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Das verlorene Land

Cover Das verlorene LandBei dem 264 Seiten dicken Band Das verlorene Land handelt es sich um die Gesamtausgabe der Serie. Sie beinhaltet alle vier Einzelabenteuer, die alle schon einmal in Deutschland erschienen sind, aber nun in einer schönen Edition komplett vorliegen. Einen redaktionellen Teil, der Hintergründe und Geschichte der Serie beleuchtet, wie man es von anderen Gesamtausgaben her kennt, gibt es zwar nicht, aber dafür sind im Anhang noch einige Skizzen und Illustrationen zu sehen, was sich bei einem Zeichner wie Grzegorz Rosinski immer lohnt. Das verlorene Land ist ein moderner Klassiker zweier Superstars der Comicwelt, die jeweils prägend waren und immer noch sind. Autor Jean Dufaux hat an Produktivität noch lange nichts eingebüßt und Rosinski und sein Stil haben viele neuere Zeichner beeinflusst. Das Zusammenspiel dieser beiden kann also gar nicht scheitern und tut das auch nicht.

Dabei fängt alles sehr unspektakulär an, mit altbekannten Elementen und Konstellationen: Sioban ist eine junge Prinzessin, deren Vater vor einiger Zeit während einer Schlacht gefallen ist. Um die Sicherheit des Reiches zu gewährleisten, heiratet Siobans Mutter den Bruder ihres Mannes, Blackmore, der allerdings alles andere als gute Absichten hegt und schwarze Magie betreibt. Um das Reich in seine Fänge zu bekommen, plant er Sioban loszuwerden. Doch diese ist offensichtlich das Subjekt einer Prophezeiung und gewinnt mächtige Verbündete, die nicht alle von dieser Welt sind.

Seite aus Das verlorene LandAuf den ersten Blick hin bedient sich die Story klassischer Elemente aus Hamlet (die Witwe heiratet den Onkel des Heros, was zu psychischen Konflikten führt) und ganz viel aus der Artus-Saga und man befürchtet schon, dass sich die Autoren auf den Klischees und den Sagenelementen ausruhen werden. Andererseits ist das typisch für Dufaux, der auch ausgelutschten Genres und Themen immer wieder auch neue und manchmal gar subversive Aspekte abringen kann, ohne damit das Genre an sich neu zu erfinden oder zu dekonstruieren. Er bedient sich einfach auf geniale Art und Weise der Stilmittel des jeweiligen Genres und lässt diese dann in die Leere oder in eine unerwartete Richtung laufen. Auch hier werden bekannten Versatzstücken immer wieder ungewöhnliche Aspekte abgerungen.

Da wird die klassische Mythologie vermischt mit Fantasy und klassischen Rittersagen und wirkt doch immer noch frisch, was auch daran liegt, dass man um die Figuren wirklich bangt. Besonders in der zweiten Hälfte, in der allerdings gegen Ende ein bisschen zu sehr „deus ex machina“ betrieben wird, fürchtet man wahrlich um die Heldin. Auf den letzten Seiten wird sie zwar zu einer Art Christusfigur stilisiert, besiegt damit aber die alten Götter und die Magie und läutet demnach die Neuzeit ein. Ein Thema, das auch in der Artussage zentral ist, die hier häufiger zitiert wird. Denn die Suche nach dem Gral, welcher hier nicht vorkommt, ist mit einer Erlösung gleichzusetzen, die auch hier erstrebt wird, ebenso wie die Ablösung des heidnischen Glaubens durch das Christentum. Gerade letztere Aspekte spielen hier eine wesentliche Rolle. Auch andere Elemente der Artussage sind deutlich wiederzuerkennen, wie etwa die Zeugung einer Hauptperson, indem der spätere Vater durch Magie ein anderes Aussehen annimmt und somit Uther Pendragon, dem Vater King Arthurs, ähnelt.

Dabei beeindruckt besonders der detailreiche Strich von Rosinski, denn er kann wie auch in Thorgal eine Welt erzeugen, in der man alle verschiedenen, sich eigentlich ausschließenden Elemente glaubt und alles harmonisch wirkt. Dabei ist der selten auftauchende Witz vor allem den Zeichnungen zu verdanken, die gleichzeitig eine Art Verklärung schaffen, dabei aber auch Horrorelemente einbauen können.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Ein moderner Klassiker, der sich lohnt immer wieder gelesen zu werden.

 

Das verlorene Land
Splitter Verlag, September 2014
Text: Jean Dufaux
Zeichnungen: Grzegorz Rosinski
Übersetzung: Jean-Marie Garnier, Ludwig Webel
264 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 44,80

ISBN: 978-3-86869-723-0
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

 

James Joyce – Porträt eines Dubliners

Cover James JoyceHeilige Grammatik der Comics! Comics müssen heutzutage einfach einen Mehrwert haben. Stets müssen sie sich die Frage gefallen lassen, weshalb sie Comics sind und nicht als Buch auf die Welt gekommen sind. Und wehe dem Comic, der in Worten erklärt, was bereits im Bild zu erkennen ist.

Deshalb müssen zumindest visuelle Kriterien erfüllt werden, und nicht selten greift man dazu in die Trickkiste der Kindercomics und der Witzzeichner, denn dort werden seit jeher die Codes vordefiniert, die Comic und Graphic Novel so unvergleichlich comichaft wirken lassen: Wut erkennt man ohne Worte an der schwarzen Wolke, Delirium am Wirbel überm Kopf. Wird einem Lausbub der Hosenboden strammgezogen, sieht man an entsprechender Stelle Sterne; und Verliebtheit wird in aller Regel mit umherfliegenden Herzchen gezeigt.

Seite aus James JoyceAlfonso Zapico gibt sich in seinem prallen biografischen Comicbuch über James Joyce alle Mühe, die Darstellung wie einen Comic wirken zu lassen: Die Bilder sind realistisch, aber trotzdem zur klaren Linie stilisiert, die Figuren mit wenigen Linien entworfen und trotzdem charaktervoll in ihrer Mimik. Emotionen werden, wann immer es angebracht ist, mit bereits erwähnten zeichenhaften Verkürzungen dargestellt und auch äußere Indikatoren wie Sonne oder Regen werden trefflich eingesetzt, um Atmosphäre zu erzeugen. Diese Elemente sind aber auch notwendig, denn über weite Strecken ist James Joyce tatsächlich sehr altmodisch geraten.

Ganz konventionell erzählt Zapico das Leben von James Joyce (1882 – 1941) nach – und er ist dabei gründlich. Die dadurch entstehende Konzentration der Ereignisse erfordert aber zwangsläufig erklärende Texte und so erhält man über viele Seiten hinweg eine recht prosaisch nacherzählte Biografie, nur eben illustriert. Das ist solide, aber eben auch sehr, sehr klassisch. Glücklicherweise unterbricht Zapico dieses Schema, wann immer sich eine Gelegenheit ergibt. Gerade in diesen Szenen zeigt sich die erzählerische Versiertheit Zapicos, denn der Wechsel zwischen Faktenvermittlung und oft humorvollen Episoden erfolgt ohne Brüche und wirkt bis ins Detail gut recherchiert. Herrlich beispielsweise sind die Szenen, in der Joyce seine spätere Frau Nora anschmachtet und ihr dabei völlig unverblümt unter die Nase reibt, wie er mit seinem Saufkumpan durch die Bordelle gezogen ist. Und auch die Szene, in der Nora und Joyce in Straßenkleidung am Strand stehen und sie ihm im Stehen einen runterholt, lässt die Figuren bei aller Geilheit unschuldig wirken, dass es eine Freude ist.

Seite aus James JoyceAber ist James Joyce nicht ein viel zu akademischer Gegenstand, als dass man ihm in Form eines Comics gerecht werden könnte? Ich finde nicht – und in Zapicos Comic findet sich eine entsprechende Äußerung Joyces, die ihn ein ganzes Stück von der akademischen Welt entfernt. Auf die Frage eines Interviewers, ob sein letztes, unzugängliches Werk Finnegan’s Wake einen verborgenen Sinn habe, meint Joyce, dass das Buch den Leser eigentlich nur zum Lachen bringen solle und dass er hoffe, die Kritiker wären die nächsten 300 Jahre damit beschäftigt, alle vermeintlichen Rätsel des Buchs zu entschlüsseln. War er vielleicht doch nur ein Scharlatan, der seine Bewunderer mit allerhand Tricks über den Tisch zog? Aber gerade Joyce, der Ironiker, beschrieb die Welt natürlich aus einem ganz speziellen Blickwinkel, und dieser ist, unabhängig aller Rätsel, die Joyce der Welt hinterließ, von grenzüberschreitender Faszination.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Überzeugende Mischung aus Fakten und Anekdoten. Altmodisch im besten Sinne und wunderschön gemacht.

James Joyce – Porträt eines Dubliners
Egmont Graphic Novel, Mai 2014
Text und Zeichnungen: Alfonso Zapico
Übersetzung: Sibylle Schellheimer
232 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 19,99€
ISBN-13: 978-3770455065Titel: 
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Egmont Graphic Novel

Nirvana

Cover Nirvana 1In nicht allzu ferner Zukunft überschwemmt eine neuartige Droge die Zivilisation. Nirvana ist ihr Name und sie ist die erste „quantische Droge“, das heißt dass sich nach ihrer Einnahme die Molekularstruktur des Menschen ändert. Hurley Judd, ehemals ein stinknormaler Archivar, hat vor Kurzem seine Frau an Nirvana verloren. Wohin diese genau verschwunden ist, ist unklar. Aus diesem Grund heuert Judd als Narco-Bulle an, der die Spur der Droge hin zu ihrem Schöpfer, dem ominösen Shamash, verfolgen soll.

Tatsächlich handelt er jedoch ziemlich eigenmächtig. Judd, selbst positiv auf Nirvana getestet und eigentlich unter der ständigen Beobachtung seiner Roboterkollegen, ist plötzlich nicht nur im Besitz der DNA eines schwulen Sportlers, sondern auch eines mächtigen Kampfanzugs. Mächtig genug, um im rauschartigen Zustand zum Heimatplanet Sharashs zu fliegen und seine Frau ausfindig zu machen.

Der vorliegende Doppelband enthält beide Alben des Zweiteilers von Autor Jean-Luc Istin (Die Druiden, Elfen, Götterdämmerung) und Zeichner Arnaud Boudoiron (Herzfresser). Der zweite Teil der Erzählung berichtet (nach einem Zeitsprung und einem völlig veränderten Setting) von den langfristigen Folgen, die die Einführung der Droge Nirvana nach sich zog. Wir sehen ein abstürzendes Raumschiff, das auf dem Planeten Equinox Schiffbruch erleidet. An Bord sind einige junge Menschen, die von einem Killerandroiden, einem sogenannten Blaster, verfolgt werden. Diese wurden geschaffen, um Nirvana-Konsumenten gezielt zu liquidieren. Allerdings ist dieses Vorhaben völlig aus dem Ruder gelaufen, da auch die Kinder der Nutzer aufgrund der vererbten Rückstände im Körper als solche von den Blastern wahrgenommen und verfolgt werden. Istin berichtet hier also von der Flucht der Menschheit vor ihrer eigenen Schöpfung, von der Unschuld der zweiten Generation.

Seite aus Nirvana 1Die Handlung zergliedert sich demnach in zwei Bereiche, zwischen denen nicht nur ein Zeitsprung steht, sondern auch ein stilistischer Cut, nach dem fast komplett neue Figuren und Szenarien eingeführt werden. Während man im ersten Teil einen actionreichen Sci-Fi-Krimi im futuristischen Ambiente mit einem Iron-Man-artigen Cop auf einem Trip bestaunen kann, konterkariert der zweite Abschnitt des Comics diesen Ansatz mit nachdenklichem Überlebenskampf auf einem unwirtlichen Planeten und philosophischen Kernfragen.

Die Verbindung zwischen beidem ist nicht brillant gelöst, aber mit dem krassen Stilbruch im Hinterkopf zumindest sehr mutig. Etwas mehr Länge hätte der Serie jedoch gut getan, denn in nur zwei Alben erzählt, wirkt Nirvana doch allzu komprimiert.

Insgesamt bietet der Band überdurchschnittliche Sci-Fi-Kost, gerade weil die Story mit all ihren verwirrenden Versatzstücken (unter anderem auch noch einem gestaltwandelnden Kopfgeldjäger) keine Standardware ist. Dazu ist sie mit Boudoirons Zeichnungen überaus ansprechend bebildert.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Unkonventioneller Sci-Fi-Trip mit Mut

  

Nirvana
Splitter Verlag, Oktober 2014
Text: Jean-Luc Istin
Zeichnungen: Arnaud Boudoiron
Übersetzung: Marcel Le Comte
120 Seiten, faribig, Hardcover
Preis: 22,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-731-5
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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche 31/14: Ein Festival der Liebe soll unser Leben sein

Unsere Links der Woche, Ausgabe 31/2014:

 

Eurocomics – Netzwerk europäischer Comic-Festivals gegründet
Comic-Salon Erlangen
Der Comic-Salon Erlangen verkündet die Gründung eines eurpäischen Verbunds von Comicfestivals, dem er natürlich auch selbst angehört. Neben dem Salon besteht „Eurocomics“ – European Comic Festivals Association (ECFA) aus den Festivals von Lodz (Polen), Amadora (Portugal), Turnhout (Belgien) und Neapel (Italien), weitere können beitreten, wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Neben Erfahrungsaustausch und Kooperationen soll es auch konkrete gemeinsame Projekte geben, so zum Beispiel eine Ausstellung, die bereits jetzt beim gerade eröffneten Comicfestival von Amadora zu sehen ist: Darin stellt jedes der beteiligten Festivals seine aktuellen Preisträger für das Beste Comicalbum vor.

Lorbeer für Comiczeichner
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus
Die neu gegründete britische Organisation “Comics Literacy Awareness” (CLAW) hat ihren ersten “Comics Laureate” berufen: Watchmen-Zeichner Dave Gibbons soll in Schulen und auf Bildungsveranstaltungen auftreten und zur Leseförderung durch Comics beitragen. Andreas Platthaus erklärt, worauf das Amt des Laureaten, das eine lange Geschichte hat, zurückgeht.

LastMan – Episode 1 (Season 1)
Reprodukt Blog, Bastien Vivès, Balak, Michaël Sanlaville
Demnächst erscheint bei Reprodukt der erste Band der französischen Serie LastMan, ein Martial-Arts-Comic von Bastien Vivès, Balak und Michaël Sanlaville, der sich als Hommage an Actionmanga und Computerspiele versteht. Auf dem Blog des Verlags wird man die Story auch online lesen können: Die ersten 17 Seiten wurden letzte Woche veröffentlicht, weitere werden in Kürze folgen. Mit dieser Form der Vorab-Veröffentlichung im Netz experimentieren nach und nach etliche Verlage, in Deutschland ist das bislang vor allem Tokyopop mit seinen Online-Manga.

Tim Burtons Batman – Comicspektakel mit Pioniergeist
Moviepilot, Rajko Burchardt
Noch einige Jahre, bevor Hollywood vom Boom der Superheldenfilme erfasst wurde, schuf Tim Burton mit seinem Batman-Film einen “Sommerhit, der seinen Widerspruch aus künstlerischer und kommerzieller Ambition noch heute in sich trägt”. Rajko Burchardt erinnert in seinem lesenswerten Text zum 25-jährigen Jubiläum des Films an dessen von vielen Schwierigkeiten begleitete Produktion und Rezeption.

Action Comics #1 – Verify CGC Certification
CGC Comics
Vor zwei Monaten wurde über eBay eine sehr gut erhaltene Ausgabe von Action Comics #1 aus dem Jahr 1938, dem ersten Auftritt von Superman, für mehr als 3 Millionen US-Dollar verkauft. Die Certify Guaranteed Company, die Zustandsbewertungen von solch teuren Sammlerstücken erstellt, hat dieses Exemplar nun digitalisiert und stellt es online zur Verfügung.

Marvel artists walk through the creation of kickass fight sequences in comics
A.V. Club, Oliver Sava
Ein schöner, ausführlicher Making-Of-Beitrag zeigt an drei Beispielen, wie eine Kampfszene in einem Marvel-Comic entsteht. Für jeweils eine Seite aus den aktuellen Marvel-Serien All-New Ghost Rider, Moon Knight und Secret Avengers werden die einzelnen Abeitsschritte vom Skript bis zur fertigen Seite gezeigt, dazu gibt es Statements der Zeichner und Koloristen.

Manga-filled apartments — foreigners only need apply
Nikkei Asian Review
In Tokio wird man demnächst in “Manga-Appartments” übernachten können. Die japanische Firma Slow Curve hat mehrere Wohnungen gekauft, die sie nicht nur mit Möbeln, sondern auch mit umfangreichen Mangabibliotheken ausstatten will. Ausländische Besucher (nur an diese dürfen diese Appartments vermietet werden) können sich dann ausgiebig in japanische Comics vertiefen.

 

Alans Kindheit

Cover Alans Kindheit „Sie möchten also, dass ich von meiner Kindheit in Südkalifornien erzähle?“, vergewissert sich der Titelheld und Erzähler Alan Cope gleich zu Beginn dieses biografischen Comics. Und zumindest der französische Zeichner Emmanuel Guibert wird diese Frage wohl vorbehaltlos bejaht haben, denn schließlich widmet Guibert seinem amerikanischen Freund mit Alans Kindheit bereits den zweiten Comicband. Nachdem Cope in Alans Krieg (2010) seine Erlebnisse als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg schildern durfte, berichtet der mittlerweile verstorbene Amerikaner hier nun von seiner Kindheit in den 1930ern. Erneut illustriert der durch die Comicreportage Der Fotograf (2008) bekannt gewordene Guibert dabei auf der Basis von zahlreichen Interviews und Fotografien ein Stück Lebens- und Zeitgeschichte mit seinen mal detailverliebten, mal beinahe abstrakten Tuschezeichnungen.

Guiberts herausragendes künstlerisches Talent und seine Fähigkeit, Alan Copes Erinnerungen zwischen anschaulicher Rekonstruktion und poetischer Leere einen Raum zur Resonanz zu bieten, vermag wie schon im Vorgänger Alans Krieg durchaus zu faszinieren. Doch ebenso lässt sich bemängeln, dass der Comicautor wieder zu nah an den Worten seines Protagonisten bleibt. Denn weder was Alan Cope zu erzählen hat, noch die Art, wie er das tut, ist für sich genommen sonderlich interessant oder erhellend. Es ist mehr ein Katalog an banalen Anekdoten als eine Geschichte, die Cope über den Comic mit der Welt teilt, und Guibert scheint keinerlei Interesse daran zu haben, diese Aneinanderreihung von Trivialitäten aufzubrechen oder auch bloß zu einer einnehmenden Erzählung zu verdichten. Die stimmungsvollen Zeichnungen, die meist von Massen an Text begleitet werden, verkommen in diesem Kontext fast schon zu Beiwerk, das den Schwall an Worten lediglich angemessen bebildert, statt zu eigenen Entdeckungen einzuladen.

Seite aus Alans Kindheit Als Gegenentwurf zu typischen Genrestoffen oder all den Comics, die ihre Relevanz vor allem durch die Wahl von „großen“ Themen wie Krieg und Krankheit behaupten, bietet Alans Kindheit sicherlich eine reizvolle Alternative. Durch die Verweigerung einer sinnstiftenden Handlung sowie einer von Abschweifungen und Auslassungen geprägten Dramaturgie entstehen zudem vielversprechende Freiräume. Dass solche Freiräume aber nicht nur als Gefäße dienen können, die die Leser dann mit eigenen Erfahrungen füllen, wie Christian Maiwald auf Dreimalalles bemerkte, sondern für Comicautoren ein Anlass sein können, das Medium mit neuen Impulsen zu versehen, dieses Potenzial bleibt mit Alans Kindheit leider ungenutzt.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Ein großartig gezeichneter Comic, der das Potenzial seiner Erzählung verschenkt und sich auf banale Alltagsbeobachtungen beschränkt.

 

Alans Kindheit – Kalifornien in den Dreißigerjahren
Edition Moderne, August 2014
Text und Zeichnungen: Emmanuel Guibert
Übersetzung: Christoph Schuler
160 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 25,- Euro
ISBN: 978-3037311288
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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Edition Moderne

Siberia 56 1 – Die dreizehnte Mission

Cover Siberia 56 1 Christophe Bec hat sich innerhalb weniger Jahre einen Namen gemacht und kann eine treue Fanschar an sich binden. Dabei beschränkt er sich nicht allein darauf, Szenarien zu schreiben, sondern zeichnet auch Comics. Und so schreibt er mal jene Serie und lässt sie von einem anderen Zeichner gestalten, mal verzichtet er auf die Autorenschaft und illustriert die Skripts anderer. Aber seine Vorliebe für bestimmte Sujets, Settings und Themen ist sehr offensichtlich, was dazu führt, dass seine Comics einerseits einen großen Wiedererkennungswert haben, aber andererseits manchmal Überraschungen vermissen lassen.

Ein gewisser Widerspruch, denn seine Serien wie etwa Bunker, Carthago, Prometheus und Heiligtum leben ja eben vom Geheimnisvollen. Stets wird eine faszinierende, mysteriöse Stimmung geschaffen und ein sehr spannendes Handlungsgerüst aufgebaut. Das sind Becs positive Markenzeichen. Negativ fällt durchaus auf, dass oft schon die Fortsetzungsbände etwas nachlassen (wie etwa bei Prometheus), da sie mit dem fulminanten Einstieg nicht mehr mithalten können und die Auflösung anhand des komplexen Rätsels oft enttäuscht. Dabei bleibt sich Bec immer treu und das ist es, was die Überraschungen vermindert.

Ob es nun Siberia 56 ähnlich gehen mag, bleibt noch abzuwarten. Jedenfalls hebt sich die neue Serie etwas von Becs übrigem Oeuvre ab, da die Ausgangssituation diesmal sehr klar ist und kein großes Mysterium entworfen wird. Die eigentliche Handlung passt auf einen Bierdeckel, aber da man mit den Protagonisten einen fremden Planeten erforscht und reichlich Action vorherrscht, ist es dennoch sehr spannend ausgefallen.

Seite aus Siberia 56 1 Nach einer Reise von 80 Millionen Lichtjahren ist eine Gruppe von Wissenschaftlern fast am Ziel angelangt: ein Basislager auf dem Eisplaneten Siberia 56, welches die Lebensumstände untersucht und herauszufinden hofft, ob man den Planeten kolonisieren kann. Doch das Raumschiff stürzt ab und die fünf Neuankömmlinge müssen sich zu Fuß auf den Weg zum Lager machen. Durch diese Reiseart lernen sie den Planeten näher kennen als ihnen lieb sein wird.

Trotz aller Spannung und Survival-Action gibt es leider keinerlei richtige Dramatik bei den Charakteren. Demzufolge leidet auch die Dynamik zwischen den Figuren. Bei Windgeschwindigkeiten über 300 km/h und Temperaturen bis zu minus 200 Grad müssten angesichts der Bedrohung die Nerven der Charaktere eigentlich blank liegen. In Katastrophenfilmen oder Survivalabenteuern führt so eine Situation in der Regel zu persönlichen Spannungen und Konflikten, welche es dem Zuschauer oder Leser erlauben, die Figuren näher kennenzulernen und sich mit einem Teil von ihnen zu identifizieren und sich somit emotional einzubringen. Bec verzichtet hier völlig darauf, seine Protagonisten bleiben äußerst blass und sind nur optisch mit Konturen versehen. Das ist schon recht verwunderlich – und sehr enttäuschend.

Hier steht deutlich das Optische im Zentrum des Geschehens. Die Story wird nur als Gerüst genutzt, um eine fremde Welt zu entwerfen und sich zeichnerisch auszutoben. Das ist durchaus beeindruckend ausgefallen. In großem Detailreichtum entwirft Alexis Sentenac einen kalten, lebensfeindlichen Planeten, bei dessen Anblick man schon frösteln muss. Der Zeichner macht es sich dabei nicht einfach, indem er den Raum etwa mit vielen Panoramapanels ausfüllt, sondern nutzt viele kleine Panels und Einschübe, um eine optische Dynamik herzustellen, die der Story an sich teilweise fehlt. Auf diese Art und Weise werden sehr geschickt die Schwächen der Handlung übertüncht und man fühlt sich doch ordentlich unterhalten.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Für Bec erstaunlich ist die Story bislang sehr schwach, was aber durch Setting und Zeichnungen halbwegs wettgemacht wird.

 

Siberia 56 1 – Die dreizehnte Mission
Splitter Verlag, September 2014
Text: Christophe Bec
Zeichnungen: Alexis Sentenac
Übersetzung: Tanja Krämling
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-737-7
Euro: 13,80
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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

 

Gung Ho 1 – Schwarze Schafe

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Cover Gung Ho 1Gung Ho heißt die neue Comicserie von Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant, dem Kreativteam hinter der viel gelobten Adaption der Hohlbein-Romane Die Chronik der Unsterblichen. Der Titel ist ein nicht genau definierter Begriff, der in diesem Kontext als „hitzköpfig, übermütig“ zu verstehen ist. Damit ist auch bereits die Prämisse dieser Serie grob umrissen.

Gung Ho spielt in einem Europa, das in nicht allzu ferner Zukunft von der sogenannten Weißen Plage heimgesucht wird. Im Zuge dessen wurde der Kontinent für den Menschen in weiten Teilen unbewohnbar und er zog sich in die Städte zurück. Nach der großen Apokalypse, als die Bedrohung sich scheinbar auf dem Rückzug befand, begann die vorsichtige Neubesiedlung der Gefahrenzone. Auf dem Land wurden abgeschottete Gemeinden gebaut, in denen eine überschaubare Zahl an Bewohnern lebt und für den Kampf trainiert.

Eine dieser Siedlungen ist Fort Apache, in dem die Handlung dieses Serienauftakts verortet ist. Mit dem Zug kommen die Brüder Zack und Archer Goodwoody an, Waisenkinder, die aus der Stadt ins Camp verbannt wurden. Die Geschwister sind nicht die einzigen Jugendlichen der Siedlung und schnell wird klar, dass diese im vorliegenden Comic eine zentrale Rolle spielen. 

Gung Ho ist eine Coming-of-Age-Story vor einer Endzeitkulisse, ein Teenager-Survival-Drama. Band 1 fungiert dabei noch bevorzugt als Einführung der Figuren, der Umgebung und des Hintergrundes. Zusammen mit Zack und Archer lernt der Leser nach und nach die wichtigsten Personen kennen und welche Rolle sie im Camp spielen. Man erkundet Fort Apache, erfährt wo was passiert und welche Gebäude existieren. Und man findet heraus, was es mit der Weißen Plage auf sich hat.

Seite aus Gung Ho 1Von Eckartsberg ist diese Einführung hervorragend gelungen. Die ersten Seiten zeigen trostlose Überreste der Zivilisation, eine in Dunkelheit gehüllte, leere Siedlung. Im Anschluss einen Wachturm, auf dem zwei Personen die befestigte Anlage überblicken. Direkt danach ändert sich die Stilistik völlig: Die Sonne strahlt, das Siedlungsleben blüht, ein Junge mit Gitarre und Wollmütze schmettert ein Lied.

An diesem atmosphärischen Wechsel wird schnell deutlich, dass Gung Ho sich nicht auf die Spielarten eines typischen Survivalhorrors verlässt, sondern versucht, sein eigenes Genre zu kreieren. Dafür spricht auch die bis ins Kleinste ausgearbeitete Darstellung der Siedlung, die im Grunde genommen mehr im Mittelpunkt steht als die agierenden Personen. Ob es der Gedächtnisbaum ist, an dem Zeichnungen der toten Bewohner angebracht werden, oder die schicken Balkons, die auf allen Häusern gebaut wurden, um bei Angriffen Schutz zu suchen. Das Fort wird dem Leser sofort sympathisch, auch wenn trotz aller Heimeligkeit stets die reale Bedrohung mitschwingt.

Die Weiße Plage erstmal gar nicht zu thematisieren, um sie dann zum Ende des ersten Albums mit einem großen Knall zu präsentieren, ist natürlich ein kluger Schachzug. Damit durchbricht von Eckartsberg die Szenerie und erinnert daran, dass es in dieser Serie neben aller menschlicher Befindlichkeiten eben doch bevorzugt ums pure Überleben geht.

Die Bilder von Thomas von Kummant fallen natürlich sofort ins Auge. Er zeichnet ohne Outlines, so dass die Kolorierung nicht durch Konturen unterbrochen ist. Diese ungewöhnliche Arbeitsweise wird durch den breiten Einsatz von Lichtreflexen noch unterstützt. Dieser Stil führt allerdings auch dazu, dass das Endergebnis insgesamt etwas „künstlich“ aussieht, d.h. dass Texturen wie Schichten übereinanderliegen, Effekte digital bearbeitet wirken oder auch Grashalme wie rechteckige Kanthölzer erscheinen, die man extra in den Boden gesteckt hat. Alles in allem ein Endprodukt, bei dem man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, man hätte das Design eines Videospiels vor sich.

Cover Gung Ho 1 VorzugsausgabeDennoch ist es gerade diese opulente Grafik, die einen (auch wegen der großformatigen Seiten) in den Bann zieht. Die lichtdurchfluteten Räume, die vielen Details der Siedlung, die stark dargestellten Figuren, die wunderbare Farbgebung. Alles in allem bietet der erste Band von Gung Ho ein überzeugendes Setting, ein Endzeitszenario von dem man gerne mehr lesen möchte. Die Serie ist auf fünf Bände angelegt, die im Abstand von anderthalb Jahren erscheinen sollen. Bis dahin könnte ich mir vorstellen, dass so mancher ernsthaft über eine Adaption als TV-Serie oder Film nachdenkt. Story und Design scheinen jedenfalls dafür prädestiniert zu sein, wovon man sich auch in diesem Video überzeugen kann.

Band 1 erschien zeitgleich auch als Vorzugsausgabe, die neben einem Variantcover auch eine beigelegte Karte und zusätzlich 40 Seiten mit Bonusmaterial aufweist. Dass diese mehr als Skizzenmaterial enthalten, beweist ein näherer Blick: Es gibt Erläuterungen zur Weißen Plage, genauso wie Designentwürfe (z.B. auch einen Blick in einen Wohnwagen aus der Vogelperspektive!), verworfene Szenen, einen Einblick in den Kreativprozess und sogar einen Songtext. Leider ist die herausnehmbare Faltkarte etwas karg ausgestaltet und ohnehin im Bonusteil nochmal ganzseitig abgedruckt. Ansonsten sind die Extras durchaus lohnenswert und mehr als reine Gimmicks.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Furioser Serienstart mit viel Potenzial

  

Gung Ho 1 – Schwarze Schafe
Cross Cult, Juni 2014
Text: Benjamin von Eckartsberg
Zeichnungen: Thomas von Kummant
80 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-86425-385-0
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Gung Ho 1 – Schwarze Schafe (Vorzugsausgabe)
128 Seiten, farbig, Hardcover
Preis. 35 Euro
ISBN: 978-3-86425-406-2

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Cross Cult

Links der Woche 30/14: Ch-ch-ch-ch-Changes (Turn and face the strain)

Unsere Links der Woche, Ausgabe 30/2014:

 

In Frankfurt wird nicht mehr für Comics getrommelt
Titel Kulturmagazin, Andreas Alt
Frankfurter Beobachtungen
dreimalalles.info, Christian Maiwald
Die Frankfurter Buchmesse, die vor einer Woche zu Ende ging, fand in diesem Jahr erstmals seit 2000 ohne ein eigenes Comic-Zentrum statt, beziehungsweise nur noch mit ein paar Resten davon. Die beiden hier verlinkten Artikel beschreiben Messebesuche aus zwei unterschiedlichen Perspektiven: Andreas Alt geht seit Jahren als Besucher auf die Messe und beklagt die “gespenstische Stille” in jenem Bereich, der einmal das Comic-Zentrum war. Christian Maiwald, lange bei Reprodukt beschäftigt und nun als Freiberufler in Sachen Comics auf der Messe unterwegs, schreibt dagegen: “Wenn man sich aber von der Besucherperspektive verabschiedet, ist das Auseinanderfallen des Zentrums wenig überraschend”, und erklärt, was Verlage motiviert, an einem Comic-Zentrum auf der Buchmesse teilzunehmen oder eben nicht.

Finnische Fantasie verzaubert Frankfurt
n-tv, Markus Lippold
In Finnland, dem diesjährigen Gastland der Buchmesse, gibt es eine sehr vielfältige und spannende Comicszene, deren Werke auf der Messe auch durchaus prominent präsentiert wurden. Markus Lippold stellt einige der finnischen Comics vor, die in den letzten Wochen und Monaten auf Deutsch erschienen sind. Zum gleichen Thema gibt es auch einen kurzen Fernsehbeitrag, der bei 3sat zu sehen war und vom “Mediacontainer” auf YouTube archiviert wurde. Aushängeschild sind natürlich die Mumins von Tove Jansson.

Kawergosk – 5 Sterne
Arte Info, Reinhard Kleist
Auf der Website Arte Info, die zum Onlineangebot des deutsch-französischen TV-Senders gehört, gibt es einen großen Themenbereich “Refugees”, der sich multimedial mit Flüchtlingen befasst. Hier erschien die 20-seitige Comicreportage von Reinhard Kleist, der im Dezember 2013 im Nordirak war und dort das Flüchtlingslager Kawergosk besuchte. Auf süddeutsche.de erschien dazu ein Interview, das Daniel Wüllner mit Kleist führte.

#ComicGate und die Sexismusdebatte in der Comicwelt
Der Buddelfisch, Dirk M. Jürgens
Dirk M. Jürgens beschäftigt sich in einem (durchaus streitbaren) Kommentar mit der Frage, wie sexistisch die Comicwelt ist – ein Thema, das neulich für kurze Zeit auch unter dem Schlagwort #ComicGate diskutiert wurde, womit mit Sicherheit nicht diese Website hier gemeint ist.

Comic Books Are Still Made By Men, For Men And About Men
FiveThirtyEight, Walt Hickey
Die US-Website FiveThirtyEight, die sich hauptsächlich mit Politik beschäftigt, untersucht das Geschlechterverhältnis in der Comicbranche und stellt fest, dass diese immer noch extrem männerdominiert ist, wobei sich die Verhältnisse langsam aber sicher ändern. Dabei geht es weniger um das Geschlecht von LeserInnen oder AutorInnen, sondern vor allem um das der Figuren, die in den Comics auftreten. Der Artikel, der auch ein paar interessante Infografiken enthält, bezieht sich allerdings ausschließlich auf den amerikanischen Superheldenmainstream und dessen zwei Schwergewichte, die Verlage Marvel und DC. Betrachtet man das Comicfeld weiter und bezieht zum Beispiel Independentverlage, Autorencomics und Webcomics mit ein, sieht es mit dem Frauenanteil schon wieder ganz anders aus.

Mighty Boy
Javier Yañez
Der spanische Filmemacher Javier Yañez hat eine frühe Kurzgeschichte von Star-Mangaka Naoki Urasawa (Pluto, Billy Bat) als 15-minütigen Kurzfilm adaptiert. Es geht um einen jungen Mann, der als Stuntman für eine TV-Serie im Stil der Power Rangers arbeitet und darüber sein Studium vernachlässigt. Seiner Freundin gefällt das allerdings gar nicht. Der komplette Kurzfilm ist bis zum 4. November auf der Website des spanischen Filmfestivals FIBABC zu sehen. Den Trailer gibt’s gleich hier:

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Süße Versuchung

Cover Süße VersuchungDas Cover dieses Comics ist bereits eine Zusammenfassung dessen, was man inhaltlich erwarten kann: Zusammen mit dem Titel ist dieses junge hübsche Mädchen mit seinen Rehaugen wahrlich eine süße Versuchung, ohne anrüchig zu erscheinen. Vielmehr liegt hier schon eine Kombination aus Unwissenheit um die eigenen Reize und einem Hauch von Berechnung vor, welche auch die Geschichte von Autor Jim (Sonnenfinsternis, Die Einladung, Eine Nacht in Rom) und Zeichner Grelin definiert.

Calista ist eine junge Studentin, die ihren Lebensunterhalt nebenbei als Verkäuferin und als Babysitterin verdient. Ihre Freundin Anna ist sehr extrovertiert und als sie einmal Calista unerwartet bei ihrem Babysitter-Job besucht, ist sie beeindruckt von der Wohnung der auftraggebenden Eltern. Beide Frauen entwickeln einen Plan: die Ehefrau zu verdrängen, sich den Mann zu angeln und sich in das gemachte Nest zu setzen. Zudem schließen sie eine Wette ab, wer von ihnen den Mann als erste verführt.

Seite aus Süße VersuchungSo wie das Cover, das fasziniert ohne sonderlich spektakulär zu sein, bannen einen als erstes die Zeichnungen, die sehr glatt und gefällig, aber gleichzeitig sehr charmant und sexy sind und einen gewissen Einfluss von Mangas erkennen lassen, ohne sich deren typischen Stils zu bedienen. Jedenfalls sorgen die graphischen Elemente für Leichtigkeit und Witz, der allerdings durch den Ton und die Handlung konterkariert wird. Es geht hier insgesamt um den Widerspruch zwischen Schein und Sein: um das hübsche, glatte Äußere von Körper und Gesicht sowie die Fassade, die man anderen gegenüber aufbaut. Das machen die Zeichnungen ebenso wie die Story, denn diese hat es in sich.

Alles wirkt graphisch leicht – wie in der Story das Leben der Figuren – und ist es doch nicht, da alle Taten Konsequenzen haben und das Spiel mit Gefühlen gefährlich werden kann. Es ist schon sehr geschickt, wie der Leser und die Figuren hintertrieben werden. Die Erotik ist dabei zart und dezent, aber in ihrer Realitätsnähe sehr wirksam. Ebenso kann hier auf physische Gewalt verzichtet werden; es gibt keinen Showdown im klassischen Sinne. Es geht hier nicht um Thriller und Krimielemente, sondern um ein Drama.

Auch wenn der Beginn (Babysitterin will Vater verführen) recht klischeehaft wirkt, ist Süße Versuchung auch eine Reflektion über das „sich jung fühlen“, jung sein und wie sich die Figuren gegenseitig spiegeln – denn die einen wollen nicht nur das haben, was der andere materiell besitzt, sondern die Älteren wollen eben auch das biologische Alter bzw. die Unbekümmertheit der Jugend wieder haben. Im Grunde begehren also alle das, was jeweils die anderen haben und wissen nicht zu schätzen, was sie schon besitzen und erlangt haben. Und das kann nicht gut ausgehen. Jedenfalls für die Figuren, für die Leser allerdings schon, wenn sie diesen Band lesen.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Auf den ersten Blick ein harmloses Drama, was es aber in sich hat.

 

Süße Versuchung
Splitter Verlag, August 2014
Text: Jim 
Zeichnungen: Grelin
Übersetzung: Resel Rebiersch
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-756-8
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

 

Pornografik

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Cover PornografikEinen pornografischen Comic zu produzieren birgt zwangsläufig die Gefahr, dass das Endergebnis billigt wirkt. Die Erzählebene kann dann schon mal extrem in den Hintergrund rücken oder kaum existent sein, die Bilder dafür umso reißerischer und unrealistischer.

In seinem kleinen Büchlein Pornografik ist es dem spanischen Künstler Nacho Casanova allerdings durchaus gelungen, die Thematik künstlerisch anspruchsvoll aufzubereiten. So ist sein Werk, das aus mehren kurzen Episoden besteht, sowohl explizit in seiner Darstellung, wenn es die Geschichten verlangen, gleichzeitig aber auch sehr subtil. Ein Spagat, der durch Casanovas feines Gespür dafür zustande kommt, wann er welchen Ausschnitt des Geschehens eben gerade ausspart.

Dieser grafische Trick funktioniert dergestalt, dass bei konkreten sexuellen Handlungen entweder nur die Gesichter gezeigt werden, nicht aber die Unterleiber, oder umgekehrt bei Nahaufnahmen von Geschlechtsteilen die Gesichter der handelnden Personen nicht zu sehen sind. Das Ganze ist ein spielerischer Versuch, den Reiz unter anderem auch über die Vorstellung des Lesers zu erzeugen. Dazu benutzt der Autor mal eine straffe Seiteneinteilung mit 12 gleichförmigen Panels pro Seite, mal verzichtet er völlig auf einen äußeren Rahmen.

Seite aus PornografikDie Geschichten an sich handeln von alltäglichen Begebenheiten, von der Banalität der Begierde. Dass der künstlerische Anspruch unter diesem Leitmotiv nicht leidet, liegt an der Variabilität und Authentizität der Episoden. Und letztlich sind diese auch einfach mit ganz feinen, brüchigen Strichen, beinahe wie spontan in ein Skizzenbuch gekritzelt, überzeugend bebildert.

Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass Frauen in diesem Comic durchgängig eine starke Rolle spielen: Eine Dame lässt sich mit einem Glas Wein in der Hand von einem Mann oral befriedigen, eine andere wird auf einer Terrasse von jemandem voyeuristisch beim Wäscheaufhängen beäugt und genießt die Blicke sichtlich, eine andere posiert aus eigenem Antrieb als Modell für den zeichnenden Freund. Mit dieser Zentrierung auf das weibliche Geschlecht wollte Nacho Casonova vermutlich schon im Ansatz dem Vorwurf, bei Pornografie würde die Frau gedemütigt, den Wind aus den Segeln nehmen. Bei diesem Comic kann man ein solches Argument tatsächlich nicht gelten lassen.

Wer einen künstlerisch anspruchsvollen Pornografie-Comic sucht, der ist bei diesem Band an der richtigen Stelle. Wer so gar nichts mit diesem speziellen Thema anfangen kann, dem braucht man wohl allerdings auch nicht mit der hohen Kunst zu kommen.

Und natürlich sei es der Vollständigkeit halber erwähnt: Aufgrund der expliziten Darstellung ist Pornografik ausschließlich für Erwachsene geeignet

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Subtile Inszenierung mit schicken Bildern (ungeachtet des Grundthemas)

 

Pornografik
Diabolo Comics, Juli 2014
Text/Zeichnungen: Nacho Casanova
Übersetzung: Andre Höchemer
128 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 9788415839927

 

Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Diabolo Comics