Welt am Draht

52 mal berührt: The Savage Hawkman #1

DC Comics startet sein komplettes Superhelden-Universum neu. COMICGATE trifft sich zum Speed-Dating mit den Erstausgaben aller 52 Serien. Wird es dabei zu heißen Spätsommer-Flirts kommen? Zu wilden Schlabberzungenküssen? Oder bleibt es doch eher beim Austausch lauer Unverbindlichkeiten? Hier ist alles drin, Freunde der Sonne. Folge 42 von 52: THE SAVAGE HAWKMAN #1 von Tony S. Daniel und Philip Tan.

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BJÖRN: Hawkman. Die eine Comicfigur, die in der Lage ist, es mit Nathan Dayspring Askani’son Summers Undsofort Cable aufzunehmen, wenn es um völlig unverständliche und verworrene Vorgeschichten geht. Eine Figur also, die von einem Reboot nur profitieren kann. Tja, denkste.

Statt sauber bei null anzufangen, fängt Tony Daniel irgendwo an, nur: Wo das ist? Sagt er nicht. Carter Hall fährt los, das Hawkman-Kostüm zu verbrennen (Warum? Sagt er auch nicht), aber etwas geht schief und das Kostüm verschmilzt mit ihm. Was nun an Hawkmans Vorgeschichte weiter existiert und was nicht? Muss noch erklärt werden, aber die Chancen stehen gut, dass Hawkmans Status quo noch verworrener wird als er ohnehin schon ist. Und das ist immerhin eine Leistung. Über die Figur Carter Hall und seine Motivation erfahren wir derweil im Rest des Comics nichts mehr.

In besagtem Rest gibt es dafür: einen Akte-X-Plot und eine Prügelei zwischen Hawkman und dem Schurken Morphicius. Der macht seinem Namen alle Ehre mit klischeebeladenen Schurkensprüchen, wie sie auch in einem Comic aus dem Jahre 1967 nicht fehl am Platze wären.

Tans Zeichnungen sind hier sogar akzeptabel, aber Daniels Skript stellt sicher, dass mir Hawkman auch nach dem Reboot völlig egal bleibt.

ZOOM-FAKTOR: 2 von 10!


MARC-OLIVER: Womit haben arglose Leser das verdient? Über Daniels Geschichte sagst Du alles, was es zu sagen gibt. Ölartige Parasiten aus der Tiefsee? Akte X lässt grüßen. Wer ist der Held, und warum ist er überhaupt ein Held? Was will er? Will er irgendwas? Schnurzpiepegal, scheint’s. Und, Verzeihung, aber „Morphicius“? Mir schwinden die Kräfte.

Und ganz schlimm auch hier wieder: die Daniel’sche Prosa. Die Filigranität der meist vollkommen nichtssagenden Mono- und Dialoge lässt an Gitarristen denken, die mit Fäustlingen spielen, an Metzger, die Organe transplantieren, oder an fußballspielende Sumo-Ringer. Beispiel von Seite 1: „My name is Carter Hall, most days, anyway.“ Sorry, aber das funktioniert so nicht. Da muss ein Punkt hin, hinter „Hall“, oder das „anyway“ muss weg. Wobei das angespannte Verhältnis zu Zeichensetzung und Grammatik freilich noch Daniels geringstes Problem ist. Die inneren Monologe von Hawkman lesen sich, als hätte der Autor sie ohne abzusetzen aus dem Buch der schlauen Sprüche abgeschrieben. „A man can only do so much.“ „You play the cards you’re dealt.“ „And just like life– nothing is certain.“ „‚cept maybe for death and taxes.“ „One of us had to die. I’m glad it was you.“

Usw. usf. etc. pp. Soviel belanglosen Stuss auf ein paar Seiten Superheldencomic unterzubringen, ist schon fast eine Kunst. Dabei scheint es bisweilen, als könnten Daniels Figuren nichts tun, was ihnen nicht erst im Text aufgetragen wird.

Immerhin: Philip Tan ist besser geworden, seit er für Marvel gearbeitet hat. Er schafft’s nun zumindest, die Informationen der Geschichte so zu vermitteln, dass man sie versteht. Stilistisch ist er auch ambitionierter und etwas trittsicherer geworden. Dass es auch für ihn noch viel zu tun gibt, demonstriert er allerdings eindrucksvoll auf dem Cover, das ansatzweise auch von Rob Liefeld stammen könnte, wenn man sich den rechten Arm mit der Axt mal genauer anschaut.

Es hilft alles nix: Hawkman ist ein dummer, erschreckend einfallsloser und über weite Strecken auch ausgesprochen hässlicher Comic. Pfui Teufel.

ZOOM-FAKTOR: 1 von 10!


Bereits im Juni hatte COMICGATE alle 52 neuen DC-Serien vorurteilslos begutachtet und eingeordnet: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

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