Rezensionen

Patchwork

Das Cover von Katharina Greves PatchworkDie Architektin Katharina Greve legt mit Patchwork ihren zweiten Comic vor. Ihr Debüt Ein Mann geht an die Ecke, ausgezeichnet mit dem ICOM Independent-Comic-Preis 2010 in der Kategorie „Herausragendes Artwork“, erschien noch im kleinen Comicverlag Die Biblyothek, Patchwork nun beim Gütersloher Verlagshaus, das zu Random House und damit zu Bertelsmann gehört. Also eins der aktuellen Beispiele, bei denen Buchverlage im „hippen“ Bereich der Graphic Novels mitspielen wollen und dabei schon einige Veröffentlichungen vorweisen kann, z. B. Bonhoeffer von Moritz Stetter. Frauke und Thomas unterhielten sich per Chat über diesen Comic.

 

Frauke: Katharinas Stil zeichnet sich durch sehr klare Linien und schnörkellose, sparsame Hintergründe aus. Hier geht es nur um das Nötigste. Mir scheinen die Zeichnungen Mittel zum Zweck des Erzählens einer Geschichte zu sein, einen Bedarf an künstlerischer Entfaltung scheint die Künstlerin nicht zu haben. Dies wird vermutlich ihrem erlernten Beruf geschuldet sein. Hast Du auch den Eindruck, dass die Erzählung sehr präsent im Vordergrund stehen soll?

 

Thomas: Einspruch! Ich stimme dir insofern zu, dass die Erzählung im Vordergrund steht und es der Künstlerin wohl nicht darum geht, den Leser mit besonders ausgefeiltem Artwork zu beeindrucken (und damit eventuell von der Geschichte abzulenken). Aber: Dass Katharina Greve keinen Bedarf an künstlerischer Entfaltung sieht, würde ich ganz entschieden verneinen. Im Gegenteil denke ich eher, dass genau dieser Stil, diese klar erkennbare Handschrift eben ihre Form des künstlerischen Ausdrucks ist und sie sehr genau weiß, was sie da tut.

 

Frauke: Das will ich ihr sicher nicht absprechen – dass sie weiß, was sie tut, davon bin auch ich überzeugt. Aber eben nicht verspielt mit künstlerischem Ausprobieren, sondern immer mit einem klaren Ziel vor Augen.

 

Beispielseite aus Katharina Greves Comic PatchworkThomas: Okay. Dann lass uns doch erstmal über den Inhalt reden, und vielleicht kommen wir später nochmal zur Form.

Im Zentrum von Patchwork steht die Wissenschaftlerin Linda Waldbeck, die eine Topkraft auf dem Gebiet der Transplantationschirurgie ist. Aus diversen Einzelteilen verschiedenster Lebewesen erschafft sie wilde Chimären, zum Beispiel ein Häschen mit Schweinerüssel und dem Schwanz einer Schlange. Als sie irgendwann feststellt, dass sie langsam zu alt ist, um noch Kinder zu bekommen, baut sie sich im Labor einfach selbst welche. Damit beginnt eine ziemlich turbulente Geschichte, in der die Hauptfigur in den Untergrund abtauchen muss und sowohl von der Presse als auch von einer zwielichtigen Firma verfolgt wird.

 

Frauke: Ich sag’s direkt hinaus: Ein Mann geht an die Decke hat mir besser gefallen. Es erschien mir strukturierter, runder, phantasievoller. In Patchwork kommen sehr viele Klischees zum Einsatz wie die arbeitswütige Wissenschaftlerin, die irgendwann vor lauter Forschungsprojekten zu spät merkt, dass sie doch noch Kinder will. Oder die (Horror-)Vorstellung, dass man einfach mal so Teile verschiedenen Tieren und Menschen zusammenbasteln kann. Natürlich hat Ein Mann geht an die Decke auch ein unrealistisches Leitmotiv (die Aufhebung der Schwerkraft), aber in sich war das für mich stimmig und hat funktioniert.

 

Thomas: Den direkten Vergleich habe ich nicht, weil ich Ein Mann geht an die Decke nicht gelesen habe. Du hast natürlich recht: Patchwork ist voll von Klischees, jede einzelne Figur ist ein Klischee, vom Boulevardreporter über den griesgrämigen Nachbarn bis zum bösen Industrieboss. Das ist aber gewollt – in meinen Augen ist die Charakterisierung der Figuren eben genauso klar und reduziert, so flächig und frei von Schattierungen wie die Zeichnungen. Was daraus entsteht, ist keine Geschichte, die besonders spannend ist oder bei der man mit den Figuren mitleidet oder mitfiebert. Ich sehe Patchwork eher als satirisches Panoptikum, in dem – wenn man sich von der reinen Handlung löst – eine Menge drinsteckt.

 

Frauke: Was denn zum Beispiel? Was ich sehe: Bemühte Gesellschaftskritik, dass man Andersartige nicht ausgrenzen soll, weil sie genauso liebevoll und liebesbedürftig sind wie die „Normalos“. Wobei dieser Ansatz zusätzlich das Problem hat, dass einem die Figuren nicht nahekommen, wie Du es auch schon angedeutet hast. Ich habe das Gefühl, dass ich weiß, wohin die Künstlerin will, sie erreicht mich aber nicht.

 

Thomas: Es werden ja verschiedene aktuelle Themen und Debatten aufgegriffen: Familienpolitik, die Frage „Wie weit darf die Wissenschaft gehen?“, Exzesse in der Medienlandschaft, Fremdenfeindlichkeit. Diese schweren Themen in eine leichte, unterhaltsame, teilweise auch niedliche Form zu packen, ist schon eine Leistung. Ich gebe dir allerdings Recht in dem Punkt, dass die Kernaussage, die alte Life-of-Brian-Message „Wir sind alle Individuen“, ein wenig zu plump und simpel daherkommt.

 

Frauke: Diese Punkte werden für sich genommen in irgendeiner Art und Weise angesprochen, ja; wobei Familienpolitik meiner Meinung nach nicht wirklich dabei ist. Frau Dr. Waldbeck stand eben nicht vor der Entscheidung „Kind oder Karriere“; sie hat einfach durchgeackert, weil ihr Wissenschaft so viel Spaß macht (wofür und warum, wird übrigens nicht erwähnt). Der Wunsch nach Familie wird ja erst eher zufällig durch einen Brief erweckt. Das ist mir alles zu vereinfacht dargestellt, zu 0 oder 1. Was Du als Stilmittel siehst, ist mir zu oberflächlich, zu leicht verdaulich.

 

Thomas: Ich finde schon, dass da die aktuelle Familien-/Geschlechter-/Gleichstellungsdebatte mit drinsteckt, wenn auch nicht so offensichtlich (was ja nichts Schlechtes sein muss, im Gegenteil). Man muss einfach nur mal überlegen, ob die Geschichte genauso funktionieren würde, wenn Dr. Waldbeck ein Mann wäre. Ich glaube nämlich nicht.

 

Beispielseite aus Katharina Greves Comic PatchworkFrauke: Ich verstehe nicht so ganz, worauf Du hier hinaus willst: Dass Frauen eben doch keine Männer sind, weil viele von ihnen irgendwann doch noch vom Urinstinkt gepackt werden (in diesem Fall, ich schreibe es nochmal, nicht durch ein langsam aufkeimendes Bedürfnis, sondern durch einen Brief hervorgerufen)? Das bestreitet aber doch niemand, oder?

 

Thomas: Vom Urinstinkt hab ich keine Ahnung, der interessiert mich hier gar nicht. Ich meine eher das Stichwort „biologische Uhr“. Die Frau macht solange Karriere, bis „natürliche Fortpflanzung“ nicht mehr möglich ist und greift dann zu extremen Maßnahmen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Bei einem Mann wäre das anders, der könnte einfach sagen „Ich suche mir ’ne Jüngere“. Dazu kommt noch, dass nach dem klassischen Rollenbild Karriere UND Kinder für Männer gar kein Problem ist, für Frauen aber schon. Ich will das nicht ausufernd diskutieren, aber für mich ist das ein gesellschaftlich relevantes Thema, das in Patchwork ganz deutlich drinsteckt. 

 

Frauke: Ach so, Dir geht es um die echten biologischen Unterschiede, jetzt hab ich’s verstanden. Zu Deinem letzten Punkt bezüglich Karriere und Kinder: Wie gesagt, das wird meiner Meinung nach hier nicht thematisiert, weil sie nicht in dieser Klemme steckt. Undzu der Frage „Wie weit darf die Wissenschaft gehen?“ sehe ich keinen kritischen Diskurs in dieser Geschichte, sondern das Aufgreifen des Frankenstein-Themas – wirkliche Grenzen oder mögliche Auswirkungen werden nicht andiskutiert.

 

Thomas: Natürlich gibt es hier keinen kritischen Diskurs zu diesen Themen. Eher ein spielerisches Aufgreifen aktueller Themen, die zur Zeit auf der Straße liegen, die Greve satirisch überspitzt, zu einer (nicht sonderlich überzeugenden) Geschichte verknüpft und mit viel Augenzwinkern garniert. Und genau dieses Augenzwinkern, diese kleinen Feinheiten, die da immer wieder durchschimmern, das ist das, was mir an Patchwork wirklich gut gefällt. Zum Beispiel mochte ich die beiden Typen recht gerne, die beide (meistens in schönen Parallelmontagen) auf der Suche nach der untergetauchten Frau Waldbeck sind: der Boulevardreporter und der Handlanger des bösen Industriellen. Beides total frustrierte Angestellte, die völlig unzufrieden mit ihrem Job sind und von einem ganz anderen Leben träumen. Oder die skurille kleine Liebesgeschichte zwischen dem Professor und seiner Zimmerpalme. Die kleinen Einzelteile überzeugen mich mehr als das große Ganze.

 

Frauke: Da bin ich mit Dir einer Meinung, diese kleinen Spielereien wussten mich auch zu überzeugen. So gefiel mir besonders gut die erste Seite, bei der Szenen aus der zweiten Hälfte des Comics vorweggenommen wurden. Sie stellten die Hauptfiguren vor, machten neugierig, verrieten aber nichts.

 

Thomas: Ja, formal und strukturell sind hier einige wirklich schöne Ideen drin. Der von dir angesprochene Prolog ist so eine. Da sieht man auf Seite 1 die wichtigsten Protagonisten ganz kurz vor dem großen Höhepunkt der Geschichte, dann wird zurückgespult und erzählt, wie es zu diesem Moment kommt. Und wenn wir schließlich an dieser Stelle ankommen, macht es Bumm. Im wörtlichen Sinne. Gut gefällt mir auch der Einsatz der Farben, die immer nur ganz punktuell, aber sehr effektiv in dem ansonsten schwarz-weißen Comic auftauchen.

 

Frauke: Guter Punkt, die akzentuiert eingesetzten, plakativen Farben wollte ich auch noch erwähnen. Die fand ich zwar nicht nötig für die Erzählung, aber sehr ansprechend.

Auch wenn sich das nach meinem ganzen Gemecker nicht so anhört: Ich mag Katharina Greves ungewöhnlichen, klaren Stil, ihr Interesse an sozialen Themen und an Gesellschaftskritik. Meiner Einschätzung nach hätte dieser Comic aber viel mehr Potenzial gehabt. Mehr Schwung in der Geschichte, weniger Längen in einigen Abschnitten, weniger Klischees, mehr Tiefe. So, wie er geworden ist, ist er mir zu oberflächlich und belanglos geraten.

 

Thomas: Mir gefällt der Comic insgesamt ziemlich gut, aber wie gesagt vor allem in den kleinen Einzelteilen und nicht so sehr als Gesamtwerk. Das Buch kommt ja aus einem traditionsreichen christlichen Verlag, der ein bestimmtes Weltbild verkaufen möchte (siehe hier),und in Teilen kann man Patchwork tatsächlich als klassische Wertevermittlung lesen – dann aber dringen immer wieder sehr schöne, schräge Momente durch, die verhindern, dass das Buch ein einziger erhobener Zeigefinger ist. Das gilt besonders für den Schluss, nach dem großen Knall, wo es noch ein hübsches, nicht ganz unblutiges Experiment zu bestaunen gibt. „Patchwork“ passt also als Titel hervorragend – vielleicht sogar besser, als es Verlag und Autorin geplant haben.

 


Wertung
:

Thomas: 7 von 10 Punkten

Frauke:  5 von 10 Punkten


Patchwork
Gütersloher Verlagshaus, September 2011
Text und Zeichnungen: Katharina Greve
80 Seiten, schwarz-weiß und farbig, Softcover
Preis: 14,99 Euro
ISBN: 978-3-579-07053-7
Leseprobe auf der Verlagsseite  

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!


Abbildungen ©
Gütersloher Verlagshaus, Katharina Greve