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von Thomas Kögel Mittwoch, 21. November 2012

Ciover Grandville Eine "Retro-Utopie voller Blut und Liebreiz" kündigt der Untertitel auf dem Cover an, und der Schmutztitel beschwört "Eine Fantasie": Ist Grandville von Bryan Talbot also ein ganz und gar ungewöhnlicher Comic? Eigentlich nicht, diese Untertitel sind vielmehr Teil der akribischen Buchgestaltung, mit der der britische Comicveteran dieses Album zu einem Objekt machen möchte, das selbst aus der retro-futuristischen Steampunkwelt stammen könnte, in der die Geschichte spielt.

Diese Welt ist eine alternative Version der Erde, in der die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hat. Napoleon hat die Schlacht von Waterloo gegen die Briten nicht verloren, sondern gewonnen, und 200 Jahre später herrscht Frankreich als großes Empire über Europa, während Britannien sich als kleine Sozialistische Republik gegen die Großmacht auflehnt, mit der es durch eine Brücke über den Ärmelkanal verbunden ist.

Der mysteriöse Tod eines britischen Diplomaten sorgt dafür, dass der Scotland-Yard-Ermittler Inspektor LeBrock für seine Nachforschungen in die französische Hauptstadt Grandville reisen muss, wo seine Landsleute alles andere als beliebt sind. Dort kommt er einer großen Verschwörung auf die Schliche, deren Spuren in die höchsten Räume der Macht reichen. Viel mehr muss man gar nicht wissen über die Handlung, die Talbot sehr geradlinig und leider auch etwas überraschungsarm erzählt.

Seite aus Grandville Dass Grandville dennoch kein langweiliger Comic geworden ist, liegt an mehreren Faktoren: Da ist zunächst mal die Tatsache, dass (fast) alle Protagonisten vermenschlichte Tiere sind, deren Köpfe aber nicht cartoonesk gezeichnet sind, sondern eher realistisch daherkommen. Vom Dachs bis zum Nashorn, vom Papagei bis zum Krokodil. Das ergibt einen wirkungsvollen Verfremdungseffekt. Zum zweiten würzt Bryan Talbot sein Szenario mit allerlei kleinen Anspielungen, nicht zuletzt auf einige berühmte europäische Comics: Einer der ganz wenigen Menschen in der Geschichte ist ein Hotelpage im unverkennbaren roten Anzug, und eine nicht unwichtige Nebenrolle spielt ein ein alter, drogensüchtiger Foxterrier namens Snowy Milou. Und drittens ist da die fantastische Welt, in der die Geschichte spielt: Ausstattung, Kostüme und Bauwerke erinnern an die Jahrhundertwende, nur eben angereichert mit Technik wie z.B. dampfbetriebenen Robotern. Klassischer Steampunk also, wie er nicht zuletzt auch von Bryan Talbot selbst im Comic populär gemacht wurde (The Adventures of Luther Arkwright).

Eingangs zählt der Autor und Zeichner jene auf, die ihn zu Grandville inspiriert haben: Allen voran der Zeichner Jean Ignace Isidore Gérard, der unter dem Pseudonym Grandville mit Karikaturen bekannt wurde, die vor allem anthropomorphe Tiere zeigten. Außerdem Albert Robida, der französische Autor, der sich in den 1880er Jahren in seinen illustrierten Romanen die Zukunft des 20. Jahrhunderts ausmalte, Sherlock-Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle und Rupert the Bear, Titelfigur eines berühmten britischen Kindercomics. Und nicht zuletzt Quentin Tarantino, jenen Meister des Zitierens und der Remix-Kunst, auf dessen Pfaden Bryan Talbot hier lustvoll wandelt. Denn wie Tarantinos Filme ist auch Grandville voll von Zitaten und Anspielungen, mal mehr, mal weniger subtil. Die Freude, die Talbot bei seinem Ritt durch diverse Genres und popkulturelle Epochen hatte, ist in diesem Comic spürbar, und das macht seinen eigentlichen Reiz aus.

Das tröstet dann sowohl über die mittelmäßige Kriminalstory und die eher eindimensionalen Figuren hinweg als auch über die unpassende Kolorierung, die mit überdeutlichen Digitaleffekten mehr Glanz in den Comic bringt als ihm guttut. Eine flache, dezentere Farbgebung oder gar ein völliger oder teilweiser Verzicht auf Farben wäre hier sehr viel wirkungsvoller gewesen, wie man an dem sehr gelungenen Cover sehen kann. Trotzdem macht die Lektüre Spaß, was nicht zuletzt daran liegt, dass Talbot ein exzellentes Händchen für Storytelling hat – seine Panelfolgen und Seitenlayouts sind niemals verwirrend, die Geschichte liest sich glasklar und überaus flüssig. Und am Ende wünscht man sich dann doch, mehr von diesem interessanten Weltenentwurf lesen zu dürfen. In England erscheint in diesen Tagen bereits der dritte Grandville-Band, die Chancen stehen also nicht schlecht.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Lustvolle Mischung aus Popkultur-Zitaten, deren liebvoll-detaillierter Weltentwurf über eine durchschnittliche Handlung hinwegtröstet

 

Grandville
Schreiber & Leser, Juni 2012
Text und Zeichnungen: Bryan Talbot
Übersetzung: Resel Rebiersch
102 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,80 Euro
ISBN: 978-3-941239-87.6
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Schreiber & Leser

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