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Mazehopper 1 – Die fünfdimensionale Karte

mazehopperDie drei Geschwister Yunoni (Kriegerin), Yuki (Erfinder) und Mazoo (Magier in Ausbildung) sind „Drachenkinder“, die in einem Drachenei im Inneren eines Vulkans hausen. Um den Vulkan haben Kobolde in jahrtausendelanger Arbeit eine labyrinthartige Stadt (oder ein stadtartiges Labyrinth?) gebaut, aus der niemand mehr hinausfindet, der einmal hineingeraten ist. Auf Geheiß eines Drachengeists machen sich die Drei dennoch auf, um den Ausgang aus dem Labyrinth zu finden und damit den Untergang des Koboldreichs zu beschwören.

Verfolgt von den fiesen Kobolden treffen sie auf den hier gestrandeten Weltraumhasen Heikki Looper, einen „Mazehopper“ (zu Deutsch „Labyrinth-Hüpfer“), der gegen den Willen der Koboldherrscher an einer Durchquerung der Labyrinthstadt arbeitet. Looper schickt die drei Geschwister auf die Jagd nach einer fünfdimensionalen Karte, gelagert in einer wandernden Bibliothek, die nach seinen Berechnungen zum anstehenden Vollmond im Hexenhaus einer Trollhexe auftauchen soll. Mit Hilfe von Loopers gerade erfundenem „Borderline Board“ werden die frisch gebackenen Mazehopper per Wurmloch ins Hexenhaus transportiert, wo natürlich weitere Probleme warten …

Videogamer können ein langes und lautes Lied von derartigen abstrusen Patchwork-Geschichten singen. Und Mazehopper liest sich von vorne bis hinten wie die Comicadaption eines Videospiels, das es nie gab. Das ist vom Autor offensichtlich so gewollt und auf den ersten Blick eine ganz originelle Idee, aber hier liegt das große Problem des Comics: Was in Videospielen auf schräge Art sympathisch oder gar kultig sein kann, funktioniert in einer Erzählung unter Umständen längst nicht so gut. Denn während die Story-Untermalung eines Videospiels letztendlich nicht mehr sein muss, als ein erzählerisch hauchdünnes Feigenblatt für den Spielablauf und die Geschichte ein gutes Spiel kaum kaputt kriegen kann, muss sie einen Comic – zusammen mit den Zeichnungen – komplett tragen. Und dazu reicht es im Fall von Mazehopper, trotz ein paar schöner Ideen, leider nicht. Eine packendere Erzählweise oder besser ausgespielter Humor hätten hier vielleicht noch einiges retten können, aber über ein „ganz nett“ kommt der Comic in beiden Punkten nie hinaus. Die Erlebnisse der Labyrinth-Hüpfer sind einfach zu belanglos geraten.

mazehopper01Das ist schade, denn der lockere, recht reduzierte Zeichenstil mit Anleihen aus frankobelgischen Funnies und einem Hauch von Manga hat unbestritten etwas. Die Umsetzung der drolligen Figuren in ihrer verschachtelt-expressionistischen Welt, in der selbst die Häuser zu leben scheinen, erreicht zwar bei weitem (noch) nicht die Klasse der Arbeiten des unübersehbaren zeichnerischen Vorbilds Lewis Trondheim, aber macht in ihrer ganz eigenen Ästhetik durchaus Laune.

Hätte Autor-Zeichner Christopher Pirker direkt ein Videospiel aus dem Konzept kreiert, es würde vermutlich mehr überzeugen als der Comic. Vielleicht hätte aber auch eine unterstützende redaktionelle Betreuung bei der Entstehung der Geschichte ausgereicht, um die teils vielversprechenden Ansätze weiter auszubauen und Handlung, Humor und Dialoge besser hinzukriegen. Aber dass eine derartige Projektbetreuung bei einem deutschen Kleinverlag wie Epsilon allein aus finanziellen Gründen schon nicht so einfach drin ist, liegt natürlich auf der Hand.

Bei aller Kritik möchte ich dem Comic jedoch zugute kommen lassen, dass ich unter Umständen einfach die falsche Zielgruppe bin und will nicht ausschließen, dass Mazehopper bei manchem jüngeren Leser (der Comic ist ab 8 Jahren empfohlen) als Lektüre für die Pause vom Konsolenzocken ganz gut ankommen könnte.

 

Wertung: 4 von 10 Punkten

Eigensinnige und durchaus ansprechende Zeichnungen, unausgereifte Geschichte auf Jump’n’Run-Game-Niveau

 

Mazehopper Level_#1 – Die fünfdimensionale Karte
Verlag: Epsilon, Juni 2011
Text & Zeichnungen: Christopher Pirker
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 12,50 Euro
ISBN: 978-3-86693-158-9
Leseprobe

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Abbildungen © Christopher Pirker, Epsilon Verlag

 

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Interview mit Christopher Pirker beim PPM-Vertrieb

Homepage von Christopher Pirker

Patchwork

Das Cover von Katharina Greves PatchworkDie Architektin Katharina Greve legt mit Patchwork ihren zweiten Comic vor. Ihr Debüt Ein Mann geht an die Ecke, ausgezeichnet mit dem ICOM Independent-Comic-Preis 2010 in der Kategorie „Herausragendes Artwork“, erschien noch im kleinen Comicverlag Die Biblyothek, Patchwork nun beim Gütersloher Verlagshaus, das zu Random House und damit zu Bertelsmann gehört. Also eins der aktuellen Beispiele, bei denen Buchverlage im „hippen“ Bereich der Graphic Novels mitspielen wollen und dabei schon einige Veröffentlichungen vorweisen kann, z. B. Bonhoeffer von Moritz Stetter. Frauke und Thomas unterhielten sich per Chat über diesen Comic.

 

Frauke: Katharinas Stil zeichnet sich durch sehr klare Linien und schnörkellose, sparsame Hintergründe aus. Hier geht es nur um das Nötigste. Mir scheinen die Zeichnungen Mittel zum Zweck des Erzählens einer Geschichte zu sein, einen Bedarf an künstlerischer Entfaltung scheint die Künstlerin nicht zu haben. Dies wird vermutlich ihrem erlernten Beruf geschuldet sein. Hast Du auch den Eindruck, dass die Erzählung sehr präsent im Vordergrund stehen soll?

 

Thomas: Einspruch! Ich stimme dir insofern zu, dass die Erzählung im Vordergrund steht und es der Künstlerin wohl nicht darum geht, den Leser mit besonders ausgefeiltem Artwork zu beeindrucken (und damit eventuell von der Geschichte abzulenken). Aber: Dass Katharina Greve keinen Bedarf an künstlerischer Entfaltung sieht, würde ich ganz entschieden verneinen. Im Gegenteil denke ich eher, dass genau dieser Stil, diese klar erkennbare Handschrift eben ihre Form des künstlerischen Ausdrucks ist und sie sehr genau weiß, was sie da tut.

 

Frauke: Das will ich ihr sicher nicht absprechen – dass sie weiß, was sie tut, davon bin auch ich überzeugt. Aber eben nicht verspielt mit künstlerischem Ausprobieren, sondern immer mit einem klaren Ziel vor Augen.

 

Beispielseite aus Katharina Greves Comic PatchworkThomas: Okay. Dann lass uns doch erstmal über den Inhalt reden, und vielleicht kommen wir später nochmal zur Form.

Im Zentrum von Patchwork steht die Wissenschaftlerin Linda Waldbeck, die eine Topkraft auf dem Gebiet der Transplantationschirurgie ist. Aus diversen Einzelteilen verschiedenster Lebewesen erschafft sie wilde Chimären, zum Beispiel ein Häschen mit Schweinerüssel und dem Schwanz einer Schlange. Als sie irgendwann feststellt, dass sie langsam zu alt ist, um noch Kinder zu bekommen, baut sie sich im Labor einfach selbst welche. Damit beginnt eine ziemlich turbulente Geschichte, in der die Hauptfigur in den Untergrund abtauchen muss und sowohl von der Presse als auch von einer zwielichtigen Firma verfolgt wird.

 

Frauke: Ich sag’s direkt hinaus: Ein Mann geht an die Decke hat mir besser gefallen. Es erschien mir strukturierter, runder, phantasievoller. In Patchwork kommen sehr viele Klischees zum Einsatz wie die arbeitswütige Wissenschaftlerin, die irgendwann vor lauter Forschungsprojekten zu spät merkt, dass sie doch noch Kinder will. Oder die (Horror-)Vorstellung, dass man einfach mal so Teile verschiedenen Tieren und Menschen zusammenbasteln kann. Natürlich hat Ein Mann geht an die Decke auch ein unrealistisches Leitmotiv (die Aufhebung der Schwerkraft), aber in sich war das für mich stimmig und hat funktioniert.

 

Thomas: Den direkten Vergleich habe ich nicht, weil ich Ein Mann geht an die Decke nicht gelesen habe. Du hast natürlich recht: Patchwork ist voll von Klischees, jede einzelne Figur ist ein Klischee, vom Boulevardreporter über den griesgrämigen Nachbarn bis zum bösen Industrieboss. Das ist aber gewollt – in meinen Augen ist die Charakterisierung der Figuren eben genauso klar und reduziert, so flächig und frei von Schattierungen wie die Zeichnungen. Was daraus entsteht, ist keine Geschichte, die besonders spannend ist oder bei der man mit den Figuren mitleidet oder mitfiebert. Ich sehe Patchwork eher als satirisches Panoptikum, in dem – wenn man sich von der reinen Handlung löst – eine Menge drinsteckt.

 

Frauke: Was denn zum Beispiel? Was ich sehe: Bemühte Gesellschaftskritik, dass man Andersartige nicht ausgrenzen soll, weil sie genauso liebevoll und liebesbedürftig sind wie die „Normalos“. Wobei dieser Ansatz zusätzlich das Problem hat, dass einem die Figuren nicht nahekommen, wie Du es auch schon angedeutet hast. Ich habe das Gefühl, dass ich weiß, wohin die Künstlerin will, sie erreicht mich aber nicht.

 

Thomas: Es werden ja verschiedene aktuelle Themen und Debatten aufgegriffen: Familienpolitik, die Frage „Wie weit darf die Wissenschaft gehen?“, Exzesse in der Medienlandschaft, Fremdenfeindlichkeit. Diese schweren Themen in eine leichte, unterhaltsame, teilweise auch niedliche Form zu packen, ist schon eine Leistung. Ich gebe dir allerdings Recht in dem Punkt, dass die Kernaussage, die alte Life-of-Brian-Message „Wir sind alle Individuen“, ein wenig zu plump und simpel daherkommt.

 

Frauke: Diese Punkte werden für sich genommen in irgendeiner Art und Weise angesprochen, ja; wobei Familienpolitik meiner Meinung nach nicht wirklich dabei ist. Frau Dr. Waldbeck stand eben nicht vor der Entscheidung „Kind oder Karriere“; sie hat einfach durchgeackert, weil ihr Wissenschaft so viel Spaß macht (wofür und warum, wird übrigens nicht erwähnt). Der Wunsch nach Familie wird ja erst eher zufällig durch einen Brief erweckt. Das ist mir alles zu vereinfacht dargestellt, zu 0 oder 1. Was Du als Stilmittel siehst, ist mir zu oberflächlich, zu leicht verdaulich.

 

Thomas: Ich finde schon, dass da die aktuelle Familien-/Geschlechter-/Gleichstellungsdebatte mit drinsteckt, wenn auch nicht so offensichtlich (was ja nichts Schlechtes sein muss, im Gegenteil). Man muss einfach nur mal überlegen, ob die Geschichte genauso funktionieren würde, wenn Dr. Waldbeck ein Mann wäre. Ich glaube nämlich nicht.

 

Beispielseite aus Katharina Greves Comic PatchworkFrauke: Ich verstehe nicht so ganz, worauf Du hier hinaus willst: Dass Frauen eben doch keine Männer sind, weil viele von ihnen irgendwann doch noch vom Urinstinkt gepackt werden (in diesem Fall, ich schreibe es nochmal, nicht durch ein langsam aufkeimendes Bedürfnis, sondern durch einen Brief hervorgerufen)? Das bestreitet aber doch niemand, oder?

 

Thomas: Vom Urinstinkt hab ich keine Ahnung, der interessiert mich hier gar nicht. Ich meine eher das Stichwort „biologische Uhr“. Die Frau macht solange Karriere, bis „natürliche Fortpflanzung“ nicht mehr möglich ist und greift dann zu extremen Maßnahmen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Bei einem Mann wäre das anders, der könnte einfach sagen „Ich suche mir ’ne Jüngere“. Dazu kommt noch, dass nach dem klassischen Rollenbild Karriere UND Kinder für Männer gar kein Problem ist, für Frauen aber schon. Ich will das nicht ausufernd diskutieren, aber für mich ist das ein gesellschaftlich relevantes Thema, das in Patchwork ganz deutlich drinsteckt. 

 

Frauke: Ach so, Dir geht es um die echten biologischen Unterschiede, jetzt hab ich’s verstanden. Zu Deinem letzten Punkt bezüglich Karriere und Kinder: Wie gesagt, das wird meiner Meinung nach hier nicht thematisiert, weil sie nicht in dieser Klemme steckt. Undzu der Frage „Wie weit darf die Wissenschaft gehen?“ sehe ich keinen kritischen Diskurs in dieser Geschichte, sondern das Aufgreifen des Frankenstein-Themas – wirkliche Grenzen oder mögliche Auswirkungen werden nicht andiskutiert.

 

Thomas: Natürlich gibt es hier keinen kritischen Diskurs zu diesen Themen. Eher ein spielerisches Aufgreifen aktueller Themen, die zur Zeit auf der Straße liegen, die Greve satirisch überspitzt, zu einer (nicht sonderlich überzeugenden) Geschichte verknüpft und mit viel Augenzwinkern garniert. Und genau dieses Augenzwinkern, diese kleinen Feinheiten, die da immer wieder durchschimmern, das ist das, was mir an Patchwork wirklich gut gefällt. Zum Beispiel mochte ich die beiden Typen recht gerne, die beide (meistens in schönen Parallelmontagen) auf der Suche nach der untergetauchten Frau Waldbeck sind: der Boulevardreporter und der Handlanger des bösen Industriellen. Beides total frustrierte Angestellte, die völlig unzufrieden mit ihrem Job sind und von einem ganz anderen Leben träumen. Oder die skurille kleine Liebesgeschichte zwischen dem Professor und seiner Zimmerpalme. Die kleinen Einzelteile überzeugen mich mehr als das große Ganze.

 

Frauke: Da bin ich mit Dir einer Meinung, diese kleinen Spielereien wussten mich auch zu überzeugen. So gefiel mir besonders gut die erste Seite, bei der Szenen aus der zweiten Hälfte des Comics vorweggenommen wurden. Sie stellten die Hauptfiguren vor, machten neugierig, verrieten aber nichts.

 

Thomas: Ja, formal und strukturell sind hier einige wirklich schöne Ideen drin. Der von dir angesprochene Prolog ist so eine. Da sieht man auf Seite 1 die wichtigsten Protagonisten ganz kurz vor dem großen Höhepunkt der Geschichte, dann wird zurückgespult und erzählt, wie es zu diesem Moment kommt. Und wenn wir schließlich an dieser Stelle ankommen, macht es Bumm. Im wörtlichen Sinne. Gut gefällt mir auch der Einsatz der Farben, die immer nur ganz punktuell, aber sehr effektiv in dem ansonsten schwarz-weißen Comic auftauchen.

 

Frauke: Guter Punkt, die akzentuiert eingesetzten, plakativen Farben wollte ich auch noch erwähnen. Die fand ich zwar nicht nötig für die Erzählung, aber sehr ansprechend.

Auch wenn sich das nach meinem ganzen Gemecker nicht so anhört: Ich mag Katharina Greves ungewöhnlichen, klaren Stil, ihr Interesse an sozialen Themen und an Gesellschaftskritik. Meiner Einschätzung nach hätte dieser Comic aber viel mehr Potenzial gehabt. Mehr Schwung in der Geschichte, weniger Längen in einigen Abschnitten, weniger Klischees, mehr Tiefe. So, wie er geworden ist, ist er mir zu oberflächlich und belanglos geraten.

 

Thomas: Mir gefällt der Comic insgesamt ziemlich gut, aber wie gesagt vor allem in den kleinen Einzelteilen und nicht so sehr als Gesamtwerk. Das Buch kommt ja aus einem traditionsreichen christlichen Verlag, der ein bestimmtes Weltbild verkaufen möchte (siehe hier),und in Teilen kann man Patchwork tatsächlich als klassische Wertevermittlung lesen – dann aber dringen immer wieder sehr schöne, schräge Momente durch, die verhindern, dass das Buch ein einziger erhobener Zeigefinger ist. Das gilt besonders für den Schluss, nach dem großen Knall, wo es noch ein hübsches, nicht ganz unblutiges Experiment zu bestaunen gibt. „Patchwork“ passt also als Titel hervorragend – vielleicht sogar besser, als es Verlag und Autorin geplant haben.

 


Wertung
:

Thomas: 7 von 10 Punkten

Frauke:  5 von 10 Punkten


Patchwork
Gütersloher Verlagshaus, September 2011
Text und Zeichnungen: Katharina Greve
80 Seiten, schwarz-weiß und farbig, Softcover
Preis: 14,99 Euro
ISBN: 978-3-579-07053-7
Leseprobe auf der Verlagsseite  

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Abbildungen ©
Gütersloher Verlagshaus, Katharina Greve

Touna Mara 1 – Das Gedächtnis des Steins

Cover Touna Mara 1Es ist doch immer wieder erfreulich, wenn auf dem zugegebenermaßen etwas schwierigen deutschen Markt ein neuer Verlag gegründet wird, der sich daran macht, Comics zu veröffentlichen. Im Februar 2011 taten sich vier Comicleser und -sammler aus dem Rheinland zusammen und gründeten den All Verlag (oder genauer gesagt: ließen den Verlag, der Ende der 1980er Jahre schonmal existierte, neu aufleben). Nach Verlagsangaben steht dahinter die Intention, „Comics zu veröffentlichen, die wir selbst gerne lesen würden, die aber bei den vorhandenen Verlagen keine Chance auf eine Veröffentlichung haben.“ Zunächst sind pro Jahr nur vier Bände geplant. Der vorliegende erste Teil von Touna Mara ist die erste Publikation des Verlages, der zweite Teil der Story soll im April 2012 erscheinen.

Was Gestaltung, Druckqualität, Ausstattung und Papier angeht, kann man erkennen, dass alle Verlagsmitglieder schon Erfahrungen haben, denn Kinderkrankheiten, wie man sie oft bei Neugründungen erwartet, sind hier nicht zu finden. Selbst im Lettering sind keinerlei Fehler festzustellen. Hier ist also schon ein guter Start gelungen. Aber wie sieht es nun mit der Geschichte an sich aus?

Seite aus Touna Mara 1In der Steinzeit geht in den Weiten Sibiriens ein Mann auf die Jagd, fällt aber den Wölfen zum Opfer. Während er im Todeskampf liegt, gebiert seine Frau eine junge Tochter, die vom Häuptling des Stammes jedoch  verstoßen wird. Fortan wächst sie bei den Wölfen auf. In der heutigen Zeit macht sich eine Gruppe von Wissenschaftlern nach Sibirien auf, um merkwürdige Mutationen zu untersuchen. Verstärkt sind Kinder zu finden, die eine Mischung aus Wolf und Mensch sind. Doch sind sie wirklich ungefährlich?

Der Comic ist eine etwas waghalsige Reise, der verschiedenste Elemente auf kleinem Raum vereint und so eine Tour de Force durch Mythen, Legenden und Historie unternimmt. Allein das Aufwachsen eines Kindes bei Tieren ist zentraler Bestandteil vieler Mythen und Legenden, wobei die von einer Wölfin gesäugten Romulus und Remus, die Stadtgründer Roms, nur ein Beispiel sind. Der mögliche Einfluss außerirdischer Elemente auf die Entwicklung der Erde ist auch nicht unbekannt (wie etwa der Meteoriteneinschlag, der die Dinosaurier auslöschte). Übrigens ging in Sibirien wirklich mal ein Meteor runter.

Seite aus Touna Mara 1Die geschickt aufgebaute Erzählung in zwei parallel verlaufende Stories ist in mehrfacher Hinsicht gelungen. Zum einen wird die Spannung permanent aufrechterhalten, da die Erzählung nach wenigen Seiten in der Zeit springt. Zum anderen erschafft Autor Patrick Galliano damit sowohl einen Kreislauf als auch eine Dualität, die den Band wie ein roter Faden durchzieht. Da wäre zum einen die Dualität Animismus versus Wissenschaft, der historische Zeitenwandel insgesamt und das Paar Ratio gegen Instinkt und Trieb. Im Laufe der historischen Entwicklung entwickelte der Mensch die Wissenschaft, welche im Verbund mit der (christlichen) Religion den Animismus ablöste. Der Trieb und die Instinkte wurden zugunsten der Ratio unterdrückt. In diesem Band geschieht dies aber auf zweierlei Art: Zum einen geht es um die Evolution vom Tierischen zum Menschlichen, aber auch darum, dass in der Auslebung des Triebes die Menschen wieder zum Tier werden. Dualität herrscht also allerorten. Auch der Tod des Vaters und die gleichzeitige Geburt des Kindes steht für den ewigen Kreislauf zwischen Werden und Vergehen.

Touna Mara ist eine Mischung aus Sci-Fi, Mystery, (Wissenschafts-)Thriller, Historie, Horror und einer Mythensammlung mit einigen deutlichen Zitaten wie etwa aus dem Film 2001 von Stanley Kubrick. Das ist alles ein bisschen viel auf engem Raum und manche mögen deshalb den Kopf schütteln, aber es ist durchaus spannend und faszinierend zu lesen. Denn unterhalb der Geschichte befinden sich viele Aspekte, über die man reflektieren kann. Die schönen stimmungsvollen, naturalistischen Zeichnungen von Mario Milano weisen gerade bei den Frauengestalten einen deutlichen Einfluss von Milo Manara auf. Aber auch auf der Bildebene finden sich viele Dualitäten und Gleichsetzungen zu finden (etwa die Form des Meteoriten und die Speerspitze), welche die Aussage des Bandes sehr gut unterstützen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Gelungener Einstand, der in unterhaltsamer Form zum Reflektieren über Dualitäten und die menschliche Entwicklung anregt.

Touna Mara 1 – Das Gedächtnis des Steins
All Verlag, November 2011
Text: Patrick Galliano
Zeichnungen: Mario Milano
Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,80 Euro
ISBN: 978-3-926970-08-4
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: All Verlag

Debüt und Relaunch: Karacho kommt, Comixene verändert sich

Es tut sich was auf dem Feld der Comic-Fachzeitschriften: Im Sommer 2012 startet das vierteljährliche Magazin Karacho aus der Edition Alfons, herausgegeben von Volker Hamann und Matthias Hofmann, den Machern des Jahrbuchs Comic Report. Zuvor erscheinen zwei kostenlose Nullnummern als PDF zum Download – die erste am 22. Dezember.

Fast gleichzeitig zur Ankündigung von Karacho meldet sich auch die Comixene mit interessanten Neuigkeiten: Das alteingesessene Fachblatt, 1974 gegründet und seit 2003 beim Verlag JNK unter Leitung von Martin Jurgeit am Start, erschien zuletzt nur noch unregelmäßig und selten. Das soll sich nun ändern: Ab der kommenden Ausgabe 111, die im Dezember erscheint, wird die Comixene alle zwei Monate herauskommen, der Heftumfang wird etwas verringert, dafür sinkt der Verkaufspreis von 9,00 Euro auf 5,90 Euro.

Ob man daraus nun einen Zweikampf um die Leser- und Käufergunst konstruieren möchte oder nicht – auf jeden Fall kommt etwas Bewegung in das zuletzt eher ruhige Gewässer der Magazine über Comics. Thomas Kögel stellte den Machern beider Zeitschriften ein paar Fragen per E-Mail:

 

KARACHO – Der Comicreporter
Fragen an Volker Hamann und Matthias Hofmann

Karacho – Der ComicreporterComicgate: Wann und wie kam es zu der Idee, eine neue Zeitschrift über Comics auf den Markt zu bringen?

Volker Hamann: Durch die extrem gute Zusammenarbeit von Matthias und mir am Comic Report und aus unserem gemeinsamen Bedürfnis, eine regelmäßig erscheinende, zuverlässige und inhaltlich interessante Zeitschrift über Comics lesen zu wollen. Und weil unserer Meinung nach so viele Themen und Aspekte dieser tollen Literaturgattung quasi auf der Straße liegen und bislang unbearbeitet blieben. Wir haben das durch den Start von Comic Report Online gemerkt, und Matthias kam im Juni dann mit der Idee, das Nachrichtenmagazin über Comics herauszugeben.

CG: Eure Pressemitteilung spricht von einer „richtungsweisenden Publikation, die neue Maßstäbe setzt“. Was kann man sich denn darunter vorstellen und wie wird sich Karacho von anderen Sekundärmagazinen (wie z.B. der Comixene) unterscheiden?

Matthias Hofmann: Da sind zunächst einmal viele äußere Unterschiede. Wir wollten etwas Lautmalerisches, Wohlklingendes, Internationales, etwas das sich sofort einprägt. Mach‘ einfach den Test: Sag mal das Wort „Comixene“. Diese vielen E’s und das I. Das klingt nicht so gut. Und dann sag mal laut „Karacho“. Und dann stell Dir vor, 61.673 Comicfans stehen in Fußballarena „AufSchalke“ und intonieren „Karacho“. Da fliegt das Dach weg.

Aber das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint.

Hier die drei wichtigsten Unterschiede und ein Bonus-Unterschied: Erstens eine regelmäßige Erscheinungsweise. Was wir ankündigen, wird auch eingehalten. Karacho wird zuverlässig sein. Zweitens die Farbe. Karacho wird vollfarbig und schön bunt sein. Drittens: die inhaltliche Vielfalt. Wir beschäftigen uns zum Beispiel auch mit Manga, und zwar nicht nur so nebenbei mal kurz mit Taniguchi & Co, weil es schick ist. Wir wollen die starren Grenzen der Szene aufbrechen und werden crossmedial berichten. Karacho wird für Interessierte außerhalb der Szene ebenso interessant sein, wie für die Insider. Und viertens, durch den Comic Report sind wir extrem gut vernetzt. Wir haben Kontakte in die entlegendsten Winkel der Szene, die andere nur vom Hörensagen kennen.

Aber eins ist klar: Es gibt das Rad schon. Wir können und wollen es nicht neu erfinden. Aber wir machen es moderner und interessanter. Wir wollen, dass Karacho zum „Essential Reading“ für alle Comic-Leser wird. Das Magazin soll nicht nur informieren, es soll effektiv helfen, sich im Dschungel der Neuerscheinungen zurechtzufinden. Darüber hinaus soll es unterhalten und Spaß machen. Wir wollen einen neuen Standard setzen, gerade in Verbindung mit Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit. Im Prinzip eine Mischung aus der guten, alten Comixene (als Becker & Knigge aktiv waren) und RRAAH!, aufgeladen mit modernem Esprit. Wer Karacho liest, wird das Gefühl haben, bestens im Bilde zu sein. Und wer es nicht liest, wird das Gefühl haben, etwas zu verpassen.

CG: An welche Leserschaft richtet sich Karacho und wo wird man das Heft kaufen können? 

VH: Karacho soll alle Leser von Comics und Mangas ansprechen und mit seinen Themen erreichen. Der Vertrieb erfolgt über den Bahnhofsbuchhandel, den Fachbuchhandel und ausgewählte Buchhandelsketten.

CG: Wird es thematisch quer durch den Gemüsegarten gehen oder gibt es inhaltliche Schwerpunkte? Kommen auch Manga in Karacho vor?

Karacho-BeispielcoverMH: Wir wollen nicht den Dossier-Fehler begehen. Das haben bereits andere vorexerziert. Es wird keine monochromen Titelbilder geben, denn Karacho wird auch am Bahnhofskiosk verkauft und muss jedermann ansprechen – viel mehr als die üblichen Verdächtigen.

Es wird feste Rubriken geben. Wir versuchen die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Also keine einschläfernde 20-seitigen Abhandlungen über Atomkraft im Comic, sondern zwei knackige Seiten mit Geschenktipps für comic-affines Volk zu  Weihnachten. Oder ganz was anderes. Einfach überraschen lassen. 

Manga wird übrigens eine größere Rolle spielen. Zumindest größer, als in allen bisherigen Comicfachmagazinen, die es so gegeben hat und gibt. Da passiert einfach recht viel und die Verlage, die Manga bringen, haben kompetente Leute. Da  wurde viel zu lange weggeschaut.

CG: Das dicke Jahrbuch Comic Report, regelmäßige Ausgaben der Reddition, ein konstanter Output auf comic-report.de und jetzt auch noch ein vierteljährliches Magazin als jemand, der sich selbst auf diesem Gebiet tummelt, stellt sich mir natürlich sofort die Frage: Wie stemmt ihr das eigentlich alles?

VH: Zunächst einmal mit viel Enthusiasmus und vor allem mit einer ganzen Latte von sehr guten und zuverlässigen Mitarbeitern. In den mittlerweile 25 Jahren, in denen ich die Reddition alleine herausgebe, konnte ich ausreichend Erfahrungen sammeln, was das zeitliche Management angeht und ein gutes Netzwerk aufbauen, das sich durch Matthias noch einmal vergrößert hat. Wir konnten fast vierzig Leute zur Mitarbeit einladen und haben bereits jetzt eine hohe Bereitschaft signalisiert bekommen. Ab 2012 wird es also neben dem jährlichen Comic Report auch zwei Mal im Jahr eine neue Ausgabe der Reddition geben, die ja ohnehin mehr monographisch aufgebaut ist, und eben das vierteljährliche Karacho.

CG: Welchen Einfluss wird die Produktion des Magazins auf die Website des Comic-Reports haben? Gibt es dort künftig weniger Stoff oder noch mehr? Oder kommt gar bald noch Karacho-Online dazu? 

MH: Nein, „Karacho Online“ wird es vorerst nicht geben. Die Webseite CRON wird 2012 sicherlich etwas anders aussehen als in diesem Jahr. Wir haben jetzt sehr viele Erfahrungen gesammelt und bereiten einen kleinen Facelift vor. Inhaltlich wird das Onlinemagazin mit Karacho abgestimmt sein. CRON wird als schnelle Plattform aktiv sein und z.B. Themen aufgreifen und weiterführen, die im Printmagazin angestoßen wurden. Wichtige Artikel und Beiträge werden in Karacho publiziert. Wenn es darum geht, schnell und zackig etwas zu verbreiten oder gar zu kommentieren, dann wird das über CRON erledigt. 

Außerdem kann man davon ausgehen, dass wir auch im Bereich Social Media aktiv werden. Mehr oder weniger notgedrungen, weil wir beide keine Fans von Facebook & Co. sind. 

CG: Letzte Frage: Seit ich Eure Pressemitteilung gelesen habe, habe ich einen bösen Ohrwurm von Heino im Ohr, den ich nicht mehr wegbekomme. Wie könnt Ihr das verantworten?

VH: Die Verantwortung für den Ohrwurm liegt natürlich ganz bei dir ;o) Oder vielleicht auch bei Georg Tempel, der ihn wohl einigen Leuten ins die Gehörgänge gesetzt hat?! Bei mir jedenfalls klingelt da nix und ich verbinde den Ausdruck „Karacho“ mit einem durchaus altmodischen, aber sehr wohl auch bei Jugendlichen von heute gängigen Ausdruck für etwas, das losgehen soll – und zwar mit einiger Kraft und einigem Willen! So stellen wir uns eine Publikation über Comics vor!

 


 

COMIXENE
Fragen an Martin Jurgeit

ComixeneCG: Könntest du kurz die Umstände schildern, die dazu führten, dass ihr euch Gedanken über einen „Relaunch“ der Comixene gemacht habt?

Martin Jurgeit: Schon vor einem Jahr haben wir inhaltliche Änderungen vorgenommen – weg von den großen Themenheften, hin zu kürzeren Artikelstrecken –, die bei der Leserschaft sehr gut ankamen. Die schmaleren, dafür aber häufiger erscheinenden Hefte unterstreichen diese Neuorientierung jetzt auch formal.

Außerdem hat sich durch die Etablierung des monatlichen Comix eine ganze Menge verändert. Wir sind jetzt im Pressevertrieb ganz anders aufgestellt und können zudem Kombi-Abonnements von Comixene mit Comix anbieten, die natürlich nur bei einem schnelleren Erscheinungsrhythmus Sinn ergeben.

CG: Die CX wird also bald in kürzeren Abständen erscheinen und einen günstigeren Verkaufspreis haben? Was ist sonst noch neu? Wird sich auch inhaltlich etwas ändern?

Cover Comixene 109MJ: Neben den bereits in der ersten Fragen angebenen Punkten planen wir unter anderem wieder regelmäßige Bestsellerlisten ins Heft zu nehmen. Hierbei kooperieren wir mit dem Branchenblatt „Buchreport“, das auch die Spiegel-Bestsellerlisten erstellt. Auch sonst wird sich im Detail noch einiges tun, so soll sich die neue Mitarbeiterin in der Redaktionsleitung, Anne Delseit, auch verstärkt bei Manga-Themen einbringen – im Prinzip wurde die neue Linie aber bereits durch die Nummern 109 und 110 vorgegeben.

CG: Zuletzt erschien die Comixene ja ziemlich unregelmäßig und recht sporadisch – welche Maßnahmen sind geplant, um in Zukunft ein regelmäßiges, zweimonatliches Erscheinen sicherzustellen?

MJ: Wie bereits angeführt, hat sich gerade vertrieblich durch Comix eine ganze Menge für uns verändert, so dass diese Entwicklung bei der Comixene überhaupt erst möglich ist. Noch vor zwei Jahren wären die Vertriebskosten – gerade in den Bahnhofsbuchhandel – zweimonatlich überhaupt nicht zu stemmen gewesen. Auch der Zeitaufwand war so immens, dass uns hier sehr hilft, dass der Freibeuter Vertrieb inzwischen auf Levin Kurio von Weissblech Comics übergegangen ist, der einen wirklich tollen Job macht. Ich persönlich bin zwar noch für die Distribution beim Freibeuter Vertrieb verantwortlich, aber Versand und vor allem Abrechnung belasten uns jetzt nicht mehr zeitlich.

CG: Die Preissenkung zielt sicher auch darauf ab, die Zahl der verkauften Hefte zu steigern. Wie würdest du das Potenzial für ein Magazin wie Comixene einschätzen? Und – nachdem das ja gerade angekündigt wurde verträgt der Markt auch zwei ähnlich ausgerichtete Magazine?

Cover Comixene 110MJ: Es sind natürlich noch viel mehr Magazine auf dem Markt. Wenn man sich die Pressemitteilung zu dem von dir wohl angedachten „zweiten Magazin“ ansieht, dann scheint dieses explizit als Publikums- und Servicemagazin in Richtung Comic-Fans ausgerichtet zu werden. Da dürfte wohl eher Die Sprechblase eine Konkurrenz sein, die Chefredakteur Gerhard Förster gezielt in den letzten Jahren für franko-belgische und amerikanische Themen geöffnet und damit inzwischen auch viele Leser erreicht hat, die früher etwa das Comic Forum oder RRAAH! gelesen haben.

Wir sehen die Comixene aber eher als Branchenblatt und Kulturmagazin mit stark feuilletonistischen Einschlag, für den auch unsere Mitarbeiter stehen, die oft für große Zeitungen und als Publizisten arbeiten. Wir haben deshalb auch einen großen Vertriebsschwerpunkt jenseits des klassischen Comic-Fachhandels. Somit glaube ich, dass hier ganz klar unterschiedliche Profile gegeben sind, die aber gegebenfalls unter der neuen Situation noch geschärft werden müssten.

CG: In der Pressemitteilung ist auch die Rede von geplanten Apps. Kannst du dazu noch ein bisschen was verraten?

MJ: Da kann ich leider noch nicht konkreter werden, da die Planungen mit unserem Partner textunes noch laufen. Es ist aber klar, dass wir hier aktiv werden müssen und spätestens im nächsten Frühjahr sollen Kernbereiche unserer Produktion auch als Apps angeboten werden.

 

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Offizielle Ankündigung von Karacho
Pressemitteilung der Comixene

Spoon & White 6 – XXL

Endlich finden auch die Chaotencops Spoon & White bei Finix ein neues Zuhause. Die spoon6aFunnyserie, die mit allerlei Zitaten aus Popkultur und feinem, frankobelgischem Humor aufzuwarten weiß, ist eine Schöpfung der beiden Comicveteranen Jean Léturgie und Yann, für die Zeichnungen erhalten die beiden Unterstützung von Jeans Sohn Simon Léturgie.

Dabei kann Spoon & White hierzulande, bedauerlicherweise, nur eine holprige Veröffentlichungshistorie vorweisen. Sowohl der Phoenix-Verlag als auch Ehapa versuchten sich bereits mit wenig Erfolg an der Reihe und sogar im Zack-Magazin fand sich zuweilen eine Gelegenheit zum Abdruck diverser Storys. Finix knüpft an der Chronologie und dem Erscheinungsbild der Hardcover-Alben von Ehapa an, wo im Jahr 2005 nach Ausgabe 5 Schluss war.

Das Gute an Spoon & White: Für die Lektüre braucht man kein Vorwissen, jedes Abenteuer des ungleichen Duos steht für sich, so dass man unbeschwert auch beim aktuellen Band 6 einsteigen kann. Das einzige was es im Prinzip zu wissen gibt, ist, dass Spoon, ein cholerischer, schießwütiger kleiner Wicht, und White, sein pseudocooler, anzugtragender Partner, zusammen skurrile Polizeifälle bearbeiten. So wie in der vorliegenden Nummer die Beschaffung der angeblich sensationellen Schlankheitspillen Grem 443, die ihr absurd fetter Polizeidirektor unbedingt benötigt.

Léturgie und Yann zünden ein wahres Feuerwerk, eine Mixtur aus rasanter Action und tollen Gags. Natürlich kreuzen sich die Wege der Protagonisten auch wieder mit der hübschen Journalistin Courtney Balconi sowie mit dem Indianerstamm der Shoshonen, die den Kakteensaft für die Zubereitung des Wundermittels herstellen. Das Ganze ergibt im Nachgeschmack eine leicht kritische Note, zum einen bezogen auf die Ausbeutung der amerikanischen Ureinwohner, zum anderen auf die Skrupellosigkeit der Pharmaindustrie.

spoon6bIn all der Schnelligkeit, in der die Geschichte abläuft, geht das freilich weitestgehend unter, was dem Comic auch nicht zum Nachteil gereicht. Immerhin bleibt so genug Platz für die serientypischen Gastauftritte (z.B. von Figuren aus The Big Lebowski) und gewohnte Running-Gags, wie etwa Spoons verschrobene Vorliebe für seine Goofy-Plüschfigur oder seine Affinität zu Clint Eastwood.

Band 6 „XXL“ ist aus meiner Sicht nicht der beste der Reihe, vielleicht nicht einmal der zweit- oder drittbeste. Dennoch bewegt sich auch diese Fortsetzung auf einem sehr stabilen Funnyniveau. Kenner von Spoon & White werden hier auch weiterhin ihre Freude haben, alle anderen sollten zumindest mal antesten, ob ihr Lachzentrum angesprochen wird.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten 

Überdrehter Funnytitel. Überdreht genug, um mit seinen vielen ausgefallen Ideen durchaus aus der Masse rauszustechen

 

Spoon & White 6 – XXL
Finix Comics, Oktober 2011
Text: Jean Léturgie, Yann
Zeichnungen: Simon Léturgie
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 12,80 Euro
ISBN: 9783941236509
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Finix Comics

Links der Woche: Mit Crowdfunding, Comicforschung und Occupy

Unsere Links der Woche, Ausgabe 41/2011:

 

Crowdfunding falsch gemacht
Splashcomics, Bernd Glasstetter
Das Team von PlemPlemProductions versucht seine nächsten Projekte rund um Whoa! Comics über die Crowdfunding-Plattform pling.de zu finanzieren. Anlässlich dessen macht sich Bernd Glasstetter Gedanken darüber, wann diese Form des Geldeinsammelns im Comicbereich funktionieren kann und wann nicht. 

Invasion aus dem Alltag
tagesspiegel.de, Christoph Haas
Letztes Wochenende fand in Passau die Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung mit dem Thema „Reportagecomics. Dokumentarische Comics. Comicbiographien“ statt. Christoph Haas berichtete über die Veranstaltung in einem Artikel in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung. Eine längere Online-Fassung davon erschien im Comic-Portal des Tagesspiegels

It’s Called a Comic Book, Not Graphic Novel
Huffington Post, Dave Scheidt
„It doesn’t make you sound cooler when you tell people you read ‚graphic novels‘. Let’s get that straight, you read comics. Everyone knows people who read comics are total losers!“ 

 

Comics on the Kindle Fire and Nook Tablet hands-on (video)
Engadget, Brain Heater
Auf dem noch jungen Markt der Tablet-Computer und eBook-Lesegeräte war das iPad von Apple lange Zeit so ziemlich das einzige Gerät, das sich in Sachen Größe, Grafikmöglichkeiten und verfügbarer Software zum Kaufen und Lesen von digitalen Comics eignete. Dies könnte sich nun womöglich ändern, wenn Amazon (Kindle Fire) und Barnes & Noble (Nook Tablet) zum Weihnachtsgeschäft ihre neuen Geräte auf den Markt bringen. Bei beiden sind Comic-Apps von Haus aus an Bord. Das US-Technikblog Engadget hat diese Funktionen schonmal getestet. 

Special Bonus Frank Miller Bun Toons Extra! YAY! YAY!
Art Land!, Ty Templeton
Und dann war da noch ein gewisser Frank Miller, der mit seiner saublöden Beschimpfung der „Occupy“-Bewegung für mächtig Aufruhr sorgte. Ein Vorgang, der schon weit mehr Aufmerksamkeit bekommen hat, als er verdient, weshalb wir es hier mit Ty Templetons schöner Replik in Comicform bewenden lassen wollen …

Occupy Comics
www.occupycomics.com
… und stattdessen lieber auf ein Projekt hinweisen, mit dem eine ganze Heerschaar von Kreativen die Occupy-Bewegung unterstützen möchte. Occupy Comics, initiiert von Matt Pizzolo, soll eine Anthologie mit Kurzcomics und Zeichnungen werden, die sich mit der Protestbewegung der Wallstreet-Besetzer beschäftigen. An Bord sind zahlreiche bekannte Namen wie Charlie Adlard, Ben Templesmith, J.M. DeMatteis oder Darick Robertson. Finanziert wird das Projekt über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter, womit wir einen wunderschönen Bogen zum ersten Link gespannt haben.

52 mal berührt: Action Comics #2

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 55 von 52: ACTION COMICS #2 von Grant Morrison, Rags Morales und Brent Anderson.

action_comics2

(Anmerkung: Unser regulärer Co-Kolumnist besucht gerade einen Rezensentenkongress in Weimar und fällt daher leider die nächsten Tage aus. Umso mehr freuen wir uns, dass wir als Vertretung den flämischen Naturlyriker Frans Vanderstrack gewinnen konnten. Herr Vanderstrack ist ein langjähriger COMICGATE-Leser, der sich spontan dazu bereit erklärt hat, die „New 52“ für uns poetisch aufzuarbeiten.)

MARC-OLIVER: Die Messlatte liegt hoch nach der Debütausgabe, und leider können weder der Autor noch die Zeichner dieses Niveau halten. Am Ende des letzten Hefts war der junge Superman den Behörden hilflos ausgeliefert, nachdem er einen außer Kontrolle geratenen Zug gestoppt hatte. Hier nun zeigt Morrison, wie er in einem geheimen Forschungslabor unter der Leitung von Lex Luthor getestet, verhört und gefoltert wird.

Nun ja, aus der Geschichte hätte man viel machen können – man denke etwa an Clark Kents Audienz bei Luthor im beeindruckenden All Star Superman #5. Dem hat Action Comics #2 aber nichts entgegenzusetzen. Hier gibt’s nur ein paar nette Action-Szenen und mittelprächtigen Humor, der teils auch auf Kosten der Glaubwürdigkeit geht. Lex Luthor etwa kommt nicht besonders clever rüber, wenn er Superman unterstellt, seine wahre Gestalt sei die einer ziegenartigen Kreatur. Da hat Morrison schon mal leichtfüßiger agiert.

Darüberhinaus hat Rags Morales – der allerdings nach wie vor sehr überzeugt – hier auch nur drei Viertel des Hefts gezeichnet. Für den Rest ist Brent Anderson eingesprungen, bekannt aus Kurt Busieks Astro City. Anderson ist zwar beileibe auch kein schlechter Zeichner, aber die Qualität einer Story profitiert von ihrer durch terminliche Probleme bedingten Aufteilung unter mehreren Zeichnern natürlich nicht.

Die Tatsache, dass das Heft im Gegensatz zur ersten Ausgabe nur noch 20 Seiten hat, der Preis aber bei $ 3,99 bleibt, macht es auch nicht unbedingt besser. Unterm Strich eine enttäuschende, im Vergleich zur tollen Erstausgabe halbgar wirkende Fortsetzung.

ZOOM-FAKTOR: 7 von 10!


DIE VERSUCHUNG DES KAL-EL
ein kryptonianisches Gedicht
von Frans Vanderstrack

KAL-EL!
HA-LA-LA! HA-LA KAL-EL DON JOR-EL
VA LARA-LOR-VAN-VAX-EL! EL-KOR!
EL-KRYPTON! EL-RAO! EL-EOEO!
EL-MU-LI-NEX KAL-EL! SIM-SA-LA-BIM!

KAL-EL!
O-JEH MI-NEH! HOP-SA-LA KAL-EL! UP-SA-LA!
DI BUMMS-FA-LA-RA KAL-EL! DI HEI-SA-SA!
EL-GUMBO! OLÉ-OLÉ-OLÉ KAL-EL! AGI-AGI-AGI!
KAL-EL! EI-DER-DAUS! UI-UI-UI!

KAL-EL!
WAD-DE-HAD-DE-DUD-DE DA!
EH-NE MEH-NE MU! EI-EI-EI KAL-EL!
TRI-TRA-TRULLA-LA! ONGA-BONGA KAL-EL!

WAD-DE-HAD-DE-DUD-DE DA!
WAD-DE-HAD-DE-DUD-DE DA!

 

(frei nach Grant Morrison, Action Comics #2, Seite 14)

ZOOM-FAKTOR: 10 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Bunker 1&2

Cover Bunker 1Vielschreiber Christophe Bec (Carthago, Finsternis, Prometheus) hat mal wieder eine neue Serie aus der Taufe gehoben. Diesmal zusammen mit Stéphane Betbeder, der ihn als Szenarist und Texter unterstützt. Bec bewegt sich auch bei dem auf fünf Bänden angelegten Bunker auf bewährtem, sprich Sci-Fi-Terrain. Und man braucht es kaum zu erwähnen, abermals verbindet der fleißige Autor seine Geschichte mit einem ordentlichen Anteil Mystery.

Als Leser findet man sich in der fiktiven Welt Demarkarcia wieder, wo in 7000 Meter Höhe auf einem verschneiten Gebirge ein Schutzwall steht. Es handelt sich um Bunker 37, die letzte Verteidigungslinie zwischen den verfeindeten Velikiistok und den Jeretiks. Dort ist seit Neuestem auch der Soldat Aleksi Stassik stationiert und bekommt gleich mal allerlei Gerüchte um grausame Ereignisse in den Bergen zu hören.

Seite aus Bunker 1Viel mehr Anhaltspunkte geben einem die Autoren auch gar nicht erst mit auf den Weg. Der erste Band von Bunker ist verwirrendes Stückwerk, zusammengehalten aus zwei übergreifenden Elementen: einem großen Militärapparat/Krieg/Imperium und einer wie auch immer gearteten Konspiration.

Die Handlung springt sehr oft, mal zu Neandertalern in die Vergangenheit, dann zur Konfrontation mit Bergungeheuern und dann wieder zu den fremden Feinden. Nebenbei scheint auch noch ein außerirdischer Einfluss sichtbar zu werden. Getragen wird dieser Genremix von einer unübersichtlichen Zahl an Figuren. Deren Namen sind ähnlich schwer zu behalten wie ihre Persönlichkeiten ausgefeilt sind. Das liegt aber auch daran, dass man als Leser ziemlich ins kalte Wasser geworfen wird.

Bec und Betbeder verlangen viel vom Leser. Ihr kriegerisches Szenario mit sowjetischem Touch erinnert zuweilen an die artverwandte Comicreihe Red Star und gestaltet sich aufgrund der unnötig verwirrenden Komplexität ähnlich zäh.

Dass Christophe Bec in einem ersten Band einer seiner Serien am Ende unzählige Fragen aufgeworfen hat, das ist auf der anderen Seite auch keine große Überraschung und gehört zum Verfasser fast schon so dazu wie seine an Hollywood-Schauspieler angelehnten Figurenzeichnungen. Immerhin kann man die Atmosphäre der Bilder als die vielleicht größte Stärke des ersten Albums bezeichnen. Gerade das weiße Schneegebirge wird sehr überzeugend und imposant in Szene gesetzt.

Cover Bunker 2Band 2 mit dem Titel „Nullpunkt“ versetzt die Handlung hingegen primär in die Wüste. Ein Stilbruch, der auch aufgrund des neuen Zeichners Nicola Genzianella nicht mehr für den ganz großen optischen Schmaus sorgt. Warum die Szenerie allerdings überhaupt erst dorthin springt, wäre wohl – selbst, wenn ich die Geschichte im Ganzen verstehen würde – nicht in wenigen Worten zu erklären.

Und das ist nach der Lektüre des zweiten Albums das Zwischenfazit: Bunker ist sehr interessant und wegen seiner vielen Geheimnisse und Ungereimtheiten durchaus reizvoll. Und dennoch verliert sich die Story, selbst für Bec’sche Verhältnisse, zu arg in ihrer eigenen Sci-Fi-Mystery-Konzeption.

Nach Aussage des Franzosen ist die gesamte Erzählung im Übrigen über mehrere Jahre vollends durchkonzipiert worden. Also bleibt einem wohl nur, dem großen Masterplan zu vertrauen und auf baldige Antworten zu warten.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten

Äußerst verstrickte Serie, die aber nicht uninteressant ist

 

Bunker
Splitter Verlag
Text: Christophe Bec, Stéphane Betbeder
je 56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 13,80 Euro
 

Band 1: Verbotene Grenzen
April 2011
Zeichnungen: Christophe Bec

ISBN: 978-3-86869-222-8
Leseprobe

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Band 2: Nullpunkt
Juli 2011
Zeichnungen: Nicola Genzianella

ISBN: 978-3-86869-223-5
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

52 mal berührt: Static Shock #2

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 54 von 52: STATIC SHOCK #2 von Scott McDaniel und John Rozum.

static_shock2

(Anmerkung: Unser regulärer Co-Kolumnist besucht gerade einen Rezensentenkongress in Göttingen und fällt daher leider die nächsten Tage aus. Umso mehr freuen wir uns, dass wir als Vertretung den flämischen Naturlyriker Frans Vanderstrack gewinnen konnten. Herr Vanderstrack ist ein langjähriger COMICGATE-Leser, der sich spontan dazu bereit erklärt hat, die „New 52“ für uns poetisch aufzuarbeiten.)

MARC-OLIVER: Irgendwo unter den Bergen schlechter Prosa verbirgt sich der eine oder andere gute Ansatz. Static Shock war eine der Serien, die ich vorab ins Abo genommen habe, weil ich dachte, dass das ganz spaßig werden könnte: ein junges, relativ frisches Gesicht im DC-Helden-Pantheon, der für Xombi viel gelobte Co-Autor John Rozum, Scott McDaniels lockerer, energiegeladener Zeichenstil – interessante Mischung.

Soweit die Theorie. In der Praxis überkam mich ja leider mit dem ersten Heft schon das Grausen, aber ich hab den von mir hoffnungsvoll vorab abonnierten Reihen, die mich nicht auf Anhieb überzeugen konnten, trotzdem noch jeweils zwei weitere Ausgaben gegeben, mich umzustimmen. Und, nun ja, hier wird das wohl nix, wie’s aussieht. Static Shock #2 ist noch wirrer und planloser, die übertriebene Verbalisiering alles Möglichen ist hier noch schlimmer als im Debütheft. Und statt ihrem Helden endlich erzählerisches Fleisch auf sein dünnes konzeptionelles Knochengerüst zu packen, führen McDaniel und Rozum lieber den Klon seiner Schwester ein, der mit in der Familie lebt – was die Figuren zwar irgendwie zu wundern scheint, aber ansonsten nicht weiter thematisiert wird.

Die Schurken – gefühlt gibt es 37 in diesem Heft, doch wenn man sie nachzählt, sind es tatsächlich nur 13 – und der Tonfall der Erklär- und Monologkästchen erinnern dabei an eine schlechte Zeichentrickserie für Zehnjährige. Was die Autoren andererseits aber nicht davon abhält, etwa eine Anspielung auf den Brutalo-Gangsterfilm Scarface von 1983 einzubauen. Die Tatsache, dass der Redakteur in einer ungewöhnlich schlecht gelaunten Fußnote extra darauf hinweisen muss, worum es sich handelt – „erkennbare, aber nicht sehr gute (!) Al-Pacino-als-Tony-Montana-Imitation“ – hätte ein Hinweis sein können, dass hier vielleicht etwas falsch läuft.

Diese Serie scheint immer grotesker zu werden. Ich hoffe, Herr Vanderstrack kann dem Ganzen wenigstens in seiner lyrischen Betrachtung etwas abgewinnen.

ZOOM-FAKTOR: 1 von 10!


FRANS VANDERSTRACK: Oh hitziger Blitzefritz! Oh galvanischer Rastafarianer! Zott’lige Locken auf dem Haupt, ein doppelt’s Lottchen im Haus. Ein Emil ist er ohne Detektive, ein Anton ohne Pünktchen – ein Klassenzimmer mit Startverbot.

Was hätte wohl mein alter Freund Erich dazu gesagt?

ZOOM-FAKTOR: 5 von 10!


 

Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Alle Folgen von „52 mal berührt“

Hack/Slash 6 – Zeit zu lieben, Zeit zu slashen

hack6aEigentlich war ich von den vergangenen Sammelbänden von Hack/Slash recht angetan, doch mit dem nunmehr sechsten Band „Zeit zu lieben, Zeit zu slashen“, scheint in meinen Augen die Luft ganz schön raus zu sein aus dem Konzept „Sexy Girl jagt mordende Monster“.

Cassie Hack durchlebt eine Sinnkrise: Soll sie ihr Vagabundenleben, ständig auf der Suche nach neuen Slashern, die sie zum Wohle der Menschheit auslöscht, aufgeben und versuchen, ein ganz normales Teenagerleben zu führen? Doch was wird dann aus ihrem deformierten Begleiter Vlad? Und wer übernimmt dann all die Monster? Währenddessen formieren sich natürlich schon wieder die nächsten Antagonisten zum Duell.

Autor Tim Seeley, dem es in den vorherigen Bänden immer – mal mehr mal weniger gut – gelang, mich mit überraschenden oder absurden Einfälllen über die Tatsache hinwegzutrösten, dass Hack/Slash nicht unbedingt für Anspruch, tiefschürfende Dialoge oder überagende Bildkunst steht, lässt mich diesmal mit einer – für seine Verhältnisse – konventionellen, fast biederen Erzählung allein. Bieder bedeutet hier zum einen, dass Seeley nicht an die Grenzen geht, nicht den Tabubruch sucht, weder was Sexyness noch was Brutalität angeht. Zum anderen bedeutet bieder auch einfach nur: viel langweiliger als man es gewohnt ist.

Seite aus Hack/Slash 6Ein großer Pluspunkt der Serie war bislang der fragmentarische, anarchische Ansatz. Miniepisoden, Referenzen zu realen Personen oder fiktiven Figuren, die stilistische Auflockerung durch bewusste Kontrastierung, auch optisch (zum Beispiel die unverhohlene Referenz an die Archie-Comics) oder Gastauftritte kultiger Horrorgestalten (Chucky, Re-Animator), die allein durch ihren Namen bereits gewirkt haben. All das lässt der sechste Band vermissen, die diversen Zeichner (Emily Stone, Ross Campbell, Mike Dimayuga, Tim Seeley) können sich kaum voneinander absetzen. Das Ergebnis ist grafischer Einheitsbrei auf mittlerem Niveau.

Die Handlung mäandert irgendwie auf ein Ende zu, dazwischen redet Vlad über seine Gefühle (deren Darstellung nicht grade Seeleys Stärke ist) und Cassie lebt sie in einem lesbischen Experiment mit ihrer Freundin Georgia aus (ein Thema, das von Seeley immer wieder plump in die Serie eingeworfen wird).

Was bleibt also, wenn man einem Durchschnittshorrorcomic das anarchische Moment wegnimmt? Genau: Ein Durchschnittscomic. Tim Seeley sollte Hack/Slash schnell wieder in ein anderes Fahrwasser bewegen, eines, das die Schwächen des Titels nicht so völlig allein und offen zur Schau stellt. Dann könnte ich auch an zukünftigen Bänden wieder mehr Gefallen finden.

 

Wertung: 3 von 10 Punkten

Deutlicher Tiefpunkt der Serie, ohne bemerkenswerte Höhepunkte

 

Hack/Slash 6 – Zeit zu lieben, Zeit zu slashen
Cross Cult, Oktober 2011

Text: Tim Seeley
Zeichnungen: diverse
186 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,80 Euro
ISBN: 9783942649667

Leseprobe


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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult