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Links der Woche: Mit Preisen aus München, Comics auf dem iPad und dem Comic-Clash

Unsere Links der Woche, Ausgabe 25/2011:

ICOM Independent Comic Preis 2011
Interessenverband Comic e.V.
Wie jedes Jahr vergab der ICOM letzte Woche auf dem Comicfestival in München seinen mit insgesamt 2.000 Euro dotierten  „Independent Comic Preis“ für Eigenproduktionen aus dem zurückliegenden Kalenderjahr. Ausgezeichnet wurde u.a. die Zwerchfell-Reihe Die Toten als Bester Independent-Comic, und Reprodukt-Gründer Dirk Rehm bekam den „Sonderpreis der Jury für eine besondere Leistung oder Publikation“. Auf der verlinkten Seite findet man die vollständigen Laudatio-Texte der Jury für alle Preisträger und die „lobenden Erwähnungen“. Mitglied der Jury war übrigens our very own Frauke Pfeiffer. Zusätzlich wurde noch der Webcomic-Preis „Lebensfenster – Der Kurt Schalker-Preis für Grafisches Blogen“ vergeben, er ging an Zuhause während der digitalen Revolution von Wolfgang Buech alias digirev.

PENG! ‒ Der Münchner Comicpreis
Comicforum, Martin Jurgeit
Eine ähnlich übersichtliche und fundierte Seite sucht man für den Peng!-Preis, der ebenfalls am Wochenende in München verliehen wurde, leider vergeblich. Eine Liste der Sieger ist im Forum von Comixene und Comix zu finden.


Das Grauen auf dem iPad: Weissblech goes digital
Comic Report, Matthias Hofmann
Als einer der ersten deutschen Comics ist Horrorschocker als App auf dem iPad verfügbar. Sehr coole Antwort von Weissblech-Verleger Levin Kurio auf die Frage „25 Ausgaben Horrorschocker. Wer hätte das gedacht?“ Levin: „Ich!“


The iPad Could Revolutionize the Comic Book Biz—or Destroy It

Wired, Douglas Wolk
Ein lesenswerter Aufsatz vom Comicjournalist Douglas Wolk. Er nimmt DCs angekündigten Schritt, demnächst alle Comics am Erstverkaufstag auch in digitaler Form anzubieten, zum Anlass, über den Trend der digitalen Comics, vor allem auf Geräten wie dem iPad, nachzudenken. Dabei erklärt er auch, auf welchen Drahtseilakt die US-Verlage sich einlassen, weil sie einerseits die neuen Möglichkeiten nutzen müssen, aber ihr bisheriges Standbein, den althergebrachten Comic-Fachhandel nicht vernichten dürfen.


Comic Clash – Das große Battle der Comicmagazine

comic-clash.de
Epidermophytie
und Moga Mobo, zwei der besten einheimischen Comic-Fanzines, rufen zur Schlacht auf und „fordern alle deutschen Comicheft-Macher zum Comic Clash, dem ultimativen Battle der Comicmagazine!“ So sollen verschiedene Hefte zum Thema „Der Sinn des Lebens“ entstehen und auf dem Comic-Salon Erlangen 2012 erscheinen.


Comiczeichner Gene Colan gestorben

Spiegel Online, Stefan Pannor
Am 23. Juni starb Comiczeichner Gene Colan mit 84 Jahren nach schwerer Krankheit. In den 1960er und 1970er Jahren prägte er zahlreiche Serien von Marvel Comics und kümmerte sich überwiegend um die düsteren Aspekte des Marvel-Universums. Colan zeichnete u.a. Daredevil und Iron-Man und zahlreiche Horrorstoffe wie Tomb of Dracula. Der Vampirjäger Blade ist ebenso seine Schöpfung wie der erste schwarze Superheld The Falcon aus den Captain America-Comics. Nachrufe in englischer Sprache findet man u.a. bei Mark Evanier und, in sehr ausführlicher Form, beim Comics Journal.

Comic Strip Artist’s Kit (Redux)
Temple of the Seven Golden Camels, Mark Kennedy
Mark Kennedy, der in den Disney Animation Studios arbeitet, veröffentlicht auf seinem Blog das siebenseitige „Comic Strip Artist’s Kit“ von Disney-Zeichner Carson Van Osten aus dem Jahr 1975. Den Disney-Zeichnern werden darin in anschaulicher Form hilfreiche Tipps und Tricks für das Zeichnen von Figuren, Anlegen von Panels usw. gegeben. Lohnt sich sicher auch dann, wenn man keine Mäuse und Enten zeichnet.

Green Lantern‘: 5 Lessons for Hollywood
The Hollywood Reporter, Borys Kit
Die aufwendige 3D-Verfilmung des DC-Superhelden Green Lantern blieb am Startwochenende in den US-Kinos unter den hohen Erwartungen des Studios Warner Brothers. Auch die Kritiken sind verhalten bis vernichtend. Der Hollywood Reporter nennt fünf Punkte, die das Filmbusiness aus dem Flop lernen kann; darunter auch die Punkte „Sei wie Marvel“ sowie „Sei anders als Marvel“.

Bienenbüttel illustriert
Page, Claudia Gerdes
Illustratorin und Comiczeichnerin Claire Lenkova (Spring) erzählt, wie eine Illustration für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung eńtsteht.

Neuer Name für das Wilhelm Busch Museum
Hannoversche Allgemeine, Uwe Janssen
Die Wilhelm-Busch-Gesellschaft streitet über eine Namensänderung: Auf Inititative der Vereinsführung heißt das in Hannover ansässige Museum seit letztem Jahr „Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch“. Früher hieß es  „Wilhelm-Busch-Museum – Deutsches Museum für Karikatur und kritische Grafik“. Die Mitglieder wurden zu diesem Thema nicht befragt, lehnten die Namensänderung überwiegend ab und forderten eine Rückkehr zum alten Namen. Bei der Mitgliederversammlung am Samstag wurde nun offiziell abgestimmt. Das Ergebnis ist ein Kompromiss, nämlich ein dritter Name: „Wilhelm Busch Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst“ wird das Museum in Zukunft heißen. Bleibt zu hoffen, dass sich die Volksfront von Judäa nicht schon nächste Woche wieder in Judäische Volksfront umbenennt.


Delcourt prend le contrôle des éditions Soleil

ActuaBD, Didier Pasamonik
Der französische Comicmarkt verändert sich: Passend zum 25-jährigen Verlagsjubiläum übernimmt Editions Delcourt den Verlag Soleil. Beide Verlage sind (im Vergleich zu Schwergewichten wie Dargaud oder Glénat) relativ jung. In der Vergangenheit haben Soleil und Delcourt schon einmal für mehrere Jahre bei der Vermarktung der Auslandslizenzen kooperiert, außerdem existiert seit 2003 der gemeinsame Vertrieb Delsol, ein Joint Venture der beiden Verlage.

Frisch aus der Druckerei: Mai 2011

Wie immer, wenn unser Printmagazin ansteht, sind wir ein bisschen spät dran, aber sowas hat uns ja noch nie abgehalten. Hier sind also die interessantesten Neuheiten, die im Mai in unseren Comicläden aufschlugen.

HIGHLIGHT DES MONATS

Hau die Bässe rein, Bruno!Bei Edition 52 gibt es einen neuen Comic von Baru: Hau die Bässe rein, Bruno! erzählt wieder eine Geschichte aus der Unterschicht, diesmal von einem illegalen Einwanderer aus Afrika, der seine Zukunftshoffnungen in sein Fußballtalent setzt und irgendwie an einen kleinkriminellen Ex-Knacki gerät. Die ersten 25 Seiten des Buchs kann man bei der Comicradioshow sehen.

EIGENPRODUKTIONEN

Inspektor Kajetan und die Sache KoslowskiDas Trendthema Graphic Novel bewegt weiterhin klassische Buchverlage, dieses Gewässer zu testen. Bei der Deutschen Verlagsanstalt, wo vor ein paar Jahren schonmal Will Eisners Das Komplott erschien, wagte man nun eine Eigenproduktion, basierend auf einer hauseigenen Krimireihe. Die Inspektor Kajetan-Romane spielen in München zur Zeit der Weimarer Republik; den ersten dieser Romane, , adaptierte Autor Robert Hültner nun selbst, gemeinsam mit dem Illustrator Bernd Wiedemann, der die Geschichte mit skizzenhafte Bleistiftzeichnungen umsetzt. Wie die Leseprobe (PDF) zeigt, gibt es keine Sprechblasen und keinen klassischen Panelaufbau. Das Buch wirkt auf den ersten Blick eher wie ein Bilderbuch für Erwachsene.

Mit Andreas Dierßen kehrt ein altgedienter deutscher Comiczeichner nach etwa zehn Jahren Pause zurück auf die Bildfläche. Seinen neuen Comic Die besten Zeiten, erschienen unter Carlsens Graphic-Novel-Label, bezeichnet der Verlag als „gezeichneten Episodenfilm“ und vergleicht ihn mit den Filmen von Woody Allen. Es geht wohl um den Großstadtalltag, aber viel mehr erfährt man leider nicht, und auch Seiten aus dem Comic sind online ńirgends zu finden. Er soll aber gut riechen, heißt es.

Peter Lundt 1Ebenfalls bei Carlsen: Eine neue Krimicomic-Reihe, basierend auf der Hörspielserie Peter Lundt von Arne Sommer, deren Held ein blinder Detektiv ist. Das Skript zum ersten Comicband „Gnadenstoß“ schrieb Sommer selbst, die Zeichnungen stammen von Volker Sponholz, den man u.a. durch verschiedene Fußballcomics (Bertis Buben) kennt. Ein paar Seiten daraus sind auf Facebook zu sehen.

Der dicke König heißt der 320 Seiten starke Hardcoverband, in dem die Ehapa Comic Collection zahlreiche, teils ziemlich deftige Kurzcomics sammelt, die Ralf König in den letzten Jahren für diverse Magazine gezeichnet hat. Die allermeisten davon (aber nicht alle!) sind zuvor in mehreren Alben bei Männerschwarm erschienen. Zusätzlich geadelt wird der königliche Band durch ein Vorwort von Denis Scheck, dem dicken König der TV-Literaturkritiker (PDF-Leseprobe).

Unser Lieblings-Trash-Fabrikant Weissblech Comics bringt mit der ersten Ausgabe von Ungeheuer! eine Sammlung von Horrorstories, die allesamt von Klaus Scherwinski gezeichnet wurden. Ein Teil davon erschien bereits in Horrorschocker, andere entstanden für den US-Markt und sind hier erstmals auf Deutsch zu finden.

AUS FRANKREICH UND BELGIEN 

Als „Splitter Book“ erscheint der biografische Comic Jim Morrison: Poet des Chaos, der sich in schwarz-weißen Bildern mit dem Mythos des Doors-Sängers beschäftigt, dessen Tod in Paris sich Anfang Juli zum 40. Mal jährt. Fällt definitiv aus dem Rahmen dessen, was man sonst aus dem Splitter Verlag gewohnt ist. Hier eine Leseprobe.

Schon eher Splitter-typisch ist das die neue vierteilige Serie Siebengestirn von André Houot, eine sehr klassisch gezeichnete, surreale Science-Fiction-Geschichte. Eine Kostprobe gibt’s hier.

Der allgegenwärtige, inzwischen schon erstaunlich langlebige Zombie-Trend zeigt sich nicht nur in US-Hits wie The Walking Dead oder Zwerchfells „Zombies in Deutschland“-Projekt Die Toten, es schlägt sich natürlich auch auf dem frankobelgischen Markt nieder, wo der Verlag Soleil eine Albenreihe mit dem simplen Titel Zombies ins Leben gerufen hat. Band 1 der Serie von Olivier Peru und Sophian Cholet gibt’s bei Splitter und kann hier angelesen werden.

Thorgal 1Im Mai starteten bei Splitter zwei große Reprint-Projekte, die den Verlag in den nächsten Monaten beschäftigen werden. Zum einen ist das Thorgal, die SF-meets-Barbaren-Serie von Jean Van Hamme und Grzegorz Rosinski. Sie wurde vom Carlsen Verlag freigegeben, weil der die umfangreiche Backlist nicht mehr lieferbar halten konnte und auch kein Interesse hatte, neue Spin-Off-Serien zu verlegen. Das erste Album der Spin-Off-Reihe Die Welt von Thorgal brachte Splitter bereits im April, nun liegen zeitgleich zwei Bände der Original-Serie in den Läden: Band 1, „Die Rache der Zauberin“ als Auftakt der Collector’s Edition (in der gleichen hochwertigen Aufmachung wie zuvor Storm und Comanche) sowie der neue (von Yves Sentes geschriebene) Band 32, „Die Schlacht von Asgard“, der bisher noch nicht auf Deutsch vorlag. Danach ist erstmal ein paar Monate pause, ab November soll dann „mindestens ein Band pro Monat“ erscheinen.

Zum zweiten bringt Splitter demnächst eine Neuauflage des SF-Klassikers Der Incal von Alejandro Jodorowsky und Moebius. Im Vorfeld dazu erscheint auch der Dreiteiler Der letzte Incal, den Jodorowsky zusammen mit dem Zeichner Ladrönn seit 2008 nachschiebt. Das erste Album dieses Zyklus erschien vor zwei Jahren schonmal bei Ehapa, wurde dort aber nicht fortgesetzt. Die Splitter-Variante enthält zusätzlich noch eine Kurzgeschichte (Leseprobe).

Noch mehr Jodorowsky: die Ehapa Comic Collection bringt eine zweibändige Gesamtausgabe der Fantasy-Serie Alef Thau, die zwischen 1983 und 1998 mit dem Zeichner Arno entstand. Es geht um einen Jungen, der ohne Arme und Beine geboren wird, dafür aber magiebegabt ist. Neben klassischer Fantasy sind auch Science-Fiction-Elemente sowie mystisch-esoterische Einsprengsel zu finden. Die Gesamtausgabe hat – zum Unmut der eingefleischten Fans – ein kleineres Format als die Originalalben (PDF-Kostprobe).

Jodorowsky zum Dritten: Ogregod ist ein Science-Fiction-Comic, das von einem Jules-Verne-Roman inspiriert ist. Gezeichnet wird er Zoran Janjetov, der mit Jodorowsky schon bei den Techno-Vätern zusammengearbeitet hat. Diese Serie, von der auch in Frankreich erst eine Ausgabe erschienen ist, bringt Ehapa ganz klassisch als Einzelband (PDF-Leseprobe).

Luc Orient Gesamtausgabe 1Auch von der Ehapa Comic Collection wird die „Generation Zack“ weiterhin mit hochwertigen Gesamtausgaben klassischer Comics bedient. Neu gestartet ist im Mai die Luc Orient Gesamtausgabe, die in fünf Bänden die Science-Fiction-Comics sammelt, welche vom Verlag als „der franko-belgische Flash Gordon“ bezeichnet werden. Eddy Paape und Greg kreierten diese Serie 1967 für das Magazin Tintin, wo bis 1994 immer wieder Episoden erschienen. Eine Leseprobe (PDF) ist hier zu finden.

Bei Schreiber & Leser erschien ein Sonderband von Sokals Serie Inspektor Canardo: Canardo Spezial – Eine schöne Flasche geht zurück zu den Anfängen des Enterichs und Hard-Boiled-Ermittlers und enthält die ersten Canardo-Kurzgeschichten, die in den späten 70ern fürs Magazin A Suivre entstanden. Erstmals in den 80ern bei Carlsen auf Deutsch erschienen, kommt diese Neuausgabe mit neuer Übersetzung, neuer Kolorierung und neuem Bonusmaterial daher. Die Leseprobe steht hier.

Der Verlag Comicplus+ startet mit dem Vierteiler Der Triumph des Heiligen Waldemar, einem Kunstfälschungs-Thriller von Frank Giroud (Zehn Gebote, Quintett). Nachdem der Verlag lange am Softcover-Albenformat festgehalten hat, wechselt er hier erstmals (abseits von Sonderausgaben) aufs Hardcover-Format, das sich für frankobelgische Albenstoffe mittlerweile als Standard etabliert hat.

Finix Comics, zuständig für die Vervollständigung von Comicserien, die anderswo abgebrochen wurden, greift eine kurzlebigen Funnycomic von Pierre Seron (Die Minimenschen) auf, der bei uns Die Müllers heißt. Der vor Jahren bei Carlsen erschienene erste Band wurde beim Gratis-Comic-Tag als Heft nochmal unters Volk gebracht, gleichzeitig erschien der zweite Band als Finix-Album. Keine schlechte Strategie. Eine Leseprobe findet man hier, bei uns gibt es eine Besprechung des Albums.

Tokyopop erweitert sein Ankama-Label: Ebenso wie Wakfu ist auch Dofus ein Online-Rollenspiel der französischen Firma Ankama, und auch hierzu gibt es jetzt eine Comic-Umsetzung, die optisch in einem lässigen Mix aus westlicher Trickfilm- und Manga-Ästhetik daherkommt. Dofus setzt vor allem auf überdrehten Humor und zählt in Frankreich zu den Topsellern. Hierzulande ist das Echo noch recht verhalten, im sonst so aktiven Toykopop-Forum gibt es kaum Resonanz. Die dort versprochene Leseprobe konnte ich auch nirgends finden. Die französische gibt’s hier.

AUS DEN USA

Die Edition 52 setzt die vielfach hochgelobte „Essex County“-Trilogie von Jeff Lemire mit dem zweiten Band Geister Geschichten fort, der inhaltlich unabhängig von den Geschichten vom Land ist. Es geht aber wieder um das Leben im ländlichen Kanada, das diesmal mit Szenen aus der Metropole Toronto kontrastiert wird. Hier eine Leseprobe als PDF.

Black HoleBlack Hole, das Teenage-Angst-Drama von Charles Burns, zählt zu den wichtigsten Werken der amerikanischen Independent-Comics. Die Serie war schon früh Teil des Programms von Reprodukt (Band 1 erschien 1997). Zum zwanzigsten Verlagsjubiläum gönnt man sich nun eine angemessene Gesamtausgabe, die die komplette Story in einem Band sammelt. Steht zusammen mit vielen anderen Pflichtlektüren auf der schon etwas angejahrten, aber immer noch essentiellen Liste der Top 100 Comics. Und hier geht’s zur Leseprobe.

Vom Bocola Verlag kommt ein ebenso überraschendes wie charmantes Nachdruck-Projekt eines amerikanischen Zeitungscomic-Klassikers: Der hierzulande kaum bekannte King Aroo von Jack Kent, der von 1950 bis 1965 lief und von einem fantastischen Königreich voller sprechender Tiere erzählt. Band 1 enthält die Comics der ersten beiden Jahre. Eine Leseprobe (PDF) gibt’s hier, und hier steht unsere Rezension.

Ein Comic zum erfolgreichen Videospiel-Franchise Assassin’s Creed? Gab’s da nicht neulich erst ein Album bei Splitter? Richtig, das kam aus Frankreich. Parallel wurde auch eine Lizenz in die USA vergeben, wo eine Miniserie bei Wildstorm erschien, die nun via Panini ebenfalls in Deutschland landet: Assassin’s Creed: Der Untergang. Vor allem das Kreativteam lässt hier aufhorchen: Die Kanadier Cameron Stewart und Karl Kerschl, die hier beide gemeinsam als Autoren und Zeichner am Werk waren, kennt man nicht nur durch diverse Mainstream-Projekte, sondern auch durch ihre preisgekrönten Webcomics The Abominable Charles Christopher und Sin Titulo. Kapitel 1 kann bei myComics gelesen werden.

Noch ein Comic zu einem Computerspiel, ebenfalls bei Panini: Für die Adaption von Dragon Age wurde Fantasy-Vielschreiber Orson Scott Card (Ender’s Game) als Autor engagiert, der sich aber wiederum von seinem Co-Autor Aaron Johnston helfen ließ. Diese Autorenwahl sorgte für einige Kritik in der schwulen Community. Das Rollenspiel ist dort recht beliebt, weil es darin auch homosexuelle Beziehungen gibt. Orson Scott Card hingegen ist bekennender Mormone, wohnt politisch am rechtskonservativen Rand und hat öffentlich gegen „Gay Marriage“ Stellung bezogen. myComics hat das erste Kapitel.

Das letzte EinhornIrgendwann musste es kommen: Eine Comicumsetzung von Peter S. Beagles Fantasyklassiker Das letzte Einhorn, dessen Zeichentrick-Verfilmung jedes Jahr um die Weihnachtszeit ein formvollendetes Kitsch-Meisterwerk auf die Fernseher zaubert. Für den Comic wurde der Roman von Peter B. Gillis adaptiert und von Renae De Liz gezeichnet. Die Leseprobe sieht tatsächlich ziemlich hübsch aus.

Auch die TV-Serie Fringe aus der Erfolgsfabrik von J.J. Abrams gibt’s bei Panini als Comic. Dieser, geschrieben von Mike Johnson und gezeichnet von Tom Mandrake, erzählt die Vorgeschichte zur Serie (Kapitel 1 online lesen).

Es ist ein bisschen kompliziert mit Human Target. Die Fernsehserie, die bei Pro Sieben wegen schlechter Quoten gerade aus dem Programm gekickt wurde, basiert lose auf einer DC-Figur, die Len Wein in den 70er Jahren erfunden hatte. Wein durfte anlässlich der TV-Umsetzung auch nochmal eine Miniserie schreiben, die bei Panini als Human Target: Kopfgeld für den Paten erschienen ist. Die eigentlich interessanten Human Target-Comics aber sind jene, die Autor Peter Milligan zwischen 1999 und 2003 für Vertigo schrieb. Da gab es zuerst eine vierteilige Miniserie (2000 als Sammelband bei Speed erschienen), später 21 Ausgaben einer Ongoing-Serie und dazwischen noch die abgeschlossene Graphic Novel Final Cut. Was nun bei Panini unter dem Titel Human Target – Graphic Novel herauskam und auf dem Cover nochmal auf die Pro-Sieben-Serie verweist, enthält sowohl Milligans Miniserie als auch Final Cut. Verwirrend, in der Tat. Aber der Comic lohnt sich (Leseprobe).

Lutz Göllner schrieb kürzllich im Comixene-Newsletter: „Irgendwo bei Panini sitzt ein unverbesserlicher Sam-Kieth-Fan, der dem deutschen Leser gnadenlos alles reinwürgt, was der in Spanien lebende Amerikaner so produziert.“ Zuletzt war das Arkham Asylum: Madness, eine Story, die in den USA nicht wie üblich zuerst als Miniserie, sondern direkt als abgeschlossener „Graphic Novel“-Band auf den Markt kam. Sie spielt natürlich in der namensgebenden Klapsmühle von Gotham City , wobei Batman nur als Schriftzug auf dem deutschen Cover auftaucht und sonst nirgends. Hier die Leseprobe.

Im Kino läuft ja gerade das X-Men-Prequel First Class, das die Entstehungsgeschichte von Charles Xaviers Mutanten-Schule erzählt. Bei Marvel gabs von 2006 bis 2009 eine gleichnamige Miniserie von Jeff Parker und Roger Cruz, die eine ganz andere Geschichte erzählte. Aber weil’s so gut passt, gibt’s die jetzt bei Panini im als Paperback-Reihe X-Men: Erste Entscheidung. Ich kenne den Comic nicht, aber Jeff Parker genießt als Autor einen sehr guten Ruf, also könnte das einen Blick wert sein (Leseprobe).

AUS GROSSBRITANNIEN

Im britischen Comicmagazin 2000 AD gibt es bereits seit 1983 Comics um den irischen Barbaren Sláine, eine Art UK-Variante von Conan, geschrieben von Pat Mills. Einige davon erschienen in den Neunzigern bei Bastei, Fest und Fleetway auf Deutsch. Zehn Jahre später kommt ein neuer Anlauf vom neuen, in Italien ansässigen Verlag Nona Arte: Dieser bringt die Trilogie Sláine: Bücher der Invasionen, mit gemäldeartigen Bildern von Clint Langley. Könnte Ihnen gefallen, wenn Sie auf Heavy-Metal-Plattencover stehen.

AUS ASIEN

Off Road KidsEin sehr ungewöhnlicher Farbtupfer im Tokyopop-Programm ist der Einzelband Off Road Kids – Kinder ohne Obdach vom Zeichenduo Akira Himeka (Legend of Zelda). Dieser enthält drei Kurzgeschichten, die sich mit der Realität von Straßenkindern auseinandersetzen: auf den Philippinen, in Vietnam und in Afghanistan. Gedacht sind diese Stories vor allem für jüngere Kinder (im Nachwort ist von Fünftklässlern die Rede), das ernste Thema könnte aber durchaus auch ältere Leser ansprechen – zumindest dann, wenn der Manga es schafft, nicht allzu lehrreich-moralisch rüberzukommen.

Ansonsten gibt’s in den Mangaregalen wie üblich viel Liebe und Romantik: In dem Boys-Love-One-Shot Brandoll von Ryo Takagi (PDF-Leseprobe bei EMA). In der neuen Serie Love Love Mangaka bei EMA, die in der Mangabranche spielt und dadurch vielleicht eine nette Metaebene bekommt (PDF-Leseprobe). Und in Black Rose Alice, der neuen Reihe von Setona Mizushiro (After School Nightmare) bei Carlsen, die im Wien von 1908 spielt.

SEKUNDÄRLITERATUR

Volker Hamann, der in seiner Edition Alfons seit vielen Jahren das Fachmagazin Reddition verlegt, hat gemeinsam mit Matthias Hofmann ein neues Projekt gestartet. Der Comic-Report, dessen erste Ausgabe im Mai erschien, soll ab sofort einmal jährlich einen umfassenden Überblick über den deutschen Comicmarkt geben. Die beiden Herausgeber haben eine Menge Autoern zusammengetrommelt, die in zahlreichen Artikeln einen recht umfassenden Überblick über den Stand der Dinge in Comic-Deutschland geben. Außerdem sammelt der Band auch akribisch Zahlen, Daten und Fakten. Das Inhaltsverzeichnis ist hier einsehbar.

Quo vadis, DC Comics? Das Comicgate-Kamingespräch

Ab August 2011 soll das Superhelden-Universum des DC-Verlags komplett neugestartet werden. Außerdem plant der Verlag, erstmals alle neuen Hefte am Tag des Erscheinens auch online verfügbar zu machen. COMICGATE berichtete. Im COMICGATE-KAMINGESPRÄCH diskutieren Marc-Oliver Frisch und Björn Wederhake, mit Einwürfen von Benjamin Vogt, Thomas Kögel, Frauke Pfeiffer und Andi Völlinger über den umstrittenen Plan.

[Anmerkung: Die hier festgehaltene Diskussion entspann sich per E-Mail zwischen dem 3. und 15. Juni. Zu Beginn der Konversation waren noch nicht alle Informationen bekannt, weil DC die Details erst nach und nach herausrückte.]

ACTION COMICS

BJÖRN: DC wird im Herbst also alle bisherigen Serien beenden und für volle 52 Serien mit einer neuen Nummer 1 starten. Dabei soll alles auf Null gesetzt werden und bestimmte Figuren werden eine neue Origin bekommen, sollen aber im „Kern“ weiterhin erkennbar bleiben. Ziel dieser Aktion ist wohl, eine große Zahl neuer Leser auch jenseits des Superheldenstammlesers zu gewinnen, einen „jumping-on point“ für diese Gruppe zu schaffen. Dafür spricht auch das neue Digitalkonzept des Verlages.

Eure Prognosen: Ist das eine realistische Einschätzung? Oder besteht eher, wie einige Händler befürchten, die Gefahr, dass DC viele Stammleser verlieren wird, die den Verlust der bisherigen Continuity als „jumping-off point“ sehen?

MARC-OLIVER: Ich glaube, gerade die Stammleser werden DC die neuen Hefte erst einmal aus der Hand reißen, als hätte man gerade warme Semmeln entdeckt. Natürlich sind die Härtesten der Harten jetzt beleidigt und geschockt, weil man ihnen ihr schönes Universum durchschüttelt und ihre fortlaufende Nummerierung kaputtmacht. Aber das gab’s ja alles schon mal, und richtig vergrault hat noch kein Verlag seine Leser damit. Die sind wahrscheinlich am heißesten darauf, zu sehen, wie’s weitergeht, sei’s auch nur, um sich darüber aufzuregen und Hassmails zu verschicken. Um die Stammleser würde ich mir also keine Sorgen machen, und das Rumgemotze, das aus dieser Ecke kommt, kann im Hinblick auf neue Zielgruppen sogar ganz werbeträchtig sein, wie man z.B. bei Marvel vor zehn Jahren gesehen hat. Da haben die Leute gemerkt: Oh, die Hardcore-Fans machen Zoff, offenbar tut sich da was – vielleicht lohnt sich das jetzt ja doch mal, reinzuschauen.

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BJÖRN: Mein erster Gedanke war, dass DC nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Ich stimme dir zu, den wirklich harten Kern der Leser wird man nicht verlieren. Die Frage ist nur, ob man sich langfristig traut, nicht nach seiner Pfeife zu tanzen. Die Rückkehr von Hal Jordan als Green Lantern oder, noch mehr, die Rückkehr von Barry Allen als Flash, haben mir gezeigt, dass DC der Mumm fehlt, sich wirklich von der Zeit vor der Crisis on Infinite Earths zu lösen, also immer wieder primär eine Gruppe bedient, die schon vor über einem Vierteljahrhundert Comics gelesen hat. Darum bin ich skeptisch, ob man hier wirklich einen sauberen Bruch macht.

Andererseits sehe ich schon das Potenzial für Leserverlust, und zwar schon vor dem Reboot: Diejenigen, die nicht der harte Stamm sind, könnten jetzt schon abspringen, weil sie befürchten müssen, dass ihre Serien ohnehin nicht zu Ende gebracht werden. Lohnt es sich für mich wirklich, jetzt Secret Six weiterzulesen, wenn die Serie in drei Ausgaben endet und danach von einem Kreativteam neu gestartet wird, dass mich nicht reizt?

Neuleser mit den Erstausgaben zu gewinnen ist möglich, wobei ich nicht glaube, dass wirklich jemand in die Sache reinschaut, nur weil die Troglodyten auf dem DC-Messageboard jetzt jammern als sei ein naher Verwandter gestorben. Deutlich schwieriger ist es, diese Neuleser dann auch langfristig zu halten, dazu muss die Qualität stimmen. Und noch mehr: DC wird in kürzester Zeit 52 Serien mit Ausgabe #1 neu starten. Das wird für Superman, Batman, Wonder Woman, Flash und Green Lantern vermutlich kein Problem sein. Aber werden die Neuleser die wirklich starken Serien entdecken, die nicht die großen Titel haben, oder werden diese einfach in der Flut der Neustarts untergehen und dann sterben? Ich bin da sehr skeptisch. Ich sehe nicht, wie der bestehende Markt so etwas tragen kann. Und ob die Digitalinitiative wirklich einen derartigen Unterschied ausmacht? DC, bzw. Warner, sollte besser gewillt sein, erstmal ein Verlustgeschäft zu machen, ehe sich das amortisiert.

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BENJAMIN: Ich befürchte, dass DC mit etlichen Jahren Verspätung versucht, sowas wie Marvels Ultimate-Universum zu etablieren, nur dass sie es nicht als eigene off-continuity-Schiene sehen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das funktioniert. Gut, die großen Titel, Green Lantern, Justice League, Flash usw. werden nach wie vor gekauft, denn die Stammleser sind neue Nummer-Einsen ja ohnehin gewohnt und mit beliebten Kreativteams (Johns/Lee z.B.) werden sich genug Käufer finden.

Den Frischeeffekt, den man sich erhofft, und damit die Generierung neuer Leser, indem man die Helden auf Jugendlich trimmt und ihnen neue Kostümdesigns verpasst (das scheint mir das primäre Konzept zu sein), wird wohl schnell verpuffen. Das ist auch beim Ultimate Universe geschehen, und man konzentrierte sich schnell wieder aufs klassische Universum. Serien wie „Deadman“ oder Mr. Terrific sehe ich jetzt schon reihenweise nach wenigen Ausgaben gecancelled, so wie es vorher eben auch lief.

Meine Prognose: Flaggschiffe wie Action Comics oder Detective Comics werden entweder nicht neu nummeriert oder werden relativ bald wieder zur alten Nummerierung zurückkehren (was bei Marvel ja auch praktiziert wurde) und (falls sie vom überhaupt vom Reboot betroffen sind) schleichend auch inhaltlich wieder zum klassischen Konzept zurückkehren. Ich glaube nicht, dass sich die einzelnen Titel jetzt signifikant mehr oder weniger verkaufen werden. Die wichtigsten werden ohnehin konstant verkauft, der Rest ist nur austauschbares Begleitwerk. Erst Recht, wenn die Künstler daran nicht besonders spektakulär sind.

THOMAS: Ich lese zur Zeit nicht eine DC-Superheldenserie regelmäßig, könnte mich also theoretisch als Neuleser angesprochen fühlen. Einen potenziell interessierten Leser halten zur Zeit vor allem zwei Dinge vom Kauf ab, denke ich: zum einen die Nummerierung – Hilfe, die Serie ist mittendrin bei Nummer 73, wo steige ich da ein? Das behebt man natürlich mit einem Neustart. Viel gewichtiger aber ist der Eindruck, den die DC-Serien von außen erwecken: Alles gehört zusammen, alles ist ineinander verschachtelt, Continuity ist wichtig, du musst so ziemlich alles lesen. Und ich sehe von DC noch keine Signale, dass sie daran etwas ändern wollen. Im Gegenteil: Man kippt 52 Serien über dem Publikum aus. Zweiundfünfzig! Ja seid’s ihr wahnsinnig? Wenn DC wirkliche Eier hätte, müssten sie eine radikale Schrumpfkur durchziehen. Acht bis zehn Flaggschiff-Serien pro Monat, mit Top-Kreativteams und erstklassiger Qualität. Und im Erfolgsfall behutsam ausbauen. Da wäre ich dann auch interessiert und hätte Lust, reinzuschnuppern. Aber bei 52 Serien bin ich doch schon von der schieren Masse überfordert und winke ab.

Das Digital-Ding ist nochmal ein anderes Thema, das halte ich wirklich für einen ziemlich gerissenen und mutigen Schachzug, auch weil er die Branche unter Druck setzt. Das wird entweder nach hinten losgehen und DC nachhaltig schaden. Oder es hat Erfolg, dann wird die Konkurrenz nachziehen müssen und der Comicmarkt wird sich grundlegend verändern, auf Kosten vieler Comichändler. Das wird auf jeden Fall spannend.

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MARC-OLIVER: Man braucht positive Anreize, um neue Leser zu finden, das stimmt. Und da teile ich Eure Skepsis. Erstens sind es viel zu viele neue Titel auf einmal, was es gerade für diejenigen weniger etablierten Stoffe und Figuren schwer macht, die man eigentlich fördern müsste, wenn man tatsächlich neue Leserschichten erschließen wollte. Von daher bin ich auch nicht überzeugt, dass DC überhaupt noch davon ausgeht, über seine Heftserien – sprich: in den Comicläden – „neue“ Kunden erreichen zu können.

Andererseits fehlt, wie Thomas sagt, auch inhaltlich ein klares Signal, dass man es anders machen will als bisher. Und wo sind eigentlich die neuen Gesichter? In den 15 bisher angekündigten Serien findet man kein einziges, weder unter den Autoren und Zeichnern noch unter den Figuren. Gut möglich, dass da noch was nachkommt, aber ein entschlossener Bruch mit der Vergangenheit sieht doch anders aus. Zumal DC sich ja von dem Begriff „Reboot“ vorsorglich schon mal distanziert hat.

Ich erwarte daher im US-Fachhandel allenfalls einen kurzfristigen Effekt durch den Neustart. Und man muss eben auch die Marktrealitäten sehen. Im US-Markt besteht nun schon seit Jahren die Situation, dass die Verlage einerseits immer noch auf Gedeih und Verderb an den Fachhandel gebunden sind, andererseits aber gleichzeitig sehen, dass das vom Fachhandel erreichte Publikum tendenziell immer weiter schrumpft. Plump gesagt: Der US-Fachhandel ist überlebenswichtig fürs aktuelle Tagesgeschäft, aber gleichzeitig mausetot, was die Erschließung neuer Leser angeht. Also muss man den Spagat schaffen, sich neue Vertriebsmöglichkeiten – etwa Buchhandel und digitale Vertriebswege – zu erschließen, ohne den Fachhandel zu früh zu vergraulen. Und diesen Spagat sehen wir hier. Wenn DC es schafft, mit dem Neustart im Fachhandel kurzfristige Zugewinne zu erzielen und mittelfristig die Absätze mehr oder weniger stabil zu halten, dann würde ich das auf diesem Sektor schon als Erfolg werten.

Die große Unbekannte in der Rechnung ist natürlich der unverzögerte digitale Vertrieb. Darin sehe ich auch den bedeutendsten Aspekt und das größte Potenzial dieses Neustarts, ganz unabhängig vom Inhalt. Denn ist dieser Korken erst einmal aus der Flasche, gibt es wohl kein Zurück, und der Rest der Branche gerät in Zugzwang.

Es werden also demnächst viele Fragen akut. Wird man mit dem digitalen Angebot tatsächlich Kunden gewinnen können, die man nie in einem Comicladen antreffen würde? Wenn ja, wie viele? Und werden die Titel, die dieses Publikum herunterlädt, dieselben sein wie die, die das Print-Publikum liest, oder doch ganz andere? Welchen Preis werden Kunden mittel- und langfristig für digitale Comics zu zahlen bereit sein? Werden sich aus diesen Faktoren vielleicht für bestimmtes Material Verkaufszahlen ergeben, die dazu führen, dass dieses Material künftig gar nicht erst gedruckt, sondern zunächst exklusiv digital angeboten wird, weil die Schnittmenge mit dem Print-Publikum so gering ist, dass sie den Druck dieses Materials überhaupt nicht mehr rechtfertigt? Wir werden’s rausfinden. Da kommt einiges auf den Markt zu.

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BENJAMIN: Ich kann nicht wirklich abschätzen, ob der digitale Vertrieb sich tatsächlich als so lukraktiv erweisen wird, wie es der Verlag erwartet. Aber nach der Ankündigung seitens DC, dass zumindest beim Erscheinen eines neuen Comics die digitale Version gleich viel kostet wie die Printversion (der Grund liegt darin, dass man die Befürchtungen der Händler bezüglich sinkender Verkäufe berücksichtigen will), frag ich mich, ob da nicht potenzielle Interessenten der Digital-Version wiederum protestieren. Denn eigentlich fallen ja Kosten für Druck, Vertrieb usw. weg, da müsste sich ja eine Differenz ergeben. Oder übersehe ich da was?

Anders fomuliert: Wenn nicht über den Kostenfaktor, wie sonst will man ausreichend Anreize schaffen für die digitale Version?

BJÖRN: Ich halte die Idee der Neuleser ohnehin für eine weitgehende Utopie der Verlage. Man schaue doch nur, was in den letzten Jahren Neuleser bringen sollte, aber im Effekt nichts gebracht hat: Superheldenfilme haben im letzten Jahrzehnt Milliarden US-Dollar eingespielt, während der Markt weiter geschrumpft ist. Marvel hat sein Mega-Event Civil War und den Tod von Captain America massiv in den Medien, sogar in der New York Times, hypen können. Die Spider-Man/Obama-Ausgabe war ein Riesenerfolg. Was war das Resultat? Ein einmaliger Ausschlag nach oben in den Verkaufszahlen und danach die Rückkehr zum alten Elend. Natürlich kann man sagen, dass die Neuleser abgeschreckt wurden, weil sie nicht wussten, wo sie anfangen sollten. Aber das Problem bestand schon immer, und die Lösung da muss es sein, dass jede Ausgabe potenziell freundlich für neue Leser ist. Das hat früher geklappt. Das klappt im Fernsehen seit Jahrzehnten bei Seifenopern. Wenn man sich der Realität aber verschließt, dann gibt man sich einer Spirale aus Neustarts und Reboots hin und kann sowas eigentlich einmal pro Jahr durchführen.

Und, ganz ehrlich, ich sehe nicht, dass das hier wirklich Nicht-Leser heiß macht: „Hey! Wir fangen alles nochmal bei Null an!“ Wenn mich Superhelden bisher nicht interessiert haben, dann interessieren sie mich auch jetzt nicht. Ein bloßer Reboot wird mich da nicht hinter dem Ofen hervorlocken. An der Stelle ist noch massive Werbearbeit zu betreiben.

Nochmal zu den 52 Serien: Jenseits des schon erwähnten „Wo fange ich an?“, sehe ich noch ein Problem. Wo bitte nimmt man 52 Kreativteams her? Okay, ein Autor kann auch mal zwei oder drei Titel im Monat schreiben, aber viele Serien haben doch jetzt schon Probleme, pünktlich zu erscheinen, weil die Zeichner nicht hinterherkommen. Selbst wenn man 52 Teams hat, dann wird man darunter Teams haben, die nicht nur namentlich, sondern auch im Qualitätsanspruch ganz tief unten starten. Ist es das, was man bei so einem Neustart will? Das Risiko, das experimentierwillige Käufer direkt enttäuscht werden? Meiner Ansicht nach müsste man die großen Titel mit „mid-level teams“ bestücken (Marke Waid, Kesel, Dixon), da die sich ohnehin verkaufen werden. Die wirklich großen Namen, die Morrisons und Lees, sollte man an die kleineren Serien lassen, von denen man hofft, sie als Marke etablieren zu können.

Abschließend zum klaren Bruch: Ich werfe mal einen Blick in Weird Worlds #6, eine Science-Fiction-Anthologie. Da steht auf der letzten Seite „Continued in My Greatest Adventure #1, on sale in OCTOBER.“ Die betiteln da also etwas mit einer #1, das eigentlich die Fortsetzung einer Geschichte aus dem Mai ist. Soviel zum klaren Bruch. Leser die sich das kaufen, werden mitten in einer Geschichte mit bereits etablierten Figuren starten. Die ganze Sache erscheint mir jetzt schon wie ein völlig planloser Clusterfuck.

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MARC-OLIVER: Klar, bei der Preispolitik schüttelt man erst einmal den Kopf. Aus der Sicht von DC macht das geplante Vorgehen aber durchaus Sinn. Man hat ja mit dem Fachhandel schon einen verlässlichen Markt mit verdammt treuen Abnehmern, der nach wie vor sehr gut funktioniert für die Verlage. Von einer solchen Bank, auf die man bauen kann, ist der digitale Markt noch sehr, sehr weit entfernt. Es wäre also äußerst dumm von DC, die Fachhändler jetzt gegen sich aufzubringen – was man mit niedrigeren Preisen zweifellos tun würde. Der Spatz in der Hand ist eben besser als die Taube auf dem Dach. Erst, wenn DC davon ausgehen kann, dass der digitale Vertrieb ein solides Geschäftsmodell bietet, wird man es sich leisten können, mit den Belangen des Fachhandels weniger zimperlich umzugehen. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Natürlich sind die aktuellen digitalen Preise nicht unbedingt ein Kaufanreiz. Das weiß man auch bei DC, spätestens seit der erzkonservative Manager Paul Levitz letztes Jahr seinen Hut nahm. Der neue Co-Herausgeber Jim Lee, dem die digitale Abteilung des Verlags sehr am Herzen liegt, ist ein kluger Mann auf der Höhe der Zeit, dem eine solche Problematik sicher nicht verborgen bleibt. Aber wenn man die spezielle Marktsituation in den USA betrachtet, führt eben nur eine Politik der kleinen Schritte ans Ziel. Jetzt hat man erst einmal die Hemmschwelle zu einem unverzögerten digitalen Angebot überschritten. Das ist, vergleichsweise, schon ein Paukenschlag und ein verdammt großer „kleiner Schritt“ – gerade für den DC-Verlag, der unter Levitz‘ Führung zuletzt ja nicht unbedingt dafür bekannt war, bei neuen Entwicklungen vorzupreschen.

Der nächste Schritt ist nun, dass die anderen Verlage – in erster Linie Marvel – nachziehen. Und spätestens, wenn die sofortige digitale Bereitstellung sich flächendeckend durchgesetzt hat und die Fachhändler entsprechend desensibilisiert und aklimatisiert sind, wird auch bald jemand damit anfangen, die Preise zu senken. Diese Entwicklung sehe ich als unvermeidlich an. Aber sie kann eben nicht von heute auf morgen stattfinden, sondern muss sich an der Realität, Stand: jetzt, orientieren. Es wäre unverantwortlich und kommerzieller Selbstmord für DC, gleich mit, sagen wir, 99 Cent pro digitaler Episode einzusteigen. Es ist immer noch der Fachhandel, der die US-Comicbranche zu 95% trägt. Darauf kann man nicht einfach so verzichten, auch wenn der Anteil tendenziell immer weiter schrumpft.

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BJÖRN: Und gleichzeitig vergibt man eine Chance, die seit Jahren diskutiert wird: Warum muss denn jeder Comic in gedruckter Form erscheinen? Wenn du einen radikalen Schnitt machst und zugleich deine Digitalschiene anlaufen lassen willst, dann gibt es da ein großes Potenzial.

Serien die sich im Print nicht rentieren – und bei 52 Neustarts werden das locker 20 bis 30 Serien sein – könnten sich möglicherweise in digitaler Form rentieren. Warum also nicht versuchen, ein paar der kleineren Serien erstmal rein digital zu veröffentlichen, und zwar als Lockangebot mit oben genannten 99 Cent. Da werden die traditionellen Comicläden natürlich auch klagen, aber die Alternative wäre in dem Fall, die Serien gar nicht zu verlegen. Funktioniert so eine Serie digital, dann kann man sie von da immer noch in Form von Paperbacks später auf Papier bannen.

DCs „großer Sprung nach vorn“ ist nur einer, wenn wir ihn mit der bisherigen DC-Politik vergleichen. Aber dann können wir auch meinen Großvater als Digitalpropheten feiern, weil er jetzt ein Handy besitzt. DC erklärt selbst, dass es hier darum geht, „neue“ Kunden anzuwerben. Und das sind Kunden, die eh nicht im Fachhandel kaufen. Und dass sind Kunden, die eher gewillt sind eine Serie mal digital zu testen. Und Preise von 1,99 oder 2,99 Dollar schrecken da schlicht ab. Wenn du erklärst, dass dieser Neustart der Punkt ist, an dem bitte alle Neuleser an Bord kommen sollen (unser Luftschiff erreicht Lakehurst in wenigen Stunden), dann ist das hier der Zeitpunkt, an dem du deine Preise zu senken hast, um möglichst viele Comics an möglichst viele Leute zu bringen. Nicht irgendein mystischer Zeitpunkt in der Zukunft, in der du feststellst, dass du doch nur wieder die gleichen Leser hast, die du schon immer hattest.

Aber wegen mir: Lass deine Toptitel, deine Batmans und Supermans, digital bei 2,99, um den Comichändlern nicht völlig auf die Füße zu treten. Aber du kannst deine Preispolitik nicht völlig nach einem Markt ausrichten, von dem du dich langsam lösen willst. Da dürfte DC ruhig die Muskeln spielen lassen: Was wollen die Händler denn tun? DC-Titel nicht mehr führen? Das wird nicht passieren.

Ganz ehrlich, mit so einer Digitalpolitik begeht DC Selbstmord aus Angst vor dem Tode.

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MARC-OLIVER: Langfristig werden sich bestimmt einige der neuen Serien nicht halten können, aber bis dahin rentieren sie sich schon. Was sich nicht rentiert, wird ja seit jeher gnadenlos eingestellt und mit neuen, rentableren Titeln ersetzt. Wenn man wirklich beherzt Material produzieren wollte, mit dem exklusiv Digitalkunden erreicht werden sollen, dann muss man auch wieder entsprechende Qualität abliefern – die kostet zum einen Geld, und die ist zum anderen dann auch wieder für den Fachhandel interessant. Solche Comics nicht zu drucken, würde derzeit schlicht bedeuten, Geld – viel Geld – ohne Not liegen zu lassen, von der Verärgerung der Händler ganz zu schweigen. Und dann gäbe es immer noch keine Garantie, dass das Angebot überhaupt wahrgenommen würde.

Der Zustand des US-Fachhandels ist aber gar nicht so schlecht, wie er seit Jahren geredet wird. Die Fachhändler sind nichts weniger als die Garanten der Existenz fürs Verlagsgeschäft von DC und Marvel. Das sollte man nicht unterschätzen, wenn man über das Potenzial eines digitalen Markts spricht. Diese Symbiose zwischen Verlagen und Handel, diese absolute gegenseitige Abhängigkeit, ist 40 Jahre lang gewachsen. Eine Hauruck-Lösung funktioniert da nicht, bei aller gebotenen Weitsicht. Man muss einfach Geduld haben, wenn man diese sehr delikaten Strukturen aufbrechen und verändern will. Wenn sich einer der Hauptbeteiligten einen Fehltritt leistet, kann das schnell zum Kollaps des gesamten Markts führen, wie man Mitte der 1990er gesehen hat.

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BJÖRN: Einige Serien werden sich langfristig nicht halten können? Du bist deutlich optimistischer als ich. Ich sehe mittel- bis kurzfristig ein Viertel der neugestarten Serien scheitern. Mindestens. Und die werden dann durch neue, rentablere Titel ersetzt? Das zweifle ich an. Resultat ist eher, dass andere Titel nicht mehr rentabel sind und die werden eingestellt und durch neuere ersetzt, und so fort.

Marc-Oliver, du hast die genauen Zahlen und weißt wieviele Leser es tatsächlich gibt und wieviel Dollar DC im Monat einnimmt, aber – aus dem Bauch heraus: 52 Superheldentitel eines Verlages sind einfach zu viel (oder wegen mir auch 45, wenn wir einkalkulieren, dass da Titel wie Tiny Titans drin sind). Damit wird der Markt völlig verzerrt und die Leserschaft über ein so weites Feld verteilt, dass unterhalb einer bestimmten vorher existierenden Prominenz kein Titel wirklich auf dem Markt glänzen und an Fahrt gewinnen kann. Weniger Titel, die dafür konzentrierter vermarkten, das sollte die Devise sein.

Bei deiner anderen Aussage: Du hast auch keine Garantie, dass ein Comic in Print wahrgenommen wird. Dass du Geld verschenkst, wenn du etwas digital und nicht auf Papier vertreibst, sehe ich auch noch nicht: Du hast zunächst eine geringere Leserschaft (dann wiederum, einige Titel krebsen bei Stückzahlen von ein paar Tausend verkauften Heften rum), aber du hast auch entfallende Kosten. Comixology will eingebunden werden, außer Warner macht seinen eigenen eStore auf, dafür entfallen Druckkosten, Vertrieb, etc. Alles Posten, die in den 2,99-Preisen eingerechnet sind.

Aber, wegen mir. Sagen wir, dass Digital nicht in der Lage ist Geld zu verdienen und derzeit eine Science-Fiction-Idee. Dass man Comics, anders als Filme oder Musik, nicht am Rechner konsumiert und da erst ein Fundament geschaffen werden muss. Dann zäumt DC hier immer noch das Pferd von hinten auf: Als Verleger willst du deinen Digitalmarkt doch aufgestellt haben, wenn du so einen PR-Stunt abziehst. Damit du in dem Moment an beiden Fronten Geld verdienen kannst. On- und offline. Würde bedeuten, dass man erst seinen Digitalvertrieb in Position bringt und dann die Reboot-Bombe fallen lässt, damit man – siehe oben – viele Comics am Starttermin werbewirksam und preisgünstig an möglichst viele Leser bringen kann. Jetzt zu rebooten, dann zu sagen, dass man Zeit braucht um den Digitalmarkt massenfähig zu machen… wann sollen die Neuleser denn kommen? In einem Jahr? 18 Monaten? 24? Wenn die Hefte wieder Nummern haben, die Neuleser abschrecken? Wenn die Hefte wieder anfangen, eine inzestuöse Continuity einzugehen, weil die Neuleser mit #1 ausgeblieben sind und man sich jetzt wieder beim harten Kern mit den alten Taktiken anbiedern will?

Du sprichts davon, eine Hauruck-Lösung zu vermeiden, weil sie den Markt zerstören könnte: Was ist denn „Wir machen alles platt und fangen überall bei Nummer 1 nochmal an“, wenn nicht eine Hauruck-Lösung? Wenn derzeit kein breiterer Markt besteht um sowas zu tragen, dann hätte man erstmal die Rahmenbedingungen schaffen und dann den Reset-Knopf drücken sollen. Ansonsten ist das nichts anderes als ein weiterer Schrei in der Echokammer die wir Superheldenmarkt nennen.

DC scheint hier nicht zu wissen, was es will. Und saufen und kotzen gleichzeitig, das geht halt nicht.

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MARC-OLIVER: Mein Kommentar, was die Rentabilität angeht, hat ja nichts mit Optimismus zu tun. Man muss einfach das Gesamtprogramm betrachten, und da ist es nun mal so, dass die Zahlen die letzten Jahre mehr oder weniger stabil sind, auch für DC. Klar, im gewissen Sinn ist es ein Scheitern, wenn eine Serie nach 10, 20 Ausgaben eingestellt wird, aber das ist auch eine sehr begrenzte Sicht der Dinge. Entscheidend ist, was unterm Strich rauskommt, und da war es nun schon immer so, dass bis auf ganz, ganz wenige Titel einzelne Serien eben ständig kommen und gehen. Den Verlagen ist es doch wurscht, welcher Titel auf dem Cover steht – die Ressourcen bleiben ja dieselben. Wenn sich Booster Gold nicht mehr verkauft, stellt man die Serie eben ein und lässt die Leute stattdessen Justice League International machen, dann läuft’s wieder besser. Und irgendwann kommt die nächste Serie. Das ist nichts Neues. Und insgesamt ergibt sich daraus eben ein höchst verlässlicher und rentabler Markt. Es würde gar keinen Sinn ergeben, den jetzt panikartig aufs Spiel setzen oder verlassen zu wollen.

Gerade in den letzten paar Monaten stabilisieren sich die Zahlen im US-Fachhandel übrigens wieder auffallend, speziell für DC. Es sieht also aus, als hätte man mit der fast einheitlichen Rückkehr zum Cover-Preis von $ 2,99 und der Reduzierung des Gesamtausstoßes einen positiven Effekt erzielt – und das bei immer noch 54 bis 69 neuen „DC Universe“-Heften pro Monat im Jahr 2011, wohlgemerkt. Allein von der Masse her kann man also davon ausgehen, dass der Markt mit künftig 52 „DC Universe“-Titeln pro Monat, von denen auch wieder die meisten $ 2,99 kosten werden, nicht überfordert sein wäre. (Die Cartoon-Adaptionen, also Tiny Titans und Co., gehören da übrigens nicht dazu. Die laufen separat unter dem „Johnny DC“-Banner.)

Was die Kosten angeht, bin ich skeptisch, ob Deine Rechnung aufgeht. Wenn Du ein Comicheft produzierst, hast Du schon lange vorm Vertrieb hohe Fixkosten. Autor, Zeichner, Colorist und Letterer wollen bezahlt werden, und der Fachhandel sorgt nach wie vor dafür, dass das – zumindest für Schwergewichte wie Marvel und DC – ohne Probleme möglich ist. Es herrscht hier also akut kein Zugzwang für einen etablierten Verlag wie DC. Material exklusiv digital zu produzieren, hieße nichts anderes, als ein solides, funktionierendes Geschäftsmodell gegen eins einzutauschen, das nicht einmal die reinen Produktionskosten gesichert tragen würde. Nochmal: DC und Marvel sind sehr stark an den Fachhandel gebunden, und der Fachhandel ist wiederum sehr stark an DC und Marvel gebunden. Wenn einer dieser drei ausreißt und was Unüberlegtes tut – siehe Marvels Erwerb des Heroes-World-Vertriebs Ende 1994 – dann gerät das gesamte System ins Wanken.

Im Rahmen all dessen sind die Vorstöße in Richtung eines digitalen Vertriebs, die wir in den letzten ein, zwei Jahren gesehen haben, zwar alle zögerlich. Aber es zeigt sich auch, dass die Verlage die Zeichen der Zeit erkannt haben und sich langsam – aber sicher! – in Richtung Zukunft bewegen. Klar, die meisten ihrer Comics sind immer noch seltsamer Fetischkram, und die Digitalversionen sind immer noch viel zu teuer. Aber es gibt offizielle Digitalversionen und ansprechende Formate, was selbst vor drei Jahren ja für viele noch absolute Zukunftsmusik war. Da ist noch enorm viel Luft nach oben, was Inhalte, Logistik und Preismodelle angeht, aber das ist eben ein Prozess, den der ganze Markt durchlaufen muss – und wird. Wenn wir dieses Gespräch in einem Jahr führen, sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Insgesamt bin ich sogar sehr überrascht von DCs Schritt. Dass wir diese Phase so schnell erreichen, hätte selbst ich nicht erwartet. (Ende 2004 hatte ich einen spekulativen Bullshit-Essay zu der Frage verfasst, wie wir US-Comics im Jahr 2014 lesen – wir liegen da ganz gut in der Zeit, würde ich sagen.)

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BJÖRN: Inzwischen wissen wir etwas mehr über den DC-Reboot: Der scheint tatsächlich nicht auf Null zurückzugehen. Wir haben mit Red Hood and the Outlaws eine Serie, in der Jason Todd vorkommen wird und Nightwing #1 wird damit beworben, dass Dick Grayson Nightwing wird, nachdem er zuvor das Cape Batmans getragen hat. Was bedeutet das? Sind A Death in the Family und Final Crisis damit weiterhin Teile des neuen DC-Universums?

Auch einige andere andere Elemente lassen mich verwirrt dreinblicken. Das Promo-Bild für die neuen Teen Titans sieht so aus, als wäre es direkt aus 1994 in unsere Zukunft geflohen. Groteske Anatomie bei Superboy und die Arme von The Darkness bei der Figur unten links miteingerechnet. Und während man den Zeichnern einen Brief schickt, dass sie pünktlich abzuliefern und bis Oktober drei Ausgaben vorzulegen haben, also offensichtlich größere Verzögerungen verhindern will, wird für Hawk & Dove als Zeichner Rob Liefeld angekündigt. Denn wenn ich an Pünktlichkeit denke, denke ich an Rob Liefeld.

Das alles klingt mir nicht übermäßig vertrauenserweckend. Wie seht ihr das?

MARC-OLIVER: Inhaltlich seh ich da auch eher schwarz, zumindest, was den Aspekt der größeren Zugänglichkeit angeht. Ich kann im Großen und Ganzen nicht erkennen, dass man sich von den alten Strukturen und Unzulänglichkeiten wirklich verabschieden will, und das wäre bitter nötig, wenn man es wirklich auf „neue Leser“ abgesehen hätte. Allein DC-Herausgeber Dan DiDios Äußerungen zu dem Thema lassen mich schon die Hände überm Kopf zusammenschlagen. „Jetzt haben wir die Gelegenheit, die Leser zwar nicht ganz am Anfang abzuholen, aber doch an einem Punkt, wo unsere Figuren jünger und die Geschichten zeitgemäßer sind.“ Was soll das heißen, „zwar nicht am Anfang, aber…“? Will man einen Schnitt machen oder nicht?

Besonders einladend finde ich solche weltfremden, hoffnungslos verklausulierten Sprechblasen als Leser nicht. Das ist eine reine Katastrophe. Wenn es kein astreiner „Reboot“ ist, hätte man sich die ganze Aktion ja auch ganz sparen können. Und wenn ich sehe, wen die teilweise schreiben und zeichnen lassen, ist das auch wenig vertrauenerweckend. Rob Liefeld? Brett Booth? Und Zeichner wie David Finch, Ethan Van Sciver oder Francis Manapul dürfen ihr Glück als Autoren versuchen? Ich gönne denen ja ihre Schecks, aber den Mund macht man mir mit solchen Ankündigungen eher nicht wässrig.

Andererseits: Wenn man die einzelnen Serien für sich betrachtet, gibt’s schon auch einiges, was mich interessiert. Batman von Snyder und Capullo, Swamp Thing von Snyder und Paquette, Wonder Woman von Azzarello und Chiang, StormWatch und Demon Knights von Cornell, Animal Man und Frankenstein von Lemire, Justice League Dark von Milligan… sogar Red Hood and the Outlaws („Rotkäppchen und die Banditen“…!?) von Scott Lobdell und Kenneth Rocafort finde ich als alter Fan von Lobdells mitunter völlig sinnbefreiten, dabei aber meistens ungemein spaßigen Action-Reißern sehr verlockend. Und das neue Action Comics von Grant Morrison und Rags Morales ist natürlich Pflicht. Da sind erstaunlich viele Sachen, die mich interessieren – viel mehr als derzeit bei Marvel, etwa.

Aber: Die Unzulänglichkeit oder gar Inkompetenz der DC-Redaktion, ihre Kreativen kreativ sein zu lassen, die oft noch viel groteskere Züge als bei Marvel annimmt, schwebt als großes Fragezeichen über allem. Ich hab vor, mir einige dieser Serien anschauen, aber sobald ich auch nur den Hauch eines Crossovers oder sonstiger Mätzchen spüre, bin ich schneller wieder weg, als die bis drei zählen können. Für so’n Scheiß bin ich zu alt. Es gibt genug andere geile Comics, die gelesen werden wollen.

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FRAUKE: DC könnte mich durchaus als Neuleser gewinnen, wenn die digitalen Versionen auch international und aufm PC zugänglich sein werden. (Bei Dark Horse funktioniert’s, da habe ich schon digital gekauft und gelesen – und zwar geht das sowohl über das normale Internet als auch über die iPhone-App. Sehr gut durchexerziert von Dark Horse!)

(Die DC-)Superhelden haben mich nie sonderlich interessiert, aber bei ein paar der viel versprechenderen Autoren oder für mich persönlich interessanteren Reihen (zugegebenermaßen wäre ich z. B. ein Lesekandidat für die Apollo/Midnighter-Reihe) wäre ich neugierig genug, ein paar Euro zum Antesten auszugeben.

Ich glaube aber nicht, dass es mich genug interessiert, um es vorzubestellen und dafür unbedingt zum Comicladen zu stiefeln – insofern würde bei mir das Digitalangebot ziehen. Insbesondere, da ich nicht scharf darauf bin, hier Tonnen von Heftchen rumliegen zu haben. Entweder ist der Comic toll genug, dass ich mir später einen entsprechenden Sammelband zulegen würde, oder so enttäuschend, dass ich eh nicht mehr als einmal reingucke. Und für diese Entscheidung (und das evtl. erste Lesevergnügen) reicht mir die Bildschirmvariante.

Und wie gesagt – es interessiert mich wirklich, ob/wie DC auf längere Zeit die Händler unterstützen will. Denn vermutlich geht es vielen Leuten so wie mir.

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ANDI: Ich bin zunächst einmal erstaunt, dass „Flashpoint“ so relativ kurz nach „Brightest Day“ inklusive mehrerer Serien-Neustarts und eines neuen Status Quo für einige DC-Helden, angesetzt wurde. Das wirkt nicht gerade vorausschauend und langfristig geplant.

Was ich bisher an Promo-Bildern für die neuen Serien gesehen und an Teaser-Texten gelesen habe, klingt teils, als ob man gerne einen Reboot in Marvels „Ultimate“-Stil vorgenommen hätte, aber aus Angst vor der eigenen Courage (und den Fans) dann doch lieber etwas in der Art von „Heroes Reborn“ durchzieht. Und daran erinnere ich mich mit einer tiefen Stirnfalte… Mit Jim Lee, Rob Liefeld (?!) und Brett Booth sind ja auch gleich drei der für „Heroes Reborn“ Verantwortlichen mit an Bord. Ob es dann nach einem Jahr vielleicht heißt, die ganze „Flashpoint“-Kontinuität existiert nur in einem „Taschenuniversum“, das irgendein übermächtiger Superheldenspross geschaffen hat, und am Ende geht es wieder zurück ins altbekannte DC-Universum? So als Hintertürchen, wenn alles schief läuft? Wie auch immer, man muss „Heroes Reborn“ bei aller angebrachten Kritik an den damaligen Storys immerhin zugute halten, dass die Comics sehr zugänglich für Neuleser waren und sich damals auch die Verkaufszahlen der betroffenen Serien (vorübergehend) steigerten. Und darum scheint es ja auch hier vor allem zu gehen.

Ein glatter Neuanfang für DC-Helden, die eine notorisch verwirrende Vergangenheit voller Neuinterpretationen mit sich rumschleppen, wie z.B. Hawkman, Firestorm oder die Legion of Super-Heroes, kann eigentlich nur eine Verbesserung sein. Schaut man sich den Reboot des Star-Trek-Franchises oder im kleineren Rahmen der Spider-Man-Comics nach „Brand New Day“ an, kann ein derartiger Schritt auch toll funktionieren. Was mich aber verwundert, ist diese Halbherzigkeit, die hier an den Tag gelegt wird: Es gibt Reboot-Serien, bei denen augenscheinlich radikale Änderungen vorgenommen wurden – wie Superman/Action Comics und Teen Titans – und dann wieder solche, bei denen es (fast) weiterläuft wie bisher, z.B. Legion of Super-Heroes von Paul Levitz und Francis Portela. Laut Dan DiDio „probably one of the books you’ll see the least amount of change taking place“. Vermutlich hat man sich nicht getraut, Legion-Überautor Levitz seine gerade erst gestartete Comeback-Serie unter den Fingern umzumodeln…

Als zwar nicht ständiger, aber Immer-wieder-mal-DC-Leser empfand ich die über lange Jahre gewachsene Komplexität des DC-Universums aller Probleme zum Trotz jedoch eigentlich immer als ein Plus, als einen (figuren-)geschichtlichen Hintergrund, vor dem die Heldinnen und Helden, ihre Handlungen und Beziehungen zueinander erst wirklich eine gewisse Tiefe bekamen. Klar, man hatte oft keine Ahnung, warum Held X ein Problem mit Heldin Y hatte, aber irgendwie bekam man dann ja doch mit, dass sie eine Version seiner zur Schurkin mutierten Ex-Freundin aus einer alternativen Zukunft ist. Dieses Gefühl, dass alles und jeder eine lange Geschichte hat und man diese bei Bedarf sogar in Comicform nachlesen kann, macht doch bei Langzeiterzählungen immer den besonderen Reiz aus.

Beim Reboot wird zwar offenbar einiges an alter Kontinuität erhalten bleiben oder nur leicht modifiziert, aber gleichzeitig auch viele Ereignisse, Beziehungen und Entwicklungen aus der Vergangenheit der Figuren gestrichen. Und wenn man eine Comic-Heldin wie Orakel/Barbara Gordon, die sich nach beendeter Batgirl-Karriere und dem Hüftschuss durch den Joker im Rollstuhl sitzend zu einer der stärksten weiblichen DC-Figuren entwickelte, zugunsten eines Neuanfangs als Batgirl aufgibt bzw. „rebooted“, erscheint mir das eher wie ein Rückschritt.

Aber wie auch immer: Ein endgültiges Urteil über den Inhalt der neugestarteten Serien kann man sich ja erst bei deren Erscheinen bilden. Und ein paar der neuen Kostümdesigns, Kreativteams und Serienprämissen wie Animal Man von Lemire und Foreman, Wonder Woman von Azzarello und Chiang, Legion Lost von Nicieza und Woods und das Konzept der Anthologie-Reihe DC Universe Presents sprechen mich durchaus an. Letztendlich zählt beim Ganzen ja eh nur eins: ob die Comics Spaß machen oder nicht.

Was meint Ihr dazu, liebe COMICGATE-Leser? Eure Meinung ist gefragt!


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Alles auf Anfang: DC Comics wagt Neustart im Netz
Marc-Olivers erster Überblick und Kommentar zum Thema (2. Juni)

52, heb auf: Was taugen die neuen DC-Serien?
Marc-Olivers kurze Einschätzung zu allen 52 neuen DC-Serien: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

DC Comics Month-to-Month-Sales
Marc-Olivers monatliche Kolumne bei The Beat zu den DC-Verkaufszahlen im amerikanischen Direct Market (englisch)

 

Abbildungen: © DC Comics

Die Müllers 2

Cover Die Müllers 2Das Cover des zweiten Bandes kündigt es an: Adalbert Müller steht kurz vor der Explosion. Stets übellaunig, leicht tolpatschig und cholerisch bewältigt er seinen Alltag als Familienoberhaupt und Pechvogel erster Güte. Aber er ist dabei liebenswürdig. Und obwohl die in den 70er Jahren von Pierre Seron (Die Minimenschen, Spirou) entwickelte Serie Die Müllers heißt (im Original:La famille Fohal), sind alle anderen Figuren, auch die übrigen Mitglieder der Familie, nur Randfiguren neben dem weißhaarigen Herrn Müller.

Der Belgier Seron erzählt in kurzen Episoden, maximal vier Seiten lang, die immer mit einer mal mehr, mal weniger gelungenen Pointe enden. Die Stories sind nicht sonderlich spektakulär, müssen sie aber auch nicht sein, denn immerhin sind die Müllers ja der Inbegriff der braven Durchschnittsfamilie. Sie berichten von Adalbert Müllers Versuch mit seinem Sohn zu angeln, ihmei den Hausaufgaben zu helfen oder etwa an einem Obdachlosen eine gute Tat zu vollbringen. Natürlich enden all diese wohlwollenden Ideen in einem Fiasko, denn das Schicksal lässt der Vater in jedes nur erdenkliche Fettnäpfchen treten.

Nicht jede Episode bewegt sich humoristisch auf dem höchsten Niveau, zu oft wirken manche Gags zerfahren oder verpuffen, weil man den Twist, der einem im letzten Panel bevorsteht, bereits antizipiert.

Seite aus Die Müllers 2Insgesamt sind Die Müllers, von den Pointen abgesehen, eine solide, unterhaltsame Comicserie. Allein durch Serons unverkennbaren frankobelgischen Zeichenstil versprüht jede Geschichte eine gewisse Dynamik, sind die Figuren trotz Funnystil realistisch. Wenn Herr Müller gleich zu Beginn die Haustür öffnet und vom Handwerker unvermittelt und unabsichtlich ein Brett ins Gesicht geknallt bekommt, dann zeigt sich hier bereits, wohin der Hase läuft. Bei einer derart amüsanten und souveränen Darstellung der Situationskomik, der ins Absurde führenden Nachzeichnung alltäglicher Begebenheiten, darf man so manch halbgare Schlusspointen durchaus verzeihen.

Der zweite nun vorliegende Band, der die Serie auch gleichzeitig beschließt, enthält ein knappes Nachwort von Volker Hamann, der kompakt auf die Hintergründe der Serie eingeht. Band 1, der 1992 beim Feest Verlag erschien, wurde von Finix interessanterweise parallel als kostenloses Heft für den Gratis-Comic-Tag nachgedruckt. Somit können Käufer des neuen, zweiten Bandes die Nummer 1 in Heftform gleich gratis mit dazu bekommen und Leser, denen das Gratisheft gefällt, können die zweite Ausgabe in Albenform gleich nachkaufen. Na wenn das mal nicht kundenfreundlich ist.

 

Wertung7 von 10 Punkten

Frankobelgischer Comic mit zeitlosem Humor, allerdings sporadisch mit leichten Schwächen


Die Müllers 2 
Finix Comics, Mai 2011
Text und Zeichnungen: Pierre Seron

48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 11,80 Euro
ISBN: 978-3-941236-43-1

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Finix Comics 

52, heb auf: Was taugen die neuen DC-Serien? (Teil 4)

Teil 4 von 4: In August und September wird der DC-Verlag sein Superhelden-Universum in 52 fortlaufenden Serien neustarten. Das COMICGATE-Büro für nordamerikanische Angelegenheiten hat sich die geplanten Titel mal genau angeschaut.

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40 – JUSTICE LEAGUE DARK
von Peter Milligan und Mikel Janin

o PRO: Der britische Autor Peter Milligan ist immer ein Kaufargument – umso mehr, wenn er die Gelegenheit erhält, schräg abseits, aber doch in Rufweite des Mainstreams zu wirken. Die Voraussetzungen waren also lange nicht mehr so günstig wie hier: eine eher dubiose Version der Justice League soll er betreuen, mit den teils von Vertigo zurückbeorderten Figuren Shade, Madame Xanadu, Deadman, Zatanna und natürlich John Constantine.

o KONTRA: „Justice League Dark“ kann man sich schonmal vormerken. Wenn es um die Wahl des dämlichsten Comic-Titels 2011 gehen wird, hat man hier einen heißen Anwärter. Und Newcomer Mikel Janin hat zwar einen sehr ästhetischen und detaillierten Stil, aber seine Zeichnungen machen auch einen etwas statischen und leblosen Eindruck.

FAZIT: Empfehlung! Hoffen wir mal, dass der Titel eine Verballhornung ähnlicher Stilblüten ist (Dark Wolverine, etc.). Und der Zeichner ist ja immerhin noch jung und entwicklungsfähig. Einem guten, schrägen, subversiven Milligan-Comic scheint hier nichts im Wege zu stehen. 

 


 

alt41 – SWAMP THING
von Scott Snyder und Yanick Paquette

o PRO: Cooles Team: Schreiber Scott Snyder macht in American Vampire und Detective Comics gerade eine sehr gute Figur, Zeichner Yanick Paquette hat sich über die Jahre konstant weiterentwickelt und mit seinem mittlerweile unwiderstehlich knackigen und klaren Action-Stil kürzlich in Batman, Inc. den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Und dass man mit dem Swamp Thing gute Horror-Geschichten erzählen kann, wissen wir ja schon von Alan Moore.

o KONTRA: Andererseits ist zu hoffen, dass die Ehrfurcht der Macher vor Alan Moore nicht der tonangebende Aspekt der Serie sein wird. Denn die besten Alan-Moore-Stories mit dem Sumpfding hat eben Alan Moore geschrieben, und das wird auch immer so bleiben, egal, wie sehr sich der eine oder andere seiner Nachfolger anstrengen mag.

FAZIT: Empfehlung! Dass sie einen schlechten Comic machen könnten, ist den Herren Snyder und Paquette derzeit nicht zuzutrauen. Mit etwas Fortune können wir uns also auf richtig gute Snyder-und-Paquette-Sumpfding-Comics einstellen. 

 


 

42 – ANIMAL MAN
von Jeff Lemire und Travel Foreman

o PRO: Cooles Team: Schreiber Jeff Lemire ist allseits beliebt für Essex County und Sweet Tooth, und Zeichner Travel Foreman hat einen schicken, leicht zugänglichen Breitbild-Stil. Zudem ist Animal Man nach wie vor eine interessante Figur.

o KONTRA: Animal Man ist eine interessante Figur, weil Grant Morrison ihn zu einer gemacht hat. Und die besagten Comics gehen soweit – und sind dabei so sehr mit Morrison selbst verflochten – dass man sich fast schon nicht mehr vorstellen kann, dass ein anderer Autor mit Buddy Baker überhaupt noch irgendwas Sinnvolles anstellen könnte, was nicht schon vor 20 Jahren gesagt worden ist. Vielleicht sollte man einfach mal etwas Mut zu neuen Figuren haben.

FAZIT: Empfehlung! Auch hier scheint eigentlich alles zu passen. Wenn die Herren Lemire und Foreman es nicht schaffen, aus Animal Man einen geilen Superheldencomic zu kredenzen, sind sie wahrscheinlich selber dran schuld. 

 


 

43 – FRANKENSTEIN, AGENT OF S.H.A.D.E.
von Jeff Lemire und Alberto Ponticelli

o PRO: Jeff Lemire. Und Alberto Ponticelli, der stilmäßig zwar noch nicht ganz seine eigene Stimme gefunden hat, aber auf einem guten Weg ist. Und Frankensteins Monster, das seit Grant Morrisons Seven Soldiers: Frankenstein auch im DC-Universum eine Kultfigur ist, die wenig Spielraum für Pfusch lässt. Herr Lemire scheint Morrison zu mögen. Das kann nie schaden.

o KONTRA: Das Repertoire von Morrisons Frankenstein war bisher doch arg begrenzt. Für eine Miniserie hat’s gereicht, aber kann der Herman Munster des DC-Universums in seiner ganzen Einsilbigkeit auch dauerhaft eine monatliche Reihe tragen? Man darf skeptisch sein.

FAZIT: Empfehlung! Das Kreativteam stimmt, die Rahmenbedingungen passen. Beste Voraussetzungen für eine gelungene Serie. 

 


 

44 – I, VAMPIRE
von Joshua Hale Fialkov und Andrea Sorrentino

o PRO: Autor Fialkov konnte mit seinen Independent-Comics Elk’s Run und Tumor Achtungserfolge erzielen.

o KONTRA: Okay, eine Reihe mit dem Titel „I… Vampire“, geschaffen von J.M. DeMatteis und Tom Sutton, erschien bereits Anfang der ’80er in DCs Horror-Anthologie House of Mystery, das hier kommt also nicht ganz aus dem Blauen. Aber mal ehrlich: Das riecht schon verdammt nach einem Versuch, ein bißchen was vom Twilight-Kuchen abzubekommen.

FAZIT: Abwarten. Vampirschmonzens ist ja derzeit nicht unbedingt Mangelware, und ob ausgerechnet das hier die Zeit und Kröten des Publikums wert ist, wird sich zeigen. 

 


 

45 – RESURRECTION MAN
von Dan Abnett, Andy Lanning und Fernando Dagnino

o PRO: Das emsige und beliebte Autorenteam Abnett und Lanning exhumiert seine kultige Serie, die es Ende der 1990er schon mal auf immerhin 28 Hefte brachte – kein Pappenstiel, wenn man bedenkt, dass der US-Markt damals an seinem bisherigen Tiefpunkt angekommen war.

o KONTRA: Nun ja. Der Gag an der Figur besteht darin, dass sie, wie der Titel vermuten lässt, immer wieder aufersteht. Und zwar, weil wir uns ja im DC-Universum befinden, jedesmal mit neuen Superkräften. Der seltsame Genre-Mischmasch ist dann doch ein bißchen viel des Guten.

FAZIT: Kann man lesen. Kann man sich wahrscheinlich auch schenken, ohne viel zu verpassen. 

 


 

46 – DEMON KNIGHTS
von Paul Cornell und Diogenes Neves

o PRO: Autor Paul Cornell (Captain Britain, Action Comics) schreibt eine Serie mit magischen Helden und Schurken, die im Mittelalter des DC-Universums angesiedelt ist? Grandios.

o KONTRA: Ich streng mich an, aber mir fällt nix ein. Kann möglicherweise auch an meinem Kater liegen.

FAZIT: Empfehlung! Wer Cornells Wisdom gelesen hat, der darf schon mal anfangen, mit der Zunge zu schnalzen und sich auf neuen Stoff freuen. 

 


 

47 – TEEN TITANS
von Scott Lobdell und Brett Booth

o PRO: Scott Lobdell kann laute, dumme Action-Comics schreiben, manchmal sogar authentische zwischenmenschliche Momente.

o KONTRA: Bob Harras, der lange Jahre zunächst die X-Men und dann ganz Marvel lenkte, ist seit Herbst 2010 Chefredakteur von DC Comics, fast exakt zehn Jahre, nachdem er bei der Konkurrenz geschasst worden war. Bisher war Harras‘ Einfluss bei DC nur sehr begrenzt spürbar, aber der Neustart von Teen Titans ist durch und durch eine Bob-Harras-Produktion. Sowohl Autor Scott Lobdell als auch Zeichner Brett Booth, seit jeher als „Jim-Lee-Klon“ ohne große eigene Akzente berüchtigt, verdanken Harras ihren Durchbruch und erlebten unter dessen Fuchtel die Blütezeit ihrer Karriere. Das Team Lobdell/Booth hätte man sich vor 15 bis 20 Jahren bei Marvel gut vorstellen können, und das Titelbild der ersten Ausgabe erinnert ebenfalls stark an den grotesken Mutantenstadl aus jenen für Superheldencomics ganz düsteren Jahren. Für eine Serie, mit der DC angeblich jugendliche Leser ansprechen will, ist das nicht unbedingt ein gutes Omen.

FAZIT: Ein typischer Bob-Harras-Comic, im schlechtesten Sinn. Hohe Verkaufszahlen sind nicht mal auszuschließen. 

 


 

48 – STATIC SHOCK
von Scott McDaniel und John Rozum

o PRO: Noch ein schwarzer Held! Hurra! Hurra! Hurra! Mit der Figur Static, Anfang der 1990er vom kürzlich verstorbenen Autor Dwayne McDuffie geschaffen und aus der ebenfalls Static Shock betitelten Zeichentrickserie bekannt, erhält neben Batwing und Mister Terrific ein weiteres relativ junges, nicht-weißes Gesicht seine eigene Serie im neuen DC-Universum. Co-Autor John Rozum, der mit Xombi gerade eine andere bei Kritikern sehr beliebte und von McDuffie mitgeschaffene DC-Serie schreibt, verleiht der Sache zudem einen gewissen Grad an Legitimation.

o KONTRA: Rozums Story in Xombi ist zu kopflastig und nicht unbedingt besonders zugänglich. Außerdem tritt Zeichner Scott McDaniel auch als Co-Autor der Serie auf, obwohl sich die Comics, die er bisher überhaupt geschrieben hat, an ziemlich genau drei Fingern abzählen lassen.

FAZIT: Vorsichtiger Optimismus ist angebracht. Lob für eine weitere Serie abseits der alten Trampelpfade natürlich ebenso. 

 


 

49 – HAWK AND DOVE
von Sterling Gates und Rob Liefeld

o PRO: Nada, null, niente, rien.

o KONTRA: Rob Liefeld. Der Mann ist ein einmaliges Phänomen unter den Comic-Zeichnern. Niemand sonst, dem es so erschreckend eindeutig selbst an den simpelsten Grundlagen seines Handwerks mangelt, konnte sich bis dato so schnell und so nachhaltig allein durch seinen von einem Dutzend besseren Kollegen geschickt zusammengeklauten Zeichenstil als Schwergewicht der Comic-Branche etablieren. Knapp gesagt: Alles, was Du je darüber gehört hast, wie schlecht Rob Liefeld sein soll, ist wahr.

FAZIT: für Gaffer. 

 


 

50 – BLUE BEETLE
von Tony Bedard und Ig Guara

o PRO: Der derzeitige Blue Beetle, alias Jaime Reyes, wurde erst 2006 von Keith Giffen, John Rogers und Cully Hamner erdacht und ist damit eine der jüngsten Figuren, die ab September in ihren eigenen DC-Serien zu sehen sein werden. Das ist sicher zu begrüßen, ebenso wie die lateinamerikanischen Wurzeln der Figur. Das Kreativteam ist unspektakulär aber kompetent, und es sollte sich hier relativ ungestört austoben können.

o KONTRA: Ob die Idee aufgeht, das DC-Universum dadurch ein bißchen weniger „weiß“ zu machen, dass man Rollen aus der vierten Reihe neu besetzt, ist eher fragwürdig. Besonders wenn sie, wie Blue Beetle, neben ihrer ethnischen Herkunft über keinerlei Alleinstellungsmerkmale verfügen.

FAZIT: Könnte ein kurzweiliger, solider Superheldencomic werden, der nur spielen will und niemandem wehtut. Zu sehr daran gewöhnen sollte man sich allerdings nicht, denn die Serie ist vor nicht allzu langer Zeit schon einmal nach rund 30 Ausgaben gescheitert. 

 


 

51 – LEGION OF SUPER-HEROES
von Paul Levitz und Francis Portela

o PRO: Keiner kennt die Legion der Superhelden so gut wie Autor Paul Levitz, der die Serie 1977 zum ersten mal betreute.

o KONTRA: Legion of Super-Heroes ist eine dieser Serien, von denen DC und Marvel glauben, sie immer und immer wieder ausgraben zu müssen, egal wie oft sie am Markt scheitern: aus Tradition, basta. So ist es denn auch wurscht, dass sich schon die aktuelle Paul-Levitz-Version der Reihe schleppend verkauft – genauso wie die meisten anderen Versionen davor auch. Davon, dass die Reihe eine der anachronistischsten und verwirrendsten Superheldenserien überhaupt ist, ganz zu schweigen.

FAZIT: Nur für die Härtesten der Harten unter den DC-Fans. 

 


 

52 – LEGION LOST
von Fabian Nicieza und Pete Woods

o PRO: Das Konzept der Reihe – sieben Helden aus dem 31. Jahrhundert reisen in unsere Gegenwart zurück, um ihre Ära vor der Vernichtung zu bewahren – ist nicht neu, macht aber Lust auf mehr. Und Autor Fabian Nicieza und Zeichner Pete Woods traut man sogar zu, was daraus zu machen.

o KONTRA: Es hängt halt mit der Legion der Superhelden zusammen, weshalb das Damocles-Schwert eines Crossovers über der Serie schwebt.

FAZIT: Zaghafte Empfehlung. Sobald sich allerdings ankündigt, dass die Serie sich mit Legion of Super-Heroes überkreuzt, sollte man das Weite suchen. 

 


 

Hier geht’s zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3 der Blog-Serie.

Links der Woche: Mit Selbstreferenziellem, Wissenschaft und Forschung und dem Comicfestival München

Unsere Links der Woche, Ausgabe 24/2011

 

Eine lange Nacht
a byoo-ti-ful day, Maike Plenzke
Selbstreferenzialität, Teil I: Was passiert, wenn ein Zeichner (in diesem Fall Steven Bagatzky) auf den letzten Drücker seinen Comic für das Comicgate-Printmagazin fertigstellen muss, zeigt Maike Plenzke in ihrem (generell sehr empfehlenswerten) Comic-Blog.

Wie arbeitet ein Comic-Übersetzer?
fudder, Christopher Bünte
Selbstreferenzialität, Teil II: Ein Comicgate-Redaktionsmitglied interviewt ein anderes Comicgate-Redaktionsmitglied, aber es geht um was ganz anderes: Christopher Bünte sprach für das Freiburger Jugendportal fudder mit Marc-Oliver Frisch, der für Cross Cult und Nona Arte Comics übersetzt und dabei so illustre Namen wie Robert Kirkman, Neil Gaiman und Alan Moore ins Deutsche überträgt.

Traumatic brain injuries in illustrated literature: experience from a series of over 700 head injuries in the Asterix comic books
Acta Neurochirurgica, M.A. Kamp, P. Slotty, S. Sarikaya-Seiwert, H.J. Steiger, D. Hänggi
Knallharte Wissenschaft: Eine Forschungsgruppe von Neurochirurgen an der Uni Düsseldorf hat für eine Studie untersucht, wie groß das Risiko für in Gallien stationierte römische Legionäre ist, ein Schädel-Hirn-Trauma zu erleiden. Ausgewertet wurden dazu alle 34 Asterix-Bände, ein Aufsatz dazu erschien jetzt in der Fachpublikation Acta Neurochirurgica. Wem das zu anstrengend ist, kann auch die Meldung bei Spiegel Online lesen.

Wir gegen die
tagesspiegel.de, Lars von Törne
Noch mehr Wissenschaft: Der Tagesspiegel berichtet über die Doktorarbeit des Historikers Oliver Näpel, die sich mit rassistischen Stereotypen im Comic beschäftigt und jetzt als Buch (Das Fremde als Argument) erschienen ist.

Gipfeltreffen der Comicszene
tagesspiegel.de, Oliver Ristau
Ebenfalls auf der Tagesspiegel-Website findet man einen sehr guten Überblicksartikel zum Comicfestival München, das am kommenden Donnerstag startet (und auf dem wir auch vertreten sein werden). Mehr Infos gibt es auf der offiziellen Website, bei den Kollegen von Splashcomics und in einem YouTube-Video, das die Festivalleiter Michael Kompa und Heiner Lünstedt auf ihrem Balkon gedreht haben.

First Costa Brava International Comic Award
mycomics.de-Blog
Fast gleichzeitig mit München läuft im spanischen Torroella de Montgrí das „Festival del Comic“. Dort wird der Costa Brava International Comic Award aus der Taufe gehoben, ein internationaler Wettbewerb für Comiczeichner, bei dem ein stolzes Preisgeld für den Sieger winkt: 20.000 Euro und ein Veröffentlichungsvertrag mit Panini España sowie 5.000 Euro für den Finalisten. Das große ABER, das hierbei nicht verschwiegen werden sollte: Der Sieger tritt auch sämtliche Verwertungsrechte an den Verlag ab.

Our Blood Stained Roof
ryan-a.com, Ryan Andrews
Ein Webcomic vom Kalifornier Ryan Andrews, in dem es um tote Gänse und unschöne Jugenderinnerungen geht. Großartig.

Tron Legacy
disneydigitalbooks.go.com
Disney und Microsoft präsentieren einen animierten und mit Soundeffekten versehenen Tron-Webcomic, der komplett in HTML5 erstellt wurde und daher ohne Flash und ähnliche Ressourcenfresser auskommt. Der Comic selbst ist nicht sehr sehenswert, die Umsetzung zeigt aber recht eindrucksvoll, was mit aktuellen Webtechnologien so möglich ist. Und das Schönste daran: Obwohl es für den Internet Explorer 9 werben soll, kann man das Ding auch wunderbar in jedem anderen modernen Browser sehen.

Kehrwoche of the Dead
Die Toten Blog, Naomi Fearn
Kein Comic, Teil I: Naomi Fearn zeichnet nicht nur Zuckerfisch, sie hat vor ein paar Jahren auch ein kurzes Bühnenstück mit Zombies geschrieben! Der Zwerchfell Verlag druckte das Skript in einem kleinen gelben Reclambändchen, jetzt ist es auch komplett online zu lesen.

A Frank Miller type of face…
luilouie.blogspot.com, Louie Joyce
Kein Comic, Teil II: Ein Porträt von Frank Miller, zusammengesetzt aus Zitaten aus seinen Comics.

Public Domain 2
brianwood.tumblr.com, Brian Wood
Kein Comic, Teil III: Comicautor Brian Wood (DMZ, Norhlanders) bietet sein 132seitiges Skizzenbuch Public Domain 2 zum kostenlosen Download als PDF an. Eine gedruckte Version gibt es auch zu kaufen.

52, heb auf: Was taugen die neuen DC-Serien? (Teil 3)

Teil 3 von 4: In August und September wird der DC-Verlag sein Superhelden-Universum in 52 fortlaufenden Serien neustarten. Das COMICGATE-Büro für nordamerikanische Angelegenheiten hat sich die geplanten Titel mal genau angeschaut.

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25 – BATMAN
von Scott Snyder und Greg Capullo

o PRO: Scott Snyder, der auch das erfolgreiche American Vampire für Vertigo schreibt, beweist in Detective Comics derzeit, dass er der richtige Mann für einen guten, spannenden, zugänglichen Batman-Comic mit makabren Ideen ist. Dass DC seine Serie jetzt offenbar als Flaggschiff der ganzen Batman-Sparte sieht, lässt hoffen, dass Snyder auch in Zukunft sein eigenes Ding machen kann, ohne dass ihm dauernd irgendein Crossover ins Handwerk pfuscht. Und Zeichner Greg Capullo (Spawn) ist nicht nur populär, sondern auch relativ unverbraucht, weil er für DC und Marvel bisher vergleichsweise wenig gemacht hat. Er ist außerdem schnell – und sehr stolz darauf. Das sind drei Merkmale, die ihn zu einer interessanten Wahl machen.

o KONTRA: Capullos schnörkeliger Zeichenstil ist Geschmackssache. Und Snyder mag zwar gut sein, aber ein bißchen weniger Ehrfurcht vor seinen alten Frank-Miller-Comics würde seinem Batman ganz gut tun.

FAZIT: Empfehlung! Es ist erfreulich und vertrauenerweckend, dass DC beim Neustart des Batman-Kosmos in erster Linie auf jemanden wie Snyder setzt. Vielleicht entpuppt sich sich gerade die Partnerschaft mit Capullo als entscheidender Impulsgeber, um seine Geschichten etwas aus dem Schatten von Frank Miller zu befreien und ihnen zu mehr Eigenständigkeit zu verhelfen.


26 – DETECTVE COMICS
von Tony Daniel

o PRO: Tony Daniel, der seit einiger Zeit die Serie Batman zeichnet und auch selbst schreibt, ist als Zeichner schon besser geworden und als Autor noch nicht negativ aufgefallen. Für eine Batman-Serie, die die Fans bei der Stange hält, ohne dabei allzu große Wellen zu machen, ist er damit eine passable Wahl.

o KONTRA: Für eingefleischte Fans mag es reichen, wenn ein Autor oder Zeichner sich keinen Bock leistet, aber wenn man bei Neulesern einen Blumentopf gewinnen will, sollte man auch was zu bieten haben, das es anderswo nicht gibt.

FAZIT: Hardcore-Batman-Fans werden wohl auf ihre Kosten kommen. Für alle anderen wird die Serie eher verzichtbar.


27 – BATWING
von Judd Winick und Ben Oliver

o PRO: Ein schwarzer Batman, noch dazu in Afrika! Hurra! Hurra! Hurra! Das DC-Universum hat Figuren, die nicht weiß, männlich und heterosexuell sind, bitter nötig. Autor Judd Winick hat vor zehn Jahren durch seinen unverkrampften Umgang mit schwulen Figuren in Comics wie Pedro and Me oder auch Green Lantern diesbezüglich viel Beifall geerntet.

o KONTRA: Der anonyme Werbetexter plappert in der Beschreibung gleich mal, frei von der Leber weg, das Klischee vom schönen und wilden Land nach. Da möchte man schon beim ersten Satz schreiend und mit den Armen fuchtelnd aus dem Fenster springen. Es wird folgerichtig auch nicht für nötig erachtet, zu präzisieren, wo genau der „Batman von Afrika“ denn zuhause sein soll. Ja mei, Afrika halt – Stößchen. Und Judd Winick ist einer der Superheldenautoren, die die Grenzen des guten Geschmacks ausloten, ohne das unbedingt zu beabsichtigen. Es passiert ihm halt manchmal. In den letzten Jahren hat Winick so den Kredit seiner Arbeit an Green Lantern bei vielen verspielt.

FAZIT: Klingt nach Rohrkrepierer mit hohem Fremdschämpotenzial. Ist aber sicher gut gemeint.


28 – BATMAN: THE DARK KNIGHT
von David Finch

o PRO: Der Name „David Finch“ verkauft sich gut.

o KONTRA: Finch schreibt und zeichnet bereits seit über einem halben Jahr eine Batman-Serie mit diesem Titel – und hatte schon bei Erscheinen der Debüt-Ausgabe im Dezember 2010 über einen Monat Verspätung. Das zweite Heft kam im Mai 2011 heraus, seitdem ist Funkstille. Für weitere Ausgaben – und noch scheint nicht sicher, ob vor dem Neustart überhaupt noch eine kommt – ist ein Protegé Finchs als Zeichner im Gespräch. Man darf also skeptisch sein, ob die Reihe, wenn sie denn überhaupt regelmäßig erscheinen sollte, das bieten wird, was ihren Hauptreiz ausmacht: Zeichnungen von David Finch. Und selbst wenn, konnte Finch bisher weder als Zeichner noch als Autor die Kritiker wirklich überzeugen. Wenn man von seinem sehr stark von Jim Lee inspirierten Stil absieht, bleibt nicht viel übrig.

FAZIT: Selbst, wenn die Serie regelmäßig erscheinen und das halten würde, was der Werbetext für die erste Ausgabe verspricht, also: Story und Zeichnungen von David Finch, wäre das netteste, was man darüber sagen könnte, dass es sich dabei um eine Batman-Serie von David Finch handelt.


29 – BATMAN AND ROBIN
von Peter J. Tomasi und Patrick Gleason

o PRO: Sowohl Autor Tomasi als auch Zeichner Gleason sind als kompetente und zuverlässige Handwerker bekannt, deren Spezialität solide Superheldenkost ist.

o KONTRA: Weder Tomasi noch Gleason sind dafür bekannt, eigenwillige Comics zu machen, die irgendetwas anderes als das bieten, was man fast überall sonst im Superheldenblätterwald findet.

FAZIT: Wenn man ab September neben Batman unbedingt noch eine zweite monatliche Batman-Serie lesen will, dann sollte man Batman and Robin nehmen. Die Macher werden zwar nicht das Rad neu erfinden, aber sie sind gut und beständig in dem, was sie tun.


30 – BATGIRL
von Gail Simone und Ardian Syaf

o PRO: Wenn Gail Simone (Birds of Prey) eine Serie mit weiblicher Hauptfigur im Batman-Universum schreibt, kann eigentlich nicht viel schiefgehen.

o KONTRA: Muss es ausgerechnet Barbara Gordon als Batgirl sein? Viele Fans sind jetzt schon gegen die Serie aufgebracht. Die Hauptfigur nämlich wurde in Alan Moores Batman: The Killing Joke (1988) vom Joker so verletzt, dass sie fortan querschnittsgelähmt war – und entwickelte sich danach in ihrer neuen Identität als Oracle dennoch zu einer der beliebtesten Heldinnen des DC-Universums, nicht zuletzt dank der überzeugenden Charakterisierung durch Simone in Birds of Prey. Man kann den Fans also nicht wirklich verübeln, dass sie skeptisch sind. Schlimmstenfalls tauscht DC hier eine seiner wenigen wirklich außergewöhnlichen Figuren gegen eine vollkommen gewöhnliche ein. Und: Batgirl? Im Ernst?!

FAZIT: Wie schon erwähnt, ist Gail Simone bestens vertraut mit der Figur und hat auch großen Anteil an ihrer Popularität. Man kann davon ausgehen, dass die Autorin die letzte wäre, die das in einer billigen Story einfach so verwerfen würde. Die Serie hat also eine Chance verdient. (Sofern man von männlichen Vorbildern hergeleitete Heldinnen wie Supergirl oder Batgirl nicht prinzipiell schon albern und langweilig findet.)


31 – BATWOMAN
von J.H. Williams III und W. Haden Blackman

o PRO: Williams‘ Zeichnungen in der kurzen „Batwoman“-Serie, die 2009 und 2010 in Detective Comics veröffentlicht wurde, waren ganz großes Tennis und wurden mit Kritikerlob nur so überschüttet.

o KONTRA: Autor der besagten Serie war Greg Rucka, dem es wohl zu verdanken ist, dass die Idee einer lesbischen Superheldin im DC-Universum trotz eines – wie üblich beim Thema Homosexualität – vollkommen überzogenen Medienhypes nicht zum Krampf verkommen ist. Und Greg Rucka, der ursprünglich auch hier beteiligt sein sollte, hat vor etwa einem Jahr schon bekanntgegeben, dass er keine Lust mehr hat, für DC zu schreiben. Stattdessen treten Williams selbst und ein gewisser Herr Blackman als Co-Autoren auf, die in dieser Funktion beide noch nicht viel vorzuweisen haben. Davon abgesehen wird Williams auch nicht alle Ausgaben zeichnen, sondern sich alle paar Monate mit jemand anderem abwechseln.

FAZIT: Atemberaubende Zeichnungen sind zumindest für die von Williams betreuten Geschichten garantiert. Ob die Autoren allerdings mit Greg Rucka mithalten können, darf bezweifelt werden. Schade.


32 – NIGHTWING
von Kyle Higgins und Eddie Barrows

o PRO: Nightwing, alias der erste Robin, ist ein relativ gut gelaunter Bursche und damit eine nette Abwechslung in Batmans sonst eher schattigem Dunstkreis.

o KONTRA: Von Autor Kyle Higgins hat man noch nicht viel gehört, und Zeichner Eddie Barrows ist auch einer von der unspektakulären Sorte. So richtig Appetit machen die beiden Namen also nicht. Davon abgesehen war das Nightwing-Thema doch auch irgendwie schon durch, nachdem die Figur die letzten beiden Jahre als Batman auftreten durfte, während Bruce Wayne unabkömmlich war.

FAZIT: Könnte theoretisch ganz nett werden, muss man aber nicht haben.


33 – CATWOMAN
von Judd Winick und Guillem March

o PRO: Catwoman ist eine der interessanteren Figuren aus dem Batman-Umfeld.

o KONTRA: Der Werbetext beschränkt sich darauf, zu erklären, wer Catwoman ist. Weil die Figur nach nur gefühlten zwölf Hollywood-Filmen den Menschen ja noch völlig fremd ist. Und der Autor ist Judd Winick, bei dem die Nadel schon seit geraumer Zeit eher nach unten zeigt.

FAZIT: Könnte theoretisch ganz nett werden, muss man aber nicht haben.


34 – BIRDS OF PREY
von Duane Swierczynski und Jesus Saiz

o PRO: Frisches Blut! Roman-Autor Duane Swierczynski, der schon Cable und Iron Fist für Marvel geschrieben hat, feiert sein DC-Debüt.

o KONTRA: Begeisterungsstürme konnte Swierczynski bei Marvel nicht entfachen. Und Birds of Prey wurde erst vor einem Jahr von Autorin Gail Simone neugestartet, die der Serie schon einmal ihren Stempel aufgedrückt hatte und auch jetzt wieder gute Kritiken einheimst. Ganz zu schweigen davon, dass die Verkaufszahlen einbrachen, nachdem Simone die Serie zum ersten Mal verlassen hatte, und erst jetzt wieder – nach einem astronomischen Start – stabil auf dem alten Pegel liegen. Es hätte hier also überhaupt keinen Grund gegeben, alles über den Haufen zu werfen.

FAZIT: DCs Beweggründe für den erneuten Autorenwechsel sind schleierhaft. Gail Simone wäre ein konkreter Grund gewesen, die Serie zu empfehlen. Also: Könnte theoretisch ganz nett werden, muss man aber nicht haben.


35 – RED HOOD AND THE OUTLAWS
von Scott Lobdell und Kenneth Rocafort

o PRO: Der Titel, der Autor und der Zeichner. „Red Hood and the Outlaws“ heißt übersetzt etwa „Rotkäppchen und die Banditen“. Scott Lobdell kann wahnwitzige Action ohne Sinn und Verstand. Und Kenneth Rocafort hat einen klaren, dynamischen Action-Stil, der schön anzusehen ist.

o KONTRA: Scott Lobdell kann außerdem nicht viel. Und die drei Hauptfiguren – Red Hood, Arsenal und Starfire – machen es mir schwer, ihre Namen zu tippen, ohne dabei einzuschlafen.

FAZIT: Geheimtipp! Die Hauptfiguren mögen stinkelangweilig sein, aber zum Schießen und Blöde-Sprüche-Kloppen wird’s langen. Mehr müssen sie in einem Lobdell-Comic eh nicht können. Und dank Rocaforts Zeichnungen wird das Ganze auch noch recht hübsch. Wer mal wieder einen übermütigen Action-Comic ohne Pardon sucht, bei dessen Lektüre man abends das Hirn schon mal rausnehmen und in die antibakterielle Lösung legen kann, der wird hier goldrichtig sein.


36 – GREEN LANTERN
von Geoff Johns und Doug Mahnke

o PRO: Doug Mahnke! Einer der besten Zeichner, die derzeit in der US-Branche arbeiten. Und Autor Geoff Johns ist bei den Hardcore-DC-Fans nach wie vor das Maß aller Dinge.

o KONTRA: Aber warum muss Doug Mahnke ausgerechnet Green Lantern zeichnen? Die Grüne Laterne ist einer der albernsten, eindimensionalsten und ungelenksten Superhelden, die jemals erdacht wurden. Wenn Hal Jordan seinen Eid aufsagt, schämt sich sogar Aquaman fremd.

FAZIT: Für Green-Lantern-Fans weiterhin unverzichtbar. Für alle anderen weiterhin ein Beweis dafür, dass das Superhelden-Volk womöglich einen an der Klatsche hat.


37 – GREEN LANTERN CORPS
von Peter J. Tomasi und Fernando Pasarin

o PRO: Kompetentes, solides Kreativteam.

o KONTRA: siehe Green Lantern, mal 100.

FAZIT: Eine Serie für Hardcore-Green-Lantern-Fans, denen eine Green-Lantern-Serie nicht reicht.


38 – GREEN LANTERN: NEW GUARDIANS
von Tony Bedard und Tyler Kirkham

o PRO: siehe Green Lantern Corps.

o KONTRA: siehe Green Lantern Corps, geteilt durch 20.

FAZIT: Eine Serie für Hardcore-Green-Lantern-Fans, denen zwei Green-Lantern-Serien nicht reichen.


39 – RED LANTERNS
von Peter Milligan und Ed Benes

o PRO: Peter Milligan?! Der Autor von Shade the Changing Man und X-Statix? Ach du liebe Zeit. Da kann man sogar fast neugierig werden.

o KONTRA: siehe Green Lantern, dasselbe in rot – rot wie Blut, worauf man hier besonders viel Wert legt. Auch Zeichner Ed Benes spricht dafür, dass niemand in der Serie zu Späßen aufgelegt ist. Das würde nämlich sein Repertoire an Gesichtsausdrücken sprengen. Außerdem: Milligans Bilanz bei kommerziell lukrativen Projekten, die ihm nicht viel Spielraum für Subversion und Schabernack lassen, fällt ohnehin eher schlecht aus, trotz seiner sonstigen Verdienste.

FAZIT: Wie gesagt, man kann „fast“ neugierig werden. Milligan ist zwar prinzipiell immer eine interessante Wahl, aber es gibt auch Grenzen. Das hier liegt außerhalb der Grenzen.


Hier geht’s zu Teil 1, Teil 2 und Teil 4 der Blog-Serie.

52, heb auf: Was taugen die neuen DC-Serien? (Teil 2)

Teil 2 von 4: In August und September wird der DC-Verlag sein Superhelden-Universum in 52 fortlaufenden Serien neustarten. Das COMICGATE-Büro für nordamerikanische Angelegenheiten hat sich die geplanten Titel mal genau angeschaut.

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12 – ACTION COMICS
von Grant Morrison und Rags Morales

o PRO: Grant Morrison ist seit Jahren der mit Abstand innovativste und anspruchsvollste Autor, den man in der Superheldenbranche finden kann. Zwar hat er erst vor zwei Jahren seinen preisgekrönten Geniestreich All Star Superman mit Frank Quitely abgeschlossen, aber man darf bei Morrison davon ausgehen, dass Action Comics wieder in eine komplett andere Richtung gehen wird. Und Rags Morales ist ein talentierter, eigenständiger Zeichner, von dem man in letzter Zeit viel zu wenig gesehen hat.

o KONTRA: Man hat von Rags Morales so wenig gesehen, weil er Probleme hatte, sich an die Erscheinungsweise der meisten US-Comics anzupassen. Ob sich das jetzt ändern wird, steht in den Sternen. Zudem ist auch Morrison kein unbeschriebenes Blatt, was Verspätungen angeht. Es wäre also keine Überraschung, wenn es zu größeren Lücken zwischen den Ausgaben oder dem Einsatz von „Gastzeichnern“ käme. Außerdem geht das Gerücht um, die Neuerfindung der Figur sei Teil eines windigen DC-Manövers im ewig fortdauernden Rechtsstreit mit den Erben von Superman-Miterfinder Jerry Siegel (1914-1996).

FAZIT: Ein absolutes Muss! Wer Morrison kennt, der weiß, dass genau hier ab September die Musik für all diejenigen spielen wird, die von ihren Superheldencomics einen gewissen Qualitätsstandard erwarten. Wen juckt’s da, wenn ein Heft mal ein, zwei Monate Verspätung hat, wir sind ja nicht in einer Dosenwurstfabrik. Die Verbindung mit dem Rechtsstreit bleibt ein mehr oder weniger stichhaltiges Gerücht, aber wer’s mit der Ethik ganz streng nimmt, der darf eh schon lange nichts mehr von DC oder Marvel kaufen, denn Siegel und Shuster sind bei weitem nicht die einzigen, die von den beiden Großverlagen und ihren Vorgängerfirmen gnadenlos ausgebeutet und abgezockt worden sind.


13 – SUPERMAN
von George Pérez und Jesus Merino

o PRO: Der legendäre Zeichner George Pérez zeichnet die Titelbilder.

o KONTRA: Der legendäre Zeichner George Pérez zeichnet den Comic nicht selber, sondern skizziert ihn nur grob, um die Ausführung dem ebenfalls erfahrenen, aber nicht ganz so legendären Zeichner Jesus Merino zu überlassen. Der legendäre Zeichner George Pérez betätigt sich dafür als Autor, was er seit Mitte der ’90er nicht mehr getan hat.

FAZIT: Fans dürfen sich auf einen soliden, aber kaum bahnbrechenden Superman-Comic einstellen. Ob die Reihe für Neuleser der beste Einstieg sein wird, ist zu bezweifeln.


14 – SUPERBOY
von Scott Lobdell und RB Silva

o PRO: Scott Lobdell ist für leichte, übermütige, zuweilen völlig irre Popcorn-Unterhaltung bekannt. RB Silva ist ein talentierter junger Zeichner mit quirligem Stil, der zusammen mit Autor Nick Spencer gerade eine Reihe hoch gelobter Kurzcomics mit Supermans Kumpel Jimmy Olsen produziert hat.

o KONTRA: Scott Lobdell ist für leichte, übermütige, zuweilen völlig irre Popcorn-Unterhaltung bekannt. Für logische, ausgeklügelte Geschichten ist er weniger bekannt. Und: Superboy? Im Ernst?!

FAZIT: Sollte eine leichte, übermütige, zuweilen völlig irre Serie mit quirligen Zeichnungen werden, die links rein und rechts gleich darauf wieder rausläuft, ohne dabei allzu große Spuren zu hinterlassen.


15 – SUPERGIRL
von Michael Green, Mike Johnson und Mahmud Asrar

o PRO: Der Werbetext verspricht einen interessanten Ansatz: Supergirl soll eine unausgeglichene Teenagerin sein, deren Wertschätzung für die Menschheit sich in Grenzen hält.

o KONTRA: Die Kreativen konnten sich bisher trotz diverser Projekte noch keinen Ruf machen, was meistens ein schlechtes Zeichen ist. Und: Supergirl? Im Ernst?!

FAZIT: Nur was für Hardcore-Fans.


16 – STORMWATCH
von Paul Cornell und Miguel Sepulveda

o PRO: Paul Cornell hat in Serien wie Wisdom und Captain Britain and MI13 gute bis sehr gute Arbeit geleistet. Und Action Comics, welches er derzeit noch betreut, genießt auch durchweg gute Kritiken.

o KONTRA: Bei Stormwatch handelt es sich um die fünfte Inkarnation einer Serie des von DC 1998 gekauften und danach mit brutaler Langsamkeit an die Wand gefahrenen WildStorm-Labels, das im Dezember 2010 endlich sterben durfte, lange nachdem es aufgehört hatte zu leben. Dass die einst für ihre innovative und respektlose Attitüde bekannten WildStorm-Serien nun ausgerechnet als Teil des DC-Universums nochmal aufblühen sollen, scheint mehr als fragwürdig. Weiterer Stolperstein: Der Werbetext kündigt an, dass sich die Serie auf die Handlung von Superman #1 beziehen soll. Das muss nun nicht gleich den Rückfall in einen undurchdringlichen, konstanten Crossover-Modus bedeuten. Aber unglücklich ist so ein Hinweis allemal, wenn man bedenkt, dass DC mit dem Neustart eigentlich „neue Leser“ erreichen will. Und drittens hat Cornell in der Zwischenzeit auch schon den einen oder anderen Rohrkrepierer produziert.

FAZIT: Man kann Cornell zutrauen, dass er aus dem Rohmaterial trotz aller Widrigkeiten einen guten Comic bastelt. Zarter Optimismus ist angebracht.


17 – VOODOO
von Ron Marz und Sami Basri

o PRO: Sami Basris Zeichnungen sind einfach schön anzusehen.

o KONTRA: Eine weitere WildStorm-Figur, die hier Witchblade etwas ähnlich sieht. Und, huch, der Autor ist Ron Marz, ein Routinier der alten Schule, der gerade auch Witchblade schreibt. Der Werbetext klingt, als wüsste selbst DC noch nicht so ganz, worum es in der Serie eigentlich gehen soll.

FAZIT: Ein sicher schön gezeichneter Comic, den aber eigentlich kein Mensch braucht.


18 – GRIFTER
von Nathan Edmondson und Cafu

o PRO: Nathan Edmondson ist der Autor von Who Is Jake Ellis?, einer fünfteiligen Image-Miniserie, die bisher einen sehr soliden Eindruck macht.

o KONTRA: Auch Grifter stammt aus dem WildStorm-Fundus, und auch er ist nicht unbedingt eine Figur, die wegen ihrer Originalität auffällt. Außerdem sind von Who Is Jake Ellis? erst vier Ausgaben erschienen – ob die Geschichte am Ende den hohen Erwartungen gerecht wird, ist also noch nicht raus.

FAZIT: Könnte mit etwas Glück ein kurzweiliger Action-Thriller werden.


19 – DEATHSTROKE
von Kyle Higgins und Joe Bennett

o PRO: Der Brasilianer Joe Bennett ist einer der unterschätztesten Zeichner der US-Szene. Seit fast 20 Jahren ist er in der Branche tätig, konnte bisher aber noch nicht den großen Wurf landen. Was sicher auch daran liegt, dass er Mitte der ’90er an Serien wie Alan Moores Supreme oder Amazing Spider-Man arbeitete, obwohl er damals eigentlich noch nicht soweit war. Seit einigen Jahren wäre er’s – bloß scheint das leider noch niemand so richtig bemerkt zu haben. Immerhin findet er regelmäßig Arbeit, was ja auch nicht selbstverständlich ist und für seine Zuverlässigkeit spricht.

o KONTRA: Alles andere. Autor Kyle Higgins ist ein unbeschriebenes Blatt, Deathstroke eine recht eindimensionale und wenig originelle Figur. Und der Werbetext scheint geradezu bemüht, die Serie als stumpfen, tausendmal gelesenen Action-Schmarrn darzustellen.

FAZIT: Gähn. Kann mich jemand wecken, falls es doch was zu sehen gibt?


20 – SUICIDE SQUAD
von Adam Glass und Marco Rudy

o PRO: Ich passe.

o KONTRA: Autor und Zeichner sind bisher hauptsächlich als unauffällige Lückenbüßer in Erscheinung getreten. Das Konzept der Serie wird immer wieder mal gerne aufgewärmt. Hätte man nicht wenigstens John Ostrander als Autor ins Boot holen können? Der Erfinder der bisher beliebtesten Inkarnation der Suicide Squad aus den ’80ern hatte zuletzt wieder öfter für DC geschrieben, leidet an einer Augenkrankheit und hätte das Honorar für seine Krankenhausrechnungen sicher gut brauchen können.

FAZIT: Überflüssig wie ein Kropf.


21 – O.M.A.C.
von Dan DiDio und Keith Giffen

o PRO: Co-Autor und Zeichner Keith Giffen ist schnell, zuverlässig und bei allen in der Branche als Mensch und Profi höchst beliebt.

o KONTRA: Co-Autor Dan DiDio konnte für seine gelegentliche Arbeit als Autor bisher hauptsächlich Prügel einstecken und darf wohl vor allem darum weiter für den Verlag schreiben, weil er selber einer der Herausgeber ist.

FAZIT: Bestenfalls ein Ventil für Giffen, sich ein bißchen auszutoben. Wenn man erst mal wegbleibt und abwartet, macht man wahrscheinlich nix verkehrt.


22 – BLACKHAWKS
von Mike Costa und Ken Lashley

o PRO: Es ist offenbar kein Superheldencomic, denn die Serie dreht sich um eine Elite-Militäreinheit. Im DC- und Marvel-Fachjargon wird sowas gern als „Vielfalt“ ausgelegt.

o KONTRA: Autor Mike Costas Name ist bisher fast ausschließlich im Zusammenhang mit Transformers- und G.I.-Joe-Comics gefallen, was nicht gerade für einen hohen Anspruch spricht. Zeichner Ken Lashley ist zwar ein alter Hase, kann aber nicht wirklich mit einem eigenständigen Stil aufwarten.

FAZIT: Riecht nach eher durchschnittlicher Sci-Fi-Action, die man sich getrost schenken kann.


23 – MEN OF WAR
von Ivan Brandon und Tom Derenick

o PRO: Autor Ivan Brandon gilt als Nachwuchshoffnung und konnte unter anderem mit der Image-Reihe Viking auf sich aufmerksam machen.

o KONTRA: Bei Zeichner Tom Derenick handelt es sich – wie bei so vielen Künstlern, die am DC-Neustart beteiligt sind – um einen erfahrenen und handwerklich kompetenten Mann, der rein stilistisch bisher aber keinen hinterm Ofen vorlocken konnte. Davon abgesehen klingt auch das Konzept der Serie nicht unbedingt überzeugend: Warum müssen Sgt. Rock und seine Truppe hier ausgerechnet gegen Superschurken zu Felde ziehen?

FAZIT: Altmodisch gezeichneter Kriegscomic mit übermenschlichen Bösewichten. Das ist weder Fisch noch Fleisch.


24 – ALL-STAR WESTERN
von Justin Gray, Jimmy Palmiotti und Moritat

o PRO: Ein recht unverblümter Neustart der beliebten Westernserie Jonah Hex, vom bekannten Autorenteam Gray & Palmiotti.

o KONTRA: Ein recht unverblümter Neustart der beliebten Westernserie Jonah Hex, vom bekannten Autorenteam Gray & Palmiotti.

FAZIT: Wer Jonah Hex liest, kann auch hier bedenkenlos zugreifen. Für alle anderen: Reißerische und sonst eher schlichte Macho-Western-Action mit guten und bisweilen überragenden Zeichnungen, wenn Darwyn Cooke oder J.H. Williams III mal einspringen.


Hier geht’s zu Teil 1Teil 3 und Teil 4 der Blog-Serie.

52, heb auf: Was taugen die neuen DC-Serien? (Teil 1)

Teil 1 von 4: In August und September wird der DC-Verlag sein Superhelden-Universum in 52 fortlaufenden Serien neustarten. Das COMICGATE-Büro für nordamerikanische Angelegenheiten hat sich die geplanten Titel mal genau angeschaut.

52, heb auf 1
01 – JUSTICE LEAGUE
von Geoff Johns und Jim Lee

o PRO: Das neue Flaggschiff des DC-Universums verspricht, die JLA nach Jahren der Vernachlässigung wieder ins Scheinwerferlicht zu rücken. Geoff Johns ist der derzeit hochdotierteste Autor der Superheldenbranche, Jim Lee der kommerziell erfolgreichste Zeichner. Zudem stiegen beide kürzlich in die Chefetage von DC auf. Die Verkaufszahlen werden also astronomisch sein, und es wird den Machern niemand reinreden. Die Zeichen stehen auf Sturm.

o KONTRA: Die Herren Johns und Lee sind erfolgreich, weil sie es wie kein anderer in ihrem jeweiligen Metier verstehen, die feuchtesten Träume der Hardcore-Fans zu bedienen: billige Schockeffekte, scharfe Kurven und das wohlige Bewusstsein, dass früher alles besser war. Für den Rest der Welt ist das allerdings weniger interessant. Außerdem: Jim Lee? Mit einer monatlichen Serie? Wer’s glaubt, wird selig.

FAZIT: Wer wissen will, was demnächst im DC-Universum abgeht, kommt hier nicht vorbei. Alle anderen schon.


alt02 – JUSTICE LEAGUE INTERNATIONAL
von Dan Jurgens und Aaron Lopresti

o PRO: Die Macher sind kompetente Routiniers, die solide Hausmannskost abliefern werden.

o KONTRA: Die Macher sind kompetente Routiniers, die solide Hausmannskost abliefern werden.

FAZIT: Nur was für Nostalgiker, die ihre Heftchen aus den ’80ern und ’90ern alle schon auswendig können.


03 – AQUAMAN
von Geoff Johns und Ivan Reis

o PRO: Aquaman ist wieder da, und zwar von dem Team von Blackest Night!

o KONTRA: Aquaman? Im Ernst?! Außerdem war schon Blackest Night die reinste Fetisch-Sause für jung gebliebene Ü50-Fans.

FAZIT: Der geneigte Leser wird mittlerweile wissen, ob er Geoff Johns mag. Wer das noch nicht weiß, sollte lieber gleich einen großen Bogen um die Serie machen.


04 – WONDER WOMAN
von Brian Azzarello und Cliff Chiang

o PRO: Ein verdammt ungewöhnliches, unerwartetes Team für diese Serie. Azzarello und Chiang konnten in den letzten zehn Jahren nicht nur getrennt, sondern auch zusammen schon einige Lorbeeren sammeln: Ihr Einzelband Doctor 13: Architecture & Mortality von 2007, der das DC-Universum aus einem ganz besonderen Blickwinkel erforscht, ist wärmstens zu empfehlen.

o KONTRA: Wonder Woman? Im Ernst?! Seit Jahren versucht DC mit zunehmender Verzweiflung, die Figur auf eine Ebene mit Superman und Batman zu hieven und ihr neue Relevanz zu verleihen. Stattdessen wird sie immer blasser und austauschbarer, ihr Hintergrund immer verworrener. Allein in den letzten fünf Jahren sind die Top-Autoren J. Michael Straczynski, Gail Simone, Jodi Picoult und Allan Heinberg der Reihe nach an der Serie gescheitert.

FAZIT: Kaufempfehlung! Schon allein deshalb, weil „Brian Azzarello“ und „Wonder Woman“ im Kopf nur schwer zusammengehen. Das Ergebnis dieser Kombination sollte interessant werden, selbst wenn’s in die Hose geht.


05 – THE FLASH
von Francis Manapul und Brian Buccellato

o PRO: Der Zeichenstil Francis Manapuls ist dynamisch, hat viel Lob eingeheimst und passt gut zum roten Flitzer.

o KONTRA: Die Herren Manapul und Buccellato arbeiten schon seit einem Jahr an The Flash – als Zeichner, respektive Kolorist. Jetzt sollen die zwei plötzlich als Co-Autoren fungieren. Und auch für den Flash wird das, über die letzten fünf Jahre betrachtet, der fünfte Neustart und der sechste Autorenwechsel sein. Da ist Skepsis angebracht. 

FAZIT: Wahrscheinlich wird die Sache eher verzichtbar, wenn man nicht gerade Hardcore-Fan ist. Aber man hat ja schon Pferde kotzen sehen.



06 – CAPTAIN ATOM

von J.T. Krul und Freddie Williams II

o PRO: Autor J.T. Krul konnte die Verkaufszahlen der Green Arrow-Serie letztes Jahr verdoppeln, scheint also irgendeinen Nerv getroffen zu haben. Und Freddie Williams‘ Zeichnungen sind schick und stylisch.

o KONTRA: Autor J.T. Krul hat mit Justice League: The Rise of Arsenal nach Meinung vieler Kritiker einen der absolut miesesten US-Comics des letzten Jahres verfasst. Wieso man zu dieser Meinung gelangen kann, hat zum Beispiel Chris Sims für die Website Comics Alliance erläutert. Und: Captain Atom? Im Ernst?!

FAZIT: Könnte bestenfalls so spektakulär schlecht werden, dass es schon wieder unterhaltsam ist.


07 – THE FURY OF FIRESTORM
von Ethan Van Sciver, Gail Simone und Yildiray Cinar

o PRO: Autorin Gail Simone hat in der Vergangenheit meistens zumindest solide Arbeit abgeliefert, oft auch wirklich gute.

o KONTRA: Autorin Gail Simone ist hier Co-Autorin. Der andere Co-Autor heißt Ethan Van Sciver und ist normalerweise eigentlich kein Autor, sondern ein Zeichner, der sich öffentlich gern als passionierter Waffennarr outet. Und: Firestorm? Im Ernst?!

FAZIT: Wer weiß, vielleicht macht’s ja die Mischung… Aber lieber nicht.


08 – GREEN ARROW
von J.T. Krul und Dan Jurgens

o PRO: siehe Captain Atom.

o KONTRA: siehe Captain Atom.

FAZIT: siehe Captain Atom.


09 – THE SAVAGE HAWKMAN
von Tony Daniel und Philip Tan

o PRO: Tony Daniel, in erster Linie als Zeichner bekannt, ist in seiner jüngeren Karriere als Autor noch nicht negativ aufgefallen.

o KONTRA: Tony Daniel, in erster Linie als Zeichner bekannt, ist in seiner jüngeren Karriere als Autor noch nicht positiv aufgefallen. Philip Tan ist in seiner Karriere als Zeichner durchaus schon negativ aufgefallen. Und: Hawkman? Im Ernst?!

FAZIT: Next, please.


10 – MISTER TERRIFIC
von Eric Wallace und Roger Robinson

o PRO: Die vorliegende, von John Ostrander und Tom Mandrake geschaffene Version von Mister Terrific hat zwar auch schon 14 Jahre auf dem Buckel, ist aber im Vergleich zu anderen Figuren ein relativ unverbrauchtes Gesicht.

o KONTRA: Zeichner Roger Robinson ist zwar schon seit gut 15 Jahren im Geschäft, bisher aber noch nicht unbedingt mit einem besonders markanten Stil aufgefallen. Und Autor Eric Wallace hat mit Titans: Villains for Hire nach Meinung vieler Kritiker einen der absolut miesesten US-Comics des letzten Jahres verfasst. Wieso man zu dieser Meinung gelangen kann, hat zum Beispiel Chris Sims für die Website Comics Alliance erläutert.

FAZIT: Finger weg. Wenn’s wider Erwarten doch ein guter Comic werden sollte, kann man immer noch den Sammelband kaufen.


11 – DC UNIVERSE PRESENTS
von Paul Jenkins und Bernard Chang

o PRO: Mit der sechsten Ausgabe soll ein neues Kreativteam die Serie übernehmen, die sich dann um eine andere Figur als Deadman drehen wird.

o KONTRA: Die ersten fünf Hefte lang wird Paul Jenkins, der früher mal gut war, die Serie schreiben, und Bernard Chang, der früher auch nicht viel besser war als heute, wird sie zeichnen. Und: Deadman? Im Ernst?!

FAZIT: Ein andermal vielleicht.


Hier geht’s zu Teil 2, Teil 3 und Teil 4 der Blog-Serie.

Jessica Blandy 2

Cover Jessica Blandy 2Als 1992 mit „Enola Gay“ das erste Jessica Blandy-Album in Deutschland erschien, war nach diesem einen Band auch gleich wieder Schluss. Nun unternimmt der Verlag Schreiber & Leser einen zweiten Anlauf, diesen Klassiker des franko-belgischen Comics in einer kompakten Ausgabe herauszubringen. Dabei sammelt jeder Band drei einzelne Alben der Serie. Im nun vorliegenden zweiten Band der Werkausgabe sind die Stories „Blue Nights“, „El Zamuro“ und „The Girl from Ipanema“ enthalten.

Jean Dufaux ist ja ein wahrer Tausendsassa im Comicbereich. Er textete Comics aus so gut wie jedem Genre. Von Funny über Fantasy, Horror, Historienstoffe, Seefahrer, Erotik und Spionage kann er einfach alles. Eine seiner prägendsten Serien aber war Jessica Blandy, deren erster Band 1987 in Frankreich erschien und mit dem der franko-belgische Comic nach Ansicht mancher erwachsen wurde. Es wurden nicht mehr nur unterhaltsame Stories geliefert, diese wurden fortan auch mit Gesellschaftskritik verbunden. Und damit steht die Serie ganz in der Tradition des amerikanischen Kriminalromans.

Ein deutlicher Hinweis darauf findet sich schon in der ungewöhnlichen Heldin. Sie sucht nicht das Abenteuer und ist auch keine Kriminelle, Polizistin, Agentin oder Detektivin, sondern eine Schriftstellerin, die unfreiwillig in ihre Abenteuer verstrickt wird. Und sie kommt nicht ohne Blessuren davon. Zu Beginn von „Blue Nights“ muss sie ihre Wunden lecken, betrinkt sich besinnungslos und versucht, sich mit Sex von den schlimmen Erfahrungen (aus dem ersten Band) abzulenken. Auch später wird sie nicht ungeschont davonkommen. Das einzige, was sie teilweise vorantreibt, ist der Wille, ihre Haut zu retten. Und dafür ist ihr jedes Mittel recht. Auch Sex, freiwillig oder unfreiwillig. Dabei vermeiden Dufaux und Renaud jeden Voyeurismus à la Serpieri (Druuna), sondern verstehen es, mit Andeutungen und Soundwörtern das Grauen deutlich zu machen. In punkto (nichtsexueller) Gewalt ist der Comic sehr viel expliziter.

Seite aus Jessica Blandy 2Aber Dufaux erzählt keine Actionabenteuer, sondern legt viel Wert auf Atmosphäre und Spannung. In „Blue Nights“ etwa weiß Blandy gar nicht, dass sie in einen Kriminalfall verstrickt ist. Nur der Leser weiß durch die Parallelhandlung etwas mehr. Und genau das schafft die Spannung: Man fiebert mit einer Heldin, die keine Ahnung hat, was um sie herum vorgeht.

Die gesamte Serie ist auch eine Reise durch die USA, sowohl in popkultureller als auch geographischer Hinsicht. In „Blue Nights“ spielt nicht nur der Jazz eine tragende Rolle, es gibt auch Querverweise zu Psycho von Alfred Hitchcock. Dass die Handlungsorte ständig wechseln, wurde schon im ersten Band deutlich. Hier spielt die Geschichte erst in New York und dann an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Damit schaffen Dufaux und Renaud eine Reise durch die Vereinigten Staaten – aber nicht um des bloßen Kolorits willen, sondern weil beispielsweise eine Handlung wie in „El Zamuro“ auch von der Umgebung, in der sie spielt, mitbestimmt wird.

Die detailreichen, realistischen, manchmal etwas glatten Zeichnungen kontrastieren total mit der düsteren Handlung. Ein schöner Schein, unter dem das Böse steckt. Jeder ist käuflich und alles ist verrottet, voller Verrat, Verdorbenheit und Gewalt. Dies ist so intensiv und schockierend geschildert, dass es den Leser nicht kalt lässt. Das gilt insbesondere für die große Storyline an der mexikanischen Grenze, die von „El Zamuro“ und „The Girl from Ipanema“ gebildet wird. Hier wird auch der Charakter von Jessica Blandy deutlicher als in „Blue Nights“ (in dem sie nur betrunken ist): Sie will nur ihre Ruhe, wird aber in Machenschaften verwickelt, die ihren Gerechtigkeitssinn wecken. Gegen Ende handelt sie nicht aus Gewinnstreben, sondern will nur noch Rache.

Die sehr realistische Härte und Charakterisierungen ergeben zusammen mit den gelungenen Zeichnungen eine der besten Krimiserien überhaupt. Man kann nur hoffen, dass Schreiber & Leser alle 24 Alben auf Deutsch herausbringen kann und diese das verdiente Publikum finden.

 

Wertung: 10 von 10 Punkten 

Einer der großen Krimiklassiker des franko-belgischen Comics, der mit krassem Realismus und Gesellschaftskritik vollkommen überzeugt.


Jessica Blandy 2 – Blue Nights/El Zamuro/The girl from Ipanema
Schreiber & Leser, April 2011
Text: Jean Dufaux
Zeichnungen: Renaud
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,0 Euro
ISBN: 978-3-941239-59-3
Leseprobe

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Abbildungen: ©  der dt. Ausgabe Schreiber & Leser