Rezensionen

S.H.I.E.L.D. – Architects of Forever (US)

Cover S.H.I.E.L.D. – Architects of ForeverS.H.I.E.L.D. – Architects of Forever sieht umwerfend aus. Einfach nur umwerfend.

Was Zeichner Dustin Weaver und seine Koloristin Christina Strain hier auf die Seiten zaubern, gehört zum allerbesten, Was ich seit Jahren in Superheldencomics gesehen habe. Wir reden hier von einem Niveau, das es mit Bryan Hitchs Zeichnungen in The Authority und The Ultimates aufnehmen kann und das nur marginal weniger grandios ist als das Artwork von John Cassaday in Planetary. Von riesigen Celestials im Alten China über Steampunkmaschinerie und ausladende Doppelseiten, auf denen futuristische Ruinen oder unterirdische Städte dargestellt werden, bis hin zu Galactus im Rom des 16. Jahrhunderts und Leonardo da Vinci, der als Astronaut die Sonne inspiziert – das alles bringt Weaver so gekonnt aufs Papier, dass es ein Augenschmaus ist. Und dass er nebenbei auch noch groteske Monster oder bedrohliche Aliens entwerfen und Actionszenen Dynamik sowie Gesichtern Ausdruck verleihen kann, rundet den hervorragenden Gesamteindruck nur ab. (Einzige Erbsenzählerei: Das Monumento Vittorio Emanuele II sollte im Rom des Jahres 1582, also rund 250 Jahre vor der Geburt Viktor Emanuels II., ganz eindeutig noch nicht zu sehen sein.) Wenn man also Architects of Forever zu kaufen gedenkt, dann sollte man die paar Euro mehr ausgeben und zum überformatigen Hardcover greifen, in dem Weavers epische Zeichnungen erst so richtig zur Geltung kommen.

Seite aus S.H.I.E.L.D. – Architects of ForeverLeider kann ich meine Begeisterung für Dustin Weavers Handwerkskunst nicht auf Jonathan Hickmans Skript übertragen. Hickman erzählt die Geheimgeschichte des Marvel-Universums und interpretiert dabei S.H.I.E.L.D. als einen Geheimbund, der gegründet wurde, als Imhotep im dynastischen Ägypten eine Invasion außerirdischer Käfer abwehrte und in dem seither regelmäßig der Geschichte größte Männer (die Frauenquote des Comics ist eher gering) die Welt vor kosmischen Bedrohungen bewahrt haben. Das ist als Idee nicht mehr ganz so unverbraucht, wie es noch vor ein paar Jahren war (Matt Fractions Five Fists of Science kommt mir in den Sinn und wird von Hickman auch im Comic referenziert), aber es ist trotzdem ein Spielbrett, auf dem sich ein guter Autor richtig schön austoben kann. Tim Powers hat schließlich seine ganze Karriere auf Romanen dieser Art begründet.

Das Problem ist, dass Hickmans Geschichte völlig überwältigt wird von der epischen Breite seiner Vision und dem Bedürfnis, eine eigene Philosophie und Kosmologie in diesem Rahmen zu verbreiten. Hickman tappt in jene Falle, die Erzählungen dieser Art oft mit sich bringen: Statt seinen Figuren eine ordentliche Charakterisierung zu verpassen, verlässt er sich darauf, dass man ja weiß, wer Leonardo, Newton oder Nostradamus ist. Damit scheint es für ihn auch akzeptabel, einfach dutzende Figuren in kurzer Folge auf den Leser loszulassen. Aber auch die Figuren, die er eigens für diese Geschichte einführt, bleiben blass und persönlichkeitslos.

Seite aus S.H.I.E.L.D. – Architects of ForeverDas zweite Problem ist Hickmans Bedürfnis, dem Leser seine Gnosis für das Marvel-Universum vorzustellen und ihn in einen philosophischen Zwiespalt zwischen Newtons Determinismus und Leonardos Idee der Grenzenlosigkeit des menschlichen Potentials einzubinden. Beides ist einfach längst nicht so spannend und interessant wie Hickman zu denken scheint. Ein ordentlicher Plot, der sich etwas weniger gemächlich voranbewegt, würde dem Comic gut zu Gesicht stehen. Stattdessen verkommt Architects of Forever viel zu oft zu einem Traktat mit überfrachteten Captions.

Dabei bietet die Story selbst viele Möglichkeiten: Hickman schafft es immer mal wieder, tolle Ideen in seine Geschichte einzuweben. Dass Papst Gregor den gregorianischen Kalender einführte, um jene zehn Tage, in denen Galactus Rom in Schutt und Asche legte, aus dem kollektiven Gedächtnis zu streichen, ist ein Musterbeispiel dafür, wie gut Architects of Forever in den besseren Momenten funktioniert. Es sind solche Ideen, ein paar der epischen Szenen und vor allem die Zeichnungen Dustin Weavers, die mich in Architects of Forever in Atem halten. Die Faszination des Comics basiert auf der Frage, welche Momente der frühen Marvel-Geschichte uns Hickman noch in einem neuen Licht präsentieren und welche grandiosen Zeichnungen uns Weaver noch kredenzen wird. Es ist leider nicht das Interesse an der Geschichte selbst oder an den vorgestellten Figuren, die mich für den zweiten Band zurückholen wird.

Insofern ist Architects of Forever leider nur das bestaussehende Mittelmaß der letzten zehn Jahre.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Großartige Zeichnungen, hochinteressante Ausgangsidee, mittelmäßige Story


S.H.I.E.L.D. – Architects of Forever
Marvel Comics, Mai 2011
Text: Jonathan Hickman
Zeichnungen: Dustin Weaver
192 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,99 US-Dollar
ISBN: 978-0785148944
Leseprobe

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Abbildungen: © Marvel Comics