Rezensionen

Alans Kindheit

Cover Alans Kindheit „Sie möchten also, dass ich von meiner Kindheit in Südkalifornien erzähle?“, vergewissert sich der Titelheld und Erzähler Alan Cope gleich zu Beginn dieses biografischen Comics. Und zumindest der französische Zeichner Emmanuel Guibert wird diese Frage wohl vorbehaltlos bejaht haben, denn schließlich widmet Guibert seinem amerikanischen Freund mit Alans Kindheit bereits den zweiten Comicband. Nachdem Cope in Alans Krieg (2010) seine Erlebnisse als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg schildern durfte, berichtet der mittlerweile verstorbene Amerikaner hier nun von seiner Kindheit in den 1930ern. Erneut illustriert der durch die Comicreportage Der Fotograf (2008) bekannt gewordene Guibert dabei auf der Basis von zahlreichen Interviews und Fotografien ein Stück Lebens- und Zeitgeschichte mit seinen mal detailverliebten, mal beinahe abstrakten Tuschezeichnungen.

Guiberts herausragendes künstlerisches Talent und seine Fähigkeit, Alan Copes Erinnerungen zwischen anschaulicher Rekonstruktion und poetischer Leere einen Raum zur Resonanz zu bieten, vermag wie schon im Vorgänger Alans Krieg durchaus zu faszinieren. Doch ebenso lässt sich bemängeln, dass der Comicautor wieder zu nah an den Worten seines Protagonisten bleibt. Denn weder was Alan Cope zu erzählen hat, noch die Art, wie er das tut, ist für sich genommen sonderlich interessant oder erhellend. Es ist mehr ein Katalog an banalen Anekdoten als eine Geschichte, die Cope über den Comic mit der Welt teilt, und Guibert scheint keinerlei Interesse daran zu haben, diese Aneinanderreihung von Trivialitäten aufzubrechen oder auch bloß zu einer einnehmenden Erzählung zu verdichten. Die stimmungsvollen Zeichnungen, die meist von Massen an Text begleitet werden, verkommen in diesem Kontext fast schon zu Beiwerk, das den Schwall an Worten lediglich angemessen bebildert, statt zu eigenen Entdeckungen einzuladen.

Seite aus Alans Kindheit Als Gegenentwurf zu typischen Genrestoffen oder all den Comics, die ihre Relevanz vor allem durch die Wahl von „großen“ Themen wie Krieg und Krankheit behaupten, bietet Alans Kindheit sicherlich eine reizvolle Alternative. Durch die Verweigerung einer sinnstiftenden Handlung sowie einer von Abschweifungen und Auslassungen geprägten Dramaturgie entstehen zudem vielversprechende Freiräume. Dass solche Freiräume aber nicht nur als Gefäße dienen können, die die Leser dann mit eigenen Erfahrungen füllen, wie Christian Maiwald auf Dreimalalles bemerkte, sondern für Comicautoren ein Anlass sein können, das Medium mit neuen Impulsen zu versehen, dieses Potenzial bleibt mit Alans Kindheit leider ungenutzt.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Ein großartig gezeichneter Comic, der das Potenzial seiner Erzählung verschenkt und sich auf banale Alltagsbeobachtungen beschränkt.

 

Alans Kindheit – Kalifornien in den Dreißigerjahren
Edition Moderne, August 2014
Text und Zeichnungen: Emmanuel Guibert
Übersetzung: Christoph Schuler
160 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 25,- Euro
ISBN: 978-3037311288
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Edition Moderne