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Ingenieur der Träume

 

Ingenieur der TräumeSeit mehr als einem Jahr nun färben sich die Träume von deutschen Comicwissenschaftlern in sattem Gelb, denn im Januar 2008 gründete der wissenschaftliche Mitarbeiter der Ruhr-Universität Bochum, Christian A. Bachmann, seinen gleichnamigen Verlag. Bachmann setzt dabei mit seiner gelben Reihe „yellow: Schriften zur Comicforschung“ genau auf die Nische, die bisher von der deutschen Verlagsgemeinde vernachlässigt wurde, auf die Comic-Wissenschaft. Das Gelb, so Bachmann im Vorwort zum ersten Band der Reihe, soll an den gelben Schlafrock von Mickey Dugan erinnern, aus Outcaults cartoon strip The Yellow Kid, der für viele Wissenschaftler die Geburtsstunde des Comics markiert. Der zweite Band Ingenieur der Träume – Medienreflexive Komik bei Marc-Antoine Mathieu von Dr. Rolf Lohse ist nun in der zweiten Auflage erschienen.

Nach der gelungen Premiere der gelben Schriften mit Batman: Konstruktion eines Helden (mittlerweile in der vierten Auflage erschienen) präsentiert Bachmann mit Ingenieur der Träume zum ersten Mal auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem europäischen Künstler, dem Franzosen Marc-Antoine Mathieu. Autor des Bandes ist Rolf Lohse, Doktor der Romanistik und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Romanistischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn.
Um Mathieus Gesamtwerk zunächst nicht unnötig zu verkomplizieren, verkürzt Lohse die Vorgehensweise des Comic-Künstlers auf die Kurzformel „Formale Variationen bedingen neue Handlungsmuster“, bevor er jeden der fünf bandes dessinées analytisch in gehirngerechte Stücke zerkleinert. Lohse belegt dabei nicht nur, wie Mathieu hochreflexiv über den Comic referiert, sondern auch, wie er die Reflexion spielerisch auf der Ebene der Erzählung von statten geht lässt.

 

„Medienreflexive Komik setzt als eine anspruchsvolle Form künstlerischer Praxis die Kenntnis der medialen Bedingungen der Darstellung von Welt voraus – und vermittelt sie auch.“
Um den eigenen Untertitel „Medienreflexive Komik …“ zu rechtfertigen und um unliebsame Definitionen zum Begriff „Comic“ zu umschiffen, wählt Lohse ganz bewusst die Bezeichnung „Medium“ für die französischen bandes dessinées. Obwohl historische Vorgänger dieser „erzählenden Gattung“ wie die der comic strips erwähnt werden, trennt Lohse den französischen Comic und seine standardisierte Erscheinungsform bewusst von anderen Comics ab. So kann er die Strategien erläutern, die Mathieu nutzt, um über die Comic-Form zu reflektieren. In seinen fünf Kapiteln verfolgt Lohse den kafkaesken Protagonisten der Comics, Acquefacques, literaturwissenschaftlich durch seine Traumreisen durch die fünf bandes dessinées.

Vielleicht noch wichtiger als fixe Ausgangssistuation für eine wissenschaftliche Betrachtung von Comics ist ein exaktes und einheitliches Vokabular. Sein Handwerkszeug präsentiert Lohse aber nicht kühl und leblos, wie in vielen anderen geisteswissenschaftlichen Texten, die man bereits nach den einleitenden Seiten aus der Hand legen möchte, sondern baut sie sinnvoll in sein erstes Kapitel „L´origine – der rätselhafte Spiegel der eigenen Geschichte“ ein. Obwohl Begriffe wie „Seite“ und „Panel“ auch auftauchen, hält sich Lohse diszipliniert an die französische Bezeichnung planche für eine Seite. Der gelernte Romanist führt seine interessierten Leser aber nicht nur in die französische Welt der Comics ein, sondern übersetzt diese auch Satz für Satz. Jedes einzelne Zitat aus den Comics wird zunächst im französischen Original gefolgt von seiner deutschen Übersetzung präsentiert.

Der UrsprungDas Handwerkszeug geschultert, das Ziel vor Augen, dekonstruiert Lohse im ersten Kapitel Mathieus nicht enden wollende Narrationsspiralen und erläutert, welche Wirkung ein ausgeschnittenes Panel auf die Welt der Comicfiguren und die der Leser hat. Auf jeder neuen Seite lädt Mathieu dazu ein, die Form des Comics zu hinterfragen, seine Erzählstrukturen aufzubrechen. Die medienreflexive Komik wird erzeugt, indem die Figuren, allen voran Acquefacques selbst, in der erzählten Welt des Comics sich die Frage stellen, welchen Sinn ihr Comicdasein hat. Ihr vergeblicher Kampf und ihre Versuche, den Comic als Welt zu verstehen, führt zu aberwitzigen Situationen. In den folgenden Bänden konfrontiert Mathieu sein Personal mit weiteren medienspezifischen Erzählkonventionen wie dem Panelrand oder der Zweidimensionalität. Lohse gibt sich aber nicht mit fixen Interpretationen dieser literarischen Phänomene zufrieden; der Humorforscher eröffnet das Spektrum der Lesarten und zeigt, wie starr die Bildersprache der Comics bereits in unseren Gehirn verankert ist. Die Lektüre von Ingenieur der Träume schult die Augen für die Sprache des Comics und stellt dar, wie kleinen Nuancen den Handlungsverlauf des gesamten Comics beeinflussen.

Während sich Lars Banhold in Batman: Konstruktion eines Helden dem dunklen Ritter eher populärwissenschaftlich genähert hat, kann Rolf Lohse im zweiten Band der gelben Reihe durch eine exakte, wissenschaftlich ausgearbeitete Analyse punkten. Obwohl die Reise zu den Brüchen der Erzählkonvention des Comics nicht gerade einfach zu verfolgen ist, lohnt sich sowohl die Lektüre von Mathieus Comics als auch die von Lohses ansprechenden Interpretationen. Ein kleiner Negativpunkt ist leider das Layout, das in der zweiten Auflage schreckliche Satzbauten ohne Abstand zwischen den Worten zulässt. Eine grässliche Pein für das Auge. Doch die wissenschaftliche Herangehensweise an die Arbeit eines wichtigen französischen Comic-Künstlern lässt dies verschmerzen.

Ingenieur der Träume – Medienreflexive Komik bei Marc-Antoine Mathieu
Christian A. Bachmann Verlag, 2. Auflage, 2009
Text: Rolf Lohse
133 Seiten, broschiert; 12,- Euro
ISBN: 9
78-3-941030-09-1
Exakte Analyse medienreflexiver Komik

–> direkt beim Verlag bestellen (Link zur Produktseite)

Abbildungen: © Christian A. Bachmann Verlag, Reprodukt

Liebe, Lust und Leidenschaft – Die Ducks von Sinnen

Cover von Liebe, Lust und Leidenschaft Es kommt zusammen, was zusammengehört: Hella von Sinnen und die Ducks in einem Comicband. Für die Moderatorin und Entertainerin mit dem Hang zu skurrilen Overalls erfüllt sich mit der Publikation „Liebe, Lust und Leidenschaft“ ein persönlicher Traum, ist sie doch bekanntermaßen seit jeher eine große Verehrerin von Donald, Dagobert und Co. Die abgedruckten Geschichten stammen allesamt aus der Feder von Carl Barks, weshalb man hier selbstredend auf deutsche Erstveröffentlichungen verzichten muss. Macht aber auch gar nichts, denn unter den insgesamt 21 Storys verbergen sich auch die ganz großen Klassiker von Barks, die man gerne ein weiteres Mal zu lesen bereit ist. Hella von Sinnen betrieb offenkundig eine längere Recherche, um ihre Lieblingsepisoden nach ihren subjektiven Kriterien auszuwählen.

Durch die Anmerkungen von Sinnens, die jeder Erzählung folgen, entschlüsselt sich für den Leser sehr schnell der zugrunde liegende Selektionsvorgang: Den Pechvogel Donald liebt sie, ebenso dessen trickreiche Neffen, sie zieht die untussige Gundel Gaukeley der stilsicheren Daisy vor und lustige, knuddelige Tierchen dürfen auch nicht fehlen. Daneben gerät von Sinnen immer wieder ins Schwärmen über den Wortwitz der Duck-Abenteuer, insbesondere über wahnwitzige Alliteration. Etliche dieser wortakrobatischen Highlights sind natürlich der damaligen Übersetzerin Dr. Erika Fuchs geschuldet.

Der Band ist geprägt von den direkten Kommentaren Hella von Sinnens, die auf sehr sympathische Weise durch das Geschehen geleitet. Neben unzähligen Anekdoten aus dem Privatleben der Kommentatorin, die hier zum Abdruck kommen, beweist sich diese als verblüffend scharfsinnige Beobachterin, die sich intensiv mit dem Werk Carl Barks auseinandergesetzt hat. Da werden einem schon mal die eigens herausgefilterten Google-Ergebnisse über die botanische Vielfalt präsentiert. Und auch von Ausführungen darüber, ob Gustav Gans vielleicht doch homosexuell sein könnte, bleibt man nicht verschont.

Doch jetzt kommts: All das ergänzt sich in diesem Buch einfach hervorragend. Vor allem liegt das an von Sinnens entzückend naiver, spielerischer und auf Erforschung der kleinsten Details erpichter Art, die unverkrampft den Weg zu einigen der besten Geschichten um die Ducks ebnet. Kein Wunder, nach eigener Aussage wurde die Verantwortliche ja von der rührigen Oma Duck direkt nach der Geburt getrennt. Ist von Sinnen also durch Geburtsrecht bereits duckifiziert (und daher berechtigt, diesen Best-of Band gewidmet zu bekommen) oder sind nun schlicht und ergreifend „die Ducks von Sinnen“, wie uns der Untertitel auf dem Cover weismachen möchte? Sei es, wie es will, die Kombination passt auf jeden Fall. Die Kommentare, darauf sei zur aller Vorsicht hingewiesen, sind zwar mitunter genauso genial daneben wie die Rateversuche in gleichnamiger TV-Sendung; wer sich daran nicht stört, kann beim Kauf wenig falsch machen. Nebenbei gemerkt bekommt man erstklassige Comics in vorzüglicher Aufmachung. „Liebe, Lust und Leidenschaft“ erstrahlt im großformatigen Hardcover mit Leinenrücken. Das Pink- und Lilamuster zieht sich durch den Band und wird somit der schrillen Herausgeberin gerecht.

Überraschenderweise bleibt einem da nur, die Höchstwertung zu vergeben – und das bei einem Comicalbum, das ausschließlich Reprints enthält. Aufmachung, Konzept und Kommentare können jedoch voll und ganz überzeugen. Und vor allem lesen sich von Sinnens Ausführungen wunderbar ehrlich und erfrischend und bewegen sich wohltuend fernab von Fachklauberei und der Faktenversessenheit gängiger Disney-Experten und Journalisten. Hier schreibt eine Liebhaberin, dafür gibt es dann auch gerne die lieb gemeinte, volle Punktzahl.


Liebe, Lust und Leidenschaft – Die Ducks von Sinnen
Ehapa Comic Collection, Oktober 2009
Autor/Zeichner: Carl Barks
Ausgewählt und kommentiert von Hella von Sinnen
362 Seiten, farbig, HC; 39,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3310-0

geniale Stories, genial kommentiert

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Interview mit Georg Tempel

Georg F.W. Tempel war für fast zwanzig Jahre für Ehapa/Egmont tätig, zuletzt als Mitglied der Geschäftsleitung. Ende letzten Jahres ging er in Elternurlaub und sollte im März 2009 seine Arbeit wieder aufnehmen. Seit Frühsommer gab es Gerüchte, dass er nicht mehr in seine Tätigkeit zurückkehrte, sondern beurlaubt sei. Offiziell bestätigt wurde die Trennung vom Verlag aber erst am 30. September in einer knappen Pressemeldung.
Seit einigen Wochen ist Tempel bereits als Berater für das ZACK-Magazin tätig. Heute wurde er auf der Frankfurter Buchmesse als neuer Chefredakteur (freiberuflich mit seinem Redaktionsbüro) bekannt gegeben.

Wir haben uns vor einigen Tagen per E-Mail über seine Vergangenheit bei Ehapa und seine Zukunft bei ZACK unterhalten.

Comicgate: Hallo Georg, laut Pressemeldung hast Du als Programmleiter ECC/EMA zum 30.09.2009 die Egmont-Verlagsgesellschaften verlassen.
Zum Einstieg unseres Gesprächs: Bitte beschreibe Deinen Werdegang bei Egmont Ehapa und die damit verbundenen Aufgaben.

Georg F.W. Tempel

Georg Tempel: Als Ehapa 1991 den Reiner-Feest-Verlag kaufte, wechselte ich von Mannheim nach Stuttgart und begann am 1. März 91 als verantwortlicher Redakteur bei den Stuttgartern im sog. GB 3 (Geschäftsbereich 3), wo die Comics für den Buchhandel veröffentlicht wurden. Im Lauf der Jahre wurde ich stellv. Chefredakteur, Chefredakteur Trendthemen und schließlich Verlagsleiter. Als Chefredakteur Trendthemen war ich für die US-Comics, die unter dem Label Feest USA erschienen, die Magazine „Akte X“ und „Tank Girl“, das Label e-comix (Comics zu PC-Spielen), Manga und Comics zu Filmen und TV-Serien verantwortlich. Anfang 2000 war ich Mitbegründer und Cheflektor von Cutfish, wo anfangs Bücher zu TV-Serien produziert wurden. Im Herbst 2000 ging dann die Egmont Manga & Anime GmbH (EMA) an den Start, wo ich Mitbegründer und Verlagsleiter wurde. 2001 kam der Umzug nach Berlin, wo ich 2003 auch die Belange der Ehapa Comic Collection (ECC) als Verlagsleiter übernahm. Im Mai 2003 zogen die beiden Comic-Abteilungen (EMA & ECC) nach Köln, wo Egmont den Buchverlag vgs besaß. Hier wurde ich Mitglied der Geschäftsleitung. 2005 kamen auch die Labels vgs (TV-begleitende Bücher, Ratgeber, Kochbücher etc), Schneiderbuch (Kinderbücher) und Lyx (Fantasy-Romane) zu meinem Verantwortungsbereich als Verlagsleiter hinzu.

CG: Wie lange warst Du dort angestellt?

GT: Auf den Tag genau 18 Jahre.


CG: Eine sehr lange Zeit …
Wie ist Ehapa Deutschland in den (internationalen) Egmont-Verlagsgesellschaften aufgestellt?

GT: Ehapa in Berlin wie auch die Egmont verlagsgesellschaften in Köln gehören zur deutschen Egmont Holding, die wiederum Egmont International in Dänemark unterstellt ist.


CG: Wie viel Entscheidungsgewalt hat man als Programmleiter von ECC und EMA? 

GT: Was meine Person betrifft, so wurde ich immer freier in meinen Entscheidungen, da EMA dem Verlag eine Zeit lang wirklich viel Geld verdient hat und damit auch eine gewisse Freiheit in den Entscheidungen kam. International hat da niemand hineingeredet. Manche Dinge mussten mit dem Geschäftsführer besprochen werden. Wie das heute ist, weiß ich natürlich nicht. 

 

CG: Stimmt es, dass Du direkt nach Deinem Elternurlaub (Ende November 2008 bis März 2009) durch Egmont beurlaubt wurdest?

GT: Tatsächlich war ich am ersten Arbeitstag nach meiner Elternzeit knapp 15 Minuten im Verlag.

CG: Hätte es danach noch eine Möglichkeit gegeben, die Beurlaubung zurückzunehmen?

GT: Klar hätte der Verlag das gekonnt. Es war ja eine widerrufbare Beurlaubung. 

 

CG: Aber es hat keinen Diskussionsbedarf vom Verlag bestanden? Hast Du Dich von Deiner Seite aus um Klärung bemüht oder war der Zug für Dich emotional abgefahren?

GT: Für den Verlag bestand kein Diskussionsbedarf. Das wäre also eine einseitige Angelegenheit gewesen. Und emotional hätte es keine Basis mehr gegeben, um mit Leuten zusammenzuarbeiten, die einen loswerden wollen.

CG: Wie hat sich die Situation damals für Dich dargestellt?

GT: Nun ja, überrascht war ich schon …

CG: Gab es irgendwelche Anzeichen oder hat es Dich kalt erwischt?

GT: Sagen wir mal so: Es hat mich kühl erwischt …

CG: Siehst Du eine Verbindung zu Deiner Elternzeit?

GT: Zu meiner Elternzeit gab es sicher keine Verbindung.

CG: Wer hat diese Entscheidung getroffen?

GT: Wie mir mitgeteilt wurde, hat die erweiterte Geschäftsführung diese Entscheidung getroffen.

CG: Welche Begründung wurde für diese Beurlaubung gegeben?

GT: Dazu möchte ich mich nicht äußern.

CG: Warum wurde die Beurlaubung/Trennung so lange nicht offiziell bekannt gegeben und warum fiel die Pressemeldung dann so spärlich aus?

GT: Das ist eine gute Frage, die ich leider nicht beantworten kann. Vor allem, weil es ja alle Spatzen von den Dächern pfiffen, da meine Demission intern schon falsch sprich an den falschen Mailverteiler kommuniziert wurde. Schlechtes Nachrichtenmanagement? Ich selbst sah mich dann in der unschönen Situation, in der Zeit alle Anrufer hinhalten zu müssen, da es vom Verlag ja nur eine sehr stereotypische Ansage gab. Was die letztendliche Pressemeldung betrifft, so kann ich dazu nur sagen, dass es den Verantwortlichen im Verlag an einer gewissen Größe fehlt, sonst hätte man die Meldung nicht in ganz so dürren Worten veröffentlicht, was ja wiederum Spielraum für allerlei Interpretationen lässt. Aber das ist nun wirklich nicht mehr mein Problem.

CG: Wie blickst Du nun mit einem halben Jahr Abstand zurück?

GT: Ich bin dankbar für sieben Monate bezahlten Urlaub, den ich sehr ausgiebig mit meiner kleinen Tochter verbracht habe. Ansonsten hat es den Abschied sehr einfach gemacht.

CG: Das klingt wie ein guter Ausgleich. Waren die Monate bis Ende September eigentlich die gesetzlich vorgeschriebene Zeitspanne?

GT: Das war – lt. meinem Arbeitsvertrag – die gesetzliche Kündigungsfrist plus ein Monat, den man mir schenkte. Sehr großzügig …

CG: Hast Du noch Kontakt zu Deinen ehemaligen Kollegen?

GT: Natürlich gibt es noch Kontakte, da ich viele Kollegen, gerade in den Redaktionen, entweder selbst eingestellt habe oder sonst ein gutes Verhältnis habe. Und dann gibt es auch Freunde unter den Kollegen, mit denen mich wirklich mehr verbindet als nur die Arbeit.

CG: Was waren Deine Highlights und Deine Tiefpunkte während Deiner Zeit bei Ehapa?

Logo von EMAGT: Mein geschäftliches Highlight war die Beharrlichkeit in Sachen Manga, da der Verlag 1998 das Mangaprogramm eigentlich einstellen wollte, und die damit verbundene Gründung von EMA. Das war ein weißes Blatt Papier, das ich tatsächlich völlig eigenständig beschreiben konnte. Persönliche Highlights waren die Freundschaft mit Will Eisner und das 3-tägige Zusammensein mit Carl Barks, das mit dem Empfang im Garten von Erika Fuchs‘ Haus in München seinen Höhepunkt hatte.
Als geschäftlichen Tiefpunkt sehe ich, dass wir die Superhelden, die wir von Marvel im Programm hatten (Punisher, Wolverine, Daredevil), zu schnell aufgegeben haben. Der persönliche Tiefpunkt war das Ausscheiden und der viel zu frühe Tod von Klaus M. Mrositzki, meinem früheren Chef in Stuttgarter und Berliner Tagen.

CG: Bereust Du bestimmte Entscheidungen?

GT: Auf alle Fälle. Z. B. hätten wir uns mehr um Reinhard Kleist kümmern müssen, den ich ja Ende der 90er mit Lovecraft und Das Bildnis des Dorian Gray zur ECC geholt hatte. Wir hätten in Verhandlungen mit Shueisha, als die Japaner Egmont die Rechte an Dragonball anboten, nicht völlig stur und kompromisslos eine Veröffentlichung in japanischer Leserichtung ablehnen dürfen. Später haben wir diese Leserichtung ja dann auch eingeführt. Da hatten die Kollegen von Carlsen in Person von Andreas C. Knigge schon das richtige Gespür.

Argstein 1 bei Ehapa Comic CollectionCG: Von den Lesern häufig kritisiert wurde der Abbruch von Serien, so dass sich einige in Eurem Forum derart äußerten, dass sie keine neuen Ehapa-Serien mehr kaufen würden, um nicht wieder eine Enttäuschung zu erleben. Das Verlagsprogramm wurde als unzuverlässig erlebt. Wie viel Druck hattet Ihr bei solchen Entscheidungen durch die Konzernleitung? Gerade bei deutschen Eigenproduktionen (z. B. Zuckerfisch, Inter View – Pop Comics, Wellenläufer, Argstein) wäre ein längerer Atem belebend und vorbildhaft gewesen.

GT: Auf alle Fälle hätten wir einen längeren Atem haben müssen. Aber nach 2002, wo es im ECC-Bereich eine erste Krise gab, waren wir alle völlig auf Zahlen getrimmt und hatten immer gleich Verluste vor Augen, was dann zu teilweise völlig unmotivierten Abbrüchen sorgte. Leider wurde das in Köln nicht besser.

CG: Das heißt, Du würdest von heutiger Warte aus den Serien mehr Zeit geben, sich ihre Leser zu erobern? Wäre das vor der Geschäftsleitung durchgegangen? Und habt Ihr denn nicht gemerkt, dass manche sich im Forum äußernden Leser so unzufrieden waren, dass sie keinerlei neue Serien von ECC kauften aus Angst, auf angefangenen Geschichten sitzen zu bleiben? Das gehäufte Abbrechen von Serien war ja nicht nur eine finanzielle Entscheidung, sondern hatte meinem Empfinden nach einen großen negativen Einfluss auf das Renommee.

GT: Wenn man es sich leisten kann, sollte man den Serien natürlich mehr Zeit geben. Und wir haben auch gemerkt, dass es Unmut bei den Lesern gab. Deshalb haben wir z. B. keine langen Serien mehr eingekauft, um wenigstens kurze Serien zu Ende bringen zu können. Aber da wurden leider oftmals auf anderer Ebene andere Entscheidungen getroffen. Man darf auch nicht vergessen, dass wir als Comicabteilung, insbesondere die Manga, eigentlich erfolgreich waren, wir uns aber im Gesamtkontext des ganzen Hauses sehen mussten, und da lief (läuft?) es nicht überall wirklich rund. Schließlich kam dann das „All-in-One“-Konzept, um die Leser zu überzeugen, dass sie die ganze Story erhalten würden. Aber wie ich sehe, wird das gerade wieder aufgeweicht. Keine Ahnung, ob das gut ist.

CG: Alexandra Germann ist Deine Nachfolgerin als Programmleiter ECC/EMA.
Wie charakterisierst Du „Deine Ära“, und was wird sich Deiner Meinung nach nun ändern?

GT: Ich denke, „meine Ära“ ist auf alle Fälle mit EMA verbunden, da dieses Label sehr lange – sowohl inhaltlich wie auch im Marktingbereich (Shinkan, Connichi) – meine Handschrift trug. Bei der ECC würde ich die Versuche im Superheldenbereich (Marvel, 2000AD) und die recht erfolgreichen Gesamtausgaben sowohl bei den Strips (Hägar und Garfield) wie auch bei den Comics (Lucky Luke, Incal, Jeff Jordan, Mick Tanguy etc.) „meiner Ära“ zurechnen.
Ob es einen Kurswechsel geben wird, weiß ich nicht. Bisher sehe ich noch nichts – von ein paar Einzeltitel mal abgesehen -, was nicht bereits unter meiner Ägide diskutiert worden wäre. Lassen wir uns also überraschen. 

 

CG: Kommen wir zu Deiner Neuausrichtung. Vor kurzem wurde bekanntgegeben, dass Du nun beratend für das ZACK-Magazin tätig sein wirst.
Was beinhaltet diese Aufgabe und wird sie Deine neue Haupttätigkeit sein?

Georg Tempel vor dem ZACK-Stand auf der Frankfurter Buchmesse 2009GT: Beratend war ich nur in der Zeit meiner Beurlaubung tätig und habe dort Impulse zu einer Neuausrichtung des Heftes gegeben. Ab Oktober werde ich mit meinem Redaktionsbüro die Chefredaktion des Magazins übernehmen und diese Neuausrichtung dann weiter ausbauen.
Wir haben zusammen mit Hans Ott, dem Grafiker vor Ort, das Layout überarbeitet, da ich weg wollte vom Gewusel und Quietschbunten hin zu einer gewissen „Seriosität“ – soweit man in einem Comicmagazin eben seriös sein kann. Das beinhaltet auch das Schriftbild, das ich in seiner Leserlichkeit bisher immer grauenerregend fand.
Inhaltlich wollen wir weg vom „Werbeblatt für andere Verlage“. Ich sehe keinen Nutzen für ZACK, den 50. Blueberry, den 100. Lucky Luke oder den 10. Schrei des Falken zu veröffentlichen. Die Leser wissen, dass die Storys ein halbes Jahr später bei einem bestimmten Verlag erscheinen werden. Warum also ZACK kaufen? Wie ich bereits im Editorial der Ausgabe #124 geschrieben habe, wollen wir Serien, die beim Kauf für ZACK noch nicht von einem anderen Verlag fürs Albenprogramm erworben wurden. Ich denke, damit wird ZACK wieder interessanter, da die Käufer in der heutigen Zeit aufs Geld schauen müssen und dann eher das Album fürs Regal denn ein Magazin kaufen.
Außerdem haben wir die Rubriken inhaltlich verändert und haben bzw. werden sicher die eine oder andere neu einführen. So ist z.B. „Zuletzt gefragt“ auf der letzten Seite des Heftes eine schöne Möglichkeit, kurz und bündig ein paar interessante Infos über Comicschaffende zu erhalten. Reizvoll ist dabei, wie die verschiedenen Leute auf die immer gleichen Fragen antworten werden. Ich kann nur sagen, dass die bisher vorliegenden Fragebögen sehr unterschiedlich, witzig und kurzweilig sind. 

 

CG: Dann Gratulation zu dieser neuen Aufgabe! Du bist nun sozusagen „freiberuflicher Chefredakteur“ …
Ihr wählt also neue, für Deutschland unlizenzierte, Serien aus, die dann extra für das Magazin übersetzt und gelettert werden? Nach welchen Kriterien geschieht die Auswahl, was sind typische Comics für ZACK?

GT: Das ist zumindest unser Anspruch für die Zukunft. Und ich werde da sicher federführend die Auswahl treffen, mit einem Vetorecht von Klaus Schleiter. Natürlich kann niemand sagen, ob die Albenrechte während der Veröffentlichung in ZACK an einen anderen Verlag verkauft werden. Aber eigentlich soll ZACK kein Werbeblatt für andere Verlage sein. Für mich ist wichtig, dass es in ZACK die richtige Mischung aus Krimi, Thriller, Western, Funny, Scifi und Historie gibt. Dementsprechend beginnen in den nächsten Heften auch neue Serien, die diesen Kriterien entsprechen. Und ich habe noch einige auf dem Zettel, bei denen wir die Rechte hoffentlich auf der Buchmesse klären können. 

 

CG: Wie groß und schwierig ist da das Angebot, aus dem Ihr auswählen könnt? Spricht man sich mit den potenziellen deutschen Lizenznehmern ab? Wird es sich auch – oder sogar vermehrt – um Serien handeln, die sonst gar nicht deutschsprachig erscheinen?

GT: Es ist nicht unbedingt einfach, da es mittlerweile doch wieder eine große Menge an Comicverlagen gibt, die ihre Sache sehr gut machen und dementsprechend von den französischen Verlagen unterstützt werden. Aber ich bin mir relativ sicher, dass wir uns tolle Lizenzen sichern können, wenn wir das Magazin und die Albenedition besser verzahnen.

CG: Beinhaltet Dein neuer Posten Aufgaben, die Du vorher nicht hattest und auf die Du Dich besonders freust? Wirst Du die Manga vermissen?

GT: Nun ja, Neues gibt es da nicht. Mit dem Comicspiegel im Reiner-Feest-Verlag hatte ich vor knapp 20 Jahren schon einmal ein ZACK-ähnliches Magazin verantwortet. Und auch bei Ehapa war ich mit Akte X oder Tank Girl für Magazine verantwortlich. Und dann darf man nicht vergessen, dass ich beim Dino Verlag das Beavis & Butthead-Magazin gestartet habe, bevor Max Müller dorthin kam.
Klar werde ich die Manga vermissen. Immerhin waren sie mein Baby. Aber auch hier gilt: Mal überraschen lassen, was da noch kommt.

CG: Wie und wann ist es eigentlich zum Kontakt und der Entscheidung gekommen?

zack_logo.jpgGT: Klaus Schleiter, den ich schon seit einigen Jahren gut kenne, und ich hatten bereits letztes Jahr über „Probleme“ bei ZACK gesprochen. Und da war es nahe liegend, dass man sich unter den neuen Voraussetzungen meine Person betreffend unterhalten würde.

CG: Hat ZACKs Trennung Mitte August von seinem letzten Chefredakteur, Mark O. Fischer, etwas mit Deinem neuen Job zu tun?

GT: Ich denke, die Frage kann Klaus Schleiter besser beantworten als ich.

CG: ZACK erfährt mit neuen Leuten (neben Dir z. B. auch Frank Neubauer) eine deutliche Überarbeitung. Was sind die Gründe, was die Mittel, was die Ziele?

Ich denke, jedes Magazin muss sich dem sich ändernden Geschmack der Umgebung anpassen, ohne dabei seine Stammleser zu verlieren. Und bei ZACK gab es in den letzten 10 Jahren keine wirklich größeren Veränderungen – vom Wechsel der Chefredakteure mal abgesehen, die dem Heft aber nicht wirklich ihren eigenen Stempel aufgedrückt haben. Wenn man das Heft jetzt aufschlägt, sieht man sofort: „Das sieht anders aus!“. Wir sehen das als Voraussetzung, um uns neue Leser zu erschließen, da wir unbedingt nachrückende Kunden vom unteren Ende der Alterspyramide brauchen. Natürlich müssen wir auch inhaltlich etwas tun. Dazu habe ich ja oben schon einiges gesagt. Vieles lässt sich am einfachsten mit neuen Leuten umsetzen. So werden neben Frank Neubauer und Thomas Dräger in Zukunft auch Volker Hamann und Bernd Glasstetter ihr Scherflein beisteuern, um das Heft zu verbessern.
Und natürlich ist das letztendliche Ziel, mittels Qualitätsverbesserung eine Steigerung der Auflage zu erhalten.

CG: Wo siehst Du die deutlichsten Qualitätsmängel?

GT: Ich glaube, dass die Auswahl der Comics in letzter Zeit nicht immer sehr glücklich war. Und das äußere Daherkommen ist mir zu wuselig und kleinteilig gewesen. Deshalb versuchen wir nun, mit dem neuen Layout etwas Ruhe ins Heft zu bringen.

CG: Wie ist Deine Meinung zu der Veröffentlichung von Episoden des umstrittenen – weil von manchen Lesern als Nazi-Werte glorifizierenden Comic gesehenen – Stern von Afrika?

GT: Ich würde so etwas nicht machen. Aber andere Verantwortliche treffen andere Entscheidungen. Allerdings ist die Diskussion zu der Serie mehr als ungut gelaufen. Ich denke, da wurde das meiste Porzellan zerbrochen. 

 

CG: Du warst sehr präsent im ECC-Forum und für die Leser der Draht zum Verlag. Macht Dir der direkte Kontakt Spaß, wirst Du weiterhin so häufig im Comicforum sein wie bisher (dann natürlich bei ZACK)?

GT: Natürlich macht mir das Spaß, und ich werde in Zukunft auch wieder präsenter sein, um ZACK im Forum zu vertreten.

CG: Welches ist für Dich die interessanteste frankobelgische Neuerscheinung des nächsten Jahres?

GT: Da ich nicht weiß, was die Franzosen alles in der Tasche haben, ist es nicht einfach, hier eine fundierte Antwort zu geben. Vielleicht weiß ich nach der Buchmesse mehr.
Was aber – abseits von franko-belgischen Comics – interessant wird, ist, inwieweit sich die Japaner in Frankreich und Deutschland auf dem Comicmarkt profilieren wollen. Immerhin haben Shogakukan, Shueisha und ShoPro mit Anime Virtual in Deutschland und Kaze SAS in Frankreich zwei Firmen gekauft, die nicht nur DVDs produzieren können, sondern auch das Knowhow für Manga haben. Es wird spannend werden, ob das am Lizenzgeschäft einiges ändern wird. In den USA hat das jedenfalls hervorragend funktioniert.

CG: Zum Schluss noch die Frage: Wie wichtig sind Dir Deine F.W.-Initialen (bzw. Dein Nickname „efwe“) und für welche Namen stehen sie?

GT: Ich benutze diese Initialen schon seit meiner Oberstufenzeit auf dem Gymnasium. Irgendwie gehören sie mittlerweile einfach zu meinem Namen, und sie stehen ganz prosaisch für „Friedrich Walter“.

CG: Danke für die ausführlichen Antworten und viel Erfolg bei Deiner neuen Tätigkeit!

Anmerkung:
Auf der Buchmesse wurden folgende neue Serien für ZACK erwähnt:
Blue Space (Zeichnungen: Chris Lamquet)
Black Crow (Zeichnungen: Jean-Yves Delitte)
Der Samariter (Michel Rouge)

Fotos © F. Pfeiffer/Comicgate

Star Trek 1: Spiegelbilder

 In der Folge „Ein Paralleluniversum“ der originalen Star Trek-TV-Serie bekam man erstmals einen Einblick in eine alternative Realität. Eine Realität, in der das böse Gegenstück zu James T. Kirk die Enterprise befehligt und der alternative Mr. Spock durch einen simplen Bart erkennbar gemacht und dadurch zum Widersacher deklariert wurde.

Der Comicband „Spiegelbilder“ von Scott und David Tipton greift diese Idee erneut auf und zeigt uns einen Blick in das Paralleluniversum der vermeintlich bösen Version der Enterprise-Crew. Die Geschichte setzt an einem Punkt ein, an dem ein junger Kirk noch als Commander unter Captain Pike auf der I.S.S. Enterprise dient. Vermehrt gerät Kirk jedoch in Verdacht, gegen Pike zu intrigieren und es entbrennt schnell ein stiller Kampf, bei dem beide den jeweils anderen zuerst beseitigen und die Machtposition sichern wollen, ohne aber ihre Karten zu früh auf den Tisch zu legen.

Der Spiegelwelt-Kirk wird hier als junger, ambitionierter und skrupelloser Mann dargestellt, der einen cleveren Plan verfolgt, bei dem womöglich auch weitere Mitglieder der Crew involviert sind. Zudem arbeitet Kirk an einer neuartigen Maschine, deren Einsatz kurz bevorstehen soll.

 Der Blick ins Paralleluniversum von Star Trek ist im vorliegenden Comicband vor allem eins: erfrischend anders. Den Autoren gelang ganz sicher nicht das große Meisterwerk, dafür legen sie eine spannende Story vor, bei der der Leser immer wieder überrascht wird. Zum einen liegt das an der Konstellation der Figuren, bei der man sich nie sicher sein kann, wer welche Pläne verfolgt und welche Allianzen es innerhalb der Crew gibt. Zum anderen liegt innerhalb der Charaktere selbst ein gewisses unvorhersehbares Potential. Denn das Verhalten der uns vertrauten Personen weicht erheblich, aber eben nicht immer genau spiegelbildlich, von dem Verhalten der hier gezeigten Gegenstücke ab. Als böse stigmatisiert scheint jedoch die gesamte Parallel-Crew inklusive Captain Pike zu sein, immerhin sind sie im Auftrag des Terranischen Imperiums unterwegs. Der Machtkampf um die Führungsrolle erhält dadurch einen gesonderten Stellenwert im moralisch ohnehin bedenklichen Fahrwasser, in dem man sich bewegt.

In einem kurzen Zwischenspiel springt die Handlung gut sieben Jahrzehnte in die Zukunft. Als Analogie zu der eben beschriebenen Machtübernahme sieht man einen jungen Jean-Luc Picard, der sich an Bord der Starbreaker befindet. Während einer Konfrontation mit den Cardassianern sieht Picard seine Chance, den Befehlshabenden Sorek abzusetzen und selbst Captain des Schiffes zu werden. Dieses Zwischenspiel ist aufgrund der Kürze etwas zu schlicht geraten, trotzdem verfehlt es seine Wirkung auf den Leser nicht: Dem wird nämlich auf subtile Weise vor Augen geführt, dass sich im Terranischen imperium Geschichte beständig wiederholt, dass Verrat und gewaltsame Machtenthebung das gängige Mittel in Spiegeluniversum sind.

 Noch ein Wort zu der zeichnerischen Qualität: David Messina, der bereits für Star Trek: Countdown, den Prolog zum neuen Kinofilm  verantwortlich war, kommt über ein gewisses Niveau leider nicht hinaus. Seine Bilder passen zwar von der Atmosphäre und der kühlen Farbgebung her recht gut zu Star Trek-Abenteuern, aber Messina stößt gerade in der Darstellung von Mimik und Schattierungen an seine Grenzen. Besonders ärgerlich ist dies z.B., wenn ein und dieselbe Figur auf drei nachfolgenden Bildern drei komplett unterschiedliche Gesichtszüge verpasst bekommt. Da wird Kirk vom pausbäckigen Mann mit dicker Nase innerhalb zweier Panels plötzlich zur schmalgesichtigen Person mit eingefallener (postoperativer) Michael-Jackson-Nase. Schade eigentlich, denn die Story hätte an einigen Stellen einen beständigeren Zeichner verdient gehabt.

Erwähnenswert ist aber, dass man Messina dafür gewinnen konnte, das Cover exklusiv für die deutsche Ausgabe des Comics komplett neu zu gestalten. Auch wenn ich persönlich die US-Originalcover von Joe Corroney, die am Ende des Comics abgedruckt sind, präferiere, ist das von Messina entworfene Bild durchaus gelungen.

 

Star Trek 1: Spiegelbilder
Cross Cult, September 2009
Autoren: Scott Tipton, David Tipton
Zeichner: David Messina
128 Seiten; vierfarbig; 14,80 Euro (SC), 19,80 Euro (HC)

ISBN (SC): 978-3-941248-42-7
ISBN (HC): 978-3-941248-43-4

Frische, spannende Story, zeichnerisch zäh

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Abbildungen: © Cross Cult

Vom Irrsinn des Lebens

Der Irrsinn des Lebens – CoverIn seinem vierzigsten Film Whatever Works erzählt Woody Allen die Geschichte eines alternden Griesgrams, der ein deutlich jüngeres Mädchen heiratet. Während ein Altersunterschied zwischen den Protagonisten von über vierzig Jahren unter der Regie eines anderen Auteurs zu einer filmischen Tragödie werden würde – man erinnere sich nur an den schrecklichen Film Es begann im September mit Richard Gere und Winona Rider – gelingt es Woody Allen mit seinen Filmen stets zu überzeugen. Auch wenn er ausnahmsweise einmal nicht selbst mitspielt, durchdringen sein Humor, seine Neurosen und seine omnipräsente Existenzangst jeden seiner Filme. Wenn man Allens Filmen die Straßen von New York, Scarlett Johansson und die komplexen Beziehungsgeflechten entziehen würde, könnte man dann eine genuine „Woody Allen“-Formel als Konzentrat extrahieren? Dieser Frage hat sich der Zeichner und Autor Stuart Hample gestellt und zwischen 1976 und 1984 Cartoon Strips mit dem Titel Inside Woody Allen geschrieben und gezeichnet. Die aufwendige Werkschau hat der Knesebeck Verlag nun unter dem Titel Vom Irrsinn des Lebens ins Deutsche übersetzt.

Das Resultat ist ein knalloranger Foliant im Querformat, von dessen Cover ein cartoonifizierter Woody Allen herunterblickt, dessen Augenbrauen in einer Mischung aus Betrübtheit und Ungläubigkeit den Titel Vom Irrsinn des Lebens förmlich unterstreichen. So präsentiert der Knesebeck Verlag die Sammlung von über 350 Cartoon Strips, die Stuart Hample, der selbsternannte „Multimedia-Loser“ zwischen 1976 (Der Stadtneurotiker) und 1984 (Broadway Danny Rose) gezeichnet hat. Zu einführenden Erläuterungen sei gesagt, dass Allen zu diesem Zeitpunkt bereits ein anerkannter Regisseur war und in Amerika nach der Präsidentschaft Nixons mit Ford, Carter und Reagan gerade eine neue Ära begann. Die schwarz-weißen Strips spiegeln die Prozesse ihrer Produktion anschaulich wieder. Die Sammlung besteht aus Faksimiles des Cartoon Strips, der durch die Popularität von Allen gleich zu Beginn von 460 Zeitungen veröffentlicht wurde. Ein paar Strips werden auch  im Zwischenstadium zum kolorierten Strip abgedruckt. Die Aufbereitung des Materials beweist die Liebe zum Detail.

Doch bevor Hample seinen Woody gegen den prominenten Regisseur von Filmen wie Der Stadtneurotiker antreten lässt, erzählt er von seinem ganz persönlichen Zugang zu dem Cartoon. Er holt weit aus, berichtet von seiner Zeit als Texter und Art Director, bevor er nach diversen Treffen und Besuchen von Comedy Clubs in New York endlich dem jungen Woody Allen begegnet. Interessant an der Einleitung sind vor allem die Einblicke in die frühe Phase von Allens Schaffen und die Ratschläge seines Agenten Jack Rollins: “Die Zuschauer müssen dich mögen, bevor sie über deine Witze lachen“. Die letzten Seiten erzählen von der Zusammenarbeit Hamples und Allens. Auf der einen Seite der gewitzte Allen, der seine Existenzangst nutzt, um sein Publikum zum Lachen zu bringen, und auf der anderen Seite Stuart Hample, der sich fast schon schuldig fühlt, sich in Allens Welt geschlichen zu haben. Hamples Erinnerungen an Allens Plädoyer für anspruchsvolle Komik, die er gegen die stumpfen Auflagen des Strip-Syndikats King Features aufrechnet, wirken seltsam apologetisch. Leider bestätigen die nachfolgenden Strips, dass Hample zu oft nur das öffentliche Bild Allens nutzte und den schnellen witzigen Abschluss suchte, um seinem damaligen Auftraggeber gerecht zu werden.

Philosophische AusflügeEin visuelles Amalgam aus Philosophie und Einleitung ist hingegen das ergänzende Vorwort von R. Buckminster Fuller. Zunächst abgehoben wissenschaftlich, später dann witzig philosophisch nähern sich seine mehreckigen Figuren der einer Kernfrage: „Wozu brauchen wir außer Woody Allen noch vier Milliarden Menschen?“ Neben Hamples Erinnerungen und Erläuterungen, erfüllt Buckminster Fuller das  Credo Allens mit Auszeichnung. Die Quintessenz des physikalisch-psychologischen Diskurses ist folgende Einsicht: „Wenn Woody spricht, setzt die Bedeutung seiner Worte niemals Zeiger in Bewegung. Woody Allen hat eine neue Ära eröffnet, indem er uns metaphysisch bewegt. Er bringt uns dazu, lächelnd zu lernen, und dies ist die einzige nachhaltige Methode, den Menschen dazu zu bewegen, ganz bewusst seinen sozialen Minderwertigkeitskomplex und sein inhärenten Versagensängste zu überwinden und stattdessen sein nunmehr zweifelsfrei nachgewiesenes Optionsrecht auszuüben, aus der gesamten lebenden Menschheit einen dauerhaften physischen Erfolg zu machen.“ Das ist wissenschaftliche Poesie.

Juhuu!Die gesamte Aufteilung von Vom Irrsinn des Lebens wirkt viel zu geordnet. Anstelle einer übergeordneten Chronologie, die den Strip als Prozess gezeigt hätte, entschied man sich für übergreifende Themengebiete, wie Sex, Besuche beim Psychiater und Woodys Tagebucheinträge. So entgeht dem Leser Hamples graphische Entwicklung der Figur, die Woody Allen in seinen Endzwanzigern ähneln soll. Die Art der Aufteilung führt außerdem schnell zu einer Übersättigung des Lesers. Nach dem dritten Therapie-Strip hat man keine Lust mehr auf Dr. Fobick, und auch die Baggerversuche bei Frauen und die Besuche bei den Eltern wirken äußerst redundant. Zwar ist gerade diese Redundanz eine der Stärke des Zeitungsstrips, doch in zu gebündelter Form droht sie den Humor zu ersticken.

Das stärkste, weil auch abwechslungsreichste Kapitel ist mit Abstand „Im Spiegel der Welt“ in dem Hample sich traut, seinen Cartoon-Woody mit der Welt da draußen zu konfrontieren: mit einem Dieb, der einem wortwörtlich die Zeit stiehlt, und mit einem Anrufbeantworter, der sich verabredet, während Woody für ihn das Telefon hüten muss. In diesem Kapitel hat sich auch der Übersetzer Helmut Neuberger einen kleinen Spaß gemacht: Auf Seite 177 sinniert Woody über einen Witz für das Wall Street Journal, bei dem – in der Übersetzung – ein VW-Angestellter als verkleideter Vorstandvorsitzender von Porsche die Firma durch den Kauf von VW-Aktien in den Ruin treibt. Eine zeitgemäßere Umsetzung geht wohl kaum.

Flache KalauerAuch trotz dieses erfrischenden Kapitels ist Hamples Werk insgesamt zu viel von Kalauern durchzogen. Anstatt sich Allens Vorschläge zu Herzen zu nehmen, Nebencharaktere zu stärken und Humor durch Alltagssituationen zu transportieren, wird zu oft der schnelle Abschluss gesucht. Die Strips wechseln ständig zwischen zwei, drei und vier Panels, wobei die Ökonomie der Erzählung nicht zu Hamples großen Talenten zählt. Oftmals zerrt er einen unwitzigen Kalauer unabsichtlich in die Länge. Es ist bezeichnend, dass der beste Psychotherapie-Strip jener ist, bei dem sich Woody während eines Treffen mit Dr. Fobick auf offener Strasse über ihre überschwängliche Begrüßung, „Juhu“, wundert. Außerdem fragt man sich, warum Woody bei seinen pseudophilosophischen Tagebucheinträgen immer durch zweidimensionale kahle Landschaften laufen muss. Oftmals scheint Hample die prominente Positionierung seiner eigenen Signatur wichtiger als eine gelungene Pointe.

Mit der Veröffentlichung von Vom Irrsinn des Lebens zeigt sich der Knesebeck Verlag mutig. Der Sammelband ist eine äußerst gelungene visuelle Werkschau eines in Deutschland bisher recht unbekannten Zeitungsstrips. Das Buch ist sicherlich eine schöne Ergänzung für einen Woody-Allen-Fan, doch überzeugt der Strip als solcher nur selten. Während Allen auch nach vierzig Filmen seine Zuschauer durch eine gehörige Portion Paranoia gemischt mit seinem unnachahmlichen Humor noch begeistern kann, will es Hample, trotz Vorschlägen des Regisseurs selbst, weder gelingen, die öffentliche Figur Woody Allen zu durchdringen noch sie in einen Cartoon Strip zu übersetzen. Dem wirklichen Woody Allen gebührt das letzte Wort über seine Position als Kassenmagnet: „Lasst sie mich lieber auf meine Art gefährden.“

Vom Irrsinn des Lebens – Woody Allen in Comic Strips
Knesebeck Verlag, September 2009
Text: Stuart Hample
Zeichnungen: Stuart Hample
240 Seiten; Hardcover; 29,95 Euro
ISBN: 978-3-8687-3148-4

Umfangreicher Sammelband mit mittelmäßigem Strip

 

 

 

 

 

 

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Abbildungen: © Knesebeck Verlag

Prophet 1: Ante Genesem

 Mit der Veröffentlichung der vierteiligen Saga Prophet beweist der Splitter-Verlag mal wieder sein Gespür für interessante Comics. Zwar sind die ersten beiden Bände bereits 2004 bzw. 2006 bei Arboris erschienen, doch jetzt kann man sich auf ein zügiges Vorlegen des gesamten Zyklus innerhalb der nächsten Monate freuen. Zudem sind die Splitter-Alben im Vergleich zu der Version von Arboris wesentlich edler in der Aufmachung und bieten einen Hardcover-Einband sowie einige Seiten Zusatzmaterial (Storyboards und Erläuterungen des Zeichners).

Die Serie von Xavier Dorison (Das Dritte Testament) und Mathieu Lauffray (Long John Silver) ist ein waschechter Mysterythriler, der es in sich hat: Jack Stanton, Professor für Archäologie, unternimmt gefährliche Expeditionen, die ihn auf die Spuren bislang unbekannter Kulturen führen sollen. Die jüngste Unternehmung an der Seite seines Mentors Professor Alexander Kandel fördert dabei eine unglaubliche Entdeckung zutage: Ein 8000 Jahre altes Artefakt, mit rätselhaften Inschriften verziert und dämonisch anmutende Statuen beinhaltend, welches sich hoch oben im Himalaja-Gebirge versteckt hält.

 Zurück in der Zivilisation erregt sein Fund großes Aufsehen, sowohl bei euphorischen Forscherkollegen als auch bei Skeptikern. Stanton beschließt die Welt über seine Entdeckung durch ein Buch aufzuklären. „Ante Genesem“ so der Titel seines Werkes, was soviel heißt wie „Vor der Schöpfung“. Zeitgleich mehren sich die Versuche einiger Leute, die Veröffentlichung des Buches unbedingt aufzuhalten – Warnungen, die der Verfasser nur  solange zu ignorieren versucht, bis die mutmaßliche Apokalypse hereinbricht und Stanton mitreißt …

Die Fragezeichen sind nach dem Lesen des ersten Bandes groß. Gab es vor Jahrtausenden Dämonen auf der Erde? Und welche Rolle spielt Jack Stanton bei der ganzen Sache, immerhin ist er der Einzige, der über die neuen Erkenntnisse berichten kann.

Dorison und Lauffray kreierten einen spannenden Mysterycomic, der sich stark durch eine atmosphärische Erzählweise auszeichnet. Die fremdartigen Wesen und Steingebilde vermengen sich in einer fantasievollen, aber nicht zu abgehobenen Weise mit dem alltäglichen Leben eines Forschers. Das Ergebnis wirkt nicht nur auf den Hauptprotagonisten bedrohlich, weiß dieser doch weder wie ihm geschieht, noch wo er sich ab der zweiten Hälfte des ersten Ausgabe befindet.

 Mathieu Lauffray gelingt es, diese Bedrohlichkeit sehr gut einzufangen, durch seine Bilder werden riesige Skulpturen in ein Wolkenkratzerszenario versetzt oder wirken Landschaften auf den Betrachter noch ehrfurchtgebietender als sie ohnehin schon sein können.

Insgesamt kann der erste Band von Prophet mehr als überzeugen. Auf die baldige Fortsetzung kann man sich jetzt schon freuen, bis dahin bleibt einem nur die Möglichkeit, sich weiterführende Gedanken zur mysteriösen Handlung zu machen.

 

Prophet 1: Ante Genesem
Splitter-Verlag, September 2009
Text: Xavier Dorison
Zeichnungen: Mathieu Lauffrey
56 Seiten; Hardcover; 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-062-0

Geglückter Mysterythriller

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Abbildungen: © Splitter Verlag

Jack of Fables 2

 Jack ist ein Trickbetrüger, Frauenheld und schwerreicher Filmemacher. Oder besser gesagt verlor er nach seinem Soloabenteuer in Band 1 von Jack of Fables (ein Ableger der Serie Fables) sein Vermögen. Was läge also näher für die erfinderische Märchenfigur, als sein Glück in der sündigen Stadt Las Vegas zu versuchen, wo es neben viel Geld auch heiße Frauen zu erbeuten gibt. Zuvor erzählt Jack, der unter zahlreichen Pseudonymen als Märchenheld berühmt wurde, aber noch einen Schwank aus seinem Leben, von seiner Zeit, als er Liebhaber und engster Vertrauter der Schneekönigin war und wie er schließlich zu Jack Frost wurde. Bill Willingham und Matthew Sturges fabulieren um den Titelhelden eine muntere Historie, die einfach wunderschön mit zu verfolgen ist. Für Leser der Hauptserie Fables ist dieser Spin-off praktisch unverzichtbar, denn auch wenn Jack solo unterwegs ist und sich seine Comicstories damit recht unabhängig lesen lassen, so kann man diese doch als perfekte Ergänzung zur weit gefächerten Fables-Kontinuität betrachten. Zumal es den beiden Autoren sehr gut gelingt, den hohen Anspruch und die durchdachte Erzählweise auch bei dieser Serie nicht aus den Augen zu verlieren. Das heißt gleichzeitig aber auch, dass man als Einsteiger, ohne Vorkenntnisse aus der Stammserie, nur halb so viel Spaß hat. Will heißen, am besten beide Reihen regelmäßig lesen. Verkehrt machen kann man dabei sicher nichts.

Jack of Fables 2: Viva Las Vegas
Panini, August 2009
148 Seiten, farbig, SC
Preis: 16,95 Euro

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Empire USA 1+2

Cover von Empire USA 1+2Empire USA ist, wie el Niño, die Doppelbandausgabe einer Serie, deren erster Band bereits in mehreren Teilen über das Comicmagazin ZACK veröffentlicht wurde. Auch hier tritt die Problematik auf, dass ZACK-Leser eine Hälfte dieses Albums schon kennen und auch schon dafür bezahlt haben.
Die Handlung spielt im Geheimdienstmilieu und dreht sich um einen geplanten Anschlag von Terroristen in den Vereinigten Staaten – also eine erstmal nicht unbedingt durch Originalität herausstechende Geschichte. Dabei ist sie allerdings in einer etwas verschobenen Welt angesiedelt. Autor Stephen Desberg erklärt die USA zu einem „Imperium“, das als Folge von Terroranschlägen die Trennung von Religion und Staat aufhebt. Die Thriller-Serie erscheint einem somit als eine Verarbeitung der Bush-Ära, was bei manchen Lesern einen etwas faden Geschmack hinterlassen könnte. Wer auf viele undurchsichtige Handlungsfäden und Mitfiebern steht, der wird hier trotzdem seinen Gefallen dran finden.

Hauptfigur ist Jared Gail, Sohn wohlhabender amerikanischer Eltern und in mehreren Gebieten wie Ägypten und dem Nahen Osten aufgewachsen. Aus Abenteuerlust ist er als junger Mann für die US-Armee im Irak tätig, um Terroristen ausfindig zu machen und zu eliminieren.

Dort erfährt er durch einen Gefangenen zum ersten Mal von der Operation „Ipcon“ – ein Attentat der Hashashins-Sekte, das auf dem Boden der USA mit amerikanischen Waffen durchgeführt werden soll. In der sechsbändigen Comicserie, dessen erstes Drittel in diesem Album vorliegt, geht es aber nicht nur darum herauszufinden, ob es Ipcon tatsächlich gibt, was erreicht werden soll und wie die Tat verhindert werden kann. Vielmehr baut Desberg ein ganzes Spannungs-Gerüst um Jared auf – von einer Geliebten, die nicht das ist, was sie vorgibt zu sein, über ein entfremdetes, fast schon feindseliges Verhältnis zur eigenen Familie bis hin zu einer geheimnisvollen Münze, die Jareds Mutter ihm nach ihrem Tod hat zukommen lassen.

Trotz all dieser Informationen ist Jared dem Leser sehr distanziert und bleibt farblos. Bei der Fülle von Informationen, die man erhält, aber nicht verknüpfen kann, bleibt dies nicht aus. Desberg wirft dem Leser nur kleine Brocken hin und ist dann schon wieder an einem anderen Schauplatz oder in einer anderen Zeitebene. Manchmal lässt er einen über einige Seiten etwas verschnaufen mit einem Handlungsstrang, bis dann wieder in wenigen Panels neue Spuren gelegt werden und munter hin- und hergesprungen wird. Dies ist zum Teil sehr spannend, zum Teil anstrengend. Auf jeden Fall wird dies eine Serie sein, die man sich nach Abschluss noch einmal durchlesen muss, um all die angefangenen Fäden verknüpfen und die angedeuteten Hintergründe verstehen zu können. Ob dies beim Abschluss der Serie zufriedenstellend gelingt, kann noch nicht gesagt werden, Zumindest bleibt es  über das Doppelalbum spannend genug, es in einem Rutsch durchzulesen. Hilfreich bei dem ganzen Gewusel ist auf jeden Fall die Zuordnung von Namen zu Gesichtern der wichtigsten Personen auf den Innenumschlagseiten. Sowieso hinterlässt die Aufmachung der ZACK Edition einen hochwertigen Eindruck.

Seite 1 aus Empire USA 1+2Die zwei hier zusammengefassten Bände unterscheiden sich etwas in der zeichnerischen Umsetzung, was aber nicht störend auffällt. Beide sind in einem ähnlichen realistischen frankobelgischen Stil gehalten, wobei mir Zeichner Griffo im ersten Band souveräner erscheint als Alain Mounier im zweiten, dessen Figuren mitunter steifer wirken. Vielleicht färben die Dialoge von Empire USA ab, die gerne mal in Richtung Melodramatik schliddern. Die Kolorierung wird sowohl mit harten als auch mit weichen Kanten durchgeführt. Die harte, klare Cellshading-Technik gefällt mir hier deutlich besser; schade, dass sie nicht konsequent angewandt wurde.

Wenn man Greg Ruckas Comic- und Buchserie Queen & Country (Comics deutsch bei Modern Tales, Rezension zu Band 8), die ja einen bewusst realistischen Eindruck des Geheimdienstgeschäfts vermitteln will, kennt, dann fällt einem schon sehr das Zurechtbiegen und Vereinfachen in Empire USA auf. Hier geht es nicht um ein Abbild von Realitäten, sondern um ein Setting, das von Desberg geschaffen wurde, um einen Thriller zu erzählen – was nichts Verwerfliches ist. Gerade auch die vom Autor beiläufig und nicht wirklich nachvollziehbar eingeführte veränderte Staatsform der USA sollte jedem Geheimdienstfan klar machen, dass er hier keine echten Hintergründe erwarten darf.

Nach 96 Seiten ist man zwar nicht schlauer, warum sich Jared umbringen will, der auf der ersten Seiten des Albums mit einem Revolver an seiner Stirn gezeigt wird und dem Leser in einer Retrospektive vom Geschehen berichtet. Aber man ist willens und leidlich gespannt, sich auch noch den Rest seiner Geschichte (zwei weitere Doppelbände) anzuhören. Dies liegt aber wahrlich nicht an der ausbaufähigen Charakterisierung der Figuren, sondern an dem Puzzlespiel, mit dem Desberg aufwartet und das die Neugier der Leser anfacht.

Empire USA 1+2
MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag (ZACK Edition), Juni 2009
Text: Stephen Desberg
Zeichnungen: Griffo, Alain Mounier
96 Seiten, farbig, Hardcover; 24,80 Euro
ISBN: 978-3937649467

Etwas wirrer und abgeschmackter, aber insgesamt spannender Thriller

einkaufswagen cc

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Abbildung Empire USA © Griffo & Desberg 2008 (Dargaud)

Coraline

 Im Jahr 2002 veröffentlichte Neil Gaiman seinen Roman Coraline, der als gruseliges Märchen für Jugendliche konzipiert war. Kürzlich war die Filmadaption dieser Geschichte in den Kinos zu sehen. Noch während dieser Film entstand, arbeitete Comiczeichner P. Craig Russell an einer Comicversion von Coraline. Sie erschien 2008 in den USA und inzwischen auch auf Deutsch. Vergleicht man die beiden Adaptionen, sind zwei – vor allem visuell – völlig unterschiedliche Geschichten entstanden.

Der Ausgangspunkt von Coraline erinnert nicht wenig an Klassiker wie Alice im Wunderland oder Der Zauberer von Oz: Ein kleines Mädchen gelangt durch ein Portal in eine Parallelwelt, die sehr anders ist als die bekannte Alltagswelt. Im Fall von Coraline ist das Portal eine Tür in einem großen, sehr alten Haus, in das sie vor kurzem mit ihren Eltern gezogen ist. Beide Eltern sind berufstätig und haben sehr wenig Zeit für das Mädchen. Einzelkind Coraline fühlt sich vernachlässigt und kämpft mit der Langeweile. Hinter der Tür jedoch wohnen die „anderen Eltern“ – scheinbar identische Ebenbilder ihrer richtigen Eltern, nur dass sie äußerst zuvorkommend sind, sich sehr um Coraline kümmern, ihr viele Wünsche erfüllen und auch noch hervorragend kochen können.

 Eins allerdings ist beunruhigend: Die „anderen Eltern“ haben keine Augen, sondern angenähte Knöpfe im Gesicht, und sie wollen, dass auch Coraline sich Knöpfe annähen lässt. Wirkt die Welt auf der anderen Seite der Tür anfangs noch wie eine verlockende Alternative, stellt sie sich schon bald als Bedrohung heraus, nicht nur für Coraline selbst, sondern auch für ihre Eltern. Das Mädchen muss nun all seinen Mut und seine Schlauheit zusammennehmen, um sich gegen die böse „andere Mutter“ durchzusetzen.

Die Kinoadaption, die von Henry Selick (Nightmare Before Christmas) als Stop-Motion-Film in 3D-Technik umgesetzt wurde, lebt vor allem von der visuellen Umsetzung; der Film ist ein wahres Fest der Formen und Farben, spielt verschwenderisch mit visuellen Ideen und überwältigt den Zuschauer immer wieder mit eindrucksvollen Bildern.

Im Vergleich zu dem Film wirkt P. Craig Russells Comic auf den ersten Blick geradezu trist. Die Farben sind blass, Umwelt und Figuren sind realistisch gezeichnet (während das Character Design des Films auf knuffige oder groteske Karikaturen setzt), detaillierte Hintergründe werden nur sehr selten und sparsam eingesetzt. Doch Russell versteht es, aus seiner eher kargen Grafik das Beste herauszuholen: sein Storytelling, die Art und Weise, wie er den Leser an die Hand nimmt und durch die Geschichte führt, funktioniert hervorragend. Nach wenigen Seiten ist man „drin“ in der Handlung und lässt sich von ihr mitnehmen.

 Wie bereits angedeutet, hat Gaimans Märchen nicht zu übersehende düstere und schaurige Aspekte – für sehr kleine Kinder ist Coraline daher wohl nicht geeignet. Für den Comic gilt dies noch mehr als für die Verfilmung. Durch den Verzicht auf alles Niedliche oder Heimelige ist Russells Coraline-Version die beklemmendere. Bei ihm sehen die knopfäugigen Eltern noch eine Ecke unangenehmer aus als im Film und die Atmosphäre ist eine deutlich kühlere.

So ist Coraline ein sehr schönes Beispiel dafür, wie verschieden sich literarische Vorlagen umsetzen lassen. Die Story von Neil Gaiman hat genug Potential, dass sich ihre Magie auf ganz unterschiedliche Weise transportieren lässt. Beide Adaptionen sind – jede auf ihre eigene Art – gelungen und sehens- bzw. lesenswert.

Coraline
Panini Comics, Februar
2009
Nach dem Roman von Neil Gaiman
Adaption und Zeichnungen: P. Craig Russell
Softcover; 200 Seiten; farbig; 19,95 Euro
ISBN: 978-3-86607-819-2

Auch als Hardcover für 29,95 Euro erhältlich

Grafisch etwas karge, trotzdem gelungene Comic-Umsetzung

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Abbildungen: © Panini Comics

Sandman präsentiert: Thessaly

 Thessaly sieht aus wie eine spießige Teenagerin, in Wahrheit ist sie jedoch die mächtigste Hexe der Welt. Und als letzte der thessalischen Hexen lebt sie unbemerkt mitten unter uns. Nur der Anschlag auf ihr Leben, der von vereinten Göttern auf sie verübt wird, lässt sie ihre wahre Natur nach außen kehren. Zusammen mit dem charmanten Geist namens Fetch begibt sie sich auf Rachefeldzug und ins Reich der Magie.

Der Charakter ist bekannt aus der Serie Sandman von Neil Gaiman, hier erleben wir die Hexe also in ihrer eigenen vierteiligen Miniserie, die sich völlig unabhängig von der Stammserie liest, aber eben innerhalb des Sandman-Kosmos spielt. Autor Bill Willingham und Zeichner Shawn McManus liefern mit der im Original bereits 2002 veröffentlichen Serie solide Fantasykost ab und spielen gekonnt mit den unzähligen, übernatürlichen Wesen. Optisch liegt der Band nahe an Vertigos Fables (das ja passenderweise auch aus Wilinghams Feder stammt), inhaltlich rangiert das Werk zwischen Fables und Sandman, ohne aber qualitativ einem von beiden gerecht zu werden. Fazit: Thessalys Abenteuer liest sich für zwischendurch ganz nett, viel zu verpassen gibt es aber dabei auch nicht.

Sandman präsentiert: Thessaly – Die Hexe lässt das Morden nicht
Panini, August 2009
100 Seiten, farbig, SC
Preis: 14,95 Euro

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