Rezensionen

Der Rattenfänger von Hameln

Cover Der Rattenfänger von HamelnMan muss nicht extra die Danksagung lesen, um zu merken, dass sich der Autor und Zeichner André Houot sehr auf die Schultern von François Bourgeon stellt. Man ist sogar schon nach dem ersten Blick versucht, auf das Cover zu schauen, ob nicht doch der französische Meister selbst diesen Band geschaffen hat. Gerade die Figuren und vor allem ihre Gesichter sind Bourgeons Zeichnungen so ähnlich, als ob man sie abgepaust hätte. Die andere Danksagung an Albrecht Dürer überrascht ein bisschen, auch wenn Houot dessen Insignie zitiert, denn auch das Dekor ist mehr Bourgeon als Dürer. Man kann aber auch schwächere Zeichner kopieren und Houots Zeichnungen sind, auch wenn kein eigener Stil erkennbar ist, sehr gelungen. Vor allem das Dekor ist überwältigend.

Nun hätte sich Houot aber auch in der Story emanzipieren müssen. Gut, der Band ist eine Adaption des klassischen Märchens um den Rattenfänger und wie er die Kinder der undankbaren Stadt Hameln entführt. Somit ist der Storybogen vorgegeben. Leider gibt die Sage nicht sonderlich viel her für eine ausufernde Geschichte von 48 Seiten im Albenformat, und so reicherte Houot notwendigerweise die Geschichte um einige neue inhaltliche Aspekte an, die zugleich typisch mittelalterlich sind. So wird die Geschichte von jemandem erzählt, der sie damals miterlebt hat und die Geschehnisse um den Rattenfänger werden mit einer dramatischen Liebesgeschichte verknüpft. Damit kommt indirekt der Hexenwahn zur Sprache, wobei die Reduzierung der Motive auf sexuelle Frustration recht platt und banal ist, wenngleich das durchaus plausibel und wohl in Einzelfällen historisch korrekt sein dürfte. Schließlich wird hier ein junges Mädchen denunziert, da sie den amourösen Avancen eines Mannes nicht nachgegeben hat.

Seite aus Der Rattenfänger von HamelnAber auch der generelle Aberglaube und skurrile Anthropomorphisierungen, welche im Mittelalter tatsächlich stattgefunden haben, kommen hier zur Sprache. Es ist verbürgt, dass auch Tiere vor Gericht gestellt, gefoltert und hingerichtet wurden. Ebenfalls zur Geltung kommen jene ewig menschlichen Aspekte, die ja schon die Eskalation in der Ursprungssage herbeiführten: die Gier und die Ignoranz der Mächtigen. Aber auch die Macht der Gerüchte und der damit zusammenhängende Neid spielen eine große Rolle, wenn sich die ganze Stadt gegen die zu Unrecht denunzierte Frau stellt.

Liebe und Hass ergeben auch hier wieder ein großes Drama, das nur am Rande etwas mit dem Rattenfänger zu tun hat. Houot sah die Notwendigkeit, die eigentliche Geschichte anzureichern und persönliche Schicksale einzuflechten, um den Leser emotional zu involvieren, nur passt das alles nicht ganz harmonisch zusammen. Der Band zerfällt deutlich in seine einzelnen Teile, was ihn nicht gerade flüssig und kongruent macht.

Sieht man über die dramaturgischen Schwächen und die altbekannten Motive und Aspekte hinweg, sind es vor allem die Stadtzeichnungen, welche den Betrachter zum Versinken einladen. Mittelalterfans werden sich am Dekor begeistern, während andere wohl die holprige Story zum Stolpern bringen wird.

 

Wertung: 5 von 10 Punkten

Houot liefert eine zeichnerische Kopie von Bourgeon mit holpriger Story und absolut überzeugendem Dekor.

 

Der Rattenfänger von Hameln
Ehapa Comic Collection, Mai 2012
Text und Zeichnungen: André Houot
Übersetzung: Rossi Schreiber
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,99 Euro

ISBN: 978-3-7704-3573-9
Leseprobe (PDF)

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Ehapa Comic Collection