Filmrezensionen

Tardi – Schwarz auf Weiß

Filmplakat Tardi – Schwarz auf Weiß

Tardi – En noir et blanc
Frankreich 2006
Regie: Pierre-André Sauvageot

Parallel zur Ausstellung „Tardi: Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB“ im Literarischen Colloquium Berlin zeigen zwei Berliner Kinos ab dem 16. Januar zwei Wochen lang einen Dokumentarfilm, in dem einer der wichtigsten französischen Comiczeichner über seine Arbeit spricht. Tardi – Schwarz auf Weiß stammt aus dem Jahr 2006, ist also nicht mehr nagelneu – doch das Ansehen lohnt sich trotzdem.

 

Szene aus Tardi – Schwarz auf WeißJacques Tardi, mitllerweile 67 Jahre alt, gehört zu den ganz Großen des französischen Comics. Neben seiner langlebigen Serie Adeles ungewöhnliche Abenteuer steht er vor allem für atmosphärische Adaptionen von Kriminalromanen und für die schonungslose Comic-Darstellung des Ersten Weltkriegs. Der 50-minütige Film von Pierre-André Sauvageot, der in einem Zeitraum von zwei Jahren gedreht wurde, zeigt Jacques Tardi bei der Arbeit an den Alben Killer stellen sich nicht vor und Das Geheimnis des Würgers (beide Edition Moderne 2006/2007). Außerdem arbeitet er zu dieser Zeit bereits an dem Comic über die Kriegserinnerungen seines Vaters, dessen erster Band erst vor kurzem auf Deutsch erschienen ist.

Schwarz auf Weiß ist ein sehr zurückgenommener Film, der aufs Wesentliche reduziert bleibt. Es gibt keine Stimme aus dem Off, keine Vorstellung des Künstlers oder seines Werdegangs. Sauvageot steigt ohne Einleitung direkt ein und geht davon aus, dass seine Zuschauer wissen, wen sie hier zu sehen bekommen. Was wir sehen, ist ausschließlich Jacques Tardi selbst und seine Arbeit. Wir sehen ihm an seinem Zeichentisch, zeichnend, über seine Arbeit sprechend und eine erstaunliche Menge von Zigaretten rauchend. Oft blickt ihm die Kamera über die Schulter und schaut ihm direkt beim Zeichnen, Tuschen oder Retuschieren zu.

Szene aus Tardi – Schwarz auf WeißWenn fertige Comicseiten im Bild zu sehen sind, geschieht das ohne jene Effekthascherei, die in letzter Zeit üblich geworden ist, wenn Fernsehsendungen Comics zeigen. Hier wird nichts animiert, gedreht, ein- oder ausgeblendet, auch kein Text vorgelesen – Tardis Originale dürfen für sich sprechen, was ihnen auch mühelos gelingt.

Für viele Comicinteressierte dürfte es schon ausreichen, einem Meister des Fachs einfach nur beim Zeichnen zuzusehen. Aber Tardi hat auch viel Interessantes zu sagen. So spricht er nicht nur über inhaltliche und technische Aspekte des Comiczeichnens, er äußert sich auch als streitbarer Kritiker der Gesellschaft und kritisiert zum Beispiel das Schulsystem oder die Medienlandschaft. Dass Tardi vor etwa einem Jahr den Orden der französischen Ehrenlegion aus Überzeugung abgelehnt hat, passt ins Bild eines Künstlers, der den Reichen und Mächtigen stets sehr skeptisch gegenübersteht.

Szene aus Tardi – Schwarz auf WeißGelegentlich verlässt der Film Tardis Arbeitszimmer, dann begleiten wir den Künstler auf Streifzügen durch Paris, wo er mit einer einfachen Kompaktkamera Häuser und Straßen fotografiert. Diese Fotos dienen ihm später als Referenzmaterial für seine Zeichnungen, denn die Verortung der Geschichten an einem realen Schauplatz ist für Tardi, wie er im Film betont, ein extrem wichtiges Element seiner Comics.

Dem Regisseur Sauvageot, der sich schon mehrfach dokumentarisch mit Comickünstlern befasst hat (u.a. mit José Muñoz und Willem), ist hier mit einfachen Mitteln ein sehr interessantes Porträt einer starken Künstlerpersönlichkeit gelungen. Keine umfassende Biographie, sondern ein Werkstattbericht, dem man auch gerne noch länger als 50 Minuten zugesehen hätte.

 

Wertung: 9 von 10 Punkten

Sehenswerter, aus Wesentliche konzentrierter Werkstattbericht

 

Der Film läuft bis mindestens Ende Januar in den Berliner Kinos Lichtblick und Moviemento, teilweise begleitet von Sonderveranstaltungen. Weitere Infos gibt es auf Facebook.
 

Abbildungen: © Sabcat Media