Rezensionen

Code Word: Geronimo (US)

Cover Code Word: GeronimoIn der Nacht vom 1. zum 2. Mai 2011 tötete ein Spezialkommando der US Army den Staatsfeind Nummer 1, Al-Qaida-Führer Osama Bin Laden, der bis dahin in einem Haus im pakistanischen Abbottabat gelebt hatte. Nur wenige Wochen später kündigte der Verlag IDW Publishing eine „Graphic Novel“ an, die das Geschehen dieser Nacht in Comicform nacherzählt. Im September ist das Buch nun erschienen – passend zu den Gedenkfeiern zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September, die den Terroristen Bin Laden endgültig zum obersten Feindbild der USA gemacht hatten.

Mit dem Funkspruch „Geronimo“ verkündete der Leiter des Einsatzes den erfolgreichen Abschluss der Aktion. Dieses Codewort (dessen Bedeutung im Buch auch erklärt wird) gab dem Comic seinen Titel. Geschrieben wurde er von Dale Dye, einem ehemaligen Captain des US Marine Corps, und seiner Frau Julia. Beide arbeiten für Charlie Foxtrot Entertainment, eine Firma, die Hollywoodstudios und andere Produzenten von Unterhaltung bei militärischen Themen berät. Man hat es also mit Profis in Sachen Militär-Propaganda zu tun.

Seite aus Code Word: GeronimoUnd Code Word: Geronimo macht auch keinen Hehl daraus, ein Stück Propaganda zu sein. Formal handelt es sich um das, was man im Fernsehen ein Doku-Drama nennen würde: eng angelehnt an reale Ereignisse, aber in Teilen fiktionialisiert. Es tauchen authentische Personen (wie Präsident Obama und Außenministerin Clinton) auf, aber in den Reihen der Soldaten gibt es auch Figuren, bei denen zumindest die Namen geändert wurden. Teilweise erlaubten sich die Autoren auch erzählerische Freiheiten im Ablauf der Geschichte – wohl notgedrungen, da die genauen Details der „Operation Neptune’s Spear“ der Geheimhaltung unterliegen.

Dale Dye verzichtet auf lange Einleitungen und steigt direkt ein, nur wenige Stunden vor Beginn der Aktion. Wir beobachten Mitglieder der Navy SEALs bei den Vorbereitungen, internen Lagebesprechungen und Videokonferenzen mit Washington. Dazwischen wird immer wieder militärisches Equipment wie Hubschrauber in Szene gesetzt – schicke Gerätschaften einer tollen, gut ausgestatteten Armee. Die zweite Hälfte des Comics gehört dann dem eigentlichen Einsatz – hier dominiert eindeutig die Action: Osamas Wohnhaus wird gestürmt, es wird ein bisschen geballert, bis am Ende der Al-Qaida-Chef erledigt ist. Zum Schluss gibt es Lob aus dem Weißen Haus und, in einer pathostriefenden Schlussszene, Freudentränen auf den Straßen New Yorks. Fazit: Unsere Jungs haben ganze Arbeit geleistet, mit dem Tod eines der „Bösen“ ist die Welt wieder ein Stückchen besser geworden.

Seite aus Code Word: GeronimoDieses simple Weltbild setzt sich im anschließenden Textanhang fort, wo der Autor in einfachen Worten die Hintergründe von Bin Laden, Al Qaida und der „Operation Neptune’s Spear“ erklärt. Für kritisches Hinterfragen der Aktion und ihrer politischen Hintergründe bleibt hier keine Zeit. Die deutliche Kritik der amerikanischen Ureinwohner am Codewort „Geronimo“, die nach dem Einsatz laut wurde, wird zwar kurz erwähnt, jedoch nur um die Benutzung des Namens des legendären Indianerhäuptlings zum ehrenhaften Tribut an einen „großen, mutigen Mann“ umzudeuten. Mehr noch als der eigentliche Comic liest sich der Anhang wie eine Werbebroschüre aus dem Rekrutierungsbüro der US Army: Willst du auch einer dieser tapferen Helden sein? Willst du den „Spirit of Duty, Honor and Country“ spüren? Komm zu uns!

Die Zeichnungen von Gerry Kissell und Amin Amat sind solides, unaufregendes Handwerk: technische Gerätschaften, Häuser und Umgebungszeichnungen gelingen ihnen besser als die stets recht statisch wirkenden Gesichter. Der Seitenaufbau bleibt durchgehend einfach und geradlinig, was durchaus sinnvoll ist, da man hier sicher nicht nur eingefleischte Comicleser ansprechen will.

Als ernsthaften, politischen Sach- oder Reportagecomic kann man dieses Werk sicher nicht bezeichnen, dazu ist es zu einseitig, zu einfach und zu einfältig. Ist das ein Problem? Comics sind schon lange ein beliebtes Medium, um Soldaten und solche, die es vielleicht werden wollen, zu erreichen. Dass Regierungen und Militärs dieses Mittel einsetzen, um ihre Botschaften zu vermitteln, ist auch völlig legitim. Fragwürdig wird es allerdings dann, wenn sich ein etablierter Comicverlag wie IDW vor den Karren der Propaganda spannen lässt und einen Comic wie Code Word: Geronimo als ganz normalen Teil seines Programms anbietet, wo sich zwischen Transfomers, G.I. Joe und der Star Trek-Besatzung nun eben auch echte Soldaten tummeln dürfen.

 

Wertung: 2 von 10 Punkten

Pflichtkauf für jede Forschungsbibliothek zum Thema Propaganda. Für alle anderen nicht.


Code Word: Geronimo
IDW Publishing, September 2011
Text: Captain Dale Dye, Julia Dye
Zeichnungen: Gerry Kissell, Amin Amat
88 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,99 US-Dollar
ISBN: 9781613770979

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Abbildungen: © IDW Publishing, Charlie Foxtrot Entertainment