Vera Michailov kommt viel herum. Die junge Frau reist nämlich als Freiwillige des Roten Kreuzes in fremde Länder, um humanitäre Hilfe zu leisten. Dass das nicht ungefährlich ist, zeigt sich auch während ihres Aufenthaltes auf dem afrikanischen Kontinent, bei dem sie die Nachwehen einer Dorfplünderung hautnah miterleben muss. Zurück in Frankreich begegnet sie vor dem Grab ihres kürzlich verstorbenen Vaters einer Gruppe Zigeuner, die eine für sie persönlich äußerst informative Geschichte zu berichten wissen. Darin geht es um den Stargeiger Jakob, Veras Vater, der sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlug. Und es fällt der Name eines gewissen Kolyas, der angeblich ihr Zwillingsbruder sein soll. Da sie von dessen Existenz bislang nichts wusste, beschließt sie erneut, ihre Heimat zu verlassen und in Südamerika den Spuren ihres Bruders zu folgen und das Geheimnis um ihre Vergangenheit zu ergründen.
Eine hübsche, junge Dame sucht nach ihrem Bruder und klärt ihr Familiengeheimnis auf. So richtig innovativ klingt dieser Plot nicht unbedingt, und so erscheint er auch nach dem Lesen nicht. Dafür hangelt sich die Hauptfigur in zu absehbarer Weise quer durch die Kontinente und an den verschiedenen Kontaktpersonen entlang. Sie trifft dabei auf illustre Leute, die sich quasi die Klinke in die Hand geben und gerade den richtigen kleinen Hinweis zur genau richtigen Zeit liefern können. So bleibt die Storyline weiträumig blass, die weiteren Figuren – ein Kapitän, eine Piratin oder etwa die Vertreter der Hilfsorganisationen – dienen von Tahiti bis nach Ecuador als Verbündete und begleiten die Recherche der Hauptfigur, ohne beim Leser allzu viel Interesse hervorzurufen.
Schließlich meinte es Szenarist Christian Perrissin mit seiner Protagonistin zu gut und packte in eine eigentlich rasant dargestellte und durchaus auch actionreiche Erzählung noch ein paar unnötige Elemente ein: Es bleibt fraglich, ob Vera sich tatsächlich niemals gewundert hat, woher ihre Narbe an der Hand kommt, der Comic erklärt dies nun einer plötzlichen Erkenntnis. Gleichsam deplatziert wirkt die künstlich eingebaute Liebesnacht, wo sie doch ein paar Seiten zuvor noch fast vergewaltigt wird.
Bei aller Kritik darf man aber nicht übersehen, dass sich bei el Niño unweigerlich eine gewisse Spannung aufbaut. Nur leider beruht diese nicht auf der Schreibkunst des Autors, sondern auf der Hoffnung einer Auflösung. Schlussendlich geht es hier um ein familiäres Rätsel, das weitere Kreise zieht als zu Beginn angenommen. Allein daraus bezieht der Comic seinen Vorteil und verleitet zum Dranbleiben. Und auch wenn mich persönlich die erste Ausgabe ziemlich enttäuscht hat, bleibt es abzuwarten, wie sich die Story im weiteren Verlauf etablieren wird, erst danach wird man wohl endgültig über die Serie urteilen, die in der deutschen Übersetzung einen bemerkenswerten Weg geht.
El Niño ist eine Albenreihe, deren erster Band bereits Stück für Stück im Zack-Magazin abgedruckt wurde und die jetzt als Doppelbände in die Zack-Edition ausgegliedert wurden. Ungünstig ist diese Veröffentlichungspolitik sicherlich für die regelmäßigen Käufer des Magazins, die somit, wenn sie denn die Fortsetzung in Form des zweiten Bandes lesen wollen, gezwungen sind, das erste im Sammelband enthaltene Album nochmals mit zu kaufen, obwohl sie dessen Inhalt bereits kennen. Ähnlich unglücklich stellt sich für meine Begriffe die Tatsache dar, dass der erste Zyklus von El Nino fünf Original-Alben umfasst, das heißt der nächste deutsche Band müsste theoretisch eigentlich bereits wieder vom Konzept des Doppelbandes abweichen und die abschließenden drei Alben beinhalten. Vielleicht hätte sich in diesem Fall eine dickere Gesamtausgabe des ersten Zyklus angeboten, da hätten womöglich auch die Magazin-Käufer mehr Verständnis aufbringen können.
el Niño 1+2
MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag (ZACK Edition)
Text: Christian Perrissin
Zeichnungen: Boro Pavlovic
120 Seiten, farbig, HC; 25,80 Euro
ISBN: 978-3937649474


Nicolas Mahler, Max-und-Moritz-Preisträger 2008 für den besten Comicstrip (Flaschko – der Mann in der Heizdecke), hat mit einem recht dünnen Büchlein, schöner Haptik und Lesebändchen „Das schriftstellerische Gesamtwerk“ Band 1 herausgebracht. Der Gegensatz zwischen Titel, der einen Mammutwälzer vermuten lässt, und äußerer Form ist programmatisch für sein Schaffen. Auch diese Publikation wird wieder ein Lächeln auf die Gesichter der Freunde des feinen, absurden Humors zaubern. Für „Längen und Kürzen“ hat Mahler einen Schriftsteller erschaffen, der sein Gesamtwerk veröffentlichen möchte. Die Diskussionen mit seinem Verleger um den Umfang des Werks sind die einzigen Comicszenen, der Rest sind kurze Prosastücke wie Briefe, Postkarten und Faxe (!). Das Büchlein selber wird zum Thema, denn was wir bereits in Händen halten, das wird in ihm noch geplant. Geschickt werden Inhalt, Überlegungen, Ergebnis und Aufmachung miteinander verflochten und das Ego von sich zu Schriftstellern berufenen Personen sowie die Autorenszene an sich subtil durch den Kakao gezogen. Eine kurzweilige, feingeistige Unterhaltung mit konsequenter Planung des kompletten Produkts. Und wer das Büchlein schon gelesen und noch nicht den Schutzumschlag gelupft hat, der sollte dies jetzt tun. Da wartet noch ein Lacher – natürlich wieder mit Bezug auf den Inhalt, in dem dies schon eifrig thematisiert wurde.
Es geht weiter im 4. Akt „Verfolgungswahn“.
Wie wir bereits an
Ein kleines Stück der recht frühen Vergangenheit des Goon ließ Autor/Zeichner Eric Powell ja bereits in vorherigen Kapiteln durchscheinen (Rezension
Traurig, besorgt und zugleich erstaunt. So schauen die Augen vom Cover der neuesten Ausgabe von MOME herab. Was im Sommer 2005 als ambitionierter Schaukasten für junge Comic-Künstler im vierteljährlichen Turnus startete, mutiert seit den letzten Ausgaben zu einer Sammlung von einzelnen Comic-Schnipseln.
Kauft man Comics von Joann Sfar, scheint das Geld stets gut angelegt zu sein. So auch bei seinem Werk Klezmer, eine gezeichnete, musikalische Folklore-Geschichte über eine jüdische Band. Thematisierte Sfar in Band 1 noch ausführlich die Zusammenkunft der eigenwilligen Klezmer-Kapelle, so kann man diese jetzt bei einem Auftritt begleiten. Im prunkvollen Haus der alten Dame Scylla wird Geburtstag gefeiert, entsprechend inszeniert Sfar die musikalische Untermalung, die durch seine illustren Figuren Ausdruck findet und