Rezensionen

Deadpool MAX: Nutjob (US)

Cover Deadpool Max: NutjobDeadpool ist, ähnlich wie DCs Lobo, eine dieser Figuren, die in den richtigen Händen sehr viel Spaß macht und in den falschen Händen völlig unerträglich ist. Und ein Kreativteam bestehend aus dem hochrespektierten Autor David Lapham (Stray Bullets) und dem unverkennbaren Zeichner Kyle Baker (Why I Hate Saturn) sollte doch mindestens vier fähige Hände mitbringen, oder?

Nach diesem Tradepaperback, bestehend aus den ersten sechs von zwölf Ausgaben, bin ich da nicht mehr so ganz sicher. Die erste Frage, die Mr. Lapham selbst im Nachwort der dritten Ausgabe anreißt, ist welchen Grund es überhaupt gibt, eine MAX-Version von Deadpool zu erschaffen. Die MAX-Version des Punishers konnte immerhin darauf verweisen, dass die Aktionen des Bestrafers in einem realistischen Universum ohne Superhelden eine ganz andere Wirkung entfalten. Ähnlich auch die MAX-Version von Powerman, die Brian Azzarello schrieb.

Aber gleich die erste Geschichte, in der Hammerhead (einer von Spider-Mans Erzfeinden) einem seiner Handlanger mit einem gezielten Headbutt den Kopf platzen lässt, verdeutlicht, dass dies nicht Laphams Absicht ist. Diesen Blickwinkel wählen eher Mike Benson und Adam Glass in Deadpool Pulp.

Deadpool MAX wirkt zunächst wirklich so, als könnte das hier auch ein ganz normaler Deadpool-Comic sein, nur dass Lapham jetzt Fäkalhumor und Titten, sowie ein paar Vergewaltigungswitzchen ins Heft bringen darf. Die Gewalt selbst ist immerhin nur marginal härter als das, was im normalen Marvel-Universum akzeptabel ist, besonders da sie durch Bakers cartoonige Linienführung einen gewissen Tom-&-Jerry-Effekt erhält. Deadpool als Figur erscheint bisher hingegen erstaunlich zurückgenommen. Kein Durchbrechen der vierten Wand, kaum saloppe Sprüche, keine Popkulturreferenzen. Und in mehreren Ausgaben ist Deadpool nicht einmal der Fokuspunkt für den Leser. Ich bin mir nicht sicher, ob Lapham wirklich der passende Autor für Deadpool ist.

Seite aus Deadpool Max: NutjobDie ersten drei Ausgaben leiden arg darunter, dass Lapham keine Anstalten macht, eine klare Stoßrichtung vorzugeben: Die Geschichten plätschern scheinbar zusammenhanglos vor sich hin, ohne dass ein erkennbares Moment vorhanden wäre. Erst dann legt Lapham in kleinen Portionen den übergeordneten Handlungsbogen offen: Ist Deadpool wirklich ein Agent der Guten oder ein Handlanger des Bösen? Wird er, wie Gaststar Cable behauptet, die Apokalypse auslösen, oder ist Cable – im MAX-Universum gut möglich – einfach nur ein ausgebüchster Irrer, der sich nur einbildet die Zukunft zu kennen?

In der Gesamtheit stellt Deadpool MAX einen seltsamen Mischmasch aus verschiedenen Tonfällen dar, der sich in Ausgabe 3 besonders herauskristallisiert: Einerseits gibt es eine völlig überzeichnete Actionszene inklusive einer Lack-und-Leder-Nazibraut, in der Lapham mal kurz Howard Chaykin zu kanalisieren scheint, auf der anderen Seite ist der Weg dahin eine völlig humorlose Betrachtung des Antisemitismus in den USA der letzten hundert Jahre. Und die Fäkal- und Vergewaltigungswitze (die laut Internationalem Humorgerichtshof lustig sind, weil hier Männer von anderen Männern vergewaltigt werden) lassen den ernsthaften Beginn der dritten Geschichte ebenfalls völlig deplatziert wirken und erinnern eher an Garth Ennis, wenn er keine Lust hat sich Mühe zu geben und nur billige Schockmomente runterleiert.

Seite aus Deadpool Max: NutjobKyle Bakers Zeichnungen sind wie immer ein Highlight, übertriebene Gewalt beherrscht er ähnlich gut wie übertriebene Mimik. Seine Darstellung der Araber in der sechsten Ausgabe ist aber mindestens grenzwertig. Sicher, Baker tendiert als Karikaturist zur Überzeichnung, aber hier schlittert er zielsicher über die Grenze zum Rassismus hinweg. Was in einem fünfzig Jahre alten Funnycomic wie Isnogud als akzeptabel gelten mag, das hat im Kontext von Deadpool MAX deutlich andere Wirkung.

Da Lapham in den Ausgaben 4 bis 6 so langsam Tritt findet, besteht die Hoffnung, dass Deadpool MAX in den letzten sechs Ausgaben noch eine gute Agentengeschichte wird, die den scheinbar unnötigen ersten drei Ausgaben rückwirkend einen erkennbaren Sinn gibt. Aber bisher spielen Lapham und Baker hier deutlich unter ihren Verhältnissen mit einer Figur, mit der sie nicht so Recht warm zu werden scheinen. Ich frage mich wirklich, ob diese Geschichte vielleicht ohne Deadpool und die damit verbundenen Erwartungen besser funktionieren würde.


Wertung5 von 10 Punkten 

Seltsamer Mischmasch, der sowohl unter den Möglichkeiten des Kreativteams als auch denen der Hauptfigur bleibt


Deadpool MAX: Nutjob
Marvel Comics, Juni 2011

Text: David Lapham
Zeichnungen: Kyle Baker
144 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,99 US-Dollar
ISBN: 978-0785148500

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Abbildungen: © Marvel Comics