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Tanatos 1 – Der Sohn des Todes

Cover Tanatos 1Na also, nachdem einige der Comics, die für das „All in One“-Konzept von Ehapa ausgewählt wurden, von eher durchwachsener Qualität waren (für unsere Rezension auf den jeweiligen Comic klicken: Hell's Kitchen, Die Chroniken von Centrum, Engel, Der Herr der Finsternis) bringt der Verlag mit Tanatos nun eine französische Albenreihe, die man schließlich beinahe ausnahmslos loben muss. Angesiedelt in Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts, handelt der erste abgeschlossene Zyklus „Der Sohn des Todes“ von dem sich entfaltenden Masterplan des französischen Superschurken Tanatos, der im Jahr 1914 die Politik der Nationalversammlung direkt beeinflusst und durch Anschläge und Attentate insgeheim zum kriegsauslösenden Faktor wird.

Die Figur des Tanatos, ein dunkel maskierter Erfinder und Verbrecher, dessen Name sich vom griechischen Gott des Todes ableiten lässt, bleibt über die komplett Story hinweg mysteriös. Gemeinhin spricht man von ihm im Volk auch als „der Skarabäus“, seine Angestellten hingegen reden ihn meistens mit „Herr Graf“ an, seine wahre Identität kennt aber wohl niemand. Überhaupt passt jene letzte Bezeichnung sehr gut zum eloquenten und gerissenen Schurken, der über eine wohlorganisierte Belegschaft und ein nobles Schloss verfügt.
Zudem ist es vonnöten, das zugrundeliegende Szenario zu umreißen, wenn man den Charakter von Tanatos und seine Rolle in diesem geschichtsträchtigen Comic verstehen will: Die Geschichte spielt sich im Jahr 1914 ab, d. h. dass man als Leser direkt mit der Zeit vor dem 1. Weltkrieg bis hin zur vollständigen Eskalation (gegenseitige Kriegserklärung aller Verbündeten) konfrontiert wird. Und das, soweit ich das sehe, tatsächlich im realgeschichtlichen Kontext, zumindest soweit es den französischen Blickwinkel der Geschehnisse betrifft. Denn genau darum geht es in diesem Album. Eingestreute Titelblätter französischer Zeitungen unterstützen die Chronologie der Weltpolitik, die zuerst nur grob um das französische Zentrum, von dem dieser Comic ausgeht, kreist, sich dann aber, durch Tanatos Beeinflussung, diesem immer weiter annähert. Das Ende ist klar, Europa befindet sich im Krieg. Wie lässt sich also ein Superschurke mit dieser historischen Nachbereitung verbinden?
Nun, Didier Convard und Jean-Yves Delitte bauen ihre Figur des Tanatos geschickt in den bestehenden Rahmen an. So wird aus der Handlung eine spannende Kriminalgeschichte, die mit den politischen Ereignissen verwoben ist und zum Teil sogar als Grundlage für diverse Vorfälle herangezogen wird.

Was mir sehr gefallen hat, ist die Tatsache, dass es keine Helden gibt, sondern lediglich einen ambitionierten und mutigen Detektiv, der dem stattfindenden Morden nachgeht. Tanatos hingegen passt eigentlich erstmal so gar nicht ins bestehende zeitgeschichtliche Bild des französischen Landes. Er ist ein Genie, das in fremde Rollen schlüpfen kann und das in einer Art „Bathöhle“ unter seinem Schloss neuartige Fluggeräte beherbergt, die es zu jener Zeit eigentlich gar nicht geben kann. Gezielt führt er seinen Plan in mehren Stufen aus, darunter fällt die Ermordung unliebsamer Abgeordneter, die Zerschlagung einer Rüstungsfirma und die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand. Ihm zu Dienste stehen eine Reihe loyaler Zeitgenossen, die so anschauliche Codenamen wie „Angsttöter“ oder „Um-die-Ecke-Bringer“ besitzen. Damit ist alles in diesem Comic, was mit Tanatos zu tun hat, abwegig genug, um die Geschichte der Hintergründe des 1. Weltkrieges ad absurdum zu führen.

Aber gerade diese Gratwanderung zwischen Realismus und Absurdem hat mir imponiert, denn für beide Elemente lässt dieser Band genügend Spielraum. Und schließlich muss man sagen, dass das Aufarbeiten der französischen Haltung zum Krieg durchaus auf ernsthafte Weise geglückt ist; eindrücklich wird die politische Aufheizung zwischen Sozialisten und Nationalisten geschildert, ebenso die Geheimtreffen zwischen den Waffenherstellern verschiedener Länder, die unbedingt ihren Profit aus dem nahenden Krieg schlagen wollen. Solche Themen dann noch in die übergreifende Erzählung über einen Superschurken nachvollziehbar einzubetten, ist sicherlich nicht einfach.

Wesentlich einfacher wäre es da auf jeden Fall gewesen, die Bilder auf manchen Seiten etwas lesefreundlicher zu gestalten. Delittes Zeichnungen sind an manchen Stellen überbeleuchtet und grell, was daran zu liegen scheint, dass die schwarzen Konturstriche nochmals eine weiße Umrandung aufweisen, was doch sehr stört. Ich weiß nicht, ob das an der Bearbeitung durch den Ehapa Verlag liegt oder ob das Problem bereits in den Vorlagen bestand, aber wenn einem die Augen schon fast wehtun, auch wenn es nur auf wenigen Seiten sehr extrem ist, dann trübt das einfach den Lesegenuss. Da ist aber wirklich auch der einzige Kritikpunkt, den ich an Tanatos finden kann. Ich freue mich auf einen weiteren Zyklus, der für März 2010 angekündigt ist.fen zwischen den Waffenherstellern verschie

e Fluggeräte beherbegt, die es zu jener Zeit eige


Tanatos 1: Der Sohn des Todes
Ehapa Comic Collection, August 2009
Text: Didier Convard
Zeichnungen: Jean-Yves Delitte
112 Seiten, farbig, HC; 29,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3286-8

rasanter Genremix, der überzeugt

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Sonnenfinsternis

sonnenfinsternis_cover.jpgMit dem 288 Seiten stolzen Gemeinschaftswerk von Fane und Jim erweitert der Splitter Verlag sein bisher eher von fantastischer und abenteuerlicher Genrekost geprägtes Programm um ein realistisches Personendrama. Fünf Männer und Frauen in ihren Dreißigern – einer von ihnen mit seinem neunzehnjährigen Internetdate im Schlepptau – kommen in einem abgelegenen Landhaus in Südfrankreich zusammen, um sich eine Sonnenfinsternis anzusehen und ihre Freundschaft aufleben zu lassen. Auch für die beiden Künstler bedeutet dieser Band weitgehend erzählerisches Neuland, machten sie doch bisher – unabhängig voneinander – eher mit anderer Art von Comickost auf sich aufmerksam: Jim unter dem Alternativpseudonym Téhy als Autor von Fantasycomics wie Fee (Rezension bei Comicgate) und Der Engel & der Drache (Rezension bei CG) sowie der SF-Serie Yiu, Fane alias Stéphane Deteindre als Zeichner des Motorrad-Funnys Joe Bar Team. Sonnenfinsternis kann man somit als Beweis ihrer Vielseitigkeit betrachten, denn die beiden Franzosen meistern Art und Umfang der Geschichte mehr als souverän.

sonnenfinsternis_1.jpg Wirklich bemerkenswert ist die Art, wie es den Künstlern im vorliegenden Comic gelingt, die Distanz zu ihren Figuren Stück für Stück abzubauen. Der Leser wähnt sich schon bald als Teil des Ensembles. Zu vertraut kommen einem die sechs Protagonisten, ihre Spleens und Schwächen vor. Man hat Verständnis, warum der 39 Jahre alte Jean-Pierre seine gar nicht so unglückliche Ehe für die impulsive neunzehnjährige Jan riskiert, man sitzt bei der kriselnden Beziehung von Isabelle und Dominique gefühlsmäßig zwischen den Stühlen, man erahnt nach und nach, was hinter Helenas kühl-sarkastischer Fassade steckt und was den unbekümmerten Bohemien Hubert umtreibt. Dabei gelingt Fane und Jim ein leichtfüßiger Wechsel zwischen Beziehungs- und Lebenskrise auf der einen und der überschwenglichen und durchaus humorvollen Zelebrierung von Liebe und Freundschaft auf der anderen Seite.

Der besondere Charme von Sonnenfinsternis rührt womöglich von seiner unorthodoxen Machart her. Entstanden ist der Comicband nämlich nicht in der klassischen Team-Arbeitsweisesonnenfinsternis_2.jpg Szenarist/Zeichner, sondern in unzähligen Improvisationssessions der beiden Künstler, bei denen im Wechsel an Figuren und Texten gearbeitet wurde. Jeder hatte dazu drei der Protagonisten entwickelt, die er fortwährend im ständigen Dialog mit dem Arbeitspartner zeichnete und weiterentwickelte. Die so geschaffenen storyboardhaften Seiten wurden schließlich von Fane reingezeichnet, wobei den fertigen Zeichnungen noch immer etwas leicht Skizzenhaftes, Ungeschliffenes und Ehrliches erhalten bleibt, was hervorragend die Natur der Geschichte unterstreicht. Der ob dieser Arbeitsweise überraschend kohärente Gesamteindruck des fertigen Comics ist jedoch weniger Fanes Endstrich geschuldet als wohl eher dem recht ähnlichen Stil der beiden Künstler, den die im Band enthaltenen Skizzen verraten. Das Ergebnis sind ein facettenreicher Dialog über die Natur von Liebe und Beziehungen, realistische Figuren mit Tiefe, die ihre anfänglichen Klischeeaspekte schnell hinter sich lassen und eine weitgehend unvorhersehbare, ganz dem wahren Leben geschuldete Handlung.

Fane und Jim liefern keine Antworten auf die Fragen ihrer Protagonisten und die der Leser. Das wäre zu einfach. Aber sie beschreiben vortrefflich, wie es sich anfühlt, diesen Antworten nachzuspüren – und inszenieren diese Suche spannend, nachvollziehbar und zuweilen äußerst humorvoll. Nach der Lektüre von Sonnenfinsternis fühlt man sich, als ob man ein verlängertes Wochenende mit alten Freunden verbracht hätte. Ein paar Tage voller Höhen und Tiefen, welche in zwischenmenschlichen Beziehungen lauern. Tage, in deren Verlauf man die vermeintlich bereits bekannten Menschen noch ein Stück besser kennen lernte. Und vielleicht auch ein bisschen sich selbst.

Sonnenfinsternis
Splitter, Juni 2009
Text und Zeichnungen: Fane und Jim
288 Seiten, s/w, Hardcover
Preis: 24,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-019-4
Leseprobe

Äußerst spannender und unterhaltsamer Seelenstriptease

 

 

   

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Abbildungen © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Miller & Pynchon


millerpynchon_cover.jpgMiller & Pynchon stammt von dem österreichischen Leopold Maurer und ist im Literaturverlag Luftschaft erschienen, der vor allem Comiczeichner aus Österreich verlegt; man denke an den ebenfalls dort erschienenen Sammelband Perpetuum oder den Comic Molch.

Die beiden Hauptpersonen sind die holzschnittartig mit dem Wesentlichen charakterisierten Miller und Pynchon, die dem Comic auch seinen Titel geben. Der katholische Miller frönt dem Leben, flieht in die Arme vieler Zufallsbekanntschaften und versucht, seinem ihm entgleitenden Leben durch Zahlen und Messungen feste Orientierungspunkte zu geben. Der areligöse Pynchon dagegen versackt in seiner Depression über den tragischen Tod seiner Ehefrau und vergrault alle an ihm interessierten Frauen durch ausführliches Waten im morastigen Leid eines 10-jährigen Witwers, der sich vor aller Augen und Ohren nach seiner Helene zurücksehnt. So finden sich die beiden unterschiedlichen Typen zusammen, um die Demarkationslinie neu zu vermessen und erleben dabei allerlei Abenteuer.

millerpynchon_bsp3_500.jpgWas den Comic wirklich von vorne bis hinten auszeichnet, sind die gestelzten Dialoge (“Verzeihen Sie Gnädigste, …“, „… meine Wenigkeit ist Astronom!“). Doch nach einer anfänglichen Irritation gewöhnt man sich schnell an den Stil, den alle auftretenden Figuren pflegen. Dazu eilt die Geschichte mit flotten Schritten von einer skurrilen Begegnung zur anderen. So begegnet man Kanalkrokodilen, Werwolfsöhnen, streichespielenden Frauen, schießwütigen Bodyguards und weiteren auffälligen Figuren. Durch dieses Tempo eilt die Geschichte dahin, die letztlich trotz aller hochgeheimen Regierungsaufträge an die beiden Protagonisten, eigentlich nur dem Zugang zu den Gemütsverfassungen von Miller und Pynchon dient. Drittes auffälliges Element ist der durchgängige Humor, der überwiegend originell und köstlich ist, etwa wenn die verstorbene Mutter ihrem erwachsenen Sohn Pynchon während eines Vollbads erscheint oder der tragische Tod von Helene sich irgendwann als Plattwalzen durch ein rollendes Riesenkäserad entpuppt. Seltener erweckt Maurer alte Kalauer ins aufgewärmte Zombiedasein, etwa wenn die beiden mühsam den Gipfel besteigen und dann der ganze Stolz verfliegt, als sie die Seilbahn auf der anderen Seite bemerken.

Aus Miller & PynchonDie Bildsprache erfasst die Stimmungen ganz treffend und findet fantasievolle Bilder für die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn. Insgesamt ist die Atmosphäre mit knappen Strichen und originellen Nasen (!) sehr professionell und künstlerisch, und sie schafft es, Gemütsverfassungen stimmig einzufangen. Durchzogen ist das Buch in allen (!) Namen und selbst den Porträts von Anspielungen auf Literatur und Picassos Bilder. Einige Symbole und Szenarien schreien förmlich nach einer tieferen Bedeutung, haben sich mir aber bei aller Mühe nicht erschlossen, etwa die parallel konstruierten Zahlendialoge in Kap. 9.

Insgesamt eine flotte, absurde, ungewöhnlich erzählte Begebenheit, die viele Tiefgänge und viele Oberflächlichkeiten aufzubieten weiß und irgendwie nach höherer literarischer Bildung (die ich nicht hatte) ruft, um sie ganz auszukosten.

Zum Künstler: Leopold Maurer, geb. 1969 in Wien; Studium der Soziologie an der Universität Wien, Studium der Malerei und Grafik an der Akademie der bildenden Künste Wien. Seit 1998 freischaffender Künstler in den Bereichen Animation, Cartoon, Comic und Illustration. Mitglied der Comicgruppe mixer. Lebt und arbeitet in Wien und Trautmannsdorf, NÖ. Quelle: leopoldmaurer.com

Miller & Pynchon
Luftschaft, März 2009
Text/
Zeichnungen: Leopold Maurer
174 Seiten, Paperback, s/w
20,40 Euro
ISBN 978-3-902373-41-0

Produktseite bei Luftschacht
absurd & skurril, für bestimmte Geschmäcker!

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Abbildungen © Leopold Maurer, Luftschacht-Verlag

Horrorschocker 20

Cover Horrorschocker 20Hoch soll es leben, hoch soll es eben, dreimal hoch! Soeben erschien eine Jubiläumsausgabe der Hammerharte Horrorschocker, welche eine der zuverlässigsten und langlebigsten deutschen Comiceigenproduktionen dieser Tage ist. Allein dafür gebührt dem Weißblech-Verlag und -Mastermind Levin Kurio höchster Respekt. Vor allem, weil der Herr Verleger nicht nur verlegt, sondern auch jede Menge Eigenarbeit in HH reinsteckt. In diesem Fall hat er die komplette Titelstory sinniert und zu Papier gebracht. Zeichnerisch wird Levin immer besser, und die Geschichte hätte sogar Potenzial für eine Fortsetzung. Durch das Erzähltempo (erst zu langsam, dann zu schnell) verschenkt er aber einiges an Möglichkeiten.
Die zweite Geschichte „Unschuldig!“ bietet einen interessanten Ansatz, bei dem der Leser die Unsicherheit des Protagonisten gut nachvollziehen kann. Autor Jo 84 hat prima Arbeit geleistet, nur am Ende wird zu viel erklärt. Mit Till Felix ist ein HH-Neuling am Zeichenbrett, der seinen Einstand gut besteht.
Der letzte Beitrag „Die Moral von der Geschicht …“ von C. J. Walkin bietet einen tollen Twist, ist aber viel zu geschwätzig im Begleittext. Auch hier kann man an der zeichnerischen Umsetzung, diesmal von Kolja Schäfer, nichts bemängeln. Was mich allerdings am gesamten Heft gestört hat, ist die extreme Farbsättigung, die ins Auge knallt. Ob dies so gewollt oder doch eher ein Fehler der Druckerei ist? Jedenfalls ist diese Ausgabe wieder absolut ihr Geld wert. Bis auf einige Verbesserungsmöglichkeiten à la „weniger ist mehr“ ein schönes Jubiläumsheft mit einem atmosphärischen Titelbild von Klaus Scherwinski und Flavio Bolla!

Hammerharte Horrorschocker 20
Weissblech Comics, August 2009
36 Seiten, farbig, Heftformat
Preis: 3,90 Euro

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Bunte Welt des Frohsinns 1

CoverEs gibt Zeichner und Autoren, von deren Werken man gar nicht genug bekommen kann und am liebsten sofort den nächsten Comic oder das nächste Buch lesen muss. Fernab von der Welt der Comics lässt sich dieses Phänomen sicherlich am besten bei J.K. Rowlings Harry Potter-Reihe wiederfinden. Mit großem Eifer haben Horden von Jugendlichen und Erwachsenen die Bücher gelesen und gierig jeden neuen Band herbeigesehnt. Und dann gibt es da noch Eugen Egner, den Meister des grotesken Humors (entsprechende Auszeichnung wurde Egner 2003 in Kassel überreicht). Seine Comics, seine Bildergeschichten und auch seine Cartoons sind eher in geringen Dosen zu genießen und entwickeln so ihr größtmögliches Potential. Diese bestreitbare Tatsache hielt die Verleger von Monsenstein & Vannerdat aber nicht davon ab, mit die Bunte Welt des Frohsinns den ersten Band von Egners Gesamtwerk (exklusive seiner nicht bebilderten Texte) zu veröffentlichen. Einen kleinen Vorgeschmack auf diese vielleicht erst beim zweiten Hinsehen süchtig machende Kunst von Eugen Egner bietet seine Homepage, die laut Wikipedia seit mindestens drei Jahren „fast ohne Inhalt“ ist. Wie grotesk, denn die Seite hat sehr wohl Inhalt.

Vielen Lesern mag der Name Eugen Egner heute nicht mehr so im Gedächtnis sein, weshalb der Autor selbst den Band schmunzelnd als „Comeback“ bezeichnet. Dennoch ist wahrscheinlich jeder humorbegabte Comicleser bereits über seine grotesken und surrealen Bilder gestolpert: Während seine ersten zeichnerischen Schritte in der Hörzu und der Sendung mit der Maus zu sehen waren, konnte man seine graphischen Beiträge seit 1988 regelmäßig in Satirezeitschriften wie Kowalski, Titanic und Eulenspiegel, aber auch in Die Zeit und der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung finden. Wenn seine Comics überall erschienen, warum fällt es dann so schwer, sich an den Namen zu erinnern? Die Ursache für die Verdrängung Egners aus den Gedächtnissen der Leser kann sicherlich auch an der Verwirrung liegen, mit der der Autor sie zurückgelassen hat. Was soll das, fragte man sich so oft nach der Lektüre eines Egner-Comics. Warum hat dieser Mann ein Feuchtbiotop auf seiner Jacke? Und genau das ist die richtige Einstellung beim Lesen, denn einfach zu erläutern sind diese Bilder nicht, wenn sie es überhaupt sind. Aus diesem Grund sind jedwede Erklärungsmodelle wie die Satire, das Surreale oder auch das Groteske gleich wieder über Bord zu werfen.

Der Sägewolf ArgebratWie sollte man auch eine Figur wie den Sägewolf Argebrat logisch nachvollziehen können, dessen einzige Passion es ist, alles zu zersägen. Während Autor Egner selbst zugibt, keine wirkliche Erinnerung an die Kreation dieser Figur zu haben, wirkt  Argebats Ausruf „Die Säg’ ich durch!“ wie ein humoristischer Urknall, der keine Ursache zu haben scheint, aber dennoch ein Ziel hat: die Zersägung von allem. Der erste Band von die Bunte Welt des Frohsinns umfasst aber auch noch weitere Figuren aus Egners Ensemble wie die Bergmann-Buben und die Schröll-Mädchen. Erstere gehören zu Egners Standards, wenn dieser Begriff im Bezug auf Egner überhaupt erlaubt ist. Als perverse Version von Tick, Trick und Track setzt Egner die drei Buben ein und führt jede Idee von Familie ad absurdum: So ziehen die Buben eines Tages los, um ihrer Mutter „Autobahnteile für einen uralten Haselnuss-Kult“ zu besorgen. Der Leser muss sich stets aufs Neue bemühen, um jedem noch so kleinen Quäntchen Sinn  in den Geschichten hinterherzujagen, was sich zwar als anstrengende, aber lohnenswerte Aufgabe erweist.

Schröll-Mädchen und Bergmann-BubenUm aber nicht den Eindruck zu erwecken, dass Egner einfach eine Reihe irrwitziger Ideen  sinnlos hintereinander hängt und so ein perfides Sammelsurium kreiert, seien die „Romane“ (erhältlich bei Zweitausendeins) des Autors zu erwähnen, die zeigen, wie bewusst Egner mit Sprache umzugehen weiß. In seinen Comics wird dies auf brachiale Art und  Weise deutlich. Egner verneint alle sinnstiftenden Elemente der Sprache und lässt seine Protagonisten in Fantasiesprachen (“Kaboina“, „Schnölb“ oder auch „Pisendel“) reden, wobei nicht eindeutig zu verzeichnen ist, ob die jeweiligen Gesprächspartner im Comic sie besser verstehen als der Leser. Gerade dieser verqueren Sprachverwendung kann man nicht lange folgen, da man nur wenig zu finden scheint, was mit unserem Verständnis von Sprache Sinn ergibt. Doch gerade dies ist die Herangehensweise eines Eugen Egner und die Herausforderung, die man bei der Lektüre annehmen muss.

FeuchtbiotopEin guter Einstieg in Egners Werk sind die „Cartoons“ in diesem Band, die selbigen eigentlich beschließen sollen. Durch ihren Aufbau von Überschrift, Abbildung und Unterschrift erinnern die Comics an barocke Embleme, die Zusammenhänge zwischen Wort und Bild in Frage stellen und Doppeldeutigkeiten und Widersprechung ausnutzen. So wird der „Brief nach Hause“ durch die wohlfein gewählte Unterschrift „Liebe Eltern, ich stehe gerade mitten auf der Straße, und die Hose hinter mir kann jeden Augenblick explodieren“ zu einer humoresken Parodie auf den Prototyp Witz, dem hier entweder die Pointe fehlt oder die Hinführung zu selbiger. Während diese kurzen Auszüge gerade durch ihre Absurdität witzig sind, werden sich einige Leser sicher schwer mit den längeren „Bildergeschichten“ von Egner tun, die oftmals nicht logisch zu erklären sind. In ihnen vollführt Egner Sprünge im narrativen Gefüge, die gar keinen Sinn ergeben. Aber auch das ist Egners Kunst.

Im Gegensatz zum Lustprinzip,  das zur Harry Potter-Sucht führt, entziehen sich Egners Comics der Befriedigung unserer Sinne. Und gerade in dieser den Leser abschreckenden Erkenntnis liegt der Gewinn der Lektüre von Bunte Welt des Frohsinns. Der gesamte Band spielt mit der Erwartungshaltung des Lesers, die immer wieder gebrochen wird.  So führt Egner vor Augen, dass es in dieser Welt wirklich nur wenige Gleichungen gibt, die wirklich aufgehen. Der Rest wird beherrscht von einer chaotischen Realität, die oftmals nur schwer zu verstehen ist. Niemand hat gesagt, dass es einfach werden wird. Allen Lesern, die nun immer noch nicht abgeschreckt sind, kann man nur gratulieren: Ihr seid in der Lage zu abstrahieren und begnügt Euch nicht mit dem Offensichtlichen. Wem dies noch nicht genug des Absurden sein sollte, der kann sich an Egners Hörspielen, wie z. B. „Olga Lafong“, satt hören.

Bunte Welt des Frohsinns Band 1
Monsenstein & Vannerdat, Juni 2009
Autor/Zeichner: Eugen Egner
132 Seiten, Softcover, 24,90 Euro
ISBN: 978-3-938568-81-1

Abstoßend komischer Comic!

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Abbildungen: © Eugen Egner/Monsenstein und Vannerdat

Black Orchid

 Cover Black OrchidBlack Orchid wird wahrscheinlich so ein Comic sein, der im Laufe der Zeit immer wieder vergessen wird. Denn spricht man über Neil Gaiman, den Autoren des Comics, wird wohl meistens sein Hauptwerk The Sandman genannt. Spricht man über den Zeichner Dave McKean, redet man plötzlich über dessen Hauptwerk, Cages, meinetwegen auch über Arkham Asylum oder seine Mitarbeit an The Sandman. Aber selten über Black Orchid. Black Orchid wird vergessen, vielleicht nicht ohne Grund, schließlich ist die Hauptfigur, eine Superheldin, halb Mensch, halb Pflanze, nicht besonders zugkräftig. Und dennoch: Für Gaiman und McKean war Black Orchid ein wichtiger Comic. Denn als der Dreiteiler 1989 erstmals bei DC Comics erschien, waren Gaiman und McKean noch nicht die Comic-Größen, die sie in den Neunzigern werden sollten. An Black Orchid kann man heute noch sehen, was für ein großes kreatives Potential da noch unentdeckt schlummerte. Und wohin sich der Superhelden-Comic hätte bewegen können. Der Kampf zwischen Lex Luthor und Black Orchid ist da kaum mehr als ein Gerüst, das eine Geschichte über Einsamkeit, Erinnerung, Liebe und Verzweiflung trägt. Manchmal übertrieben emotional, nie jedoch banal. Auf Deutsch wurde Black Orchid zum ersten Mal 1992 bei Carlsen verlegt. Diese alten Bände sind inzwischen kaum noch zu bekommen. Panini hat die Comic-Perle wieder ans Tageslicht geholt, vermutlich im Rahmen der groß angelegten Panini-Gaiman-Bibliothek, die in den kommenden Jahren ausgebaut werden soll. Sicher kein Fehler. Denn Neil Gaiman ist ein toller Erzähler und Black Orchid ein beeindruckendes Frühwerk, das noch heute fabelhaft zu lesen ist. Bitte nicht vergessen.

Black Orchid
Panini Comics, Juni 2009
164 Seiten, Softcover, farbig
Preis: 16,95 Euro

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Thorinth 1: Der Narr ohne Namen

 Nicolas Fructus legt mit Thorinth, bei dem er sowohl die textliche als auch die zeichnerische Arbeit übernimmt, seine erste Comicreihe überhaupt vor. Herausgekommen ist, wie Band 1 bereits zu belegen weiß, ein reichlich verschrobenes Werk, das keine ungewöhnlichen Themen scheut. Aber kann diese Debutserie auch überzeugen? Letztlich nicht ganz. Der Hauptgrund dafür ist das sich steigernde Verstricken in eine wirr erscheinende Handlung.

Dreh- und Angelpunkt der Erzählung ist Thorinth, ein gigantischer Turm, der ein Labyrinth beinhaltet, zugleich aber auch Sanatorium für Wahnsinnige und ein Gefängnis für Verstoßene und Unliebsame  ist. Es ist ein beklemmender, hermetisch abgeschlossener Ort, der ursprünglich vom Bewusstseinsforscher Amodef in Auftrag gegeben wurde. Seine zwielichtige Architektin Esiath jedoch erschuf insgeheim einen schwebenden Lehmblock inmitten des Turms, der die herrschende Kaste der Pellegen, der auch Amodef angehört, in sich aufsaugen soll. Als Folge des Verrats ist der Narrenwärter anzusehen, ein monströser Golem, der fortan über die Bewohner von Thorinth wachen und richten soll. Mit den vielen kleinen Wesen, den sogenannten Schnuffels, die ebenfalls aus diesem Experiment resultierten, existieren aber auch gutmütige Wesen in dem zweckentfremdeten Turm.

Eines Tages wird Thorinth, nun ein in sich abgeschlossenes System, aus dem keiner mehr rein oder raus kommt, von einem namenlosen Eindringling infiltriert. Dieser verschafft sich mit Gewalt Zugang zum Turm, um seine Frau zu suchen.

 Mit dem unbekannten Eindringling hat Nicolas Fructus einen Protagonisten erschaffen, der unvermittelt in eine fantastische Welt gerät, die er nicht zu begreifen vermag. Er erkundet gleichzeitig mit dem Leser das Innere des Turms, trifft allerlei skurrile Gestalten und muss  schließlich seine Anwesenheit und seine Mission rechtfertigen. Das ist allerdings gar nicht so leicht, denn nach einer äußerlichen Veränderung, den Anschlägen der extremistischen Gruppierung der Sanodath und den Auftritten eines vermeintlichen Königs, steht der Held vor Gericht.

Sicherlich, Fructus‘ Zeichenstil schafft es ausgezeichnet, das morbide Innenleben atmosphärisch dicht wiederzugeben, die darstellerische Qualität kann aber nicht über den inhaltlichen Part hinweg täuschen, die dann doch an dem ein oder anderen Punkt Schwächen aufweist: Das Konzept des Turms soll wohl auf psychologischer Ebene zu verstehen sein; Thorinth als ein Ort der zerrissenen, kaputten Seelen, eine Begegnungsstätte für Wahnsinn und Genialität. Amodef und sein Team werden als Doktoren benannt, die Grenze des menschlichen Bewusstseins auszuloten ist offenbar ihr Ziel gewesen. Insofern ist Idee des hermetischen Labyrinths als metaphorisches Werkzeug zum Aufzeigen mentaler Zustände ein gelungener erzählerischer Kniff, der dem Autor geglückt ist. Ebenso gut gefallen hat mir die zentrierte Position des Turms, der anstelle einer titelprägenden Person von Beginn an in den Vordergrund gerückt wird. Schade nur, dass der Künstler im weiteren Verlauf des Bandes dann doch recht stark auf den namenlosen Helden fokussiert ist. Darunter leidet dann auch die eigentliche Atmosphäre des Comics, da dadurch verpasst wird, das Innenleben des Turms tiefgehender und vor allem nachvollziehbarer zu erforschen.

 Alles in allem kann das zugrundeliegende Szenario nicht gänzlich überzeugen. Thorinth ist in einer fantasievollen Welt angesiedelt, in der hirnsaugende Lehmmonster, auf Plattformen schwebende Krieger und niedliche Kreaturen, die verrückt nach einer psychotrop wirkenden Pflanze sind, als völlig normal erscheinen. Mit dem zusätzlichen surrealen Faktor, der sich in allem widerspiegelt, vom Verhalten der Personen bis hin zur Architektur, lässt sich die Story nur noch als wirr bezeichnen. Viele Informationen bleiben der Interpretationsgabe des Lesers überlassen, das eigentliche Konzept dahinter wirkt spätestens in der zweiten Hälfte nur noch bemüht, aber nicht gut genug durchdacht.

So bleibt die Story schräg, aber nicht packend oder spannend genug erzählt, als dass man vor Begeisterung die nächste Seite umblättern würde. Interessanter ist da schon, in welche Richtung sich die fünfteilige Reihe noch entwickeln wird.

 

Thorinth 1: Der Narr ohne Namen
Splitter, Juli 2009
Text/Zeichnungen: Nicolas Fructus
56 Seiten, Hardcover, 13,80 EUR
ISBN: 978-3-86869-032-3

Optisch gelungen, inhaltlich unausgereift

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Abbildungen: © Splitter Verlag

Northlanders 1 – Sven, der Verräter

 Brian Wood (DMZ, Demo) startet mit Northlanders ein neues Comicprojekt für das Vertigo-Label. Glücklicherweise gelingt es ihm auch diesmal, die spezielle Thematik eindrucksvoll als Autor zu gestalten. Angesiedelt ist die Serie im Zeitalter der Wikinger, Band 1 (im Jahr 980 spielend) erzählt in acht Kapiteln von Krieg, Verrat und Ehre: Sven, der in Konstantinopel zum Krieger ausgebildet wurde, kehrt nach dem Tod seines Vaters in seine Heimat zurück, um dort die Thronfolge anzutreten. Doch sein Onkel Gorm macht ihm dieses Erbe streitig, was Sven zu einem langen Rachefeldzug veranlasst.

Was sich auf dem Backcover noch reißerisch mit den Worten „Härter als Conan und blutiger als 300“ ankündigt, ist im ersten Sammelband tatsächlich ein martialisches und gewaltiges Kampfspektakel. Dazwischen herrschen aber auch die leisen, besinnlichen Töne vor, mit denen Brian Wood die Hauptfigur Sven umfassend und vielschichtig zu charakterisieren weiß. Damit beginnt die Vertigo-Reihe Northlanders als unterhaltsames und kluges Werk vor historischem Hintergrund. Richtig gut gefallen haben mir auch die Zeichnungen des italienischen Künstlers Davide Gianfelice, der in einem mattierten Grundton sowohl Blutspritzer im Gefecht als auch eindringliche Landschaftsimpressionen aus der Heimat der Nordmänner gekonnt umzusetzen weiß. Ein persönliches Highlight stellen für mich jedoch die abgedruckten US-Cover dar: Massimo Carnevales malerische Bilder sind einfach ein Augenschmaus. Auch deswegen sollte man dieser Serie eine Chance geben.                                                            

Northlanders 1 – Sven, der Verräter
Panini Comics, Juli 2009
196 Seiten; farbig; Softcover
Preis: 19,95 Euro

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Interview mit Fritz Saalfeld

Einer der größten US-Comicverlage, DC Comics, hat seit geraumer Zeit eine Online-Präsenz, die sich Zuda Comics nennt. Unter anderem wird dort ein monatlicher Wettbewerb veranstaltet, an dessen Ende dem Sieger mit den meisten Leser-Stimmen die bezahlte Veröffentlichung seines Webcomics winkt.
Comicgate-Mitgründer Fritz Saalfeld hat die Auswahlrunde durch die Zuda-Redakteure bestanden und präsentiert momentan den Anfang seiner Geschichte If You See The Hills im August-Wettbewerb.
Im Interview erzählt uns Fritz vom Wettbewerb und seinem Comic, und wir sprechen allgemein über Webcomics.

If you see the hills von Sal FieldComicgate: Hallo Fritz, Du warst schon in Deinen aktiven Zeiten bei Comicgate sehr den Webcomics zugetan. Jetzt hast Du Deinen eigenen Comic If You See The Hills für den Monat August beim Wettbewerb von Zuda online veröffentlicht bekommen. Erstmal Gratulation dazu!
Bitte erzähl doch mal etwas über den Wettbewerb an sich.

Fritz Saalfeld: Zuda Comics ist DC Comics‘ Webcomic-Imprint. Es gibt zwei Wege, bei Zuda veröffentlicht zu werden: Entweder die finden deine Einsendung so toll, dass sie dir sofort einen Vertrag geben (was in den seltensten Fällen passiert), oder sie wählen deinen Comic für den Wettbewerb aus.
Im Wettbewerb nehmen jeden Monat zehn von der Zuda-Redaktion ausgesuchte Comics teil, von denen dann die ersten acht Seiten auf der Webseite veröffentlicht werden. Die Leser können dann bis zum Ende des Monats abstimmen, welcher der zehn Comics fortgesetzt werden soll und der Gewinner bekommt dann einen Ein-Jahres-Vertrag.

CG: Wie bist Du darauf gekommen, mitzumachen? Hast Du Dir Chancen an einer Teilnahme ausgerechnet?

FS: Die Chance, einen Vertrag bei DC Comics zu bekommen, ist einfach sehr verlockend, noch dazu erreicht man ein breites Publikum und wird bereits wenn man es in den Wettbewerb schafft bezahlt. Man sieht ja jeden Monat, was für Comics da mitmachen, und insofern war ich schon recht optimistisch, dass ich zumindest so weit komme. Wie weit man es in dem Wettbewerb dann schafft, kann man vorher glaub ich gar nicht einschätzen, weil das einfach viel von den anderen Beträgen abhängig ist.

Panel aus If You See The HillsCG: Schwebte Dir If You See The Hills schon länger im Kopf herum? Er klingt ein wenig selbstreflektiv.

FS: Ja, die Grundidee mit deprimierten Teenagern, die auf den Dächern rumklettern und sich Gedanken über ihre Zukunft machen, schleppe ich schon länger mit mir rum. Es ist sicher etwas von mir in den Figuren, ich glaube, das ist bei allem so, was ich schreibe, aber autobiografisch ist das ganze bestimmt nicht. Die Figuren sind wesentlich depressiver als ich. Ich liebe die Stadt, in der ich lebe.

CG: War er schon immer auf Englisch konzipiert?

Über sowas mach ich mir eigentlich erstmal gar keine Gedanken, wenn ich eine Idee für ein Geschichte habe. Das kommt irgendwann später, wenn man dann konkret anfängt; und zu dem Zeitpunkt wusste ich bei Hills schon, dass ich das bei Zuda einschicken wollte, daher war dann auch die Sprache klar.

CG: Dein Comic ist sehr dialoglastig, die Sprache ist das Einzige, was „passiert“. Bewusst oder ist das einfach so entstanden?

FS: Ein Leser hatte dazu kommentiert, ich hätte einige der Sachen, die die beiden erzählen, doch in Flashbacks zeigen sollen, damit mehr los ist, und anfangs hatte ich das auch so geplant, aber das hätte diese Szene total zerrissen. Insofern ist es beim Schreiben schon einfach so entstanden, war aber auch eine bewusste Entscheidung, diese ruhige Szene nicht zu unterbrechen. Ist natürlich klar, dass das nicht jedem gefällt und wenn das Ganze weitergeht, wird das natürlich nicht immer so still sein, aber für diesen Moment passt es einfach so besser, finde ich.

aus If You See The HillsCG: Hast Du den Text von einem Muttersprachler auf Natürlichkeit durchschauen lassen?
„My cell is on the fritz lately“ ist übrigens ein netter Insider-Gag. 😉

FS: Ja, eine Freundin hat das korrekturgelesen (und fand den Satz übrigens auch sehr lustig), hatte aber nur ein, zwei klitzekleine Vorschläge, um den Text noch klarer zu machen. Das waren dann aber echt nur so Sachen wie hier und da ein Komma oder ein Wort kursiv setzen. Hätte mich nach zig Semestern Amerikanistikstudium auch gewundert, wenn das anders gewesen wäre. Und dann wird das ganze natürlich auch nochmal von den Redakteuren bei Zuda durchgeguckt, aber das meiste, was die zu beanstanden hatten, waren die ganzen Schimpfwörter, die man nicht sagen darf.

Ein böses Schimpfwort aus If You See The HillsCG: Sind diese acht Seiten der Anfang einer größeren Geschichte?

FS: Ja, im Prinzip schon. Das sieht der Ablauf bei Zuda ja schon so vor, da man ja, wenn man gewinnt, noch mindestens 52 Seiten mehr machen muss. Insofern muss man natürlich schon eine Idee haben, wie das Ganze weiter gehen soll. Gleichzeitig bin ich da aber so rangegangen, dass es schon irgendwie in sich abgeschlossen ist, also es nicht wirklich schlimm ist, wenn es nun nicht weiter geht.


CG: Wie siehst Du Deinen Beitrag im Vergleich zur Konkurrenz – ist diese ruhige Art sehr ungewöhnlich?

FS: Ja, die meisten anderen Comics bei Zuda sind wesentlich Action-lastiger und Coming-Of-Age-Geschichten sind generell in diesem Medium eher die Ausnahme. So fällt es zwischen den ganzen Science-Fiction- und Fantasy-Comics schon aus der Reihe, was einige total toll finden und sehr loben, während viele Stammleser von Zuda damit vielleicht nicht so viel anfangen können. Aber ich habe mich ja nun auch nicht hingesetzt und gedacht, „so, jetzt machst du mal einen Comic, den sie bei Zuda alle toll finden sollen“. Es ist mehr die Art Comic, wie ich sie gerne selber lese.

Seite aus If You See The HillsCG: Wie ich schon zu Beginn erwähnt habe, hast Du Dich bereits vor gut einem Jahrzehnt für Webcomics interessiert. Was hat sich Deiner Meinung nach in der Zwischenzeit getan?

FS: Nicht allzu viel, leider. Viele Webcomics halten sich meiner Meinung nach einfach noch viel zu sehr an die Einschränkung, die es beim Print-Comic gibt. Bei Zuda hat man immerhin schonmal das Format der Seiten an das Format des Monitors angepasst, so dass man beim Lesen nicht die ganze Zeit über Seiten scrollen muss. Aber Webcomics, die tatsächlich die Fesseln der Print-Comics hinter sich lassen, wie When I Am King von Demian.5 beispielsweise, sind leider immer noch die Ausnahme.
Die spannendste Entwicklung der letzten Jahre hat dann auch weniger mit Form oder Inhalt der Webcomics zu tun, sondern eher mit dem Vertrieb, da sich langsam auch die großen Verlage mit dem Thema auseinandersetzen. DC ist mit Zuda in dem Bereich in gewisser Weise in einer Vorreiterrolle und wesentlich experimientierfreudiger als Marvel, wobei die ja immerhin Digitalversionen ihrer Print-Hefte anbieten, um den in den letzten Jahren aufgekommenen illegal gescannten Comics entgegenzuwirken.

CG: Siehst Du eine Gefahr für Printcomics durch die Online-Veröffentlichungen? Diese Thematik wird ja momentan heiß diskutiert.

FS: Absolut nicht. Menschen lieben Bücher. Am Monitor zu lesen ist einfach kein Vergleich dazu, ein gedrucktes Buch in der Hand zu halten. Guck dir beispielsweise mal Nicht Lustig an: Die Cartoons sind alle online, völlig kostenlos, und trotzdem verkaufen sich die Bücher wie bescheuert.
Was die Verlage allerdings früher oder später überdenken müssen, ist das US-Erscheinungsformat der monatlichen Comichefte. Die Verkaufszahlen sind da eh rückläufig, weil viele Leser lieber auf den Sammelband warten und die einzelnen Hefte einfach verdammt teuer sind. Ich meine, was kostet ein Comicheft heute? 4 US-Dollar? Da ist es doch kein Wunder, dass sich Leute das lieber gescannt runterladen.

Die Zuda-Kandidaten im August 2009CG: Wie stellst Du Dir eine gute Online-Veröffentlichungsstrategie für Comics vor? Sind Dir schon vernünftige Bezahlmethoden untergekommen?

FS: In den meisten Fällen, in denen mit Webcomics Geld verdient wird, kommt dieses Geld von Werbung, Merchandising wie T-Shirts und Print-Editionen und nicht von direkt zahlenden Lesern. Eine solche Veröffentlichungsweise lässt sich sehr gut mit Fernsehserien vergleichen: Die fortlaufende Veröffentlichung ist kostenlos und baut eine Zuschauerschaft auf, ist allerdings nicht so bequem wie die spätere, werbefreie Veröffentlichung auf DVD (beziehungsweise bei Comics als Sammelband). Hierbei ist die erste Veröffentlichung in gewisser Weise Werbung für die zweite Veröffentlichung. Lost würde sich sicher auf DVD bei weitem nicht so gut verkaufen, wenn es nicht kostenlos im Fernsehen laufen würde, und Nicht Lustig hätte sicher nicht so hohe Auflagen, wenn die Comics online kostenpflichtig gewesen wären. Ich glaube, eine solche Veröffentlichungsweise ist für Comics weitaus erfolgversprechender als das iTunes-Modell. Andererseits haben Longbox, die im Herbst in den USA einen Onlinecomicshop mit einem solchen Modell starten, auch so Sachen erwähnt, wie dass man einen Rabatt auf das Trade Paperback bekommt, wenn man vorher die Hefte digital gekauft hat, das könnte dann wieder durchaus interessant sein.

CG: Zum Schluss Deine Lesetipps: Was sind Deine Favoriten unter denWebcomics?

Smile von Raina Telgemeier, das Anfang nächstes Jahr auch gedruckt erscheint. An Strips im Moment XKCD und A Softer World. Und natürlich Copper, wobei es da leider länger kein Update mehr gab.

CG: Danke für die Antworten und noch viel Erfolg bei Zuda! Wem unserer Leser If You See The Hills gefällt, der kann noch bis zum 31. August für Dich abstimmen.

FS: Danke und hoffentlich bis bald.

 

Comicabbildungen © Fritz Saalfeld

Marvel Max 29: Legion of Monsters

 Ganz schön gruselig, dieser Band, der allen möglichen Horrorfiguren Marvels eine neue Plattform bietet. Enthalten sind alle vier One-Shots (jeweils mit zwei Geschichten) des Projektes Legion of Monsters aus dem Jahre 2007, sowie ein Nachdruck von Marvel Premiere #28 von 1976, das thematisch perfekt in das Horrorschema passt.Eine ganze Riege Zeichner und Autoren hat sich dafür zusammengefunden, darunter auch etliche bekannte Namen.

So machen allein schon Zeichnungen von z.B. David Finch, Michael Gaydos, Ted McKeever oder Skottie Young so manche Erzählung zu einem echten Kleinod. Abgesehen davon bietet sich einem in den acht Stories (plus Classic-Story) ein bunter Mix quer durch alle möglichen Zeichenstile, der einfach nur Spaß macht. Inhaltlich lässt sich nur so viel verraten, als dass sämtliche namhaften Monster des Marvel-Kosmos ihre eigene Episode gewidmet bekamen, es gibt also ein Wiedersehen mit Morbius, Man-Thing, Dracula, Werewolf by Night oder Frankensteins Monster, um nur einige zu nennen.

Herrlich nostalgisch dagegen ist die erwähnte Classic-Story aus den 70ern. Die abgedrehte Handlung bezieht sich auf ein frühes Team-Up von Morbius, Man-Thing, Werewolf und dem Ghost Rider, die sich dem goldenen außerirdischen Starseed gegenübersehen. Insgesamt ist dieser Band ein Pflichtkauf für Horrorfans und Marvel-Nostalgiker, zudem sind die meisten Erzählungen auch richtig unterhaltsam und wurden ambitioniert von den diversen Künstlern gestaltet.

Marvel Max 29: Legion of Monsters
Panini Comics, Juli 2009
140 Seiten; farbig; Softcover
Preis: 16,95 Euro