Rezensionen

Wanted (US)


Mark Millar legt in Wanted einen wirklich netten Start hin. Zugegeben, da schwingt ein große Prise Fight Club mit, wenn Wesley Gibson uns seine erbärmliche White-Collar-Existenz mit all den Schwierigkeiten und Problemen des täglichen Lebens vorstellt, ehe er in die Welt der Superschurkerei eingeführt wird und sein altes Dasein hinter sich lassen kann. Aber das ist ja nichts Schlimmes, immerhin war Fight Club ein ziemlich guter Film und ein ebenso gutes Buch.
Das Problem ist nur, da wo Chuck Palahniuk in Fight Club konstant interessante Ideen mit Gesellschaftskritik und Charakterkonflikten verband, da fällt Millar schnell auf eine altbekannte Geschichte und viel pubertäres Machogehabe zurück.

Dabei könnte der Comic so gut funktionieren, die ersten anderthalb Ausgaben machen Lust auf mehr und werfen eine interessante Frage auf: Wie reagiert der durchschnittliche weiße Milchtoast, wenn er auf einmal mehr Macht erhält, als er sich je hätte vorstellen können?

Genau das passiert Wesley nämlich, wenn er seines Vaters Erbe als „The Killer“ antritt und damit Teil der geheimen Superschurkenkabbale wird, die die Welt beherrscht. Wesley erhält die Möglichkeit all das zu tun, was er auf einem reinem Instinktlevel schon immer gewollt hat. Er kann sein eigenes „Es“ die Kontrolle übernehmen lassen und das „Ich“ und „Über-Ich“ komplett ausblenden.

Schade nur, dass Millar diesen Aspekt seiner Geschichte ab der Mitte der zweiten Ausgabe komplett ignoriert. Wesley funktioniert als Hauptcharakter einfach nicht. Sicher, Millar erzählt uns, dass Wesley von seinem bisherigen Leben „befreit“ wird… aber tatsächlich zeigt er dieselbe Antriebslosigkeit, die er auch schon in seinem alten Leben hatte. Ob er sich nun vorher von seiner Chefin den Kopf waschen lässt oder ob ihm nun eine Superschurkin sagt, wie er sich zu verhalten hat, macht keinen so großen Unterschied. Wesley ist in Wanted nie jemand, der aktiv über sein Schicksal nachdenkt oder es wirklich aktiv beeinflusst.

Wesley funktioniert aber auch aus einem anderen Grund nicht: Es mangelt in Wanted an Konflikten. Fight Club war nicht nur eine Geschichte darüber, wie der namenlose Protagonist durch Tyler Durdens Führung plötzlich ein fieser Arschtreter wurde. Fight Club lebte auch davon, dass er an einem bestimmten Punkt begann, seine eigene und Tylers Motivation zu hinterfragen. Diesen Punkt erreicht Wesley nie. Wesley wird vom verklemmten Büromenschen zum kaltblütigen Massenmörder und Serienvergewaltiger, ohne mit der Wimper zu zucken.

Ich fordere ja gar nicht, dass Millar hier moralisiert und Wesley dieses Leben ablehnt. Aber es ist erzählerisch etwas dürftig, wenn die Wandlung gerade mal drei Seiten einnimmt. Wesley wird vermöbelt, tötet seine Emotionen durch das Arbeiten in einem Schlachthof und das Schießen auf Leichen ab und wird nebenbei noch sexuell enthemmt. Oder anders: Wesleys gesamte bisherige Persönlichkeit wird ausgetauscht. Und für etwas derart Relevantes sollte Millar doch etwas mehr Platz finden als drei Seiten. Oder zumindest sollte sich Wesley auf diesen drei Seiten ein paar Gedanken über das, was ihm passiert, machen. Tut er aber nicht.

Einmal denkt Wesley sogar für zwei oder drei Panels darüber nach, dass er jetzt alles tun kann, was er will und er sich trotzdem etwas leer fühlt, aber das war es schon. Ich habe bei Sleeper kritisiert, dass die Szenen, in denen die Figur ihre Handlungen hinterfragt, zu kurz kommen. Aber zumindest ist Sleepers Holden Carver ein halbwegs interessanter, weil konfliktbeladener Charakter. Wesley ist einfach ein leeres Blatt ohne jede Reflexionsfähigkeit.
Sicher, das macht ihn zu einer tollen Identifikationsfigur für jeden, der sich schon immer mal die Macht gewünscht hat, es wirklich allen zu zeigen und alles zu tun, was er will (und das dürfte die Mehrheit von uns sein). Nur, das gilt auch für die Hauptfigur in GTA III und die hat eine ähnliche Tiefe wie Wesley. Da kann Wesley noch so sehr aussehen wie Eminem, das macht ihn nicht zu einem Charakter, an dem ich Interesse habe.

Da Wesley den Comic alleine nicht trägt, führt Millar mit Ausgabe drei eine Art Bandenkrieg innerhalb der Superschurkenriege ein und die alteingesessenen Bösen sind tatsächlich um einiges interessanter als Wesley. Nur leider ist dieser Machtkampf-in-der-Unterwelt-Plot als solches auch nicht gerade kreativ – das haben Der Pate und Konsorten um einiges eleganter gehandhabt. Er ist kompetent geschrieben, aber dies hätte auch eine weitere Superschurken-Miniserie für Marvel oder DC sein können. Er ist einfach nichts Besonderes.

Diskutieren kann man auch über den Stil, den Millar gewählt hat. Wenn das hier wirklich die Art Geschichte ist, die Millar seit seiner Jugend schon immer erzählen wollte, wie er im Nachwort schreibt, dann hätte ihr vielleicht etwas mehr „Ernsthaftigkeit“ gut getan. Dass Millar das beherrscht, zeigt er ja in The Ultimates zur Genüge. Wanted hingegen wirkt oft einfach nur pubertär. Selbst wenn man das total überzogene Fluchen ausblendet (und eine ordentliche Dosis Fluchen schadet ja nicht, aber wenn es South Park-Niveau annimmt, dann hat man irgendwo einen Fehler gemacht), dann bleiben da noch die „Hommagen“ oder „Parodien“ auf populäre Superschurken.

Etwa Clayface, der hier Shit-Head heißt und aus dem Kot der 666 bösesten Menschen der Erde besteht. Hohum. Oder wie wäre es mit Bizarro, hier Fuckwit genannt und grob beschrieben als Superman mit Down-Syndrom. Und wem das immer noch nicht reicht, die Wanted-Version des Bauchredners wird nicht von einer Puppe, sondern von seinem sprechenden Penis kontrolliert. Millars Major Opus liegt damit humoristisch auf dem Niveau, das Garth Ennis immer dann erreicht, wenn er gerade nicht wirklich motiviert ist, sich Mühe zu geben.

Wenn ich mit Wanted überhart ins Gericht gehe, dann nur, weil Millar hier jede Menge Potenzial wegschmeißt und statt seines angekündigten „Watchmen for villains“ einfach nur eine weitere ziemlich typische Superschurkengeschichte erzählt. Eine mit handwerklichen Fehlern zudem; die Auflösung scheint zunächst dem bisher Geschehenen zu widersprechen, da Millar es versäumt hat, eine Szene klar auszuzeichnen als: „Muss so nicht passiert sein, ist nur eine bebilderte Geschichte, die jemand anders erzählt!“

Am Ende bleibt ein Comic, der nicht viel mehr ist als eine belanglose Hasstirade des sich unterdrückt fühlenden weißen Mittelstandes, die sich gegen die Gesellschaft und die angebliche Diktatur durch jedwede Form von Moral und Konvention richtet, aber dabei niemals in der Lage ist, sich selber zu hinterfragen. Vielleicht macht gerade das Wesley zu einem so langweiligen Charakter.

Das, und der Umstand, dass Wanted so hart probiert, seine „street credibility“ unter Beweis zu stellen und dabei einfach nur lächerlich wirkt. Ein bisschen wie die Zahnarztsöhne, die aus der gutbürgerlichen Vorstadt von Möchengladbach kommen, aber reden und sich aufführen, als wären sie mit 50 Cent im Ghetto großgeworden. Genau so kommt Wanted rüber. Diese Zielgruppe dürfte der Comic mit all dem „töten, wen ich schon immer töten und vergewaltigen, wen ich schon immer vergewaltigen wollte“ wirklich mögen. Wer darüber hinaus ist, braucht Wanted nicht wirklich.

Positiv ist anzumerken, dass JG Jones' Artwork wirklich hübsch ist und die Stimmung sehr gut trägt. Außerdem sehen seine Actionsequenzen verdammt schick und mitreißend aus. Positiv ist auch, dass das Paperback tonnenweise Bonusmaterial zu bieten hat. Sketches, ein Blick hinter die Kulissen, alternative Cover, Zeichnungen von anderen Künstlern. Schade nur, dass auch hier deutlich wird, dass Wanted primär pubertär sein will.

Auf der Rückseite wirbt man damit, dass der Wizard den Comic für seine „colorful characters and the sharpest dialogue around“ lobt. Wenn man überlegt, dass das die gleiche Publikation ist, die Körperfunktionswitze für die höchste Form jedweder Komik hält, dann sagt das eigentlich alles, was man über Wanted wissen müsste.
Wanted
Top Cow (dt. bei Infinity)
192 Seiten, Softcover, farbig, 19 Euro
ISBN: 1-52840-497-6
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zwei zufriedenere Comicgate-Rezensionen der deutschen Ausgabe findet man hier und hier