zwietracht gesät, und nachdem der Superheldenregistrierungsakt und der darauf folgende Civil War einen tiefen Keil zwischen die Helden getrieben hatten, schien der richtige Zeitpunkt gekommen, um die eigentliche Invasion zu beginnen.

Ein weiterer, viel versprechender Aspekt von Secret Invasion bestand darin, dass es nicht wie so viele andere Comic-Großereignisse völlig abrupt aus dem Ideenhut gezogen, sondern auch in der realen Welt von langer Hand vorbereitet wurde. Über drei Jahre platzierte der notorische Vielschreiber Brian Michael Bendis Hinweise und Verdachtsmomente in den zahlreichen von ihm betreuten Serien, schrieb regelmäßig auftretende Figuren mit dem Wissen, dass es sich bei ihnen bereits um Skrullagenten handelt und bahnte somit der Invasion auch erzähltechnisch den Weg.

Auf dieser Grundlage wurde dann, begleitet von der großen „Who do you trust?“-Kampagne, fleißig Paranoia im Marveluniversum verbreitet und die Spannung gekonnt aufgebaut. Jeder konnte ein außerirdischer Schläferagent sein − von Wolverine bis Tante May. Ebenfalls ein interessanter Ansatz war die Wandlung der Skrulls von den typischen machthungrigen Alieneroberern zu religiösen Fanatikern, die nach Vernichtung ihrer Thronwelt Zuflucht im Glauben suchen und die Erde als in ihren Prophezeiungen verheißene Welt besiedeln wollen.

Der vorliegende Sammelband enthält mit der achtteiligen Miniserie Secret Invasion die komplette Haupthandlung, die man zwar für sich allein lesen kann, jedoch in Sachen Klarheit dazu gewinnt, wenn man auch die eng verknüpften Begleitgeschichten in Die Ruhmreichen Rächer sowie Spider-Man & Die Neuen Rächer kennt.

secretinvasion1Der Beginn der Invasion wird dem aufgebauten Spannungsbogen auch noch ziemlich gerecht: Skrullagenten in wichtigen Schlüsselpositionen werden aktiv, die Orbitstation der Alienabwehr-Organisation S.W.O.R.D. wird zerstört, alle Technologie aus dem Hause Stark per Virus lahm gelegt − inklusive Raketenabwehrbasen des Superschurkengefängnisses The Raft, SHIELDs fliegendem Hauptquartier und natürlich Iron Mans Rüstung −, und die Fantastischen Vier werden ebenso effizient aus dem Verkehr gezogen wie Norman Osborns regierungstreue Thunderbolts. Und die Rächer (sowohl das offizielle Team als auch Luke Cages gesetzlose „Neue Rächer“) haben im Wilden Land alle Hände voll mit sich selbst und einer Raumschiffladung von Superheldenkollegen zu tun, die sowohl aus der Skrullgefangenschaft entkommene Originale als auch Kopien sein könnten. Die Invasoren setzen derweil nicht wie gewohnt auf die Auslöschung der Menschheit, sondern präsentieren sich der Erdbevölkerung als höher entwickelte Kolonialmacht, welche die zahlreichen Probleme der Erde lösen und sie als Teil des Skrullimperiums in eine goldene Zukunft führen will.

Ja, der Auftakt ist recht vielversprechend und macht neugierig auf den weiteren Verlauf der Geschichte. Denn eine derart perfide Invasion können die von gegenseitigem Misstrauen gelähmten Helden mal nicht einfach mittels einer großen Massenklopperei in New York stoppen.

Reingefallen! Natürlich können sie.

Allen ausgeklügelten Strategien zum Trotz läuft letztendlich alles darauf hinaus, dass die beeindruckende Superskrull-Armee der Möchtegerninvasoren von den vereinten Helden, zweckverbündeten Schurken und Howard the Duck(!) ordentlich vermöbelt wird. Im New Yorker Central Park. Und als Zugabe wird dann auch noch die Invasionsflotte von den flugfähigen Helden sozusagen per Hand aus dem Erdorbit geprügelt − kein Witz! Um ganz fair zu sein: Die Auflösung beinhaltet neben dem Gewalteinsatz der Metawesenallianz auch noch eine Erfindung, die Mr. Deus-ex-Machina, äh, Mr. Fantastic auf der holprigen Flucht aus seiner Folterhaft im All mal flugs zusammenbastelt. Aber das macht es nun nicht wirklich besser.

Sich als Leser von Superheldencomics generell über Derartiges zu beschweren, wäre natürlich etwas albern. Doch im Fall von Secret Invasion klaffen die als unglaublich clever verkaufte Storyprämisse und die platte Auflösung so weit auseinander, dass man sich zu Recht etwas verarscht fühlen darf.

secretinvasion2Zum holprigen Holzhammer-Finale passt auch der völlig uninspiriert erscheinende „überraschende“ Heldentod während der Endschlacht, der offenbar einzig und allein dem Zweck dient, dem Ganzen die bisher fehlende tragische Note zu verleihen. Das funktioniert natürlich glänzend, wenn die betroffene Figur in der gesamten Geschichte vorher so gut wie keine Rolle spielte … Statt von ihrem Ableben in irgendeiner Weise berührt zu werden, kratzt man sich da als Leser nur am Kopf und wundert sich, warum eine bewährte Marvelheldin für einen so billigen Gimmick-Tod geopfert wird. Als Ausgleich kehrt dafür eine andere Figur von den Toten zurück bzw. war offensichtlich nie tot, was in Superheldencomics ja nichts Neues ist. Aber in diesem Fall widerspricht die Rückkehr so eklatant mehreren bereits erzählten Geschichten, dass Kurt Busiek wahrscheinlich schon an einer Miniserie sitzt, die das Paradoxon aufklärt.

Wie in manchem anderen Fall hätten die Zeichnungen hier wahrscheinlich einiges herausreißen können. Wenn die Bilder begeistern, verzeiht man ja schon mal eine eher maue Geschichte. Was Leinil Francis Yu hier abliefert, ist mit Sicherheit nicht übel, jedoch nicht genug, um Secret Invasion zu retten. Trotz des gelungenen Panellayouts und einiger schöner Einzelbilder will Yus Arbeit nicht so wirklich überzeugen. Große Heldenversammlungen scheinen einfach nicht seine Stärke zu sein, zu oft geraten die Gesichter zu holzschnittartig und maskenhaft, sind seine Figuren von einer merkwürdig leblosen Qualität und scheinen gar nicht wirklich aufeinander zu reagieren, wenn sie dasselbe Panel bevölkern. Und die ganz- oder doppelseitigen Schlachtenpanels wirken eher uninspiriert überfüllt denn beeindruckend. Man kann hier nur fantasieren, was ein auf derlei Comicszenarien abonnierter Zeichner wie George Perez oder Alan Davis wohl alles aus dem Material herausgeholt hätte. Immerhin hat man Yu mit Mark Morales einen sehr fähigen Inker zur Seite gestellt, dessen klare Linien einiges gutmachen. Auch Laura Martins gedeckte, stimmige Farben sind bis auf ein paar winzige Kolorierungsfehler ein Plus.

Was für den Zeichner von Secret Invasion gilt, gilt auch für den Autor: Es gibt, wie von Bendis gewohnt, ein paar wirklich gelungene Momente und toll geschriebene Szenen für einzelne Figuren. Aber das reicht nicht für eine Geschichte dieser Größenordnung, die so viel mehr Potenzial hat, als genutzt wird. Seine Qualitäten hat Brian Michael Bendis unzählige Male bewiesen, doch es waren immer seine kleinen, charakterisierungsstarken Geschichten, die begeisterten. Hätten er und Yu statt Secret Invasion ihre kreativen Energien für einen schmutzigen Großstadtkrimi oder eine einfühlsame Coming-of-Age-Story genutzt, ich hätte sie wahrscheinlich über den grünen Klee hinaus gelobt. Hier jedoch überwiegt die Enttäuschung. 

 

Secret Invasion
Panini Comics, Januar 2010
Text: Brian Michael Bendis, Zeichnungen: Leinil Francis Yu
Softcover, farbig, 244 Seiten; 19,95 Euro

ISBN: 978-3866079878
Nee, das war nix

 

 

 

 

 

 

Verdammt viel Lärm um fast nichts

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Abbildungen aus der US-Version © Marvel Comics

Kirihito 1+2

 Der Klappentext spricht vollmundig von „einem der großen Meisterwerke der Comic-Geschichte“, das nun knapp 40 Jahre nach der Erstveröffentlichung in Japan erstmals auf Deutsch erscheint. Kein Zweifel, Autor und Zeichner Osamu Tezuka gehört zu den ganz großen Comickünstlern der Welt und es ist höchste Zeit, dass seine Werke jenseits von Astro Boy endlich auch bei uns zugänglich werden. Der Carlsen Verlag machte vor wenigen Jahren mit Tezukas Hitler-Parabel Adolf den Anfang und legt nun mit dem Dreiteiler Kirihito nach. Der Manga um eine geheimnisvolle Krankheit, die Menschen zu hundeähnlichen Gestalten mutieren lässt, ist ein vielschichtiger Thriller mit unzähligen visuellen Einfällen, dem man sein Alter kaum ansieht. Ohne Frage ein lesenswerter Comic, aber ein „großes Meisterwerk“? Eher nicht.

Mit Erfolgen wie Astro Boy oder Kimba, der weiße Löwe hatte sich Osamu Tezuka in den 50er und 60er Jahren einen Ruf als großer Meister des Manga und Anime, als „japanischer Walt Disney“ erworben. Im Gegensatz zu jenem gab er sich jedoch nicht damit zufrieden, ausschließlich kindgerechte Geschichten für die ganze Familie zu erzählen. Als in den späten 60ern in Japan Manga für erwachsene Leser in Mode kamen, wollte sich auch „Manga-Gott“ Tezuka diesem Trend nicht verschließen.

Seite aus Band 1Kirihito entstand 1970 als Fortsetzungsgeschichte für das Magazin Big Comic. Tezuka erzählt vom Mediziner Kirihito Osanai, einem jungen Arzt, der die mysteriöse „Monmo-Krankheit“ erforscht. Deren Opfer verwandeln sich in hundeähnliche Geschöpfe mit Schnauze, Fell und unbändigem Appetit auf rohes Fleisch. Auf den Spuren der Krankheit, die nur in besonders abgelegenen Gebieten auftritt, infiziert er sich selbst und verschwindet wenig später von der Bildfläche. In der Zwischenzeit versucht sein Vorgesetzter, Professor Tatsugaura, sich mit den aktuellen Forschungsergebnissen zu profilieren und sie für seine Karriere nutzbringend einzusetzen – koste es, was es wolle. Der zweite Band konzentriert sich dann vor allem auf Kirihitos Freund und Kollegen Urabe. Er erkennt, dass es dem Professor nur um sein eigenes Fortkommen geht und versucht herauszufinden, wo Kirihito steckt und wie man ihn heilen könnte.

Seite aus Band 2Osamu Tezuka reichert diese Geschichte mit allerlei spannungsfördernden Zutaten an: mit Sex und Gewalt, mit Intrigen und Verschwörungen, mit verrückten Superreichen und frommen Ordensschwestern. So entsteht ein origineller Medizin-Thriller, der den Leser mitreißt und mit immer neuen Wendungen überrascht. Allerdings kommen auffällig viele Elemente der Story aus der Schublade trivialer Unterhaltung. Viele Plot-Elemente und Charaktere erinnern an B-Movies und „Schundromane“, die christliche Symbolik, die immer wieder aufgegriffen wird, kommt sehr plump und Holzhammer-artig daher und einige Wendungen wirken viel zu aufgesetzt und unglaubwürdig. Zum Beispiel bei der Figur der Lihua, einer Art Bond-Girl, die sich von einer freundlichen Helferin zur nymphomanen Schurkin und wieder zurück wandelt, dabei aber im Wesentlichen nicht mehr ist als schmückendes erotisches Beiwerk. Somit ist Kirihito zwar rasante und spannende Erwachsenen-Unterhaltung, der Begriff „Meisterwerk“ scheint aber stark übertrieben für ein Werk, das letztlich eine klassische Abenteuergeschichte erzählt, bei der man Gut und Böse immer schön einfach auseinanderhalten kann.

 Das besondere – und in dieser Hinsicht tatsächlich meisterhafte – an Kirihito ist jedoch, wie Tezuka seine Geschichte erzählt: Auf der Ebene der Bilder bewegt sich dieser Manga weit über dem Durchschnitt und bietet großartiges Augenfutter. Tezuka experimentiert mit waghalsigen Seitenlayouts, mischt realistische Zeichnungen mit grotesken Knollennasen-Cartoonfiguren, setzt Akzente mit Schwarz und Weiß, driftet in surreale Traumbilder ab und kehrt kurz darauf wieder zum Fotorealismus zurück. Kurz: Er nutzt ein enorm breites Spektrum grafischer Erzählmöglichkeiten für seine Geschichte. Das bereitet große Lesefreude und sorgt dafür, dass das Werk sehr gut gealtert ist; trotz seiner 40 Jahre fühlt sich dieser Manga niemals altbacken oder antiquiert an.

Damit ist Kirihito sicherlich ein wichtiger Baustein im Gesamtwerk von Osamu Tezuko. Einem Gesamtwerk, das auf Deutsch bisher nur in kleinen Bruchstücken vorliegt. Schon deshalb ist dieser Ausgabe ein Erfolg zu wünschen, denn jede verkaufte Ausgabe erhöht die Chancen, dass wir in absehbarer Zeit auch die wirklichen Meisterwerke aus seinem Spätwerk zu Gesicht bekommen: Black Jack (in dem Tezuka, selbst Doktor der Medizin, abermals einen Arzt in den Mittelpunkt stellt) und das leider unvollendet gebliebene Epos Buddha über Religionsgründer Gautama Siddharta.

Gut

Mittelprächtiges Werk eines großen Comickünstlers

Kirihito 1 und 2
Carlsen, Oktober 2009 und Januar 2010
Text und Zeichnungen: Osamu Tezuka
je 288 Seiten, Softcover mit Klappenbroschur, schwarz-weiß; 16,90 Euro
ISBN: 978-3-551-79180-1 (Bd.1)

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ISBN: 978-3-551-79181-8 (Bd.2)

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Abbildungen: © Carlsen Verlag

Oh nein! Ich bin ein Mädchen! 4. Akt, 6. Kapitel

Oh nein, ich bin ein Mädchen! 4. AktEs geht weiter im 4. Akt „Verfolgungswahn“.

Jan und Phillip sind bei der Polizei, um Jans Geschichte zu erzählen. Doch Jan wird bewusstlos und daraufhin ins Krankenhaus eingeliefert. Wird man bei den Untersuchungen etwas feststellen können, das die seltsamen Vorgänge erklärt?

Hier geht’s zum 6. Kapitel des 4. Aktes: „Schreie“ (nach unten scrollen).

Übersicht aller bisherigen Akte.

 


Thorinth 2+3

 Puh, Nicolas Fructus verlangt den Lesern seines Erstlingswerkes wirklich eine Menge ab. Wie bei meiner Besprechung zu Band 1, „Der Narr ohne Namen“, bereits erwähnt, lebt sein Comic vom fantastischen und atmosphärisch dichten Innenleben von Thorinth. Letzteres ist der Name eines Labyrinths, welches sich in einem gigantischen Turm befindet. Hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt, entwickelte sich darin eine wahnwitzige Zivilisation, die irgendwo zwischen Kitsch und Wahnsinn rangiert.

Doch in welche Richtung hat sich Fructus' Geschichte in den beiden Folgebänden „Die Sogromzüchter“ und „Der vertikale Kaiser“ weiterbewegt? Vor allen Dingen dringt man als Leser immer tiefer in die gesellschaftlichen Strukturen von Thorinth ein. Man lernt Herrscher, Intriganten und Gruppierungen kennen und bekommt Ansätze von größeren Zusammenhängen geliefert. In diesem Zuge tritt auch, vor allem in Band 3, der nicht näher benannte Hauptakteur der Reihe und dessen eigentliche Rettungsmission gleich mit ihm in den Hintergrund. Das hat auch damit zu tun, dass er die Frau, die er im Turm suchte, findet. Unnötig zu erwähnen, dass die Geschichte damit nicht so einfach zu einem Happy End kommt. Tatsächlich spielt die Geliebte eine entscheidende Rolle in einem sich anbahnenden Konflikt, der wohl erst in den beiden noch ausstehenden Alben weiter entfaltet wird.

 Um aber keine voreiligen Schlüsse zuzulassen: Thorinth ist und bleibt storytechnisch völlig verwirrend und damit einhergehend aus meiner Sicht auch mangelhaft. Nicolas Fructus liefert einerseits Antworten, ohne aber präzise zu werden. Vielmehr sorgen stets neu eingeführte Charaktere und Lokalitäten für für eine bedenkliche hohe Anhäufung von Fragezeichen beim Lesen. Das sorgt schnell für Frustration.

Zumindest sagt mir mein Gefühl nach drei von fünf Bänden, dass hier vielleicht etwas weniger mehr gewesen wäre. Fructus überlädt seine grafisch anspruchsvollen Bilder mit zuviel Inhalt. Zugegeben, ein überbordender Plot lässt sich aufgrund der schrägen Thematik, Fantasy als Psychotrip, nicht gänzlich vermeiden, aber wenn man als Leser fast überhaupt keinen Sinn mehr herausdestillieren kann, dann muss man als Künstler seinen Comic schon sehr geschickt gestalten, sonst langweilt er auf Dauer. Und leider hat Thorinth diesen Zustand bei mir mittlerweile erreicht.

 Optisch überzeugt die Reihe nach wie vor, die Zeichnungen sind es schließlich auch, die allein beim Durchblättern relativ klar darauf hin deuten, dass man ein Fantasywerk vor sich hat. Strukturell wird aber nach meinem Empfinden auch bei konkreter Beschäftigung mit dem Comic die Chance verpasst, den letzten Schritt auf eine surreale Ebene zu wagen. Thorinth nähert sich dieser grundlegend schon, immerhin jongliert es thematisch etwa mit Seelenfressern, Bewusstseinsforschung oder psychoaktive Drogen. Ein Mix, der prädestiniert scheint, um in völlig unerwarteter Weise  mit dem Fantasygenre zu brechen oder dieses zumindest ad absurdum zu führen. Schade eigentlich, dass  dies nicht geschieht und diesem ambitionierten Projekt dadurch der entscheidende Kick fehlt. 

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Optisch brilliert die Serie weiterhin, aber der undurchsichtige Plot sorgt schnell für Überforderung

Thorinth 2: Die Sogromzüchter
Splitter, Dezember 2009
Text/Zeichnungen: Nicolas Fructus
56 Seiten, Hardcover, 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-033-0

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Thorinth 3: Der vertikale Kaiser
Splitter, Februar 2010
Text/Zeichnungen: Nicolas Fructus
56 Seiten, Hardcover, 13,80 Euro

ISBN: 978-3-86869-034-7

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Abbildungen: © Splitter Verlag

Erotische Comics


Erotische ComicsSelten hat es ein Cover geschafft, die Essenz eines Buches so gut einzufangen, wie das Titelbild von Erotische Comics. Unser voyeuristischer Blick gleitet von den roten High Heels langsam über die Strapse nach oben. Er umspielt einen kleinen Augenblick zu lange das wohlgeformte Hinterteil; erst dann führt er uns weiter über das adrette weiße Kleidchen und über die süße Schleife hin zu einem wilden Rotschopf. Gelenkt von unserer male gaze nehmen wir Stück für Stück wahr, wie sich die einzelnen Details zu einer kompletten Frau zusammenfügen, die ihrerseits jemanden durch ein Schlüsselloch beobachtet. Obwohl nicht wir das Objekt ihrer Begierde sind, wird uns schlagartig klar, dass wir sie mit unseren Augen ausgezogen haben. Ein Gefühl der Scham setzt ein. Dieses ständige Spiel zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Betrachten und betrachtet werden, verfolgt Autor Tim Pilcher über zwei Jahrhunderte und gibt dem geneigten Leser dabei einen interessanten Einblick in das stets wechselnde Verhältnis von Kultur und Sexualität.

(Anmerkung der Red.: Das Cover des Buches stammt aus dem argentinischen Wochenmagazin Caricatura vom siebten Februar 1936. Wer genauere Informationen über den Künstler hat, möge sich bei uns melden.)

Die zentrale Frage, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, lautet wie folgt: An welcher Stelle droht die Erotik ins Pornografische abzudriften? Natürlich hält der Autor des Buches, Tim Pilcher, nach zwei Jahren Recherche für diese Frage eine passende Antwort parat. Die gibt er auf den ersten Seiten von Erotische Comics und belegt sie anhand von Beispielen im Buch: Die Kunst der Erotik folgt einer Ästhetisierung der Sexualität, die anstelle eines Hardcore-Pornos oder eines Table Dance, ihre Objekte nicht nur zeigt, sondern den Blick des Betrachters bewusst lenkt, wie am Cover beschrieben. Natürlich hängt dieser schmale Grat von der persönlichen Perspektive ab, gesteht Pilcher. Die vorgestellten Künstler erschaffen keine Wichsvorlagen, sondern ernsthafte Interpretation von Sexualität, sie lassen Leerstellen für den Leser und verheimlichen an den richtigen Stellen, was sich unter dem Rock oder hinter dem Schlüsselloch befindet.

Postkarte von Chéri HérouardAngeregt durch Maurice Horns Sex in the Comics folgt Pilcher in seinem Buch selbst dem Konzept des Blickelenkens. Während schöne Reproduktionen von japanischen Rollbildern und Tijuana Bibles die Grundlage für seine Beobachtungen schaffen, lenkt Pilcher den Blick seiner Leser weg von dem Dargestellten, hin zu den Fragen, die sich hinter den nackten und halbbekleideten Figuren verbergen. Die Geschichte, die der Autor erzählt, handelt eben nicht von japanischen Sexorgien, sondern von dem Verhältnis von Kultur und Sexualität, von der Tabuisierung ihrer Darstellung im prüden Viktorianischen Zeitalter und von den kleinen sexuellen Revolutionen, die diese Comics ausgelöst haben.

Bill Ward – Meister der GlanzlichterPilcher drängt mit seinem Buch den Leser dazu, seine Ansichten über erotische Comics zu überdenken. Von einer Seite zur nächsten verschwimmen die klaren Grenzen zwischen dem, was normal, und dem, was abnormal erscheint. Zum Vorschein kommt neben der unschuldigen Pin-up-Erotik (wie z.B. Fannie Annie im Playboy oder die nose art von Alberto Vargas) die dunkle Seite der Erotik, die Bondage Babes und die Sewage Sluts. Bondage-Künstler wie Eric Stanton drückten zusammen mit Steve Ditko die Schulbank der Visual Art School in New York und teilten sich ein Atelier. Die bewusste Trennung von Erotik und Comic verschwindet. Auch die Tatsache, dass Martin Goodwin, Mitbegründer von Timely Comics, eigentlich als Herausgeber von Männermagazinen wie Humorama bekannt wurde, erkennt den Silver Age Comics ihr Saubermann-Image ab.

Ron Embletons Oh, Wicked Wanda!Neben dem ausschweifenden Kapitel über die saubere und doch humorvolle Erotik von Will Elder, Harvey Kurtzman und Hugh Hefners Playboy Comics, zeigt das Kapitel über Underground Comix die Erotik nur als ein Element der Kultur-Revolution. Geschickt trennt Pilcher Robert Crumb von seiner Comicfigur R. Crumb und den anderen sexsüchtigen Charakteren, um so zwischen Crumbs Sexphantasien und seiner Kunst zu unterscheiden. Einen fahlen Nachgeschmack hinterlässt das letzte, gänzlich unausgereifte Kapitel, dessen englischer Titel „Abandonment Abroad“ im Deutschen mit „Latin Lovers“ übersetzt wurde. Hastig werden hier erotische Comics in Europa angerissen, wie z.B. die italienischen fumetti neri, ohne dabei Raum für Manaras Frauen zu lassen, die erst im zweiten englischen Band ihre Bühne bekommen. Dafür tauchen umso mehr französische Zeichner auf und erst auf der letzten Seite wird es dann noch kurz lateinamerikanisch.

Im Angesicht aufreizend hübscher Comicfrauen, expliziter Darstellung von Geschlechtsverkehr und anrüchigen Hintergründen gelingt es Pilcher, eine sachliche Dokumentation der Erotik im Comic zu verfassen. Zusammen mit den wundervoll präsentierten Reproduktionen bietet Erotische Comics einen unschätzbaren Fundus an Informationen, die sich hinter der nackten Fassade verbergen. Da kann man es Pilcher auch nicht vorhalten, wenn er sich doch einmal zu einem schmutzigen Wortspiel hinreißen lässt: „Doch der Samen des Aufruhrs keimte nun unwiderruflich.“ Wenn sich der Knesebeck-Verlag dazu durchringen kann nun auch den zweiten Band auf Deutsch zu veröffentlichen, dann darf man sich auf japanische Hentais, Milo Manara, ein Vorwort von Alan Moore und Exponate freuen, die selbst für den Autor die Grenze zwischen Pornografie und Erotik überschreiten.

Erotische Comics: Das Beste aus zwei Jahrhunderten
Knesebeck Verlag, Februar 2010
Text: Tim Pilcher
Hardcover, farbig; 192 Seiten, 24,95 Euro
ISBN: 978-3-86873-190-3

Eine erotische Perle zum Lesen oder einfach nur zum Betrachten.

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Abbildungen: © Knesebeck Verlag

Tim Pilchers Blog

Der Wald der Jungfrauen 1 – Verrat

Cover Der Wald der Jungfrauen 1Wer bei dem Titel oder dem Cover erotische Bilder innerhalb einer historischen Kulisse im Kopf hat, wird enttäuscht sein. Nein, im Auftaktband „Der Verrat“ der Fantasy-Serie Der Wald der Jungfrauen gibt es keine aufreizenden Posen oder unschuldige Frauen zu sehen. Jean Dufaux (Kreuzzug, Splitter, 2008) und Béatrice Tillier (Fee, Splitter, 2008) inszenieren ein historisierendes Märchen- und Sagenepos, das vom unerbittlichen Kampf zwischen Menschen und Wölfen handelt.

Was so harmlos klingt, entpuppt sich als unterhaltsames Abenteuer – nicht zuletzt deshalb, weil Dufaux auf abgehobene Heroic-Fantasy-Elemente und abgedroschene Zaubereien verzichtet.

Eine Zweck-Hochzeit soll endlich Frieden zwischen Menschen und Wölfen stiften. Doch die Ehe zwischen den beiden adeligen Vertretern ihrer Rasse – Feuerwolf und Aube – dauert keinen Tag an: Es kommt zum Verrat – das überrascht ob des Titel dieses Bandes noch nicht unbedingt. Aber fortan wendet sich die Handlung. Anstatt einer – zugegebenermaßen erwarteten – Zauberwald-Abenteuer-Ballade rüsten die verfeindeten Parteien zum endgültigen Kampf auf. Und das geschieht auf höchst amüsante Weise – fast simultan, mit ähnlichen Strategien auf beiden Seiten, wodurch die Absurdität von Kriegen im Allgemeinen dargestellt wird. Denn beide Seiten suchen ihre verschollenen, aber umso schlagkräftigeren Helden – okay, ein bisschen Heroic-Fantasy ist doch dabei – auf. Trotzdem wirkt die Story im positivsten Sinn wie ein Märchen – vor allem bodenständiger und ruhiger als viele der zahllosen Fantasy-Comics. Das liegt auch daran, dass beispielsweise der verschollene Wolfkämpfer inzwischen eine Familie mit einer Füchsin gegründet hat und der Gewalt abgeschworen hat.

Seite aus Wald der Jungfrauen 1Atemberaubend. So kann die Illustration von Tillier umschrieben werden. Wer nichts mit der Story anfangen kann, der kann sich immer noch an dem mehr als gelungenem Artwork berauschen. Die Comickünstlerin verwendet abwechselnd filigrane oder kräftige Striche. Ihre Zeichnungen bestechen durch eine detailreiche, realistische Ästhetik, wobei sie teilweise auf schwarze Umrandungen verzichtet. Auf diese Weise entsteht ein schön anzuschauendes Spiel mit der Tiefenperspektive. Auch Tilliers Kolorierung muss als herausragend bezeichnet werden. Der Schwerpunkt liegt auf warmen, strahlenden Farbtönen, vor allem ein sattes, leuchtendes Orange. Überraschend sind auch die an historische Vorbilder angelehnten Kostüme, die detailliert und kreativ umgesetzt wurden.

Nach diesem überzeugendem Auftakt kann man sehr gespannt darauf sein, in welche Richtung Der Wald der Jungfrauen sich inhaltlich weiterentwickeln wird. Salleck Publications hat auf alle Fälle ein gutes Händchen bewiesen, indem der Verlag die Serie aus der Taufe gehoben hat. Die Nähe zum Märchen oder zur Mythologie – am Ende treten Zentauren auf – macht die Serie jedenfalls sympathisch und erfrischend anders. Man kann nur hoffen, dass Dufaux die Serie nicht in wildere Gewässer steuert, weil sonst die Einzigartigkeit verloren gehen würde.

Von diesem Band gibt es eine auf 300 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe mit Skizzen und Druck für 59,- Euro.

Der Wald der Jungfrauen 1 – Verrat
Salleck Publications, Februar 2010
Text: Jean Dufaux
Zeichnungen: Béatrice Tillier
Hardcover, 56 Seiten, farbig; 12,90 Euro
ISBN: 9783899083408

Gut!
Wendungsreiche Story mit atemberaubendem Artwork

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Abbildungen © Béatrice Tillier, der dt. Ausgabe Salleck Publications

Bouncer 7 – Doppelherz

 Der Western ist im frankobelgischen Raum tief verwurzelt. Setzen die Amerikaner ihre ureigene Geschichte erstaunlich selten in Comics um, machen es ihre Kollegen in Frankreich und Belgien umso öfter. Und mit Erfolg. Wenn sich auf der einen Seite John Wayne als Übervater präsentiert, ist das Äquivalent zu ihm Leutnant Blueberry (auch wenn er Jean-Paul Belmondo nachempfunden ist). Sucht Clint Eastwood seinen Gegenpart, so ist das der Bouncer (mal abgesehen von Yves Swolfs' Protagonist „Durango“ aus der gleichnamigen Comicserie, der nicht nur äußerlich an Eastwood erinnert, sondern auch dessen Italowesternzeit repräsentiert). Äußerliche Ähnlichkeiten sind zwar nicht vorhanden, aber beide schießen dem Gegner auch in den Rücken.

Von dem nichtssagenden Cover sollte man sich nicht täuschen lassen – was hier geboten wird, ist eine packende Story in einer hervorragenden graphischen Umsetzung.

Seite aus der frz. Originalausgabe Der Bouncer ist in die Dorflehrerin verliebt und macht sich auf den Weg zu ihrer Schwester Carolyn, um Frieden zu schließen. Diese versucht mit allen Mitteln, an das Grundstück von Bouncers Neffen zu gelangen. Notfalls mit Gewalt. Im Gespräch mit Carolyn wird der Bouncer durch erotische Verlockungen zunächst auf ihre Seite gezogen, um dann allerdings, nach einem missglückten Mordanschlag, zur Waffe zu greifen. Zum Schluss erweist sich der Titel „Doppelherz“ als doppeldeutig, wenn ein schockierendes Geheimnis gelüftet wird.

Die Grundzüge der Story sind soweit bekannt und schon in vielen Western behandelt worden. Sie wird durch den Meisterautor Jodorowsky, der unter anderem John Difool (mit Moebius), Die Metabarone und Borgia (mit Manara) geschrieben hat, mit Zynismus und Brutalität vorangetrieben. Man kann nie sicher sein, was einen erwartet. Diese Seite von Jodorowsky kann aber auch durchaus komisch sein. Einer der Schurken hat den Rest einer Axt im Kopf (heißt sinnigerweise auch „Axehead“) und schickt seine Kinder „zum Unterricht“, indem er sie eine Postkutsche überfallen lässt. Aber auch die Kinder entgehen nicht ihrem Schicksal. Geradezu vor Zynismus triefend ist der Dialog auf Seite 62: „Was ist passiert?“ „Ach, nichts Besonderes. Da wurde nur ein Kind von einem Hund totgebissen!“ Ein weiteres Beispiel für Jodorowskys humorvolle Seite ist der Dialog über Sex auf den ersten Seiten (“Sein Kirschbaum ist nie in meinem zarten Tal erblüht“).

Seite aus der frz. Originalausgabe Die Farben sind von Florent Bossard und Francois Boucq durchweg schön und satt gestaltet und der Landschaft und Stimmung der Figuren angemessen. Richtig fantastisch gestaltet sind die Seiten 8 und 9: Man muss schon genau hinsehen, wie sich die erotischen Gedanken des Bouncers als Spiegelung in der Landschaft wiederfinden. Hervorragend.


Bouncer 7 – Doppelherz
Ehapa Comic Collection, Februar 2010
Text: Alexandro Jodorowsky
Zeichnungen: Francois Boucq
64 Seiten, Hardcover, farbig; 12,- Euro
ISBN: 9783770433223

Hervorragend!

Ein weiteres Kapitel der harten Westernsaga, sehr gut umgesetzt.
Hervorragende graphische Ideen in einer packenden Story.

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Abbildungen © Ehapa Comic Collection / Les Humanoïdes Associés


Tamara Drewe

 Die Britin Posy Simmonds, deren Name bei uns bisher kaum bekannt war, kennt man in England vor allem durch ihre Tätigkeit als Cartoonistin für die Tageszeitung The Guardian, wo ihre Arbeiten seit den 70er Jahren erscheinen. Auch Tamara Drewe, ihre zweite lange Comicgeschichte (und die erste, die nun in Deutschland veröffentlicht wird) erschien zunächst als Fortsetzungs-Story im Guardian. Sie erzählt darin von einer ländlich-bürgerlichen Idylle im kleinen englischen Nest Stonefield, die eines Tages gründlich durcheinandergerät, als eine junge, sehr attraktive Frau im Dorf einzieht.

Tamara Drewe arbeitet als Klatschkolumnistin in London und bezieht nun ein ehemaliges Bauernhaus in Stonefield, in dem bis vor kurzem ihre verstorbene Mutter gelebt hatte. Sie ist jung, charmant und sexy, so dass Stonefields männliche Bewohner sofort in ihren Bann gezogen werden. Die Ruhe des Dorfes möchte Tamara nutzen, um einen Roman zu schreiben. Dies tun dort auch mehrere andere Autoren, die sich im Cottage von Beth Hardiman eingemietet haben, einem „Arbeitsrefugium für Schriftsteller“. Beth führt diese Autorenresidenz als patente Managerin, während ihr Ehemann Nicholas ebenfalls schreibt. Er ist Autor einer Bestseller-Krimiserie und damit ein ziemlich prominenter Schriftsteller. Weitere Figuren, die wir kennenlernen, sind der hemdsärmelige Gärtner Andy und die beiden Teenager-Mädchen Casey und Jody.

 Am Ende des Buches werden sich all diese Figuren und die Verhältnisse zwischen ihnen stark verändert haben, und einige werden nicht mehr am Leben sein. Das Auftreten von Tamara Drewe verändert alles, eine Art Kettenreaktion kommt in Gang. Davon erzählt Posy Simmonds, indem sie das Geschehen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet: in tagebuchartigen Berichten, die abwechselnd von verschiedenen Protagonisten stammen. Tamara, die vermeintliche Hauptfigur, tritt allerdings nicht als Erzählerin auf. Das passt zu der passiven Rolle, die sie in dem Comic spielt: sie ist ein Fremdkörper von außen, der die bestehende Ordnung verändert, ohne dies aktiv voranzutreiben. Allein durch ihre Anwesenheit kommt die Handlung in Gang.

Die Geschichte basiert lose auf dem Roman Far from the Madding Crowd (Am grünen Rand der Welt) von Thomas Hardy, der 1874 erschien, zunächst als Fortsetzungsgeschichte, genau wie Tamara Drewe. Auch dort geht es um eine junge Frau, die in ein ländliches Idyll kommt, wo mehrere Verehrer mit teils verhängnisvollen Folgen um sie buhlen. Trotz dieses Rückgriffs auf ein klassisches Werk ist Posy Simmonds Comic ganz und gar gegenwärtig. Die Autorin erzählt nicht nur eine vordergründige Handlung (in der auch E-Mails und SMS eine wichtige Rolle spielen) sondern beschreibt auch ein ganz bestimmtes Milieu, das eindeutig in der Jetztzeit angesiedelt ist: die eitlen, selbstverliebten Schriftsteller, die Londoner Bohèmes, denen das Dorf als Rückzugsort dient, aber auch die gelangweilten Teenager, denen das Leben in ihrem kleinen Kuhkaff zum Hals heraushängt. Sie alle porträtiert Posy Simmonds sehr einfühlsam und mit einer Prise sanftem Spott, der sich über die Figuren amüsiert, ohne sie ins Lächerliche zu ziehen. Man könnte sagen, Tamara Drewe ist ein bisschen wie eine britische Variante von Desperate Housewives (was gar nicht so negativ gemeint ist, wie es vielleicht klingt).

 Solche Themen und Inhalte sind für einen Comic eher ungewöhnlich, aber auch die Form ist extravagant: Neben den Comicpanels stehen regelmäßig längere Textpassagen, die in unterschiedlichen Schriftarten gesetzt sind, je nachdem, aus wessen Perspektive gerade erzählt wird. Man könnte zunächst befürchten, dass dies den Lesefluss behindert und der Prosatext Dinge beschreibt, die man ohnehin in den Bildern sieht. Dies ist jedoch nicht der Fall, beide Ausdrucksformen harmonieren sehr gut und ergeben ein organisches Ganzes.

Posy Simmonds' Zeichnungen sind, ähnlich wie ihr Erzählstil, auf angenehme Weise unspektakulär. Sie schildert die Vorgänge realistisch, ohne Effekthascherei, in matten Farben und feinen Linien. Die Spannung, die nach und nach aufkommt, entwickelt sich eher beiläufig, so dass beim Leser unmerklich ein Sog entsteht, der ihn mehr und mehr in die Handlung und das beschriebene Milieu hineinzieht. Am Ende angekommen, hat man die Protagonisten über ein knappes Jahr Erzählzeit begleitet und hat tatsächlich das Gefühl, sie kennengelernt zu haben. Wenn Literatur so etwas erreicht, ist sie gelungen.

Tamara Drewe
Reprodukt
, Januar 2010
Text und Zeichnungen: Posy Simmonds
Softcover mit Klappenbroschur, farbig; 136 Seiten, 20 Euro
ISBN; 978-3-941099-31-9

Gut
Feine Mischung aus Milieustudie und Drama

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Abbildungen: © Reprodukt