Rezensionen

Meine Beschneidung

Riad ist acht Jahre alt, lebt in Syrien und möchte gerne ein cimmerischer Krieger sein, so wie Conan der Barbar. Beim gemeinsamen Pinkeln stellt er fest, dass sein Pimmel anders aussieht als die seiner Cousins. Denn, so wird es ihm erklärt: „Du hast nicht wie wir das Rad der Schmerzen ertragen.“ Dies soll sich aber bald ändern, denn Riads Vater eröffnet ihm, dass auch er bald beschnitten werden soll. Was so eine Beschneidung genau ist, was dabei passiert und welchen Zweck sie erfüllen soll, erfährt Riad allerdings nicht. Er muss es sich also selbst zusammenreimen.

Meine Beschneidung ist der erste Comic des arabischstämmigen Franzosen Riad Sattouf, der auf Deutsch erscheint. Zuvor konnte man mit ihm im Kino Bekanntschaft machen: Für die Pubertäts-Komödie Jungs bleiben Jungs, der letzten Sommer lief, war Sattouf als Regisseur und Co-Autor verantwortlich. Im vorliegenden Comic, konsequent aus der Sicht eines kleinen Jungen erzählt, geht es zwar im Vordergrund um das Initiationsritual der Beschneidung, um die Ungewissheit und Ängste im Vorfeld, und schließlich auch um das Ereignis selbst. Doch letztlich dient die Beschneidung vor allem als Aufhänger, um aus dem Lebensalltag eines Kindes zu berichten, das im Nahen Osten aufwächst.

Dieser Alltag zeichnet sich unter anderem durch die völlige Abwesenheit von Frauen aus. Im gesamten Buch tritt nicht eine weibliche Person auf. Er ist außerdem geprägt von strenger Erziehung durch Eltern und Lehrer. Anstatt menschlicher Erziehung und guter Bildung gibt es in der Schule Prügel und antisemitische Propaganda. Hinter den scheinbar harmlosen Episoden, dem humoristischen Tonfall und den sehr naiv und simpel gestalteten Bildern (Sattouf verzichtet fast vollständig auf Hintergründe) verbirgt sich eine sehr ernst gemeinte, ätzende Systemkritik. Folgt man dem Autor, dann wird Kindern im Nahen Osten ein völlig falsches Weltbild vermittelt, Aufklärung findet nicht statt. Wenn der kleine, blonde Riad voller Angst an seine Beschneidung denkt, dann tröstet ihn nur die Aussicht, dass ihn anschließend keiner mehr für einen Israeli halten kann. Als er später schließlich erfährt, dass auch Israelis beschnitten werden, bricht für in eine Welt zusammen. Trotz der durchstandenen Qualen bleibt er der Außenseiter, der er zuvor schon war.

Durch die (ziemlich sicher autobiographisch geprägte) Schilderung von für uns fremden Verhältnissen aus der Sicht eines Kindes hat Meine Beschneidung einiges mit Marjane Satrapis Comic-Bestseller Persepolis gemeinsam. Hier wie dort dominieren sehr einfach gehaltene Zeichnungen, hier wie dort wird ernsten und teilweise schrecklichen Tatsachen mit Humor und Leichtigkeit begegnet. Sattoufs Comic ist zwar lange nicht so umfangreich, weniger politisch und auch nicht so ausgereift wie der von Satrapi, passt aber im Bücherregal sehr gut neben Persepolis.

In Frankreich liegen von Riad Sattouf schon eine ganze Menge Werke vor, die sich fast immer mit Sorgen und Nöten des Heranwachsens beschäftigen und mit diversen Preisen ausgezeichnet wurden. Hoffen wir, dass noch mehr seiner Arbeiten den Weg in die deutsche Comiclandschaft finden werden.

 

Kritisch-humorvoller Einblick ins Erwachsenwerden im Nahen Osten

Wertung: 8 von 10 Punkten


 Meine Beschneidung
Reprodukt, November 2010
Text und Zeichnungen: Riad Sattouf
100 Seiten, farbig, Softcover mit Klappenbroschur
Preis: 14 Euro
ISBN: 978-3-941099-60-9
Leseprobe

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Abbildungen © Riad Sattouf, der dt. Ausgabe: Reprodukt