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Die Chroniken von Arawn

Cover Die Chroniken von ArawnDie Chroniken von Arawn bauen auf der Serie Arawn auf und bieten zutatenmäßig alles das, was auch die Hauptserie zu bieten hat: Heroic Fantasy auf den Spuren von Die Chroniken des schwarzen Mondes und Slaine.

Dabei deutet es schon der Titel mit dem Zusatz „Chroniken“ bereits an: Die hier versammelten Erzählungen sind von der Hauptserie losgelöst und betrachten Ereignisse genauer, für die vorher kein Platz war. Da wird etwa geschildert, wie zwei Brüder von Arawn zu dem geworden sind, was sie sind. Math wollte der lebende Gott werden und machte sich auf den Weg zu einer Insel, um diese zu erobern. Auf der Schiffsfahrt wurde er von einem Seeungeheuer angegriffen und obwohl Math siegreich blieb, gelangte er nur schwer verletzt an die Ufer der Insel. Dort verliebt er sich in eine junge Frau und trotz des Verlustes seiner magischen Waffe gelingt es ihm, schrittweise die Insel unter seine Gewalt zu bringen, was ihm aber auch einen großen Verlust einbringt. Der andere Bruder, Engus, hält sich ebenfalls für den Erwählten und sammelt eine riesige Armee von Monstern um sich, um die Welt zu erobern. Dabei wird sein Geist zunehmend vom Blutkessel gesteuert, der auch einen eigenen Willen hat.

Ähnlich wie die Hauptserie oder artverwandte Fantasycomics ist dieser Band brutal und voller Splatter, Gewalt, Blut und Sex. In diesem Gemisch von Effekt und Aufdringlichkeit, dem Willen zu Krawall und Provokation, geht die Story in einem blutig roten Meer ziemlich unter. Dabei besteht ist sie ohnehin kaum mehr als ein leichter Hauch und bietet nur ein rudimentäres Gerüst für die Zeichnungen, denn allein können die Geschichten nicht tragen.

Seite aus Die Chroniken von ArawnDem Autor Ronan Le Breton gelingt es immerhin, die Tragik der beiden Brüder deutlich zu machen. Math kann man trotz seiner Erfolge noch als menschlich erkennen, wohingegen Engus als reines Monster geschildert wird. Gerade diese zweite Storyline ist äußerst platt ausgefallen und besitzt keinen richtigen dramaturgischen Spannungsbogen. Was auch daran liegt, dass keine emotionale Bindung des Lesers zu den Figuren hergestellt wird. Dafür sind sie zu monströs, zu heroisch, zu sehr dem Willen zugewandt ein Gott zu sein, was ihnen insofern gelingt, da sie sich von den Menschen in Form des Lesers abgewandt haben.

All das ist recht platt, aber aufgrund der faszinierenden und beeindruckenden Zeichnungen doch faszinierend zu lesen. Diese sind wahre Gemälde und zeigen stilistische Einflüsse von Chroniken-Ledroit und H.R. Giger, der ein um das andere Mal beim Setting Pate stand. Die Farbgebung ist satt und hervorragend und kann auch Abstufungen deutlich machen. Wer auf Horror steht, hat hier einen wahren Augenschmaus vor sich liegen, nur darf man eben keine ausgefeilte Story erwarten. Stattdessen gibt es eine schön anzusehende Ablenkung und unterhaltsame Lektüre, bei der man getrost den Verstand ausschalten kann. Das hat ja auch manchmal etwas für sich. Aber ähnlich wie nach einer großen Nascherei hat man danach einen etwas fahlen Geschmack im Mund.

 

Wertung: 4 von 10 Punkten

Faszinierende Zeichnungen bauschen ein Nichts von Story auf.

 

Die Chroniken von Arawn
Splitter Verlag, September 2014
Text: Ronan Le Breton
Zeichnungen: Thomas Giorello, Bertand Benoit
Übersetzung: Tanja Krämling
Seiten, farbig, Hardcover

ISBN: 978-3-86869-722-3
Preis: 19,80 Euro
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

 

Mutter Krieg

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Cover Mutter KriegAnlässlich des 100. Jahrestags des Beginns des Ersten Weltkriegs ist die Thematik um die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts gerade in aller Munde. Zahlreiche Publikationen und Berichte arbeiteten die Geschichte in den vergangenen Monaten auf. Bereits einige Jahre zuvor startete das Kreativduo Kris (i.e. Christophe Goret) und Maël (i.e. Martin Leclerc) die vierteilige Comicreihe Mutter Krieg, die als offizieller französischer Comic für die Hundertjahrfeiern diente.

Das Ergebnis, welches Splitter rechtzeitig 2014 in einem Sammelband in deutscher Sprache vorgelegt hat, ist demzufolge auch ein schonungsloser Blick auf das Kriegsgeschehen aus der Sicht Frankreichs (das diese Thematik traditionell ausführlicher und emotionaler behandelt, als es Deutschland beispielsweise tut).

Die Handlung startet im Jahr 1935 im kleinen Dorf Soulac. Der todkranke Roland Vialatte, ehemals Offizier in der französischen Gendarmerie, erinnert sich an seinen speziellen Kriegseinsatz. Damals, 1915, ermittelte er direkt an der Westfront in einer mysteriösen Mordserie. Eine Reihe von Frauen wurde umgebracht und in Schützengräben, zusammen mit einem vom Mörder verfassten Abschiedsbrief, abgelegt. Erst nach und nach ergibt sich für Vialatte ein genaueres Bild vom Motiv der Taten und von der Identität des Täters. Währenddessen toben unerbitterlich die Gefechte der Soldaten, die die Grausamkeit der Morde zeitweilig in den Hintergrund rücken lassen.

Der Versuch von Szenarist Kris, vor der Kulisse dieses authentischen Weltkriegsdramas eine Kriminalgeschichte ablaufen zu lassen, ist sicherlich zwiespältig zu sehen: Einerseits gelingt es dem Autor, mit dem sympathischen Offizier, der sich mitten im Krieg zwar in den Schützengräben aufhält, aber selbst nicht an den Kampfhandlungen beteiligt ist, einen Außenstehenden als Hauptfigur zu etablieren – einen Besucher gewissermaßen, der den Alltag an der Front stellvertretend für den Leser unmittelbar erlebt. Andererseits sind Vialattes Ermittlungen nur mäßig spannend und nehmen angesichts des eigentlich wesentlich interessanteren Kriegsgeschehens einen zu großen Stellenwert in diesem Comic ein.

Seite aus Mutter KriegIn dieser Hinsicht zeigt sich der Vorteil der deutschen Gesamtausgabe deutlich. Die Story um die Morde wäre allein nicht unbedingt Grund genug, freudig auf Fortsetzungen in Einzelalben zu warten. Durch die Veröffentlichung als Komplettband liest sich die Erzählung kompakter und das allgemeine Zeitgeschehen, das in Mutter Krieg größtenteils sehr gut verwirklicht wurde, lässt sich als Ganzes besser erfassen.

Sofern man bei einem Comic über den Ersten Weltkrieg von „wunderschönen Bildern“ sprechen möchte, so ließe sich dieses Prädikat auf diese Publikation sicherlich mühelos anwenden. Allgemein gesprochen ist Maël ein wirklich talentierter Zeichner. In Bezug auf die in diesem Album vorzufindende Grafik, bei der erdige Aquarelltöne die flüchtigen Tuschelinien ausfüllen, muss man sagen, dass seine Arbeit einen Großteil zum positiven Gesamteindruck dieses Comics beiträgt. Eine so einnehmende Atmosphäre, eine so authentische Kulisse zu diesem Thema hat man in dieser Form bislang selten zu Gesicht bekommen.

Je überzeugender die Zeichnungen die Stimmung aus den Schützengräben unmittelbar auf den Beobachter übertragen, desto deutlicher offenbart sich im Gegenzug das Grauen des Ersten Weltkriegs. Insofern leistet dieses Werk durchaus einen zeitgeschichtlichen Beitrag zur Aufbereitung und Wissensvermittlung des historischen Stoffes.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Eine lohnende Lektüre, die vor allem optisch beeindruckt und schonungslos authentisch ist 

 

Mutter Krieg
Splitter Verlag, Mai 2014
Text: Kris
Zeichnungen: Maël
Übersetzung: Marcel Küsters
256 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 39,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-757-5
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Hotel Hades

Cover Hotel HadesDer Fluss Lethe fließt in der Unterwelt der griechischen Mythologie, sein Wasser schenkt den Verstorbenen gnädiges Vergessen und macht die Toten untereinander gleich und anspruchslos. So fristet man sein weiteres ewiges Dasein in ewiger wunschloser Lethargie, was nicht weiter schlimm ist. Wenn nur die Toten von außen betrachtet nicht so dement wirken würden …

Aber wer verabreicht eigentlich dieses Lethe-Wasser? Katharina Greve gibt uns in Hotel Hades die Antwort. In Ihrem satirisch angehauchten Comicroman repräsentiert die griechische Unterwelt das globalisierte Jenseits, wo der Gott Hades die Abwicklung der Menschheit für sämtliche Religionen optimiert und vereinheitlicht hat: Die meisten Menschen werden in den tristen, grauen, unübersichtlichen und stetig dichter besiedelten Asphodelos-Gründen untergebracht und trinken brav ihr Lethe-Wasser, darüber hinaus gibt es aber noch das Elysium und den Tartaros. Das Elysium ist für die VIPs, die „verdienten“ und „wichtigen“ Persönlichkeiten der Weltgeschichte, der Tartaros ist für die bösen Sünder. Hier wie dort regeln ausgewählte Beamte und Angestellte die straff organisierten Abläufe, sei es, die Bewohner des Elysiums bis in alle Ewigkeit zu bespaßen oder die armen Seelen der Hölle effektiv zu quälen.

Seite aus Hotel HadesDass es dabei nicht immer ganz gerecht zugeht, erfahren wir, als die Unterwelt drei Neuzugänge bekommt: Eine abgeklärte Schriftstellerin, ihr junges männliches Anhängsel und der Koch einer Frittenbude, der sich zu Höherem berufen fühlt, sind aufgrund einer Verwechslung soeben erschossen worden. Zusammen mit diesen dreien lernen wir die verschiedenen Ebenen des Hades kennen. Wir erfahren, dass man ins Elysium wohl nur mit Connections kommt und dass dessen Bewohner oft alles andere als „Gut“ sind (wozu auch?). Im Tartaros hingegen befinden sich vor allem diejenigen Schurken der Weltgeschichte, die zu blöd waren, sich rechtzeitig ein VIP-Ticket zu ergaunern.

Hotel Hades ist wirklich die meiste Zeit recht vergnüglich zu lesen, auch wenn das humoristische Potenzial der lethargischen, Lethe-trinkenden Verstorbenen und der völlig zweckfreien Bürokratie des Hades schnell ausgeschöpft ist. Viele Szenen erinnern an Comedyshows aus dem Fernsehen und die Gags sind leider oft eher platt als inspiriert. In der Regel funktioniert Katharina Greves Humor, indem er die Erwartungen an eine offensichtliche Pointe unterläuft – ein Stilmittel, das sie leider vor allem im Mittelteil etwas überstrapaziert. Doch gerade weil die Handlung über weite Strecken hinweg wie eine Abfolge von kleinen Sketchen wirkt, ist man am Ende überrascht, dass die Geschichte doch einen recht schlüssig durchkomponierten und stimmigen Plot hat.

Die streng konstruierten Zeichnungen wirken kalt und steril, aber nur in diesem Stil kann Greves Humor wirken. Immer wieder finden sich, der nüchternen Inszenierung zum Trotz, gelungene Bildkompositionen, vor allem wenn es darum geht, uns zu zeigen, wie gleichförmig und eintönig das Jenseits ist. Von daher gesehen ist es kein Wunder, dass Hotel Hades meist mit farbig gehaltenen Szenen beworben wird, die den freundlich dreinblickenden Höllenhund des Titelbildes zeigen. Schauwerte dieser Art bietet der Comic leider insgesamt zu wenige. Über den Großteil der Erzählung hinweg dominieren flächige Grautöne, abgemischt vermutlich mit Lethe-Wasser.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Launige deutsche Comedy im Gewand einer Graphic Novel. Passable Lektüre für zwischendurch.

 

Hotel Hades
Egmont Graphic Novel, September 2014
Text und Zeichnungen: Katharina Greve
128 Seiten, teilw. farbig, Hardcover
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3770455072
Leseprobe

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Abbildungen © Katharina Greve / Egmont 

 

30 Days of Night 2 – Jenseits von Barrow

Cover 30 Days of Night 2Der erste umfangreiche Band von Cross Cult vereinte die ursprüngliche Barrow-Trilogie von Steve Niles‘ Vampircomic 30 Days of Night. Mit dem zweiten Sammelband wird der Kosmos um weitere Figuren und von der Hauptstory größtenteils unabhängige Nebenschauplätze erweitert. Wie der Titel „Jenseits von Barrow“ bereits andeutet, ist das kleine Städtchen in Alaska, an dem für einige Wochen die Sonne nicht aufgeht (und das damit der perfekte Aufenthaltsort für die Blutsauger ist), hier nicht mehr von zentraler Natur. Das tut der Marke 30 Days of Night gut und ist besser als ellenlange Fortsetzungen nur um der Fortsetzung willen; dadurch verfällt die Saga aber leider auch ein Stück weit in die Beliebigkeit. Denn von anderen Vampirstories kann man sich nun kaum mehr abgrenzen.

Interessant an diesem zweiten Sammelband sind aber ohnehin der inhaltliche Plotmix und die Unterscheidung der diversen beteiligten Autoren und Zeichner. Wie so oft bei einer Zusammenstellung unabhängiger Miniserien von unterschiedlichen Künstlern gibt es hierbei sowohl Licht als auch Schatten zu konstatieren:

Die erste Geschichte, „Dead Billy Dead“, dreht sich um einen Jungen, der unfreiwillig zum Vampir gemacht wird, einen irren Arzt, der ihn deswegen jagt und einen ehrbaren Cop, der sich auf eigene Faust in die Angelegenheit einmischt. Geschrieben von Steve Niles selbst und mit düsteren, etwas verwaschenen Bildern (nicht unähnlich dem Stil von Ben Templesmith) von Kody Chamberlain, liest sich die Handlung wie ein solide gemachter Thriller mit einigen gut platzierten Schockmomenten.

In „Juarez“, verfasst von Matt Fraction, versucht der schrullige Ex-Privatdetektiv Lex Nova Mädchenmorde aufzuklären. Die Handlung setzt zum Teil auf Comedy und insgesamt auf einen schrägen Handlungsbogen mit noch schrägeren Protagonisten. Immerhin übernimmt Templesmith hier wieder den Zeichenstift und beweist, wie gut er zu 30 Days of Night passt (auch wenn ihm hier die Düsternis von Barrow als Kulisse abgeht).

„Eben & Stelle“ ist eine direkte Fortführung der Geschehnisse aus der ursprünglichen Trilogie. In einer von Niles und Kelly Sue DeConnick (ein kurzes Interview mit ihr findet sich im Anhang der Ausgabe) erdachten Story können wir das weitere Schicksal des ehemaligen Barrower Sheriff-Pärchens verfolgen. Leider ist das Ganze erzählerisch etwas diffus geraten und kann mit Justin Randall nur mit einen Künstler aufwarten, der ebenfalls den Templesmith mimt.

Seite aus 30 Days of Night 2Nach diesen drei durchwachsenen Episoden kommen am Ende des Bandes die echten Highlights. Und das nicht, weil die abschließenden beiden Comics deutsche Erstveröffentlichungen sind. Für „Roter Schnee“ zeichnet Ben Templesmith erstmals sowohl für Text als auch Bild verantwortlich. Die Story spielt 1941 während des Russlandfeldzuges der deutschen Wehrmacht. Trotz des Zeitsprungs ist dies ein Heimspiel für Templesmith, da er im schneeverwehten Osten ein ähnliches Szenario vorfindet wie im eisigen Alaska zuvor. Hier treffen Soldaten verschiedener Nationalitäten auf Vampire. Das Ergebnis ist höchst unterhaltsam und toll umgesetzt.

Zum Ende führt uns Steve Niles als Autor höchstselbst doch nochmal zurück nach Barrow. In „Jenseits von Barrow“ wird das Dorf nach dem Rummel um die Invasion der Blutsauger zum Magnet für abenteuerlustige Touristen. Wie das endet, kann sich jeder denken. Die Erzählung ist nicht wirklich überzeugend, bietet aber neben einigen netten Randaspekten und einer Rückkehr zum ursprünglichen Schauplatz Zeichnungen von Altmeister Bill Sienkiewicz. Allein das ist Grund zum Genießen.

Insgesamt ist zweite Band sehr zu empfehlen. Storytechnisch wie zeichnerisch gibt es Höhen wie Tiefen. Atmosphärisch bleibt sich die Serie aber treu. Über weiteres Material in dieser Form würde ich mich nicht beschweren.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Für Vampir- und/oder Horrorfans unverzichtbar. Der erweiterte Kosmos von 30 Days of Night ist durchaus einen Blick wert.

 

30 Days of Night 2 – Jenseits von Barrow
Cross Cult, Juni 2014
Text: Steve Niles, Matt Fraction, Kelly Sue DeConnick, Ben Templesmith
Zeichnungen: Kody Chamberlain, Ben Templesmith, justin Randall, Bill Sienkiewicz
420 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 39,80 Euro
ISBN: 978-3-86425-042-2
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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

Links der Woche 29/14: Ob groß, ob klein, im Einklang sein, in schönster Harmonie

Unsere Links der Woche, Ausgabe 29/2014:

 

Fin de la zizanie entre Albert et Sylvie Uderzo
Libération, Quentin Girard
Asterix-Miterfinder Albert Uderzo hatte sich wegen des Umgangs mit den millionenschweren Rechten an dem Comic  und seinen Figuren mit seiner Tochter Sylvie überworfen. Über mehrere Jahre hinweg führte man juristische Auseinandersetzungen. Eine davon ging Ende September mit einer Gerichtsentscheidung zu Ende. Und das soll auch die letzte sein: In einer gemeinsamen Erklärung verkündeten Vater und Tochter, dass aller Streit beigelegt sei und alle noch offenen Anzeigen oder Verfahren eingestellt würden. Die grünen Sprechblasen können nun also wieder eingepackt werden. Im oben verlinkten Artikel der französischen Tageszeitung Libération wird die Geschichte des Konflikts anhand ausgewählter Panels aus Asterix-Alben illustriert.

Marvel Settles With Family of Comics Artist Jack Kirby
The New York Times, Brooks Barnes
Auch in den USA endete ein über lange Jahre geführter Rechtsstreit. Die Erben von Jack Kirby, der als Zeichner und kreativer Kopf bei Marvel Comics eine Unzahl jener Superhelden miterfunden hat, die heute für Megaumsätze an den Kinokassen sorgen, stritten gegen Marvel um Copyrights und damit verbundene finanzielle Kompensationen. Zuletzt deutete sich an, dass möglicherweise der Supreme Court, also das höchste Gericht der USA, eine Grundsatzentscheidung in dieser Sache fällen könnte. Ein solches Urteil hätte womöglich weitreichende Folgen für das Urheberrecht haben können, und man vermutet, dass Marvel und sein Mutterkonzern Disney die Unwägbarkeiten des Falls durchaus nervös gemacht haben. Nun haben sich Marvel und die Kirby-Familie geeinigt und legen alle Rechtsstreitigkeiten bei. Über die Details der Vereinbarung ist nichts bekannt, aber man darf annehmen, dass hier durchaus eine stattliche Geldsumme an die Kirby-Erben fließt.

Der deutsche Comickomplex – Extended
Comic-Report, Kristina Auer
In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Alfonz findet sich ein Artikel, der sich unter dem Titel “Der deutsche Comickomplex” mit dem “Comic-Manga-Konflikt” befasst, jenem vermeintlichen oder tatsächlichen Graben, der die deutsche Comicszene in ein Comic- und ein Manga-Lager teilt. Aufhänger dafür sind die missglückten Worte über den Manga TƎN von Martina Peters, mit denen Hella von Sinnen als Moderatorin der Max-und-Moritz-Preisverleihung in Erlangen viel Unmut besonders im Kreis der Mangafans ausgelöst hat. Vom Artikel selbst ist leider nur die erste Seite online, dafür gibt es auf der Comic-Report-Website drei begleitende Interviews, die die Autorin geführt hat: eins mit Hella von Sinnen selbst, die sich komplett missverstanden fühlt, eins mit Melanie Schober, die als Vertreterin der deutschsprachigen Mangaszene erklärt, woher die speziellen Empfindlichkeiten in dieser Community kommen. Und ein drittes mit Andreas Wiedemann, der als Verlagsvertreter für Egmont reis, zuvor auch für Carlsen und Tokyopop tätig war und die Branche seit Jahrzehnten gut kennt. Gerade dieses Interview bietet einige sehr interessante Infos aus dem Nähkästchen eines Brancheninsiders und liefert spannende Einblicke in die Geschichte des deutschen Comicmarktes.

Auf den Grenzen zu Hause
Der Tagesspiegel, Erik Wenk
Ein Bericht über die Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor), die sich mit dem Thema “Grenzen” beschäftigte.

All She Can Eat: Keine Pizza mit Julia Wertz
Missy Magazine, Chris Köver
Chris Köver, Mitherausgeberin des feministischen Popkultur-Magazins Missy,war für ein paar Wochen in New York, wo ihre Artikelreihe “All She Can Eat” entstand. Dafür traf sie interessante Künstlerinnen zu einem gemeinsamen Essen. Eine davon sollte die Comiczeichnerin Julia Wertz sein, bekannt für ihren autobiografischen Webcomic The Fart Party. Das gemeinsame Essen kam nicht zustande, weil Wertz nur einem E-Mail-Interview, nicht aber einem “realen” Treffen zustimmte. Die Absage schmeckte der Autorin nicht, was dann im hier verlinkten Artikel resultierte. Dieser bekam recht viel Online-Gegenwind, in dem Chris Köver vorgeworfen wurde, ein “Nein” nicht akzeptieren zu können und stattdessen einen beleidigten Retourkutschen-Artikel zu veröffentlichen. Siehe dazu auch die Reaktion im Blog von Julia Wertz und den Nachtrag von Chris Köver.

Spektrallichter: Mondlicht
TeMeL
Anfang Juni hatte TeMeL ihren Webcomic Ich putz hier nur nach knapp drei Jahren Laufzeit beendet. Jetzt startet sie eine neue Comicreihe, die ganz anders sein soll als die bisherige, die wie ein klassischer Gagstrip aufgebaut war: “Anderes Seitenformat, anderes Webseitendesign, anderes Layout, anderer Stil, andere Thematiken” lautet die Ansage. Spektrallichter ist eine lose Reihe von in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten, der erste Fünfseiter “Mondlicht” liegt bereits komplett vor.

Onkel Todd
Tanikacomix
Noch ein neuer Webcomic aus Deutschland: In Onkel Todd von der Kölner Zeichnerin Tanikacomix spielt mal wieder der bei Comiczeichnern ziemlich beliebte Sensenmann eine gewichtige Rolle. Hier schlüpft er in die Rolle des Adoptivvaters für zwei Menschenkinder, deren Eltern er im Prolog des Comics aus dem Leben abgeholt hat.

Ball Boy
ballboycomic.tumblr.com, Nana Yaa et al.
Ein schön schräger Sport-Comedy-Manga, der als Kollaboration von sechs Künstlerinnen entstand und auf der Düsseldorfer DoKomi-Convention im Juni 2014 als Handy-Doujinshi angeboten wurde, den man sich mit Hilfe von QR-Codes zusammensammeln konnte. Jetzt gibt’s die komplette Geschichte auch im Web.

Durch die Nacht mit Joann Sfar und Javier Mariscal
Arte +7, Ilka Franzmann
Noch bis zum 12.10. in der Arte-Mediathek komplett ansehbar: Die letzte Sendung der Reihe Durch die Nacht mit …, in der sich jeweils zwei Künstler treffen, um einen Abend lang durch eine Stadt zu ziehen. Schauplatz der aktuellen Ausgabe ist Barcelona, wo der spanische Designer und Animationsfilmer Javier Mariscal (Chico & Rita) auf den Längst-nicht-mehr-nur-Comiczeichner Joan Sfar trifft.

The grammar of comics in the brain
YouTube, Neil Cohn
Der US-Wissenschaftler Neil Cohn beschäftigt sich mit Theorie und Grammatik der Bildsprache, insbesondere in Comics. Sein Aufsatz “The grammar of visual narrative: Neural evidence for constituent structure in sequential image comprehension” in der Zeitschrift Neuropsychologia beschäftigt sich damit, wie wir Bildfolgen lesen und verarbeiten. Kernthese: Man liest nicht einfach nur von Bild zu Bild, sondern bildet zusammengehörende Gruppen von Bildern, wodurch eine Bild-Grammatik entsteht. Der Aufsatz wird hier in einem kurzen Video veranschaulicht:

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Comic Book Heaven
Vimeo, E.J. McLeavey-Fisher
Eine zwölfminütige Kurzdoku über den alteingesessenen New Yorker Comicladen “Comic Book Heaven” und seinen Besitzer Joe Leisner, der den Laden nach 26 Jahren schließt.

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Dead Ends

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Cover vom Zombiecomic Dead EndsEs ist kaum ein halbes Jahr her, dass Zwerchfell seinen großen Erfolgscomic Die Toten aus dem Programm zu Panini ausgegliedert hat, da erscheint wieder ein Zombiecomic bei den Stuttgartern. Neu für den Verlag dabei ist: Dead Ends ist stilistisch ein Manga. Damit stoßen die Zwerchs in bisher unerschlossene Leserkreise vor, nutznießen aber von den vor allem in der Mangaszene bekannten Beteiligten an der Anthologie.

Die vier Geschichten wurden alle geschrieben von Michel Decomain. Für die Zeichnungen der einzelnen schwarz-weiß gehaltenen Erzählungen („Zombieherz“, „Zombie Movie“, „Familientag“ und „Die Blechtrompete“) konnten Marika Herzog, David Füleki, Caro Reich und Martin Geier gewonnen werden. Alle haben schon bei unterschiedlichen großen deutschen Verlagen veröffentlicht. Und diese Erfahrung merkt man auch.

Beispielseite (Marika Herzog) aus Dead EndsInhaltlich steigt die Qualität von Geschichte zu Geschichte. „Zombieherz“ bietet einen interessanten Ansatz, indem aus der Sicht des Zombies erzählt wird. Leider ist das Ende sehr absehbar. „Zombie Movie“ ist ein bisschen albern. Gerade in der ersten Hälfte besticht die Erzählung zwar mit gut ausgearbeiteten Persönlichkeiten („Opfer“ Klaus ist sensationell), flacht allerdings ebenfalls zum Ende deutlich ab. Dann aber kommt mit „Familientag“ ein echtes Highlight deutscher Zombie-Comics daher: Hier wird ein vermeintliches Familienidyll in einer Zombiewelt geschildert und danach fein zerlegt. Der Wahnsinn wird spätestens dann, wenn der zweite Protagonist in den Keller „fällt“, mit dem großen Löffel serviert. Zum Hit wird Dead Ends aber durch „Die Blechtrompete“, denn das Erlebte wird von Anton erzählt, der, schwer krank, in der Zombiewerdung die Chance auf ein langes Leben sieht. Hier stimmt wirklich alles, und trotz des schwierigen Themas besticht die Story durch eine wunderbare Leichtigkeit.

Alle Geschichten überzeugen mit starker Charakterzeichnung, selbst Nebenfiguren (wie der oben erwähnte Klaus) sind gut durchdacht. Man hat jederzeit das Gefühl, Menschen beim Tun und Handeln zu beobachten und kann sich dabei über die Entscheidungen, die sie treffen, genauso freuen wie wundern.

Beispielseite (Martin Geier) aus Dead EndsDie Zeichnungen sind durchweg auf einem mindestens guten Niveau. In der ersten Episode „Zombieherz“ von Marika Herzog kommt noch am ehesten klassisches Manga-Feeling auf, denn Herzog verzichtet häufig auf detailliert ausgearbeitete Hintergründe und setzt stattdessen auf ausdrucksstarke Figuren. Leider bietet sie dadurch den Kritikern Angriffsfläche, die bei Manga immer bemängeln, dass sich diese beiden Auffassungen offensichtlich ausschließen. Denn dass das nicht so sein muss, beweist David „Def“ Füleki in „Zombie Movie“ eindrucksvoll. Da wundert es nicht, dass Def auch über die Grenzen deutschen Mangatums bekannt ist. Und das sollte auch Caro Reich sein, denn sie bebildert die ohnehin starke Geschichte „Familientag“ wunderbar düster und arbeitet den Schrecken, dem die Protagonisten ausgeliefert sind, sehr eindrucksvoll heraus (auch wenn hier und da die anatomische Korrektheit ein bisschen auf der Strecke bleibt). Und auch Martin Geier, der „Die Blechtrompete“ illustriert hat, trägt mit seinen starken Bildern dazu bei, dass die Erzählung einen so positiven Eindruck hinterlässt.

Dead Ends ist nicht nur für Manga-, sondern auch für die Stammleser der Zwerchfellas ein lohnenswertes Lesevergnügen. Denn für Zombies haben die Herren ein sicheres Händchen, hier wird das Thema aus vier sehr unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Schlecht ist zudem keine der Episoden, im Gegenteil bekommt man mindestens zwei sehr gute. Deshalb ist es dem Stuttgarter Indie-Verlag zu wünschen, dass sie mit Dead Ends bei Neu- wie bei Altlesern punkten können. Den Versuch begrüße ich sehr. Und solange ich mit derart guten Geschichten unterhalten werde, können sie’s gerne immer und immer wieder versuchen.  

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein weiterer Zombie-Hit vom Zwerchfell-Verlag, der einmal mehr mit einer ungewöhnlichen Veröffentlichung aufhorchen lässt.

 

Disclosure/Offenlegung: Michel Decomain ist u. a. Redakteur bei Comicgate, Till Felix hat bereits bei Zwerchfell veröffentlicht.

 

Dead Ends
Zwerchfell, September 2014


Text: Michel Decomain
Zeichnungen: Marika Herzog, David Füleki, Caro Reich, Martin Geier
160 Seiten, schwarz-weiß, Softcover

Preis: 12 Euro

ISBN: 978-3-928387-19-1

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Abbildungen © Zwerchfell Verlag und Marika Herzog, Martin Geier

Cross Fire 1 – Operation Judas

Cover Cross Fire 1Wenn man sich so das Cover ansieht, fühlt man sich nicht sonderlich angesprochen. Was soll das denn sein? Ja, es verspricht eine typische Actionstory zu werden, wenn wir hier zwei Personen sehen, die jeweils eine Waffe in den Händen halten. Aber das ist dermaßen mittelmäßig, dass man nicht sagen kann, wohin die Richtung geht. Das Cover gibt keine Orientierung ist somit eher misslungen. Was man von der eigentlichen Serie nicht sagen kann. Auf keinen Fall sollte man sich vom Titelbild ablenken oder gar abschrecken lassen. Beim Blick auf die Albentitel der Folgebände („Im Geheimdienst Ihrer Heiligkeit“, „Sterben und leben lassen“, „Gottfinger“) ist unschwer zu erkennen, dass diese sich auf James-Bond-Filme bzw. die Romane beziehen und diese deutlich zitieren. 

Der Vatikan unterhält einen Geheimdienst, der dafür zuständig ist, Schriftrollen und Artefakte zu bergen, welche die Stellung der katholischen Kirche gefährden könnten. Als die Möglichkeit besteht, dass ein verschollenes Testament doch existiert, läuten die Alarmlocken und die Gruppe um die Archäologin D’Agostina macht sich bereit. Doch sie braucht dringend einen neuen Schutz, und da kommt ausgerechnet ein junger Mann ins Spiel, der für die Mafia arbeitet. Können sie sich rechtzeitig zusammenraufen, um gegen eine geheime Gruppierung zu bestehen, die keinerlei Skrupel kennt?

Seite aus Cross Fire 1Cross Fire bietet sogar weit mehr als nur humoristische Action und Zitate. Es ist zwar richtig, dass sich die Serie, bislang jedenfalls, aus vielen bekannten Versatzstücken zusammensetzt, aber das macht durchaus Laune und in der Zitierfreudigkeit ist keine Pose, sondern eine Liebe zum Genre zu entdecken. Da ist zum einem natürlich 007. Neben den Titeln und der Tatsache, dass die Helden zu einem Geheimdienst gehören, gibt es noch einen Waffenschmied, der sich Kyu nennt. Also die Lautmalerei zu Q.

Dass die junge und attraktive Archäologin des Teams dafür zuständig ist, Artefakte zu sichern, weckt natürlich Assoziationen zu Tomb Raider. Da es aber auch noch um Kirchengeheimnisse, Templer und verbotene Schriften und Symbole geht, werden auch deutlich die kirchenkritischen, paranoiden Verschwörungstheorien eines Dan Brown geschickt mit eingewoben. Aber es reicht nicht nur, Zitate zu bringen, denn die Story an sich muss auch funktionieren (wie das schief gehen kann, kann man übrigens gut bei den neueren Mini-Serien von Danger Girl beobachten). Der dauerhaft ironische Unterton sorgt jedenfalls im Verbund mit den Anspielungen für ein permanentes Grinsen im Gesicht des Lesers. Dafür sorgen auch die vielen kleinen grafischen Einfälle, wenn etwa das bekannte „I want to believe“-Poster abgewandelt wird und statt einem Alien das Jesus-Gesicht vom Turiner Grabtuch zu sehen ist. Diese Ironie und der deutliche Witz (herrlich: die Szene mit den Touristen in einem alten Wasserkanal) kontrastieren dabei mit der Gewalt, die man durchaus ernst zu nehmen hat, und die an sich zum Glück ironiefrei erzählt wird und somit nichts verharmlost.

Die Idee und die Versatzstücke sind also nicht neu, machen aber Laune. Zusätzlich gibt es noch Potenzial, da ein Mafioso als Agent dient und somit einige wunderschöne Gags in petto liegen. Zudem ist der Actionanteil auf dieser Jagd rund um den Erdball dynamisch und rund gestaltet. Da bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass der sehr interessante MacGuffin nicht als reines Zielobjekt behandelt wird, sondern inhaltlich eine Rolle spielen wird. Jedenfalls gehört dieser Serienauftakt zu denjenigen, nach denen man sofort die nächsten Teile lesen will. Weiter so.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Ein Serienauftakt, nach dem man sofort die nächsten Teile lesen will.

 

Cross Fire 1: Operation Judas
Splitter Verlag, Juli 2014
Text: Jean-Luc Sala
Zeichnungen: Pierre-Mony Chan
Übersetzung: Swantje Baumgart
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80
ISBN: 978-3-86869-746-9
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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Das falsche Geschlecht

Cover Das falsche Geschlecht Die gemeinsame Lebensgeschichte von Paul Grappe und Louise Landy liest sich in ihrer Verdichtung wie ein typisches Stück aus der Boulevardpresse, eine kuriose Story um einen Mann in Frauenkleidern, voller Sex, Alkohol und Gewalt. In ihrem mit dem Publikumspreis von Angoulême ausgezeichneten Comic Das falsche Geschlecht wirft die Comicautorin Chloé Cruchaudet nun einen alles andere als reißerischen Blick auf dieses ungewöhnliche Paar, das sich im Paris der Belle Époque kennen und lieben lernte. Basierend auf wahren Begebenheiten, aber vor allem mit viel erzählerischem Talent schafft die Zeichnerin so ein zurückhaltendes und bewegendes Drama, das sich zugleich als eindringliche Gesellschaftskritik verstehen lässt.

Dass Paul und Louise anders sind, wird bereits auf den ersten Seiten deutlich. Im Jahr 1911 treffen sich die beiden bei einem Tanzabend und begegnen sich gleich auf Augenhöhe. Auf die Konventionen ihrer Zeit, die Ratschläge der besorgten Mütter sowie die aufgesetzten Benimmregeln, wie sich denn nun dem anderen Geschlecht gegenüber zu verhalten sei, pfeifen die jungen Leute bei ihrer Annäherung einfach. Cruchaudet setzt den Frischverliebten und ihrer Unangepasstheit mit einer Doppelseite, auf der ein ausgelassener Tanz auch nur den Gedanken an ordnende Panels völlig durcheinander wirbelt, ein sinnliches Denkmal. Doch das unbeschwerte Dasein nimmt ein jähes Ende, als Paul kurz nach der Hochzeit zum Kriegsdienst einberufen wird und sich plötzlich in den dreckigen und von Blut getränkten Schützengräben des Ersten Weltkrieges wiederfindet. Um dem Horror des Frontkrieges zu entkommen, beschließt Paul zu desertieren. Zwar gelingt ihm die Flucht zurück nach Paris, doch als Fahnenflüchtigem droht ihm dort die Todesstrafe. Völlig verzweifelt lässt Paul sein altes Ich verschwinden – und verwandelt sich mit Louises Hilfe, etwas Make-up und passenden Kleidern in „Suzanne“.

Seite aus Das falsche Geschlecht Von den vielen überlieferten Anekdoten aus dem Leben von Paul/Suzanne und Louise beschränkt sich Cruchaudet vor allem auf das Eheleben ihrer Protagonisten und zeichnet so das intime Portrait einer Beziehung abseits der Norm. Dabei wird aber auch immer die politische Dimension des Privaten spürbar: Besonders die Rahmenhandlung, die sich in Form eines Gerichtsprozesses um die eigentliche, weiter in der Vergangenheit zurückliegende Geschichte legt, gibt tiefe Einblicke in die Abgründe einer heteronormativen Gesellschaft, die sexuelle Abweichungen und Uneindeutigkeiten nicht akzeptieren will und sogar bestraft. Die nicht immer sympathischen Hauptfiguren wirken indes in Cruchaudets Zeichnungen mit ihren dünnen, durchlässigen Konturen vor den oftmals bedrohlichen Hintergründen aus schwarzer Tusche und Graphit auf einnehmende Weise verletzlich. Und auch anhand der Panelstruktur versteht es die Autorin, die Umstände und Bedingungen, unter denen Paul und Louise leben, sichtbar zu machen: Im Krieg färben sich die Räume zwischen den Einzelbildern pechschwarz und durchziehen wie Schützengräben die Seiten, während sich die Panels bei Suzannes erotischen Ausflügen in den Stadtwald in weichen Kurven aneinander schmiegen.

Am bitteren Ende von Das falsche Geschlecht scheint die gesellschaftliche Ordnung, die allein in der Existenz von jemandem wie Suzanne eine Bedrohung zu wittern scheint, wieder hergestellt. Doch mit einer letzten Pointe, die entscheidend von den realen Geschehnissen abweicht, gelingt es Cruchaudet, einen unversöhnlichen und gerade deshalb hoffnungsvollen Ausgang für ihre Geschichte zu finden.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Ein bewegendes Drama über eine Liebe abseits der Norm, das mit treffender Gesellschaftskritik wie mit erzählerischer Raffinesse gleichermaßen überzeugt.

 

Das falsche Geschlecht 
Avant-Verlag, August 2014 
Text und Zeichnungen: Chloé Cruchaudet
Übersetzung: Marc André Schmachtel und Sahar Rahimi.
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,95 Euro
ISBN: 978-3-945034-08-8
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Abbildungen: © Chloé Cruchaudet, der dt. Ausgabe: Avant-Verlag

Zweite Generation

Cover Zweite Generation1988 ereignete sich in Michel Kichkas Leben eine Familientragödie, als sich sein kleiner Bruder Charly im Alter von knapp 30 Jahren das Leben nahm. Ein Freund tröstete ihn und meinte, Charly sei „noch ein Opfer der Shoah“. Er spielt damit auf das Syndrom der zweiten Generation an: Das Trauma der Überlebenden der Shoah wurde demnach an die Kinder weitervererbt, was einer sekundären Traumatisierung nahekommt. Charly ist an dieser familiären Last zerbrochen.

Michel Kichkas Eltern waren Opfer der Judenverfolgung in Nazideutschland; der Vater, Henri Kichka, war in Auschwitz und hat dort Ungeheuerliches erlebt, die Mutter Lucia konnte der Deportation durch die Flucht ihrer Familie in die Schweiz entgehen. Der Mutter war es Zeit ihres Lebens unangenehm, weniger gelitten zu haben als der Vater.

Henri Kichka etablierte sich nach dem Krieg als Zeitzeuge für das ehemalige Lager Auschwitz und schrieb eine vielbeachtete Monografie, gegenüber seiner Familie jedoch blieb er sonderbar und schwierig. Unter den Nazis musste er Schmerzen und Krankheiten unterdrücken, was ihn in seinem weiteren Leben zu einem Nörgler und Querulanten werden ließ – nie wieder wollte er sich den Mund verbieten lassen. Ihm wurde die Möglichkeit genommen, seine Begabung an der Schule auszuleben, deshalb mussten seine Kinder stellvertretend für ihn gute Leistungen erbringen und Karriere machen.

Seite aus Zweite GenerationEmpathie bei kleineren Verletzungen und ähnlichen Unannehmlichkeiten konnten die Kinder jedenfalls kaum einfordern, denn was waren ihre Wehwehchen schon gegenüber jemandem, der die Todesmärsche überlebt hatte? Wahrscheinlich wusste der Vater selbst, welche Bürde er seinen Kindern auferlegt hatte und schickte sie daher ins Internat, dennoch hing das jüdische Trauma gleich einer schwarzen Wolke über jedem der vier Kichka-Kinder und prägte auch deren Leben.

Michel Kichka hat diese Lebenserfahrung nun in Form eines Comicromans aufgezeichnet. Ursprünglich wollte er warten, bis der Vater gestorben wäre, um ihn nicht zu kränken. Eine Freundin jedoch riet ihm im Gegenteil, es rechtzeitig zu zeichnen, damit der Vater es noch lesen könne. Das ist ihm geglückt: Henri Kichka wird demnächst 90 Jahre alt. Der Comic hat dem Verhältnis zwischen den beiden gutgetan.

Die Monströsität von Art Spiegelmans Maus, dem wohl nach wie vor wichtigsten und besten Comic über die Shoah, sucht man in Die Zweite Generation vergeblich, auch wenn Michel Kichka immer wieder eindringliche Bildkompositionen gelingen. Michel Kichka zeichnet in einem weitaus gefälligeren Stil, der einen spontan an Émile Bravo erinnert. Das entspricht durchaus dem Inhalt, denn während Art Spiegelman den Horror der Lager so direkt und unmittelbar wie möglich evoziert, bleibt Michel Kichka stets nah an seinem ganz persönlichen Erfahrungshorizont und vermeidet es, zu tief in den Abgrund hineinzusehen. Die paar Mal, wo er dennoch das Grauen abzubilden versucht, wirkt dieses dann auch auf befremdliche Weise niedlich; aber so ist das eben, wenn man die Judenvernichtung im Stil eines Semi-Funnies abbildet. Der Aufrichtigkeit der Darstellung tut dies allerdings keinen Abbruch.

 

Wertung: 10 von 10 Punkten

Aufrichtige Darstellung eines unbequemen Themas, sehr ansprechend umgesetzt.

 

Zweite Generation. Was ich meinem Vater nie gesagt habe
Egmont Graphic Novel, April 2014
Text und Zeichnungen: Michel Kichka
Übersetzung: Ulrich Pröfrock
112 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3770455058
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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Egmont Verlag

Deadline

Cover DeadlineAutor Laurent-Frédéric Bollée (XII Mystery, Die 13 Gebote) und Zeichner Christian Rossi (W.E.S.T., Der Planwagen des Thespis) legen mit Deadline einen interessanten Einzelband vor. Sie erzählen die Geschichte von Lous Paugham, der im Jahr 1901 späte Rache am ehemaligen US-General John C. Lester nimmt. Mit dieser Tat beginnt der Comic unvermittelt. Erst im Anschluss daran wird der Hintergrund aufgearbeitet.

Wir sehen Paugham als jungen Konföderierten, der 1864 während des Sezessionskrieges gedient hat. Unter Lesters Regiment wurde er abgestellt, die nächtliche Bewachung einer Gruppe gefangener Unionssoldaten zu übernehmen. Dabei handelt es sich um ein Gefängnis unter freiem Himmel, dessen Grenze durch eine Linie im Boden markiert wird. Wer diese überschreitet, wird sofort erschossen.

Unter den Sträflingen befindet sich auch ein einzelner Schwarzer, der die Demütigung durch die Konföderierten mit stoischer Ruhe erträgt. Lester und ein Kollege, die später zu wichtigen Figuren des Ku-Klux-Klans heranreifen sollten, beschließen, den schwarzen Soldaten heimlich zu beseitigen. Ein Vorhaben, das beim unsicheren Louis Paugham für einen Schock sorgt. Denn bereits beim ersten Blick auf den Schwarzen war er von diesem fasziniert.

Paughams Motive lassen sich indes in seine Kindheit zurückführen, in der er zwischen der Ermordung seiner Eltern und einem vehement für die Rechte der Schwarzen eintretenden Adoptivvater aufwuchs und eine verstörende Hassliebe zu den damaligen Sklaven aufbaute. Diese Erfahrungen lassen ihn als jungen Soldaten schließlich ohnmächtig werden im Angesicht des brutalen Rassismus.

Seite aus DeadlineIn dieser Hinsicht bietet dieser Comic ein anschauliches Porträt eines Mannes, dessen innerer Zwiespalt mit viel Feingefühl dargereicht wird. Die Handlung kommt zu einem runden und nachvollziehbaren Ende. Nur etwas mehr Raum hätte man sich für die Erzählung insgesamt gewünscht. Denn die einzelnen Szenen sind schnell abgehandelt und lassen noch viele Lücken in Paughams Lebenslauf.

Christian Rossi bebildert das Album hervorragend. Auch wenn die Story kein klassischer Western ist, sondern man hier eher von einem Drama vor historischer Kulisse sprechen könnte, lebt Deadline von seiner authentischen Western-Atmosphäre. Rossi gelingt es, den Leser direkt ins Amerika des ausklingenden 19. Jahrhunderts zu versetzen. Viele Details an den Figuren, tolle Hintergründe und eine dezente Aquarellkolorierung sorgen dafür, dass dieser Band bei vielen wohl schon beim ersten Durchblättern für Begeisterung sorgen dürfte. Und obendrauf gibt’s am Ende noch acht Seiten zusätzliches Skizzenmaterial.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Starkes, in sich geschlossenes Western-Drama, das durch mehr Länge vielleicht noch besser hätte glänzen können.

  

Deadline
Splitter Verlag, Juli 2014
Text: Laurent-Frédéric Bollée
Zeichnungen: Christian Rossi
Übersetzung: Tanja Krämling
80 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 17,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-733-9
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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag