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Helden ohne Skrupel 9: Östlich von Roswell

 Finix, der Verlag, der sich eingestellter bzw. nicht abgeschlossener Comicserien annimmt und diese zu Ende bringt, hat sich mit Helden ohne Skrupel mal wieder einen Titel ausgesucht, der viele Fans der vorherigen Alben freuen dürfte. Bislang sind von dieser Reihe zwischen 2001 und 2003 elf Alben im Carlsen Verlag erschienen, neben den regulären Nummern 1-8 gibt es eine Nullnummer sowie die Ausgabe 5 in drei Varianten (5a – 5c weisen nicht nur unterschiedliche Covermotive auf, sondern bieten auch alternative Enden). Erwähnenswert ist darüber hinaus auch der Comic Die Weiße Tigerin vom selben Kreativteam, von dem bei Schreiber&Leser seit 2008 vier Alben veröffentlicht wurden. Sie behandeln die Vorgeschichte von Alix Yin Fu, einer Geheimagentin, die in Helden ohne Skrupel eine wichtige Rolle spielt.

In Band 9 der jetzt also von Finix weitergeführten Reihe führt es die Gruppe um Mac, einen Zigarre rauchenden, knubbelnäsigen Mann, den stets miesepetrigen Tony und den kleinen Wirbelwind Tim in die Vereinigten Staaten. Dort suchen sie eigentlich nach Macs Tochter, geraten aber auf eine merkwürdige Farm und in ein geheimes Alienprojekt.

 Zugegeben, ohne Vorkenntnis der anderen Bände sieht man vor sich schon das ein oder andere Fragezeichen auftauchen, denn als Leser fehlen einem wichtige Bausteine zum größeren Verständnis dieser frankobelgischen Comicserie. So bleibt es unklar, warum Jade, Macs Tochter, überhaupt entführt wurde und warum sie ständig von fiesen Whogs und vom Planeten Helatrobus spricht. Ebenso interessant wäre es zu erfahren, wie die Helden-Truppe sich erstmals zusammengefunden hat oder was es mit der in China ablaufenden Nebenhandlung um Alix auf sich hat.

Abgesehen davon ist Helden ohne Skrupel durchaus auch Neueinsteigern zu empfehlen, die durch Band 9 zum ersten Mal mit dem Titel in Berührung kommen. Das liegt zuallererst daran, dass mit dieser Nummer der sogenannte Amerika-Zyklus beginnt, der zwar auf den vorherigen Zyklen (Honkong-Zyklus in Band 1-5, Korea-Zyklus in Band 6-8) aufbaut, sich aber inhaltlich ein Stück weit abgrenzt. Ausgabe 9 beginnt mit der Ankunft der Protagonisten in den USA und der Suche nach Hinweisen über den Aufenthaltsort von Macs Tochter. Das heißt, dass man auch ohne weitere Hintergründe einen klar abgesteckten Plot geliefert bekommt, um den Band auch für sich stehend genießen zu können.

 Helden ohne Skrupel kommt durch die Zeichnungen von Didier Conrad in der Erscheinung der klassischen, frankobelgischen Funnycomics daher. Bei eingehender Lektüre verliert sich dieser Eindruck aber recht schnell, denn Szenarist Yann verlieh der Serie viel schwarzem Humor und scheut sich auch nicht, Gewaltausübungen explizit darzustellen und Nacktheit und Sexualität mehr als einmal zur Schau zu stellen. Dadurch verbleibt die Handlung nicht alleinig auf dem ebenfalls vorhandenen Grundzug der Action- und Abenteuererzählung, sondern liefert auf absurde Weise einen oftmals bitterbösen Mix aus subtilem Witz, Provokation und skurrilen Szenarien.

Auch die Aufmachung des neuen Albums durch Finix lässt keine Klagen zu, als besonders erfreulich erweist sich mal wieder die abgedruckte und bebilderte Bibliografie aller früheren und künftigen Bände mit den entsprechenden Erscheinungsdaten. Gerade bei nach Jahren fortgeführten Reihen bietet dies eine große Hilfe. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist die auf der vorletzten Seite abgedruckte Übersetzung eines im Album stattfindenden spanischen Dialogs. Für die Handlung ist dies zwar weniger relevant, aber besonders kulinarisch interessierte Leser dürften sich über die zusätzlichen Erläuterungen freuen.

Leser, denen dieser Band ähnlich gut wie mir gefällt, dürfen sich jedoch auf eine harte Suche nach den restlichen Nummern einstellen, denn diese sind sowohl über den normalen Handel als auch über den Gebrauchtmarkt nur schwer zu vernünftigen Preisen zu ergattern. Umso mehr darf man sich auf die die in naher Zukunft bei Finix erscheinenden Bände 10 und 11 freuen, die den Amerika-Zyklus  abschließen werden.

 

Helden ohne Skrupel 9: Östlich von Roswell
Finix Comics, August 2009
Autor: Yann
Zeichner: Didier Conrad
64 Seiten, Softcover, 12,80 Euro
ISBN: 978-3-941236-08-0

Herrlich schräger Funny mit morbidem Touch

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Abbildungen: © Finix Comics

 

Aufzeichnungen aus Birma

birma_cover_c.jpgAufzeichnungen aus Birma ist der dritte Teil der Trilogie von Guy Delisle, die mit autobiografischen Berichten aus dem chinesischen Shenzhen und dem nordkoreanischen Pjöngjang begannen. Und es scheint mir das dickste und beste der drei zu sein! Von daher meine empfohlene Lesereihenfolge 1. Birma,. 2. Pjöngjang, 3. Shenzhen.

  Anders als in den ersten beiden Comics ist der Schauplatz in Aufzeichnungen aus Birma nicht der neue Dienstort des Comiczeichners Guy Delisle, sondern Einsatzgebiet seiner Frau Nadège, die es als „Ärztin ohne Grenzen“ in diese Diktatur verschlägt. Noch weniger als in den anderen beiden Büchern erzählt Delisle eine Geschichte. Vielmehr fängt er Eindrücke aller Art von seinem Aufenthalt in Birma (bzw. Myanmar) und legt mit jeder Episode Puzzlestück um Puzzlestück nebeneinander, um am Ende dem Leser ein vielschichtiges Bild des Landes, seiner Menschen und seiner politischen Lage zu präsentieren.

thumb_birma_leseprobenbild2.jpgDiese Puzzlestücke fassen dabei ganz unterschiedliche Zugänge zu diesem Land, die einen besonderen Reiz ausmachen, wenn man möglichst viel von Birma erfahren möchte: Die Erlebnisse als Tourist löst Guy in seiner Rolle als Familienvater einer berufstätigen Frau ab (und selbstironisch fügt er angesichts der wichtigen Gespräche der engagierten Freunde eines Abends in Gedanken hinzu: „Ich könnte diesem Gespräch nur beisteuern, dass im Citimarkt wieder japanische Windeln zu haben sind!“). So erfährt man Amüsantes und Anekdotenhaftes aus dem Leben des Vaters Delisle, des Comiczeichners Delisle, des neuen Bewohners dieses Landes und des Touristen Delisles etwa zum normalen Leben der buddhistischen Mönche.

birma_leseprobenbild3.jpgDie verstörenden Seiten beschreiben den Alltag in einer ganz gewöhnlichen menschenverachtenden Diktatur, so kommt öfter das in der Nachbarschaft von Delisle gelegene Haus der Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ins Bild, deren Hausarrest gerade (August 2009) unter fadenscheinigen Gründen um anderthalb Jahre verlängert wurde, um sie von den Wahlen 2010 als Kandidatin fernzuhalten. Die informativen politischen Eindrücke gewinnen ihren Charme mitunter aus der Gegenüberstellung des alltäglichen Lebens einfacher Leute und dem militärischen Gebaren der Machthaber – siehe zum Beispiel im Titelbild. Die bisweilen beklemmenden Momente werden durch den Humor und den Zynismus der Kommentare erträglicher, ohne ihre Wirkung zu verlieren, im Gegenteil! Nebenbei und ganz unaufdringlich erfährt man zudem von der gefährlichen und aufopfernden Arbeit der „Ärzte ohne Grenzen“ (etwas aufdringlicher schon Mal in: Emmanuel Guibert / Didier Lefèvre / Frédéric Lemercier, Der Fotograf. Band 2: Ärzte ohne Grenzen). Sogar einen Einblick in die spirituelle Dimension des mönchischen Lebens erhält der Leser durch ein Selbstexperiment des Zeichners. Birmanesen nehmen stärker als in Deutschland Anteil an der mönchischen Lebensweise, denn einen Teil seines Lebens verbringt jeder Birmanese als Mönch.

birma_leseprobenbild4.jpgGut gewählt ist auch die Vielfalt der Erzählweisen, die der Vielfalt an Perspektiven trefflich entspricht und Delisle die Freiheit lässt, alle Episoden auf die jeweils passende Art zu erzählen: als One-Page-Cartoon, in wortloser Erzählweise (wie schon in Louis fährt Ski und Louis am Strand) und als längere Erzählung. Nachdem ich eine kritischere Rezension gelesen hatte, habe ich das Buch ein zweites Mal angefangen und war sogleich wieder auf unterhaltsamste Weise gefesselt.

Wer Birma, dieses fast unbekannte asiatische Land und seine Menschen unter der Militärdiktatur von General Than Shwe auf diese ungewöhnliche Weise kennen lernen will – er kann gewiss sein, dass Aspekte zu Tage treten, die keiner Zeitungsmeldung wert sind und gleichzeitig verfolgt man nach der Lektüre dieses Comics die Berichte über Birma in der Tageszeitung mit anderen Augen.

Aufzeichnungen aus Birma
Reprodukt, Juni 2009
Text und
Zeichnungen: Guy Delisle
272 Seiten, Broschur, s/w, 20 Euro
ISBN: 978-3-941099-01-2

Reise ins heutige Birma: Abwechslungsreich, amüsant, aufrüttelnd!

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Abbildungen: © Reprodukt

Gustav und Albo vom Aldebaran

Kein Comic, sondern ein klassisches Bilderbuch für kleinere Kinder, aber für uns trotzdem interessant, denn Autor und Zeichner sind im Comicland keine Unbekannten: Die Story stammt von Haimo Kinzler (Herr Wüttner, Krigstein), die Zeichnungen von Leo Leowald (Zwarwald). Gemeinsam erzählen die beiden eine liebevoll-schräge Geschichte von einem außerirdischen Besucher.

Gustav ist ein ganz normaler Grundschüler – doch eines Tages begegnet er auf dem Schulweg einer seltsamen Gestalt. Die heißt Albo und ist ein Außerirdischer, der sich auf dem Weg zum Saturn verflogen hat und nun nach dem rechten Weg fragt. Weil Gustav den auch nicht kennt, nimmt er Albo kurzerhand mit in seine Klasse, denn seine Lehrerin, Frau Meier-Greulich, weiß einfach alles. Dort stellt sich dann heraus, dass Albo die Zeit verdrehen kann und bald befindet sich Gustavs Klasse auf einem herrlich chaotischen Zeitreise-Trip mit vielen Überraschungen, einer großen Bedrohung und einem unerwarteten Helden.

 Leo Leowald hat die Geschichte im gleichen Zeichenstil illustriert, wie man ihn von seinem Comic-Blog Zwarwald kennt: Die unverwechselbaren Schnabelgesichter, den leicht krakeligen Strich und die monochrome Farbgebung in gelb-beige-orange erkennt man sofort wieder. Vermutlich ist dieser Stil, der sich vom oft allzu gefälligen Bilderbuch-Mainstream wohltuend abhebt, dafür verantwortlich, dass die etablierten Kinderbuchverlage das Projekt als „zu comichaft“ ablehnten. Oder, wie Leo es ausdrückt: „Es sieht aus wie Zwarwald„. Deshalb verlegen Kinzler und Leowald das Buch nun einfach selbst unter dem Label „Stromboli“ („ein nicht eingetragenes Warenzeichen unseres virtuellen Wunschuniversums“), vertrieben wird es über Reprodukt und den Ausnahmeverlag.

 Haimo Kinzler, der einige Erfahrung im Erfinden von Geschichten für Kinder hat (er schrieb Stories für die Fix & Foxi-Comics und für die TV-Reihe Käpt’n Blaubär) ist eine erfrischende Geschichte gelungen, die ohne pädagogische Zeigefinger auskommt, sondern einfach Spaß macht und ihre Figuren auf eine hübsch anarchische Reise schickt. Und obendrein hat sie einen sehr netten kleinen Twist am Ende, der hier natürlich nicht verraten wird.

Das Ergebnis ist ein handliches kleines Hardcover-Büchlein, das großen Spaß macht und sich sowohl als Vorlesebuch als auch zum Selberlesen für kleine Leseanfänger eignet. Die Schrift ist nämlich extra ein bisschen weniger krakelig als bei Zwarwald. So ist Gustav ein rundum gelungenes Seitenprojekt, bei dem man sich schon jetzt freuen kann, dass weitere Bände in Vorbereitung sind.

Gustav und Aldo vom Aldebaran
Stromboli, Juli
2009
Text: Haimo Kinzler
Zeichnungen: Leo Leowald
Hardover; 68 Seiten; farbig;  10,- Euro
ISBN: 978-3-000259-71-5

Amüsantes Bilderbuch zum Vor- und Selberlesen

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Abbildungen: © Kinzler/Leowald

 

Unter dem Hakenkreuz 1: Der letzte Frühling

 Das erste Comicalbum der Reihe Unter dem Hakenkreuz porträtiert das Leben der Menschen in einer rheinischen Kleinstadt zu Zeiten der sich in der Endphase befindlichen Weimarer Republik. Im Mittelpunkt der 1932 einsetzenden Handlung steht der Jugendliche Martin Mahner, der im Gegensatz zu seinem Vater dem Aufstieg der Nationalsozialisten skeptisch bis ablehnend gegenübersteht. Dann gibt es da noch Gunther, seinen besten Freund und eigentlich eine politisch wenig interessierte Persönlichkeit. Martin, der kulturbegeisterte Schüler, bekommt aber spätestens ab der Machtübernahme Hitlers 1933 hautnah mit, dass sich die Windrichtung auch in seinem Heimatort gedreht hat: ein Boykott jüdischer Geschäfte wird ausgerufen, SA-Männer kontrollieren die Straßen und auch Gunther scheint an der Nazi-Ideologie zunehmend Gefallen zu finden. Am meisten trifft ihn aber sicherlich die Tatsache, dass Katharina, die Tochter der neuen Nachbarn, auf die Martin ein Auge geworfen hat, jüdischer Herkunft ist und deswegen entsprechend in Gefahr lebt.

 Unter dem Hakenkreuz behandelt im Grunde die Zeit vor dem „Dritten Reich“, es ist eine unsichere Zeit, in der Adolf Hitler als aufstrebender Hoffnungsträger gilt und seine Machtausweitung deutliche Spuren in der Bevölkerung hinterlässt. Ähnlich wie Jason Lutes‘ Epos Berlin (Carlsen Verlag) werden die Ereignisse aus dem Blickwinkel des Durchschnitts-Deutschen geschildert. Damit gelingt es dem Band, die damalige Atmosphäre gut einzufangen und zu zeigen, wie sich das Leben der Menschen plötzlich verändert hat.

Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die passende Charakterauswahl des Szenaristen Philippe Richelle. Seine Figuren stehen exemplarisch für alle; Martins Familie und Freunde repräsentieren alle Facetten der Einstellung gegenüber der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der frühen 30er Jahre. Wenn der Vater begeistert einer Rede von Adolf Hitler am Volksempfänger lauscht, gleichzeitig aber meint, man könne nicht alle Juden in einen Topf werfen und Hitler werde sehr wohl zwischen guten und schlechten Juden unterscheiden, dann merkt man, dass Richelle sich Mühe gibt, dass seine Figuren stets vielschichtig bleiben. Ähnlich Gunther, der sein Fähnchen in den Wind hängt und sich von der Nazipropaganda beeinflussen lässt. Damit stößt er wiederum Martin vor den Kopf, auf den Gunthers Veränderung befremdlich wirkt.

 Die sich anbahnende Liebesgeschichte, die sozusagen als B-Handlung fungiert, erstickt im Keim, eben auch aufgrund des Stimmungswandels nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler. Damit ist die Beziehung zwischen Martin und Katharina sprichwörtlich ein Opfer des Hakenkreuzes geworden, weiter gedacht, kann man sogar sagen, dass dem unbekümmerten Hauptprotagonisten durch die Umstände der damaligen Epoche noch mehr genommen wurde, sein Hang zu Literatur und Theater nämlich. Denn für ihn dürfte es zukünftig schwer werden, wie bisher bevorzugt Bücher des jüdischen Autors Stefan Zweig zu lesen und zu verleihen. Nicht von ungefähr wird Martin später, wie man zu Beginn des Bandes erfährt, sagen, man hätte ihm seine Jugendträume genommen.

Mit ganz feinen Strichen setzt Zeichner Jean-Michel Beuriot diese Geschichte um. Ausgefüllt werden seine Bilder mit leichten, realistischen Farbnuancen, in denen sich eine abgrenzende Schattierung erkennen lässt. Auch das wirkt stimmig und fügt sich in ein zufriedenstellendes Gesamtergebnis ein.

 

Unter dem Hakenkreuz 1: Der letzte Frühling
Schreiber & Leser, Juli 2009
Text: Philippe Richelle
Zeichnungen: Jean-Michel Beuriot
88 Seiten, HC, Farbe, 22,80 Euro
ISBN: 978-3-941239-15-9

Historisch wertvolle Serie

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Abbildungen: © Schreiber & Leser

Paralleluniversum 2 – Quantenschaum

Paralleluniversum 2 – QuantenschaumIvo Kircheis veröffentlicht bereits seit über drei Jahren – früher täglich, nun wöchentlich – auf paralleluniversum.net  Comicstrips, aktuell sind es 447 an der Zahl. Oft stehen die einzelnen Folgen im Zusammenhang und es tauchen immer mal wieder etablierte Nebenfiguren auf. In den Paralleluniversum-Alben werden die Folgen dann gesammelt und gedruckt. Der zweite Band „Quantenschaum“ (nach „Urknall“, für den es eine lobende Erwähnung im Rahmen des ICOM Independent Comic Preises 2009 gab) ist im Frühjahr erschienen und wieder absolut lesenswert. Vom Format und dem autobiografischen Ansatz her wird hier zwar nicht das Rad neu erfunden, aber Ivos gnadenlose Selbstdarstellung, die ihm nicht immer zu seinem Vorteil gereicht, ist wahnsinnig sympathisch. Das Besondere an seiner Arbeit machen aber für mich zwei Dinge aus: erstens die für Comicstrips zum Teil sehr detaillierten und schön getuschten, schraffierten Zeichnungen. Und zweitens eine Achterbahnfahrt, was die Themen und vor allem den Tenor der einzelnen Folgen betrifft. Denn nicht nur von seinen Leben und seinem Familienalltag mit zwei Kindern erzählt Ivo, sondern zwischendrin auch gerne mal vom Welttoilettentag, von der fliegenden Kuh Ingeborg und ihrem Zugvogel , einem ihn nervenden kleinen Gnom oder der wandelnden Wurst Herr Würstl (die einzige Figur, die mich nervt). Zwischen ernst und albern ist demzufolge alles dabei in dieser wilden Mischung, auch baut er sich selber in die fantasievollsten Geschichten ein. Dabei funktioniert nicht jede Pointe und es gibt auch mal Storybögen, die ins Leere laufen und irgendwie beendet werden, trotzdem haben die Strips eine so hohe Originalitätsquote, dass ich öfter vor lauter Abstrusität und Witz auflachen musste. Mit etwas mehr Selektion und einer Vorausplanung oder aber der Neukonstruktion von manchen Passagen für die Druckausgabe ließe sich die Qualität sicher noch steigern für die Alben, die jetzt bereits den Kauf allemal wert sind. Denn an Fantasie und Talent mangelt es Ivo Kircheis wirklich nicht.

Paralleluniversum 2 – Quantenschaum
Beatcomix, Mai 2009
Softcover, 48 Seiten, s/w; 10,- Euro
ISBN: 978-3939509936
direkte Bestellung beim Verlag

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Das Ende der Welt

 In einer regnerischen Nacht geschieht ein schrecklicher Unfall: Eine Familie ist mit ihrem Wagen gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, da bei der Mutter die Wehen eingesetzt haben, als ein Baumstamm, durch das Unwetter entwurzelt, auf das Fahrzeug fällt.

Gut zwei Jahrzehnte später liegt eine junge Frau mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Boden ihrer Wohnung. In melancholischer Stimmung grübelt sie über ihr Leben nach und darüber, warum ihre Mutter sie so früh verlassen hat. Zur gleichen Zeit bereitet sich eine alte Dame auf die nahenden Regenmassen vor, von denen in den Nachrichten nur als das sprichwörtliche „Ende der Welt“ die Rede ist.

Im Haus des Vaters der jungen Frau treffen die Protagonisten schon bald aufeinander, die eine erscheint dort, um nach der Katze des im Krankenhaus liegenden Vaters zu sehen, die andere sucht Zuflucht vor dem heftigen Unwetter. Es beginnt eine geheimnisumwitterte Begegnung, in deren Verlauf die alte Dame, die, nebenbei gesagt, mit Katzen sprechen kann, ihre Gastgeberin in ein ehemals verbotenes Zimmer des Hauses führt. Während das Ende der Welt hereinbricht, begibt sich die junge Frau auf eine Reise zwischen Traum und Realität …

 Mit dick schwarzen Kreidestrichen fängt Illustrator Tom Tirabosco die durchgängige düstere, bedrohliche Stimmung ein. Die ständige Präsenz des Platzregens und der Überschwemmung wirkt durch diese grafische Ausdrucksweise zusätzlich beklemmend und erst aufs Ende zu wird diese Stilistik durch surreale und traumwandlerische Sequenzen aufgebrochen. Zentral ist hier die Gefühlswelt der jungen Frau, die offenbar von Selbstzweifeln geplagt und mit ihrem Leben wenig zufrieden ist, sei es nun ihre Beziehung, ihr Aussehen oder das Verhältnis zu ihren Eltern betreffend.

Pierre Wazems Erzählung basiert einerseits auf der Möglichkeit der recht freien Interpretation, aber andererseits auch auf den mysteriösen Momenten, die durch die redselige Katze, die in Rätseln sprechende alte Dame oder das mysteriöse Zimmer verkörpert werden. Entsprechend wird einem der Hintergrund der Anfangssequenz auch nicht sofort deutlich vor Augen geführt und deren Sinn ergibt sich erst im weiteren Verlauf der Geschichte.

 Sehr eindrucksvoll ist auch die intensive Bildsprache des Bandes. Oft kommt diese völlig ohne Worte aus und wirkt allein durch das Einfangen passender emotionaler Momente oder Eindrücke des sintflutartigen Wetters. Zudem arbeitet der Comic mit vielen Symbolen, die sich öfter wiederholen und ihre Bedeutung erst nach und nach entfalten. Spätestens wenn sich Traum und Realität vom Leser vollends nicht mehr klar trennen lassen, lassen sich diverse Symbole zuordnen und Verknüpfungen erkennen.

Tirabosco und Wazem gelang mit Das Ende der Welt ein märchenhaftes Comicalbum, das seine Stärke aus der atmosphärischen Dichte bezieht. Es ist ein melancholisches Werk, das mit seiner tiefen schwarz-blauen Kolorierung unaufgeregt, aber enorm einprägsam auf den Leser einwirkt.

 

Das Ende der Welt
Avant-Verlag, Juni 2009
120 Seiten; Softcover; 17,95 Euro
Text: Pierre Wazem
Zeichnungen: Tom Tirabosco
ISBN: 978-3-939080-39-8

Melancholische Selbstfindung

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Abbildungen: © Avant-Verlag

 

Der Jude von New York

 Ein Mann im Gummianzug, der bevorzugt im Wasser spazierengeht. Ein wohlhabender Händler, der sich nur mit einem Handtuch kleidet und im Freien schläft. Ein Mann, der Geräusche sammelt, die die Menschen beim Essen und Trinken machen, um daraus ein Wörterbuch zu erstellen. Ein Unternehmer, der den Eriesee mit Kohlensäure anreichern und das Wasser per Pipeline direkt nach New York leiten will. Diese skurillen Gestalten (und das sind längst nicht alle) bevölkern Ben Katchors Comic Der Jude von New York, der im Jahr 1830 spielt.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist New York eine Weltstadt im Aufbruch, bevölkert von Immigranten aus aller Welt, von Glückssuchern und Geschäftemachern, unter ihnen auch viele Juden. Ben Katchor, der selbst als „Jude in New York“ geboren wurde, pickt sich einige von ihnen heraus und erzählt über sie in kleinen Episoden, die sich zum Ende des Buches hin mehr und mehr verknüpfen. Als Inspiration dienten Katchor historische Quellen wie Plakate, Zeitungsanzeigen, Wurfsendungen oder ein Theaterstück, das auch dem Comic seinen Titel gab. Diese Fundstücke sind auch im Band abgebildet.

 Doch mit historischen Fakten hält sich Ben Katchor nicht lange auf, lieber fabuliert er hemmungslos drauflos und entwickelt so ein buntes Panoptikum schillernder Charakterköpfe. Jede dieser skurillen Figuren versucht auf ihre Weise, ihr Glück zu finden. Bei aller Zukunftsgewandtheit und Aufbruchstimmung sind sie doch auch immer mit ihrem Glauben und dessen uralten Traditionen konfrontiert. Nebenbei erzählt das Buch auch von der Frühzeit des Kapitalismus, als alles möglich schien, und kein Vorhaben abwegig genug war, um nicht eine Geschäftsidee daraus zu machen.

Der Jude von New York ist anfangs eine recht anstrengende Lektüre. Viel Text, skizzenhafte Zeichnungen und immer wieder Männer in Frack und Zylinder (überhaupt handelt der Comic zu 99% von Männern). Erzählt wird nicht geradlinig, sondern auf verschachtelte Weise mit vielen Rückblenden. Es dauert ein wenig, bis man sich auf die Stimmung und die Erzählweise des Comics eingelassen hat und man Zugang zu Katchors Figuren gefunden hat. Dann aber sind einem die kauzigen Vögel sympathisch und man beginnt sich für deren Schicksale zu interessieren.

 Katchors Episoden sind dabei auf eine sehr eigene Weise komisch. Die Komik entwickelt sich hier kaum durch offensichtliche Gags oder witzige Dialoge, sie entsteht vielmehr durch die Skurillität und Verschrobenheit der Protagonisten. Auf die Spitze getrieben wird dies bei Moishe Ketzelbourd, einem Trapper, der durch Biberpelzhandel reich wurde, aber im Lauf der Zeit dazu überging, mehr und mehr wie ein wildes Tier in der freien Natur zu leben. Außerdem verehrt er die Theaterschauspielerin Miss Patella, für die er im Wald kleine Altäre errichtet und täglich zu ihren Bildern onaniert. Eines Tages trifft er sie bei einer Theaterprobe tatsächlich – die Begegnung endet damit, dass er einen Schauspieler tötet und selbst erschossen wird. Anschließend landet er als ausgestopftes Modell in einem Museum, da er für ein fremdartiges Tier gehalten wird.

In den USA kam Der Jude von New York schon 1998 heraus, nachdem die Geschichte zuvor als Fortsetzungscomic im jüdischen Magazin The Forward erschienen war. Der Avant-Verlag bringt nun eine sehr sorgfältig übersetzte deutschsprachige Ausgabe. Ein großer Bestseller wird sie wohl nicht werden, dazu ist die Thematik zu abwegig und die Erzählweise zu sperrig. Wer sich aber darauf einlässt, bekommt ein vielschichtiges, sehr lebendiges und nicht zuletzt humorvolles Zeitportrait zu lesen, bei dem auch eine mehrfache Lektüre lohnt.

Der Jude von New York
Avant-Verlag
, Mai 2009
Text und Zeichnungen: Ben Katchor
Softcover mit Klappenbroschur; 100 Seiten; schwarz-weiß; 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-33-6

Skurilles Zeitportrait voller schräger Figuren

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Abbildungen: © Avant-Verlag

Thomas der Trommler

Cover von Thomas der TrommlerIch muss gestehen, dass die Yps-Hefte nicht wirklich Teil meiner Kindheit waren. Die Rangfolge war damals vielmehr ungefähr so: Micky Maus-Magazin, unregelmäßig Fix & Foxi und ganz selten mal ein Yps-Heft in den Händen gehalten. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich Yps mehr mit Gimmicks als mit Comicgeschichten assoziiert habe. Urzeitkrebse und andere legendäre Beilagen sind aber selbst mir geläufig gewesen. Es ist jedoch erstaunlich, dass die jetzt erschienene Neuauflage von Thomas der Trommler den Nachweis liefert, dass ich offenbar früher doch richtig gute Stories verpasst habe.

Die Serie ist eigens für das deutschsprachige Magazin Yps in den 70ern in Auftrag gegeben worden und liegt jetzt erstmals komplett in einem Band vor. Szenarist Peter Wiechmann, dessen Kauka-Reihe Andrax ebenfalls von Cross Cult neu aufgelegt wurde (Rezension zu Band 1, Band 4 und Band 5, Interview dazu mit Andreas Mergenthaler), schuf eine historisch tief verwurzelte Geschichte, die sich während des Dreißigjährigen Krieges abspielt. Es ist ein Comic, der offensichtlich für ein erwachsenes Publikum entwickelt wurde – umso bemerkenswerter, dass er in Yps versteckt war, das sich ja doch eher an eine jüngere Zielgruppe gerichtet hat.

Wiechmanns Werk beginnt mitten in den Wirren dieses europäischen Krieges. Feldherr Tilly überfällt mit seinen Männern einen Adelshof in Hessen. Aufgegriffen als einziger Überlebender wird Thomas, ein junger Grafensohn, und gezwungen, sich Tillys Heer anzuschließen. Ursprünglich als Trommler an vorderster Front fungierend, entwickelt sich dieser jedoch unter den Fittichen des kriegserfahrenen Geronimus recht schnell zu einem talentierten und ambitionierten Kämpfer.

Beispiel Thomas der TrommlerBeeindruckt von Thomas beschließt Tilly, ihm ein eigene kleine Einheit zu unterstellen. Thomas sucht sich seine Männer selbst aus. Es sind illustre Gestalten, die zwielichtig erscheinen und, wie man durch Rückblenden erfährt, in der Vergangenheit viel durchgemacht haben. „Die Trommler“, so der Name der Truppe, geraten aber zwischen die Fronten und es wird beschlossen, sich forthin als unabhängige Söldner zu verdingen und den Krieg zu überstehen.

Ähnlich wie bei Andrax ist die Entstehungszeit der in sich schlüssigen Episoden um Thomas unverkennbar, von ihrer Authentizität und ihrer Lebendigkeit haben sie jedoch nichts verloren. Auch hier hat Peter Wiechmann mit spanischen Zeichnern zusammengearbeitet, nämlich mit Josep Gual und Juan Sarompas, die abwechselnd zum Zeichenstift griffen. Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen der beiden sind wenig effekthaschend und schaffen es durch feine Striche und mit Liebe zum Detail, die Bilder der Kriegszeit einzufangen.

Beispiel Thomas der TrommlerThomas der Trommler ist eine lohnenswerte Wiederentdeckung (oder wie in meinem Fall: Neuentdeckung), eine Comicreihe mit nostalgischem Touch und historischer Authentizität. Daneben schafft es der Comic gut zu unterhalten, denn hier gilt es, in vielen Kampfszenen einen gelungenen Abenteuercomic zu entdecken, der auch losgelöst vom historischen Kontext zu goutieren ist.

Der Hardcover-Band überzeugt mit vielen Hintergrundinformationen sowohl zur Zeitgeschichte als auch zur Veröffentlichungshistorie der Reihe. Einzig das für Cross Cult untypische, leichte, raue Papier wirkt unglücklich, denn schwarze Flächen erscheinen größtenteils ganz schön blass und ausdruckslos. Vielleicht wollte man bewusst ein glänzenderes Papier vermeiden, um dem nostalgischen Charme gerecht zu werden, allerding hat das gewohnte Papier bei Andrax auch gut gepasst.

 

Thomas der Trommler
Cross Cult; April 2009

Text: Peter Wiechmann
Zeichnungen: Josep Gual, Juan Sarompas
Albumgröße, Hardcover, sw, 160 Seiten; 26,- Euro
ISBN 978-3-941248-27-4

zeitloser Historiencomic

Disclosure/Klarstellung:
Thomas der Trommler entstand unter der Beteiligung von Comicgate-Redakteurin F. Pfeiffer (Lektorat).

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Bilder aus Thomas der Trommler © Peter Wiechmann und Cross Cult

Sleeper 3 – Die Gretchenfrage

Runde drei im exzellenten Thriller von Ed Brubaker und Sean Phillips. Während Doppelagent Holden Carver mehr denn je zwischen den Fronten steht, scheint er der Vorstellung, dass die Infiltrierung des Syndikats von Superverbrecher Tao ihn selbst zu einem realen Gefolgsmann von diesem macht, immer mehr abgewinnen zu können. Währenddessen entfacht der Kampf zwischen I.O.-Agent John Lynch, Carvers ehemaliger Auftraggeber, und Tao und nimmt deutlich an Brisanz zu. Denn eins ist klar: Lynch und Tao wollen endgültig mit dem anderen abrechnen, und beide versuchen, zu diesem Zwecke Carver für sich einzuspannen.
Autor Ed Brubaker verleiht in diesem Band der Beziehung der beiden mächtigen Männer im Hintergrund eine zusätzliche Tiefe, besonders, indem er die langjährige Rivalität durch Rückblenden beleuchtet. Zudem steht die vorletzte deutsche Sleeper-Ausgabe für einen Schritt in der Entwicklung von Carvers Charakter, der von seiner ursprünglichen Rolle als Verbrecher eingeholt wird. Die Serie leistet sich keinen Durchhänger und weiß konsequent zu überzeugen. Da ist es tröstlich, dass nach dem Abschluss im Herbst rechtzeitig bei Panini (neben Criminal) die nächste Comicreihe vom Dreamteam Brubaker/Phillips parat steht: Incognito heißt sie und verbindet wiederum das Superheldengenre mit kriminalistischen Elementen. Ein hoffentlich würdiger Nachfolger für das dann abgeschlossene Sleeper also.
Zeichner Sean Phillips kommt übrigens im Oktober 2009 auf die „Comic Action“ und signiert dort seine Comics (mehr Infos).

Sleeper 3 – Die Gretchenfrage
Cross Cult, Juli 2009
A5, Hardcover, 144 Seiten; 19,80 Euro
ISBN 978-3-936480-73-3

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Reading Comics (US)

Reading Comics von Douglas WolkDer amerikanische Journalist Douglas Wolk dürfte den meisten deutschsprachigen Comic-Liebhabern kaum ein Begriff sein. Auch in Nordamerika ist Wolk dem Mainstream-Comicleser wohl eher ein Unbekannter, da seine Rezensionen nicht auf den szene-üblichen Webseiten veröffentlicht werden, sondern vielmehr in Publikationen wie der New York Times, dem Rolling Stones Magazin oder auf Salon.comerscheinen. Dort schreibt Wolk regelmäßig Beiträge zu den Themen Comics – und Jazz. Seine Rezensionen zeugen von einer genauen Kenntnis des Stoffes und belegen, dass Douglas Wolk kein eingestaubter Feuilletonist ist, der notgedrungen das Medium Comics rezensiert, weil dieses immer mehr zum „ernst zu nehmenden“ Kulturgut wird. Wolk arbeitete bereits als Jugendlicher in den 80er Jahren hinter der Kasse eines Comicladens und ist ein großer Fan, wodurch er immer wieder voller Begeisterung von Comics zu berichten weiß. Dennoch bringt er einen frischen Wind in das sonst recht übliche „die Story ist spannend/nicht spannend; die Zeichnungen gefallen/gefallen nicht“-Schema der gängigsten Seiten im Internet.

Offensichtlich möchte Wolk nicht nur etwas über einzelne Werke oder deren Schöpfer berichten, sondern auch etwas über das Medium an sich. Daher veröffentlichte er im Jahre 2007 ein Buch mit dem doppelsinnigen Titel „Reading Comics“. Leider ist das Buch bisher nur auf Englisch erschienen. Wolks Schreibstil ist zwar flüssig und klar, trotzdem sollte man als deutschsprachiger Leser bereits über gute Englischkenntnisse verfügen.

Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt: im ersten beschäftigt sich Wolk auf theoretischer Ebene mit dem Medium Comic, im zweiten Teil analysiert er eine beachtliche Reihe an Werken und Künstlern unter seinen zuvor genannten Gesichtspunkten.

Glaubt man dem Klappentext, so versteckt sich im ersten Teil des Buches eine comic-theoretische Abhandlung im Geiste Eisners oder McClouds. Dies ist aber nicht der Fall, wie Wolk bereits zu Beginn klarstellt. Er lässt sich erst gar nicht darauf ein, eine Definition von Comics zu finden oder bereits bestehende Definitionen weiter auszuführen. Er nimmt schlicht an, dass jeder Leser weiß, was mit Comics gemeint ist. Ähnlich pragmatisch verfährt Wolk im Rest seines Buches, ohne oberflächlich zu sein. Seine Thesen sind schlüssig argumentiert, so dass der Leser seinen Ausführungen immer folgen kann.

Theorie …

Dieser erste Teil des Buches ist dann auch keine Comictheorie an sich als vielmehr eine Analyse der vornehmlich nordamerikanischen Comicrezeption. Dabei zögert Wolk nicht, einigen akzeptierten und gängigen Standards zu widersprechen. So argumentiert er auf sehr überzeugende Weise, weswegen die Bezeichnung des „Golden Age“ für die Comics, die vor den 60er Jahren veröffentlicht worden sind, nicht korrekt und sogar schädlich für das Medium an sich sei. Ein Goldenes Zeitalter bezeichne eine Zeit der Blüte, des Aufschwungs, fast schon einen Idealzustand. Da wir Menschen aber immer gerne unsere eigene Zeit kritisch und skeptisch betrachten, lägen solche Goldenen Zeitalter meist in der weiten Vergangenheit. Dies wäre schon im alten Griechenland so, und so verhielte es sich auch bei der Comicleserschaft. Scheinbar. Zugegeben erscheinen dem heutigen Leser die Schöpfungen von Siegel, Shuster, Kane und anderen Pionieren des amerikanischen Comics titanenhaft. Betrachte man aber die gesellschaftliche Akzeptanz, die Verbreitung, die Qualität der Werke und die Freiheit der Künstler, so müsse man zu dem Schluss kommen, argumentiert Wolk, dass das Goldene Zeitalter der Comics in der Gegenwart liegt.
Immer wieder konfrontiert Wolk auf ähnliche Weise oft vorgebrachte Thesen – wie das Attribut „cinematic“ als Gütesiegel oder die scheinbare Tatsache, dass Kunstcomics bessere Comics seien – und wirft sie über den Haufen. Nebenbei führt er aber auch alternative Sichtweisen und Analysemöglichkeiten ein. Gerade seine Ausführungen über den Autoren-Comic (im Englischen auteur, abgeleitet vom Französischen) sind hilfreich, um eine Einteilung von Comics zu erreichen, die über eine einfache Mainstream-/Independent-Dichotomie hinausgeht.
Eine ganze Reihe von Fragen werden in Reading Comics beantwortet, die nicht auf das Medium beschränkt sind, sondern ganz allgemein auf jegliche Kunstform angewendet werden können: „Warum ist dem visuell Schönen mit Skepsis zu begegnen? Wieso sind Underground-Comics so hässlich, obwohl die Zeichner auch ‚besser‘ zeichnen können?“ Gerade bei solchen Themen ist der Erkenntnisgewinn für den Leser groß, da Wolk immer wieder sein fundiertes Wissen über Kunsttheorie, Ästhetik und Psychoanalyse unter Beweis stellt. Wolks spezielles Talent liegt allerdings darin, dies alles unterhaltsam und verständlich darzustellen. Nur stellenweise stockt der Lesefluss ein wenig; ironischerweise meist dann, wenn der Comicfan mit Wolk durchgeht und der Autor vom eigentlichen Thema abschweift, um sich in Details obskurer Comicserien zu verlieren.

… und Praxis

Der zweite Teil des Buches ist schließlich der Ort, an dem der Fanboy in Wolk erwacht, denn in ganzen 17 Kapiteln geht er ausführlich auf die verschiedensten Comics, Comiczeichner und -autoren ein. Wolk betont zu Beginn des zweiten Teils, dass die Auswahl einzig seinem persönlichen Interesse geschuldet ist. Die Auswahl reicht dabei vom Superheldencomic, Horrorcomic über Klassiker wie Watchmen und Love & Rockets zu den autobiographischen Meilensteinen Blankets und Maus. Nebenbei findet man auch noch eine ganze Reihe von in Mainstreamkreisen weniger bekannten Künstlern wie Chester Brown oder Kevin Huizenga.
Für einen Autor stellen wohl gerade die Klassiker ein Problem dar, da er sich hier die Frage gefallen lassen muss, was man Neues über ein Werk wie Watchmen äußern kann, dass eine Veröffentlichung in Buchform verdient hat. Wolk hat allerdings Einiges über Klassiker, Altmeister und neue Talente zu sagen. Selten findet man als Leser so informative und ausführliche Analysen von Comics wie hier. Wolk schreckt auch nicht davor zurück, Schwächen im Werk einiger Meister wie Will Eisner aufzuzeigen, der ja gerade in den USA fast schon zur unantastbaren Legende avanciert ist. Niemals bleibt er aber bei einem einfachen Benennen, sondern belegt auch immer seine Argumentation.

Der Autor trägt dadurch zu einem gesünderen Verhältnis zum Medium Comic bei, da eine Sakralisierung bestimmter Künstler eher einer Mumifizierung gleicht, die letztendlich die Auseinandersetzung mit dem Künstler zum Stillstand kommen lässt. Der Künstler und sein Werk werden dadurch uninteressant und banal.

War der erste Teil des Buches lehrreich, so macht der zweite Teil vor allem Lust auf Comics. Man möchte sofort zum Comichändler seines Vertrauens eilen und ihm einen glücklichen Tag bescheren, indem man den Laden leer kauft. „Reading Comics“ eröffnet dem Leser neue Betrachtungsweisen auf das Medium, lässt ihn alteingesessene Darstellungen neu überdenken und stellt ihm eine ganze Reihe neuer Werke vor. Während viele Comickünstler und -leser immer noch meinen, man müsse Comics als ernst zu nehmende Kunstform etablieren, hat Wolk diesen Punkt längst hinter sich gelassen. Seine Ausführungen leiden unter keinem Minderwertigkeitskomplex, sie sind erwachsen, fundiert, kritisch und konstruktiv. Das ist eine beeindruckende Leistung für ein einziges Buch, für die es 2008 den Eisner Award als best comics-related book erhielt, und es verdient höchste Beachtung. 


Blog von Douglas Wolk

Reading Comics: How Graphic Novels Work and What They Mean (US)
Da Capo Press, August 2007 (Hardcover)
Perseus Distribution, August 2008 (Taschenbuch)
Autor: Douglas Wolk
416 Seiten; 22,95 USD (Hardcover), 16,95 USD (Taschenbuch)
ISBN: 978-0306815096 (Hardcover), 978-0306816161 (Taschenbuch)

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