Rezensionen

Love Song 1 – Manu

Cover Love Song 1Christopher liebt die Rock- und Popmusik. Der französische Autor und Zeichner liebt sie sogar dermaßen, dass er eine komplette Albenserie daraus macht. Aber kann das gut gehen, wenn ein so völlig anderes Medium wie die Musik in einem bildhaften Medium wie dem Comic umgesetzt wird? Schließlich sprechen sie völlig verschiedene Sinne an: die Musik das Gehör und der Comic die Augen. Ähnlich schwer ist es, Gerüche sprachlich zu beschreiben. Wie soll man dann Musik in Bilder umsetzen? Viele haben es versucht und fast ebenso viele sind daran gescheitert. Die überzeugendsten Versuche stammen aus dem amerikanischen Underground, indem sie die LSD-Trips aufzeichneten, welche im Verbund mit Musik zu bildhaften Räuschen führte. Hier sei nur Robert Crumb erwähnt. Aber Christopher macht es genau richtig, indem er gar nicht erst versucht, die Medien zu überführen. Dabei gelingt ihm das Glanzstück, das Erleben, welches mit der Musik einhergeht, einzufangen und somit den Kern der Musik zu erfassen. Musik ist ein flüchtig Ding, aber die Emotionen, die Situationen und das Erleben der Musik kann man mit Bildern einfangen. Und somit die Gefühle transportieren.

In der Serie Love Song schildert Christopher das Leben von vier Freunden, welche als Jugendliche eine Band gegründet haben. Auch als Erwachsene frönen sie der Musik noch als Hobby, das sie untereinander verbindet und durch ihre Lebensstadien begleitet. Dabei sind die vier doch recht unterschiedlich. In jedem der (insgesamt vier) Einzelbände wird einer der Freunde im Fokus stehen und somit unterschiedliche Sichtweisen auf die anderen Figuren liefern. Im ersten Band ist es Manu, der dabei ist, in den Hafen der Ehe einzulaufen. Da kommen ihm nicht nur Zweifel, sondern auch wehmütige Sehnsucht nach der Zeit, als Rock und Pop noch Zeichen der Freiheit waren.

Seite aus Love Song 1Dabei ist das Album nicht nur etwas für Rockmusikfans. Denn zumindest der erste Teil handelt vom Erwachsenwerden. Manu muss mittlerweile Verantwortung übernehmen. Nicht nur im Beruf, sondern auch als Ehemann und als werdender Vater. Manu zieht sich dabei gerne in die Musik als Fluchtwelt zurück. Pop ist die Verweigerung gegenüber der Verantwortung. Aber eine solche Verweigerung liegt häufig in der Unsicherheit einer Person begründet. Weniger in der mangelnden Bereitschaft, sondern eher im Zweifel, ob man der Verantwortung gerecht wird. Und so geht man sie lieber gar nicht erst ein. Man schwankt zwischen Reifeprozess und juvenilem Verhalten und und die Bewusstwerdung dessen löst schon fast eine Identitätskrise aus.

Die Unsicherheit des Protagonisten kommt dabei besonders schön zur Geltung, wenn er sich vor Angst an Statistiken festhält. Die nackten und nüchternen Zahlen dienen ihm dazu, seine Angst vor der Verantwortung einzufangen und die Emotionen durch Ratio zu bändigen. Die Musik spielt dabei eine ebenso große wie paradoxe Rolle. Vor allem ist sie eine Möglichkeit zum Ausdruck und prägend für die wichtigsten Stationen des Lebens. So enthält der Comic einige schöne Situationen, in denen man sich als Leser gut verlieren und hineinversetzen kann. Love Song ist zwar sehr dialoglastig, aber insgesamt gelungen. Die Rückblenden sind manchmal sehr verwirrend, verdeutlichen andererseits auf eine sehr geschickte Art und Weise den emotionalen Stillstand mancher Figuren. Hier bekommt man Drama, Witz und einen kantigen frankobelgischen Zeichenstil geboten.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Christopher versteht es, die emotionale Wirkung der Musik einzufangen und einen Reifungsprozess anschaulich, nachvollziehbar und unterhaltsam darzulegen.

 

Love Song 1 – Manu
Salleck Publications, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Christopher
Übersetzung: Horst Berner
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 12,90 Euro
ISBN: 978-3-89908-455-9

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Abbildung aus der frz. Originalausgabe: © Le Lombard