Rezensionen

Der Attentäter – Die Welt des Gavrilo Princip

Cover Der AttentäterIn diesem Jahr jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Male. Steht dieser Krieg hierzulande immer noch sehr im Schatten des Zweiten Weltkrieges, ist dies in anderen Ländern, vor allem in Frankreich, anders. Was daran liegen mag, dass die Schlachten zum größten Teil auf französischem Boden ausgetragen wurden und wenig auf dem deutschen. Dennoch ist dieser Schatten eigentlich erstaunlich, schließlich markierte der Erste Weltkrieg eine enorme historische Zäsur und danach war die Welt wirklich eine andere. Staaten bildeten sich, andere verschwanden und die Monarchie war abgeschafft oder bedeutungslos geworden. Schon das ist immer wieder ein Grund, sich mit diesem komplexen Krieg und dessen komplizierten Ursachen zu beschäftigen.

Wobei man hier zwischen Ursachen und Anlass unterscheiden muss. Die Ursachen sind das, was sich immer mehr aufstaut, den Konflikt generiert und permanent schürt, wohingegen der Anlass das ist, was das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt. Im Falle des Ersten Weltkrieges war dies das erfolgreiche Attentat auf den österreichischen Thronfolger am 28. Juni 1914 in Sarajevo. Henrik Rehr nimmt nun mit seiner Graphic Novel Der Attentäter den Schützen in den Fokus und erzählt, wie es dazu kam, dass sich ein junger Mann so radikalisierte, dass er zum Terroristen wurde und seine zwei Schüsse letztlich fünfzehn Millionen Menschen das Leben kosteten.

Der Serbe Gavrilo Princip wird in ärmlichen Verhältnissen auf dem Lande geboren, wo er schon bald mit nationalistischen Ideen und Legenden konfrontiert wird. Von seinen Eltern nach Sarajevo geschickt, um dort auf die Militärakademie zu gehen, bringt ihn sein Bruder stattdessen auf eine Handelsschule. Dort kommt er mit radikalen Ideen des Anarchismus und mit nationalistischen Kämpfern zusammen. Langsam entwickelt er sich zu einer stützenden Säule der kleinen Gruppe, die voller Hass auf die Österreicher ist, aber als er sich als Partisan melden will, wird er aufgrund seiner Tuberkulose abgelehnt. Doch er möchte kämpfen und seinen Beitrag leisten. Als er erfährt, dass der österreichische Thronfolger Sarajevo besuchen wird, schmiedet er einen folgenreichen Plan.

Seite aus Der AttentäterWie es im Laufe der Geschichte oft so ist: Im Großen und Ganzen werden die Einzelpersonen vernachlässigt. Wer war nun Princip und was brachte ihn zu seiner Tat? Es ist immer schwer, die Psychologie eines Mörders und Radikalen komplett auszuloten. Das Wesen eines Menschen ist nie ganz zu fassen und so kann es auch diese Graphic Novel nicht leisten, aber sie macht nachvollziehbar, unter welchen Umständen und unter welchen Einflüssen man sich radikalisiert. Hier sind vor allem die damaligen weltpolitischen Aspekte nie wegzudenken.

Das macht alles sehr kompliziert, aber Rehr gelingt es gut, dies immer wieder einzuflechten. Dazu braucht er keinen generellen Überblick, sondern lässt diese Einordnungen immer in den Dialogen in gerade notwendigen Szenen geschehen. Dabei hält er sich eng an die bekannten Fakten und so gelingt es ihm auch, immer wieder Spannung herzustellen, obwohl man ja weiß, wie die Angelegenheit ausgehen wird. Aber man schüttelt auch den Kopf, wie viel Glück (beziehungsweise Unglück, je nach Standpunkt) und Zufall eine Rolle spielte, dass dieses Attentat überhaupt gelang. Einmal anders abgebogen und der Krieg hätte vielleicht gar nicht stattgefunden.

Für einen Historiencomic ist Der Attentäter auch insofern ein Glücksgriff, dass die österreichische Perspektive nicht vernachlässigt wird und man zusätzlich einen kleinen Einblick in das Wesen Franz Ferdinands und seiner Frau Sophie bekommt, der durchaus sympathisch, in gewisser Weise auch charakterstark aber auch unglaublich naiv und leichtsinnig bis hin zur Arroganz herüberkommt. Princip hingegen entfernt sich immer mehr vom Leser, da seine Ideen und Pläne einen immer mehr abstoßen. Aber Rehr enthält sich einer Wertung. Einzig die Zeichnungen, in düsterem Schwarz-Weiß mit starken Schraffierungen gehalten, werfen immer wieder einen symbolischen Blick in die Zukunft und zeigen, wohin manche Pläne führen werden – Schlaglichter auf Impressionen von den kommenden Schlachtfeldern. Das Einzige, was man dem Band vorwerfen kann, ist die Tatsache, dass die vielen Gesichter irgendwann kaum noch zu unterscheiden sind, aber ansonsten liegt hier ein wirklich interessanter, spannender und dramatischer Historiencomic vor, der sich eng an die Fakten hält und Geschichte lebendig macht.

Trotz der Folgen seiner Tat wurde Princip übrigens nach 1918 als Held gefeiert. Als sich der Staat Jugoslawien gebildet hatte, wurde an der Stelle, von der aus Princip die tödlichen Schüsse abgegeben hatte, ein Gedenkstein errichtet. Ironie der Geschichte: An haargenau derselben Stelle schlug dann im Jugoslawienkrieg eine Granate ein und richtete ein Blutbad an.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Sehr gelungener Historiencomic, der Spannung aufbaut, obwohl der Ausgang bekannt ist, und der die Individuen immer auch im weltpolitischen Kontext betrachtet.

 

Der Attentäter. Die Welt des Gavrilo Princip
Verlag Jacoby & Stuart, September 2014
Text und Zeichnungen: Henrik Rehr 
Übersetzung: Edmund Jacoby
224 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 28,00 Euro
ISBN: 978-3-942787-46-8

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Abbildungen ©  der dt. Ausgabe: Jacoby & Stuart