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el Niño 1+2

Cover El Nino 1+2Vera Michailov kommt viel herum. Die junge Frau reist nämlich als Freiwillige des Roten Kreuzes in fremde Länder, um humanitäre Hilfe zu leisten. Dass das nicht ungefährlich ist, zeigt sich auch während ihres Aufenthaltes auf dem afrikanischen Kontinent, bei dem sie die Nachwehen einer Dorfplünderung hautnah miterleben muss. Zurück in Frankreich begegnet sie vor dem Grab ihres kürzlich verstorbenen Vaters einer Gruppe Zigeuner, die eine für sie persönlich äußerst informative Geschichte zu berichten wissen. Darin geht es um den Stargeiger Jakob, Veras Vater, der sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlug. Und es fällt der Name eines gewissen Kolyas, der angeblich ihr Zwillingsbruder sein soll. Da sie von dessen Existenz bislang nichts wusste, beschließt sie erneut, ihre Heimat zu verlassen und in Südamerika den Spuren ihres Bruders zu folgen und das Geheimnis um ihre Vergangenheit zu ergründen.

Eine hübsche, junge Dame sucht nach ihrem Bruder und klärt ihr Familiengeheimnis auf. So richtig innovativ klingt dieser Plot nicht unbedingt, und so erscheint er auch nach dem Lesen nicht. Dafür hangelt sich die Hauptfigur in zu absehbarer Weise quer durch die Kontinente und an den verschiedenen Kontaktpersonen entlang. Sie trifft dabei auf illustre Leute, die sich quasi die Klinke in die Hand geben und gerade den richtigen kleinen Hinweis zur genau richtigen Zeit liefern können. So bleibt die Storyline weiträumig blass, die weiteren Figuren – ein Kapitän, eine Piratin oder etwa die Vertreter der Hilfsorganisationen – dienen von Tahiti bis nach Ecuador als Verbündete und begleiten die Recherche der Hauptfigur, ohne beim Leser allzu viel Interesse hervorzurufen.

Schließlich meinte es Szenarist Christian Perrissin mit seiner Protagonistin zu gut und packte in eine eigentlich rasant dargestellte und durchaus auch actionreiche Erzählung noch ein paar unnötige Elemente ein: Es bleibt fraglich, ob Vera sich tatsächlich niemals gewundert hat, woher ihre Narbe an der Hand kommt, der Comic erklärt dies nun einer plötzlichen Erkenntnis. Gleichsam deplatziert wirkt die künstlich eingebaute Liebesnacht, wo sie doch ein paar Seiten zuvor noch fast vergewaltigt wird.

Bei aller Kritik darf man aber nicht übersehen, dass sich bei el Niño unweigerlich eine gewisse Spannung aufbaut. Nur leider beruht diese nicht auf der Schreibkunst des Autors, sondern auf der Hoffnung einer Auflösung. Schlussendlich geht es hier um ein familiäres Rätsel, das weitere Kreise zieht als zu Beginn angenommen. Allein daraus bezieht der Comic seinen Vorteil und verleitet zum Dranbleiben. Und auch wenn mich persönlich die erste Ausgabe ziemlich enttäuscht hat, bleibt es abzuwarten, wie sich die Story im weiteren Verlauf etablieren wird, erst danach wird man wohl endgültig über die Serie urteilen, die in der deutschen Übersetzung einen bemerkenswerten Weg geht.

El Niño ist eine Albenreihe, deren erster Band bereits Stück für Stück im Zack-Magazin abgedruckt wurde und die jetzt als Doppelbände in die Zack-Edition ausgegliedert wurden. Ungünstig ist diese Veröffentlichungspolitik sicherlich für die regelmäßigen Käufer des Magazins, die somit, wenn sie denn die Fortsetzung  in Form des zweiten Bandes lesen wollen, gezwungen sind, das erste im Sammelband enthaltene Album nochmals mit zu kaufen, obwohl sie dessen Inhalt bereits kennen. Ähnlich unglücklich stellt sich für meine Begriffe die Tatsache dar, dass der erste Zyklus von El Nino fünf Original-Alben umfasst, das heißt der nächste deutsche Band müsste theoretisch eigentlich bereits wieder vom Konzept des Doppelbandes abweichen und die abschließenden drei Alben beinhalten. Vielleicht hätte sich in diesem Fall eine dickere Gesamtausgabe des ersten Zyklus angeboten, da hätten womöglich auch die Magazin-Käufer mehr Verständnis aufbringen können.

el Niño 1+2
MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag (ZACK Edition)
Text: Christian Perrissin
Zeichnungen: Boro Pavlovic
120 Seiten, farbig, HC; 25,80 Euro
ISBN:
978-3937649474

wenig inspiriertes Abenteuer

 

 

 

 

 

 

 

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Die Lichter des Amalu

 Mit der Fantasy-Reihe Les Lumières de l'Amalou wurde Zeichnerin Claire Wendling bekannt und mehrfach preisgekrönt. In den neunziger Jahren erschienen die ersten drei Alben der fünfbändigen Serie auch auf deutsch; Teil 1 und 2 als Amalu, Teil 3 als Die Lichter von Amalou. Obwohl Wendling beim Comic-Salon 2004 mit einer Ausstellung geehrt wurde, musste man in Deutschland auf die beiden letzten Episoden sehr lange warten. Nun gibt es also endlich die komplette Serie, mit einem abermals leicht veränderten deutschen Titel: In der Carlsen-Ausgabe heißt die Fantasy-Geschichte Die Lichter des Amalu, was auch sinnvoll ist, da es sich bei dem titelgebenden „Amalu“ um einen Fluss handelt.

In diesem Fluss liegt die kleine Insel, auf der die Geschichte ihren Ausgang nimmt. Elwood und Andrea, zwei sogenannte „Pelzer“ (eine Art Mischwesen aus Mensch und Tier) legen dort bei einem Flugversuch eine Bruchlandung hin und treffen auf andere Pelzer, aber auch auf Menschen und auf „Durchscheiner“, die bei Dunkelheit unsichtbar werden. Bisher hatten die beiden Pelzer angenommen, Durchscheiner gäbe es nur in der Legende – ebenso wie die sagenumwobene Große Eiche, die als gottgleicher Schöpfer der Welt gilt, in der die Geschichte spielt. Jene Große Eiche wird schon bald zur zentralen Figur der Story. Es bricht ein großer Konflikt um sie aus, der nicht nur die Eiche selbst, sondern jegliches Leben bedroht, und ehe sie sich's versehen, sind Elwood und Andrea, zusammen mit der hübschen Durchscheinerin Orane, mittendrin in diesem Strudel.

 Die Lichter des Amalu ist eindeutig Fantasy, zeigt sich jedoch als eher ungewöhnlicher Genre-Vertreter. Statt eindeutig guten und bösen Mächten gibt es viele Grauschattierungen bei den Hauptfiguren, auf fiese Monster wird weitgehend verzichtet, ebenso wie auf epische Schlachten und actionreiche Duelle. Im Vordergrund stehen die verschiedenen Figuren und ihre Konflikte. Die Protagonisten sind weder die typischen Fantasyheroen noch die klassischen Underdogs, die über sich hinauswachsen müssen, um die Welt zu retten. Sie stolpern eher unfreiwillig ins Abenteuer und lassen sich treiben, und Autor Christophe Gibelin (Abersen) entwickelt diese Geschichte auf eher leise Art und Weise. Claire Wendlings Zeichnungen vermitteln dies hervorragend: ihr Strich ist detailreich und relativ realistisch, besitzt jedoch eine skizzenhafte Leichtigkeit und erinnert auch ein wenig an Zeichentrickfilme.

Leider wird die Geschichte nicht sehr geradlinig, sondern mit fortschreitender Handlung mehr und mehr in einem verwirrenden Zick-Zack-Kurs erzählt. Am Ende wollen sich all die Schnörkel, Abwege und Verzweigungen nicht recht zu einem kunstvollen Ganzen zusammenfügen. Vielmehr hat man den Eindruck, als hätte Gibelin im Verlauf der sechsjährigen Arbeit an der Serie nicht immer genau gewusst, wohin er mit seiner Story eigentlich will. Das wirklich hübsche Artwork von Claire Wendling weiß diese Schwächen jedoch aufzuwiegen. Ihre lebendigen Zeichnungen, in erdigen Farben koloriert, wirken so frisch, als wären sie mal eben ganz leicht auf die Seite getupft worden.

Umso ärgerlicher ist es da, dass die Reproduktion auf einigen Seiten von eher schlechter Qualität ist, da dem Verlag keine perfekten Daten zur Verfügung standen. Ansonsten ist die Hardcover-Gesamtausgabe, die alle fünf Originalalben enthält, absolut gelungen, auch wenn man auf umfassendes redaktionelles Zusatzmaterial verzichten muss. Dafür ist der Verkaufspreis mit knapp 40 Euro für 240 Seiten vergleichsweise günstig.

Die Lichter des Amalu
Carlsen Comics
, Mai 2009
Text: Christophe Gibelin
Zeichnungen: Claire Wendling
Hardcover; 240 Seiten; farbig; 39,90 Euro
ISBN: 978-3-551-77251-0

Leider etwas wirre Geschichte, aber klasse gezeichnet

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Abbildungen: © Carlsen Verlag

Längen und Kürzen

Von Laengen und KuerzenNicolas Mahler, Max-und-Moritz-Preisträger 2008 für den besten Comicstrip (Flaschko – der Mann in der Heizdecke), hat mit einem recht dünnen Büchlein, schöner Haptik und Lesebändchen „Das schriftstellerische Gesamtwerk“ Band 1 herausgebracht. Der Gegensatz zwischen Titel, der einen Mammutwälzer vermuten lässt, und äußerer Form ist programmatisch für sein Schaffen. Auch diese Publikation wird wieder ein Lächeln auf die Gesichter der Freunde des feinen, absurden Humors zaubern. Für „Längen und Kürzen“ hat Mahler einen Schriftsteller erschaffen, der sein Gesamtwerk veröffentlichen möchte. Die Diskussionen mit seinem Verleger um den Umfang des Werks sind die einzigen Comicszenen, der Rest sind kurze Prosastücke wie Briefe, Postkarten und Faxe (!). Das Büchlein selber wird zum Thema, denn was wir bereits in Händen halten, das wird in ihm noch geplant. Geschickt werden Inhalt, Überlegungen, Ergebnis und Aufmachung miteinander verflochten und das Ego von sich zu Schriftstellern berufenen Personen sowie die Autorenszene an sich subtil durch den Kakao gezogen. Eine kurzweilige, feingeistige Unterhaltung mit konsequenter Planung des kompletten Produkts. Und wer das Büchlein schon gelesen und noch nicht den Schutzumschlag gelupft hat, der sollte dies jetzt tun. Da wartet noch ein Lacher – natürlich wieder mit Bezug auf den Inhalt, in dem dies schon eifrig thematisiert wurde.

Längen und Kürzen
Luftschacht, August 2009
127 Seiten, Hardcover
Preis: 15,60 Euro

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Strange Tales 1 (US)

Strange Tales 1Wie wir bereits an anderer Stelle berichtet haben, hat sich Marvel nach langem Hin und Her nun endlich dazu entschlossen, seine heißgeliebten Helden in die Hände von Zeichnern zu geben, die ansonsten nur selten das „House of Ideas“ betreten. Die künstlerischen Ergüsse von den Größen der Independent-Szene wie Paul Pope, Jason, James Kochalka, Peter Bagge oder auch Dash Shaw sind nun in der ersten Ausgabe von Strange Tales zu bewundern, der noch zwei weitere Ausgaben folgen werden (bisher gibt es noch keine Ankündigung für den deutschen Markt). Man darf diesen Comic nicht mit den, für Marvel so typischen, schlechten Kompromissen vergleichen, bei denen Zeichner eine Geschichte vorgesetzt bekommen oder ein ergänzendes „Whaf if …?“ den Plot in eine Parallelwelt zerrt.
Die Lektüre von Strange Tales lässt sich am besten folgendermaßen beschreiben: Wer als kleiner Junge über Jahre hinweg eine innige Beziehung zu seinen He-Man-Action-Figuren aufgebaut hat, wird das Gefühl nachvollziehen können. Da hat man alle großen Schlachten gegen Skeletor detailgetreut nachgespielt und plötzlich sind sie alle weg: Men-at-Arms nicht mehr da, Ram-Man verschwunden und auch BattleCat findet sich nicht mehr auf. Da! Der Nachbarjunge hat sie entwendet und beginnt gerade unschöne Dinge mit He-Man und Prince Adam nachzuspielen. Normalerweise konnte man auf diese Freveltat erst Jahre später zurückblicken und darüber gebührend lachen, doch Marvel macht das schon heute möglich.
Denn genau so arbeiten Kochalka und seine Kollegen, wenn sie neben dem grünen Hulk auch den blauen, roten und weißen zu Felde ziehen lassen. Besondere Perlen der ersten Ausgabe sind Peter Bagges The Incorrigible Hulk, Peter Gurevitchs Strips voll von schwarzem Humor und Manga-ka Junko Mizunos aberwitzige Spider-Man in Spidertown-Geschichte. Für alle unwissenden Marvel-Zombies hat der Verlag dankenswerter Weise Kurzbiografien der Künstler angehängt und auf Werbung (mit Ausnahme der Innenseiten von Front- und Backcover) verzichtet.
Noch nie war das Spiel mit fremden Figuren so witzig wie in Strange Tales

Strange Tales 1
Marvel, September 2009
48 Seiten, Comicheft
Preis: 4,99 US-Dollar

The Goon 3

Ein kleines Stück der recht frühen Vergangenheit des Goon ließ Autor/Zeichner Eric Powell ja bereits in vorherigen Kapiteln durchscheinen (Rezension Band 1, Band 2), im dritten Sammelband steht die Kindheit des groben Mafiososchlägers nun vollends im Mittelpunkt. Dass die nicht voll eitler Sonnenschein ist, kann man sich denken. Powell verpackt die Jugendjahre seiner Figur geschickt um eine Fotostory; eine Metaebene, die sich abermals zwischen Zombiekloppereien und absurder Gangstergeschichten verbirgt. Dazu beinhaltet der Band eine von Kyle Hotz gezeichnete Kurzepisode um einen entflohenen Skunkaffen. Auch das passt irgendwie perfekt ins Konzept und ist somit  weiterer Grund, um sich diese Ausgabe zu besorgen. Powells wirre Art zu erzählen und seine wandelbare Zeichentechnik machen seine Comics zu echten Highlights. Und obwohl er dies schon von Beginn an unter Beweis stellte, scheint sich seine Reihe sogar von Mal zu Mal zu steigern. Gerade nach dem Lesen der deutschen Sammelbände, durch die man die ganze Palette der kranken Einfälle abbekommt, läuft man Gefahr, für die kommenden Stunden erst mal völlig verstört zu sein. Das ist gut so, ist The Goon doch momentan vielleicht der schrägste Comic auf dem deutschsprachigen Comicmarkt.
Übrigens wird Eric Powell im Oktober zu Gast in Deutschland sein, wo er auf der Frankfurter Buchmesse anzutreffen ist und auch Signiertermine in Comicläden in Bochum, Nürnberg und Frankfurt wahrnehmen wird (Einzelheiten hier).

The Goon 3 – Meine mörderische Kindheit
Cross Cult, Juli 2009
144 Seiten, vierfarbig, HC
Preis: 19,80 Euro

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MOME 15

 Traurig, besorgt und zugleich erstaunt. So schauen die Augen vom Cover der neuesten Ausgabe von MOME herab. Was im Sommer 2005 als ambitionierter Schaukasten für junge Comic-Künstler im vierteljährlichen Turnus startete, mutiert seit den letzten Ausgaben zu einer Sammlung von einzelnen Comic-Schnipseln.
Obwohl die Liste der Künstler neben vielen Unbekannten auch Namen wie Gilbert Shelton (Freakbrothers) und Paul Hornschemeier (Die drei Paradoxien) aufweist, überzeugt die Präsentation des Projekts einfach nicht mehr. Fast alle Geschichten werden ausschließlich in Segmenten veröffentlicht. Was bei DCs Wednesday Comic gerade durch den geringen Preis und die wöchentliche Veröffentlichung funktionieren mag, ist bei Fantagraphics zum Scheitern verurteilt, da der Veröffentlichungsrhythmus einer Qual gleichkommt; vom Preis ganz zu schweigen. Bestes Beispiel ist die schöne schwarz-weiße Erzählung „Steller“ um den gleichnamigen deutschen Biologen von T. Edward Bak. Mittels einer Reihe von Bildern mit geringfügigen Veränderungen erzählt Bak vom Unglück Stellers, der mit seiner Expedition im Nirgendwo verschollen ist. Bak gibt der Geschichte das richtige Tempo und ergänzt sie geschickt durch teils enigmatisch, teils erläuternde Texteinschübe. Auf die Fortsetzung dieser Episode muss man nun ein Vierteljahr warten. Selbstverständlich entspricht ein Auszug einer längeren Geschichte dem Konzept eines Schaukastens, doch wurden in MOME bisher noch alle Geschichten zu Ende erzählt.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass das beste Stück dieser Ausgabe der abgeschlossene Comic von MAX (Bardin, der Superrealist) ist, dessen kleiner heraustrennbarer Comic wie ein seltsamer Fremdkörper in MOME wirkt. Die Geschichte liest sich erfrischend direkt: Mit viel graphischem Charme und einfachen Farben führt er in „Confederacy of Villains“ die Filmbösewichte der B-Movies zusammen, um ihr streng geheimes Projekt zu verwirklichen. Nicht nur eine Hommage an Schauspieler wie Bela Lugosi und Boris Karloff, sondern eine geschickte Fingerübung des Spaniers. Auch so kann man seinen Schaukasten bestücken.

 

MOME 15
Fantagraphics, August 2009
112 Seiten, Softcover
Preis: 14,99 US-Dollar

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Burka

BurkaWenn man über Religionsgrenzen hinaus Humor betreibt, muss der jeweilige Künstler auf Kritik nicht lange warten: Der Vorwurf der Missachtung der kulturellen Besonderheiten oder gar Blasphemie kann einem vorgeworfen werden. Wir erinnern uns, nur welchen politischen Aufruhr die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erzeugt haben. Nun hat die freischaffende Künstlerin Eva Schwingenheuer in ihrem Buch mit dem schlichten Titel Burka den Versuch unternommen, sich der Bekleidung der vollverschleierten Muslima von außen zu nähern. Sie lädt die Leser nicht nur zum Rätseln ein, was sich da für Konturen unter dem „großen Schwarzen“ abzeichnen, sondern kritisiert – wenngleich auch etwas ungestüm – diese Form der Vollverschleierung.

Der Aufbau des kleinen Büchleins erinnert stark an Nicolas Mahlers letzten Comic SPAM, bei dem jeweils eine Abbildung von einem kurzen Text begleitet wird. Es finden sich hier aber keine Seitenzahlen, keine kleinen Vignetten, die das gesamte Erscheinungsbild abrunden sollen. Einzig und allein das Bekleidungsstück und seine Bezeichnungen stehen bei den 45 Abbildungen im Mittelpunkt von Burka. So sehen wir auch keine Menschen (mit Ausnahme von ein paar Unterschenkeln), sondern nur die Hülle, den immergleichen Prototyp, der seiner Trägerin keinen Freiraum für Individualität lässt. Wir sehen dicke Burkas, dünne Burkas, kleine Burkas und auch quadratische Roboter-Burkas. Es wird so allein der Vorstellung überlassen, wie der Spagat der Primaballerina unter der Burka aussehen mag. Genau bei diesen Denkprozessen leuchtet dem Betrachter ein, dass er genau weiß, wie ein Spagat aussieht und er wird sich verwundert die Frage stellen, warum sollte das unter einer Burka anders aussehen. Was aber fehlt ist die Indiviualität der bekleideten Frau, denn sie wird „optisch und faktisch aus dem Alltag verbannt“.

YogaEben so sperrig wie das Kleidungsstück selbst, fügt sich der Begriff „Burka“ in die ergänzenden Texte ein, die die Pointen erzeugen sollen. Während einige Abbildungen, wie die „Baburka“, auch ganz alleine funktionieren, wird aus einer Ansammlung übereinander gestapelter Burkas erst durch die entsprechende Erläuterung der „Afghanische Staatszirkus“. Fast auf jeder Seite findet die Namensbezeichung des titelspendenden Kleidungsstückes ihren Weg in die pointierten Texte. Schwingenheuer versucht dabei erst gar nicht, die Burka durch Wortumstellungen besser anzupassen, sondern lässt den sperrigen Begriff so, wie er ist. Dadurch kann sich die Burka schön an Begriffen der westlichen Populärkultur wie Darth Vader (“Darth Burka“) und auch der Bundesliga (“Burka-Liga“) reiben. Reibung ist auf jeden Fall einer der Effekt, den dieses kleine in schwarz-weiß gehaltene Buch erzeugen soll. Gerade bei den alltäglichen Problemen fragt man, sich wie eine emanzipierte Burkaträgerin „Yoga“ machen soll, ohne sich dabei zu verheddern, wenn unsereins schon das Bein nicht über die Schulter bekommt.

SchüttelfrostWährend Schwingenheuer so Stück für Stück muslimischen Frauen aus der Umklammerung der Burka helfen will,  verbaut sie sich die Möglichkeit auf den nächsten Seiten selbst. Mit Karikaturen wie „Wollt ihr die totale Burka?“, bei der Schwingenheuer den bekannten Ausruf des Nazipropagandaministers Goebbels ummünzt und ihn mit einem einstimmigen „Ja“ der Burkas beantwortet, will sie die Burka als Symbol der Unterdrückung der Frau bloßstellen.  In einer weiteren Abbildung  mit dem Titel „Schwestern im Geiste“ sieht man drei Burkas bei einem Treffen mit Mitgliedern des Ku-Klux-Klans in ihren weißen Kutten. Dieses „satirisch verkürzte Nebeneinanderstellen von faschistoiden und rassistischen Geisteshaltungen“ soll den  Vergleich „zweier brutaler totalitärer Machtapparate“ ermöglichen, doch kann auch Schwingenheuer diese Ideologie nicht gewaltsam von den Frauen trennen, die in den Burkas stecken. Auch die Frauen trifft dieser satrische Weckruf, denn Schwingenheuers Verkürzung entbindet sie jeglicher Möglichkeit, trotz Burka „Nein“ zu sagen.

Das kleine SchwarzeMit Burka schlägt Schwingenheuer sicherlich den richtigen Weg ein, um unsere täglichen Begnungen mit  vollverschleierten Muslima zu artikulieren. Wie der Titel vermuten lässt, hinterfragt  die Autorin eine oktruierte Kleiderordnung und die „extrem konservativ-patriachale Auslegung des Korans“. Aber sie geht noch einen Schritt weiter: Gerade in dem Moment, in dem wir uns moralapostelgleich aufschwingen wollen, nutzt Schwingenheuer die Oberflächlichkeit der  Burka, um auch unserer westlichen Populärkultur den Wind aus den Segeln zu nehmen. Solange die Burka als Projektionsfläche für unsere Vorurteile genutzt wird, scheint Schwingenheuers Projekt aufzugehen, doch leider versperren die beiden oben angeführten Karikaturen – durch ihre gescheiterten Versuche einer kritischen Innenansicht – den Weg für einen Diskurs wie zwei schwarze Burkaschafe.

Burka
Eichborn Verlag, August 2009
Autorin/Zeichnerin: Eva Schwingenheuer
96 Seiten; Softcover; 7,95 Euro
ISBN:
978-3821860695

Ungestüm kritische Satire

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Abbildungen: © Eva Schwingenheuer/Eichborn Verlag

Klezmer 2

Kauft man Comics von Joann Sfar, scheint das Geld stets gut angelegt zu sein. So auch bei seinem Werk Klezmer, eine gezeichnete, musikalische Folklore-Geschichte über eine jüdische Band. Thematisierte Sfar in Band 1 noch ausführlich die Zusammenkunft der eigenwilligen Klezmer-Kapelle, so kann man diese jetzt bei einem Auftritt begleiten. Im prunkvollen Haus der alten Dame Scylla wird Geburtstag gefeiert, entsprechend inszeniert Sfar die musikalische Untermalung, die durch seine illustren Figuren Ausdruck findet und  die die Gäste den ganzen Abend über begleitet. Die Story ist so hervorragend gelungen, weil sie ständig verschiedene Handlungsorte umkreist und an jedem dieser Orte eine neue Anekdote oder eine weitere intime Begegnung lauert. Dabei verbleibt alles Gesehene innerhalb der Wände der Gastgeberin, erzählt wird auch – zeitlich gesehen – ausschließlich im Rahmen der abendlichen Feier.
Scheinbar mühelos jongliert der Künstler hier mit einer unstetigen Aquarelltechnik, bei der die schwarzen Vorzeichnungen großzügig übermalt werden. Im weitschweifigen Anhang, der Sfars Ausführungen zu dieser Thematik enthält, weist er explizit darauf hin, dass die Übergänge fließend sein müssen und dass die Farben nicht gemäß ihrem realem Charakter ausgewählt werden dürfen. Das Ergebnis ist grandios, Klezmer ganz große Kunst. Selten ergänzten sich lebendige Wasserfarben und perfekte Erzähltechnik so gut wie hier. Lediglich die Thematik ist sehr speziell; wer aber anspruchsvolle europäische Comics mag, der wird an dieser Serie zwangsläufig nicht vorbeikommen.
Exklusiv über die Verlags-Website kann für 20,95 Euro ein Set, der Comic zusammen mit der Promo-CD „Zaraza“ der Amsterdam Klezmer Band, für die Sfar das Cover gestaltete, bestellt werden.

Klezmer 2 – Alles Gute zum Geburtstag, Scylla!
Avant-Verlag, August 2009
128 Seiten, vierfarbig, Softcover
Preis: 17,95 Euro

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Calvin und Hobbes – Von Monstern, Mädchen und besten Freunden

Von Monstern, Mädchen und besten FreundenIn den vergangen Jahren wurden viele beliebte Comicserien einer Frischzellenkur unterzogen. Die Ehre gebührte z. B. Charles M. Schulz' Peanuts: In einer speziellen 25-bändigen Reihe werden derzeit alle Comicstrips chronologisch gesammelt und bei Carlsen neu aufgelegt. Bei gleichem Umrechnungskurs hätte es Schulz' Freund und Kollege Bill Watterson mit seinem Strip Calvin and Hobbes auf nur fünf Bände gebracht (1985-1995). Obwohl es bei ihm dann nicht für die Sonderausgabe gereicht hat, bringt Carlsen nun eine neue Auflage auf dem Markt. „Von Monstern, Mädchen und besten Freunden“ lautet der Titel dieses Sammelbandes, einer Auslese, die sich auf die ersten beiden deutschen Einzelbände „Calvin und Hobbes“ und „Was sabbert da unterm Bett?“ stützt.

He, Fische! Hepp!Im Vorwort adelt Schulz höchstpersönlich seinen Kollegen und schwärmt von traumhaften Nachttischen, Wohnzimmersofas und von Calvins Schuhen, die ihn unwillkürlich an Brötchen erinnern. Bei genauerem Hinsehen hat Calvins Fußbekleidung wirklich nicht viel Ähnlichkeit mit anatomisch korrekt gezeichneten Schuhen. Dennoch ähneln sie richtigem Schuhwerk gerade so viel, um dem Leser zu versichern, dass er sich nicht darum kümmern muss, ob es nun Schuhe sind oder Brötchen. Er kann sich also voll und ganz auf die Pointen, die Wortspiele und aufs laute Lachen konzentrieren. Schade nur, dass zum Einstieg eben kein simpler Strip mit diesen winzigen Details, sondern ein großformatiges, farbenprächtig illustriertes Gedicht verwendet wurde. Natürlich war Watterson immer auch ein Verfechter der neue Formate im Comicstrip, aber man hätte sich bestimmt mehr gefreut, dieses Gedicht zum Abschluss des Bandes zu sehen, als Hommage an die Freundschaft, die im Comic aufgebaut wird.

Stopf ihn aus!Die deutsche Übersetzung des Gedichts liest sich erstaunlich gut, ohne dabei die Reime zu quälen. Sicherlich hat es eine deutsche Übersetzung bei eingefleischten Calvin and Hobbes-Fans nicht einfach. Bereits der zweite Strip nutzt ein Wortspiel, das sich so nicht übersetzen lässt. Da der Comicstrip nun mal das Kondensat unter den Comics ist, bleibt nichts anderes übrig, als den Ausspruch des Vaters „Stopf ihn aus“ in die Sprechblase zu stopfen. Die Doppeldeutigkeit des englischen „Stuff him“ bringt Calvin im vierten Panel  dazu, seinen Stofftiger Hobbes mit Essen aus- statt vollzustopfen.

TanzenDoch erfreuen sich Übersetzungen auch immer an dem gegenteiligen Effekt: Denn wer wird bei der PKK, der Pelzkörperkultur, nicht ins Schmunzeln kommen und sich darüber amüsieren, dass Calvin bei einer langen Autoreise unentwegt „Es gibt kein Bier auf Hawai“ singt (auch wenn hier der Insel ein weiteres „i“ gut zu Gesicht gestanden hätte). Hier zeigt sich der kleine, aber feine Unterschied zwischen Watterson und Schulz. Obwohl beide sowohl Philosophen als auch Spaßmacher sind, ist Wattersons Zugang zu seinem jugendlichen Publikum einfach direkter. Calvin und Hobbes ist keine anspruchsvolle Erwachsendenliteratur im Gewand eines Comics, sondern ein Comic, der zunächst zum Schmunzeln und Lachen bringt.

Es sind eben nicht die romantischen Schwelgereien eines Charlie Brown, sondern die pseudophilosophischen Andeutungen des Stofftigers Hobbes, die seinem Freund Calvin ein zufriedenes Grinsen auf Gesicht zaubern. Watterson nimmt vor allem sein junges Publikum und dessen Bedürfnisse ernst, bevor er die eher unwichtigen Probleme der Erwachsenen porträtiert. Er weiß, dass keiner seiner jugendlichen Leser nach der Lektüre von Calvin und Hobbes den Wagen des Vaters verkaufen wird, und wenn doch, weiß er darüber mit ihnen zu lachen. Carlsen macht deutlich, dass weder Calvin noch Hobbes eines Sonderbandes bedürfen und sich im Softcover wesentlich wohler fühlen. Dieser Comic ist nicht für einen Schuber oder für das Bücherregal geeignet, da er kein Sammlerstück, sondern ein Gebrauchsgegenstand ist. Er gehört nicht ins Museum, sondern in Kinderzimmer, auf Couchtische und auf Klos, kurz überall dort hin, wo Menschen sich noch Zeit fürs Lachen nehmen.

Calvin und Hobbes – Von Monstern, Mädchen und besten Freunden (Sammelband 1)
Carlsen Comics, August 2009
Autor/Zeichner: Bill Watterson
254 Seiten, farbig, Softcover; 19,90 Euro
ISBN:
978-3551786289

Der Comic als perfekter Gebrauchsgegenstand

 

 

 

 

 

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Abbildungen © Bill Watterson/Carlsen Comics