Frisch aus der Druckerei

Frisch aus der Druckerei: August 2011

Unser monatlicher Rückblick auf die aktuellen Comic-Novitäten: Diesmal mit einer mehrfach preisgekrönten Edel-Graphic-Novel, Romanadaptionen aus Deutschland und Frankreich, einem flämischen Kinderklassiker und vielem mehr.

HIGHLIGHT DES MONATS

 

Asterios PolypDavid Mazzucchelli hat sich durch seine Kollaborationen mit Frank Miller (Batman: Year One, Daredevil: Born Again) und Paul Karasik (Paul Austers Stadt aus Glas) einen Namen gemacht. 15 Jahre lang erschien keine größere Arbeit von ihm, ehe er dann 2009 eine komplett in Eigenregie entstandene Graphic Novel vorlegte: Asterios Polyp, eine Erzählung über einen Stararchitekten auf dem Selbstfindungstrip. Der Comic begeisterte die Leser nicht nur, aber vor allem durch seine formale Meisterschaft: Mazzuchelli gelingt es, Sprache und Stilmöglichkeiten des Comics so einzusetzen, dass die Rezensenten reihenweise begeistert sind. Zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen auf Bestenlisten waren die Folge, und nun gibt es das Werk auch in einer deutschen Fassung beim Eichborn Verlag, der bei der Produktion strenge Vorgaben des Künstlers zu befolgen hatte. Eine englischsprachige Leseprobe hat die New York Times.

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EIGENPRODUKTIONEN

Als „Graphic Novel über die wunderbare, aber auch nervtötende Zeit der Schwangerschaft“ beschreibt die Edition Moderne den Comic Zwei mal Zwei vom Schweizer Duo Andreas Gefe und Charles Lewinsky. Die Geschichte von zwei Paaren (einem etwas älteren, das unbedingt Kinder will, und einem jüngeren, das sehr unverhofft Nachwuchs bekommt) erschien als Fortsetzungscomic im Zürcher Tages-Anzeiger. Während Zeichner Gefe schon zahlreiche Comic-Arbeiten auf dem Kerbholz hat, ist Zwei mal Zwei für Lewinsky, der vor allem als Autor für Theater und Fernsehen, aber auch als Schlagertexter arbeitet, der erste Ausflug in diese Kunstform. Eine Leseprobe gibt es hier.

Frostfeuer 1Frostfeuer ist nach Das Wolkenvolk die zweite „echte“ Eigenproduktion des Splitter Verlags. Hier wie dort diente eine Romanvorlage von Kai Meyer als Quelle. Die dreibändige Albenreihe verbindet die Realität von Sankt Petersburg im Jahr 1893 mit der Märchenwelt der Schneekönigin, die hier in die Stadt kommt, um sich an einem Dieb zu rächen. Die Adaption des Romans besorgte, wie schon bei Das Wolkenvolk, Yann Krehl. Die Zeichnungen stammen von Marie Sann, die bisher als Mangaka (u.a. Krähen bei Tokyopop) bekannt war, aber hier beweist, dass sie auch ganz andere Stile beherrscht. Die ersten elf Seiten sind hier zu sehen.

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AUS FRANKREICH UND BELGIEN

Beim „Graphic Novel“-Label von Carlsen erscheint Ganz allein von Christophe Chabouté (Fegefeuer). In der beinahe wortlosen, elegischen Geschichte geht es um einen äußerlich entstellten Mann, der einsam auf einem Leuchtturm lebt und noch nie die Außenwelt gesehen hat. Ein leiser Comic in Schwarzweiß, bei dem man getrost auf die französische Leseprobe zurückgreifen kann, weil ein Großteil der Seiten ohnehin keinen Text hat.

Lauras Lied (Schreiber & Leser) basiert auf einem französischen Roman von Amélie Sarn, der von Eric Corbeyran adaptiert und von Thierry Murat gezeichnet wurde. Es geht um das heikle Thema Kindesmissbrauch – als ihr Vater im Koma liegt, arbeitet die Protagonistin Laura, inzwischen erwachsen, die Vergangenheit auf, in der sie von ihm missbraucht wurde. Inzwischen wurde der Roman auch verfilmt. Hier eine Leseprobe.

Barracuda 1Ein klassischer „Swashbuckler“ ist die Piratentrilogie Barracuda von Autor Jean Dufaux (Djinn, Murena) und Zeichner Jérémy. Anspruchsvolle Kunst wird man hier nicht erwarten, aber Freunde des Genres kommen hier sicher auf ihre Kosten (PDF-Leseprobe).

Vom gleichen Autor stammt Dixie Road, was beim Splitter Verlag als Sammelband im „Book“-Format erscheint. Die in den Südstaaten zur Zeit der Weltwirtschaftskrise angesiedelte Geschichte (gezeichnet von Hugues Labiano) erzählt von einem verwegenen Tunichtgut und seiner Familie, überwiegend aus der Sicht seiner Tochter. Hier eine Leseprobe.

Außerdem neu bei Splitter: Absolute Zero, ein dreiteiliger Science-Fiction-Thriller von Marazano (Der Schimpansenkomplex) und Christophe Bec (Prometheus, Carthago), der auf einem Eisplaneten spielt (Leseprobe). Und eine Fantasyreihe namens Die gläsernen Schwerter von Sylviane Corgiat, deren Geschichte sich arg konventionell anhört (junges Mädchen mit besonderen Fähigkeiten muss Artefakte zusammensammeln, um die Welt zu retten), sich aber durch Laura Zuccheris hübschen Look und ein ungewöhnliches Design der Fabelwesen abhebt (Leseprobe).

Das Cover schmeckt nach Fantasy, aber die Inhaltsangabe von Die heulenden Nebel von Philippe Saimbert und Andrea Mutti (Break Point) klingt eher nach einem Thriller mit Mytery-Einschlag: Ein Unternehmen macht genetische Experimente an Tieren, bis es zu ersten Todesfällen kommt. In Frankreich als Zweiteiler erschienen, bringt Nona Arte den Comic gesammelt in einem abgeschlossenen Hardcover-Band.

Jommeke 1In Belgien zählt Jommeke, geschaffen 1955 vom flämischen Zeichner Jef Nys, zu den populärsten Kindercomics. Die Serie, die bei uns in den 70er Jahren unter dem Titel Die Abenteuer von Peter & Alexander erschien, kommt inzwischen auf rund 250 Alben. Obwohl Jommeke außerhalb Belgiens nie sonderlich erfolgreich war, wagen die Aachener Dirk Sieprath und Mario Wagner einen neuen Anlauf in Deutschland: Beide bezeichnen sich als große Fans der Reihe und haben eigens einen neuen Verlag namens stainlessArt gegründet. Dort sind jetzt die beiden ersten Alben, „Der Schildkrötenschatz“ (PDF-Leseprobe) und „Das Jampuddinggespenst“ (PDF-Leseprobe) erschienen. Mehr dazu unter jommeke.de.

Noch weiter zurück reicht die Historie von Harry und Platte (im Original Tif et Tondu), die der Belgier Fernand Dineur bereits 1938 für die erste Ausgabe des Spirou-Magazins schuf. Populär wurde die Serie um zwei Hobbydetektive in der Ära des Zeichners Will, der zwischen 1948 und 1990 knapp 40 Alben zeichnete. In Deutschland hießen die beiden zunächst Gin & Fizz, 1988 startete Carlsen dann seine Albenausgabe unter dem Titel Harry und Platte, die später bei Salleck fortgeführt wurde. Ebendort startet man nun die Harry und Platte Gesamtausgabe, deren erster Band drei Alben enthält. Die Gesamtausgabe beginnt allerdings nicht ganz von vorne, sondern beim ersten von Will gezeichneten Album aus dem Jahr . Einen Blick in die französische Originalausgabe kann man hier werfen, und dort gibt’s einen schicken Trailer zum „Intégrale“.

Ebenso wie Will gehört auch der Zeichner François Walthéry zur „École Marcinelle“. Seine Funny-Krimi-Reihe Natascha läuft seit 1970 bis heute. Auch hier hat Salleck Publications vor einigen Jahren die reguläre Albenausgabe von Carlsen übernommen und veröffentlicht nun eine hochwertige Gesamtausgabe. Hier eine Leseprobe des Originals.

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AUS DEN USA

Will Eisner: LebensbilderMit dem Band Lebensbilder schließt Carlsen die dreiteilige Will Eisner Bibliothek ab. Dieser dicke Band enthält die (halb-) autobiografischen Geschichten Eisners, allen voran Der Träumer (über seine Arbeit als Comiczeichner in den 30er Jahren) und Zum Herzen des Sturms (über die Geschichte seiner Familie als jüdische Einwanderer in den USA). 

Nach den rundum gelungenen Muppet Show-Comics von Roger Langridge (siehe unsere Rezension von Band 1) bringt die Ehapa Comic Collection nun auch die Nebenreihe Die Muppet Show Spezial. Hier werden die Muppets mit diversen literarischen Klassikern wie Robin Hood oder Sherlock Holmes vermixt. Den Auftakt im ersten Band macht Peter Pan. Leider ist Mastermind Langridge hier weder als Texter noch als Zeichner beteiligt, was den Appetit dann doch deutlich bremst.

Cowboys & AliensDie Produktionsgeschichte von Cowboys & Aliens ist dermaßen seltsam, dass man den kürzlich im Kino gelaufenen Film von Jon Favreau nicht ernsthaft als Comicverfilmung bezeichnen kann. Nichtsdestotrotz gibt es einen gleichnamigen Comic, der in den USA 2006 erschien und nun im Zuge des Filmstarts bei Panini auch auf Deutsch aufgelegt wurde. Inhaltlich haben Film und Comic außer Titel und Covermotiv wohl nicht sehr viel gemeinsam. Eine Vorschau gibt’s beim US-Verlag Platinum Studios.

Jede Menge DC-Stoff gab es bei Panini im August: Zum Beispiel einen Sammelband von Blackest Night, dem großen Crossover-Event von 2009/2010, das zuvor nur in Heftform erschienen war. Dieser enthält alle Ausgaben der Kern-Miniserie von Geoff Johns und Ivan Reis, die sich (wenn ich das richtig verstanden habe) um untote Zombie-Superhelden und untote Zombie-Superschurken dreht (myComics-Leseprobe).

Als Prequel zum Filmflop Green Lantern produzierte DC eine Reihe von fünf One-Shots, die jeweils einen der „Lanterns“ und dessen Vorgeschichte vorstellen. Gesammelt gibt es diese in DC Premium 74: Green Lantern: Der Anfang (Leseprobe).

Die Rückkehr von Bruce WayneIn Batman R.I.P. hat Autor Grant Morrison bekanntlich den guten alten Bruce Wayne sterben lassen, woraufhin jemand anders ins Fledermauskostüm schlüpfen musste. Nach den Gesetzen des Comicbusiness war von vornherein klar, dass Wayne bald wieder zurückkehren würde. Er war nämlich gar nicht tot, sondern wurde nur von Darkseid in eine ferne Zeit weit in der Vergangenheit verfrachtet. In der Miniserie The Return of Bruce Wayne ließ Morrison Bruce Wayne dann Schritt für Schritt wieder in die Gegenwart zurückkehren: Von der Steinzeit über die Piratenära bis in den Wilden Westen – womit sich auch eine schöne Kreuzung aus dem Batman-Konzept und verschiedenen klassischen Genres ergab. Jedes Heft der Reihe wurde von einem anderen Zeichner gestaltet (die Steinzeit-Ausgabe, gezeichnet von Chris Sprouse, gibt’s komplett bei myComics). Panini sammelt die Reihe in DC Premium 73: Batman: Die Rückkehr von Bruce Wayne.

Parallel zur eben beschriebenen Wayne-Rückkehr gab es bei DC die Miniserie Time Masters: Vanishing Point von Dan Jurgens. Darin sucht das DC-eigene Team von Zeitreisespezialisten nach dem vermissten Wayne. Gesammelt in 100% DC 32: Time Masters: Auf der Suche nach Batman (US-Leseprobe). 

In der Marvelschiene von Panini gab es Begleitmaterial zum Captain America-Film: Der Titel von 100% Marvel 57: Captain America: Super-Soldier ist ein wenig irreführend, denn es geht in der Miniserie von Ed Brubaker und Dale Eaglesham (Originaltitel: Steve Rogers: Super-Soldier) genau darum, dass Steve Rogers hier eben nicht das Cap-Kostüm trägt. Kapitel 1 gibt’s bei myComics.

Im Ultimate-Universum von Marvel wurde Steve Rogers alias Captain America nach dem Zweiten Weltkrieg eingefroren und erst zur Jahrtausendwende wieder aufgetaut. In dem Band Ultimate Captain America: Der ultimative Held, einer Miniserie von Jason Aaron und Ron Garney, lernt Rogers nun, dass es in seiner Abwesenheit, unter anderem im Vietnamkrieg, andere Supersoldaten gab (Leseprobe).

In Amazing Spider-Man sorgte Ende 2007 die Storyline „One More Day“ für Aufsehen, an deren Ende Mephisto einen Pakt mit Spider-Man schließt und die Ehe zwischen Peter Parker und Mary-Jane nie exisitiert hat. Was storymäßig ein alberner Stunt war und von den Fans scharf kritisiert wurde, sorgte für einen frischen Neustart („Brand New Day“), der der Serie selbst ziemlich gut getan hat. In den Heften 638-641 von Amazing Spider-Man versuchte Marvel-Chefredakteur Joe Quesada dann drei Jahre später, mit der Story „One Moment in Time“ zu erklären, was damals eigentlich geschehen ist. Panini bringt diese Ausgaben nicht in seiner normalen Spidey-Heftreihe, sondern als eigenen Sonderband mit dem Titel Spider-Man: Ein besonderer Augenblick (Probelesen bei myComics). 

Der X-Men Sonderband: X-Campus drüfte strenggenommen gar nicht in der Rubrik „Aus den USA“ stehen, denn es handelt es sich hier um eine italienische Produktion: Autor Francesco Artibani und diverse Zeichner lassen die aus den X-Men-Filmen bekannten Helden Cyclops, Beast, Wolverine, Iceman, Storm und Rogue als Highschool-Schüler im Teeniealter antreten (Leseprobe). 

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Micky Maus JubiläumsalbumAUS ENTENHAUSEN

Zum Jubiläum der Zeitschrift Micky Maus, die es seit 60 Jahren in Deutschland gibt, bringt Egmont Ehapa drei Micky Maus Jubiläumsalben mit Klassiker-Nachdrucken auf den Markt, die jeweils zwei Jahrzehnte umfassen. Das erste Album erschien im August und enthielt „Das Beste von 1951 bis 1970“ 

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SEKUNDÄRLITERATUR

Ausgabe 54 des monothematischen Magazins Reddition beschäftigt sich diesmal nicht mit einem bestimmten Comiczeichner oder -autoren, sondern mit einem Redakteur, nämlich Yvan Delporte. Dieser war lange Jahre Chef des Magazins Spirou und prägte so maßgeblich den frankobelgischen Comic. Ergänzt wird die Ausgabe mit einem Dossier über Will, den Zeichner von Harry und Platte (siehe weiter oben). Leseproben zu den Artikeln gibt es hier.