Rezensionen

X’ed Out (US)

Nach seinem Erfolg mit Black Hole ist es still geworden um Charles Burns. Obgleich er jeden Monat das Cover für The Believer zeichnet und seine dämonischen Chiaroscurro-Visionen in dem Animationsfilm Peur(s) du noir das Laufen gelernt haben, konnte man seit längerem keine zusammenhängende Geschichte mehr vom Amerikaner lesen. Mit X’ed Out meldet er sich ebenso fulminant wie mysteriös zurück.

Recht schmal ist X’ed Out, der erste Band der angekündigten Trilogie von Charles Burns. Ungewohnt wirkt auch das französische Alben-Format. Das Cover lässt erste Rückschlüsse auf die Wahl der Erscheinungsform und die Länge zu: Auf selbigem prangt ein riesengroßes rot-weiß-gesprenkeltes Ei inmitten einer postapokalyptischen Szenerie. Ein Ei, das durch seine Dimensionen und Farbgebung in Comickreisen als direkte Anspielung auf einen Pilz fungiert. Ein solcher Pilz spielt seine Rolle in Tim und Struppi und der geheimnisvolle Stern.

Eine 56seitige Hommage also, an den Großmeister der Ligne Claire, Hergé, und den frankobelgischen Comic? Auch wenn Burns die Ligne Claire für seine Zwecke verwendet, so stehen seine klaren Linien doch im Widerspruch zu den Dingen, die dort abgebildet werden: unterirdische Ströme, Menschen mit Masken, Gedärme, Alptraumvisionen – Hintergründiges. Burns stellt dem Begriff Klarheit, der sich auf die Darstellungsebene bezieht, eine fragmentierte Handlung gegenüber, die an William Burroughs‘ (Naked Lunch) cut-up-Technik erinnert.

Der PrologIn einer Art Prolog tritt der Tim’sche Protagonist Doug, gekennzeichnet durch die stereotype Haartolle, hinter die Fassade der oberflächlichen Strukturen. Die Geschichte beginnt mit einem schmalen schwarzen Panel, das keinerlei Deutung zulässt, nur um im nächsten Bild von Konturen des Helden negiert zu werden. Noch bevor Doug aber wirklich erwacht, wird die ganze Geschichte durch den Erzähler selbst als unsichere Erzählung deklariert. „This is the only part I’ll remember“ hört man eine Stimme aus dem Off. Langsam erwacht der Held in einem Bett, in einem Zimmer, das ihm fremd vorkommt. Am Ende des Raumes: ein schwarzes Loch und eine schwarze Katze.

Drei Seiten braucht Doug, um durch das Loch in der Wand zu steigen und einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Die Bilder sind in X’ed Out, trotz der begrenzten Seitenzahl, nicht dem strengen Joch des Plots untergeordnet – die Handlung muss nicht vorangetrieben werden. Selbst in so einem schmalen Band wie X’ed Out nimmt sich Burns den Luxus, seinen Helden nicht so schnell wie möglich von Punkt A nach Punkt B zu bringen.

Fragmentierte HandlungDas soll nicht heißten, dass sich im Comic keine Geschichte entfaltet. Doch diese Handlung folgt keinen Konventionen. Vergleichen lässt sich X’ed Out am ehesten mit dem absurden Theater von Samuel Beckett. Die Figuren stehen auf der Bühne und warten auf Regieanweisungen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Doch es kommen keine Anweisungen. Wie in Warten auf Godot darf der Blick nicht auf das Ende gerichtet werden, sondern muss auf dem Prozess verharren. Eine Auflösung der zerstückelten Handlung im letzten Teil der Trilogie zu suchen, würde keinen Sinn ergeben, denn Burns lenkt die Aufmerksamkeit – mit der Loslösung von der Fixierung auf dem Plot – auf die Erzählformen, die ein Comic zu bieten hat. Er entschleunigt die Sucht nach dem nächsten Bild und bietet Freiraum, über die Form zu sinnieren.

X’ed Out ist ein perfides Amalgam aus Hergé, Salvador Dalí und Dadaismus. Neben den fragmentierten Traumsequenzen wirkt die Wirklichkeit im Comic unstetig. Was ist überhaupt Wirklichkeit? Eine strenge Ligne Claire paart sich mit einem fabulierenden Symbolismus. Im ersten Teil von Burns‘ Trilogie gibt es keine fixen Aussagen. Der gesamte Comic präzisiert auf wunderbare Weise etwas Ungreifbares, Undefinierbares, einen Freiraum zwischen den Freiräumen der Panels, der zur weiterführenden Mitarbeit des Lesers einlädt. Kurz: Ein Stück Comicliteratur.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Ein notwendiger Schritt für die Erzählform Comic – auch wenn die Richtung ungewiss ist.


X’ed Out
Pantheon Books, 2010
Text und Zeichnungen: Charles Burns
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-307-37913-9

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Abbildungen © Charles Burns, Pantheon Books