Rezensionen

Tarot 1 – Hexenkrieg

Ausgeschrieben heißt dieser Comic eigentlich “Tarot – Witch of the Black Rose Band 1: Hexenkrieg“ und ist das Ergebnis, wenn Jim Balent, langjähriger Zeichner von Catwoman (1993-1999) und einiger Ausgaben von Purgatori, Lobo u.a. seine selbstgeschriebene Serie umsetzt.
Der Comic wird von Panini beworben mit “magisch-erotisches Abenteuer“ – nun, wer das andauernde Inszenesetzen von Russ-Meyer-Oberweiten als das Nonplusultra anregender Zeichnungen sieht, der ist hier gut bedient. Alle anderen, die noch ein Fünkchen Logik in solchen Geschichten suchen, seien gewarnt.

Tarot erscheint in Balents Verlag BroadSword Comics, den er zusammen mit seiner Frau Holly Golightly betreibt und 1999 gründete, nachdem er dem Mainstream-Comicmarkt den Rücken kehrte. Neben Tarot, das Holly koloriert, bringen sie auch im Eigenverlag ihre Comics wie Vampfire und School Bites heraus.
In Deutschland erschienen schon die vier Teile des „Hexenkrieg“-Zyklus im Mystic & Entertainment-Magazin. Panini veröffentlicht diese sowie die Geschichte „Die Drachenhexe“ und eine Kurzgeschichte nun im ersten Sammelband.

Hauptfigur und Titelgeberin ist die (natürlich) schöne und liebe Hexe Tarot, wobei Tarot nur ihr Künstlername ist. Eigentlich heißt sie Rowan. Ihre Schwester nennt sich Raven Hex (!), und ist (natürlich) ebenfalls schön, aber böse. Sie ist es nämlich Leid, dass die Menschen Hexen so schlecht behandeln und will dies recht radikal ändern.
Damit sind die Rahmenbedingungen abgesteckt. 
Die vernünftige Tarot ahnt, dass durch Ravens Pläne alles nur schlimmer werden wird, das Misstrauen der Menschen geschürt und es wieder in Hexenverbrennungen enden wird, deshalb muss sie ihre Schwester zu Fall bringen.
Raven Hex' erstes Ziel ist allerdings weniger abstrakter Natur; der von Menschen getötete Vater soll nämlich wiedererweckt werden. Dafür braucht sie aus unerfindlichen Gründen einen ganz bestimmten Sarg, den sie von einem Friedhof klaut. Und hier kommt, tadaa, Skeleton Man (ja, es geht immer noch schlimmer bei dämlichen Namen) ins Spiel. Seit er, bürgerlicher Name Jon, seit einem Beinahetod die Geister der Toten sehen und mit ihnen reden kann, gibt er als selbsternannter Friedhofswächter jede Nacht darauf Acht, dass die vermutlich in Scharen anreisenden Friedhofsschänder nicht zum Zuge gelangen.

Hier kommt es also zu dem ersten magischen Zusammentreffen zwischen Jon und Tarot.
Auszug gefällig?
„Sein Blick bleibt an der bezaubernden Schönheit haften.“
„Mystische Worte entweichen Tarots rosigen Lippen.“
„Eine Welle zeitloser Leidenschaft und greifbarer Magie durchflutet dieses verzauberte Paar.“
etc. pp.

Da rollen sich mitunter schon mal die Fußnägel hoch ob solcher Kitsch-Lyrik…

Tja, so schön kann Liebe sein. Deshalb ziehen die beiden von nun an zusammen durch die Lande, um Raven Hex dingfest zu machen.

In „Die Drachenhexe“ geht es eigentlich hauptsächlich darum, die in den USA nicht jugendfreien Körperteile von Tarot möglichst einfallsreich und vielfältig zu verdecken, sei es mit Haaren, Schneeflocken oder Wasserfällen. Eine Handlung ist auch noch irgendwo versteckt, glaube ich – der geflügelte Kater von Tarot, „Pooka“, hat Mist gebaut und sein Frauchen muss es wieder in Ordnung bringen. Nebenbei erfährt der geneigte Leser noch, dass die Drachen ebenfalls erzürnt sind über das Verhalten der Menschen und sich bei einem erneuten Versuch der Unterjochung der Menschheit auf die Seite der Hexen stellen würden. Prima Aufhänger also für den nächsten Band.

Ich habe lange gezögert, ob ich mir Tarot kaufen sollte – die Zeichnungen ließen schon die Marschroute vermuten, aber ich wollte an das Gute glauben. Na ja, Pustekuchen.
Dieser Comic erinnert mich fatal an Dawn, in dem auch eine Männerfantasie wahr geworden scheint, zugegebenermaßen prachtvolle Fantasiewelten erschaffen werden und man sich trotzdem nach einer logischen Geschichte sehnt. Im direkten Vergleich schneidet aber Tarot schlechter ab, vielleicht auch weil die Erinnerung frischer ist.

Ich habe nichts gegen „erotische Comics“; im Gegenteil, ich würde gerne mal so einen gut gemachten, glaubwürdigen Comic lesen, der weder Porno noch Kitschschmonzette ist, der weder das Auge noch das Hirn des Lesers vernachlässigt und beleidigt. Tarot bietet das aber leider nicht.
Nackte Haut und aufgepumpte Oberweiten sind nicht für jeden gleichzusetzen mit Erotik. 
Jede witzige Szene wird im Keim erstickt, so z.B. als Jon im Hause Tarots aufwacht und eine mit Käsestückchen bedruckte Unterbuchse anhat. Ein Blick an sich runter mit einem berührten “Oh“ würde eigentlich genügen, stattdessen sinniert er „Oh Klasse! Ausgerechnet heute muss ich diese Unterwäsche tragen! Wie peinlich!“ Hrg.
Sowieso wird ständig viel zu viel geredet und gedacht, was man denn nun als nächstes vorhat oder was passiert ist.
Würde ein Mann ernsthaft zu einer Frau sagen „Ich muss wirklich weggetreten sein. Ich hab' nicht mal gemerkt, wie Du meine Kontaktlinsen oder mein Make-Up entfernt hast!“?!

Jon, Entschuldigung, Skeleton Man ist sowieso ein schrecklicher Protagonist. Ein höflicher, farbloser Waschlappen, der viel zu viele unlustige Sprüche bringt und dem man es nun wirklich nicht abnehmen kann, dass sich irgendjemand auf den ersten Blick in ihn verlieben könnte.
Das Thema der Superheldenkostüme in die Welt der Hexen zu übernehmen geht meiner Meinung nach auch ziemlich schief. Es sieht erstens dämlich aus, und zweitens ist es total unsinnig, dass ich mir erst noch die Augen schminke, bevor ich ganz schnell dem Bösewicht hinterher muss. Logik halt.

Dass Jim Balent Frauen zeichnen kann hat er bei Catwoman bewiesen. Warum er dieses Talent durch maßlose Übertreibung so vergeudet, ist mir ein Rätsel. Holly Golightly macht eigentlich bei den Einzelmotiven einen ordentlichen Job beim Kolorieren, allerdings erschlagen einen die kompletten Seiten, so überbordend sind die Motive und Farben. Und das ist eigentlich auch schon der einzige Pluspunkt an der Serie: man kann keinem der beiden vorwerfen, schlampig oder nachlässig zu arbeiten. Die Seiten sind prunkvoll gestaltet, und der Umschlag ist mit einem teilweisen Glanzdruck sehr schön geworden.

Sagen wir's so: wem Luftballons an Frauen, detailreiche Zeichnungen und viele bunte Farben gefallen und resistent ist gegen dämliche Dialoge und kitschige Texte, der sollte hier mal reinschauen.
Allen anderen, die trotz allem eine halbwegs nachvollziehbare Geschichte zu schätzen wissen, rate ich ernsthaft davon ab.

Tarot – Witch of the Black Rose Band 1: Hexenkrieg
Panini Comics
Text, Zeichnungen: Jim Balent
Farben: Holly Golightly
156 Seiten, Softcover, komplett farbig; 16,95 Euro
ISBN: 3-8332-1399-X

Nicht mein Fall