von Christian Muschweck Montag, 08. September 2014

Cover The Right Here Right Now Thing Drogen also wieder. Am Anfang des Comics packt eine junge Frau zwei Tütchen Stoff sachgerecht in ein Kondom, um es sich sogleich auf der Toilette heimlich vaginal einzuführen. Dann verabschiedet sie sich noch von ihrem Freund – „Vergiss nicht, die Pflanzen zu gießen“ – und verlässt die Wohnung in Richtung Flughafen für einen Kurzurlaub nach Krakau. Dort angekommen, trifft sie alte Freunde, wohl aus Studienjahren. Man reißt das erste Bier auf, bringt sich in Stimmung und schnupft weißes Zeug, um besser durchfeiern zu können. Dann beginnt die muntere Truppe, durch die Krakauer Nacht zu ziehen und einfach noch mal richtig Spaß zu haben.

Man bemerkt einen deutlichen Unterschied zu Paulina Stulins Erstling Mindestens eine Sekunde: Ging es darin noch um die schädlichen Folgen, die Drogenkonsum auf eine ungefestigte Persönlichkeit haben kann, findet in der neuen Veröffentlichung eine deutliche Akzentverschiebung statt. Drogen sind hier ein legitimer Bestandteil des Über-die Stränge-Schlagens, ein Hilfsmittel, um den Alltag möglichst schnell hinter sich zu lassen. Und alsbald taucht die Erzählerin in eine Parallelwelt ein, in der die Verpflichtungen des Alltags keine Rolle mehr spielen und sämtliche Eindrücke mit voller Schärfe wahrgenommen werden. Man trifft zwei interessante junge Männer aus der Computerbranche, die ebenfalls Kurzurlaub machen, und beginnt auf Englisch zu kommunizieren. Das ist durchaus passend, denn die Fremdsprache bietet eine weitere Möglichkeit, das alte Selbst so gründlich wie möglich abzustreifen und in eine neue, unverbrauchte und daher weitaus reizvollere Version seiner selbst zu schlüpfen.

Seite aus The Right Here Right Now Thing The Right Here Right Now Thing ist von einer eigentümlichen Sehnsucht durchzogen. Die Erzählerin und ihre Freunde stehen schon mitten im bürgerlichen Leben, dennoch ist das exzessive Studentenleben früherer Jahre noch das Leitbild, an dem man sich orientieren möchte. Und dieses eine Mal gelingt der Exzess: Man nimmt Drogen, ohne an die Folgen denken zu müssen, und die Erzählerin hat Sex mit einem Fremden, während der Partner zu Hause ahnungslos ist.

Dennoch ist dem Leser und wohl auch der Erzählerin klar, dass man den perfekten Moment niemals festhalten kann, ja, dass man ihn vielleicht auch nicht ewig aufs Neue hervorrufen kann. Paulina Stulin hat es im Rahmen ihrer Möglichkeiten zumindest versucht: Sie hat die perfekte Nacht ihrer Heldin in einem kleinen Comic festgehalten. Wer das Gefühl einer gelungenen Nacht und des Katers ohne Reue kennt, wird das Right Here Right Now Thing lieben.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Exzess ohne Reue: Das Lesen dieses Comics kann wohlige Flashbacks verursachen.

 

The right here right now thing
Jaja Verlag, Mai 2014
Text und Zeichnungen: Paulina Stulin
52 Seiten, vierfarbig, Softcover
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-943417-48-7
Leseprobe

direkt bestellen beim Jaja Verlag

Abbildungen: © Paulina Stulin/Jaja Verlag

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