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An Bord der Morgenstern

Cover An Bord der MorgensternDominique Duprez (Künstlername „Riff Reb’s“) präsentiert uns eine handfeste Piratenstory, fernab von jeglicher Romantisierung. Seine Comicgeschichte, die im Jahr 1718 angesiedelt ist, beginnt bereits mit einem kleinen Jungen, der aus Habgier ein Mädchen ermordet und kurz darauf auf einem Schiff anheuert. Überhaupt wird im Folgenden die Freibeuterei in vielleicht nicht all ihrer, aber zumindest in gehöriger Grausamkeit dargelegt.

Neu ist dieser Stoff allerdings nicht, handelt es sich doch um eine freie Adaption eines Abenteuerromans des französischen Schriftstellers Pierre Mac Orlan. Wieviele Freiheiten sich Riff Reb’s für seine Comicumsetzung tatsächlich gönnt, lässt sich ohne Kenntnis der Originalliteratur leider nicht beurteilen.

Fakt ist, dass der Künstler einen unterhaltsamen Piratencomic vorgelegt hat, dem man höchstens vorwerfen kann, dass die Story durch die Einteilung in viele meist äußerst kurze Kapitel hin und wieder abgehackt wirkt, was den Lesefluss aus meiner Sicht behindert.

Die Figuren in diesem Band sehen, unabhängig davon ob sie finstere Piraten sind, eher unbedarft aus. Umso mehr konterkariert dies ihr nicht gerade zimperlicher Umgang miteinander. Die Brutalität zieht sich schließlich quer durch alle Seiten.

An Bord der Morgenstern ist kein besonders farbreicher Comic, genau genommen ist jedes Kapitel mit nur einem übergreifenden Farbton ausgestattet. Diese ungewohnte Optik taucht das abenteuerliche Geschehen zuweilen unfreiwillig in Düsternis, sorgt aber ebenfalls für eine stimmige Atmosphäre, die den Band schlussendlich auch prägt.

Ein bisschen missfällt mir in diesem Zusammenhang das Format, in dem der Band verkauft wird: Durch den Mangel an Farbvariationen wäre die Geschichte wohl besser im Albenformat zum Abdruck gekommen als im kleineren Graphic-Novel-Format von Carlsen. Es gibt viele Comics, die im letztgenannten gut zur Geltung kommen, Riff Reb’s Piratenerzählung gehört aufgrund schwacher Kontraste nicht unbedingt dazu.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Abenteuerliche Unterhaltung, die mit ansprechenden Zeichnungen aufwarten kann

 

An Bord der Morgenstern
Carlsen Verlag, Oktober 2010
Text und Zeichnungen: Riff Reb’s
128 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 18,90 Euro
ISBN: 978-3-551-79108-5

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Carlsen Verlag

Kraa 1 – Das verlorene Tal

Cover Kraa 1Benoit Sokal ist ja beileibe kein Unbekannter mehr. Mit Inspektor Canardo hat er einen modernen Klassiker des frankobelgischen Comics geschaffen und nicht zuletzt mit Paradise auch eine schöne Serie, die Abenteuer mit etwas Mystik und Satire verband.

Ein typisches Stilmerkmal von Sokal kommt auch in seiner neuen, auf zwei Bände angelegten Serie Kraa zur Geltung: das Anthropomorphisieren von Tieren. Allerdings geschieht das hier auf eine sehr geschickte Art und Weise und gliedert sich hervorragend in die Story ein. Erzählt wird von einem Indianerjungen, der in geistiger Verbindung mit einem großen Adler steht. Gemeinsam versuchen sie, gegen die industrielle Inbesitznahme ihres Tales zu kämpfen. Dabei stehen sie ziemlich auf verlorenem Posten, denn die Landnehmer scheuen auch nicht davor zurück, einen ganzen Indianerstamm auszurotten. Während in Inspektor Canardo alle Personen Tiere sind, ist in Paradise bereits die geistige Schicksalsverbundenheit eines Menschen mit einem Tier vorhanden. War es dort aber noch ein eher nebensächliches Element, ist diese Symbiose in Kraa zentraler Bestandteil der Story. Hier ergibt es auch Sinn, da Indianer als besonders naturverbunden gelten und das „Gedächtnis der Erde“ sein sollen. Besonders der Adler wurde bei ihnen verehrt, Adlerfedern galten als hohes gesellschaftliches Statussymbol.

Seite aus Kraa 1Die Verbindung zwischen Indianer und Adler ist also nicht überraschend, und die Grundzüge der Story – der Kampf der naturverbundenen Indianer gegen kapitalistische Weiße – sind uralt. Der Clou besteht aber zum einen darin, dass die Geschichte stellenweise aus der Sicht des Adlers geschildert wird. Und zum zweiten vermeidet Sokal zum Glück auch jeglichen mystischen und esoterischen Kitsch und hebt die Indianer nicht auf ein „Heiligenpodest“. Vielmehr zeigt der Band einen etwas distanzierten Respekt, Spiritualität wird in die Story eingebettet und wirkt niemals aufgesetzt. Er schafft es, die Geschichte eher nüchtern zu erzählen, aber dennoch den Leser zu packen und zu schockieren. Niemanden wird diese Story kalt lassen.

Dabei ist die Geschichte kein klassischer Western, sondern schätzungsweise in den Zwanzigern oder frühen Dreißigern des 20. Jahrhunderts angesiedelt. So vermeidet Sokal Genreklischees und schildert vielmehr eine Art verspätete Industrialisierung in einem noch wilden Landstrich. Er zeigt einen Raubtierkapitalismus, der sich keinen Deut um Menschen schert. Parallelen zu aktuellen Ereignissen durchziehen den ganzen Band und machen die Geschichte noch erschütternder.

Sokals Comic ist sensibel, spannend, bewegend und schockierend. Dazu passend verwendet er durchgehend sehr gedeckte Farben und suggeriert damit eine permanente Dämmerungsstimmung. Sei es nun das Verschwinden der Naturverbundenheit und eines ganzen Zeitalters (Abenddämmerung) oder das Heraufsteigen des Kapitalismus (die Morgendämmerung), die Farben deuten beides an und entfalten eine doppelte Symbolik. Zeichnerisch ist Sokal auf der Höhe seines Könnens, wenngleich manchmal die Augen der Figuren etwas misslungen sind. In dynamischen Bildern wird der Gegensatz der schönen Natur gegen die hässliche Stadt und deren Menschen hervorgehoben. Auch wenn die ein oder andere Stelle etwas brutal ausgefallen ist: Der große Pluspunkt an Kraa ist, dass Sokal nie übertreibt, sondern es versteht, auf dezente Weise eine maximale Wirkung zu entfalten.

 

Wertung: wertung9

Dem Zauber dieses starken Bandes, der auch wütend macht, kann sich wohl niemand entziehen.


Kraa 1 – Das verlorene Tal
Splitter Verlag, Februar 2011
Text und Zeichnungen: Benoit Sokal
Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,80
ISBN: 978-3-86869-209-9
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag

Links der Woche: Mit Fumetto-Berichten, Stress bei L’Association und Reportage-Webcomics

Unsere Links der Woche, Ausgabe 15/2011:

Comic-Festival: Fumetto
arte.tv
Der Kultursender arte berichtet recht umfangreich vom Luzerner Festival Fumetto, das in diesem Jahr 20. Jubiläum feiert. Die Filmbeiträge aus der Sendung arte Journal sind auf der verlinkten Seite gesammelt. Neben einigen anderen steht dort auch dieser Beitrag zum Jubiläum des Festivals:
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Album: Fumetto 2011
Facebook
Sehenswert ist auch dieses frei zugängliche Fotoalbum auf dem Facebook-Profil des Fumetto.

„Ich übertrage meine inneren Kämpfe“
Der Standard, Karin Krichmayr
Die österreichische Tageszeitung Der Standard interviewt den bekanntesten Gast in Luzern in diesem Jahr: Daniel Clowes,  der US-Indiecomic-Veteran (oder, wie es der Standard formuliert: „der Doyen des unabhängigen US-Comics“)

Donald macht die Ente reich
Der Tagesspiegel, Andreas Kötter
Der Tagesspiegel wirft (in der gedruckten Zeitung auf der Medien-Seite, online im Comic-Ressort) einen interessanten Blick auf das „Donald-Duck-Verwertungsuniversum“ von Egmont Ehapa in Berlin und Ehapa Comic Collection in Köln ud bescheinigt ihnen eine „clevere Recycling-Strategie“.

«Guerre civile» à l’Association
Libération, Quentin Girard
La tragédie de l’Association, acte III
ActuaBD, Didier Pasamonik
Die französische Tageszeitung Libération und die Website ActuaBD berichten über den „Bürgerkrieg“ beim Verlag L’Association, der sich in einer schweren Krise befindet und zuletzt von den Mitarbeitern bestreikt wurde. Diese Woche trafen sich die untereinander zerstrittenen Mitglieder der L’Association – die ähnlich wie ein Verein funktioniert – zu einer Generalversammlung, auf der ein neuer Verwaltungsrat (Vorstand? Aufsichtsrat? Sorry, da scheitere ich an der Sprachbarriere …) gewählt werden sollte, und auf der mächtig die Fetzen flogen. Im Zentrum des Konflikts steht L’Asso-Mitbegründer Jean-Christophe Menu, der den Verlag seit ein paar Jahren allein führt und dem seine Gegner Missmanagement und Schlimmeres vorwerfen. Die Mehrheit der Versammlung stimmte dafür, die alten Gründer des Verlags (Lewis Trondheim, David B., Killoffer u.a.) wieder als Beiräte einzusetzen, aber auch Menu an Bord zu behalten. Wie es nun mit dem Verlag weitergeht, ist zur Zeit wohl ziemlich unklar. Eine englischsprachige Einschätzung dazu gibt es beim Comics Reporter hier und hier.
(via @GroberComics)

Tripwire 0.01
Das lesenswerte britische Comicmagazin Tripwire, das in den Neunziger Jahren regelmäßig erschien, danach eine Pause einlegte, und seit 2010 einmal jährlich eine Ausgabe produziert, macht den nächsten Schritt: Die neueste Ausgabe erscheint digital als PDF und kann kostenlos heruntergeladen werden. Neben einem Feature zu Marvels Thor-Verfilmung, gibt es unter anderem Artikel zur Geschichte von 2000 AD, zum aufstrebenden US-Verlag Boom! Studios sowie Graphic-Novel-Empfehlungen und die Rubrik „Stripwire“ mit ausgewählten Kurzcomics. Weitere Ausgaben sollen monatlich herauskommen.

Live from the DMZ
dmzthecomic.com, Justin Giampaoli
Der Blogger und Comickritiker Justin Giampaoli widmet sich auf einer eigenen Website umfassend der Vertigo-Serie DMZ von Brian Wood. Geplant ist, bis zum Ende des Jahres, wenn die Serie mit Heft #72 endet, Artikel, Bonusmaterial und Interviews zu jedem der DMZ-Sammelbände zu veröffentlichen. Ziel des Projekts ist es „das Äquivalent zum Regiekommentar auf eurer Lieblings-DVD“ zu erstellen. Tolle Idee, die gerne viele Nachahmer für andere Serien finden darf!

The Waiting Room
Cartoon Movement, Sarah Glidden
In einem 21-seitigen Reportage-Webcomic erzählt Sarah Glidden, deren Graphic Novel How To Understand Israel in 60 Days Or Less in Kürze auf Deutsch erscheint, von irakischen Flüchtlingen, die in Syrien zu Hunderttausenden als Flüchtlinge leben und ein Leben im permanenten Wartezustand führen, weil sie dort nicht arbeiten dürfen.

The Revolution Will Be Televised
Act-I-Vate, Dov Torbin und Asher Berman
Comiczeichner Dov Torbin war gerade zu Besuch bei seinem Freund Asher Berman, der ein Auslandssemester in Kairo macht, als dort gerade die Protestbewegung gegen das Mubarak-Regime losging. Von seinen Erlebnissen in diesen Tagen berichtet er in einer Webcomic-Serie, deren erstes Kapitel diese Woche online ging.

Fennek

Cover von Fennek (Lewis Trondheim, Yoann) bei ReproduktFenneks sind putzige kleine Füchse, die in Wüsten leben und an diese extremen Bedingungen perfekt angepasst sind. Putzige kleine Füchse passen nicht nur gut in die Wüste, sondern auch gut zu Lewis Trondheim, dessen Figurenensemble hauptsächlich aus anthropomorphen Tieren und Fabelwesen besteht. Und wie bei ihm sonst auch, so sehen die Tiere hier zwar putzig aus, machen aber nicht unbedingt putzige Sachen.

Eigentlich machen sie noch unputzigere Sachen, als man es sonst von Trondheim gewohnt ist: In Fennek verhalten sich Tiere nicht wie Menschen in der Serie Herr Hase oder wie überdrehte Kerkerbewohner in der Donjon-Reihe, sondern größtenteils wie Tiere – die sprechen können. Höflichkeiten oder Empathie haben in der Wüste nichts verloren, hier geht es um Eigennutz und ums nackte Überleben. Wer den Fennek nervt oder ihn nicht weiterbringt, wird schnell mal platt gemacht oder verschachert. Auch sein eigenes Leben ist immer wieder schneller in Gefahr, als er bis drei zählen kann.

Und so ist der kleine selbstverliebte Kerl, den die Schlangen als Eierdieb auf dem Kieker haben, auch am Überlegen, wie er dieses lästige Kriechgetier loswerden könnte. Dabei erinnert er sich an die Geschichte vom sagenumwobenen Halsband des Schamanen, die ihm seine Mutter erzählt hat. Der kongeniale Plan des Fenneks ist es, mit dem Halsband soviel Regen niedergehen zu lassen, bis die sonnenliebenden Schlangen das Weite suchen oder eingehen. Auf der Suche nach dem Halsband, das sich in der Bluthöhle befinden soll, begleiten wir ihn in diesem Band.

Beispielseite aus Fennek von Louis Trondheim und YoannWie so oft kommt alles anders als geplant, und der Fennek muss sich mitunter ganz schön die Augen reiben, dass er nicht der Einzige ist, der was auf dem Kasten hat. Den Ernst des Wüstenlebens durchbricht Trondheim regelmäßig mit absurden Szenen, meist durch die Einbringung von elementaren Zivilisationserrungenschaften wie Fußmatten oder Fernsehbedienungen, deren Funktionsfähigkeit sich in Gefahrensituationen als Verfluchungsobjekt eignet.

Trondheim überlässt das Zeichnen dem Künstler Yoann, der den titeltragenden Fennek und die anderen Tiere in der Wüstenlandschaft mit lockerem Aquarell und angepasster Farbwahl stimmungsvoll in Szene setzt. Obwohl er recht reduziert arbeitet, gelingt es ihm anhand der Mimik und besonders der riesigen Ohren des Fenneks, Gemütszustände klar zu vermitteln. Das gibt der Geschichte Raum, viele Szenen sind selbsterklärend und bedürfen keiner Worte. So ist es auch eins der Stilmittel von Fennek, nicht alles zu zeigen, sondern den Leser selber zu Ende denken zu lassen. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Seiten im 6-Panel-Querformat angelegt und ähneln dadurch klassischen Zeitungsstrips. Und wie eigentlich alle Reprodukt-Bände ist auch Fennek von Dirk Rehm handgelettert, was eine besondere Lebendigkeit verleiht.

Beispiel aus Fennek (Reprodukt)Autor und Zeichner muss man für ihren Mut respektvoll zunicken, hier keine niedlichen Tiere zu präsentieren, die sich alle liebhaben und gemeinsam in den Sonnenuntergang spazieren, sondern die alle um ihr Überleben kämpfen – bis hin zum reuelosen Brudermord. Gedanken über die Unterschiede oder auch Ähnlichkeiten zur menschlichen Gesellschaft und ihren Wertvorstellungen kommen da unweigerlich auf.

Allerdings birgt die Herangehensweise der beiden Künstler die Gefahr, dass der Leser keinen Bezug zum Inhalt und den Figuren findet. Irgendwelche Sympathien zu vergeben fällt schwer. Da hilft auch der fast blinde Gibbon nur bedingt, der als eine Art Sidekick ebenfalls auf der Suche nach der Bluthöhle ist, um sich dort heilen zu lassen. Seine Anflüge von Mitgefühl wirken im Kontext dieser Erzählung interessanterweise schon fast unbedarft, ja naiv. Zugleich liefert er immer mal wieder witzige und nachdenkliche Szenen wie folgende, in der er einem Gorilla bewundernd hinterherschaut und zum Fennek meint: „Findest du nicht, dass der Typ eine unglaubliche Ausstrahlung hat? Er ist stark, er ist selbstbewusst, er kümmert sich um andere …“ Fennek: „Hundertprozentig perfekte Typen gibt es nicht.“ Darauf der Gibbon: „Ich würde eher sagen, es gibt keine hundertprozentig schlechten Typen … Irgendeine gute Eigenschaft hat jeder. – Was ist denn deine?“ Die Antwort – wenn der Fennek eine gibt – sehen wir nicht, kennen sie aber trotzdem.

Schlussendlich ist in Fennek der Weg das Ziel, sowohl für den Wüstenfuchs als auch für den Leser. Eine Moral von der Geschicht gibt es – zumindest für den Fennek – natürlich nicht. Die Schlusspointe ist als eine von vielen Pointen in diesem Band ganz nett, verpufft aber als Abschluss für den gesamten Band im Raum und lässt die Geschichte unbefriedigend ins Leere auslaufen.


Wertung
: Bewertung des Comics: 7 von 10 Punkten

Niedlich gezeichnete Tiere in einer grausam wirkenden Umwelt und in einer zynisch-schwarzhumorigen Erzählung, die als Aneinandereihung von Strips besser funktioniert denn als abgeschlossene Geschichte


Fennek

Reprodukt, März 2011
Text: Lewis Trondheim
Zeichnungen: Yoann
64 Seiten, farbig, Hardcover, Querformat
Preis: 12,- Euro
ISBN: 978-3941099807

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Abbildungen © Lewis Trondheim/Yoann, der dt. Ausgabe Reprodukt

Klezmer 3 – Diebe, alles Diebe!

Cover Klezmer 3Zuletzt machte der französische Künstler Joann Sfar ja weniger als Comicschaffender denn durch den von ihm als Drehbuchschreiber und Regisseur inszenierten Film Gainsbourg (über den Chanson-Sänger Serge Gainsbourg) von sich reden. Und da der begleitende, von Sfar gezeichnete Comicband, im Gegensatz zum Streifen selbst, bis dato nicht als deutsche Fassung vorliegt, muss man sich einstweilen eben einem der anderen Sfar-Projekte widmen.

Die Serie Klezmer zählt dabei zweifelsohne zu den engagiertesten und anspruchsvollsten. Vor kurzem ist der mittlerweile dritte Band „Diebe, alles Diebe!“ auf Deutsch erschienen. In Odessa zur Zarenzeit nistet sich die bunt gemischte Klezmer-Band, die sich zu Beginn der Serie gefunden hat, in einem schicken Haus ein und beendet damit ihr Vagabundendasein. Doch der Frieden wird jäh gestört, als der Gruppe unfreiwillig eine Kiste Waffen in die Hände fällt und sie es daraufhin mit Gangstern zu tun bekommt.

Es ist auch für den Leser genau so, wie Sfar es auf Seite 1 formuliert: „Da sind sie wieder“. Er beschreibt damit die Freude, die es ihm macht, immer wieder zu den Figuren aus Klezmer zurückzukehren. In der Tat macht das Lesen der Serie mit jedem weiteren Band immer noch mehr Spaß, weil man langsam ein besseres Gefühl für die Charaktere, für ihre Eigenarten, aber auch für die Klezmer-eigene Art des Erzählens erhält. Sfar verbleibt nie zu lange an einem Thema, er pendelt eher episodenhaft zwischen den einzelnen Geschehnissen, zwischen dem, was die Mitglieder der Band erleben. Das können mal ruhige Dialoge sein, mal melodische Musikeinlagen, die sich einfach hin und wieder dazwischendrängen.

Seite aus Klezmer 3Man merkt Klezmer an, wieviel Spaß Joann Sfar beim Zeichnen hatte. Wie aus einem Guss wirkt seine Geschichte, so als ob er den Zeichenstift bis zur letzten Seite nicht ein einziges mal absetzen würde. Bedenkt man seine allgemeine Produktivität in Sachen Comics, könnte man das sogar fast glauben.

Einen klaren, einheitlichen Grafikstil sucht man hingegen vergebens. Jedes neue Kapitel, manchmal gar jedes neue Panel überrascht mit einer ureigenen Interpretation von Sfars bewährter Aquarellkolorierung, die er über seine zittrigen Outlines legt. Dabei bleibt keine denkbare Farbnuance verschont, völlig unabhängig davon, ob sie der Realität entspringt. Es herrscht stets der Farbton vor, mit dem sich der Künstler atmosphärisch in dem Augenblick des Entstehungsprozesses verbunden fühlt. Das Ergebnis ist eine bunte, aber nie aufdringliche Untermalung, die schlichtweg einzigartig ist.

Der in jedweder Hinsicht fesselnde Comicband schließt mit einigen persönlichen Ausführungen von Joann Sfar. Er erzählt von eigenen Erlebnissen, von Odessa und hält einen Exkurs über den Staat Israel. Das hat mit der Klezmergruppe aus dem Comicanteil nur am Rande zu tun, liest sich aber durchaus ansprechend.

 

 Wertung: 9 von 10 Punkten

Exzellente Fortsetzung einer niveauvollen, grafisch hervorragenden Reihe

 

Klezmer 3 – Diebe, alles Diebe!
Avant-Verlag, Dezember 2010

Text und Zeichnungen: Joann Sfar
160 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-47-3

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Abbildungen © Joann Sfar, der dt. Ausgabe: Avant-Verlag

Punkrock Heartland

Comic: Punkrock HeartlandDass der Comic-Erstling des Hamburger Künstlers mit dem sympathisch-zotigen Pseudonym ‚Andi Lirium‘ inhaltlich weniger im rebellischen, nonkonformistischen Geist des Punk steht, sondern eine Liebesgeschichte nach recht konventionellem Muster ist, verrät eigentlich bereits der zweite Teil des Titels. Nichts anderes als das alte, immer gut ziehende Thema von zwei Liebenden, die durch äußere und innere Hindernisse immer wieder getrennt werden, wird hier dargeboten – in diesem Fall immerhin mit zwei männlichen Protagonisten im Punk-Milieu. Da toben all dem nihilistischen Rumgepose zum Trotz die großen Gefühle und bluten die Herzen unter der tätowierten Brust. Ein paar Mal schrappt das gefährlich nahe an einem süßen, melodramatischen Punkpop-Kitsch vorbei. Auch die dem entgegenstehenden krassen Konterelemente in Form von exzessiven Gewaltausbrüchen, bedrückend düsteren Knastszenerien und markig zur Schau gestelltem Anarchogehabe wirken allesamt eine ganze Spur überzogen. Eine streng realistische Milieustudie darf man also nicht erwarten, aber dass die auf realen Vorbildern beruhenden Figuren und Orte überzeichnet seien, stellt der mit der Punkszene vertraute Autor schließlich bereits im Vorwort klar.

Seite aus Punkrock HeartlandAkzeptiert man Punkrock Heartland als eine Art idealisiertes „larger than life“ Punkmärchen, dann liest sich diese charaktergetriebene Geschichte äußerst gut runter: Rasante Ort- und Zeitsprünge sowie kurze Abschweifungen in die Biografien einzelner Figuren schmücken die relativ simple Grundlage ansehnlich aus; die Protagonisten wirken trotz aller Klischees und Verklärungen in ihren Entscheidungen nachvollziehbar und dadurch doch wieder ehrlich und echt; und dann wären da noch die alles andere als schüchternen Sexszenen, die – wie in allzu vielen Comics (oder Filmen) – nicht bloß Selbstzweck sind, sondern als Teil der Geschichte funktionieren.

Die wahren Stärken des Comics liegen jedoch ganz klar in der visuellen Umsetzung der Geschichte. Das eng gehaltene, überbordende und ständig wechselnde Layout sorgt für unruhig brodelnde, ausdrucksstarke Comicseiten voller erzählerischer Wucht. Dazu kommt ein mutig-kreativer, teils experimenteller Umgang mit Lettering und Sprechblasen, wodurch nicht nur die Gefühle der Figuren, sondern auch sprachliche Eigenheiten wie zum Beispiel ein russischer Dialekt anschaulich Seite aus Punkrock Heartlandtransportiert werden. Wenn Punkrock Heartland irgendwo Punk ist, dann vor allem in dieser rauen, ungezähmten Bildsprache, koloriert in passend schmuddeligem Grau, Grün und Gelb, welche die Erzählkonventionen des Comics zwar nicht sprengt, aber auf teils provozierende Art ausreizt und so dem glatten Mainstream doch noch punkmäßig ans Bein pinkelt.

Erschienen ist Punkrock Heartland im auf schwule Literatur spezialisierten Männerschwarm Verlag, der auch einige Bände von Ralf König im Programm hat. Das bringt den Vorteil eines an der schwulen Liebesgeschichte interessierten Publikums, das den Comic im Programm eines reinen Comicverlags wahrscheinlich gar nicht entdeckt hätte. Im Umkehrschluss könnte es jedoch dazu führen, dass mancher Comicfan Punkrock Heartland als vermeintlich uninteressante Homo-Lektüre links liegen lässt. Das wäre jedoch genau wie im Fall von Königs Arbeit bedauerlich. Denn Andi Liriums Debüt ist vor allem eins: ein experimentierfreudiger, eigensinniger Comic, bei dem einen von jeder Seite der Spaß am Medium entgegen schreit.

 

Wertung: Comicbewertung: 7 von 10 Punkten 

Vor allem visuell rockender Comic, der beweist, dass Punks auch nur Romantiker sind


Punkrock Heartland
Männerschwarm Verlag, April 2010
Text & Zeichnungen: Andi Lirium
176 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 18 Euro
ISBN: 978-3-939542-92-6
Leseprobe

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Abbildungen © Männerschwarm Verlag/Andi Lirium

Oh nein! Ich bin ein Mädchen! 5. Akt, 6. Kapitel

12 Seiten bilden den Abschluss des 5. Akts von „Oh nein! Ich bin ein Mädchen!“, die einen spannenden Auftakt zum (wohl) letzten 6. Akt darstellen: Jan entscheidet sich nach dem „Tod“ von Chicky für drastische Methoden …

Das 6. Kapitel des 5. Akts: „Stumm

[Übersicht aller bisherigen Akte.]

[Thread im Comicforum mit dem wöchentlichen Update von ONIBEM, der momentan aber pausiert, weil Jan ein sehr großes, zusammenhängendes Update in einiger Zeit plant!]

Links der Woche: Mit Blogs aus New York und graphischen Alphabeten

Unsere Links der Woche, Ausgabe 14/2011:

Awesome: New York!
Reprodukt-Blog, Christian Maiwald
Familie Reprodukt reist anlässlich des MoCCA-Festivals, das an diesem Wochenende stattfindet, nach New York und berichtet in Wort und Bild aus dem Großen Apfel.

Ein Comic-Abenteurer mit Mission
Prenzlauer Berg Nachrichten, Brigitte Preissler
Ein Portrait von Johann Ulrich und seinem Avant-Verlag zum zehnten Geburtstag des Verlags.

«Alles passiert und explodiert auf einem einzigen Bild»
Tages-Anzeiger, Alexandra Kedves
Im Vorfeld des Fumetto-Festivals in Luzern, das am morgigen Samstag beginnt, interviewt die Züricher Zeitung Tages-Anzeiger einen der Künstler, die dort mit einer großen Ausstellung vertreten sein werden: Atak alias Georg Barber.

Godzilla zerstört T3
T3 Terminal Entertainment, Ekki Helbig
Die neue Godzilla-Comicserie des US-Verlags IDW sorgte mit einer ungewöhnlichen Variantcover-Aktion für Aufsehen. Jeder Comichändler, der eine bestimmte Anzahl von Heften abnahm, bekam seine eigene Variant-Ausgabe, auf der der jeweilige Laden von Godzilla persönlich zertrampelt wird. In Europa nahm nur ein Laden an der Aktion teil, die Frankfurter Comichandlung T3, die in ihrem Blog von der Aktion berichtet.

Comics in Bibliotheken – ohne Social Cataloging?
Jakoblog, Jakob Voß
Der Bibliothekar Jakob Voß macht sich in seinem Blog Gedanken darüber, ob und wie Comics in Deutschland katalogisiert werden. Interessant ist hier nicht nur der Beitrag selbst, sondern vor allem auch die vielen Links, die er enthält.

Nominees Announced for 2011 Will Eisner Comic Industry Awards
comic-con.org
Die Jury des größten und bekanntesten US-Comicpreises hat ihre Nominierungen für dieses Jahr bekanntgegeben. Mit satten fünf Nominierungen führt Return of the Dapper Men von Jim McCann und Janet Lee die Liste an. Jeweils vier Nominierungen gab es für Morning Glories von Nick Spencer und Joe Eisma und Locke & Key von Joe Hill und Gabriel Rodriguez. Verliehen werden die Preise auf der San Diego Comic-Con im Juli.

The Rabbi’s Cat – Le Chat du Rabbin – Teaser
vimeo, Banjo Studio
Am 1. Juni startet in den französischen Kinos die Zeichentrickversion von Joann Sfars Die Katze des Rabbiners (in 3D!). Die Schweizer werden den Film ab September zu sehen bekommen, von einem deutschen Kinostart ist leider noch nichts bekannt. Hier der erste Trailer zum Film (auf Französisch, naturellement):

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<iframe src=“http://player.vimeo.com/video/21876992″ width=“400″ height=“225″ frameborder=“0″></iframe>

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THE RABBI’S CAT – LE CHAT DU RABBIN – TEASER from Banjo Studio on Vimeo.


Awesome Japan

Neill’s Blog, Neill Cameron
Der Zeichner Neill Cameron, der das Netz vor knapp zwei Jahren mit seinem A-Z of Awesomeness begeisterte, begann vor kurzem mit einem zweiten Alphabet, das nach und nach auf seinem Blog veröffentlicht wird. Von A bis Z geht es diesmal durch alles, was an Japan „awesome“ ist. Gespendet werden darf auch, der Erlös geht an Opfer des Erdbebens.

ABC Superheroes
Society 6, Fabian Gonzalez
A propos Alphabet: Dieses Superhelden-Alphabet vom Grafiker Fabian Gonzalez ist auch sehr schön.

Jeffrey Brown’s GOOD AT PLAYING – An Original Comic
Graphic NYC, Jeffrey Brown
Die Website Graphic NYC, die sich mit Comicmachern aus New York beschäftigt, hat den Indie-Comic-Künstler Jeffrey Brown gebeten, ein Essay über seine künstlerischen Einflüsse zu schreiben. Anstelle eines Essays wurde jedoch ein sehr netter Comic daraus.

Das große Peanuts-Buch

Das große Peanuts-BuchDie alte Weisheit, nach der man ein Buch nie nach seinem Cover beurteilen solle, trifft hier in vollem Umfang zu. Der Umschlag glänzt (wortwörtlich) mit silbernen Glitzereffekten im Stil einer Diskokugel, dazu tanzt ein fröhlicher Snoopy, umrahmt von einem pinkfarbenen Titelschriftzug. Das wirkt von außen, als hätte man es hier mit einem lustigen „Spiel und Spaß mit den Peanuts“-Buch zu tun, gefüllt mit Rätseln, Spielen, Gags und ein paar Comics. Das Gegenteil ist der Fall.

Vielmehr ist Das große Peanuts-Buch ein sehr seriöses Kompendium zum 60. Geburtstag von Charles M. Schulz‘ großartiger Serie, welches die Peanuts als das würdigt, was sie sind: ein herausragender Meilenstein in der Geschichte der Comics und der zu Recht wohl berühmteste Zeitungsstrip der Welt. Herausgeber Andreas C. Knigge, der sich gleich zu Beginn als Fan outet und stolz eine ihm gewidmete Signatur von Schulz präsentiert, hat einen Querschnitt von Strips aus fünf Jahrzehnten Peanuts zusammengestellt, bei denen natürlich auch der allererste (erschienen am 2.10.1950) und der letzte vom 3.1.2000 vertreten ist. Diese Auswahl wird begleitet von redaktionellen Texten, die zusammengenommen einen sehr lesenswerten Abriss über Leben und Werk von Charles M. Schulz ergeben: Nach einem einleitenden Artikel, der Schulz‘ Jugend und seine ersten Karrierschritte beschreibt, folgt für jedes Peanuts-Jahrzehnt, von den Fünfziger bis zu den Neunziger Jahren, ein weiterer Text von etwa 10 Seiten Umfang.

Knigge schildert auf sehr lesenswerte Weise die einzigartige Karriere von Charles M. Schulz (den er meist bei seinem Spitznamen „Sparky“ nennt), der unglaubliche fünf Jahrzehnte lang täglich einen Peanuts-Strip ablieferte, und zwar ohne die Hilfe eines Studios oder eines Assistenten, sondern stets eigenhändig. Er zeichnet Schulz‘ Weg vom einfachen Sohn eines Friseurs zu einem der bestverdienenden Künstler der Welt nach, der trotz seines Erfolges stets sehr bescheiden blieb und es schaffte, eine immense Merchandising-Maschine zu bedienen, ohne Einfluss und Kontrolle über seine Schöpfung zu verlieren. Das Buch zeigt auf, wie eng das, was in den Strips passierte, mit der Lebens- und Erfahrungswelt ihres Zeichners zusammenhing, und wie sich Leben und Werk von Schulz gegenseitig beeinflussten.

Zwischen den Artikeln findet man eine reichhaltige Auswahl von Strips aus dem jeweiligen Jahrzehnt, thematisch sortiert und immer mit dem Datum der ersten Veröffentlichung versehen. Diese komprimierte Strip-Sammlung macht besonders jene Themen und Motive deutlich, die über all die Jahre immer wieder in neuen Variationen bei den Peanuts auftauchten, seien es Baseball-Partien, Snoopys surreale Ausflüge als Fliegerass des Ersten Weltkriegs, Schroeders Leidenschaft für Beethoven oder Linus‘ Obsession mit dem Großen Kürbis. Und natürlich Charlie Brown, der mit all seinen Problemen, Niederlagen und Komplexen, die eigentliche Hauptfigur des Strips ist – und den man, wie Knigges Text deutlich macht, durchaus als eine Art Alter Ego des Künstlers Schulz sehen kann.

Wer regelmäßig die grandiose Peanuts-Werkausgabe kauft, die in insgesamt 25 Bänden das Komplettwerk sammelt, kann möglicherweise auf diesen Sonderband verzichten (wobei Knigges Textbeiträge trotzdem einen Kauf rechtfertigen würden). Für alle anderen ist das Buch jedoch nahezu unverzichtbar, erhält man doch für einen fairen Preis sowohl einen schön gestalteten Best-of-Sampler der Peanuts-Comics als auch eine hochinteressante Schulz-Biographie. Der dicke und großformatige Hardcover-Band macht sich auch sehr gut als Coffeetable-Buch – das ästhetische Problem mit dem Disco-Einband ließe sich ja notfalls mit einem selbstgebastelten Schutzumschlag beheben …

 

Wertung: 10 von 10 Punkten

Toller Mix aus Primär- und Sekundärliteratur, ein Standardwerk über einen der wichtigsten Vertreter der Comicgeschichte. Sehr empfehlenswert.

 

Das große Peanuts-Buch
Carlsen Comics, Juni 2010

Comistrips: Charles M. Schulz
Texte: Andreas C. Knigge

Vorwort: Ralf König
352 Seiten, s/w und farbig, Hardcover

Preis: 29,90
ISBN: 978-3-551-78656-2

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Traum von Jerusalem

Traum von Jerusalem – CoverNach der sensibel erzählten Serie O’Boys überrascht der Autor Philippe Thirault mit einer sehr brutalen Comicserie, die Ehapa im „All in One“-Format auf Deutsch veröffentlicht (alle vier Teile der Originalausgabe sind hier versammelt). Um es gleich vorweg zu sagen: An dem Band werden sich die Geister scheiden. Traum von Jerusalem ist das zeichnerische Äquivalent eines Splatterfilms.

Erzählt wird von dem ersten erfolgreichen Kreuzzug, der mit der Eroberung Jerusalems endete. Man kann dem Band zu Gute halten, dass er die Brutalitäten des Krieges ungeschönt schildert und somit eine gewalttätige Zeit wieder zum Leben erweckt. Allerdings gibt es wohl kaum eine Seite, auf der kein Blut fließt – damit wird das Ganze auf der einen Seite recht ermüdend, auf der anderen wird die eh nur rudimentär vorhandene Story in Blut und Eingeweiden ertränkt und begraben. Thirault und sein Zeichner Lionel Marty beschränken sich nicht auf eine Schilderung der historischen Tatsachen, was zu reinen Schlachtengemälden geführt hätte. Sie reichern die Historie, von der sie sehr viele Fakten übernommen haben (wie zum Beispiel die Episode mit der heiligen Lanze), mit kleinen Fantasyelementen an.

Seite aus Traum von JerusalemDie beiden Hauptpersonen verfügen über gegensätzliche Gaben: Der eine, der „Schwarze Live“ genannt, kann Gefahr spüren und ist ein fanatischer Krieger, der die Religion mit dem Schwert verbreitet. Der andere, Hermance, hat heilende Kräfte und kann sogar Tote wieder zum Leben erwecken, solange noch ein einziger Funken Leben in ihnen ist.

Auf eine recht plakative Art und Weise stehen diese beiden für zwei entgegengesetzte Richtungen einer Religion: der eine für den friedlichen Teil, der heilt, hilft, pflegt, aber auch leicht benutzt werden kann. Sein Schicksal ist düster und direkt zu Anfang des Bandes wird seine Gabe für einen Fluch gehalten und als Teufelswerk abgetan. Die Parallelen zu Christus, der, wenn er zu jener Zeit wiedergekommen wäre, verkannt und erneut gekreuzigt worden wäre – diesmal von der christlichen Kirche – sind überdeutlich. Interessanter ist die Figur des „Schwarzen Live“, der durchaus für Paulus stehen könnte. Bekanntlich wandelte sich der Christenverfolger Saulus vom unnachgiebigen Schlachter zum Missionar und Kirchengründer Paulus. Live ist ein überzeugter Heide, der Christen bekämpft, bis er von einem Mönch bekehrt wird und seine Gabe bekommt. Fortan stellt er sein Schwert in den Dienst des Christentums und schlachtet „Heiden“ ab, wo er nur kann. Beide Figuren stehen für religiösen Fanatismus und daür, was aus einer Religion werden kann, wenn der Glaube für Macht und egoistische Zwecke verraten und instrumentalisiert wird.

Seite aus Traum von JerusalemDie Zeit der Kreuzzüge, in der der Comic spielt, war eine Zeit der Extreme, deren Auswirkungen noch heute zu spüren sind. Nicht umsonst nennt Gaddafi die Alliierten im aktuellen Libyen-Konflikt „Kreuzritter“. Thirault und Marty verharmlosen nichts, sie zeigen die Brutalität jener Zeit, die Auswirkungen von Fanatismus und religiösem Fundamentalismus. Allerdings droht all dies im Blut zu ertrinken und die Story versandet angesichts aller Schlachtengemälde. Und dass eine Frauenfigur fast ausschließlich als Verführerin dargestellt wird, welche die beiden Pole untereinander zu entfremden droht, hinterlässt einen etwas bitteren Beigeschmack

Zeichnerisch ist der Band durchaus gelungen: Zeichner Marty fängt geschickt den Horror des Krieges ein, indem er die Augen der Protagonisten stellenweise als reine weiße Fläche zeigt und somit den Figuren die Seele nimmt. Solche Effekte sind oft sehr viel eindrucksvoller als durch die Gegend fliegende Körperteile. Das größte Problem des Bandes besteht darin, dass die Mischung aller Elemente nicht unbedingt ausgewogen ist. Letztlich will der Comic wohl vor allem schockieren. Das schafft er glänzend.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Splattercomic, dessen interessante Aussage, geschickte Effekte und symbolträchtige Story in Blut und Gedärm zu ertrinken drohen.

 

Traum von Jerusalem
Ehapa Comic Collection, März 2011
Text: Philippe Thirault
Zeichnungen: Lionel Marty
192 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 39,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3410-7
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe Ehapa Comic Collection