Rezensionen

Fallen Angel: To Serve in Heaven (US)

fallen-angel_sih_coverPeter David ist ein alter Hase als Autor – im Comicgeschäft (u.a. langjähriger Schreiberling für Hulk) über Fernsehserien (u.a. Skripte für Babylon 5) bis hin zu Bestsellerromanen zu Star Trek und diversen Comicfilmadaptionen.

Nachdem sein neues Projekt Fallen Angel bei DC nach 20 Folgen aufgrund von zu geringen Verkäufen abgesägt wurde (was nun wirklich kein Qualitätsmerkmal ist, s. Firefly), hat IDW die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und die creator-owned-Serie zu sich geholt. Eine gute Wahl. David, der sich bei DC mit der Vorgeschichte des gefallenen Engels aufgrund von möglichen Verknüpfungen zu anderen Serien (Supergirl), die sich der Verlag freihalten wollte, zurückhalten musste, kann sich nun bei IDW ausleben und erzählt in dem ersten Sammelband „To Serve in Heaven“, was es mit der Hauptfigur Lee auf sich hat.

Lee lebt in der Stadt „Brute Noire“ (frz. „schwarzes Biest“) und verfügt über besondere Fähigkeiten wie  große Stärke, die Fähigkeit zu fliegen sowie Energiestrahlen aus ihren Augen schießen zu lassen.
Tagsüber ist sie Sport-Lehrerin an einer Mädchenschule (“weil man dort lernt, Geduld zu haben und nicht alles mit Gewalt zu lösen“), nachts streift sie, in eine rote Kutte gehüllt, als „Fallen Angel“ durch die Gassen der unheimlichen, trostlos wirkenden Stadt.
Sie ist von sehr … nun, sagen wir, aufbrausendem Temperament. Peter David baute die Figur vielschichtig auf; man kann ihr Verhalten kaum vorhersagen, obwohl es nie unlogisch erscheint.
Dabei hilft sie einerseits Menschen, andererseits hat sie aber auch keine Probleme damit, Dinge zu zerstören.
Wie sich in diesem Sammelband, der zwanzig Jahre nach den Geschehnissen in der DC-Serie spielt, herausstellt, war sie früher ein Schutzengel, der, den Menschen unsichtbar, an ihre Seite gestellt wurde. Als sie hilflos miterleben muss, wie einer ihrer Menschen, ein kleines Mädchen, vertrauensselig zu einem Fremden ins Auto steigt und später von ihm ermordet wird, fängt sie zum ersten Mal an, ihre Rolle zu hinterfragen. Dies wird auch später seine Konsequenzen haben, weswegen sie nun als gefallener, sterblicher Engel auf der Erde wandelt.

Der Titel ist mit das einzig Kitschige an dieser intelligenten, zynischen Serie. Neben der kurzweiligen Rahmenhandlung um den neuen Magistraten (so etwas wie ein unantastbarer Bürgermeister) von Brute Noire stößt Peter David den Gedanken an, ob und wie sehr man anderen Personen Selbstbestimmung zugestehen muss. Darf man sich in ein Leben einmischen, wenn man sich sicher ist, dass dies das Beste für denjenigen sei, oder hat jeder Mensch das Recht darauf, seine eigenen Entscheidungen zu fällen, selbst wenn dies verheerende Konsequenzen hat?

fallen-angel_sihComics, die das Religiöse streifen, tendieren oft dazu, sie als Mittel zum Zweck zu nutzen. Die (oftmals christlichen) bekannten Elemente werden als gegeben genommen und darum irgendwelche Geschichten konstruiert. Bei Fallen Angel macht sich David seine eigenen Gedanken, ohne sie aufdringlich in den Mittelpunkt zu stellen. In einem Gespräch des neuen Magistraten Jude – und gleichzeitig Lees Sohn – mit seiner Mutter entstand einer der amüsantesten Abschnitte von „To Serve in Heaven“. Auf seine neugierige Frage, warum so viel Schlimmes auf der Welt passiere und was denn nun Gottes Pläne seien, erklärt der Engel, dass „der Boss“ eigentlich keinen Bock mehr auf den Mist auf der Erde habe und sich zurückziehen möchte, aber die endlosen Gebete und das Gejammer hielten ihn davon ab. Er wär deswegen schon ziemlich stinkig. Dem ausgebildeten Priester, dem sein Weltbild unter den Füßen weggerissen wird, vergeht dabei Hören und Sehen.

Diese Ungezwungenheit und Distanziertheit wirken auf mich sehr erfrischend und versöhnend mit der von mir ansonsten nicht gerade geliebten religösen Thematik. Andererseits gibt es öfters Bezüge auf die Bibel (Kain und Abel, Bete Noire als biblische Stadt; weiß Gott noch was), bei denen mir sicherlich einiges durch die Lappen gegangen ist, ich aber zumindest nie das Gefühl hatte, etwas zu verpassen.

Ein ganz anderer Trumpf dieses Sammelbandes ist das herausragende Artwork von J.K. Woodward, der zum ersten Mal für Fallen Angel arbeitet. Er tuscht nicht, sondern malt direkt auf seinen relativ groben Vorzeichnungen mit schwarzer und weißer Gouache. Das Bild wird dann später von ihm per Airbrush eingefärbt (er erklärt die Technik im Anhang dieses Bandes und betont, dass er den Computer nur für Spezialeffekte benutze, auch wenn seine Bilder oft für Digitalarbeiten gehalten würden – wie dies im Übrigen sogar im Wikipedia-Eintrag zu Fallen Angel behauptet wird). Die Zeichnungen glänzen besonders durch ihren Realismus und den hervorragend eingesetzten Lichtfall, der zu der stimmungsvollen, düsteren Atmosphäre erheblich beiträgt (elf Seiten aus dem Band sowie Hintergrundinfos sind hier bei CBR hinterlegt).

Dies ist mein erster Kontakt mit Fallen Angel, also kann ich guten Gewissens behaupten, dass man nicht die vorherigen DC-Hefte aus der Serie gelesen haben muss, um seinen Spaß zu haben. Wer schwarzem Humor, Paranormalem und ein wenig Tiefgang etwas abgewinnen kann, wird mit „To Serve in Heaven“, das die ersten fünf IDW-Bände sammelt, vermutlich glücklich werden. Leider ändert sich Woodwards Technik ab dem sechsten Band ein wenig, aber ich werde sicherlich weiter am Ball bleiben.

Fallen Angel: To Serve in Heaven (US-Ausgabe)
IDW Publishing, August 2006
Text: Peter David
Zeichnungen: J.K. Woodward
128 Seiten, komplett farbig, Softcover; 17,95 Euro
ISBN: 1933239778

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