Welt am Draht

52, heb auf: Was taugen die neuen DC-Serien? (Teil 3)

Teil 3 von 4: In August und September wird der DC-Verlag sein Superhelden-Universum in 52 fortlaufenden Serien neustarten. Das COMICGATE-Büro für nordamerikanische Angelegenheiten hat sich die geplanten Titel mal genau angeschaut.

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25 – BATMAN
von Scott Snyder und Greg Capullo

o PRO: Scott Snyder, der auch das erfolgreiche American Vampire für Vertigo schreibt, beweist in Detective Comics derzeit, dass er der richtige Mann für einen guten, spannenden, zugänglichen Batman-Comic mit makabren Ideen ist. Dass DC seine Serie jetzt offenbar als Flaggschiff der ganzen Batman-Sparte sieht, lässt hoffen, dass Snyder auch in Zukunft sein eigenes Ding machen kann, ohne dass ihm dauernd irgendein Crossover ins Handwerk pfuscht. Und Zeichner Greg Capullo (Spawn) ist nicht nur populär, sondern auch relativ unverbraucht, weil er für DC und Marvel bisher vergleichsweise wenig gemacht hat. Er ist außerdem schnell – und sehr stolz darauf. Das sind drei Merkmale, die ihn zu einer interessanten Wahl machen.

o KONTRA: Capullos schnörkeliger Zeichenstil ist Geschmackssache. Und Snyder mag zwar gut sein, aber ein bißchen weniger Ehrfurcht vor seinen alten Frank-Miller-Comics würde seinem Batman ganz gut tun.

FAZIT: Empfehlung! Es ist erfreulich und vertrauenerweckend, dass DC beim Neustart des Batman-Kosmos in erster Linie auf jemanden wie Snyder setzt. Vielleicht entpuppt sich sich gerade die Partnerschaft mit Capullo als entscheidender Impulsgeber, um seine Geschichten etwas aus dem Schatten von Frank Miller zu befreien und ihnen zu mehr Eigenständigkeit zu verhelfen.


26 – DETECTVE COMICS
von Tony Daniel

o PRO: Tony Daniel, der seit einiger Zeit die Serie Batman zeichnet und auch selbst schreibt, ist als Zeichner schon besser geworden und als Autor noch nicht negativ aufgefallen. Für eine Batman-Serie, die die Fans bei der Stange hält, ohne dabei allzu große Wellen zu machen, ist er damit eine passable Wahl.

o KONTRA: Für eingefleischte Fans mag es reichen, wenn ein Autor oder Zeichner sich keinen Bock leistet, aber wenn man bei Neulesern einen Blumentopf gewinnen will, sollte man auch was zu bieten haben, das es anderswo nicht gibt.

FAZIT: Hardcore-Batman-Fans werden wohl auf ihre Kosten kommen. Für alle anderen wird die Serie eher verzichtbar.


27 – BATWING
von Judd Winick und Ben Oliver

o PRO: Ein schwarzer Batman, noch dazu in Afrika! Hurra! Hurra! Hurra! Das DC-Universum hat Figuren, die nicht weiß, männlich und heterosexuell sind, bitter nötig. Autor Judd Winick hat vor zehn Jahren durch seinen unverkrampften Umgang mit schwulen Figuren in Comics wie Pedro and Me oder auch Green Lantern diesbezüglich viel Beifall geerntet.

o KONTRA: Der anonyme Werbetexter plappert in der Beschreibung gleich mal, frei von der Leber weg, das Klischee vom schönen und wilden Land nach. Da möchte man schon beim ersten Satz schreiend und mit den Armen fuchtelnd aus dem Fenster springen. Es wird folgerichtig auch nicht für nötig erachtet, zu präzisieren, wo genau der „Batman von Afrika“ denn zuhause sein soll. Ja mei, Afrika halt – Stößchen. Und Judd Winick ist einer der Superheldenautoren, die die Grenzen des guten Geschmacks ausloten, ohne das unbedingt zu beabsichtigen. Es passiert ihm halt manchmal. In den letzten Jahren hat Winick so den Kredit seiner Arbeit an Green Lantern bei vielen verspielt.

FAZIT: Klingt nach Rohrkrepierer mit hohem Fremdschämpotenzial. Ist aber sicher gut gemeint.


28 – BATMAN: THE DARK KNIGHT
von David Finch

o PRO: Der Name „David Finch“ verkauft sich gut.

o KONTRA: Finch schreibt und zeichnet bereits seit über einem halben Jahr eine Batman-Serie mit diesem Titel – und hatte schon bei Erscheinen der Debüt-Ausgabe im Dezember 2010 über einen Monat Verspätung. Das zweite Heft kam im Mai 2011 heraus, seitdem ist Funkstille. Für weitere Ausgaben – und noch scheint nicht sicher, ob vor dem Neustart überhaupt noch eine kommt – ist ein Protegé Finchs als Zeichner im Gespräch. Man darf also skeptisch sein, ob die Reihe, wenn sie denn überhaupt regelmäßig erscheinen sollte, das bieten wird, was ihren Hauptreiz ausmacht: Zeichnungen von David Finch. Und selbst wenn, konnte Finch bisher weder als Zeichner noch als Autor die Kritiker wirklich überzeugen. Wenn man von seinem sehr stark von Jim Lee inspirierten Stil absieht, bleibt nicht viel übrig.

FAZIT: Selbst, wenn die Serie regelmäßig erscheinen und das halten würde, was der Werbetext für die erste Ausgabe verspricht, also: Story und Zeichnungen von David Finch, wäre das netteste, was man darüber sagen könnte, dass es sich dabei um eine Batman-Serie von David Finch handelt.


29 – BATMAN AND ROBIN
von Peter J. Tomasi und Patrick Gleason

o PRO: Sowohl Autor Tomasi als auch Zeichner Gleason sind als kompetente und zuverlässige Handwerker bekannt, deren Spezialität solide Superheldenkost ist.

o KONTRA: Weder Tomasi noch Gleason sind dafür bekannt, eigenwillige Comics zu machen, die irgendetwas anderes als das bieten, was man fast überall sonst im Superheldenblätterwald findet.

FAZIT: Wenn man ab September neben Batman unbedingt noch eine zweite monatliche Batman-Serie lesen will, dann sollte man Batman and Robin nehmen. Die Macher werden zwar nicht das Rad neu erfinden, aber sie sind gut und beständig in dem, was sie tun.


30 – BATGIRL
von Gail Simone und Ardian Syaf

o PRO: Wenn Gail Simone (Birds of Prey) eine Serie mit weiblicher Hauptfigur im Batman-Universum schreibt, kann eigentlich nicht viel schiefgehen.

o KONTRA: Muss es ausgerechnet Barbara Gordon als Batgirl sein? Viele Fans sind jetzt schon gegen die Serie aufgebracht. Die Hauptfigur nämlich wurde in Alan Moores Batman: The Killing Joke (1988) vom Joker so verletzt, dass sie fortan querschnittsgelähmt war – und entwickelte sich danach in ihrer neuen Identität als Oracle dennoch zu einer der beliebtesten Heldinnen des DC-Universums, nicht zuletzt dank der überzeugenden Charakterisierung durch Simone in Birds of Prey. Man kann den Fans also nicht wirklich verübeln, dass sie skeptisch sind. Schlimmstenfalls tauscht DC hier eine seiner wenigen wirklich außergewöhnlichen Figuren gegen eine vollkommen gewöhnliche ein. Und: Batgirl? Im Ernst?!

FAZIT: Wie schon erwähnt, ist Gail Simone bestens vertraut mit der Figur und hat auch großen Anteil an ihrer Popularität. Man kann davon ausgehen, dass die Autorin die letzte wäre, die das in einer billigen Story einfach so verwerfen würde. Die Serie hat also eine Chance verdient. (Sofern man von männlichen Vorbildern hergeleitete Heldinnen wie Supergirl oder Batgirl nicht prinzipiell schon albern und langweilig findet.)


31 – BATWOMAN
von J.H. Williams III und W. Haden Blackman

o PRO: Williams‘ Zeichnungen in der kurzen „Batwoman“-Serie, die 2009 und 2010 in Detective Comics veröffentlicht wurde, waren ganz großes Tennis und wurden mit Kritikerlob nur so überschüttet.

o KONTRA: Autor der besagten Serie war Greg Rucka, dem es wohl zu verdanken ist, dass die Idee einer lesbischen Superheldin im DC-Universum trotz eines – wie üblich beim Thema Homosexualität – vollkommen überzogenen Medienhypes nicht zum Krampf verkommen ist. Und Greg Rucka, der ursprünglich auch hier beteiligt sein sollte, hat vor etwa einem Jahr schon bekanntgegeben, dass er keine Lust mehr hat, für DC zu schreiben. Stattdessen treten Williams selbst und ein gewisser Herr Blackman als Co-Autoren auf, die in dieser Funktion beide noch nicht viel vorzuweisen haben. Davon abgesehen wird Williams auch nicht alle Ausgaben zeichnen, sondern sich alle paar Monate mit jemand anderem abwechseln.

FAZIT: Atemberaubende Zeichnungen sind zumindest für die von Williams betreuten Geschichten garantiert. Ob die Autoren allerdings mit Greg Rucka mithalten können, darf bezweifelt werden. Schade.


32 – NIGHTWING
von Kyle Higgins und Eddie Barrows

o PRO: Nightwing, alias der erste Robin, ist ein relativ gut gelaunter Bursche und damit eine nette Abwechslung in Batmans sonst eher schattigem Dunstkreis.

o KONTRA: Von Autor Kyle Higgins hat man noch nicht viel gehört, und Zeichner Eddie Barrows ist auch einer von der unspektakulären Sorte. So richtig Appetit machen die beiden Namen also nicht. Davon abgesehen war das Nightwing-Thema doch auch irgendwie schon durch, nachdem die Figur die letzten beiden Jahre als Batman auftreten durfte, während Bruce Wayne unabkömmlich war.

FAZIT: Könnte theoretisch ganz nett werden, muss man aber nicht haben.


33 – CATWOMAN
von Judd Winick und Guillem March

o PRO: Catwoman ist eine der interessanteren Figuren aus dem Batman-Umfeld.

o KONTRA: Der Werbetext beschränkt sich darauf, zu erklären, wer Catwoman ist. Weil die Figur nach nur gefühlten zwölf Hollywood-Filmen den Menschen ja noch völlig fremd ist. Und der Autor ist Judd Winick, bei dem die Nadel schon seit geraumer Zeit eher nach unten zeigt.

FAZIT: Könnte theoretisch ganz nett werden, muss man aber nicht haben.


34 – BIRDS OF PREY
von Duane Swierczynski und Jesus Saiz

o PRO: Frisches Blut! Roman-Autor Duane Swierczynski, der schon Cable und Iron Fist für Marvel geschrieben hat, feiert sein DC-Debüt.

o KONTRA: Begeisterungsstürme konnte Swierczynski bei Marvel nicht entfachen. Und Birds of Prey wurde erst vor einem Jahr von Autorin Gail Simone neugestartet, die der Serie schon einmal ihren Stempel aufgedrückt hatte und auch jetzt wieder gute Kritiken einheimst. Ganz zu schweigen davon, dass die Verkaufszahlen einbrachen, nachdem Simone die Serie zum ersten Mal verlassen hatte, und erst jetzt wieder – nach einem astronomischen Start – stabil auf dem alten Pegel liegen. Es hätte hier also überhaupt keinen Grund gegeben, alles über den Haufen zu werfen.

FAZIT: DCs Beweggründe für den erneuten Autorenwechsel sind schleierhaft. Gail Simone wäre ein konkreter Grund gewesen, die Serie zu empfehlen. Also: Könnte theoretisch ganz nett werden, muss man aber nicht haben.


35 – RED HOOD AND THE OUTLAWS
von Scott Lobdell und Kenneth Rocafort

o PRO: Der Titel, der Autor und der Zeichner. „Red Hood and the Outlaws“ heißt übersetzt etwa „Rotkäppchen und die Banditen“. Scott Lobdell kann wahnwitzige Action ohne Sinn und Verstand. Und Kenneth Rocafort hat einen klaren, dynamischen Action-Stil, der schön anzusehen ist.

o KONTRA: Scott Lobdell kann außerdem nicht viel. Und die drei Hauptfiguren – Red Hood, Arsenal und Starfire – machen es mir schwer, ihre Namen zu tippen, ohne dabei einzuschlafen.

FAZIT: Geheimtipp! Die Hauptfiguren mögen stinkelangweilig sein, aber zum Schießen und Blöde-Sprüche-Kloppen wird’s langen. Mehr müssen sie in einem Lobdell-Comic eh nicht können. Und dank Rocaforts Zeichnungen wird das Ganze auch noch recht hübsch. Wer mal wieder einen übermütigen Action-Comic ohne Pardon sucht, bei dessen Lektüre man abends das Hirn schon mal rausnehmen und in die antibakterielle Lösung legen kann, der wird hier goldrichtig sein.


36 – GREEN LANTERN
von Geoff Johns und Doug Mahnke

o PRO: Doug Mahnke! Einer der besten Zeichner, die derzeit in der US-Branche arbeiten. Und Autor Geoff Johns ist bei den Hardcore-DC-Fans nach wie vor das Maß aller Dinge.

o KONTRA: Aber warum muss Doug Mahnke ausgerechnet Green Lantern zeichnen? Die Grüne Laterne ist einer der albernsten, eindimensionalsten und ungelenksten Superhelden, die jemals erdacht wurden. Wenn Hal Jordan seinen Eid aufsagt, schämt sich sogar Aquaman fremd.

FAZIT: Für Green-Lantern-Fans weiterhin unverzichtbar. Für alle anderen weiterhin ein Beweis dafür, dass das Superhelden-Volk womöglich einen an der Klatsche hat.


37 – GREEN LANTERN CORPS
von Peter J. Tomasi und Fernando Pasarin

o PRO: Kompetentes, solides Kreativteam.

o KONTRA: siehe Green Lantern, mal 100.

FAZIT: Eine Serie für Hardcore-Green-Lantern-Fans, denen eine Green-Lantern-Serie nicht reicht.


38 – GREEN LANTERN: NEW GUARDIANS
von Tony Bedard und Tyler Kirkham

o PRO: siehe Green Lantern Corps.

o KONTRA: siehe Green Lantern Corps, geteilt durch 20.

FAZIT: Eine Serie für Hardcore-Green-Lantern-Fans, denen zwei Green-Lantern-Serien nicht reichen.


39 – RED LANTERNS
von Peter Milligan und Ed Benes

o PRO: Peter Milligan?! Der Autor von Shade the Changing Man und X-Statix? Ach du liebe Zeit. Da kann man sogar fast neugierig werden.

o KONTRA: siehe Green Lantern, dasselbe in rot – rot wie Blut, worauf man hier besonders viel Wert legt. Auch Zeichner Ed Benes spricht dafür, dass niemand in der Serie zu Späßen aufgelegt ist. Das würde nämlich sein Repertoire an Gesichtsausdrücken sprengen. Außerdem: Milligans Bilanz bei kommerziell lukrativen Projekten, die ihm nicht viel Spielraum für Subversion und Schabernack lassen, fällt ohnehin eher schlecht aus, trotz seiner sonstigen Verdienste.

FAZIT: Wie gesagt, man kann „fast“ neugierig werden. Milligan ist zwar prinzipiell immer eine interessante Wahl, aber es gibt auch Grenzen. Das hier liegt außerhalb der Grenzen.


Hier geht’s zu Teil 1, Teil 2 und Teil 4 der Blog-Serie.