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The Life Eaters

 Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, Deutschland hat gewonnen. Gelingen konnte ihnen dies allerdings nur, weil im Juni 1944, kurz vor dem Sieg der Alliierten (zu dem es ja in der Realität dann auch kam), die nordischen Götter wahrhaftig auftauchten und den Krieg zugunsten der Nazis entschieden. Jahre später ist das erscheinen der Asen noch immer ungeklärt, die echte Identität der Götter ungewiss. Die Nationalsozialisten sind nunmehr nur noch formal die herrschende Gruppierung, denn eigentlich sind Odin und Thor die amtierenden Machthaber. Amerika ist wie weite Teile der Weltkarte okkupiert worden, lediglich verzweifelte Kampfhandlungen um die Freiheit führen wenige US-Soldaten noch. Unter ihnen befindet sich  auch Chris Turing, der sich zu Beginn des Bandes in einem U-Boot mit dem verbündeten Loki befindet, derm einzigen der Götter, der sich gegen seinesgleichen stellt.

Die Geschichte von The Life Eaters ist in einer Parallelwelt angesiedelt, deren Weltgeschehen ab 1944 komplett anders verläuft, als es unsere Geschichtsbücher zu berichten wissen. Romanautor David Brin schrieb eine fantastische Geschichte, die den nazistischen Hang zum Okkultismus (Bemühungen und Experimente dahingehend sind historische Tatsache) auf die Spitze treibt und die nordischen Götter Partei ergreifen lässt. Die Ausgangslage dieses Gedankenspiele ist brillant, zumal das Auftauchen der Asen sich kriegsentscheidend auswirkt und man zu sehen bekommt, was passiert wäre, wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten (wobei man die in Brins Handlung prägenden Fantasy- und Sci-Fi-Elemente nicht in die Realität übertragen kann).

 Die Story lässt sich grob in zwei Parts aufteilen: Zuerst sieht man sich mitten in den amerikanischen Bemühungen des Widerstands, vornehmlich wird dabei aus der Sicht Chris Turings erzählt, dessen Gedanken man durch innere Monologe folgen kann und der den wahren Grund für den Holocaust und die Hintergründe der Götterbeschwörung herausfindet. In Rückblicken lässt Brin immer mal wieder durchblicken, was passierte, als die Asen auftauchten und wie sich deren Eingreifen auswirkte. Die Szenen aus der Vergangenheit sind spärlich, aber interessant genug, dass sie Lust machen mehr zu erfahren.

Leider verpasst The Life Eaters in der zweiten Hälfte die Chance, weiter an der Zeitgeschichte und den Hintergründen dieser Parallelwelt zu feilen. David Brin macht aus seiner Hauptfigur einen Heroen in einer fliegenden Rüstung (ähnlich Iron Man) und tangiert damit gleich zwei Klischees: das des patriotischen, amerikanischen Freiheitskampfes und das des amerikanischen Superhelden. Nur zu gut, dass der zweite Teil, auch wenn er meine Erwartungen nicht erfüllen konnte, noch weitere interessante Versatzstücke aufweisen kann: Nach Chris Turings Entdeckung zuvor, gelingt es auch anderen Kontinenten, ihre Gottheiten für sich kämpfen zu lassen. Der globale Götterkampf bietet demnach eine weitere Dimension für die Handlung und macht auch optisch viel her.

 Und da wären wir auch schon bei der Beurteilung der zeichnerischen Qualität. Scott Hampton (u.a. Batman, Sandman) ist für diese verantwortlich und prägt mit seinen erdigen Gemälden den Stil des Comics. Hamptons Arbeit besticht durch den von ihm gewohnten flächigen, aquarellen Einsatz  stimmiger Farben, die die feinen Linien mal mehr, mal weniger überdecken.

Wer die Befreiung eines KZs durch Loki für eine unverzeihliche Fremdenteignung der Historie hält, den Holocaust durch seine im Buch dargestellte Erklärung bagatellisiert oder in dem provokanten Cover des Bandes, auf dem Hitler auf einem Berg von Soldatenleichen posiert, eine unnötige Verharmlosung und Benutzung der heiklen Thematik für eine Fantasiegeschichte sieht, der sollte einen großen Bogen um The Life Eaters machen. Wenn man sich jedoch bewusst wird, dass es hierbei eben nur um Fiktion geht und dass dabei auch keinerlei Nazi-Untat verherrlicht wird, dann kann man das Buch auch wirklich genießen. Und obwohl ich mir gewünscht hätte, dass die Handlung sich nicht aufs Ende zu derart stark auf das Actionmoment verlässt, so verbleibe ich mit einem guten Gesamteindruck, letztlich auch, weil etwaige schwächere Phasen allein schon durch die Bilder von Scott Hampton ausgeglichen werden.

The Life Eaters
Cross Cult, Juni 2009
Text: David Brin

Zeichnungen: Scott Hampton
160 S., HC-Album, vierfarbig, 25 Euro
ISBN: 978-3-941248-15-1

Optisch brillant, inhaltlich mit kleiner Schwäche

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Abbildungen: © Cross Cult

 

Struwwelpeter – Das große Buch der Störenfriede & Struwwelpeter – Die Rückkehr

 Vor 200 Jahren wurde Heinrich Hoffmann geboren, der Frankfurter Arzt, Psychiater, Schriftsteller und Zeichner, dessen berühmtestes Werk Der Struwwelpeter ist. 1845 erstmals erschienen, wurde das Kinderbuch ein weltbekannter Bestseller, der aus heutiger Sicht vor allem durch seine brachiale Pädagogik beeindruckt. Der Struwwelpeter ist ein Reigen unartiger Kinder, die alle als schlechte Beispiele präsentiert werden. Die Kinder sollten sehen, mit welch schlimmen Konsequenzen zu rechnen ist, wenn man nicht brav und folgsam ist und beispielsweise ständig herumzappelt, am Daumen lutscht oder seine Suppe nicht aufisst.

Immer wieder wurde der Struwwelpeter seitdem adaptiert, parodiert und interpretiert. Die aktuellste dieser Neuinterpretationen stammt von David Füleki aus Chemnitz, der in den letzten Jahren in diversen Veröffentlichungen bei Kleinstverlagen und online seinen ganz eigenen, Manga-beeinflussten Stil entwickelt hat (er zeichnete u.a. eine Geschichte fürs Comicgate-Magazin 3). Bei Tokyopop veröffentlicht er nun erstmals bei einem größeren Verlag, und das gleich doppelt: Zum einen erschien der farbige Hardcover-Band Struwwelpeter – Das große Buch der Störenfriede, eine sehr originalgetreue Version des klassischen Struwwelpeter, die die ursprünglichen Texte enthält und sie mit Bildern von Füleki neu illustriert. Der Zeichner bleibt dabei dem Original sehr treu, jede einzelne Seite ist exakt so aufgebaut und gestaltet wie die Vorlage, nur eben im modernen Stil gezeichnet, mit neu gestalteten Charakteren mit ihren für Füleki so typischen runden Gesichtern, und mit einer sehr stimmigen Kolorierung.

 Dieses schmale Bändchen wäre nicht mehr als eine nette Fingerübung, gäbe es da nicht noch ein zweites Buch: den im Manga-Taschenbuch-Format erschienene Comic Struwwelpeter – Die Rückkehr. Dies ist nun tatsächlich eine eigenständige, sehr originelle Neuinterpretation und Weiterentwicklung von Hoffmanns Bildergeschichten. All die liederlichen Kinder, vom Hans-Guck-in-die-Luft bis zum Fliegenden Robert kommen hier vor, und zwar als eine Bande von Anarchisten. Sie sind die „Störenfriede“, Staatsfeinde in einer totalitären Gesellschaft, in der jeglicher Unfug verboten ist und streng bestraft wird. Regiert vom Staatschef Nikolaus (welcher in Hoffmanns Buch drei Jungen, die einen Mohren verspotten, in Tinte taucht), besteht das Volk aus gleichgeschalteten, gehorsamen Bürgern, die sich brav und angepasst verhalten. Spaß und Freude existiert in dieser Welt nicht.

Dies ändert sich, als nach längerer Abwesenheit plötzlich der Struwwelpeter auftaucht und eine Kettenreaktion auslöst, in der sich die anarchischen Elemente, all die vom Staatschef Nikolaus gefürchteten Störenfriede zusammenfinden und gegen das Regime rebellieren. Auf 170 Seiten erzählt David Füleki eine rasante, actionreiche und überaus unterhaltsame Geschichte voller verrückter Ideen und skurillem Humor. Das ist manchmal kindisch, nicht immer logisch und oft ziemlich albern – aber genau darum geht es ja letztlich: dass es einer rationalen, durchorganisierten Welt nicht schaden kann, wenn auch Platz für wilde und ungezügelte Regelbrüche ist.

 Dass die Idee einer totalitären, gleichgeschalteten Gesellschaft alles andere als neu ist und dass der Plot gelegentlich ganz schön holpert, stört überhaupt nicht, denn hier ist jeder Seite die Freude am Fabulieren und der Spaß am Herumspinnen anzumerken. Sehr liebevoll hat Füleki aus Hoffmanns ungezogenen Kindern moderne Comichelden gemacht: Sein Zappelphilipp ist ein unglaublich hibbeliges Nervenbündel, das den Begriff „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ neu definiert, der Suppenkaspar ist ein kolossales Riesenbaby, das alles vertilgt – nur eben keine Suppe. Und der Struwwelpeter trägt eine riesige Afrofrisur, die nebenbei als Versteck für alles mögliche dienen kann, außerdem trägt er (aus welchem Grund auch immer) an der linken Hand einen Topflappen-Handschuh – das ist genau die Sorte skuriller Nonsens, die David Füleki so gut beherrscht. Als I-Tüpfelchen gibt es noch zahllose bekloppte Soundwords, allerlei Popkultur-Zitate (angefangen beim Titel-Schriftzug) und kleine satirische Seitenhiebe wie z.B. den herrlichen Auftritt von Tokyopop-Chef Joachim Kaps als Psychiater.

 Gezeichnet ist das alles in filigranen, detailverliebten und sehr dynamischen Bildern, die sichtlich von japanischen Comics inspiriert sind, für die aber die Schublade „Manga“ unpassend wäre. Struwwelpeter – Die Rückkehr ist einer der witzigsten Comics seit langem (und obendrein spottbillig) – es ist zu hoffen, dass er auch außerhalb des Tokyopop-Kernpublikums wahrgenommen wird.

Das eingangs erwähnte Große Buch der Störenfriede kommt übrigens als Buch im Buch in der Geschichte vor – es dient dem Diktator Nikolaus als Abschreckungsmittel, bei den Protagonisten um den Struwwelpeter sorgt es dagegen für Rivalitäten, wer denn nun auf Platz 1 der Staatsfeind-Rangliste steht. Als Käufer kann man auf diese nette, aber nicht notwendige Beigabe ganz gut verzichten. Auf Die Rückkehr sollte man aber auf jeden Fall einen Blick werfen, wenn man den Begriff „Comic“ endlich mal wieder ganz wörtlich nehmen will.

Struwwelpeter: Die Rückkehr
Tokyopop
, Mai 2009
Text und Zeichnungen: David Füleki
Taschenbuch; 184 Seiten; schwarz-weiß; 6,50 Euro
ISBN: 978-3-86719-652-9

Absolut unterhaltsam und rasend komisch

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Struwwelpeter: Das große Buch der Störenfriede
Tokyopop
, Mai 2009
Text: Heinrich Hoffmann
Zeichnungen: David Füleki
Hardcover; 32 Seiten; farbig; 9,95 Euro
ISBN: 978-3-86719-653-6

 Hübsch gezeichnete Fingerübung, eher verzichtbar

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Abbildungen: © Tokyopop

 

Auto-Bio

 Cyril Pedrosa ist Comiczeichner (bekannt geworden durch Ring Circus und Drei Schatten) und er ist bekennender Öko. Beide Fragmente seiner Persönlichkeit bringt er in dem Album Auto-Bio zusammen. Pedrosa schildert sein Leben als Freund der Umwelt und wie er dieses an strengen ökologischen Werten auszurichten versucht. In meist nur eine Seite des Albums einnehmenden Episoden umreißt Pedrosa Alltagsprobleme, auf die er als Öko gestoßen ist.

Neben dem obligatorischen Unverständnis und den Vorurteilen, denen er sich ausgesetzt sieht, werden in diesem Zusammenhang vorzugsweise die optimalen, aus ökologischer Sicht vertretbaren Verhaltensweisen in Frage gestellt, so in etwa: Ist die Reparatur eines alten Hollandfahrrads die Mühe wert, wenn es der Umwelt dient? Ist eine Flohkur tatsächlich ohne Chemie zu bewältigen? Kann ein Pony den Rasen ökologischer mähen als ein herkömmlicher Rasenmäher? Gelingt eine Tokio-Hotel-Frisur ohne den Gebrauch von nicht recycelbaren Haarspraydosen? Resultiert aus der alternativen Verwendung von Waschnüssen ein zufriedenstellendes Ergebnis? Und verzichtet man auch dann auf importierte Himbeeren, wenn man bei deren Kauf nur ein Drittel gegenüber der regionalen Ware zahlt?

Diesen Fragen und vielen mehr wird in Auto-Bio nachgegangen. Stets aus der Sicht des Autors erzählt, dokumentieren die kleinen Episoden den beständigen Kampf zwischen Ökoleben und den Anforderungen des Alltags. Pedrosa selbst skizziert sich als missmutigen, aufbrausendernFamilienvater, der wahlweise über das mangelnde Umweltbewusstsein seiner Mitmenschen oder an seiner eigenen Unzulänglichkeit, was die konsequente Ausführung seines Lebenstils angeht, zu verzweifeln scheint. Als zorniger Verfechter der Umwelt beschreibt er witzige Begebenheiten, in denen seine ideale, gesellschaftliche Vorstellung mit der Realität kollidiert. Überdies muss er immer wieder Begegnungen mit dem neuen Vermieter bestehen, dessen gutgemeinte Insektizidübergriffe es abzuwehren gilt.

 Auto-Bio ist ein autobiografisches Comicalbum, dass sich unbestreitbar einer seltenen Thematik widmet. Der klar abgesteckte Inhalt hätte letztlich auch mit fiktiven Figuren funktioniert, besitzen doch die Geschichten eine eindeutige Struktur und sind – ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben – sichtlich auf den humorigen Aspekt ausgelegt. Einzelne Überschriften und ein zumeist pointierendes Schlussbild grenzen die Einzelfolgen voneinander ab. Die Stärke von Pedrosas Werk liegt in der situativen Komik, die sich z.B. durch den beständigen Missmut der Hauptfigur auszeichnet. Mehr als einmal sieht man als Leser die innere Wut auch bildlich hervorbrechen, Pedrosa setzt das zeichnerisch durch rot unterlegte Gedankenbilder um. Überhaupt wirkt sein Zeichenstil sehr lebendig und veranschaulichend. Die Szenen entspringen dem echten Leben und genau so erscheint die Adaption auf dem Papier. Zusätzlich versetzt Pedrosa seine Bilder mit verschiedenfarbigen Unterlegungen, durch die er gewisse Elemente akzentuiert und durch die er die Aufmerksamkeit des Lesers geschickt zu lenken weiß.

Insgesamt ist Auto-Bio ein schön illustrierter, humoriger Comicband, der das Umweltthema auf unverkrampfte Weise angeht. Leider krankt der Comic für meine Begriffe ein wenig an dem Konzept der One-Pager, denn aus dem ergibt sich, dass ständig neue Jokes eingebaut werden müssen. Das ergibt schließlich auch die Erscheinung eines Cartoonbandes, der eigentlich mehr sein könnte. Eine durchgehende autobiografische Handlung hätte dieses Album sicher noch interessanter gemacht.

 

Auto-Bio
Reprodukt, Juni 2009
Text/Zeichnungen: Cyril Pedrosa
48 Seiten, farbig,  Softcover, 12 Euro
ISBN 978-3-941099-22-7

Öko-Spaß in Comicform

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Abbildungen: © Reprodukt

 

Text+Kritik „Comics, Mangas, Graphic Novels“

CoverFür den Sonderband „Comics, Mangas, Graphic Novels“ der Reihe Text+Kritik erforschten die Wissenschaftler, angeführt von Gastherausgeber Andreas C. Knigge, die Werke von Comic-Künstlern wie Robert Crumb, Will Eisner, Jacques Tardi und auch von eher comicfremden Künstlern wie dem argentinischen Autor Julio Cortázar. Leider scheint dabei die Graphic Novel, die Blaue Blume des Comics, nicht nur Rechtfertigung für ein solches Projekt zu sein; sie ist immer auch des Pudels Kern, denn fast kein Wissenschaftler kann an ihr vorbeigehen, ohne sie zu würdigen.

Seit über hundert Jahren werden Bücher, Zeitungen und anderweitig bedruckte Blätter in unserer Gesellschaft als Massenmedien feilgeboten. Eine nicht unbedeutende Rolle in diesem Blätter-Dschungel spielen Comics; sie schließen die Lücken zwischen Text- und Bildebenen, verhandeln zwischen Kunst und Kommerz und sind dennoch ein eigenständiges Medium. Kurz: Comics sind ein interessantes Feld für wissenschaftliche Untersuchungen. Solche Studien sind trotz ihrer offensichtlichen Relevanz stets abhängig von der Wertschätzung, die ihnen die gegenwärtige Gesellschaft entgegenbringt. Da trifft es sich gut, dass der Comic derzeit unter dem Banner der Graphic Novel ein temporäres Hoch erfährt. So sprach die Graphic Novel: „Ich bin die schönste Blume im gesamten Blätterwald.“ Diesem Ruf folgend machte sich Gastherausgeber Andreas C. Knigge gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Gefolge auf zu einer botanischen Exkursion in Sachen Comics.

Besuch der alten Comic-Historie

Allen voran geht Knigge selbst, der in seinem Artikel „Der Kosmos der Comics“ für den interessierten Leser auf knapp 30 Seiten hundert Jahre Comic-Historie zusammenfasst. Diese tour de force ist in ihrer Bandbreite wirklich beeindruckend und versiert verfasst, doch bewegt sich Knigge auf bereits gut ausgetreten Pfaden durch das kleine Comic-Biotop. Jedem Comic-Leser werden diese schön in Szene gesetzten Fakten nur allzu gut bekannt sein: Warum The Yellow Kid der erste Comic ist, wie Siegel und Shuster Superman erfunden haben und wie Will Eisner eigenhändig die Graphic Novel ausgerufen hat. Der Adressat, an den dieser erste Artikel gerichtet scheint, ist der regelmäßige Leser von Text+Kritik, eine Publikation, die in exakter Form den historischen Rahmen ihres jeweiligen Ziels faktisch umzeichnet. Urs Hansgarnter folgt im zweiten Artikel diesem Pfad, und auch er führt uns vorbei an alten Bekannten zum selbsterklärten Ziel dieser wissenschaftlichen Expedition, der Graphic Novel. Er diskutiert über Literaturformen im Comic, über Adaptionen und nennt dabei unentwegt die gleichen Namen, an denen bereits Knigge vorbeigeschritten ist. Wieder bekommt der Leser vermittelt, wie Will Eisner scheinbar eigenhändig „das Literarische am Comic“ reklamiert hat.

Regelmäßige Leser der Text+Kritik werden bei den Texten von Wolfram Knorr, Klaus Schikowski und Paul Derouet (gemeinsam mit Knigge) auf ihre Kosten kommen. Diese nähern sich mit Bedacht den Comics und deren Erzeugern und umreißen präzise Werke und Biografien der Autoren/Zeichner. Knorr bestimmt das Werk von Will Eisner im Bezug auf andere Comicpublikationen, Themen und Stile seiner Zeit. Er lässt zum ersten Mal in diesem Sonderband auch kritische Töne über den Begriff Graphic Novel verlauten. Schikowski bemüht sich um Genrefragen, extrahiert aus den Undergroundcomix von Robert Crumb das Autobiografische, verweist auf sogenannte „first person comics“ und beschließt seinen Aufsatz mit einer längeren Liste an modernen Comics, die sich der Autobiografie bedient haben. An dieser Stelle sei zu ergänzen, dass Crumb zwar durch Drogen zu seinen Comics inspiriert wurde, diese aber nie unter dem Einfluss von Drogen gezeichnet hat. Eine Huldigung für den Szenaristen Pierre Christin schreiben Derouet und Knigge, dessen Geschichten durch die Zeichnungen von Enki Bilal, Tardi und Annie Goetzinger nicht nur in drei unterschiedlichen Realitäten führen, sondern auch drei mögliche Typen der Kooperation von Autor und Zeichner aufzeigen. All diese Artikel überzeugen durch präzise Recherchen, bewegen sich aber immer noch in gebührendem Abstand zu ihren Anschauungsobjekten.

Zwischen Moderne und Postmoderne

Corto MalteseErst mit Herbert Heinzelmanns Aufsatz „Corto im ‚anderen Zustand’“ über Hugo Pratts Südseeballade (Corto Maltese Abb. rechts) verlässt sich ein Autor nicht nur auf die rein historische Betrachtung, sondern nimmt sich mittels einer textimanenten Analyse Corto Malteses erstem „Anti-Abenteuer“ an. Heinzelmann verweist dabei auf drei aus der Moderne entliehenen Stilrichtungen der Malerei (Expressionismus, Abstraktion, Primitivismus), die diesen ersten modernen „Comic-Roman“ beeinflusst haben. Und obwohl der Radschlag zur Postmoderne – gekennzeichnet durch den  fiktiven Brief, der zu Beginn der Erzählung absichtlich mit der realistischen Narration bricht – nicht hundertprozentig überzeugt, ist dieser Artikel sicherlich der überzeugendste des Sonderbandes, da in ihm das historische Wissen nicht nur präsentiert wird, sondern auch aktiv für die Analyse und Interpretation angewandt wird. Warum sollte sich Heinzelmann auch um die Graphic Novel bemühen, wenn der Begriff  des „Comic-Romans“ doch viel sinnvoller für seine Argumentation ist? Diesem Beispiel folgen Christian Gasser mit Tardis Darstellung der Pariser Kommune und Jonas Engelmann mit seiner Arbeit über David B.s Auseinandersetzung mit Traumwelten in Die heilige Krankheit.

AkriaEtwas zu kurz kommen leider thematische Studien, die neben den Autoren und Künstlern unterzugehen drohen. So setzt sich Jens R. Nielsen (der deutsche Übersetzer von Stan Sakais Usagi Yojimbo) mit dem japanischen Manga auseinander. Wie bereits Knigge in seiner Semi-Einleitung, umreißt Nielsen gekonnt die Tradition der japanischen Zeichenkunst, nähert sich dem Großmeister Tezuka (Astro Boy, Adolf etc.) und gelangt so über Katsuhiro Otomo (Akira, Abb. links) zu dem Wegbereiter des modernen Manga, Jiro Taniguchi. Ein runder Artikel, der einen guten Überblick über den japanischen Manga verschafft. Andreas Platthaus hingegen führt seine Leser wieder einmal aufs Neue nach Entenhausen, und wie immer gelingt es ihm, neue Facetten des Entenreichs zu präsentieren. Diesmal klärt Platthaus über den Reiz an Carl Barks und seinen Fabulierungen auf. Obwohl die gewitzten und informierten Beschreibungen – zusammen mit den Einordnungen in die  Comic-Welt – bereits einleuchtend sind, überzeugt Platthaus vor allem mit bestechender Textanalyse (hier sei auch der Platthaussche Artikel über Line Hovens Liebe schaut weg in der neuesten Ausgabe der Reddition wärmstens zu empfehlen).

Vom Nachwuchs und alten Hasen

Auch den jungen Wilden wurde ein Platz unter den akademischen Forschern eingeräumt. Im Gegensatz zu ihren älteren Kollegen springen diese gleich hinein ins Unterholz des Comic-Dschungels und beginnen mit der Textarbeit, doch könnten die Artikel von Dietmar Frenz und Anna Gentz unterschiedlicher nicht sein. Während Frenz gar nicht weiß, wo er eigentlich anfangen soll, ist er auch schon mitten drin in Alan Moores Watchmen VII. In nur wenigen Sätzen springt Frenz von Thomas Pynchon zu Cervantes, von Lost Girls zu WildC.A.T.S. und überlässt es dem Leser, sich zu orientieren. Bevor dieser bei der eigentlichen Textanalyse angekommen ist, muss er sich durch ein manieristisches Textkonstrukt kämpfen, das vor Fremdwörtern, Fußnoten und Querverweisen nur so wimmelt. Und ganz nebenbei soll auch noch der Plot von Watchmen erklärt werden. An dieser Stelle wäre eine rein textimanente Arbeit sinnvoller gewesen, da diese im Gegensatz zum Rest sehr strukturiert ausgefällt.

Fantomas gegen die multinationalen VampireWie solch ein Aufsatz auch aussehen kann, zeigt Anna Gentz in ihrem Beitrag „Wenn Literaten fremd gehen“. Sie gräbt, im Gegensatz zu allen anderen Kollegen, einen eher unbekannten Comic/Text des argentinischen Autors Julio Cortázar aus, der nicht unbedingt für seine Comics bekannt ist. Doch der Autor von Rayuela bindet in seiner Kurzgeschichte Fantomas gegen die Multinationalen Vampire (Abb. rechts, mittlerweile entgegen der Auffassung der Autorin doch auf Deutsch erhältlich) gezeichnete Passagen ein, die mit der reinen Textebene verflochten sind. Gentz' Artikel endet aber nicht mit der simplen  Analyse der Comics im  Fließtext, sie interpretiert gekonnt die Verwendung dieser Text- und Bildcollagen und zeigt, wie Cortázar die Comic-Einschübe benutzt, um dem Publikum seine politischen Einstellungen mittels Populärkultur zu vermitteln.

Ein weiterer Artikel von einem Jungwissenschaftler wirkt etwas unmotiviert: In „Spiegelbilder: Der Comic im Comic“ summiert Jannis Manolis Violakis Comic-Beispiele, in denen Autoren und Zeichner ihre Realität mit der des Comics vermischen. Dabei springt er zwischen Erklärungsmodellen wie der simplen Erwähnung des Autors im Comic, dem Comic im Comic (mise en abyme) und der Verwendung einer Metaebene. Diese Ziellosigkeit zieht sich über den gesamten Artikel und wird auch im Schlusssatz noch einmal hervorgehoben: „Von diesen Herausforderungen, vor allem von den damit verbundenen Möglichkeiten und Chancen, hat der Comic selbst nun zu erzählen begonnen.“ Eine etwas knappe Zusammenfassung, die den Leser über Sinn und Zweck dieser Untersuchung im Trüben lässt.

Eine kleine Enttäuschung stellt der Artikel von Comicwissenschaftsurgestein Dietrich Grünewald dar, der über die Erzählweise Alberto Breccias referiert. Obwohl die Analyse der Primärtexte informiert ist und die Beispiele wohlweislich ausgewählt wurden, hätte man sich unter dem Titel des Artikels „Realismo mágico“ in Bezug auf Comics mehr gewünscht als nur die bloße Erwähnung von Jorge Luis Borges als Figur im Comic und die etwas unscharfe Begriffsdeutung des Magischen Realismus als „Vermischung von Phantastik und Realität“. Bietet doch eben dieser Begriff, erwachsen aus Franz Rohs Abhandlungen über deutsche Malerei zur Jahrhundertwende, eine ganze Vielzahl an Möglichkeiten, diese auf Breccias Comics zu übertragen. Diese bleiben leider ungenutzt.

Im deutschen „Dichter und Denker“-Gestus ergibt diese Sonderausgabe der Text+Kritik auf jeden Fall Sinn, und sie geht noch darüber hinaus. Störendes Beiwerk, das dieser wissenschaftlichen Diskussion immer wieder einen leichten Abbruch tut, ist allerdings die leidige Blaue Blume, die Graphic Novel. Fast alle Autoren fühlen sich dazu gezwungen, sie als Eselsbrücke zu nutzen, um ihre Arbeit im gesellschaftlichen Kontext zu rechtfertigen. Selbstverständlich ist es nur rechtens, den Begriff, wie auch Reprodukt-Verlagschef Dirk Rehm dies im ergänzenden Interview tut, für seine Zwecke zu benutzen, dennoch sollten gerade Wissenschaftler um eine eingängige Definition des Terminus bemüht sein und nicht zwischen Genre, Medium und Gattung springen. Außerdem erzeugen gerade solche Spezialpublikationen die Möglichkeit, sich fernab von der Lobhudelei auf Eisner und Spiegelman um ein gewachsenes Medium wie den Comic zu kümmern. Lassen wir die Graphic Novel doch einfach da, wo sie am besten für uns arbeitet: im Feuilleton und im Buchhandel. So kann man in Ruhe auf Entdeckungstour ins Comic-Biotop gehen, um zarte Comicpflänzchen und unerforschte Spezies zu bestimmen.

Text+Kritik: Sonderband „Comics, Mangas, Graphic Novels“
edition text+kritik, April 2009
Gastherausgeber: Andreas C. Knigge
272 Seiten, Hardcover; 29,- Euro
ISBN: 978-
3883779954

exakte Comicwissenschaft mit einer Prise zuviel Graphic Novel

 

 

 

 

 

 

 

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Abbildungen: © edition text+kritik

Reddition 49/50

Cover der RedditionZum 25. Jubiläum feiert die Reddition, Deutschlands Zeitschrift für Graphische Literatur, sich selbst und das Medium „Comic“ mit einer fast hundert Seiten starken Doppelausgabe (Band 49 und 50) und dem Titelthema „Comics und Literatur“. Seit 1984 liefert dieses ambitionierte Projekt ausführliche Porträts und Dossiers über europäische, amerikanische und auch japanische Comics und deren Künstler. Dabei lag der Schwerpunkt der Publikation stets auf der exakt aufgearbeiteten Präsentation von historischen Fakten über Comics, interessanten Hintergrundinformationen über Künstler und original Bildmaterial der entsprechenden Publikationen. Zum Jubiläum versuchte man in gewohnter Qualität nachzulegen und auch endlich dem Untertitel der Zeitschrift für Graphische Literatur mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Cover der Ausgabe schmückt eine wunderschöne Bildcollage aus Werken der Weltliteratur, die mit neuem Design aus der Feder von bekannten Comic-Künstlern versehen wurden. Wie aber ein altes Sprichwort belegt, sollte man ein Buch nie nach seinem Cover beurteilen. Aus diesem Grund beginne ich mit meiner Besprechung lieber am Ende: „Der Mörder ist der Gärtner.“ Im Gegensatz zu diesem bekannten Gestus aus einem der beliebtesten Literaturgenres, dem Krimi, verrät man bei dieser Art der Besprechung aber keine wichtigen Details im Voraus; die Spannung bleibt also bestehen. Und dennoch führt diese umgekehrte Herangehensweise zu interessanten Innenansichten. Während uns das Cover einlädt, die Spannung zwischen Literatur und Comics genauer unter die Lupe zu nehmen, wirbt das Backcover für „Aus-Gezeichnete Geschichten!“ aus dem Hause Carlsen. Fein säuberlich hat diese Werbung selbst auch den Stempel Graphic Novel aufgedrückt bekommen, ein Stempel, der auch von den Autoren dieser Ausgabe immer wieder benutzt wird, ohne dabei die wirklich Frage zu stellen, warum so ein Stempel überhaupt gebraucht wird.

Von hinten nach vorne gelesen

So beginnt der letzte Artikel in der Reddition von Stephan Ditschke gleich mit der unmissverständlichen Überschrift „Comics als Literatur“ und einem Diskurs über die Rechtfertigung von Comicrezensionen im Fuilleton aufgrund der Literarizität des Mediums. Während Ditschke sich zu Beginn nicht einmal die Frage stellt, ob wirklich irgendjemand möchte, dass Comics Literatur sind, lässt er lieber die Redakteure zu Wort kommen – und zwar in 53 Fußnoten auf sieben Seiten. Es wird erläutert, wie überregionale Zeitungen, Comics, diese „hybride, intermediale Kunstform“, mittels  ihrer Nähe zur Literatur als Anschauungsobjekt rechtfertigen: Es reicht aber nicht aus, dass Journalisten „Comics als Literatur“ bezeichnen oder über sie „in ähnlicher Weise wie über Literatur“ schreiben. Auch die Einbeziehung von literarischen Themen in Comics klärt die Frage nicht und führt zu weiteren Verwirrungen. Und den Titel der FAZ-Reihe Klassiker der Comic-Literatur als Positionierung zu verwenden, überzeugt auch nicht. Diese Art der Argumentation läuft im Englischen unter der Bezeichnung „Begging the question“, sprich dass die Wahrheit einer Behauptung  in der Argumentation bereits als Wahrheit angenommen wird. So kommen die werten Herren Feuilletonisten dann auch zu folgendem Ergebnis: „Als Graphic Novel sind Comics Kunst geworden.“ Eine etwas kritischere Bewertung dieser Vorgehensweise wäre hier seitens des Autors ratsam gewesen, da er doch selbst einsieht, dass es sich bei Comics um ein „erzählendes Medium handelt“.

Fun HomeBesser im Einklang mit der sonstigen Arbeit der Reddition verhält es sich mit Stefan Semels Text „Reportage und Comic“. So stellt er anhand vieler gut recherchierter Beispiele von Joe Saccos Werke oder deutschen Versuchen die Comicreportage als Genre im Comic dar. Aber er geht eben noch weiter als seine Kollegen, in dem die Vor- und Nachteile dieser Form näher beleuchtet werden, die dem Comic-Künstler im Gegensatz zum Fotografen oder dem Journalisten ganz andere Möglichkeiten bieten. Auch der Aufsatz „Literarische Wahlverwandtschaften“, in dem Klaus Schikowski und Constanze Döring über literarische Wirkungsweise von Bechdels Fun Home (Abb. rechts) referieren, verbindet die klaren Konturen des Comics mit der Berücksichtigung der literarischen Vorlagen, die mit ihm verwoben sind.

Die Highlights der Reddition

Die beiden folgenden Aufsätze „Erzählen im Zwielicht“ (Clemens Heydenreich über Comic-Anleihen in der Literatur) und „Mehr als Graphische Romane: Comics!“ (Ole Frahms Anmerkungen zu einem Missverständnis) gehören zu den Highlights der Reddition-Ausgabe. Gerade weil die beiden Autoren es sich nicht einfach machen und mit festgesetzten Größen – wie eben der Graphic Novel – arbeiten, sondern sich der Materie unschuldig und dennoch präzise annähern. Eine besser informierte Auseinandersetzung mit der Graphic Novel als die von Frahm gibt es bis dato noch nicht:

“Graphic Novel, gewiss ein weiterer schöner Anglizismus in der deutschen Sprache, bleibt ein eher hilfloser Versuch, Comics aus dem pragmatischen sozio-ökonomischen Kontext ihrer Entstehung zu lösen. Gerade dieser Kontext aber birgt eine Wahrheit unserer Gesellschaft und ihrer Geschichte, in der die Zeit aus den Fugen geraten ist und die mit der Romanform kaum etwas verbindet. In Comics wie Grabenkrieg und Maus artikuliert sich diese Wahrheit auf der Oberfläche ihrer Zeichen.“

Änderungsschneiderei Los MilagrosObwohl Heydenreich in die entgegengesetzte Richtung rudert und Comicanleihen in den Romane von Thomas von Steinaecker (Geister) und von Maria Cecilia Barbetta (Änderungsschneiderei Los Milagros, Abb. links) analysiert, kommt er dennoch zu äußerst interessanten Ergebnissen. So attestiert er Barbetta z.B. durch die extradiegetischen Einschübe von Comics in ihren Roman die erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Form der neunten Kunst selbst.


Ein Kessel Buntes

Von den drei enthaltenen Interviews empfehlen sich nur die ausführlichen Unterhaltungen mit Isabel Kreitz und Reinhard Kleist über ihre aktuellen Comic-Projekte. Die beiden größeren Gesprächsrunden überzeugen zwar, wie die gesamte Jubiläumsausgabe, durch schöne Reproduktionen der Comics, dafür aber weniger durch ihre Dialoge. Teilweise sprunghaft wirken die Dialoge zwischen den einzelnen Diskutanten. Hier ist doch die Audio-Variante, der Podcast des Comic-Kabinetts, mit ähnlicher Besetzung vorzuziehen.

Doc SavageLeider bleiben viele der anderen Artikel nur an der Oberfläche der betrachteten Objekte. So spricht der Titel von Bernd Weckwerts Übersicht „Shakespeare potpourri“ geradezu Bände. Viel reduzierter hätte auch ich diesen zwölfseitigen Artikel, der nur verschiedene intertextuelle Anspielungen zu Shakespeare in Comics verfolgt, auch nicht zusammenfassen können. Eine ähnliche Bestandaufnahme findet bei Bernd Hinrichs „Comicfiguren in der Belletristik“ statt. Hinrichs schafft es im direkten Vergleich mit Heydenreich nicht überzeugend die Comic-Originale in Umberto Ecos Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana zu erläutern. Mit „Bloody Pulps & Four Color“ gelingt es Matthias Preuss, eine Epoche vor den Comics zu beleuchten, der bisher nur relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Eine schön recherchierte Zusammenfassung über die pulp magazines, zu der man nur noch das Vorgängermodell, die dime novel, und die Übergänge zum ersten Comic mehr hätte hervorheben können. Auch Jens R. Nielsen und Hannes Grote bleiben bei ihrer Beschreibung von Hugo Pratts Südseeballade hinter ihren Möglichkeiten. Eine schön illustrierte Zusammenfassung, die aber nicht zum Kern von Corto Maltese vordringen kann (hier sei  Herbert Heinzelmanns Besprechung von der Südseeballade in dem aktuellen Sonderband  der Text+Kritik wärmstens ans Herz gelegt).

Breccias The Tell Tale HeartAn Anfang der Reddition angelangt findet man endlich zwei Artikel, die wieder wirklich in die Tiefe gehen. Sie versuchen in keiner Art und Weise, den Comic oberflächlich auf das Podest „Graphic Novel“ zu heben, sondern beschreiben ganz kühl und gelassen, was sie sehen. Der Effekt dieser Herangehensweise überzeugt einfach durch eine kurze Vorstellung des Vorhabens und der exakten Ausführung der Analyse und der Interpretation. Die beiden gemeinten Artikel sind Andreas Platthaus' Beschreibung zu Line Hovens Liebe schaut weg und Hannes Grotes „Literarische Techniken in der Sprache der Comics“. Wie in einem Comic greifen hier Bilder und Text direkt ineinander, ergänzen sich und lassen auch Lücken zur eigenen Erforschung offen. So präsentiert Grote eine Szene aus Breccias Adaption von Poes The Tell Tale Heart (Abb. links) und gibt dem Leser zu verstehen, dass er die „Detailanalyse“ nicht übernehmen wird.

Der Mörder ist nicht die Graphic Novel!

Nach dieser rückwärts gerichteten Leserichtung hat sich der Leser der Reddition das wirklich schöne Cover nun aber redlich verdient.  Es gelingt der Reddition – an manchen Stellen doch wohl er unabsichtlich – zu zeigen, dass es zwar eine Verwandtschaft zwischen Literatur und Comic gibt, die aber auch leicht zu Missverständnissen führen kann.
Diese Besprechung soll nicht ohne  eine kurze Klarstellung enden: „Der Mörder ist natürlich nicht die Graphic Novel.“ Doch wenn man sich als Wissenschaftler, Redakteur oder auch als Fan dieses Marketing-Labels, wie von Carlsen vorgemacht, bedient, dann sollte man sich gewahr sein, dass sich sowohl Comicleser als auch Informierte auf Dauer nicht mit einem solchen Stempel abfinden werden. Da es bereits genug Stempel gibt, sollte man einfach wieder Comics besprechen, analysieren und interpretieren und sich mehr Gedanken über die „Sprache der Comics“ machen. Es gibt genug zu tun und der Markt und die Graphic Novel brauchen unsere Hilfe nun wirklich nicht.

Homepage der Reddition (inklusive Inhaltsverzeichnis)

Reddition 49/50
Edition Alfons, Juni 2009
Text: diverse
Softcover; 98 Seiten; 10,00 Euro
Bestellen bei Reddition

Nächstes mal bitte wieder mehr Comic und weniger Literatur! 







Abbildungen: © Edition Alfons


Das Wolkenvolk 2: Seide und Schwert – Mondkind

 Mit dem Album Mondkind ist die erste von insgesamt drei Romanadaptionen abgeschlossen, die zusammen den Wolkenvolk-Zyklus von Kai Meyer bilden. Die Splitter-Eigenproduktion, an der neben Zeichner Ralf Schlüter und Szenarist Yann Krehl auch die Verlagseigner Horst Gotta (Tusche) und Dirk Schulz (Farben) aktiv beteiligt sind, setzt konsequent fort, was im ersten Teil begonnen wurde. Die Reise des jungen Niccolo auf der Suche nach den Drachen geht weiter, er findet neue Begleiter, stellt sich neuen Gegnern und lernt neue Schauplätze kennen. Graphisch besonders gelungen ist dabei die vulkanische Welt der Lavatürme, die mit satten Rottönen von Kolorist Dirk Schulz sehr stimmungsvoll umgesetzt wurde.

Der Leser hat nun zwei Möglichkeiten, sich dieses Fantasy-Epos zu Gemüte zu führen. Neben der Alben-Ausgabe im Großformat und mit beiliegendem Kunstdruck gibt es eine preisgünstige Variante im Buchformat (genannt „SplitterBooks“), die den Inhalt von zwei Alben enthält. Beide Ausgaben enthalten als Bonus einen kleinen Anhang, der hinter die Kulissen des Projekts blicken lässt.

Ein künstlerisches Meisterwerk, mit dem man Preise gewinnt, ist das sicher nicht. Wohl aber ein durch und durch solider, professioneller Mainstream-Genre-Comic, wie es ihn aus heimischer Produktion nur ganz ganz selten gibt. Nachdem einige ähnliche Versuche in der Vergangenheit scheiterten, ist dem Splitter Verlag mit diesem Projekt viel Erfolg zu wünschen, damit sich vielleicht der ein oder andere Nachahmer findet.

 

Das Wolkenvolk 2: Seide und Schwert – Mondkind
Splitter Verlag, April 2009
HC-Album; 72 Seiten; 15,80 Euro

Das Wolkenvolk: Seide und Schwert
Splitter Verlag, April 2009
HC-Buchausgabe mit Schutzumschlag; 144 Seiten; 19,80 Euro

 

Interview mit Uli Oesterle

 Ein Besuch in der Münchener Künstlergemeinschaft „Die Artillerie „ eröffnet den Blick auf hohe, weiße Altbauräume, in denen zehn Kollegen an Comics, Illustrationen, Designs und vielen anderen Sachen arbeiten. Hier findet sich neben bekannten Gesichtern wie Thomas von Kummant und Benjamin von Eckartsberg (Die Chronik der Unsterblichen) eine schiere Fülle an Zeichnern, die mit Computern, Pinseln, Federn und Stiften arbeiten. Unter ihnen auch Uli Oesterle , der nach mehr als sechs Jahren seine Gesamtausgabe von Hector Umbra bei Carlsen vorgelegt hat. Mit unserem Redakteur Daniel Wüllner unterhielt er sich über Sympathiefiguren, unsympathische Entscheidungen und den WG-Alltag einer Künstlergemeinschaft.

Comicgate: Ich sitze hier mit Uli Oesterle in der Künstler-Gemeinschaft „Die Artillerie“. Wie muss ich mir die Arbeit in einem Atelier vorstellen? Zehn Künstler in einer Münchener Altbauwohnung, ist das wirklich förderlich oder steht man sich dabei auch schon mal im Weg?

Uli Oesterle: Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Zusammenschluss von Künstlern nicht nur funktioniert, sondern auch wirklich förderlich ist. Nach der Grafikerschule habe ich zuerst fünf oder sechs Jahre allein zuhause gearbeitet, wollte aber eigentlich immer ein Studio mit mehreren Leuten zusammen haben. Dieses Ziel habe ich erreicht, als wir 1995 „Die Artillerie“ gegründet haben. Wir haben damals relativ klein angefangen: Mit fünf Leuten. Von den mittlerweile zehn Leuten sind nicht alle so von der Idee angetan wie ich, aber es passt dennoch. Nicht jeder möchte gern, dass man ihm bei der Arbeit über die Schulter schaut, ständig anklopft oder Teil an seinem Projekt hat. Manche zeigen auch gar nichts her. Das sind dann eher so unsere Geheimniskrämer, die wollen überhaupt nicht, dass jemand etwas über ihr Zeug sagt. Ich hingegen bin da ganz anders: Ich finde den Austausch sehr gut und ich halt mich dann eben an die Leute, die das genauso sehen. Ich würde niemandem etwas zeigen, der nicht selbst bereit ist, etwas von sich Preis zu geben. Es gibt drei oder vier Leute, bei denen das gut klappt. Das fängt schon beim Manuskript an. Wenn ich eine Geschichte schreibe, quasi mein Drehbuch für den Comic, dann bespreche ich das auch gerne mit einem bestimmten Artilleristen. Das ist in den meisten Fällen der Benjamin von Eckartsberg, weil er selbst auch schreibt und schon ein Drehbuch geschrieben hat. Er hat eine sehr analytische Art, Dinge zu begreifen und unter Umständen auch Fehler aufzudecken. Man spricht gemeinsam drüber und ich lass mir das durch den Kopf gehen, ob ich gut finde, was er gesagt hat und was ich damit anfange. Je nachdem welchen Artilleristen ich mir herausgesucht habe, weiß ich, okay, der steht auf Schwertkampf und Fantasy, dann kann ich seine Meinung in Bezug auf meine Geschichte auch gleich besser beurteilen. Ich selektiere auch ein bisschen. Ich kann mich halt auf die jeweilige Einschätzung meiner Kollegen verlassen. Und dann frage ich nur den Artilleristen, der sich damit auskennt.

 

 CG: Dann weißt du aber doch vielleicht vorher schon, welche Meinung du zu erwarten hast? Verwischt das nicht die objektive Betrachtung?

UO: Ein wenig vielleicht. Ich bin aber auch durchaus selbstkritisch. Nur wenn man lange an einem Projekt gearbeitet hat, verliert man oft den Blick und die notwendige Distanz. Man weiß nicht mehr, ob eine gezeichnete Szene wirklich funktioniert oder nicht. Dann frage ich halt noch mal nach und es kommt raus, welchen Teil man versteht und welchen nicht. Mit dem Feedback setze ich mich noch mal dran und gucke, was man da vielleicht anders machen könnte und ob Zeichnungen überarbeitet werden müssen. Bei den Manuskripten gibt es keine konkreten Änderungen, sondern meist nur noch Vorschläge; einer sagt zum Beispiel, hier ist noch eine Länge drin, die man vielleicht kürzen kann. Im Allgemeinen ist es immer ein gutes Feedback, das man hier bekommt. Dann zeige ich es noch meiner Frau, die völlig frei von Vorurteilen dran geht. Hin und wieder bekommt es noch mein alter Kumpel Boris zu sehen, der sich vor allem in Action-Sequenzen gut reindenken kann. Dann habe ich einen guten Querschnitt aus drei völlig unterschiedlichen Meinungen.

CG: Gibt es eine bestimmte Rollenverteilung in der „Artillerie“? Vielleicht macht ja einer immer den Kaffee und der andere räumt immer auf, wie so eine richtige Familie?

UO: Ja, letztendlich ist es ja schon wie in einer WG hier, oder vielleicht auch wie in einer Ehe mit neun Partnern (lacht). Es gibt die Leute, die Ordnung halten, die immer so ein bisschen hinterher sind, und wiederum andere, die scheren sich da nicht drum. Die lassen den Klodeckel immer oben oder die Klobrille immer unten, wenn sie im Stehen pinkeln. Das gibt es alles, wie in einer normalen WG, bloß mit dem Unterschied, dass wir zu zehnt sind und dafür funktioniert es ziemlich gut, schon seit vierzehn Jahren. Natürlich gibt es auch immer wieder kleine Streitigkeiten.

 CG: Du hast am Anfang über Feedback gesprochen. Das ist ja gerade bei so einem langwierigen Projekt wie Hector Umbra wichtig. Wie lange hat es jetzt insgesamt gedauert?

UO: Der erste Band ist ja vor sechs Jahren (bei Edition 52) erscheinen und da hatte ich ja bereits zwei Jahre dran gearbeitet. Wenn man aber die gesamte Arbeit an einem Stück nehmen würde, wären es wahrscheinlich nur zweieinhalb Jahre.

CG: Dann ist ständiges Motivieren und Feedback eine wichtige Angelegenheit, um wirklich dran zu bleiben, oder? Hattest du bestimmte Methoden dich selbst zu motivieren, dich zu inspirieren? Oder hattest du zwischendurch auf einfach mal keinen Bock mehr drauf?

UO: Na klar, solche Phasen gibt es immer. Du musst ja zwischendurch immer wieder Jobs annehmen, um zu überleben und da bist du halt mal zwei Wochen raus und musst erst wieder reinkommen; das geht ja noch. Aber wenn du wirklich mal drei – bei mir auch mal fünf – Monate was anderes machst und du keine Chance hattest, zwischendurch dran zu arbeiten, da brauchst du zwei Wochen, um dich überhaupt wieder ins Thema zu finden. Hinzu kommt noch, dass man sich alle paar Monate mal denkt, „Was mache ich hier eigentlich?“ oder „Ich habe keinen Bock mehr“. Sich da so lange durchzuquälen ist schon schwer. Es ist aber dennoch schön, wenn man die Möglichkeit hat so etwas durchzuziehen, und die gibt es selten. Da hat es ein Berliner Comic-Zeichner einfacher, weil er für sein Atelier nur ca. 100 Euro im Monat zahlt, und seine Wohnung kostet noch mal 300 Euro. Viele Comic-Zeichner haben noch keine Familie, wie zum Beispiel Mawil oder Reinhard Kleist. Da besteht natürlich die Möglichkeit, alles schneller durchzuziehen. Die haben halt wesentlich weniger Druck, Jobs annehmen zu müssen, da sie mit zwei oder drei Storyboards soviel Geld machen, dass sie die nächsten vier Monate am Stück arbeiten können.

CG: Gerade wo du Kleist und Mawil erwähnst: Ist das so ein bisschen der Unterschied zwischen München als Comicstadt und seinen Künstlern, verglichen mit Berlin oder Hamburg? Die Zeichner sind jünger und schlagen unterschiedliche Lebenswege ein? München dagegen steht mit dem ComicStrich für eine andere Generation von Zeichnern, eine andere Art von Comics.

UO: Eine bestimmte Art von Comics würde ich jetzt nicht sagen, da sowohl ich als auch Reinhard Kleist fiktive Geschichten erzählen. Klar, gibt es in Berlin mehr Zeichner, die klassische autobiografische Comics machen. Es gibt mehr Zeichner, die Alben herausbringen. In München gibt es Christian Moser, aber er ist ja kein klassischer Comiczeichner in dem Sinne. Mir fallen noch Thomas und Benjamin aus der Artillerie ein. Aber du siehst ja selbst, wann der nächste Band von Die Chronik der Unsterblichen rauskommt. Es ist jetzt schon fünf Jahre her, seit der erste Teil erschienen ist.

CG: Darf man solche Themen im Atelier ansprechen oder sind die ein Tabu-Thema?

UO: Na klar, manchmal frotzeln wir uns schon gegenseitig an und ziehen uns damit auf. Aber der Thomas ist ja auch ein relativ guter Geschäftsmann und war sehr erfolgreich mit seinem ersten Comic im Gegensatz zu meiner ersten Veröffentlichung. Wobei Hector Umbra bei Carlsen sehr erfolgreich läuft. Nach knapp drei Monaten sind schon mehr Exemplare weggegangen als vom ersten Band in fünf Jahren.

CG: Aber es ist ja auch schwer, einen abgeschlossenen Band mit einer ersten Ausgabe zu vergleichen.

UO: Klar. Noch dazu hängt das ja stark von der Vermarktung durch den Verlag und der Platzierung im Buchhandel ab. Da steht Carlsen natürlich mit seinen Vertriebswegen, der Pressearbeit und Verbindungen zum Buchhandel einfach wesentlich besser da als ein kleiner Verlag.

muenchenalsheld.jpg CG: Lass mich kurz noch mal auf die Stadt München zurückkommen, die ja im Comic auch zum Helden wird. Ist das wirklich als Hommage zu verstehen oder hatte das einfach nur einen praktischen Nutzen?

UO: Beides. Es hatte zwar einen praktischen Nutzen, aber letztendlich erzähle ich gerne Geschichten, die in meiner Stadt spielen, weil ich mich dort einfach gut auskenne. Ich kenne die Orte, ich weiß über die Eigenarten Bescheid. Na ja, mittlerweile kenne ich die Clubszene vielleicht nicht mehr so gut wie früher. Aber ich glaube man merkt es dem Comic einfach an, wenn der Held sich in derselben Stadt bewegt wie sein Zeichner. Wenn ich die Geschichte nach New York verlegt hätte, wäre sie sicherlich massenkompatibler gewesen, aber letztendlich wäre sie dann auch nicht mehr so authentisch. Ich mag meine Stadt einfach und will es auch als Hommage verstehen, wobei ich immer darauf geachtet habe, dass die Stadt nicht immer so geleckt rüberkommt wie sie in Wirklichkeit ist. Und vor allem ist das München, so wie ich es darstelle, ein Zerrbild und spiegelt mehr die Befindlichkeiten der Akteure wieder.

 CG: Im Comic selbst sind die Zeugen Jehovas sehr präsent, deutlich erkennbar durch ihre kleinen Wachtürme. Wie gehst du mit denen um, wenn die vor deiner Tür stehen?

UO: Machen die jetzt auch Hausbesuche? Wenn ich an den vorbeigehe, dann lächle ich nur über sie. Wir haben in dem Fernsehbeitrag für den Bayerischen Rundfunk tunlichst vermieden, welche mit ins Bild zu bringen oder auch nur zu erwähnen. Man weiß ja nie, ob die vielleicht doch BR gucken. Aber sie heißen bei mir ja auch gar nicht Zeugen Jehovas, sondern Jünger des Herrn (grinst).

CG: Eine Frage noch speziell zum Comic: Es läuft die ganze Zeit im Comic irgendwo Musik, und alles wird durch Soundeffekte begleitet. Läuft bei dir während der Arbeit auch Musik? Wenn ja, welche und wie laut?

UO: Bei mir ist das so: Wenn ich nachdenken muss und meine Geschichten schreibe, dann höre ich entweder gar keine Musik oder setzte die Kopfhörer wirklich nur auf, um Ruhe zu haben, wenn ich zum Beispiel in Cafés sitze. Vor ein paar Jahren war ich mal fünf Tage in Wien und habe mir die Stadt angesehen, um mich inspirieren zu lassen. Ich habe mich in eine richtig schöne Pension im Museumsquartier gesetzt und dann einfach mal fünf oder sechs Stunden am Stück geschrieben. Das war einfach super! Ich bin anschließend mit 30 neuen Ideen zurückgekommen; mit Ansätzen für neue Geschichten.

CG: Aber Wiener Kaffeehäuser sind ja nicht gerade für ihre Ruhe bekannt…

UO: Ja, genau. Ich habe es zunächst ohne Kopfhörer und Musik probiert, aber dann schnell den Kopfhörer aufgesetzt und sphärische Sachen oder Filmmusik gehört; also viel ohne ablenkende Texte – nur ausnahmsweise ein bisschen Tom Waits. Eine solche Musik versetzt mich in eine Stimmung, in der ich gut schreiben kann. Wenn zu viel Gesang dazu kommt, wird es schwierig mit der Konzentration. Im Atelier schreibe ich meistens ohne Musik.

CG: Die Musik kommt dann erst beim Zeichnen dazu?

UO: Ja, genau. Aber da muss man natürlich schauen, was der jeweilige Zimmerpartner (In Ulis Fall Florian Mitgutsch) dazu sagt. Und wenn der gerade mal keine Lust auf Musik hat, setze ich mir halt meinen Kopfhörer auf.

 CG: Tom Waits hat ja sogar eine Widmung hinten im Comic bekommen. Was für Songs wären auf einem Soundtrack für Hector Umbra alle drauf?

UO: Die Musiker, die ich im Comic angesprochen habe, treffen es schon ganz gut. Es gibt dann noch ein paar Stücke, die rein müssten, wie zum Beispiel Jimi Tenor, der macht sehr strange Sachen. Eigentlich müssten Songs drauf sein, die etwas Morbides und Gespenstisches an sich haben, wie in diesen Alien-Trash-Filme der 1960er Jahre. Das finde ich ganz nett. Dann mal wieder ein paar Songs mit ein bisschen mehr Beats, so Sachen von Beck zum Beispiel. Die Tragikkomik übernimmt natürlich Tom Waits. Aber auch Peter Fox passt gut. Stadtaffe ist eines der hervorragendsten Alben der letzten Jahre, wie ich finde. obwohl ich mit Seeed nie was anfangen konnte. Da ist so ein wahnsinnig trauriges Lied drauf, „Ich Steine, du Steine“, da möchte man am Liebsten das Flennen anfangen. Oder auch die Sofa Surfers würden gut passen. Abrunden würden den Soundtrack sicherlich ein paar Klangteppiche.

CG: Wie sieht es denn mit Verfilmungen aus? Steht da bei Hector Umbra irgendwann mal was an?

UO: Ja, bitte! Jederzeit! Ich habe erst letztens im Comicforum etwas gelesen: „Hey, habt ihr schon von der Verfilmung von Hector Umbra gelesen? Das sollen ja Jeunet & Caro (Stadt der verlorenen Kinder und Delikatessen) machen.“ Ja warum eigentlich nicht, die beiden würden gut passen.

CG: Wäre dir ein Trickfilm oder doch eher eine Realverfilmung lieber?

UO: Am besten würde mir ein 3D-Film gefallen. Aber das ist sowieso zu teuer, hab ich mir sagen lassen. Aber ein Realfilm wäre auch super. Dann müsste man natürlich viel mit special effects und 3D machen, was die Monster und Wahnvorstellungen angeht. Ist eine schöne Vorstellung; ich fände es extrem interessant, den in Englisch zu machen. In Amerika sind ja Comicverfilmungen eh grade groß in Mode. Liegt ja daran, dass viele Regisseure auch Comicfans sind. Die kennen sich mit den Geschichten aus, die sich gut adaptieren lassen. Vielleicht wird der Comic ja wirklich mal verfilmt; da spekuliere ich schon etwas drauf, weil ja bereits eine Kurzgeschichte von mir aus einer Dark Horse-Anthologie schon verfilmt wurde (Anm. d. Red.: Forever von Jonas Govaerts, in zwei Teilen bei YouTube verfügbar). Ich würde mich natürlich auch freuen, falls jemand aus Deutschland sich interessiert zeigt.

CG: Interessenten können sich also gerne bei dir melden?

UO: Na klar, jederzeit.

Uli an seinem Arbeitsplatz CG: Ich habe auch ein bisschen auf deiner Homepage gestöbert und habe mir dort die Illustrationen angeguckt – das sind die bösen Dinger, die man als Zeichner anfertigen muss, um zu überleben. Dabei bin ich auf was gestoßen, das sich „Sympathiefigur“ nennt. Das sind Figuren, die du für Image-Kampagne für Audi und ähnliche Unternehmen entwickelt hast.

UO: Ja, das ist halt dieser Fachjargon. Mittlerweile gibt es ja auch den Fachbegriff Characterdesign, der oft auch auf solche Kampagnenfiguren angewandt wird. Aber die ganzen Begriffe entstammen wirklich nur der Werbung. Das sind eben Jobs, die ich auch schon gerne mache und die mir in dem Bruchteil der Zeit wesentlich mehr Geld einbringen. Man sitzt dann schon mal eine Woche an einem Auftrag, der im Endeffekt genau so viel einbringt wie der komplette erste Band von Hector Umbra. Das steht in überhaupt keinem Verhältnis. Aber die Arbeit am Comic ist für die Seele wichtig.

CG: Würdest du Hector als Sympathiefigur bezeichnen?

UO: (lacht) Grundsätzlich würde ich ihn nicht als Sympathiefigur bezeichnen; höchstens gegen Ende des Buches.

u-bahnfahrt.jpg CG: Liegt das auch vielleicht an der Entwicklung des Charakters? Im ersten Band, der damals bei Edition 52 erschienen ist, sehen alle Figuren ja ein bisschen kantiger und dunkler aus. In der Gesamtausgabe hingegen werden die Gesichter weicher und die Profile cartooniger.

UO: Benutzt bitte nicht das Wort „cartoonig“. Das ist ein hässlicher Ausdruck!

CG: Aber siehst du diese Entwicklung auch so?

UO: Im Laufe der Jahre habe ich mich natürlich weiterentwickelt. Das ist ja ganz klar. Deshalb sehe ich auch die Veränderung und fasse sie unter den Begriff „künstlerische Freiheit“ zusammen. Wenn ich schon meinen Comic mache, dann will ich den verdammt noch mal so zeichnen, wie es mir passt. Wenn sich denn etwas leicht ändert, was eh kaum auffällt, ist es mir auch egal. Man sieht das nur ein bisschen bei den Charakteren. So waren die Kinnbärte von Frantisek und Osaka im ersten Teil noch ganz spitz und sind nachher rund geworden. Letztendlich würde ich mir für meinen nächsten Band mehr Mühe für das Characterdesign machen, es ein bisschen besser austüfteln, damit so was nicht mehr vorkommt. Aber bei diesem Projekt war es wegen der Zeitspanne einfach nicht perfekter möglich. Es entstehen einfach automatisch Veränderungen. Schön ist es dann natürlich, wenn man durch den Erfolg eines solchen Buches die Ruhe und Zeit hat, intensiver am nächsten zu arbeiten und das vielleicht schneller durchzuziehen.

Cover der 1. Albenausgabe 2003 CG: Apropos Erfolg: Du bist ja mit dem ersten Teil bereits 2004 für den Prix du Primer Album in Angoulême nominiert worden und hast den ICOM-Preis im gleichen Jahr gewonnen. Erhofft man sich da ähnliches für die Gesamtausgabe?

UO: Eingereicht wird es natürlich für die Preise, wie den Max-und-Moritz-Preis 2010. Ob es was wird, kann ich nicht sagen. Im Moment bin ich ja auch für den PENG in München nominiert und habe es unter die ersten drei geschafft (Anm. d. Red.: Der Preis für den „Besten deutschen Comic“ ging dann an Flix für Der Swimmingpool des kleinen Mannes). Man freut sich zwar, aber wie wichtig sind diese Preise denn überhaupt? Klar, der Max-und-Moritz-Preis ist der anerkannteste Comicpreis im deutschsprachigen Raum. Wäre schon schön, den mal zu gewinnen, außerdem winken dem Sieger in der Kategorie Bester Zeichner ja 2000 Euro als Siegerprämie.

CG: Wir haben uns ja dieses Jahr bereits auf dem Fumetto in Luzern getroffen. Wenn man da so über das Festival schlendert, dann sieht man eigentlich nur Kunst-Comics und avantgardistische Zeichen-Techniken. Wie passt Hector Umbra da rein, der von der Erzählung doch eher als konventionell zu bezeichnen ist? Wie wurden deine Arbeiten dort aufgenommen?

UO: Klar baut man in der Schweiz bei Magazinen wie Strapazin auf eine ganz spezielle Riege von Zeichnern, aber dennoch finden sich immer noch Ausnahmen, wie Gipi oder Blutch, die zwar avantgardistische Züge haben, aber dennoch sehr schön erzählen. Ich finde, dass gerade Gipi den Spagat zwischen dem Kommerziellen – was hier nicht negativ gemeint sein soll – und der Avantgarde schafft. Das sehe ich bei mir ganz genauso. Ich sitze auch zwischen diesen Stühlen. Die Einladung wiederum habe ich ein bisschen den Verbindungen von Carlsen zu verdanken. Vielleicht mag es nicht ganz in den Rahmen passen, aber mit dem neuen Festivalleiter Lynn Kost, wird man in der Zukunft bestimmt den ein oder anderen klassischen Comicerzähler auf dem Fumetto antreffen. Aus meiner ganz persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, dass das Fumetto als Inspirationsquelle wirklich großartig ist. Dort entdeckst du neue Möglichkeiten der grafischen Darstellung, die man so noch nicht gesehen hat. Die Comic-Geschichten dort lese ich nicht, die kann man oftmals gar nicht lesen. Die Comics befriedigen meist nur optisch. Mir persönlich ist das Erzählen von Geschichten einfach wichtiger. Dabei möchte ich keine Verwirrung erzeugen, außer der Verwirrung, die beabsichtigt ist. Zeichnungen und Stil müssen der Geschichte folgen.

CG: Du hattest die Metapher des Zwischen-den-Stühlen-Sitzens angesprochen – zwischen Kunst und Kommerz. Über Kunst haben wir jetzt gesprochen, lass uns doch etwas näher auf den Kommerz eingehen. Den Wechsel von Edition 52 zu Carlsen, wie kann man sich den vorstellen? Wie reibungslos ging der vonstatten?

UO: Das verlief leider nicht so ganz reibungslos. Ich wollte die Edition 52 wirklich nicht vor den Kopf stoßen. Ich hatte eigentlich einen Wechsel erst nach den drei Bänden vorgesehen. Ich zieh das hier jetzt noch durch und dann kann ich mir einen anderen Verlag suchen, habe ich mir stets gesagt. Allerdings habe ich diese Einstellung noch mal überdacht. Man muss sich einfach mal vorstellen, dass ich damals bereits drei oder fast vier Jahre an diesem Projekt saß und so viel Herzblut da reingesteckt habe, von durchgearbeiteten Nächten und der Vernachlässigung meiner Familie mal ganz abgesehen.

Sicher, ein Kleinverlag kann nicht so viel leisten, wie ein großer. Das ist mir klar. Aber zusätzlich hielt sich das Engagement bei der Edition 52 in Grenzen; die wichtigen Pressekontakte stammten fast ausschließlich von mir und auch meine Vorschläge für Vermarktungsideen sind immer im Sand verlaufen. Das hat mich natürlich frustriert. Ich wollte einfach, dass mein Herzensprojekt besser betreut wird. Das war der Hauptgrund für den Wechsel zu Carlsen.

Aufgrund des Verlagswechsels und einiger Unstimmigkeiten deswegen musste ich die Arbeit an Hector Umbra für ein halbes oder dreiviertel Jahr komplett niederlegen. Schließlich hat der Wechsel geklappt. Die Vertragsverhandlungen mit Carlsen verliefen reibungslos. Mein Redakteur,Michael Groenewald,und seine Frau Claudia Jerusalem-Groenewald, die sich um die Pressearbeit kümmert, sind wirklich ein gutes Team und leisten sehr gute Arbeit. Ich bin sehr froh über den Wechsel und stehe zu meiner Entscheidung.

Cover der Luxusausgabe CG: Aber man redet jetzt wieder normal miteinander?

UO: Ja, selbstverständlich. Die Edition bringt ja jetzt auch die Luxusausgabe heraus, damit sie noch etwas von Hector Umbra haben.

CG: Wie sieht die Zukunft bei Carlsen aus? Gibt es schon neue Projekte, von denen man was wissen darf?

UO: Jetzt versuche ich erst einmal durchzuatmen. Außerdem stehen jetzt noch die Nachwehen an: die Interviews, die Signierstunden und die Comic-Festivals. Das frisst alles Zeit. Gerade sitze ich zum Bespiel an der Vorbereitung für die Ausstellung zum Münchner Comicfestival. Nebenher kommt man kaum zum Arbeiten. Nach dem Comicfestival kommen wieder neue Festivals in Holland und Frankreich. Es gibt also noch eine Menge Arbeit, die mit dem Zeichnen von Comics rein gar nichts zu tun hat.

CG: Aber es liegen doch bestimmt schon Ideen ganz oben in der Schublade?

UO: Da gibt es zwar wieder ein paar größere Projekte, doch würde ich bei Carlsen erstmal was Kleineres machen, vielleicht fünfzig bis achtzig Seiten in schwarz-weiß. Man will ja auch zeigen, dass man noch da ist. Ein weiteres Projekt, von dem ich leider noch nicht sprechen darf, steht auch zur Debatte.

CG: Eine Frage hätte ich noch: Gibt es ein künstlerisches Gegenstück zu Uli Oesterle? Also einen Zeichner, der das komplette Gegenteil von dem macht, was du so machst?

UO: Eigentlich denke ich nicht in solchen Kategorien, da ich offen für Alles bin. Aber wenn ich jetzt sagen müsste, wer komplett das Gegenteil meiner Arbeit macht, dann ist das sicherlich Joscha Sauer (Nichtlustig). Das soll gar nicht böse sein; ich finde seine Arbeiten gut, und in dem was er da macht gibt es in Deutschland wenige, die ihm das Wasser reichen können. Vor seiner Arbeit und den entsprechenden Verkaufszahlen kann man wirklich nur den Hut ziehen. Während Joscha und auch Ralph Ruthe die Kunst beherrschen, ihren Humor in einem Bild zu komprimieren, bemühe ich mich eben, meine Geschichten in epischer Breite zu erzählen.

CG: Ja, dann sind wir auch schon durch. Vielen Dank, Uli.

UO: Ich habe zu danken.

Links zum Thema
Uli Oesterles Homepage
Die Artillerie
Hector Umbra bei Carlsen Comics

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Abbildungen © Uli Oesterle, Carlsen Verlag, Edition 52
Foto © Daniel Wüllner

Thomas Noland 5 – Die Möwe

Vor gut elf Jahren veröffentlichte der „alte“ Splitter-Verlag das letzte Album von Thomas Noland, aber erst jetzt legt Finix den fünften Abschlussband der Serie vor, der schon damals eigentlich in Planung war, aber nie erschien. Die Reihe aus den 80ern erzählt die lebhafte Geschichte der Familie Noland. Puzzleartig, teils durch Rückblenden, entfaltet sich Stück für Stück das Leben von Thomas Nolands Vorfahren. Dieser ist in der Gegenwart auf der Suche nach seinem Vater, der als Reporter nach Vietnam ging und seitdem vermisst wird. Die Handlung von Szenarist Daniel Pecquer offenbart sich erst mit dem jetzt vorliegenden fünften Band vollständig, denn die verschiedenen Plotebenen und Handlungsorte sind recht komplex gestaltet und gewinnen erst nach und nach ihre Bedeutung. Zudem macht die Serie deshalb Spaß, weil hinter allen porträtierten Nolands eine illustre Story steckt und die Eckpfeiler ihrer Leben sich mit der amerikanischen Geschichte deckt, angefangen von der Goldgräberzeit über das von Capone drangsalierte Chicago bis hin zum Vietnamkrieg. So skizziert sich durch mehrere Ausgaben eine besondere Familienhistorie, die mit Thomas Noland endet. Im fünften Band wird das Vorangegangene deutlicher als zuvor reflektiert und die Erzählung ohne Umschweife oder Nebenschauplätze, wie es zuvor der Fall war, zu einem überraschenden Ende gebracht. Es lohnt sich auf jeden Fall, die komplette Albenreihe am Stück zu lesen, denn Thomas Noland ist auch heute noch als hervorragender Comic anzusehen, der nicht immer einfach zu goutieren ist, aber äußerst zu unterhalten weiß.

Thomas Noland 5 – Die Möwe
Finix Comics, Juni 2009
Softcover: 48 Seiten, 11,80 Euro
ISBN: 978-3-941236-13-4
Hardcover: 48 Seiten, 17,80 Euro
ISBN: 978-3-941236-14-1

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Hardcover:
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Lenore 1: Noogies

 Seine erste Lenore-Geschichte zeichnete Roman Dirge bereits im Jahr 1992, der vorliegende Sammelband erschien 1999 in den USA. Weitere zehn Jahre später liegen die Comics vom „süßen kleinen toten Mädchen“ auch auf Deutsch vor. Dies besorgt der kleine Verlag UBooks, der unkonventionelle Literatur verlegt, u.a. auch Vampir-Romane, Gothic-Bildbände und die norwegische Comicserie Nemi.

Lenore passt da ganz gut dazu, denn die schwarz-weißen Kurzgeschichten mit dem tiefschwarzen Humor könnten besonders denjenigen gefallen, die jene spezielle Mischung aus düster und niedlich mögen, wie sie Tim Burton in vielen seiner Filme pflegt. Auch die Merchandising-Ikone Emily the Strange könnte als Referenz dienen. Lenore (der Name leitet sich von einem Gedicht von Edgar Allan Poe ab) ist ein kleines Mädchen, das eigentlich schon tot ist. Warum sie trotzdem auf Erden wandelt, warum sie gestorben ist, solche Fragen interessieren Roman Dirge nicht – er erzählt einfach kurze, morbid-schräge Episoden, die meist mit recht bösen Pointen enden. Denn Lenore – die ja selber schon tot ist – kümmert es nicht, wenn jemand anders stirbt, egal ob das ein süßes Haustier oder ein Spielkamerad ist. Ein Großteil der Kurzgeschichten läuft darauf hinaus, dass Lenore mehr oder weniger versehentlich Menschen und Tiere umbringt. Nicht aus Bösartigkeit, sondern eher aus Ungeschick.

 Das klingt brutal, ist aber tatsächlich ziemlich witzig, sofern man mit solch bösem Humor etwas anfangen kann. Abgefedert wird diese Bosheit durch den Charme von Dirges Zeichnungen. Diese haben immer etwas Gruselig-Morbides an sich, sind aber stets so grotesk und auch niedlich, dass jederzeit klar ist, dass das nicht allzu ernst gemeint ist. An dem Sammelband lässt sich deutlich erkennen, wie sich Dirges Zeichenstil entwickelt hat. Während die ersten Comics vor allem bei den Nebenfiguren noch sehr ungelenk und amateurhaft wirken, wird Dirge mit der Zeit immer sicherer und perfektioniert seinen markanten Stil.

Auf der anderen Seite hat die komprimierte Paperback-Form auch einen Nachteil: Roman Dirges makabre Komik ermüdet ziemlich schnell, ein Großteil der Strips folgt einem bestimmten Schema, das in verschiedenen Variationen immer wieder verwendet wird. In kleinen Dosen genossen macht das weit mehr Spaß als den Band komplett am Stück zu lesen.

Problematisch ist auch die deutsche Übersetzung, die nicht immer ganz treffsicher ist. Schwierig wird es vor allem dann, wenn der Text in Reimform gehalten ist, was immer wieder vorkommt. Die deutsche Fassung dieser Verse ist derart holprig geraten, dass man fast versucht ist, eine Rückübersetzung ins Englische anzufertigen. Auch beim Blick aufs Lettering, besonders außerhalb der Sprechblasen, merkt man deutlich, dass man nicht das Original in Händen hält. Wer des Englischen mächtig ist, sollte also eher zur Originalversion von Slave Labor Graphics greifen. Die übrigen Freunde des schwarzen Humors dürfen sich freuen, dass Lenore nun auch auf Deutsch verfügbar ist.

Lenore 1: Noogies
UBooks
, Februar 2009
Text und Zeichnungen: Roman Dirge
Softcover; 112 Seiten; schwarz-weiß; 12,95 Euro
ISBN: 978-3-86608-099-7

Makabrer Spaß mit Schwächen in der Übersetzung

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Abbildungen: © UBooks